{unbezahlte Werbung}

Minna Rytisalo

Lempi, das heißt Liebe

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

·         Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

           ISBN-13: 978-3446260047

·         Originaltitel: LEMPI

 

  

Roman mit emotionaler Wucht

 

 

Um den geschichtlichen Hintergrund des Buches besser einordnen zu können, ist es meiner Meinung nach sehr empfehlenswert, vor Lektüre des Romans zuerst das sehr informative Nachwort der Übersetzerin zu lesen. Es half mir, das besondere Verhältnis zwischen Finnen und Deutschen während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg  und damit die erzählten Geschehnisse besser einordnen zu können.

  

Viljami, ein junger Bauernsohn, verliebt sich in Lempi, die beschützte und gebildete Tochter eines Ladenbesitzers aus einer kleinen Stadt im finnischen Lappland. Nach einer überstürzten Heirat zieht Lempi, die keinerlei Ahnung hat vom Landleben und der harten Arbeit dort, auf den Hof zu Viljami. Ihr zur Seite gestellt wird als Hilfe Elli, die Magd, die tief in ihrem Innersten am liebsten an Lempis Stelle wäre. Nach wenigen Monaten gemeinsamen Glücks wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Als er zurückkehrt, seelisch gebrochen, ist Lempi verschwunden.

 

Der Roman kommt ganz schlicht daher. Und hat doch eine Wucht, die schwer zu beschreiben ist. Die Autorin hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden, uns Lempi näher zu bringen, wobei sie uns am Ende des Romans sogar noch ferner ist als zu Beginn des Buches. Aus drei verschiedenen Perspektiven werden uns Lempi und ihr Leben geschildert. Zunächst erzählt Viljami mit den Augen einer tiefen Liebe. Er ist vom ersten Augenblick an Lempi verfallen, und mit ihr zu leben ist sein größtes Glück, ja sein Lebensinhalt. Intensiv und ergreifend wird die kurze Zeit des Glücks und die ewig während scheinende Zeit des Verlusts geschildert. Lempi wird auf eine durch Liebe verklärende Weise schier engelsgleich nahegebracht. Dann erfolgt die Erzählung aus der Sicht von Elli, der Magd. Hier begegnet dem Leser mit schmerzender Gewalt die Kraft des Hasses, der Eifersucht, des Neids. Lempi erscheint uns in diesem Erzählstrang als untaugliche, unnütze, eitle und ihres Glücks nicht würdige Frau. Zuletzt kommt noch Sisko, die Schwester, zu Wort. Wir erfahren viel über das enge Verhältnis der Schwestern vor der Hochzeit Lempis, von ihren gemeinsamen Zukunftsträumen. Lempi wirkt hier in ihrem unabhängigen Denken, in ihren Gesten wie eine mutige Leitfigur, der es gilt nachzustreben.

  

 Das alles ist Lempi und vielleicht doch nichts wirklich von alldem. Sie selbst kommt nicht zu Wort. Selten wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie Meinungsbildung funktioniert und zu welchen Irrtümern oder eingeschränkten Sichtweisen subjektive Wahrnehmung führt.  Der eindrückliche Roman ist verpackt in schlichten Sätzen, und doch lyrisch-poetisch, schmerzend schön, hart und weich zugleich, mit emotionaler Wucht packend und lange nachwirkend. Absolut lesenswert!

 

{unbezahlte Werbung}

Jess Kidd

Heilige und andere Tote

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 382 Seiten

·         Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

·         ISBN-13: 978-3832198909

·         Originaltitel: The Hoarder

 

Überbordende Bilderwelt

  

 

Die Autorin war mir bislang unbekannt. Umso überraschter war ich bereits nach den ersten Seiten von der immensen Kraft ihres Schreibstils, ihrer Beschreibungen, von den eindringlichen Wortbildern, die sich im Kopf auftun wie eine Dia-Show: Klick, klick, klick – Bild für Bild entstand vor meinem inneren Auge. Immer mehr Bilder. Immer mehr. Und noch mehr. Nach einer Weile musste ich aufpassen, die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren. Schnell-Lesen wäre eine Beleidigung für dieses Buch! 

 

Der Verlag beschreibt den Inhalt so perfekt, wie ich es gar nicht könnte: „Seit dem Tod seiner Frau und den ewigen Streitereien mit seinem Sohn vertreibt Cathal Flood jeden, der sich ihm nähern will. Einst Antiquitäten- und Kuriositätenhändler ist er längst zum Messie verkommen. Sein Sohn hofft, ihn auf Dauer in ein Altenheim verfrachten zu können. Die Neueste in der Riege erfolgloser und unterbezahlter Sozialbetreuer, die Cathal zur Räson bringen soll, ist Maud Drennan. Unter den wüsten Beschimpfungen des Alten zieht sie beherzt gegen Dreck und Müll zu Felde. Doch trotz aller Unerschrockenheit ist ihr Bridlemere unheimlich. Überall im Haus scheinen verschlüsselte Botschaften zu warten. Wie das Foto von zwei Kindern, auf dem das Gesicht des Mädchens ausgebrannt ist. Hat Flood eine Tochter? Wieso weiß niemand von ihr? Und warum hasst er seinen Sohn so sehr? Auch der Tod seiner Frau löst Fragen über Fragen aus. Maud würde am liebsten alle erdrückenden Hinweise ignorieren. Doch ihre leicht bizarre Vermieterin Renata, die für ihr Leben gern Detektiv spielt, und eine Horde marodierender Heiliger, die nur Maud sehen kann, wittern längst ein Verbrechen.“ 

 

In der schier grenzenlosen Fülle an Ideen und Bildern war mir die Sozialarbeiterin Maud Drennan in ihrer zupackenden Art eine gute Leitfigur. Immer wenn ich mich in den Skurrilitäten verlor, konnte ich mich neu an Maud orientieren, kehrte mit ihrer Hilfe zur Handlung zurück, bis ich mich wieder neu in den Rausch der Bilder verlor, verführt von einer grandiosen Autorin, die eine Horde seltsamer Heiliger in die Handlung einschleppt, die nur von Maud gesehen werden,  oftmals arg schlecht gelaunt sind, aber letztlich doch hilfreich wirken. Aber ganz ehrlich: Die Handlung war mir nicht wichtig. Ich habe mich durcheinander wirbeln lassen von der grenzenlosen Fantasie der Autorin, die vor nichts halt macht, die mit Grausigem genauso spielt wie mit Mystischem, mit Kuriosem ebenso wie mit poetischen Momenten, mit Metaphern und feinsinnigem Humor. Während ich das Buch las, fühlte ich mich wie unter Wasser, von Satz zu Satz mich treiben lassend, schwerelos… Anrührend, komisch, wunderschön!

 

 {unbezahlte Werbung}

 Anthony Ryan

 Das Heer des weißen Drachen

 

 

          Gebundene Ausgabe: 699 Seiten

          Verlag: Klett-Cotta

          ISBN-13: 978-3608949759

      Originaltitel: The Legion of Flame

 

  

Für mich zu verwirrend

 

  

Zwar ist Fantasy nicht mein bevorzugtes Genre, aber weil mich die Leseprobe zu diesem Buch so fasziniert hatte, wollte ich es unbedingt lesen. Was ich nicht bedacht hatte: Es handelt sich um den zweiten Band zu Draconis Memoria. Band 1 kenne ich nicht. Und hierin mag der Grund für meine Schwierigkeiten mit diesem Buch liegen. Trotz der geschickten Einführung bzw. Rückblick auf den ersten Buchseiten hatte ich erhebliche Mühe, der Geschichte wirklich zu folgen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sich ständig neue Wissenslücken auftun und ich mich nicht auskenne. Weiter erschwerend kam für mich hinzu die Angewohnheit des Autors, die Kapitel unvollständig zu beenden und erst viele Seiten später fortzusetzen. Diese Cliffhanger und die fehlenden Vorkenntnisse haben mir das Lesen des Buches ziemlich verleidet.

  

Da ich nicht sicher bin, ob ich den Inhalt mit eigenen Worten richtig wiedergeben würde, nutze ich ausnahmsweise den Klappentext: Jahrhundertelang baute das gewaltige Eisenboot- Handelssyndikat auf Drachenblut – und die außergewöhnlichen Kräfte, die es verleiht. Als die Drachenblutlinien versiegen und Kundschafter ausgesandt werden, um neue Quellen zu entdecken, kommt ein verheerendes Szenario in Gang.
Claydon Torcreek ist einer der Überlebenden der gefahrvollen Reise durch das unerforschte Hinterland des Corvantinischen Reiches. Statt der neuen Blutquellen, die die Zukunft seines Volkes hätten sichern können, entdeckt er jedoch einen Albtraum. Der legendäre Weiße Drache ist aus seinem Jahrtausende währenden Schlaf erwacht und giert danach, die Welt der Menschen in Schutt und Asche zu legen. Und noch schlimmer: Er befehligt eine Armee aus Verderbten, die ihm hörig sind.“

 

Eigentlich eine tolle Story, die das Zeug dazu hätte, den Leser mitzureißen. Mich konnte sie leider nicht erreichen. Ich war zu oft verwirrt, wusste nicht, wo ich mich in der Geschichte befand, es fehlten mir Orientierungspunkte, auch emotionale Anknüpfungspunkte. Zu viele Handelnde, zwar immer wieder spannende Episoden, die mich aber nach einer Weile wieder im Unklaren entließen. Für Fantasy-Liebhaber, die es gewohnt sind, in erdachten Universen zu reisen, mag dies alles kein Problem sein. Für mich jedoch war dieses Buch letztendlich wieder eine Bestätigung, dass Fantasy nicht mein Genre ist. Was letztlich nicht der sicher vorhandenen Qualität des Buches angelastet werden darf.

 

{unbezahlte Werbung} 

Eva Meijer

Das Vogelhaus

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442757947

·         Originaltitel: Het Vogelhuis

 

 

Ein behutsames Buch

 

 

„Das Vogelhaus“ hat es mir angetan. Es ist zwar ein Roman, aber doch kein richtiger. Es ist eine Biographie, aber auch keine richtige. Und es ist ein Vogelkundebuch, aber auch das kein richtiges. Und genau deshalb, weil das Buch vieles ist, sich nicht festlegen lässt, mag ich es sehr. Immer ist es kurzweilig, man liest und liest, man lässt sich von den Geschichten wegtragen, genießt die teilweise so poetisch schöne Sprache, die nicht viele Worte machen muss, um Kopfbilder zu erzeugen, und wenn man das Buch schließt, ist man völlig unbemerkt und ungewollt zum Vogelbeobachter geworden, mit größter Achtung vor der Natur.

 

Der Autorin ist es gelungen, uns das Leben und Forschen der vergessenen Vogelkundlerin Len Howard (1894-1973) auf eine ganz spezielle, wunderbar kurzweilige Weise näherzubringen. Von Kindesbeinen an hatte Len eine besondere Affinität zur Natur, insbesondere zu Vögeln, aber auch schon sehr früh in ihrem Leben zeigte sich, dass sie sich mehr zur Natur hingezogen fühlte als zu ihren Mitmenschen. Sie lebte als erfolgreiche Geigerin in London, ihre Freizeit jedoch gehörte ausschließlich der Beobachtung und Deutung von Verhalten und Gesang von Vögeln. Der Wunsch, sich ganz diesem Hobby zu widmen, führte schließlich dazu, dass sie sich in ein Cottage weitab von der lauten Großstadt zurückzog und die nächsten 40 Jahre sozusagen in Extremform in Wohngemeinschaft mit Vögeln verbrachte. Über ihre Beobachtungen und Erkenntnisse schrieb sie Bücher und Geschichten. Tragisch zu hören, dass ihr Vermächtnis, ihr Haus dem Sussex Naturalists‘ Trust als Auffangstation zu vermachen, ignoriert wurde, das Cottage teuer verkauft und die Bäume des Gartens abgeholzt wurden. 

 

Die Mischung zwischen fiktiven und überlieferten biographischen Szenen aus dem Leben der Vogelforscherin und eingestreuten Geschichten über Sternchen, einer ganz besonderen Kohlmeise, macht das Geheimnis des Buches aus. Auf ganz unspektakuläre Weise gewinnen wir einen Einblick in das Fühlen und Denken eines Menschen, der völlig aufging in seiner wahren Berufung. Die Autorin konnte auf großartige Weise die Faszination des genauen Hinschauens vermitteln einschließlich der Entbehrungen, die die Besessenheit für eine Sache mit sich bringt. Dass ein Mensch, der auf solch intensive Weise mit scheuen Wesen zusammenlebt, zum menschenfeindlichen Einsiedler wird, lässt Eva Meijer völlig wertfrei im Raum stehen. Den eigenen Weg zu gehen mit allen Konsequenzen als eine Möglichkeit, das Leben zu gestalten, das vermittelt Eva Meijer in wunderbarer Weise, so leise und behutsam, wie es die Annäherung an Vögel erfordert.

 

{unbezahlte Werbung}

Tatjana Kruse

Meerjungfrauen morden besser

 

 ·         Taschenbuch: 314 Seiten

 ·         Verlag: Insel Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3458363552

  

 

In Humortinte getauchte Ideenfeder

 

Wichtige Empfehlung vorab: Wenn Sie im Großraumabteil eines Zuges sitzen oder im Wartezimmer eines Arztes und Ihnen ist langweilig, nehmen Sie bitte keinesfalls das Buch „Meerjungfrauen morden besser“ zur Hand! Bitte nicht! Zwar beginnen Sie erst einmal mit gebührendem Ernst das Lesen, aber bereits nach Konsumieren der achten Zeile auf der ersten Seite fangen Sie zu prusten an. „Statt zu bluten, bröselte er (der Kopf).“  Und ich schwöre Ihnen, Sie hören nicht mehr auf zu giggeln, zu lachen, verstohlen oder herzhaft laut, zu grinsen, und das alles durcheinander. Die Mitreisenden oder Mitwartenden werden Sie ansehen, als hätten Sie eine besonders schlimme, sicher nicht heilbare Erkrankung, es treffen Sie Blicke zwischen Mitleid und Abscheu, sogar Kopfschütteln ist möglich. Also lesen Sie dieses Buch nur diskret in abgeschlossenen Räumen – zu Ihrer eigenen Sicherheit!

 

Die K&K-Schwestern Konny und Kriemhild durfte ich bereits in einem früheren Buch kennenlernen. Schon da hatte ich Lachmuskel-Muskelkater davongetragen. Bei den neuen Erlebnissen der beiden erging es mir ähnlich, vielleicht ein ganz klein bisschen weniger schlimm, schon wegen der Vertrautheit mit den Protagonisten, aber auch, weil die Geschehnisse in diesem Buch mitunter ein wenig über das Ziel hinausschießen. Die Pension der beiden Schwestern wird verwüstet und die drei Täter verlangen, dass ihnen die Millionen ausgehändigt werden, die der längst verstorbene Kommodore, der verblichene Gatte von Kriemhild und ehemaliger Kapitän, ihnen vermeintlich schuldet. Da die Pension nicht mehr zu bewohnen ist und die Wahrheit gesucht werden will, reisen Konny und Kriemhild samt dem Nacktkater Amenhotep nach Hamburg und lernen dort ungeahnte Seiten des Lebens kennen…

 

Doch lassen wir die Handlung außen vor. Lieber möchte ich die Autorin rühmen. Sie spielt in genialer Weise mit der Sprache, beobachtet dabei genau und entlarvend hinter all dem durchaus spannenden Unsinn, den sie uns da erzählt. Da „ganzkörperzitterte“ es oder es „scherbelte“, einfach nur wunderbar!  Und welche Frau kennt ihn nicht, den Unter-Busen-Schweiß? Dass der Sphinxkater Amenhotep mangels Fellbehaarung einen Babystrampler mit Harley-Davidson-Logo trägt, wundert den Leser da schon gar nicht mehr. Ich sehe stets die Autorin an ihrem Schreibtisch sitzen und mit unbandigem Spaß mit all ihren wunderbaren, abstrusen, schrägen und urkomischen Ideen spielen. Und nur sie konnte die Grabinschrift auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise in der ihr eigenen Weise wiedergeben: „Mir ist jetzt schon langweilig, und das soll bis zum Jüngsten Tag so weitergehen?“

 

Mit Tatjana Kruse im Gepäck wird es jedenfalls niemandem langweilig, schon gar nicht den Lachmuskeln…

 

 {Unbezahlte Werbung}

 Jessie Burton

 Das Geheimnis der Muse

 

 

 ·         Broschiert: 461 Seiten

 ·         Verlag: Insel Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3458363293

 ·         Originaltitel: The Muse

  

Ein Buch wie ein opulentes Gemälde

 

 

Zwei Handlungsstränge fangen den Leser sofort ein. In den sechziger Jahren kommt die junge farbige Odelle Bastien aus Trinidad nach London in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Während sie erst einmal trotz Hochschulstudium als Schuhverkäuferin ihre Tage fristet, träumt sie davon, Schriftstellerin zu werden. Als sie einen Job in der renommierten Kunstgalerie Skelton ergattert, fühlt sie sich aufgewertet, umso mehr, als Quick, eine leitende Mitarbeiterin, sie unter ihre Fittiche nimmt und ihr Schreibtalent fördert. Als ein seit dem Spanischen Bürgerkrieg verschollenes Gemälde auftaucht, wird Odelle’s Leben zunehmend auf den Kopf gestellt…

 

Im zweiten Handlungsstrang befinden wir uns 30 Jahre früher im heißen Andalusien, wohin sich die Familie Schloss vor den politischen Wirren in Wien geflüchtet hatte. Olive, die 19-jährige Tochter, ist eine überaus begabte junge Malerin, die sich jedoch von ihrem Talent nichts verspricht, denn „nur Männer können Kunst erschaffen“.  Ihr Vater, ein bekannter Wiener Galerist, weiß nichts von den künstlerischen Ambitionen seiner Tochter. Olive begegnet dem Revolutionär Isaac Robles. Auch er malt…

 

Odelle berichtet in Ich-Form aus ihrem Leben und kommt damit dem Leser schnell sehr nahe. Sie erlebt zwar Diskriminierung, arbeitet weit unter ihrem Niveau, aber sie klagt nicht, sondern gibt das Streben auf Verwirklichung ihres Lebenstraumes nicht auf. Mit wachem Herzen und offenen Augen, immer aber auch mit einer gewissen inneren Distanz, beobachtet Odelle ihre Umwelt, ihre Mitmenschen, sehr genau und wir, die Leser, mit ihr. Eine immanente Spannung baut sich auf, weil man sehr schnell versucht, eine erklärbare Brücke zwischen 1936 und 1967 zu spannen.

 

Die Sequenzen in Andalusien werden von einem neutralen Beobachter erzählt, dennoch rücken sie nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, dadurch in Distanz zum Leser. Im Gegenteil, für mich waren die Erzählstränge rund um Olive sehr intensiv in ihrer Wirkung, gerade durch das schwülheiße Klima, das mit schwülheißen Begierden korrespondiert und meisterhaft geschildert wird.

 

Durch die jeweils relativ langen Zeitsequenzen verlor ich mich beim Lesen völlig in die Schilderungen der Geschehnisse von jeweils 1967 und 1936 und musste, besonders wenn ich das Lesen vorher unterbrochen hatte, erst wieder den Anschluss finden, was mir aber dank des großartig-eindringlichen Schreibstils der Autorin zügig gelang.

 

Mich hat tief beeindruckt, wie Jessie Burton es versteht, mit Worten zu malen, wie sie den Aufruhr von Farben und Formen in Worte fassen kann. Allein schon ihre Bildbeschreibungen sind so intensiv und aussagekräftig, dass man meint, das Bild vor Augen zu haben. Das Buch selbst ist wie ein Gemälde, und die erzählten Szenen sind weitere Gemälde, teils leichte Skizzen, teils Farbexplosionen, teils aquarellfeine Momentaufnahmen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, Raum um Raum einer Gemäldegalerie zu durchwandern und von Gefühlsfarben geradezu berauscht zu werden. Ich sah oftmals die Protagonisten wie im Bild festgehalten, als Stillstand im Durchleben von Gefühlsmomenten, Stimmungen und unausgesprochenen Gedanken. Zum Ende hin wird die Geschichte rund um Odile zur griechischen Tragödie, zum unausweichlichen Schicksal, und das Leben von Odelle verknüpft sich in dramatischer und atmosphärisch dichter Weise mit den früheren Ereignissen in Andalusien. Das Buch ist ein wunderbar opulentes Gemälde,  großartig in Wortmalerei gesetzt.

 

{unbezahlte Werbung}

René Freund

Ans Meer

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 144 Seiten

·         Verlag: Deuticke Verlag

·         ISBN-13: 978-3552063631

 

 

Ein feinsinnig-humoriger Roman, der zu Herzen geht

 

 

Anton ist Fahrer eines Linienbusses. Tagaus tagein steigen Dorfbewohner und Schulkinder ein und aus. Anton legt Wert auf anständiges Grüßen seiner Fahrgäste, denn seiner Meinung nach ist sogar an der Himmelspforte ein höfliches Grüß Gott angebracht. Essen ist sein größtes Hobby. Ohne Butterbrezen wäre das Leben in seiner Routine nicht erträglich, umso mehr, wenn man eine Mutter hat, die Mechthild heißt und sich auch so benimmt. Seit einiger Zeit jedoch ist Anton verliebt, und zwar in Doris, eine Nachbarin, obwohl gestern Nacht auf deren Balkon ein fremder Mann hustete. Und dann bereitet der Chef auch noch Antons baldige Entlassung vor. Am Tag darauf steigt die krebskranke Carla in den Bus und fordert vehement, dass sie ein letztes Mal das Meer sehen möchte, jetzt und gleich.  Anton steht vor der Herausforderung seines Lebens: Soll er einmal im Leben abweichen vom Kurs, einmal die Monotonie des Alltags durchbrechen und Mut beweisen?

 

Eine bunte Mischung von Fahrgästen befindet sich im Bus. Neben der krebskranken Carla und ihrer kleinen Tochter, die ganz selbstverständlich mit der Krankheit und den Einschränkungen der Mutter umgeht, sitzt unfreiwillig die demente Frau Prenosil im Bus, die von Eva, der man ihre soziale Ader gar nicht zugetraut hätte, geschickt durch alle Tücken des Tages geführt wird. Aber auch Totti, das Kaninchen, und die Geschwister Helene und Ferdinand werden ungewollt Teil einer Reisegruppe, die um Anton geschart etwas erlebt, was mit Mut zu tun hat, mit dem Wagnis, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen, und mit dem Lernen, Verständnis füreinander in all unserer Unterschiedlichkeit aufzubringen.

 

René Freund hat uns mit einem überaus liebenswerten Kurzroman beglückt, der einem Märchen gleich alles mit sich bringt, was uns zum Nachdenken über das Leben, über das was wichtig ist im Leben, herausfordert. Der Autor versteht es, eine perfekte Mischung aus Märchen, Roadmovie, Unterhaltungsroman und Humoreske zu mixen und dies alles mit einem verhaltenen Schuss Tiefgang zu würzen. Dazu in einer so feinsinnigen Sprache, die in schlichten Sätzen scheinbar harmlos vor sich hin plaudert und durch das Prisma unterschiedlichsten Humors von gemein bis schlitzohrig, von entlarvend bis emotional, immer aber treffsicher, oft eine tiefe Traurigkeit verdeckend, mitten hinein in unser Herz zielt. „Manchmal muss man vielleicht ein bisschen von der Linie abweichen, um das Glück zu finden.“ Wie wahr!

 

{Unbezahlte Werbung}

Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: Ullstein Hardcover

·         ISBN-13: 978-3550050664

 

 

 

Weiterhin bleibe ich ohne Verständnis für ostdeutsches Befinden

 

Dass der Autor erst 23 Jahre alt ist, hat mich überaus erstaunt. Zum einen wegen des Schreibstils, der eine eindringliche Wirkung hat, teilweise geradezu poetisch zu nennen ist. Aber auch wegen einer über allem liegenden Hoffnungslosigkeit im Buch, die man von einem jungen Menschen wie dem Autor nicht erwarten würde. 

 

Wir befinden uns in Sachsen wenige Jahre nach der Wende. Tobias und Philipp sind Brüder, ihre Eltern starten mit einem Hausbau in ein neues Leben. Doch die DDR-Vergangenheit lässt sich nicht leugnen. Sie scheint über das Land einen permanenten Schatten der Perspektivlosigkeit geworfen zu haben, der die Menschen in eine uneingestandene Angst treibt, was nicht zuletzt am Thema Flüchtlinge in Wut umschlägt.

 

Ich konnte mit dem Buch wenig anfangen, auch wenn es gut zu lesen war. In seiner Tristesse war es mir als immer schon im Westen lebend keine Hilfe, auch nur einen Funken Verständnis zu entwickeln für die geschilderten Probleme der Menschen im Osten. Im Gegenteil. Das Buch machte mich zornig. Diese immanent passive Erwartungshaltung, „es“ möge besser werden, irgendwie, irgendwann, irgendwer soll es richten, das bessere Leben, das macht mich zornig. Das Leben selbst in die Hand zu nehmen statt nur Bier zu trinken und herumzuhängen, scheint wohl keine Option zu sein. Und die Schuld sucht man bei anderen, natürlich. Auch das macht mich zornig. Der Autor schildert eine Welt, die lethargisch und stoisch auf dem Elend des Alltags beharrt. Die chronische Grausicht, dieser nicht wegwischbare Grauschleier, der über allem liegt, und diese so unreif wirkende Schuldsuche bei anderen, zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge, wurde mir vom Autor nicht wirklich nachvollziehbar erklärt. Ich weiß nicht, wofür dieses Buch gut sein soll. Höchstens vielleicht als Chronik des Scheiterns, wenn Menschen nicht gelernt haben, selbstverantwortlich zu handeln, sich Ziele zu setzen, Idealen nachzustreben. Verständnis für ostdeutsches Befinden hat mir das Buch jedenfalls nicht gebracht, eher noch mehr Kopfschütteln…

 

{unbezahlte Werbung}

Deb Spera

Alligatoren

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         Sprache: Deutsch

·         Originaltitel: Alligator

 

 

Starkes, großartig erzähltes Südstaaten-Epos

  

Der überaus starke Buchbeginn nimmt sofort gefangen, und dieser Einstieg in seiner Intensität, auch in seiner Grausamkeit und Unabdingbarkeit zeigt, wohin die Geschichte zielt: auf die enorme Stärke von Frauen, wenn sie sich verbünden, egal woher sie kommen, egal welche Vorgeschichte sie mit sich herumschleppen, egal welche Sehnsüchte sie antreibt. Freiheit und Selbstbestimmung als Selbstverständlichkeit des Lebens sind die nicht ausgesprochenen Ziele.

  

Wir befinden uns in den Südstaaten in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und tauchen ein in das Leben von drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Gertrude hat einen brutalen, gewalttätigen Ehemann und vier Töchter, die sie nicht ernähren kann. Oretta ist die schwarze Haushälterin von Annie Coles, hat eine scharfe Beobachtungsgabe und willigt ein, eines der kranken Mädchen von Gertrude zu pflegen. Als dritte Frau lernen wir Annie Coles kennen, Ehefrau des Tabakplantage-Besitzers. Sie führt eine Näherei für Getreidesäcke und will ihr Geschäft mit der Anfertigung von Herrenhemden und Damenbekleidung ausweiten, jedenfalls solange ihr Ehemann ihr dies erlaubt.

  

In wechselnden Kapiteln berichten diese drei Frauen jeweils als Ich-Erzählerin ihre Geschichte, was von der Autorin gekonnt durch unterschiedliche Schreibstile, passend zum Bildungsgrad, ausgedrückt wird. In ruhiger, unaufgeregter Erzählweise wird uns jede der drei Frauen nahe gebracht, und zwar auf eine subtil so eindringliche Weise, dass man als Leser Seite um Seite liest, von einer merkwürdigen, nicht erklärbaren Spannung getragen. Die Schwüle des Klimas in Sumpfnähe, die Beklemmung der Lebensumstände, Rassismus, häusliche Gewalt – viele große Lebens- und gesellschaftskritische Themen werden wohltuend zurückhaltend in die Geschichte eingewoben. Ein detailreich und lebendig ausgearbeitetes Südstaaten-Epos in drei „Variationen“, in drei Perspektiven, großartig erzählt, lange nachwirkend. 

 

 

{unbezahlte Werbung}

Melanie Levensohn

Zwischen uns ein ganzes Leben

 

 

·         Broschiert: 416 Seiten

·         Verlag: FISCHER Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3596702718

 

 

 

Zu leichtfertig und zu konstruiert

 

Was ist dieses Buch? Ein Stück erzählte Zeitgeschichte? Ein Liebesroman? Beides? Oder nichts davon? Ich bin mir sehr unsicher…

  

Die Autorin wurde nach ihren eigenen Angaben angeregt durch die Lebensgeschichte einer entfernten Verwandten, die in Auschwitz ermordet wurde. So erzählt die jüdische Studentin Judith in der Ich-Form ihre Geschichte in Paris von 1940 bis 1943, als sie, in großer Liebe mit Christian verbunden, von ihm vor den Judenverfolgern versteckt wird. In einem zweiten Handlungsstrang lernen wir Béatrice kennen, im Jahr 2006 in Washington lebend, Karrierefrau, teure Designer-Kleidung, in einer unbefriedigenden Beziehung lebend. Sie bekommt Kontakt zu Jacobina, die ihr Leben lang versäumt hat, ein einstens ihrem Vater gegebenes Versprechen einzulösen, nämlich ihre unbekannte Halbschwester zu finden. Béatrice will ihr bei der Suche helfen. So weit so gut.

  

Der Schreibstil des Buches ist sehr ansprechend, leicht lesbar und enthält zahlreiche sehr intensiv nachwirkende Szenen. Die Protagonistin Judith rückt dem Leser nahe, eben aufgrund der in Ich-Form geschilderten Erzählweise. Und natürlich ist das Schicksal einer jungen jüdischen Studentin zur Zeit der Judenverfolgung bewegend. Dennoch gäbe es hier bereits den einen oder anderen Kritikpunkt anzubringen, doch dazu später mehr.

 

Die anderen Akteure des Buches werden aus der Über-Sicht der Autorin geschildert und rücken damit automatisch im Vergleich zu Judith in eine gewisse Distanz zum Leser. Ich halte dieses gewählte Stilmittel zweier unterschiedlicher Erzählperspektiven nicht für sehr glücklich bzw. mir erschließt sich nicht deren Sinn. Von der angelegten Handlung her wären alle Personen in gleicher Weise in den Focus zu rücken gewesen, nicht die eine näher, die anderen ferner.

 

Meine eigentliche und für mich wesentlichste Kritik ist jedoch, dass keine der Personen wirklich psychologisch fundiert dargestellt wird. Judith ist eine Studentin, es ist also von einer intelligenten, interessierten Person auszugehen. Im Buch jedoch wirkt sie naiv, politisch desinteressiert, oberflächlich und – ach – von den Ereignissen der Zeit völlig überrascht.  Sie raucht ohne irgendeine Hemmung in ihrem Versteck, ohne darüber nachzudenken, dass sie damit nicht nur sich, sondern auch ihre Helfer in Gefahr bringt. Sie quält Christian kindlich-unreif und undankbar mit eifersüchtigen Gedanken. Mir fehlt die Ernsthaftigkeit, die immanente Angst jüdischen Lebens und das politische Bewusstsein intelligenter Menschen zu dieser Zeit. Und warum wundert es mich jetzt nicht, dass die Geschichte Judiths weitergeht, wie man es aus den Tagebüchern der Anne Frank kennt? Hätte der Autorin nicht etwas mehr einfallen können als dieser Anne-Frank-Abklatsch?

 

Béatrice ist ein oberflächliches ich-bezogenes Luxusweibchen, hat einen verantwortungsvollen Job, der eigentlich auch Intelligenz voraussetzen würde, erhält bestes Gehalt, lässt sich dennoch quälen sowohl von ihrem Chef und ihrem Freund, benimmt sich wie ein willenloses Opfer und lässt sich mal eben „im Vorübergehen“ auf der Straße durch einen hingeworfenen Satz dazu bringen, am nächsten Tag bereits ehrenamtlich bei einer alten schmuddeligen  Frau in einer schmuddeligen Wohnung ekligen Abwasch zu übernehmen? Und natürlich folgt dann zur Krönung eine Liebesgeschichte, die ebenso unrealistisch erdacht ist wie alles vorherig Erzählte.

  

Ich finde es extrem schade, dass eine eigentlich interessante Geschichte, geschrieben von einer Autorin, die, wie man an einzelnen Szenen erlebt, durchaus lebendig-eindringlich erzählen kann, an allzu viel Konstruiertem und Künstlich-Klischeehaftem kaputt geht und wie die Entsetzlichkeit eines finsteren Kapitels der Zeitgeschichte auf billige Weise für einen Roman benutzt wird, dem es leider, leider an der angemessenen Tiefe fehlt.

 

{unbezahlte Werbung}

Guido Maria Kretschmer

Das rote Kleid

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 256 Seiten

·         Verlag: Goldmann Verlag

·         ISBN-13: 978-3442314898

Hörbuch

gelesen von Guido Maria Kretschmer, Katharina, Anna und Nellie Thalbach

 

 

Bin ruck-zuck zum Stoffling geworden

 

Alle lieben Guido Maria Kretschmer. Wo immer er auftaucht, fliegen ihm die Herzen zu aufgrund seiner sympathischen und respektvollen Art. Und genauso ergeht es auch dem Leser dieses Buches, denn es ist ebenso sympathisch, rundum liebenswert, eben ganz und gar eine Kreation von Guido Maria Kretschmer.

  

Ausnahmsweise bemühe ich den Klappentext zur Inhaltsangabe: Anascha ist ein wunderschönes rotes Kleid aus Seide. Sie hängt an einem Filmset in der Garderobe und wartet gespannt auf ihren Auftritt. Aber Anascha ist noch ein junges Textil, und so ist sie froh, dass sie in guter Gesellschaft ist: Da gibt es Eric, den alten Mantel, der bald ihr engster Vertrauter wird, ein liebenswertes Nachthemdchen, das immer vom Bügel stürzt, oder Lulu, das charmante Revuekleid aus Las Vegas. Nur gut, dass sie alle zusammenhalten wie aus einem Garn genäht, denn bald müssen sie so manche Herausforderung meistern. Und vielleicht gelingt es Anascha am Ende sogar, ihren großen Traum zu erfüllen – ein richtiges Zuhause zu haben und einen Menschen, der sie wirklich liebt, für immer …

 

Mich hat in allererster Linie fasziniert, mit welch ideenreichen Wort- bzw. Satz-Schöpfungen der Autor die Welt „des Textils“ zu schildern versteht. Da schließen sich die müden Knopflöchlein, da muss man dem eingebildeten Dior-Kleid den kalten Saum zeigen und dass Kleider ein Herz aus Fäden haben, versteht sich von selbst. Je länger man mit Anascha, dem roten Kleid, die Zeit verbringt, desto mehr entsteht tatsächlich so etwas wie eine neue Achtung vor Kleidung, man wandelt sich zunehmend zum „Stoffling“.  Wir verstehen plötzlich, dass Kleider geliebt werden möchten, dass sie sich sehnen nach Wärme, nach Bügelwärme, und dass sie ihre Energie ziehen aus unserer Aufmerksamkeit und Pflege.

 

Die Hörbuch-Version ist ein Highlight! Dass Guido Maria Kretschmer so feinfühlig lesen kann, hätte ich nicht erwartet. In der Kombination mit den drei Generationen Thalbach, die gewohnt großartig und sehr differenziert gestalten, gewinnt das Buch noch mehr an eindringlicher Lebendigkeit. Ein ideenreicher, feiner Spaß!

 

Einziger Minuspunkt: Dass die weiße Bluse aus Wuppertal spricht, als sei sie aus Köln, ist leider ein grober Fehlgriff. Wer immer dies zu verantworten hat, sollte zu einem Sprachkurs in Wuppertal verdonnert werden!

 

{unbezahlte Werbung}

Debbie Macomber

Eine Schachtel voller Glück

 

 

·         Taschenbuch: 416 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498060

·         Originaltitel: Twenty Wishes

 

 

Gefühlvolles Lesefutter

 

  

Da bin ich also wieder in der Blossom Street gelandet, zum zweiten Mal schon, mit fast heimatlichen Gefühlen. Wobei mir, dies gleich vorweg angemerkt, dieser Band erheblich besser gefiel als „Der Sommer der Wünsche“. Beim letzten Buch hatte mich meine Leidenschaft für das Stricken in Lydias Wollladen „A Good Yarn“ geführt, dieses Mal führt mich meine Liebe zu Büchern direkt in den Buchladen von Anne Marie Roche.

 

Anne Marie ist, wie mehrere Teilnehmerinnen ihres Lesekreises, Witwe. Zwar hat sie keine finanziellen Sorgen, ihre Buchhandlung läuft gut, aber es fehlt doch etwas Wesentliches in ihrem Leben. Zusammen mit ihren Freundinnen hat Anne Marie die Idee, dass jede von ihnen eine Wunschliste anlegt: zwanzig Dinge, die sie schon längst einmal hätten tun wollen. Und in der Tat – das Nachdenken über die eigenen Wünsche, über Mögliches und Versäumtes, bewirkt bei jeder der Witwen eine Veränderung. Weg vom Selbstmitleid, hin zu neuen Gedanken und Projekten.

  

Debbie Macomber gelingt es auf sehr einfühlsame Art und Weise, eine wichtige Botschaft zu vermitteln. Um einen Weg aus Trauer und Einsamkeit heraus zu finden, muss man Neues wagen, muss man von sich selbst weg auf andere Menschen achten, auf andere Menschen zugehen, etwas für andere tun. Jede der Freundinnen findet im Laufe des Buches einen für sich stimmigen Weg, sie lernen voneinander, und insbesondere Anne Marie erlebt auf ganz besondere Weise, wie das Leben ungeahnte Dinge für sie bereit hält, wenn man sich öffnet – öffnet für Menschen, öffnet für das Leben.

 

Ein gefühlvoller, romantischer Roman, sicher stellenweise ein wenig kitschig, mit Klischees versehen, sehr amerikanisch, aber durchaus mit einer ernst zu nehmenden Botschaft. Das ideale Buch, wenn man Lust auf gefühlvolle, entspannte Lektüre hat.

 

{unbezahlte Werbung}

Didi Drobna

Als die Kirche den Fluss überquerte

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492059206

 

 

 

Ein tief bewegendes Buch

  

Lt. Klappentext ist das vorliegende Buch ein Entwicklungsroman. Überrascht hat mich der Begriff, vom Verlag gewählt, denn in der Gegenwartsliteratur ist die Bezeichnung selten geworden. „Der Ausdruck Entwicklungsroman bezeichnet einen Romantypus, in dem die geistig-seelische Entwicklung einer Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt dargestellt wird“ sagt Wikipedia. Ja, es stimmt, dieser Roman ist in der Tat ein Entwicklungsroman. Daniel ist die Hauptfigur, und wir verfolgen sein inneres Reifen in quälend langsamen Einzelschritten. Als sein Vater, für Daniel und seine Schwester völlig überraschend, auszieht und sie mit der etwas unberechenbaren Mutter allein lässt, gerät Daniel in ein Gefühlschaos, das über Jahre anhält. Daniel erlebt eine gewaltige Sturm- und Drang-Zeit, er mäandert zwischen Größenfantasien, depressiver Lethargie und unkontrollierter Wut. Er versteigt sich obsessiv in eine kompensatorisch übersteigerte Zuneigung zu seiner Schwester. Er erstickt geradezu im permanenten Zwiespalt zwischen Anerzogenem und zaghaft auftauchendem eigenen Willen. Wir erleben mit Daniel und seiner Schwester zwei tief beschädigte Kinderseelen, Kinder, die sich schuldig fühlen für die Flucht des Vaters, für das Vergebliche im Leben der Mutter und die sich ein Leben lang nicht wirklich daraus befreien können. Erst als die Parkinson-Demenz der Mutter nicht mehr zu leugnen ist und die Familie auf ganz neue Weise gefordert wird, gewinnt auch Daniel endlich Konturen…

  

Didi Drobna lässt uns tief Einblick nehmen in ein Familiengefüge, das auseinanderbricht und sich wieder in neuer Weise zusammenfügt. Ihre pointierte Erzählweise von vermeintlich komischen Familienszenen könnte allerdings zu Missverständnissen führen. Nein, es ist kein komisches Buch, es erzählt nicht einfach schräge Erlebnisse von schrägen Menschen. Es ist ein tragisches, tief trauriges Buch voll von Angst, Versagen, fehlgeleiteter Suche nach Verlorenem, wenngleich auch zugegebenermaßen gekonnt verpackt in pseudo-fröhlichem Geschenkpapier.

 

Die Autorin verfügt über eine gewaltige und gleichermaßen poetische Sprachkraft. Ihre Wortbilder kommen ganz einfach daher, ganz unspektakulär, geradezu minimalistisch, und zielen doch mit einer unglaublichen Präzision auf das Wesentliche. Umfassender und tiefergehend kann man zum Beispiel Demenz nicht schildern: „… wie sie in ihrem Kopf herumirrte…“

 

Ein großartiger Roman, in poetischer Sprache Tiefen des Mensch-Seins auslotend, bewegend, zum Wieder- und Wiederlesen.

 

 

{unbezahlte Werbung}

Steve Alten

MEG

 

 

·         Taschenbuch: 400 Seiten

·         Verlag: Heyne Verlag

·         ISBN-13: 978-3453439016

·         Originaltitel: Meg

 

 

Nervenkitzel und Wissenswertes

 

Pünktlich vor Kino-Start erscheint eine komplett überarbeitete Neuauflage des Buches MEG von Steve Alten. Action-Star Jason Statham nimmt den Kampf auf gegen den 20 m langen Killerhai in der tiefsten Tiefe des Ozeans zur Rettung einer Crew in einem Tiefsee-U-Boot. Eine Geschichte, wie man sie sich gar nicht besser vorstellen könnte für Spannungs-Kino.

 

Das Buch zeigte sich mir zu Beginn etwas spröde. Ich musste mich erst einmal einigermaßen geduldig durch recht viel technisches Beiwerk arbeiten, durch Hick-Hack der Zuständigkeiten, durch Unpässlichkeiten des Tiefseeforschers Jonas Taylor und reichlich Gedankenwust. Aber dann nimmt die Geschichte immer mehr Fahrt auf, umklammert uns geradezu und spielt gekonnt mit unseren tiefsten Ängsten. Aber auch der geschickte Perspektivenwechsel, den der Autor hinlegt, indem er uns Einblicke gibt in die Welt des Megadolon und damit in die Welt der Haie, ist absolut faszinierend. Ich bin gespannt, ob und wie der Film diese informative Seite des Buches umsetzt.

 

Das Buch hat mich rundum gepackt, denn es erzeugt enorm starke innere Bilder und lässt einen nicht mehr los. Deshalb unbedingte Leseempfehlung für dieses spannende und gleichzeitig faszinierende Buch

 

 {unbezahlte Werbung}

Jessica Fellowes

Die Schwestern von Mitford Manor

 

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Pendo

·         ISBN-13: 978-3866124523

·         Originaltitel: The Mitford Murders

 

Genussvolles Lesefutter

 

Manchmal gibt es sie noch, diese dicken Bücher, die man liebevoll Schmöker nennt und damit Bücher meint, denen Tiefgang fehlt und die uns doch gnadenlos gefangen nehmen, kaum dass die ersten Seiten gelesen sind, in die man geradezu hineinfällt und von denen man sich nach der letzten Seite schmerzlich trennen muss, von den liebgewonnenen Menschen, die man lesend eine Weile begleitet hat und vom Inhalt, der aufs Feinste unterhalten hat. Ich habe dieses schön im Art Déco Stil gestaltete Buch in genau dieser Weise gelesen: als leichte, aber gekonnt geschriebene und gut unterhaltende Lesekost. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

 

Wir befinden uns in London im Jahr 1920. Durch glückliche Umstände erhält die 19-jährige Louisa, die in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen war, eine Anstellung als Kindermädchen bei den Mitfords, einer herrschaftlichen und glamourösen Familie. Sie erringt sich aufgrund ihrer klugen und freundlichen Art schnell die Freundschaft von Nancy, der 19-jährigen ältesten Tochter des Hauses. Zeitgleich wird Florence Nightingale Shore, eine Freundin der Familie und zu Kriegszeiten sich selbstlos aufopfernde Krankenschwester während einer Bahnfahrt grausam ermordet. Nancy und Louisa beginnen aufgrund von  merkwürdigen Beobachtungen eigene Nachforschungen anzustellen. Doch nichts ist so wie es scheint…

  

Die Autorin hat den real geschehenen, bis heute unaufgeklärten Mord an der Krankenschwester Florence Nightingale Shore in ihrem Buch fantasievoll zur Aufklärung gebracht und damit über fast 500 Seiten hinweg einen großen Spannungsbogen gesetzt. Die bei uns relativ unbekannten Mitford Schwestern bzw. deren Leben und Umfeld unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg wurden von der Autorin sorgfältig recherchiert und lebendig-sympathisch dargestellt. Die seelischen Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, aber auch gesellschaftliche Zwänge, die zu dieser Zeit noch herrschten, lassen das Buch zwar zu einer leichten, aber keineswegs zu einer seichten Lektüre werden.

 

{unbezahlte Werbung} 

Anna Mitgutsch

Die Annäherung

 

 ·         Taschenbuch: 448 Seiten

 ·         Verlag: btb Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3442715916

 

 

 

Ein tiefes, ein intensives Buch

 

 

Hier schreibt eine der ganz großen Gegenwarts-Autorinnen, die mich im Jahr 1987 mit dem auf mich erschreckend intensiv wirkenden Buch „Die Züchtigung“ fesselte und seither nicht mehr losgelassen hat.

 

Theo ist 96. Er erleidet einen Schlaganfall, kann sich nur noch mit Mühe mitteilen. Zu Frieda, seiner Tochter, besteht seit vielen Jahren kaum mehr Kontakt, woran Berta, Theos zweite Frau, einen wesentlichen Anteil hatte. Als Frieda einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält, entwickelt sich in der Folgezeit ganz langsam eine neue Chance der Annäherung. Der pflegebedürftige Theo verliert die Gegenwart völlig aus dem Blick, erst der ukrainischen Pflegerin Ludmilla gelingt es, zu Theo vorzudringen.

  

Es wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Theo erlebt seine letzte Lebenszeit, schildert sehr bewegend seine Gedanken zu dem, was bald kommen wird. Und er lebt in Erinnerungen, in den guten und weniger guten. Frieda hingegen berichtet in der ihr eigenen spröden Art von ihrer Sicht auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihre gescheiterte Ehe, auf alles, was sie lebenslang vermisst hat. Weder Theo noch Frieda ist es je gelungen, offen miteinander zu sprechen. So viele offene Fragen, so viele Unsicherheiten auf beiden Seiten. Dieses entsetzliche Schweigen zwischen den Menschen, aus dem heraus so viel Verletzendes entsteht – dieses große, große Schweigen macht dem Leser das Herz schwer.

 

Anna Mitgutsch erzählt das Große und das Kleine im Leben, Krieg und Schuld, aber auch die Wirkung eines überraschenden Händedrucks. Sie beschreibt Menschen mit einer weisen, beobachtenden Toleranz, ohne Wertung, ohne Stellungnahme, in deren feinsten Regungen wahrnehmend, immer aber so lebensnah, dass man Frieda und Theo und Berta und all die anderen genau vor sich sieht und mit ihnen durch den Park spazieren möchte oder einfach nur am Bett sitzend mit kleinen Gesten wie dem Falten-Wegstreichen auf der Bettdecke Nähe zeigen möchte. In ihrer wunderbar langsamen, elegisch schönen Sprache zieht die Autorin den Leser hypnotisch in ihren Bann, und man landet, ob man will oder nicht, in diesem Buch in einer Welt des Passiven, des scheinbar Unausweichlichen, des Ausgeliefert-Seins und des lebenslang Versäumten. Aushalten muss man die Intensität und Tiefe dieses Buches, aushalten und bestenfalls eigene Bilanz ziehen.

 

 

{unbezahlte Werbung}

Hiltrud Baier

Helle Tage helle Nächte

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: FISCHER Krüger

·         ISBN-13: 978-3810530387

 

 

 

Wenn die Stille Lapplands die Seele heilt

 

Ein Buch, in dem nicht viel geschieht, und doch so viel Entscheidendes. Gemächlich erzählt, der Landschaft Lapplands angepasst in seiner Weite und Einsamkeit und Stille.

 

Eine Kleinstadt, am Fuß der Schwäbischen Alb. Hier lebt Anna Albinger, knapp über 70, an Lungenkrebs erkrankt, einsam, durch eine jahrzehntelange Lüge niedergedrückt. Und Frederike, Nichte von Anna, von ihr als Kind liebevoll aufgezogen, knapp über 50, frisch geschieden, orientierungslos, was ihr zukünftiges Leben betrifft. Als Anna sie bittet, einen Brief persönlich zu überbringen, und zwar an Peter Svakko, 3.000 km entfernt im schwedischen Lappland lebend, lässt sich Frederike nur sehr widerwillig darauf ein, diese eindringliche Bitte ihrer Tante zu erfüllen.  Doch schließlich macht sie sich mit ihrem Campingbus auf eine lange, lange Reise…

  

Der Roman wird wechselnd aus zwei Perspektiven erzählt. Anna berichtet über ihr stilles Leben, in der die Krankheit eine große Bandbreite an Gefühlen auslöst, Selbstmitleid und Kampfgeist, Depression und trotzigen Überlebenswillen, Verunsicherung und Angst. Über allem jedoch stehen Erinnerungen, intensive Erinnerungen an ihre eigene Kindheit.

 

Dramaturgisch von der Autorin geschickt eingestreut, werden in jedem Anna-Kapitel mehr und mehr Erinnerungen lebendig, und einem Puzzle gleich entwickelt sich ein Bild, das das alles überschattende Schuldgefühl Annas‘ erklärt. In den Frederike-Kapiteln machen wir uns mit ihr auf eine lange Reise, äußerlich und innerlich. Auch Frederike hat aufgrund ihrer Lebenserfahrungen eine eher negative Sicht auf die Dinge, lässt sich aber doch ein auf das, was ihr auf dieser Reise begegnet und erfährt eine ungeahnte Wandlung.

  

Die Autorin erzählt so hautnah, dass ich Annas‘ Schmerzen fast körperlich spüre, mit Herzklopfen zum ersten Mal in einem Helikopter sitze oder die Juni-Morgenkälte Lapplands in meine Knochen kriecht. Und ich erlebe mit den Augen der Autorin eine überwältigend schöne Landschaft, die den Menschen zurückführt auf das, was wesentlich ist. Die Liebe der Autorin zu Lappland teilt sich unmittelbar mit und hallt noch lange nach Beendigung des Buches nach. Es ist nicht wichtig, dass die Geschichte vorhersehbar endet. Wichtig ist, wie gekonnt Hiltrud Baier die großen Lebensthemen mit leichter Hand skizziert und gerade durch die Leichtigkeit und Ruhe eine Intensität erreicht, die mich im Innersten bewegt und nicht mehr loslässt.

 

  {unbezahlte Werbung}

 Richard Dübell

 Das Jahrhundertversprechen

 

 

 ·         Broschiert: 656 Seiten

 ·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

 ·         ISBN-13: 978-3548289663

  

  

 

 

Zeitgeschichte unterhaltsam verpackt

 

 

 Leider kannte ich die beiden Vorgängerbände dieser Trilogie bislang nicht, was ich im Nachhinein sehr bedauere. Dennoch konnte ich mich sofort gut in diesem dritten Band mit seinen Personen zurechtfinden. Dem Autor ist es gut gelungen, auch „Neulesern“ den Einstieg problemlos zu ermöglichen.

  

Es geht um die Familie Briest in der Zeit der Weimarer Republik 1921. Obwohl der erste Weltkrieg bereits seit 3 Jahren zu Ende ist, herrschen Not und Elend. Hohe Reparationszahlungen zwingen das Land in die Knie. Hunger ist Alltag. Wirre politische Strömungen schaffen Angst und Unsicherheit. Otto und Hermine Briest stehen kurz vor dem Bankrott, die Tochter Luise hofft auf eine Filmkarriere. Die Menschen suchen Ablenkung von ihrer Not, und so boomt alles, was kurzzeitig Vergnügen bereitet, Filmtheater, Varietés und Autorennen. Max, der Ziehsohn der Familie Briest, der einst Luisa das Leben gerettet hatte, versucht sich als Rennfahrer zu beweisen, doch ein Erzfeind der Familie von Briest nutzt die Politik der Zeit, um den Untergang der Familie von Briest voranzutreiben.

 

Vom Buchumfang von mehr als 650 Seiten zu Anfang etwas verschreckt, nahm mich die Geschichte jedoch nach kurzem Einlesen restlos gefangen, und ich las mich mit großer Freude und kurzweilig unterhalten durch die Zeit von 1921 bis 1928. Richard Dübell versteht es meisterhaft, eine Zeitspanne lebendig werden zu lassen, deren Schattenseiten mir bislang in dieser geschilderten Eindrücklichkeit nicht bewusst waren. Die Zwanziger Jahre waren mir als Zeit der überschäumenden Lust an Ablenkung, an Unterhaltung, an Tanz und Champagner im Gedächtnis. Die unendliche Not, der zu entfliehen die Menschen versuchten, wurde mir erst durch dieses Buch augenfällig, nachspürbar, erschreckend nah. Dem Autor gelingt es auf großartige Weise, politisches, gut recherchiertes Hintergrundwissen so mit der erzählten Handlung  zu verweben, dass man keinen Moment der Langeweile erlebt, aber dennoch diese gespenstisch anmutende Zeit der Tristesse, der Orientierungslosigkeit, des aufkommenden Nationalsozialismus und all der damit verbundenen Ängste stets als leise Drohung im Hintergrund grollen hört. Bedeutende Namen lernen wir kennen wie Fritz Lang, den Stummfilm-Regisseur, oder den Politiker Walter Rathenau, der als Reichsaußenminister einem Attentat zum Opfer fiel. Die anständige Familie von Briest und Max mit seiner liebenswerten Berliner Schnauze sind mir im Buch ans Herz gewachsen, und so beende ich diesen dritten Band der Trilogie etwas traurig, insgesamt jedoch bereichert und mit einer unbedingten Leseempfehlung.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Clara Maria Bagus

Der Duft des Lebens

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: Ullstein Leben

·         ISBN-13: 978-3963660016

 

 Besonders empfehlenswert

 

 

 

Poesie der Weisheit

 

 

Es gibt Bücher zur Unterhaltung, zum Ängstigen, zur Wissensvermittlung, zum Ärgern – und es gibt ganz, ganz selten ein Buch wie dieses hier: Märchen, Weisheit, Poesie, Literatur, unausschöpflich, zum immer wieder Lesen, zum Schwelgen in schönen Worten, in tiefen Sätzen, in poetisch formulierten Feinheiten. „Der Duft des Lebens“ ist ein Buch, so unglaublich schön, so unglaublich tief, dass ich es nicht einfach nur lesen konnte im Sinne von Konsumieren. Ich gönnte mir dieses Buch in ganz kleinen Teilen, wie wenn man etwas besonders Gutes zu essen auf dem Teller hat und es ganz klein schneidet, damit man es länger genießen kann.

  

Die Geschichte spielt in irgendeiner Vergangenheit, vielleicht auch in einer nahen Gegenwart oder in einer zeitlosen Zeit, wer weiß das schon bei Märchen. Sie geschehen einfach immer wieder und wieder, in der Hoffnung, dass sie verstanden werden.

 

Aviv, dessen Mutter Helene bei seiner Geburt gestorben war, wurde von der Hebamme Selma liebevoll aufgezogen. Aviv wird Glasbläser und erhält von Kaminski, einem Arzt mit schwarzer Seele, den Auftrag, 50 Glasfläschchen zu fertigen. Diese sollen einem perfiden Plan des Arztes dienlich sein, nämlich die gute Essenz von menschlichen Seelen einzufangen, damit er letztlich sich selbst einverleiben könne, was seiner eigenen Seele fehlt.

  

Das Buch zu lesen, erfordert es, ganz leise zu werden in unserem lauten Leben, und abzurücken von all dem ewigen Geplapper der Welt um uns herum. Und erst wenn es uns gelingt, ganz still in uns selbst zu werden, erst dann, so glaube ich, können wir all die Klänge, Farben und Düfte der Worte dieser Erzählung nachempfinden. Kein Wort im Buch steht zufällig da, keines ist zuviel. Und ich hatte das Gefühl, über den Zeilen zu schweben, ganz vorsichtig, um den Zauber nicht zu zerstören. Der Text ist wie ein Gedicht zu lesen, Zeile für Zeile, Bild für Bild, sorgsam, langsam, um die Schönheit der Sprache nicht zu zerstören.

 

Vielleicht ist das Buch eine Allegorie des Sich-Bemächtigens des eigenen Schicksals, oder vielleicht will es uns das Wissen um die Einzigartigkeit jedes Menschen vermitteln. Jeder mag seine eigene Botschaft im Buch finden. Auf jeden Fall bleibt mir:  „… weil jeder ein kleines bisschen Verantwortung in sich trägt, das, was ihm vom Leben geschenkt wird, in die Welt zu tragen und zu einem Geschenk an alle zu machen.“ (S. 343)

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Debbie Macomber

Der Sommer der Wünsche

 

 

·         Taschenbuch: 432 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498176

·         Originaltitel: Summer on Blossom Street

 

 

 Friede, Freude, Eierkuchen

 

Zwei Dinge verlockten mich, dieses Buch zu lesen: Zum einen, weil das Stricken neben dem Lesen meine zweite große Leidenschaft ist, und zum anderen, weil ich von der Autorin bislang noch nichts gelesen hatte und die Blossom-Street-Reihe gerne kennenlernen wollte.

 

In Lydias Wolladen „A Good Yarn“ wird ein neuer Strickkurs angeboten, und zwar unter dem Thema „Loslassen“. Und so finden sich 4 Frauen und 1 Mann mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen zusammen. Mehr muss man im Grunde zum Inhalt vorweg gar nicht wissen.

  

Debbie Macomber hat eine seltsame Erzählweise gewählt: Da ist die Ich-Erzählerin Lydia, die Besitzerin des Wollladens. Und da sind die anderen vier Protagonisten, über die in wechselnden Kapiteln berichtet wird, aber nicht aus Sicht der Ich-Erzählerin, sondern aus Blick der Autorin. Schon dadurch wirkt das Buch für mich konstruiert. So als habe die Autorin aus ihrem Notizen-Fundus einzelne Entwürfe hervorgeholt und mit Gewalt miteinander zwangsverknüpft, im Strickkurs und im erzählten Geschehen. Dieses Zusammenwerfen von irgendwann Geschriebenem führt leider auch zu Textwiederholungen und unlogischen Handlungsabläufen. Insgesamt wirkt die Sprache recht altbacken, wenig lebendig und das Romangeschehen insgesamt vorhersehbar. Stricken als roter Faden wird allzu gewollt-gewaltsam über die Kapitel gelegt. An keiner einzigen Stelle im Buch wird die Strick- oder Wollleidenschaft nachvollziehbar, spürbar, fühlbar geschildert, sondern das Stricken wird genauso konstruiert wie die Personen als vermeintlich verbindendes Thema ohne jegliche Bedeutung eingestreut. Und natürlich endet das Buch für alle in Friede, Freude, Eierkuchen.

  

Fazit: Das Buch ist nett zu lesen, wenn man den kritischen Verstand ausschaltet und sich auf leicht altmodische Weise unterhalten lassen möchte.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Martine McDonagh

Familie und andere Trostpreise

 

 

·         Broschüre: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671958

·         Originaltitel: Narcissism for Beginners

 

 

 

Leider kein Buch für mich

 

 

Mit diesem Buch habe ich mich schwergetan. Dennoch habe ich mich durch alle Seiten gequält, am Ende das Buch zugeschlagen und mich gefragt: Wozu sollte dieses Buch gelesen werden? Wem wäre es wohl zu empfehlen? Ich weiß keine Antwort.

  

Sunny erfährt mit 21, dass er Multimillionär ist (unwichtig). Sunny hat viele Marotten und Neurosen, insbesondere was Geräusche betrifft (skurril). Sunny macht sich auf die Reise, um mehr über seine aus der Erinnerung herausgefallene Familie zu erfahren (unglaubwürdig).

  

Tja, was gäbe es sonst noch über das Buch zu berichten? Sunny erzählt, was geschieht, in Briefform seiner Mutter, an die er sich nicht erinnern kann. Er erzählt locker vor sich hin, als säße die Mutter (oder der Leser) unmittelbar vor ihm. Er ist ein Film-Nerd und gewinnt seine „Lebenserfahrung“ aus Filmen, sie sind wie ein Gerüst, an dem er sich zur Einordnung seines Lebens entlanghangelt. Die Erzählweise des Buches umfasst zig Themen- und Szenenschleifen, die mal mehr, mal weniger witzig daherkommen. Als einzig ernst zu nehmende Botschaft bleibt mir im Gedächtnis, wie religiöse Verblendung als Mittel der Macht, als Möglichkeit, Menschen zu manipulieren, als gefährlich anzusehen ist. Skurril, schräg, komisch und ernst gleichermaßen ist der Erinnerungsweg von Sunny. Er wollte nichts anderes als seine Mutter finden, in der Hoffnung auf Akzeptanz. Und seine Reise endet so: „Liebe Mom, fick dich“.

  

Das Buch hat mich leider nicht erreicht, nicht überzeugt, nicht unterhalten, schon gar nicht zum Lachen gebracht. Und so bleiben meine anfangs gestellten Fragen leider unbeantwortet.

  

 {unbezahlte Werbung}

 

Gabriele Diechler

Lavendelträume

 

 

·         Taschenbuch: 410 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363507

 

Besonders empfehlenswert

 

Die Kraft der Herzenswärme

 

Normalerweise lese ich Bücher gemäß des Rezensionsauftrages mit Offenheit, mit Neugier, aber auch mit einem gewissen Maß an fachlich-nüchterner Distanz, um mir ein sachlich fundiertes Urteil erlauben zu können. Das vorliegende Buch jedoch ermöglichte mir diesen Blickwinkel erst einmal nicht. Es bahnte sich auf ungeahnten direkten Wegen mitten hinein in mein emotionales Zentrum, und ich brauchte eine Weile Abstand, um für die Rezension zurück auf die Ebene der Sachlichkeit zu finden.

 

Den Inhalt möchte ich nur extrem verkürzt andeuten: Julia, die sich schuldig fühlt am Unfalltod ihrer Mutter und sich generell in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht findet, entdeckt im Nachlass der Mutter den Liebesbrief eines Parfümeurs aus der Provence. Um dem vermuteten Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur zu kommen, reist sie nach Frankreich. Allerdings ist der Absender des Briefes zwischenzeitlich verstorben, Julia trifft stattdessen auf seinen Sohn Nicolas und lernt in der Folge viel, sehr viel über die wirklich wichtigen Themen des Lebens.

 

Was macht nun dieses Buch zu einem besonderen Buch? Es ist ohne Zweifel die faszinierend  starke emotionale Kraft, der sich der Leser nicht entziehen kann. Was bedeutet, dass das Buch gekonnt geschrieben ist. Leichte, eingängige, vielleicht sogar romantisch zu nennende, gut lesbare Geschichten zu schreiben, ohne ins Seichte oder Kitschige abzugleiten, ist große Schreibekunst. Gabriele Diechler erzählt lebendig, bildhaft und fesselnd, sie malt geradezu mit Wörtern. Mit allen Sinnen schildert sie feine und feinste Wahrnehmungen so intensiv, dass die erzählte Farbigkeit sofort im Kopfkino ihr reiches Leben entfaltet. Man schmeckt den Käse, man riecht das Parfüm, man schwelgt in der Schönheit der Landschaft, man fühlt den Wind, man wird Teil des Geschehens. Man sitzt mitten unter den Protagonisten, isst und trinkt mit ihnen, hört ihnen zu und verfällt, ohne es zu merken, geradezu rauschhaft dem Buch. Eine weitere Stärke des Buches sind die Schilderungen der Menschen. Die Autorin taucht tief in die Seelen der Protagonisten ein und legt ihre eigene Lebensklugheit den Romanfiguren in ganz unterschiedlicher Weise in den Mund. Sie zeichnet psychologisch stimmig und empathisch sympathische, individuelle Charaktere, in all ihren Stärken und Schwächen, aber stets mit wohlwollendem Blick.

Und diese positive Sicht der Autorin teilt sich unmittelbar dem Leser mit. Ihre im Buch so deutlich spürbare Herzenswärme lockt auch im Leser das Beste hervor. Ich wüsste nicht, was es Besseres über ein Buch zu sagen gäbe…

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Thomas Montasser

Der Sommer der Pinguine

 

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 143 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363460

 

 

 Ganz große Schreibekunst

  

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein gemütliches Kaminzimmer, weiches Licht, dicker weich-flauschiger Teppich, darauf Sie im Schneidersitz, vor Ihnen in einem alten großen Ledersessel ein gut gekleideter, gepflegt wirkender älterer Herr mit weißen Haaren und Goldrandbrille. In wohlgesetzten Worten und gestenreich erzählt er Ihnen eine Geschichte, ein Märchen wie es scheint. Er macht Pausen, ändert das Erzähltempo je nach Geschehen, er blickt verwundert, wenn er Unglaubliches berichtet, schiebt sachliche Beschreibungen ein, wo er sie für erforderlich hält und an manchen besonderen Stellen blitzt der Schalk in seinen Augen auf. Immer aber sind seine Worte wohlgesetzt, die Sätze gar trefflich geraten… Genauso fühlte ich mich beim Lesen dieses wunderbaren kleinen, feinen Geschenkbandes, entrückt und verzaubert.

 

Die überaus liebenswerte Mrs. Annetta Robington vergisst beim Schmökern  in einer kleinen Buchhandlung in London Ort und Zeit – und macht eine unglaubliche Entdeckung: Der rücksichtsvolle Buchhändler ist ein Pinguin! Und nicht nur ihn, auch den Cellisten im Konzert, den Portier im Hotel, und noch so manch anderen sieht Mrs. Robington plötzlich mit anderen Augen und erkennt in ihnen ebenfalls Pinguine. In ihr reift ein raffinierter Plan, diese besondere Spezies von Lebewesen zu retten, und sie wächst über sich selbst hinaus.

 

Was für eine unglaublich schöne, bestechend „sorgfältige“, oder sollte ich sagen, „sorgsame“ Sprache. Allein schon für diesen überaus gepflegten Sprachstil liebe ich das Büchlein. Dazu kommt die feine Schilderung der sehr englischen Kulisse und der sehr englischen Denk- und Handlungsweise speziell von Mrs. Robington, die man jederzeit in einem der Filme rund um den Ermittler Barnaby wiederzufinden meint. Die liebenswert zauberhaften Zeichnungen von Isabel Pin passen perfekt zum Erzählstil. Dass uns Pinguine den Spiegel vorhalten, uns in unserer Beschränktheit entlarven und dies alles mit einem stillen Lächeln – das ist ganz große Schreibekunst.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Federica de Cesco

Der englische Liebhaber

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958900806

  

 

Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman

 

Aus dem Europa Verlag habe ich zuletzt den großartigen Roman „Ein Held in dunkler Zeit“ von Christian Hardinghaus gelesen, der mich sehr beschäftigte. Und nun vorliegender Roman im gleichen Verlag, von einer Autorin mit großem Namen – das weckte in mir höchste Erwartungen. Und ganz kurz gesagt: Der Roman „Der englische Liebhaber“ übertraf sogar noch meine höchsten Erwartungen, umso mehr, als man erfährt, dass es sich um die Ausgestaltung einer wahren Begebenheit handelt.

 

Der Roman bewegt sich in zwei Zeitebenen: Münster 1988 - Charlotte, 1947 geboren, Filmemacherin, findet im Nachlass ihrer verstorbenen Mutter Anna Tonbänder und Notizhefte. In diesen Aufzeichnungen wird die zweite Zeitebene lebendig, nämlich Münster 1946. Die Stadt ist zerstört, es ist Winter und Anna versucht, als Dolmetscherin bei den britischen Besatzern ihr Überleben zu sichern. Als ihr der englische Captain Jeremy begegnet, beginnt eine gefährlich-leidenschaftliche Beziehung, denn mit dem Feind lässt sich eine deutsche Frau nicht ein, sie wird zu einer „Britenschlampe“.  Anna wird schwanger, und Jeremy ist von einem Tag auf den anderen verschwunden, die Ämter verweigern jegliche Auskunft. Je mehr Charlotte in den Aufzeichnungen ihrer Mutter eintaucht in deren Leben und Lieben, desto lebendiger wird für den Leser die immense Kraft einer Liebe, die mehr aus Hoffen denn aus Leben bestand. 

Jenseits der Erzählung des Geschehenen liegt noch eine dritte Ebene, und die verleiht dem Roman die eigentliche Tiefe. Es ist die Ebene der Reflektion, des Erkennens, der Information, auch der Ernüchterung. „Man hatte uns nicht zur Kritik erzogen.“ Wir erfahren viel über ein Kapitel deutscher Nachkriegszeit, einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wirklich frei waren von den Nachwirkungen der nationalsozialistischen Gedankenwäsche und in der die kollektive Schuld verdrängt werden musste, damit man weiterleben konnte.

 

Federica de Cesco schreibt hinreißend, mitreißend, lebendig, intensiv. Die von ihr beschriebenen Menschen verkörpern jeweils eine individuelle Ausprägung ihrer Zeit: Manfred steht für die Verleugnung des Ich zugunsten einer Ideologie. Jeremy bleibt trotz seiner glaubhaften Liebe zu Anna ambivalent, schillernd, eine Projektionsfläche für Anna’s Gedanken und Sehnsüchte. Anna wiederum ist hart mit sich und anderen, verschlossen, unerreichbar auch für ihre Tochter. Und Charlotte bleibt provokant, ohne echtes Einfühlungsvermögen, eine zutiefst beschädigte Seele, voller Bitterkeit.

 

„Im Alter geht man vom Leben weg“, schreibt Anna. Und dem Leser bricht das Herz.

 

Fazit: Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman!

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Felicity Everett

Das Paar aus Haus Nr. 9

 

 

·         Taschenbuch: 368 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672122

·         Originaltitel: The People at Number 9

 

 

Langer Tanz um‘s Feuer

 

 

Viel geschieht eigentlich nicht in diesem Buch: Sara und Keith mit ihren beiden Kindern leben ein geordnetes, strukturiertes und durchaus glückliches Familien- und Berufsleben. Als die neuen Nachbarn, Gavin und Louise, im Nebenhaus einziehen, beobachtet sie Sara erst verstohlen, dann immer offenkundiger. Nach ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen werden Sara und Keith mehr und mehr in die unkonventionelle Welt der neuen Nachbarn hineingezogen. Da gibt es altersfleckige Bettwäsche, vor Schmutz klebende Fußböden, halb abgebeizte Türen, völlig vernachlässigte und unerzogene Kinder. Alles nimmt Sara, die perfekte Hausfrau, wahr, durchaus erst mit Schaudern, dann aber zunehmend mit einer unerklärlichen Faszination. Je mehr Zeit Sara und Keith mit ihren neuen Nachbarn verbringen, umso mehr löst sich ihr eigenes wohlgeordnetes Leben auf.

 

Ich habe das Buch gelesen, als sei ich selbst eine neugierige Nachbarin, stünde hinter einer imaginären Gardine und könnte es einfach nicht lassen, die beiden Ehepaare zu beobachten. Und ich war, wie Sara, gleichermaßen angezogen und abgestoßen von diesen so verschiedenen Lebensformen. Ich schaute fasziniert zu, wie Sara und Keith zunehmend sich selbst verloren, indem sie, wie sie selbst glaubten, mehr Weltoffenheit gewannen. Voyeuristisch schaute ich als Leserin diesen Menschen beim Leben zu und wartete gespannt auf das entscheidende Drama. Eine seltsame Spannung liegt über dem gesamten Buch, sehr eindringlich ist es geschrieben, mit großartiger Beobachtungsgabe in Szene gesetzt, mit schönen Wortbildern („… wie eine psychedelische Trappfamilie…“) farbig gemalt. Auch psychologisch stimmig werden die Menschen dargestellt, von sehnsüchtiger Unsicherheit bis zur exaltierten Selbstüberschätzung wird eine große Bandbreite menschliche Eigenschaften anhand von kleinen Szenenschnippseln bildlich nachvollziehbar  gemacht.  Für mich erscheint dieses gelungene Buch wie ein langer, sehr langer Tanz um das Feuer und der voyeuristische Leser wartet von Seite zu Seite darauf, wann sich wer wie schwer verbrennen wird.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Antje Wagner

Hyde

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 408 Seiten

·         Verlag: Beltz & Gelberg

·         ISBN-13: 978-3407754356

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 15 - 17 Jahre

 

  

Grandios erzählt

 

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an, nein, schon beim genaueren Betrachten des Covers, in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen! Da ich den Inhalt nicht erzählen kann, ohne Wesentliches der Geschichte zu verraten, bemühe ich dieses Mal ausnahmsweise den Klappentext: „Seit sie denken kann, ist Hyde Katrinas Zuhause gewesen. Hier ist sie aufgewachsen, mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater. Jetzt ist Hyde verschwunden – und Katrina auf sich allein gestellt. Von dem, was geschehen ist, weiß sie nur noch Bruchstücke. Als sie beginnt, ein verfallenes Haus zu renovieren, mit dem sie sich auf seltsame Weise verbunden fühlt, führt sie dies auf die Spur eines ungeheuren Geheimnisses. Ist sie überhaupt diejenige, die sie glaubt zu sein?“

 

Das Buch ist meiner Meinung nach grandios geschrieben. Zwei Erzählstränge, Gegenwart und erinnerte Vergangenheit, werden aus Sicht von Katrina erzählt. Katrina ist eine seltsame Achtzehnjährige, Tischlerin auf der Walz, mit einer undeutlichen Aussprache und einem Tuch vor dem Gesicht. Die beiden Erzählstränge bewegen sich erst einmal in langsamen Schritten aufeinander zu, aber je mehr die Handlung voranschreitet, desto schneller finden die Sprünge von Jetzt zu Früher und zurück statt, wobei von Abschnitt zu Abschnitt immer neue Wendungen, neue Fragen, Rätsel und Ungewissheiten auftreten. Allein schon dieses Stilmittel schafft eine Steigerung der Spannung, die atemlos macht. Die Person Katrina, überhaupt alle Personen im Buch, werden außerordentlich lebendig beschrieben, man kommt Katrina im Laufe des Buches als Leser sehr nahe, was ebenfalls einen Teil der Spannung ausmacht. Und dann ist da für mich persönlich das wichtigste Element, der großartige Sprachstil, der teilweise fast expressionistisch mit Wörtern malt wie z. B. die Abendstimmung wie „Johannisbeersirup – ausgelaufen am Himmel“, und so die Geschehnisse, die durchaus auch etwas Mystisches haben, ganz und gar stimmig erzählt. Das Buch löst einen gewaltigen Sog aus, so dass man sich als Leser restlos im Geschehen verliert und die vielen angeschnittenen Themen und damit verbundenen Gefühle hautnah erlebt.

 

Fazit: Ein grandios erzähltes Buch, fesselnd, erschreckend, intensiv – und keinesfalls „nur“ ein Jugendbuch!

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Julie Peters

Mein wunderbarer Buchladen am Inselweg

 

 

·         Broschiert: 320 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746634135

 

  

 

Unaufgeregt-sympathische Sommerlektüre

 

Noch ein letzter Auftrag für die Redaktion, dann Abflug in ein neues Leben in Boston, zusammen mit Freund Harald, zur Gründung einer eigenen Agentur! Frieke ist Journalistin, liebt ihr Smartphone und liebt es zu twittern. Und nun soll sie noch schnell vor Abreise auf die Insel Spiekeroog, um einen verschrobenen Ornithologen, Bengt Gerjets, zu interviewen. Dieser Vogelkundler lebt zurückgezogen und fern aller Bequemlichkeiten der modernen Zeit in einem Bauwagen und beobachtet Brandseeschwalbenkolonien. Oder hat ihr Chef, der auch ein guter Freund von Frieke ist, noch andere Gedanken, Frieke auf die Insel zu schicken? Denn ihr leibliche Vater, den Frieke nie gesehen hat, lebt auch auf Spiekeroog, schwer an Krebs erkrankt. Und dann gibt es noch die Inselbuchhandlung, deren Betreiber sich sehnlichst einen würdigen Nachfolger wünschen, damit sie selbst in einem Cottage in Irland ihren Lebensabend verbringen können.

 

Ja, richtig, das klingt nach Schmonzette. Und es klingt nach einer vorhersehbaren Geschichte. Und doch hat das Buch Qualitäten, die es von der befürchteten verkitschten Groschenheftchenromantik weit entfernt. Zum Beispiel hat es Humor. Da gibt es so manch eine schräge Situation, so manchen „wortreichen“ Ausspruch, der es auf den Punkt bringt. „Du bist Frieke“. „Und du bist Ole.“ Mehr nicht. So begegnen sich Frieke und ihr Vater erstmalig und gehen wieder ihrer Wege. Ostfriesisch knapp halt. Und dann ist da auch die unbedingte Liebe zur Literatur, zu Büchern. Ebba, die Betreiberin der Inselbuchhandlung, hat die Gabe, für jeden Menschen in seiner speziellen Situation genau das richtige Buch zu finden. Man ist als Leser überrascht, mit wieviel Literaturkenntnis solche Szenen geschrieben sind. Und dann ist da die Fähigkeit der Autorin, sehr bildhaft nachspürbar die besondere Ausstrahlung der Insel Spiekeroog in Worten zu malen, die Kraft der Natur geradezu fühlbar zu machen. In einem lebendig-frischen Erzählstil bringt uns die Autorin ihre Protagonisten näher, die alle besondere, eigenständige, psychologisch nachvollziehbare, aber vor allen Dingen sympathische Persönlichkeiten sind. Insgesamt gesehen eine anrührend-unterhaltsam und wohltuend unaufgeregt erzählte Geschichte, eine wohltuend sommerleichte Sommerlektüre.

 

Lediglich einige Rechtschreibfehler, insbesondere in der Großschreibung, stören den guten Gesamteindruck. Und jemand sollte der Autorin noch die alte, aber immer noch gültige Regel beibringen: „Wer brauchen ohne „zu“ gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen.“

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Amy Meyerson

Ein Himmel voller Bücher

 

 

·         Broschiert: 448 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671620

        Originaltitel: The Bookshop of Yesterdays

 

   

Ein guter Plot, leider totgeschwätzt

 

Große Erwartungen hatte ich an das Buch. Nicht nur, weil es so lange auf sich warten ließ, sondern weil sowohl der Buchtitel als auch der Klappentext eine spannende Handlung rund um einen Buchladen versprachen: „Eine bunte Postkarte aus Malibu, eine alte Ausgabe von Shakespeares Der Sturm und der kleine, kurz vor dem Bankrott stehende Buchladen Prospero Books in Los Angeles. Die junge Lehrerin Miranda Brooks staunt nicht schlecht über das einzigartige Vermächtnis ihres Onkels Billy. Schon immer hat er ihr Rätsel aufgegeben. Warum hat er ihrer Familie den Rücken gekehrt? Warum spricht ihre Mutter nie über ihn? Miranda folgt der Spur der Botschaften, die er für sie versteckt hat – und die sie nicht nur in die Welt der Bücher führt, sondern ihr Leben von Grund auf ändert.“  Ein Plot also mit großem Potenzial, aber…

 

Für Miranda, die Ich-Erzählerin, wird die Erbschaft eine Reise in die Vergangenheit, vielleicht auch ein Stück weit zu sich selbst. Sie wird posthum von ihrem Onkel Billy auf sehr verschlungenen Rätselwegen durch ein familiäres Lügengespinst geleitet, wobei der Leser relativ früh im Buch erahnt, wohin die Reise gehen wird und genau deswegen sich spätestens ab der Hälfte des Buches entsetzlich langweilt! Der Einstieg ins Buch ist spannend, geradezu fesselnd geschrieben, aber je weiter man liest, umso mehr wird man von zunehmender Lesemüdigkeit erfasst. Denn alles Wesentliche ist bereits nach 100 Seiten ausgereizt. Was mich persönlich besonders ärgerte, war die schier endlos währende Tatenlosigkeit angesichts des prekären Zustands der Buchhandlung. Es wird ungezählte Male bejammert, dass die Buchhandlung nur noch ein paar Wochen überleben kann, aber dennoch steht der „Geschäftsführer“ Malcolm hinter dem Tresen und liest. Oder es fließt Alkohol in großen Mengen. Aber von Analysieren, Anpacken oder gar Arbeiten hält keiner etwas. Was den Schreibstil an sich betrifft, gibt es durchaus viele Stellen, die in sehr schöner Sprache Schilderungen beinhalten, die alle Sinne des Lesers ansprechen. Aber diese eindrücklichen Stellen werden dann wieder sehr schnell totgeschwätzt mit vielen unnützen Details. Mitunter drängt sich der Gedanke auf, die Autorin benötigte lediglich eine Plattform, auf der sie ihr Literaturwissen ausbreiten konnte. Wie schade!

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Evelyn Kühne

Dünenzauber

 

 

·         Taschenbuch: 320 Seiten

·         Verlag: Forever

·         ISBN-13: 978-3958189706

 

 

 

Sommerleichte Lektüre

 

Eingestellt war ich auf eine vorhersehbare  und seichte Geschichte. Aber dann hat mich die Autorin doch überrascht, denn ich habe das Buch sehr gerne gelesen und kann es als angenehme Urlaubs- oder Sommerlektüre empfehlen, auch wenn die Handlung hauptsächlich usseliges Novemberwetter aufweist.

Die Verlagsankündigung verrät nur einen Teil der Geschichte: Klara fällt aus allen Wolken, als ihre Freundin Jessi ihr eröffnet, dass sie heiraten möchte und zwar schon in drei Wochen. Doch beste Freundinnen sind füreinander da, also packt Klara kurzerhand ihre Sachen und fährt zusammen mit Jessi nach Prerow an die Ostsee, wo die Hochzeit stattfinden soll. Die Hochzeitsplanung gestaltet sich jedoch mehr als schwierig, vor allem als Jessi Klara ein Geheimnis anvertraut, was deren Welt ins Wanken bringt. Und dann ist da auch noch ein mysteriöser Fremder, der Klara immer wieder über den Weg läuft und ihr Herz höherschlagen lässt. Wird die Hochzeit trotz aller Widrigkeiten stattfinden? Und wer ist der Mann, zu dem sich Klara auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt?

 

Das Anliegen der  Autorin ist, den Leser zu berühren und ihn aus dem Alltag zu entführen. Dies ist ihr mit dem vorliegenden Buch perfekt gelungen.  Evelyn Kühne erzählt sehr lebendig und anschaulich, wie die zwei Freundinnen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten, mit den reichlich auftretenden Problemen umgehen. Die Charaktere sind glaubhaft und nachvollziehbar ausgearbeitet, und an Spannung fehlt es auch nicht. Eine Prise Humor und die eindrücklichen Landschaftsschilderungen geben der Handlung das rechte Maß an „Würze“. Das Buch ist eine wunderbare Hommage an die Freundschaft und vor allen Dingen an den Ort Prerow an der Ostsee, letzteres so sehr, dass man gerne selbst die Gegend kennen lernen möchte – vielleicht nur nicht ausgerechnet im November…

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Caroline Bernard

Die Muse von Wien

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746633923

 

 

 

 

Prächtiges Zeitgemälde ohne Tiefgang

 

Beginn 20. Jahrhundert. Alma Schindler, privilegiert aufwachsend in einer wohlhabenden Wiener Künstlerfamilie, erhält eine sehr umfasssende kulturelle Bildung, ist vielseitig interessiert und offen-neugierig für all die vielfältigen künstlerischen Entwicklungen in Wien. Sie liebt es, am Klavier zu improvisieren und zu komponieren. Jeder, der ihr begegnet, ist fasziniert von ihrer Schönheit und Intelligenz. Aus den Begegnungen mit Klimt, der sie malen möchte,  entsteht eine jugendlich-schwärmerische Liebe, die erst ein Ende findet, als Alma Gustav Mahler kennenlernt und seinem alles überragenden Genius verfällt. Als seine Ehefrau muss sie alle eigenen Wünsche hintanstellen, was sie viele Jahre auch gerne tut, denn Gustav liebt sie sehr und Alma weiß, dass sie mit einem der größten Musiker dieser Zeit verheiratet ist. Erst einige Jahre und Schicksalsschläge später findet Alma zurück zu sich selbst…

 

Es empfiehlt sich, das Buch ohne viele Unterbrechungen zu lesen. So taucht man völlig ein in die Welt des Jugendstil, der Wiener Bohème, der Wiener Secession. Das Buch beschreibt sehr farbenprächtig und eindringlich das schillernde künstlerische Leben in Wien, das einerseits mit Judenfeindlichkeit und an Konventionen gebunden kleinbürgerlich wirkt, andererseits aber auch neuen Kunstrichtungen ein Podium gewährt und bereit ist, seinen Künstlern frenetischen Beifall zu zollen. Die Schilderungen des Wien dieser Zeit, in der Kunst einen so großen Raum einnahm wie sonst nie, sind großartig gelungen. Man spürt in so manchen geschilderten Details die mühevoll-sorgsame Recherchearbeit, die dem Roman zugrunde liegt. Aber auch die der Fantasie der Autorin entsprungenen Details sind so gut eingearbeitet, dass sie durchaus als möglich angesehen werden können. Viele Künstlerbegegnungen werden sehr lebendig geschildert, Richard Strauß mit seiner dümmlichen, tratschsüchtigen Frau zum Beispiel. Überhaupt begegnet man vielen großen Namen, Caruso, Schaljapin, Sigmund Freud, Walter Gropius und viele andere finden im Buch mehr oder weniger ausführlich ihren Platz.

 

Mit der Darstellung Alma’s, ganz Kind ihrer Zeit, konnte ich mich allerdings nicht in allen Passagen anfreunden. Sie wird beschrieben einerseits als eine kluge, hochgebildete, vielseits verehrte und begehrte Frau, andererseits wirkt sie aus der Sicht der Autorin, was Beziehungen, Mutter-Sein oder Selbstwahrnehmung betrifft, oftmals fast kindlich-naiv und unreflektiert, für den Leser deutlich spürbar in etwas langatmigen Erzählteilen. Mein persönlich größter Kritikpunkt ist allerdings, dass an keiner Stelle im Buch die Musik von Gustav Mahler dem Leser wirklich nahe gebracht wird. Es wird von der Musik erzählt, das ja, von Sinfonien, von Kindertotenliedern, aber ich fand keine einzige Stelle im Buch, an der es der Autorin gelungen wäre, den Leser in die unglaublich intensive und tiefe Musik von Gustav Mahler eintauchen zu lassen. Denn nur so, wirklich nur so, wäre die Hingabe Alma’s an den Genius Gustav Mahler nachvollziehbar gewesen. Insofern bleibt das Buch für mich ein gut und farbenprächtig erzähltes geschichtliches Zeitgemälde ohne echten Tiefgang.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Sara Paborn

Beim Morden bitte langsam vorgehen

 

·         Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

·         Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

·         ISBN-13: 978-3421048028

·         Originaltitel: Blybröllop

 

Bös, böser, Sara Paborn

 

Was für ein unglaublich intelligenter, lebenskluger und bitterböser Roman! Selten habe ich mich so gut unterhalten und gleichzeitig entlarvt gefühlt, habe die Fülle der eingestreuten  Bonmots der Autorin genossen und mir sehnlichst gewünscht, dass alle Heile-Welt-Täuscher anhand der Doppelbödigkeit dieses Romans zur Ehrlichkeit finden mögen.

Ein Ausschnitt aus dem Klappentext erzählt den vordergründigen Inhalt: Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Vorhang-Bleibänder findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens: Aus der immer so netten Bibliothekarin wird eine gerissene Hobbychemikerin, die ihre bisher von Braten- und Kuchenduft erfüllte Küche in ein Labor verwandelt. Dort bereitet sie Bleizucker zu. Geduldig rührt sie ihrem Mann täglich ein Löffelchen in den Kaffee…

Wer die Bücher von Ingrid Noll mag, wird das vorliegende Buch lieben! Sara Paborn schreibt allerdings noch böser, noch pointierter, noch humorvoller, noch brillanter. Und nein, das Buch ist kein Krimi. Es gibt keine Tätersuche. Allenfalls gibt es die Suche nach dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und nein, das Buch ist kein Psychogramm verwirrter Seelen, die man mit Diagnosen versehen in Schubladen unterbringen kann. Allenfalls gibt es Erinnerungen an früher selbstverständliche Erziehung, als die Frau dem Mann noch untertan sein sollte. Das Buch ist eine geniale Parabel für die Unmöglichkeit gleichgewichtigen menschlichen Miteinanders. Nur vordergründig gesehen ist Horst das Ekel, das es zur Gewinnung der eigenen Freiheit zu vernichten gilt. Und nur vordergründig gesehen ist die langsam mordende und sich selbst damit befreiende Irene die Person, die unsere Sympathie erhält. Die maßlose Überzeichnung beider Personen fordert den Leser heraus, Stellung zu beziehen – böser Horst und gute Irene – und gar nicht zu merken, wie wir damit der Autorin auf den Leim gehen. Denn wir alle haben in langjährigen Beziehungen ein bisschen Horst und ein bisschen Irene in uns, wir alle erleiden Mikrotraumata  und setzen selbst welche. Dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, würde uns gut tun. Bevor wir Bleizucker anrühren…

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Herrad Schenk

 

Die Frau von gegenüber

 

·         Taschenbuch: 235 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363118

   

Ein kleines, feines Kabinettstückchen Literatur

 

Von Herrad Schenk las ich „Das Haus, das Glück und der Tod“, als ich zeitgleich engagiert war im Renovieren eines ehemaligen Dreiseithofes in Niederbayern. Das Buch hatte mich emotional gepackt aus mehreren Gründen: Da waren ähnliche Erfahrungen im Umgang mit alter Bausubstanz, mit eigenwilligen Handwerkern und wohlmeinenden, interessierten Nachbarn, und da war das ins Nichts Stürzen, als alles geplante Glück ein plötzliches Ende findet. Umso mehr, als ich entdeckte, dass Herrad Schenk dies alles erlebte in dem Landstrich Deutschlands, in dem ich mein Alter verbringen wollte. Viele Jahre später lebe ich nun wenige Kilometer von Herrad Schenk entfernt und entdecke dieses Buch. Kein Zufall.

 

Viel geschieht nicht im Buch. Ein einsam lebender, verwitweter Wissenschaftler, der sich festhält an dem Projekt, ein fundamentales Standardwerk abzuschließen, schaut in die Fenster des Hauses gegenüber. Dort sieht er anderen beim Leben zu, insbesondere einer ebenfalls verwitweten, zur Trägheit neigenden Frau, die ihre Unabhängigkeit zu genießen scheint. Als eines Tages eine junge alleinerziehende, unangepasste Frau mit zwei Kindern in das Haus gegenüber einzieht, wird der Sommer von Tag zu Tag schwüler…

  

Herrad Schenk schreibt klar, ohne Schnörkel, leicht lesbar, aber an keiner Stelle oberflächlich. Sie erzählt in genialer Schlichtheit so intensiv, dass man als Leser das Gefühl hat, selbst in diese kleine, enge Welt hineingezogen zu werden. Die Einsamkeit fällt den Leser an wie ein Tier. Die Sonnentage legen eine innere Düsternis bloß, die erschreckt. Die Hitze verwirrt einerseits, lässt bisher sicher geglaubte Grenzen verschwimmen und offenbart andererseits in Klarheit so manche Lebenslüge. Die Autorin entwickelt auf kleinstem Raum große Themen. Fast beiläufig, wie ungewollt, kommt sie dem Leser nahe und stellt essentielle Fragen, denen man als älterer Mensch nicht länger ausweichen kann.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Michael Nast

 

Egoland

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH

·         ISBN-13: 978-3841905963

 

 

 

 ... keine Zwiebelschale wert

 

 Im Grunde sagt der Titel alles: Egoland – Egoismus – Egomanie. Der Autor kreist um sich selbst, um seine oberflächliche Welt, und verkauft das Ganze als Gesellschaftskritik. Kann man mit 30 vielleicht so machen und sich dabei genial gut fühlen. Aber ich als Leser muss das nicht haben. 

Ich brauche keine Schilderung blutleerer Protagonisten, die ihre Lebenszeit – und über sie  lesend damit meine Lebenszeit - verplempern. Mich interessiert dieses oberflächliche Hin und Her, dieses narzisstische Selbstbespiegeln in seelenloser Leb- und Lieblosigkeit nicht. Mich stößt das abfällige Betrachten anderer ab. Ich kann mit den Filmzitaten nichts anfangen, denn ohne die Filme zu kennen, verfehlen die Zitate völlig ihre Wirkung. Die häufigen Perspektivewechsel sind behindernd im Lesefluss, sinnlos verwirrend. All die Verallgemeinerungen, Plattitüden, all diese unbedeutenden, detailverliebten Nichtigkeiten, all dieses endlose Herumschwadronieren um nichts, all diese austauschbaren Beziehungen, wobei deren höchste Form der Kontaktfähigkeit in dem gemeinsamen Vernichten von reichlich Alkohol besteht – die Summe all dessen hat bei mir nach anfänglichem guten Willen nur noch zu müdem Gähnen geführt. 

Geradezu folgerichtig und passend zum belanglosen Inhalt erscheint mir die Gleichgültigkeit, ja geradezu Schlampigkeit von Autor, Verlag und Lektor gegenüber der Fülle an Grammatik- und Setzfehlern. 

Wie sagt Rafik Schami so schön: „Dein … gesellschaftliches Engagement ist nicht einmal eine Zwiebelschale wert, wenn du langweilst.“

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Adelaide de Clermont-Tonnerre

 

Der Letzte von uns

 ·         Gebundene Ausgabe: 464 Seiten

·        Verlag: Rütten & Loening

·         ISBN-13: 978-3352009082

·         Originaltitel: Le Dernier des Notres

  

Zwei Themen, die nicht zueinander passen

 

Das Positive vornweg: Das Buch ist schnell zu lesen, es ist leicht zu lesen, die große Schrift macht es dem Leser leicht, die 450 Seiten zügig zu konsumieren.

Zwei Zeitstränge öffnen sich dem Leser: 1945, die Bombennacht von Dresden. Luisa bringt ihren Sohn Werner zur Welt und stirbt wenige Stunden danach. Die Schwester von Luisa und eine fremde Frau als Amme nehmen sich des Neugeborenen an. 1969 in Manhattan: Wern, jung, erfolgreich, bei den Frauen beliebt, trifft auf Rebecca, eine exaltierte Künstlerin. Er umwirbt sie nach allen Regeln der Kunst, sie bricht jedoch nach einem Zusammentreffen der Mutter von Rebecca mit Wern den Kontakt ab. In der Folge wird – immer wieder wechselnd zwischen den Handlungssträngen – sowohl über die weitere Geschichte von Werner während der Kriegszeit als auch über Wern und Rebecca  in den siebziger Jahren in Manhattan erzählt, bis sich zum guten Schluss die beiden Handlungsbögen dramatisch schließen.

 

Warum kann ich diesem Buch so wenig abgewinnen? Weil hier zwei Themen zusammengewürfelt werden, die sich gegenseitig stören, weil sie in der Kombination dem Ernsten die Tiefe nehmen und dem Leichten das Frohe zerstören. Weil Menschen geschildert werden, mit denen ich nichts anfangen kann, sie werden oberflächlich, wenig greifbar und wenig nachvollziehbar in ihrem Handeln geschildert. Weil mich das ewige Hin und Her zwischen Rebecca und Wern nach einer Weile nur noch nervt. Und weil ich wenige Tage zuvor einen Roman über den Zweiten Weltkrieg gelesen habe, der von so überragender Qualität war (Ein Held in dunkler Zeit), dass mir die Schwächen von „Der Letzte von uns“ leider ganz besonders deutlich wurden.  

 {unbezahlte Werbung}

 

Sabrina Grementieri

Eine Liebe in Apulien

 

·         Taschenbuch: 352 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956497971

 

 

Schön, einfach nur schön

 

In letzter Zeit hatten sich mehrere Bücher aus dem Mira-Verlag auf den Weg zu mir gemacht, und alle waren, wie auch das vorliegende Buch, so leicht lesbar, dass man wunderbar in die Geschichten eintauchen konnte. Romane wie dieser hier passen zu warmen  Sommerabenden, an denen man sich nicht mit belastenden, schwierigen Texten herumschlagen möchte, sondern sich zurücklehnen und einfach nur unterhalten lassen möchte. 

Viola, arbeitslose Innenarchitektin, frisch getrennt von ihrem untreuen Freund, muss nun auch noch den Tod ihrer geliebten Großmutter verkraften. Da erfährt sie, dass ihre weitsichtige Großmutter ihr das wunderschöne, aber sehr heruntergekommene Anwesen in Apulien vererbt hat,  verbunden allerdings mit einigen Auflagen. Viola hat Ideen, packt die Aufgabe tatkräftig an, bekommt Hilfe von Aris, einem gut aussehenden, aber sehr verschlossenen Handwerker  - aber dann geschehen unerklärliche Anschläge und Unglücksfälle, und Viola bekommt zu spüren, dass sie nicht bei allen in der Gegend willkommen ist. 

Natürlich ist die Geschichte vorhersehbar, natürlich werden reichlich Klischees bedient, aber dennoch hat das Buch im Gesamten eine so positive Ausstrahlung, dass man es nicht zur Seite legen möchte. Man spürt die Wärme des Südens, man riecht die Meerluft, man wird geradezu überschwemmt von den Farben der reich blühenden Pflanzenwelt.. Es gelingt der Autorin durch ihre intensiven Landschaftsschilderungen, im Leser ein Gefühl des Urlaubs, leicht und frei, zu wecken. Aber auch die Charaktere werden so dargestellt, dass man sich ihnen nahe fühlt, dass man gespannt teilhat an dem, was sie denken, fühlen und tun, was ihnen geschieht. Insgesamt ist das Buch ein wohltuendes Leseerlebnis, wunderbar geschrieben und die Leserseele wärmend. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Christian Hardinghaus

Ein Held dunkler Zeit

 

·         Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958901193

 

 

Lesen Sie dieses Buch!

 

Als ich las, dass der Autor des vorliegenden Buches Historiker ist, machte sich in mir die Befürchtung breit, dass das Buch mühsam zu lesen sein würde, vielleicht trocken oder belehrend geschrieben. Dass ich jedoch tatsächlich einen mitreißenden, emotional aufwühlenden, spannend-lebendig geschriebenen Roman lesen durfte, war eine wunderbare Überraschung!

 

Es wird eine tatsächlich geschehene Geschichte in die Romanwelt versetzt, mit allen Zutaten versehen, die einen guten Roman ausmachen, und zusätzlich mit vorsichtiger Fantasie und gnadenloser, präzise recherchierter Zeitgeschichte unterlegt. Dass diese Kombination so genial gelungen ist, lässt für mich das Buch zu einem der herausragenden Leseerlebnisse werden.

Der Augenarzt Wilhelm Möckel erzählt selbst, wie er die Halbjüdin Annemarie kennen und lieben lernt und sich schließlich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht meldet, da er hofft, durch Erringen besonderer Verdienste zu ermöglichen, dass Annemarie als deutschblütig anerkannt wird und ihr und den Kindern Max und Martin somit alle bislang verweigerten Rechte zugestanden werden. In den geschilderten Kriegsjahren an der Front erweist sich Wilhelm als ein geradezu wagemutiger Mensch, der sich mit großem Können und unermüdlichem Einsatz um die Verletzten kümmert. Erzählt werden diese Jahre an der Front von Friedrich Tönnies, dem jungen Sanitätsgehilfen, der sich freiwillig als Bursche Wilhelm unterstellen lässt und zu seinem treuen Freund wird.

 

Das Buch hält für den Leser eine Achterbahn der Gefühle bereit. Wir sind angerührt von der Liebesgeschichte zwischen Annemarie und Wilhelm. Wir erschauern, wie zunehmende Judenfeindlichkeit langjährige Freundschaften zerreißt und Spitzeltum um sich greift. Wir sind gelähmt vor Entsetzen über das Menschenschlachten an der Front. Wir sind dankbar, wenn sich mitten im Kugelhagel etwas Menschlichkeit findet. Und weinen über den ertrinkenden Hund Norka. Christian Hardinghaus schreibt klar, schnörkellos, ohne jegliches Pathos, und genau damit packt er den Leser, zieht ihn ins Buch, ins Geschehen, in ein Stück Zeitgeschichte und lässt ihn bis zum Schluss und darüber hinaus nicht mehr los.

Viel gäbe es noch über das Buch zu erzählen. Aber ich kürze ab mit dem Satz, den ich nur ganz selten schreibe: Auch wenn Sie dieses Jahr nur ein einziges Buch lesen wollen - lesen Sie dieses Buch! 

 {unbezahlte Werbung}

 

Michelle Marly

Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe

 

 

·         Taschenbuch: 496 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746633497

 

 

Sa ljubow! (Auf die Liebe!)

 

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, blieben mir zwei Wünsche: Noch mehr über Coco Chanel zu erfahren und einen Flakon Chanel N° 5 zu besitzen.

 

Der eindrückliche Prolog lässt uns zurückschauen auf das Jahr 1897. Gabrielle, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, lebt in einem von Zisterzienserinnen streng geführten Waisenhaus in Frankreich. Der Vater hatte sie nach dem Tod der Mutter dort einfach abgegeben. Gabrielle ist neugierig, wissbegierig und voller Sehnsucht, Sehnsucht nach schönen Dingen, vor allen Dingen aber voller Sehnsucht nach Liebe.

 

Dann springen wir unmittelbar in das Jahr 1919. Coco Chanel besitzt bereits ein erfolgreiches Modeunternehmen. Durch ihr untrügliches Gespür für Eleganz und Stil und durch ihre unkonventionellen Ideen erlangt sie Berühmtheit. Als jedoch die Liebe ihres Lebens Boy Capel bei einem entsetzlichen Autounfall stirbt mit nur 38 Jahren, erlahmt jegliche Schaffenskraft. Coco verschließt sich vor der Welt und versinkt in Lethargie. Erst nach einer quälend langen Zeit der Trauer erinnert sie sich an den ursprünglich mit Boy zusammen entwickelten Plan, ein besonderes Parfüm zu entwickeln. Und genau diesen Plan beginnt sie akribisch zu verfolgen: Sie möchte einen ganz besonderen Duft, den Duft der Liebe, in Erinnerung an ihren Geliebten kreieren.

 

Das Buch beschreibt den nur kurzen Zeitraum von 1919 bis 1922. Und doch hat man das Gefühl, als sei das gesamte Lebensgefühl der Belle Epoque in das Buch eingefangen worden. Ein Lebensgefühl und eine Welt, Coco’s Welt, geprägt von zahlreichen Liebesaffären, von Begegnungen mit Ausnahmekünstlern wie Jean Cocteau, Igor Strawinsky, Pablo Picasso, und vor allen Dingen von intensiven Freundschaften  zu zahlreichen aus Russland emigrierten Angehörigen der Zarenfamilie wie zum Beispiel zum russischen Großfürsten Dimitri Pawlowitsch Romanow und seiner Schwester Marija Pawlowna Romanowa. Streckenweise brachte mich das Buch dem damaligen russischen Lebensgefühl sehr viel näher als dem französischen. Überhaupt besticht das Buch durch die mit viel Feingefühl und Sensibilität beschriebenen Schilderungen der menschlichen Begegnungen über Stand und Herkunft hinweg. Die aufwändige Recherche der Autorin führte zu der Gewissheit, dass es nur sehr wenige verlässliche Angaben zu Coco Chanel gibt. Umso höher ist die schriftstellerische Leistung von Michelle Marly zu bewerten, die einen solch dichten und intensiven Roman schuf, so nahe der historischen Wirklichkeit wie möglich, aber atmosphärisch gekonnt ausgeschmückt und damit mit Begeisterung zu lesen. Dass der Mensch Coco Chanel nach Lektüre des Romans immer noch in gewisser Weise ein Mysterium bleibt, ist nur vordergründig bedauerlich, denn indem das Buch mit der Entwicklung des Parfüms Chanel N° 5 der alles überdauernden Liebe ein geniales Denkmal setzt, verrät es ganz ohne Worte alles über das innerste Wesen von Coco Chanel.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Tanja Wekwerth

Das Leben ist ein Seidenkleid

·         Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671637

 

Zum Träumen schön

 

Maja, alleinlebend, verträumt und sensibel, ist Änderungsschneiderin und Verkäuferin in der Damenbekleidungs-Abteilung eines Kaufhauses. Ihre hartherzige, gefühllose Vorgesetzte macht ihr das Leben schwer. Maja sitzt nächtelang über ihren Modeskizzen und schneidert besondere Kleider, erweckt Stoffe sozusagen zum Leben und hat ein unträgliches Gefühl für das „richtige“ Kleidungsstück für den „richtigen“ Menschen. Der Kaufhausalltag mit all der hässlichen Massenware macht Maja immer unglücklicher, trotzdem fehlt ihr der Mut und auch das Geld, um sich selbständig zu machen. Um ihre Kasse aufzubessern, fährt Maja am Wochenende Mittagessen für Senioren aus, wobei sie auch diese Arbeit mit viel Herz ausführt. Bei einer dieser Fahrten lernt sie Leonhard kennen, einen sehr traurigen und klugen alten Herrn. Die beiden freunden sich an, Maja fühlt sich von Leo verstanden und gewinnt mehr und mehr Selbstvertrauen, bis das Schicksal brutal zuschlägt… 

Die Autorin schreibt gefühlvoll, oftmals geradezu poetisch, niemals larmoyant. Die Protagonisten sind so individuell besonders und liebenswert dargestellt, dass man sich als Leser in ihrer Gesellschaft wohlfühlt und voll Verständnis und Einfühlungsvermögen der Geschichte folgen mag. Der Roman ist wunderbar zu lesen, man taucht ein in die Welt der glücklichmachenden Kreativität, man meint fast die Sprache der Stoffe hören. Man erlebt aber auch in nachvollziehbarer Weise das Zaudern, die Unsicherheit, die Angst, die Maja so lange schon davon abhält, zu ihrer eigentlichen Bestimmung zu finden. Und man erlebt, wie erst im gelingenden sozialen Miteinander Träume Wirklichkeit werden können. Ein schönes, zu Herzen gehendes Buch, leicht, aber nicht seicht, und lange nachwirkend. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Manuela Inusa

Der zauberhafte Trödellad

 

Taschenbuch: 336 Seiten

·        Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3734106255

 

 in Buch wie ein Sahnebonbon

 

Seufzend beende ich die Lektüre – was für ein schönes zu Herzen gehendes Buch!

 

Die 24-jährige Ruby hat von ihrer verstorbenen Mutter einen kleinen Antiquitätenladen in der Valerie Lane Street übernommen. Trotz aller Liebe, die sie in diesen Laden hineinsteckt und trotz des intensiven Gefühls, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Vorgeschichte der Räume verpflichtet zu sein, bleibt Ruby finanziell erfolglos. Die anderen Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane unterstützen sie, wo es nur geht, aber es scheint doch der Zeitpunkt zu kommen, an dem Ruby sich ernsthaft überlegen muss, wie ihre Zukunft aussehen soll…

Es war für mich das erste Buch der Autorin, und es war für mich eine Entdeckung in einem Genre, das ich bisher eher selten gelesen habe. Nach wenigen Seiten bereits fühlte ich mich den Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane Street zugehörig und nahm Anteil an ihrem Klatsch und Tratsch oder arbeitete mit ihnen an ihren Ideen. Vor allen Dingen aber fühlte ich mich zwischen ihnen und ihrer Gabe zur bedingungslosen Freundschaft sehr wohl und aufgehoben. Ruby wuchs mir ebenso ans Herz wie ihr durch großen Schmerz seltsam gewordener Vater oder wie Gary, der Obdachlose mit den traurigen Augen.  Die Autorin schreibt so herzerwärmend, dass sich im Leser ein wohliges Gefühl ausbreitet. Natürlich gibt es die beschriebene heile Welt nicht. Aber manchmal tut es einfach nur gut, dieser mit leichter und gekonnter Hand erzählten romantischen, gefühlsbetonten Geschichte zu folgen und sich mit diesem Buch ein paar Stunden Leichtigkeit und Wärme zu gönnen, so wie man sich auch einmal der Süße eines Sahnebonbons hingibt. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Tania Schlie

Der Duft von Rosmarin und Schokolade

 

       Taschenbuch: 304 Seiten

       Verlag: MIRA Taschenbuch

          ISBN-13: 978-3956497810

 

 

Kein Buch für die Fastenzeit

 

Sind Sie gerade dabei abzunehmen? Oder haben Sie den festen Vorsatz, während der Fastenzeit auf so manchen Genuss verzichten zu wollen? Dann kaufen Sie dieses Buch,  verstecken es ganz hinten im Bücherregal und holen Sie es erst wieder hervor, wenn Sie offen sind für Genuss, für das Schwelgen in Spezialitäten, in Gewürzmischungen  und deren exotischen Gerüchen, in allerlei Schleckereien …

Maylis Klinger arbeitet zuverlässig und fleißig in dem alteingesessenen Feinkostgeschäft Radke. Eigentlich ist Maylis eine großartige Köchin mit viel Gespür für das wirklich Gute, aber nachdem ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen verlassen hatte, lebt sie von Fastfood und kümmert sich nicht mehr um sich selbst. Da sie jedoch ihre recht unterschiedlichen Kunden großartig beraten kann und von diesen sehr geschätzt wird, möchte ihr Chef ihr das Geschäft eines Tages überschreiben. Doch Maylis ist sich unschlüssig, wohin ihr Weg sie führen soll…

 

Tania Schlie schreibt so intensiv bildhaft und mit allen Sinnen, dass man die teils skurrilen Kunden plastisch vor Augen hat. Man hat das Gefühl, selbst mitten im Laden zu stehen und an den lebendigen Gesprächen teilzunehmen, man glaubt, schnuppernd durch den Laden zu laufen, die unterschiedlichen Käsesorten zu kosten, von Marmeladenkreationen zu naschen und sich von Maylis‘ Rezeptvorschlägen inspirieren zu lassen. Die Autorin hat einen sinnlichen und rundum positiven Genuss- und Wohlfühl-Roman geschrieben, den zu lesen einfach nur guttut. Der Roman ist warmherzig, lichtbringend, vergnüglich und unterhaltsam. Mir kommt das Buch vor wie eine Aquarellzeichnung: zart, hingetuscht, ineinanderfließende Schattierungen, ohne jegliche Härte. Wunderbare leichte Unterhaltung.

 {unbezahlte Werbung}

 

Eva Völler

Tulpengold

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3431040845

 

 

Reiche Welt der Bilder

 

 

Amsterdam, 1636. Im Hause des Malers Rembrandt von Rijn zieht als neuer Maler-Lehrling Pieter ein. Pieter ist ein ungewöhnlicher Mensch, heutzutage würde man ihm wohl das Asperger-Syndrom bescheinigen. Er nimmt alles wortgenau, bedenkt seine Antworten sehr lange, hat wenig Zugang zu Gefühlen und besitzt nicht nur großer Mal-Talent, sondern auch eine tiefe Begeisterung für alles, was sich mit mathematischen Formeln berechnen lässt.

 

Es ist die Zeit der Tulpen-Mania. Die Preise für Tulpenzwiebeln steigen und steigen, auch Rembrandt lässt sich davon anstecken. Bereits am ersten Tag seiner Lehrzeit sieht Pieter, wie ein Tulpenhändler auf dem Markt zusammenbricht und stirbt. Bleiwasser-Vergiftung! Im Laufe der Geschichte sterben weitere Tulpenhändler, allesamt Kunden von Rembrandt. Insofern gerät Rembrandt sehr schnell unter Verdacht. Pieter jedoch stellt ganz andere Berechnungen an… 

 

Historische Romane sind normalerweise nicht das von mir bevorzugte Genre. Oftmals sind sie überfrachtet mit Wissensvermittlung, mit Darstellungen von recherchiertem Wissen, und die Lesefreude tritt dadurch in den Hintergrund.

 

Ganz anders bei Eva Völler! Sie schreibt unglaublich bildhaft und fesselnd. Man spürt ihre gründlichen und intensiven Nachforschungen und Vorbereitungen, aber nicht anhand von theoretischem Beiwerk, sondern all ihr Wissen fließt ein in eine Bilderwelt, die sie gekonnt vor uns Lesern ausbreitet. Ich sah fasziniert Rembrandt über die Schulter, wie er besessen malte. Ich stand mit Pieter in der Kneipe und sah den biertrinkenden und diskutierenden Tulpenhändlern zu. Ich sah mit dem klaren und wohlwollenden Blick der Autorin einen Ausschnitt der Welt im 17. Jahrhundert, die Welt der Kunst, aber auch der Gefahren, der Habgier, der Eifersucht und immer wieder die Welt der Farben, des künstlerischen Arbeitens, oftmals nur um überleben zu können. Ich lernte Menschen aus dieser Zeit kennen, sympathische und unsympathische, wunderbar fein beschrieben in ihrem individuellen So-Sein. Der Leser wird dank der Autorin schnell vertraut mit ihnen, leidet mit ihnen, bewundert sie, hofft mit ihnen. Und so verführt uns Eva Völler, ohne dass wir es merken, in diesen besonderen Zeitabschnitt in Amsterdam, sodass wir uns beinahe als zugehörig empfinden und völlig das oftmals so als dröge belastete Wort „historisch“ vergessen. Dass auch gleichzeitig die Aufklärung mehrerer Morde zusätzlich Spannung in das Buch bringt, ist für mich ein dankbar angenommenes  Beiwerk.

 

Fazit: Ein spannend zu lesender, farbig-lebendig geschriebener Roman, der mir einen intensiven und plastischen Einblick in einen mir bislang fernen Zeitabschnitt und in die damalige Welt der Kunstschaffenden gewährte. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Petra Hartlieb

Wenn es Frühling wird in Wien

Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

ISBN-13: 978-3832198480

 

 

Klein und sehr fein

 

 

Wien, 1912. Im Haushalt von Arthur Schnitzler lebt Marie als Kindermädchen. Marie stammt aus einfachsten Verhältnissen, hat wenig Bildung, aber sie ist neugierig und hat vor allen Dingen, so jung sie auch ist, Herzensbildung. Die ihr anvertrauten beiden Kinder von Arthur und Olga Schnitzler betreut sie sehr liebevoll. Durch Zufall begegnet sie Oskar, einem mittellosen Buchhändler, und durch ihn lernt sie die Welt der Bücher, des Lesens, der Buchhandlungen kennen. Das zarte Pflänzchen der Zuneigung wächst…

 

Wir dürfen in diesem zauberhaften Buch durch das Schlüsselloch schauen in die Zeit der Belle Èpoque in Wien, in den durchaus herrschaftlich geführten Haushalt von Arthur Schnitzler und seiner Familie. Und wir schauen auch auf das klaglose Leben der Dienstboten. Ich war hingerissen von der Fähigkeit des Staunens bei Marie, von dem arbeitsamen, aber gerechten Miteinander im Hause Schnitzler. Ich erlebte mit ihnen intensiv  all ihre kleinen und großen Erlebnisse, ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre Unsicherheiten und Glücksgefühle. Und ebenso hingerissen war ich von den Schilderungen der Welt der Wiener Buchhandlungen in jener Zeit und der Liebe zu Büchern, von der Verführung zum Lesen.

 

Petra Hartlieb schreibt unaufgeregt und fein beobachtend. Und noch viel wichtiger: sie schreibt mit dem Herzen. Der Leser entwickelt ganz konkrete innere Bilder beim Lesen, und das liegt nicht nur an der bildhaften Erzählweise, sondern auch an der sorgfältigen Recherche-Arbeit der Autorin, die ganz unauffällig in den Text hineinfließt, ihn aber so authentisch macht.

Fazit: Ein liebevoll gezeichnetes kleines und sehr feines Zeitbild, das hoffentlich eine Fortsetzung erfährt. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Monika Detering

Der Sommer des Raben

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 200 Seiten

Verlag: edition oberkassel

ISBN: 978-395813-1170

 

 

 

Ein Buch wie Bitterschokolade

 

 

 

Es fällt mir schwer, diesem kleinen großen Roman gerecht zu werden.

 

Da gibt es eine klare Handlung: Felix stirbt durch einen unglücklichen Unfall und Siri, seine Lebensgefährtin, erlebt die dunkelste Zeit ihres Lebens. Sie flieht in ohnmächtiges Verharren, lässt andere bestimmen, gewährt dem inneren Stillstand und aufblitzenden Erinnerungsbildern sehr viel Raum. Schließlich nimmt sie, von Beruf Agentin für Puppenexponate, die von Felix begonnene Suche nach der Raben-Marionette Havran aus der weltberühmten tschechischen Werkstatt Spejbl & Hurvinek wieder auf, und mit dieser geradezu besessenen Suche beginnt sich auch ihr inneres Leben wieder in Bewegung zu setzen.

 

Mir war beim Lesen dieses Buches meistens kalt. Die beschriebene Trauer fiel mich an wie eine plötzliche Erkältung. Und Siri’s ergebenes Stillhalten ließ auch mich erlahmen. Die sehr detailgenau erzählte Welt der Marionetten war einerseits faszinierend, andererseits blieben die Puppen und Marionetten und Raben im gesamten Buch leblos. Ursprung und Besitz, ja – aber an keiner Stelle des Buches wurden sie zum Leben erweckt, nahm sich ein Puppenspieler ihrer an und hauchte ihnen Persönlichkeit ein. Und so fühlte ich mich auch beim Lesen: An den Fäden der Autorin hängend, ihrer erzählten Geschichte folgend, aber ohne eigenes Leben. Hingerissen von ihrem intensiven, feinsinnigen Schreibstil, in dem sich eine nüchterne, fast abgehackte Schreibweise mit Stellen von lyrischer Schönheit abwechselt. Übrig bleibt mir vom Buch der Geschmack von Bitterschokolade – süß und bitter gleichermaßen.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Ralf H. Dorweiler

Das Geheimnis des Glasbläsers

Taschenbuch: 576 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3404176274

 

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren

 

 

 

Besser geht nicht

 

Anno Domini 1452 bekommt Kaiser Friedrich III. im Heiligen Römischen Reich als Geschenk anlässlich seiner Hochzeit Glas geschenkt, durchsichtig wie Wasser. So etwas Reines hatte er noch nie gesehen, denn bislang gab es nur grünliches Waldglas. Er entsendet Simon den Glasbläser nach Venedig, damit er ihm von dort die geheime Rezeptur des Kristallglases bringt.  Begleitet wird der etwas unbedachte Simon von Ulf, einem sanften Riesen mit schlichtem Gemüt, und der Eselin Lilly. Nach einer gefahrvollen Reise über die Alpen und nach Ankunft in Venedig warten eine Fülle weiterer gefährlicher Abenteuer auf Simon und Ulf. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen, eine Bordellbesitzerin erweist sich als ungewöhnlich hilfreich und ein wunderschönes Mädchen lässt Simon fast seine eigentliche Mission vergessen. Die Schlacht um Konstantinopel bringt die entscheidende Wende…

Historische Romane gibt es unzählige. Dick sind sie meistens. Mal mehr mal weniger gut recherchiert sind sie. Mal mehr mal weniger gut lesbar sind sie. Sie werden geliebt, weil man als Leser abtauchen kann in eine Zeit, die es wirklich gab, die aber für den Leser so fern ist wie eine fremde Galaxie. Noch nie jedoch habe ich bisher je einen historischen Roman gelesen, der mich so atemlos machte, der mich fiebernd Seite um Seite verschlingen ließ, der mich aufs Intensivste um die Protagonisten zittern ließ, der mich ins Schlachtgetümmel schickte, dass mir Hören und Sehen verging und mich schließlich völlig erschöpft das Buch schließen ließ in der Gewissheit, dass der Kampf um Geld und Macht ein sinnloser ist.

 

Ich bin hingerissen von der Faszination dieses Buches, vom kraftvollen Schreibstil des Autors, der mich mit allen Sinnen das Geschehen miterleben ließ, als sei ich dabei. Ich bin begeistert von der farbenprächtigen fulminanten Geschichte:  Märchen, Abenteuer, Historie perfekt miteinander verwoben. Großartig, wie es dem Autor gelungen ist, sorgfältigste Recherche-Arbeit so direkt in die Handlung einfließen zu lassen, dass das Buch nicht eine einzige Zeile der besserwisserischen Langeweile enthält. Für mich ist dieser historische Roman der spannendste und lebendigste, den ich je gelesen habe. 

 {unbezahlte Werbung}

 

Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608981230

 

 

 

Reise ohne Ankunft

 

  

1942 torpediert ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff, auf dem sich der 27-jährige Ulrich Alexander Boschwitz befindet. Boschwitz wird dabei getötet. Am Körper trägt er sein zuletzt verfasstes Manuskript. Der Herausgeber Peter Graf beschreibt in seinem bewegenden Nachwort, wie das unbearbeitete Typoskript „Der Reisende“ als eines der frühesten literarischen Dokumente der deutschen Gräuelzeit zu ihm fand, ein Manuskript, in dem der junge Boschwitz in nur 4-wöchiger Niederschrift Teile seiner eigenen Familiengeschichte eingearbeitet hatte als Versuch, gegen die Ohnmacht anzuschreiben.

 

Hilflos  muss der jüdische Kaufmann Otto Silbermann zusehen, wie sein bisher durchaus behagliches Leben innerhalb von Minuten aus den Angeln gehoben wird. Die Novemberprogrome zwingen ihn, von jetzt auf gleich aus seiner Wohnung, aus seinem gewohnten Leben zu fliehen und nicht nur seine arische Frau, sondern auch alle Insignien des Wohlstands zurückzulassen. Ein letztes Geschäft mit seinem windigen Geschäftspartner, einem Spieler, bringt ihm eine Aktentasche voll Geld. Doch wo soll er nun hin, mit seiner Aktentasche? Bleiben, egal wo, ist für Silbermann nicht mehr möglich. Unterwegs muss er sein, immer unterwegs. Und so fährt er in Zügen kreuz und quer durch Deutschland, seine Pläne immer wieder verwerfend und die Reiserichtung wieder und wieder ändernd. Seine von uneingestandener Angst getriebene Ruhelosigkeit führt zu absurden Handlungen. Phantasien, Kindheitserinnerungen, Mutmaßungen durchsetzen sein Denken. Es ist ein Herumdenken an Unwesentlichem, das seine ratlosen Zögerlichkeiten unterstreicht.  Er begegnet Menschen aller Ausprägung in diesen Zügen, er beobachtet sie, führt merkwürdige Gespräche, bildet sich eigenwillige Urteile und hat doch letztlich nur eines im Sinn: sich selbst und seine Flucht nach nirgendwo.

  

Unfassbar, dass der Autor zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches erst 23 Jahre alt war. Das Buch ist ein reifes, ein eindringliches Zeitdokument. In größter Intensität wird anhand der nicht endenden Reise des Otto Silbermann ein Karussell der Ausweglosigkeit geschildert, ein Zustand von Ratlosigkeit, ja Fassungslosigkeit, von Misstrauen und  angstvoller Planlosigkeit, von uneingestandenem Entsetzen. Die Eindringlichkeit, in der der Autor schlicht-beobachtend, geradezu nüchtern erzählt, lässt den Leser bis ins Tiefste erschauern und so eine Ahnung bekommen von einer Zeit, in der das immanent Böse im Menschen offen zutage trat.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

 Eva Stachniak

 Die Schwester des Tänzers

 Taschenbuch: 570 Seiten

 Verlag: Insel Verlag

 ISBN-13: 978-3458363101

 Originaltitel: The Chosen Maid

 

  

 

Ein historischer Roman in Perfektion

 

 

 

Wenig Ahnung hatte ich von klassischem Ballett. Ich wusste auch nicht viel über die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland, schon gar nicht über das Leben der Künstler dort zu dieser Zeit. Nach Lektüre des Romans glaube ich, ein klein wenig mehr zu verstehen von Ballett und freiem Tanz, aber auch vom ballettverrückten Russland in seinem politischen Hin- und Hergeworfen-Sein Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Buch regte mich zu weiteren Nachforschungen an, insbesondere die vorhandenen Filmsequenzen des Nijinski-Balletts, die filmischen Dokumente von Waslaw und Bronislawa Nijinky, zeigten mir, wie perfekt es Eva Stachniak gelungen ist, das Ringen um künstlerischen Ausdruck im Roman erfahrbar zu machen.

 

Für die Wiedergabe des Buchinhalts benötigt man eigentlich mehrere Seiten, ich versuche es mit einem einzigen Satz: Während der Überfahrt nach Amerika im Jahr 1939 hält die international renommierte Ballerina und Choreographin Bronislawa Nijinsky Rückschau auf ihr bisheriges sehr bewegtes Leben.

 

Wir erleben die Kindheit und Jugend der Bronislawa Nijinsky im Schoß ihrer ballettverrückten Familie,  ihren mühevollen künstlerischen Werdegang, lange im Schatten ihres berühmten und exzentrischen Bruders Waslaw stehend. Wir erfahren vom  hohen künstlerischen Anspruch, vom Ringen um die „richtigen“ Bewegungen, vom  Wandel vom klassisch strengen Ballett hin zum freien Ausdruckstanz. Wir erleben die politisch wechselvollen Zeiten von 1900 bis 1939, nicht nur in Russland, und die teils verheerenden Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen. Wir reisen von Petersburg ausgehend durch die Welt, wir begegnen großen Künstlern der Zeit und erleben hautnah das verzweifelte Kämpfen um ein gelingendes Leben trotz vieler schwerer Schicksalsschläge. Bronislawa Nijinsky lernen wir kennen als schicksalsergeben, liebevoll und bescheiden einerseits, als begnadete Künstlerin mit großen Visionen, stark und eigenwillig andererseits.

 

Eva Stachniak hat als Grundlage für diesen Roman die Early Memories der Tänzerin und eine Fülle an biographischem Material, archiviert in der Kongressbibliothek, Washington, herangezogen. Entstanden ist ein Roman, wie er intensiver, farbiger und bewegender gar nicht sein könnte. Zwar bleibt die Ich-Erzählerin Bronislawa als Mensch nicht wirklich greifbar, nur selten schimmern ihre eigenen Gefühle durch. Aber genau dadurch erleben wir quasi durch ihre Augen unverfälscht ihre Sicht auf die Welt, ihr reiches, gefeiertes, aber auch tragisches, entbehrungsreiches Leben in einer höchst wechselvollen Zeitgeschichte, hinreißend erzählt. Ein historischer Roman in einer großartigen Mischung aus historischer Wahrheit und schriftstellerischer Fantasie.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Sarah Dunant

Die letzte Borgia

Broschiert: 522 Seiten

Verlag: Insel Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3458363194

 

Originaltitel: In the Name of the Family

 

 

 

 

Ein Buch wie eine Gemäldegalerie

 

 

Ich fühlte mich beim Lesen des Buches wie die Besucherin eines Museums mit historischen Gemälden, mit geschönten oder entlarvenden Konterfeis sich bedeutend fühlender Persönlichkeiten. Ich sah die Gemälde an und ging weiter – und nichts davon berührte mich. Zwar bewunderte ich die Kunst des Malers, aber von den Personen erfuhr ich nur Äußerlichkeiten. Ich erfuhr vom modischen Schnitt geschlitzter Ärmeln vielleicht etwas oder ich sah feinste lederne Handschuhe für feingliedrige Hände vor mir. Doch die Menschen, ihre innersten Beweggründe, ihre Sehnsüchte und Träume, ihre wahren Gefühle blieben mir lesend verborgen.

 

 

 

Erzählt wird uns vom schillernden Leben der Lucrezia Borgia, der unehelichen Tochter des Papst Alexander. Auch wenn der Fokus auf Lucrezia liegt, so holt doch Sarah Dunant erzählend weit aus, um die Komplexität der Familienverbandelungen der Borgias einigermaßen transparent zu machen. Macht und Habgier, Intrigen, Gerüchte, Mord und Orgien, aber auch Schönheit und Liebe – nichts wird ausgespart in diesem farbigen mittelalterlichen Bilderbogen. Lebendig geschrieben, fesselnd erzählt. Aber mich nicht wirklich berührend.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Nickolas Butler

Die Herzen der Männer

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608983135

 

 

Literarische Herzsuche

 

 

 

„Die Herzen der Männer“ – ja, sie sind zu finden in diesem Buch. Man bahnt sich 480 Seiten lang schier endlos scheinende Wege durch einen Urwald von Gewalt, von Abwehr und gnadenloser Härte. Und während man sich innerlich bereits abgewendet hat, entrüstet oder angeekelt ist, blitzt es plötzlich hervor, so ein Männerherz, so weich, so verletzlich, dass es den Leser im Tiefsten berührt.

 

 

Zentrum des Geschehens, der Rote Faden im Buch,  ist ein Pfadfinder-Lager in Wisconsin. Im Jahr 1962 lernen wir Nelson kennen, einen traurig-einsamen Jungen, dessen Intelligenz und Perfektionsdrang seine gesamte Umwelt auf Abstand hält oder sie herausfordert zu Quälereien sondersgleichen. „Ich muss klüger sein als die.“ Mit diesem Ansporn rückt er noch weiter weg von den anderen. Er ist auf eine ganz altmodische Weise ganz und gar rechtschaffen. Alle Prügel seines Vaters konnten daran nichts ändern. Jonathan ist der einzige Jugendliche, der auf versteckte und doch tröstliche Weise zu Nelson hält.

 

1996, gute 30 Jahre später leitet Nelson, der im Vietnamkrieg im Einsatz gewesen war, das Pfadfinder-Lager. Jonathan’s Sohn Trevor nimmt daran teil. Im Verlauf dieses Lageraufenthaltes lernt Trevor seinen Vater von einer Seite kennen, die seine heile Familienwelt-Vorstellung brutal zerstört.

 

2019 befinden wir uns wieder im gleichen Pfadfinder-Lager, in dem der alte Nelson inzwischen dauerhaft lebt. Dieses Mal lernen wir Thomas kennen, den Sohn von Trevor. Die moderne Zeit lässt das Pfadfinder-Leben fast lächerlich wirken. Das Ende dieses Sommer-Camps ist symbolhaft…

 

Die unglaublich intensive Sprache des Autors fängt den Leser ein und lässt ihn nicht mehr los. Sie trägt den Leser zum Beispiel durch die grenzenlose Einsamkeit eines Nelson, ohne Chance des Entkommens. Oder durch in Rückblicken angerissene Szenen vom  Krieg, von erlittenen Grausamkeiten, die von den Vätern unreflektiert hart an die Söhne weitergegeben werden. Man möchte sich abwenden, will nichts mehr lesen vom schicksalhaften Gefangensein in liebloser Strenge. Man hat genug von den verzweifelten und letztlich vergeblichen Bemühungen, ein wenig Glück zu erhaschen. Aber die Sprache lässt dieses Abwenden nicht zu. Mitten im  Berichten abscheuungswürdigen Geschehens gibt es plötzlich Naturschilderungen von atemberaubender Schönheit oder eingestreute kleine Momentaufnahmen aufblitzenden liebenden Verstehens, winzige Augenblicke nur. Aber dennoch sind es Blicke mitten ins Herz, in das Herz von Männern, in vom Leben beschädigte, verletzte Seelen.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Cornelia Wriedt

Altes Haus und neues Glück

Taschenbuch: 311 Seiten

Verlag: Independently published

ISBN-13: 978-1973169932

 

 

Nett erzählt, aber…

 

 

 

Allem voran: Es handelt sich um ein Buch, in dem es nur so wimmelt von Rechtschreibfehlern, Satzzeichenfehlern, Grammatikfehlern. Und dazu noch zu einem Fehler in der Satzherstellung, nämlich merkwürdige Unterstriche und/oder Striche an der Zeilenaußenseite. Das gesamte Buch wirkt dadurch unlektoriert, unkorrigiert und schlampig gemacht. Muss das wirklich sein?

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Alexandra hat ihre Wohnung in Berlin gekündigt, ihre Stelle aufgegeben und ein kleines Häuschen in der Prignitz gekauft, in Erwartung, dort mit ihrem Freund leben zu können. Der Freund fährt sie hin, bricht einen Streit vom Zaun und lässt sie wenige Stunden später zwischen ihren Taschen und Kartons sitzen. Ein vergeblicher Versuch, den Hauskauf rückgängig zu machen und die zunehmende Erkenntnis, dass ihr Freund sie nur benutzt hatte, lässt sie langsam begreifen, dass sie – zumindest vorerst – keine andere Wahl hat, als sich halbwegs wohnlich einzurichten, insbesondere da sie nahezu mittellos dasteht. Die Zeit vergeht und Alexandra lernt nach und nach hilfreiche Menschen kennen, bekommt einen Job und nahezu unbemerkt von ihr selbst beginnt sie, ihr Leben in der ländlichen Abgeschiedenheit lieb zu gewinnen. Doch dann geschieht Einiges, das alles in Frage stellt…

  

Eine nette Geschichte, zusammengesetzt aus teils recht unglaubwürdigen Komponenten, nett erzählt, nett zu lesen – gäbe es nicht diese unselige Fehlerflut! Die vergrault auch den wohlwollendsten Leser.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Ulrike Renk

Die Jahre der Schwalben

Taschenbuch: 560 Seiten

Verlag: Aufbau Taschenbuch

ISBN-13: 978-3746633510

 

 

Zeitgeschichte gut lesbar verpackt

 

Leider kenne ich den ersten Band „Das Lied der Störche“ nicht. Das machte mir zwar keine Probleme beim Einstieg in den Roman „Die Jahre der Schwalben“, aber ich hätte im Nachhinein doch sehr gerne mehr über die Geschehnisse vor Beginn des zweiten Bandes erfahren, insbesondere da ja die Grundlage der Romane die wahre Lebensgeschichte der Friederike Wilhelmine von Plato und deren Familienmitglieder ist. Das Nachwort der Autorin offenbart, wie klug sie Wahres und Fiktives zusammengefügt hat und wie viel mühsame Recherchearbeit in der Schilderung von Örtlichkeiten und zeitlichen Gegebenheiten liegt. Mein Tip also vornweg: Lesen Sie alle drei Bücher dieser groß angelegten und bewegenden Ostpreußen-Saga!

 

Der vorliegende Band beginnt mit dem Jahr 1930 und endet im November 1944. Frederike’s Mann Ax ist schwer an Tuberkulose erkrankt und stirbt schließlich. Die blutjunge Frederike ist deshalb gezwungen, die Führung des riesigen Gutes Sobotka zu übernehmen, eine schwere Last. Ernsthaftes Pflichtbewusstsein und die für einen so jungen Menschen typischen Lebensträume stehen in stetem Widerstreit. Frederike wählt den Weg der Pflicht und lernt immer mehr, ihren Aufgaben als Gutsherrin gerecht zu werden.  In Gebhard findet sie schließlich den verlässlichen und kompetenten Mann an ihrer Seite. Trotz des Vormarsches der NSDAP, der zunehmenden Zukunftsängste, der Atmosphäre von Misstrauen und Verrat und schließlich der Kriegswirren mit all seiner Not, verliert Frederike letztlich nie die Zuversicht.

 

Das Buch versteht es, den Leser von Anfang bis Ende zu fesseln. Es schildert so detailreich und farbig das Gutsleben und seine Bewohner, dass man das Gefühl hat, das alltägliche Leben mit ihnen zu teilen, mit ihnen zu arbeiten, mit ihnen am Essenstisch zu sitzen und alle stillen, aber auch einschneidenden  Momente des Lebens in direkter Weise mit ihnen gemeinsam zu erleben. Die politische Entwicklung dieser Jahre bewegt die Menschen und wir erfahren, wie blindes und denunziantes Mitläufertum, aber auch geheimer Widerstand wachsen. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft liegt über allem…

 

Das Buch ist ein fesselnder Roman, packend, detailreich, romantisch und realistisch gleichermaßen. Gerade durch die fesselnde Erzählweise wird der geschilderte Zeitausschnitt in seiner brisanten politischen Entwicklung und den Folgen auf das Alltagsleben der Menschen hautnah, geradezu beängstigend nah erfahrbar. Absolut lesenswert!

 

 {unbezahlte Werbung}

 

KJ Weiss

Namenlose Angst

Taschenbuch: 324 Seiten

Verlag: Books on Demand

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3746030067

 

 

Schwere Kost – großartig geschrieben

Das Buch habe ich an zwei Tagen gelesen. Ohne Erholung. Ohne Chance mich zu distanzieren. Ich bin eingetaucht in einen Albtraum, wie er schlimmer nicht sein könnte und wie man es sich als Mensch, der etwas dergleichen nicht erlebt hat, gar nicht vorstellen kann.

Lara Caspary ist eine junge, lebenslustige, unbefangene und tüchtige  Frau. Bis ein psychopathischer Triebtäter sie auf dem Weg zum Auto auf dem Parkplatz in seine Gewalt bringt, sie eine Woche lang festhält und die grausamsten, abstoßendsten und  perversesten Spielchen mit ihr treibt. Lara gelingt schließlich die Befreiung, indem sie den Täter einen Abhang hinunterstößt. Doch damit ist nichts wirklich gewonnen, denn der Täter entkommt und Lara lebt in der Folge wie herauskatapultiert aus ihrem bisherigen Leben und gefangen in  Ängsten und Albträumen, lethargisch-zurückgezogen. Viele Monate später, als eine weitere Entführung geschieht, die eindeutig dem gleichen Täter zugeordnet werden muss, erwacht in Lara eine grenzenlose Wut und damit neue Kraft…

Die Erzählweise in Ich-Form ist klug gewählt, denn damit rückt die Handlung sehr nahe an den Leser heran. Überaus lebendig wird erzählt, in welche dunkle Welten jemand stürzt, dem Gewalt angetan wurde. Alle Facetten des Verletzt-Seins, des Verlusts des Urvertrauens, des Misstrauens in alles und jeden wird so detailliert und ausführlich geschildert, dass man als Leser dem Entsetzen nicht entkommen kann. Man bekommt tiefste Einblicke in eine Seele, die fast zerbrochen wäre am Erlittenen. Dafür lässt die Autorin der Protagonistin viel Raum, man möchte fast meinen zuviel Raum. Denn wer solch ein Trauma nicht erlebt hat und sich nur lesend damit auseinandersetzt, hat Grenzen des Einfühlens, Grenzen des geduldigen Lesens, möchte zupacken, unterstützen, möchte die Handlung und damit die Bewältigung des Entsetzlichen voran treiben. Die Autorin jedoch lässt uns den sehr realistischen Weg einer Begleitung gehen: Das Kreisen um das Geschehene, wieder und wieder, geradezu emotionslos, das Verschließen vor der Welt, vor den Menschen, und wieder neuerliches Kreisen im Erlittenen, als Opfer – das muss der Leser ertragen. Obwohl man sich als Leser unerträglich lange in der zerbrochenen Welt von Lara bewegen muss, liegt über den vielen Seiten eine leise Spannung. Man kann nicht aufhören zu lesen, getrieben von der Hoffnung, dass Lara einen Weg finden wird aus ihrem inneren Gefangen-Sein. Unter welch dramatischen Umständen dieser Weg seinen Anfang nimmt, ahnt der Leser jedoch nicht.

Fazit: Schwere Kost – großartig geschrieben.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Torsten Seifert

Wer ist B. Traven

Gebundene Ausgabe: 269 Seiten

Verlag: Tropen

ISBN-13: 978-3608503470

 

 

 

Ein Schwarz-Weiß-Film in Buchdeckeln

 

 

 

 

 

Zur Einstimmung habe ich mir den alten Schwarz-Weiß-Film „Der Schatz der Sierra Madre“ von aus dem Jahr 1948 angesehen und war einigermaßen überrascht, hinter der Fassade einer Mischung aus Western- und Abenteurer-Handlung die Entlarvung des ewig Gültigen zu finden: Nämlich die Wahl, die dem Menschen grundsätzlich gegeben ist. Entweder der Gier nach Besitz, die vor nichts zurückschreckt, nachzugeben oder einer inneren Bereitschaft zu helfen, vielleicht sogar um jeden Preis, zu entsprechen. Im Buch fehlte mir etwas die Auseinandersetzung mit den Werken von B. Traven. Aber hier hatte ich vielleicht auch falsche Erwartungen.

 

Nun, ich beginne das Buch zu lesen und habe sofort das Gefühl, in einem alten Kino zu sitzen, der dunkelrote Samtvorhang öffnet sich, laute, etwas blecherne  Filmmusik beginnt und auf der Leinwand entsteht Szene um Szene, kurze intensive Sequenzen.

 

Der Film, sorry das Buch, spielt Ende der 1940er Jahre in Hollywood. Leon Borenstein ist ein durchaus erfolgreicher Journalist in Hollywood und erhält von seinem Chef  den Auftrag, sich auf die Suche nach B. Traven zu machen, d. h. dessen Pseudonym zu lüften. In Mexiko wird gerade sein überaus erfolgreicher Roman „Der Schatz der Sierra Madre“ verfilmt, und zwar mit Humphrey Bogart. Zu dieser Filmcrew wird Borenstein entsandt.  Zwar spielt Borenstein durchaus erfolgreich Schach mit Humphrey Bogart, aber über B. Traven erfährt er nichts. Eine neue Spur lockt ihn ins zerbombte Wien, aber auch von dort bringt er keine wirklichen Erkenntnisse mit. Die Rückkehr Borenstein’s nach Mexiko bringt ihm intensive Erlebnisse in vielerlei Hinsicht…

 

Als sich der Samtvorhang wieder schließt und es hell wird im Kino, erwache ich aus dem soeben erlebten wilden Bilderreigen, fühle mich, als käme ich von einer langen Reise zurück, als hätte ich zahlreiche Abenteuer erfolgreich bestanden und wüsste nun endlich etwas mehr als zu Beginn des Films resp. des Buches.

 

Der Roman ist eine gekonnte Mischung zwischen Wahrheit und Phantasie und äußerst spannend zu lesen. Er mäandert zwischen realem, gut recherchiertem Geschehen und erdachter Handlung. Er ist ein Liebesroman ebenso wie ein Abenteurerroman. Es enthält politische Fragen ebenso wie großartige Beobachtungen von Land und Leuten. Man erlebt hautnah die ganz besondere Atmosphäre der Filmwelt Hollywoods. Man sitzt in den übelsten Spelunken ebenso wie in der Stierkampfarena. Es wird uns in intensiven, üppigen Bildern eine Geschichte erzählt, die nicht nur Cineasten in ihren Bann ziehen dürfte. Darauf „un otro tequila, por favor!“

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Sasha Marianna Salzmann

Außer sich

Gebundene Ausgabe: 366 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag

ISBN-13: 978-3518427620

 

 

 

Lesen darf doch keine Qual bereiten?

 

Auf dieses Buch war ich neugierig. Worauf ich jedoch nicht gefasst war: Dass ich allergrößte Mühe hatte. Mehrere Anläufe des Lesens und Weglegens, streckenweiser Faszination, dann wieder kopfschüttelnden Unverständnisses wechselten sich ab. Und so blieb es leider über die Wochen hinweg. Bis ich aufgab… Insofern ist diese Rezension keine Rezension, sondern ein Bericht meines persönlichen Scheiterns.

 

„Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.“

 

Soweit der Klappentext, der mein Interesse geweckt hatte. Was aber fand ich im Buch? Verwirrende Abfolgen von Szenen, aus wechselnden Perspektiven und wechselnden Zeiten geschildert. Es gelang mir nicht, diese kreuz und quer ausgekippten Mosaiksteinchen zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen. Und wer ist Alissa, wer ist Ali, sind sie zwei oder eines? Sind es reale Menschen oder fiktive Selbstbilder? Die Last der politischen Gegebenheiten, des Judentums, des Fremd-Seins im Inneren wie im Äußeren sind weitere Aspekte im Verwirrspiel dieses Buches.

 

Anspruchsvolle Literatur lese ich gerne. Für dieses Buch jedoch bin ich offensichtlich nicht klug genug. Das Lesen war eine Qual. Und für diese Qual ist mir meine Lebenszeit zu kostbar.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Petra Schier

Kleiner Streuner, große Liebe

Taschenbuch: 304 Seiten

Verlag: MIRA Taschenbuch

ISBN-13: 978-3956497513

 

 

Zauberhafter Weihnachtszauber

 

Ein halb verhungerter, kleiner Hund, von seiner bisherigen Pflegefamilie gnadenlos „entsorgt“, schleppt sich mit letzter Kraft vor die Sozialstation, in der Eva sehr engagiert mitarbeitet. Eva, die ein großes Herz hat – für andere, nicht aber für sich selbst – adoptiert sofort den süßen Hund und päppelt ihn auf. Dabei benötigt sie zwangsläufig die Hilfe von ihrem Ex André, einem ehemals sehr erfolgreichen Koch. Der Weihnachtsmann und seine Elfen müssen per Monitor zuschauen, wie Eva bei jeder Begegnung mit André sämtliche Stacheln aufstellt, obwohl André alles versucht, Eva zurückzugewinnen. Da bleibt Santa und seinen Elfen nichts anderes übrig, als ein klein wenig Weihnachtszauber anzuwenden…

 

Nicht umsonst zeigt uns das Titelbild nicht Eva, nicht André, nicht den Weihnachtsmann, sondern einen bezaubernden kleinen Hund, denn tatsächlich ist „Socke“, wie der Findling genannt wird, der uneingeschränkte Held in dieser Geschichte. Seine Hundegedanken, in kursiv in den Text eingestreut, sind so herzerwärmend süß wie das Bild auf dem Cover. Überhaupt ist das ganze Buch nichts anderes als gefühlvoll, liebevoll, mal heiter, mal ernst. Es gibt im gesamten Buch nichts wirklich Negatives, nichts wirklich Böses. Selbst die so schwierige Annäherung zwischen Eva und André wirkt letztlich wie zuckerüberstäubt. Die Überzeichnung der Charaktere in ihrem Gut-Sein geht zugegebenermaßen bis an die Grenze, gerade noch kurz davor, in den Kitsch abzugleiten. Doch die Autorin behält diese Grenze perfekt im Auge und schenkt uns so ein rundum glitzerndes, romantisches Weihnachtsmärchen, dessen Lektüre wir mit einem wohligen Seufzer beenden und uns fühlen, als hätten wir soeben in bester Gesellschaft duftenden wärmenden Glühwein getrunken.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

 Markus Orths

 Max

 Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

 Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

 ISBN-13: 978-3446256491

  

 

Ein grandioses Buch

 

„Ich male Bilder, die es nicht gibt, Bilder, wie ich sie aber sehen möchte.“ Leonor Fini

 

Max Orth malt im vorliegenden Buch eines dieser Bilder, die es so nicht gibt, die man aber als Leser so gerne sehen möchte, voyeuristisch angehaucht vielleicht, zu erlesendes Wissen erhoffend. Der Autor öffnet mit diesem Buch ein Fenster, er zeigt einen Ausschnitt der Welt in einer ausufernden Zeit rund um Max Ernst, aber eben nur einen Ausschnitt, bewusst durch die Begegnungen mit sechs ausgewählten Frauen diesem gewählten Ausschnitt einen Rahmen gebend. Sechs Frauen, sehr junge, exzentrische Frauen, die von Max Ernst ausgesaugt werden teilweise bis zur völligen Zerstörung, bis zum Verfall der eigenen Persönlichkeit.  Die eigensinnige und eigenwillige surrealistische Malerin Leonor Fini, die allen Dogmen ablehnend gegenüberstand, begegnete Max Ernst ca. 1937 in Paris und war eine seiner unzähligen Affären, widersetzte sich jedoch aufgrund ihrer Stärke und Selbstbezogenheit erfolgreich dem Sog der Selbstaufgabe und fand bis auf eine winzige Erwähnung keinen Eingang in das Buch.

 

Wir erleben Max Ernst im Buch nur ganz selten „Auge in Auge“. Wir müssen ihn uns aus den verschiedenen Prismen der sechs Frauen zusammensetzen, und unser Blick auf Max Ernst wird zusätzlich gefärbt von unserem persönlichen Denken, unseren Erfahrungen, unseren moralischen Urteilen. Markus Orth lässt uns die Freiheit, unser eigenes Bild von Max Ernst entstehen zu lassen. Das mag irritieren, da wir gewohnt sind, Festgefügtes zu konsumieren und es als „Wissen“ abzuspeichern. Und genau hier liegt eine der grandiosen Seiten des Buches: Wir vermeinen, nach der Lektüre des Buches mehr über Max Ernst zu wissen, sind aber vielleicht doch nur durch Spiegelbilder verführt worden, unsere eigene Moralvorstellungen anzuschauen. Max Ernst bleibt unfassbar genial, unfassbar groß, unfassbar narzisstisch, unfassbar eben.

 

Der Autor schreibt an einer Stelle über Bilder von Geisteskranken, dass sich die Werke jeglicher Beurteilung entzogen, „man war vor den Kopf, vor die Seele gestoßen.“ Genauso fühlte ich mich stellenweise beim Lesen dieses unglaublichen Buches: vor den Kopf, vor die Seele gestoßen. Und manchmal steht der Autor selbst da wie der im Buch beschriebene Soldat, der aus dem Schützengraben klettert, einen Stock aufhebt und die um ihn herum fliegenden Granaten dirigiert, wobei der Autor nicht Granaten, sondern Wörter, Wortbilder dirigiert. Geduld braucht der Leser, denn die teils verstörende Sprache, in der über Max und andere erzählt wird, fordert Aufmerksamkeit, Nachspüren, Nachfühlen. Und genau in dieser Sprache liegt die weitere Genialität des Buches. Ein wahnwitziges Leben, eine wahnwitzige Zeit, ein wahnwitziger Künstler – und ein Autor, der eine unglaubliche Fähigkeit besitzt, all diesen Wahnwitz in atemlose Sätze, in surreale Wortbilder, in expressionistische Bildsprache zu packen, sodass nicht nur der Maler Max Ernst in seiner Besessenheit, in vielen Facetten seiner narzisstischen Persönlichkeit vorstellbar sind, sondern auch ein Zeitgemälde entsteht, das plastischer nicht sein könnte. Bei Öffnen des Buches springt uns eine aus den Fugen geratene Welt entgegen, die zu verstehen uns der Autor hilft. Die Welt der Künstler in ihrem Sich-selbst-Genügen, im Abheben in surreales Handeln und Denken. Immer wieder wurde ich beim Lesen auch an Else Lasker-Schüler und ihre intensive expressionistische Sprache erinnert.

 

Vielleicht macht es Sinn, dieses Buch (mindestens) zweimal zu lesen, beim ersten Lesen Seite um Seite zu „trinken“, einzutauchen und sich bedingungslos dem Rausch der Sprache hinzugeben. Beim zweiten Lesen mag die Sorgfalt dazu kommen, das Genießen, das Wahrnehmen der vielen Details und Schattierungen. Und auch dann haben wir, dessen bin ich sicher, noch lange nicht alle Facetten dieses genialen Buches erfasst…

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Monika Detering

Ich bin Hermann

 

 

E-Book

 

  

 

Mit fast 80 fängt das Leben erst an!
Eine witzig-rührende Geschichte über Liebe und die kleinen, wichtigen Momente im Leben

 

So beschreibt der Verlag den Inhalt:

 

Hermann, 79 Jahre alt, grummelt: „Ist es das jetzt gewesen oder kommt noch was?“ Er will bis zu seinem 80. Geburtstag auf alle Fälle noch was erleben und zieht kurzerhand in eine Männer-WG. Dort verguckt er sich in ‚Lilofee’, einen knallroten Uralt-Trecker, und erlebt allerhand Skurriles. Eigentlich wäre nun alles gut. Eigentlich.
Doch dann tuckert die zauberhafte Lila heran, DIE Frau für Hermann – mit eigenem Trecker. Leider darf sie nicht in der Männer-WG wohnen und das passt Hermann natürlich gar nicht! Was tun? Schließlich kommt er auf eine tragisch-schräge Idee …

 

 

 

Meine Meinung:

 

Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem Freude und Traurigkeit so nah beieinander sind, sich geradezu ineinander verschränken.

 

Vielleicht können nur ältere Menschen den Inhalt des Buches wirklich nachvollziehen, wenn die Tage begrenzt sind und immer begrenzter werden, wenn so vieles endgültig vorbei zu sein scheint und Körper und Geist sich mehr und mehr zurückziehen aus dem, was wir aktives Leben nennen. Und wenn dennoch Träume und Sehnsüchte durch die Seele huschen und zu Ungewöhnlichem antreiben.

 

Die Autorin versteht es auf sehr subtile Weise, diesen Weg mit viel westfälischem Dialekt und Humor „aufzubereiten“ und dabei, so perfekt verpackt, ganz leise, ohne Larmoyanz die bewegende, traurige Seite des Alt-Seins zu vermitteln.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

John le Carré

Das Vermächtnis der Spione

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Ullstein Hardcover

ISBN-13: 978-3550050121

Originaltitel: A Legacy of Spies

 

 

 

 

 

Eigentlich bin ich kein Freund von Romanen über Agenten, Spione und über die Geheimdienste der Welt. Aber wenn solch ein Könner des Faches schreibt, wird auch für mich das Lesen zum Genuss. Das Buch ist sozusagen der Nachlass-Roman zu den Romanen um George Smiley, insbesonderezu dem „Spion, der aus der Kälte kam“. Wie eine Klammer umschließt dieses Buch nun die damalig erzählten Geschichten.

 

 

 

1961 sterben zwei Menschen an der Berliner Mauer. 2017 wird George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guillam nach London zitiert zu einer Untersuchung des damaligen Todes der zwei Agenten. In dem Verhör werden die Geschehnisse noch einmal rekonstruiert und neu beleuchtet. Die einschlägigen Akten sind allerdings verschwunden, weil seinerzeit der Meisterspion George Smiley den eigentlichen Hintergrund verschleiern wollte. Die Zeit des Kalten Krieges ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Die Person George Smiley bekommt aufgrund der Verhöre völlig neue Facetten.

 

 

 

Was für ein Könner ist doch le Carré! Man liest die ersten Zeilen und ist schon hingerissen von der Schreibe-Kunst des Autors. Seine detailreichen Beobachtungen sind wie feine Pinselstriche, die sich nach kürzester Zeit zu einem dichten, intensiven und mehrdeutigen Bild zusammenfügen. Die Zeitsprünge werden zu einem probaten Stilmittel, die Vielschichtigkeit dessen, was als „Mittel zum Zweck“ dient, was die Schuldfrage und Motivation betrifft, und zudem die fragwürdigen Rollen des Geheimdienstes beleuchtet. Geschichtlich-politische Realität und erdachtes Denken und Handeln der Protagonisten des Buches ergeben ein erschreckend klares Bild der schmutzigen Seite von Politik und Geheimdienst.

 

 

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Corina Bomann

Winterengel

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: List Hardcover

ISBN-13: 978-3471351611

 

 

 

 

Glas und Liebe

 

… „Beides, Liebe und Glas, muss gefühlvoll behandelt werden, wenn es nicht zerbrechen soll. …“  So beginnt das vorliegende Buch, ein Buch über Armut, Kälte, Krankheit und über Zerbrechliches wie Glück, wie Liebe, aber auch über Stärke und Mut. Ein Buch zum Versinken, zum Abtauchen, zum Mitempfinden. Und keinesfalls nur ein Weihnachtsbuch!

 

Winter 1895 in Spiegelberg (übrigens nicht in Baden gelegen, wie im Buch behauptet wird, sondern in Württemberg). Die junge Anna Härtel hatte von ihrem verstorbenen Vater die Glasbläserei erlernt und verdient sich durch den Verkauf ihrer gläsernen Engel ein kleines Zubrot, um mehr schlecht als recht für die kranke Mutter und die kleine Schwester zu sorgen. Da erreicht sie ein Brief der Königin Victoria, die sie nach England einlädt, um ihre Glasengel zu zeigen. In Begleitung von John unternimmt Anna die aufregende, beschwerliche und gefährliche Reise…

 

Dieses Buch zu lesen war wie in einem opulenten Kinosessel zu sitzen - der schwere Samtvorhang öffnet sich und eine Geschichte beginnt, die mich hinwegträgt in eine andere Welt, in der ich mitfriere, mitleide, in der ich Gefahren ausgesetzt bin, in der ich aber auch menschlicher Wärme begegne und mich auf meine Stärke besinne. Corina Bomann schafft es in wunderbarer Weise, ein Wintermärchen zu erzählen, das unseren immanenten Wunsch nach Wohlergehen und nach Gerechtigkeit des Schicksals aufgreift, ein modernes Märchen, dessen Geschichte Können und Selbstvertrauen belohnt und nach vielen Zweifeln der Liebe eine Chance gibt. Und wenn sich der Samtvorhang wieder schließt, bleibt zurück ein wohlig-warmes Gefühl, das wir uns nicht nur zu Weihnachten wünschen.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Ellen Berg

Manche mögen’s steil

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 324 Seiten

ISBN: 978-3-746633524

Verlag: Aufbau Verlag

 

 

 

Herzerwärmend

 

 

Was kann man im tristen November besseres lesen als ein Buch, bei dessen Lektüre man herzhaft lachen kann und am Ende so ein warmes, wohliges Gefühl zurückbleibt, als habe man soeben eine besonders leckere Tasse heiße Schokolade getrunken.

 

Vicky ist die toughe, überragend fähige und hochengangierte Teamleiterin bei einer IT-Firma, die Software für Kliniken entwickelt.  Ihr Leben spielt sich fast ausschließlich zwischen Smartphone und Monitoren ab, denn in der digitalen Welt fühlt sie sich sicher, hat alles unter Kontrolle, schickt Küsschen an digitale Freunde. In der realen Welt hat sie Allergien, isst nichts, was Augen hat und findet ihren Teamkollegen Konstantin in seinen Maßanzügen anziehend. Als es um die Bewerbung für einen höheren Posten geht, ruft der Personalchef zu einer gemeinsamen Klettertour auf, um soziale Kompetenz, Führungsqualitäten und die Fähigkeit, kreative Lösungsstrategien zu finden, zu testen. Etwas Schlimmeres kann Vicky gar nicht passieren: Raus aus der digitalen Welt, rein ins echte Leben – ein Drama. Und dann rücken sie näher, der Bergführer mit seinem vermüllten Auto und Konstantin, der attraktive  Mitbewerber, mit seiner Designer-Sonnenbrille…

 

Eine nette, eine vorhersehbare Handlung, ja. Aber die Stärke des Buches liegt im Humor. Ich kann nur dringend davor warnen, das Buch an öffentlichen Orten, z. B. im Wartezimmer oder im Zug, zu lesen. Denn es könnte auf andere Menschen befremdlich wirken, wenn Sie beim Lesen entweder grinsen oder laut auflachen. Die schlagfertigen Dialoge und Pointen nehmen kein Ende und man liest und freut sich. „Wenn Frauen richtig loslegen, sitzt der Teufel daneben und lernt.“ Und dann geht die Geschichte auch noch gut aus. Und schon sind sie da, diese wunderbaren Gefühle der inneren Heiterkeit und die Wärme der heißen Schokolade.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

 Evita Greco

 Das Geräusch der Dinge, die beginnen

 Gebundene Ausgabe: 336 Seiten

 Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

 ISBN-13: 978-3851793642

  

 

So ein leises Buch. So ein zartes Buch. So ein starkes Buch.

 

Ada, ein stilles, sensibles und naives Mädchen, wird von seiner Mutter im Alter von 3 Jahren verlassen und wächst bei der liebevollen Großmutter auf. Die Großmutter bringt Ada bei, auf die kleinen Dinge zu achten, wie z. B. auf das Wachsen des Olivenbaums im Garten. Trotz der liebevollen Fürsorge verliert Ada niemals die Angst vor dem Verlassen-Werden. Als Ada 27 Jahre alt ist, wird die Großmutter schwer krank. Im Krankenhaus lernt Ada Matteo kennen, einen Handelsvertreter für Medizintechnik und liefert sich ihm völlig aus, ohne ihn wirklich zu kennen. Auch die Freundschaft zu der Krankenschwester Giulia bringt Ada der Wirklichkeit nicht näher.

 

Immer wenn ich das Buch aufschlug und zu lesen begann, geriet ich in eine andere Seinsform, weit weg vom lauten, fordernden Alltag. Es wurde in mir ganz still und ich fühlte mich ein in Ada, in diese stille junge Frau, die nichts anderes will als nicht verlassen zu werden, die sich dem Geschehen restlos hingibt, scheinbar ohne jeglichen eigenen Willen.

 

Restlos verzaubert bin ich von diesem Buch, von dieser Sprache, von Ada. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, sich das Geschehen ganz real, sozusagen als Abbild der tatsächlichen, uns umgebenden Welt vorzustellen. Nirgends geht es so leise, so sensibel, so feinsinnig zu wie in der Welt in und rund um Ada. Die Zeitfolgen sind unwichtig, nur die Bezüge der Themen zueinander sind bedeutsam und was wir aus dem Buch mitnehmen können: manchmal in Stille  genau hinschauen, ganz genau hinhören

 

Ich glaube, man muss mit diesem wundervollen Buch ganz zart und still umgehen.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Ralph Schröder
Schweighausers Korrekturen
Hardcover mit Schutzumschlag / E-Book
292 Seiten (Verlag BoD)
ISBN: 978-3-8423-6227-7

 

 

Man staunt über die Zusammenhänge

 

Selten, sehr selten stößt man in der Gegenwartsliteratur auf Bücher, die man als „groß“ bezeichnen möchte. Schweighausers Korrekturen ist für mich ein wahrlich großes Buch.

 

Der Autor schlüpft in die Person Armin Schweighauser und zeigt uns die Geschehnisse ausschließlich aus Sicht dieses Protagonisten. Das ist meines Erachtens eine ausnehmend große Autorenleistung, die  kleine, enge Welt des Armin Schweighausers so zu schildern, als sei es seine eigene, ohne auch nur einmal der Verführung, allwissender Autor zu sein, zu erliegen.

 

Schweighauser arbeitet in Abend- und Nachtschicht für eine Zeitungsredaktion als Korrektor.  Fehlersuche und –ausbesserung des nachts im Licht der Schreibtischlampe, ein Caféhaus-Besuch bei Tage, freundlich-distanzierter Kontakt zu Kollegen, ab und an eine Zigarette – sehr viel mehr geschieht nicht in seinem Leben, das er selbst als ereignislos und leer erlebt, aber passiv hinnimmt. Die gelegentlich auftretenden Sehstörungen, ein Auflösen der Schriftbilder,  die zeitweise Unfähigkeit des Klarsehens bei der Arbeit sind ihm vertraut, beunruhigen ihn nicht, zwingen ihn jedoch für eine Weile zum Blickwechsel, die Augen vom Kleinen ins Weite zu richten… Aus der Teilnahmslosigkeit erwacht  er, als ihn der Gedanke anweht „einzugreifen“.  Er, der Korrektor, der Garant für Fehlerlosigkeit, entscheidet sich bewusst für Fehler, für eine Kurs-Korrektur, für eine ganz und gar eigenmächtige Wahrheits-Korrektur. Erst sind es nur einzelne Wörter, dann Sätze. Während Schweighauser in zunehmende innere Spannung gerät, passiert in der äußeren Welt nichts, gar nichts. Die Leser bleiben gleichgültig gegenüber der Wahrheit, der manipulierten oder der wahren (falls es die überhaupt gibt). Erst eine Korrektur von großer Tragweite bringt den Ball ins Rollen und Schweighausers Leben in einen Bereich der völligen Machtlosigkeit, die Wahrheit bleibt ohne jegliche Chance. Schweighauser, der mit der Wahrheit gespielt hatte, wird zum Spielball der Wahrheit.

 

Die langsame, differenzierte, feinziselierte Sprache des Autors korrespondiert mit dem Inhalt des Buches. Nicht alles am Inhalt ist offenkundig, schon gar nicht vordergründig. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich als Leser neu justieren, um die Feinheiten überhaupt wahrnehmen zu können. Manchmal bin ich über  Wortbilder gestolpert, die sich mir in den Lese-Weg stellten und sich nicht mehr beiseite räumen ließen, wie z. B. „sich der eigenen Anwesenheit überlassen“. 

 

Ein Buch zum Wieder- und Wiederlesen, unauslotbar, kostbar, in einer sorgsam-feinen Sprache geschrieben – für mich ein großes Buch.

 

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Susanne Fülscher

 Pasta mista – 5 Zutaten für die Liebe

 Seitenzahl der Print-Ausgabe: 320 Seiten

 Verlag: Carlsen

 ISBN: 978-3-551-65025-2

 

 

Herzerfrischend witzig

 

Mit ü60 ist es kein Schaden, ab und zu auch einmal etwas über Jugendliche zu lesen und sich dabei zu erinnern, dass man all dies Auf und Abs, diese vielen Unsicherheiten und das daraus resultierende befremdliche Benehmen auch einmal hatte. Das vorliegende Buch habe ich mit ganz, ganz großer Begeisterung gelesen, nicht nur wegen der Pasta mit meinem Vornamen!

 

Liv und ihre Mutter, die ein Buchcafé betreibt, leben schon seit gefühlten Ewigkeiten allein in einer kleinen Wohnung in München. Liv’s Hobby ist das Kochen und ansonsten beschäftigt sie sich zusammen mit ihren besten Freundinnen hauptsächlich mit dem Thema „erster Kuss“. Ihr Schwarm Justus hat sein Augenmerk auf Nastja Elena geworfen und steht deshalb als erster Freund nicht zur Verfügung.  Da taucht überraschend Roberto auf, der neue Lover der Mutter. Und er ist nicht allein, sondern er bringt  die 16-jährigen Zwillinge Angelo und Sonia mit. Liv bekommt weiche Knie – zum einen, weil ihre Mutter ihr die neue Beziehung verschwiegen hatte, aber auch, weil Angelo ein Traumtyp ist. Der Überraschungsbesuch aus Italien nistet sich für 3 Wochen in der winzigen Wohnung ein und bringt nicht nur an der Flurgarderobe ziemliches Chaos mit sich, sondern auch in Liv’s Leben. Erst in letzter Minute schafft die Pasta à la Norma die Wende…

 

Das Buch ist wunderbar leicht und locker geschrieben. Besonders die vielen inneren und äußeren Dialoge sind herzerfrischend, alltagsnah und heiter formuliert. Hinreißend gelingt es der Autorin, dass wir all die Gefühlsschwankungen von Liv hautnah und verständnisvoll miterleben. Die Geschichte trifft genau ins Schwarze, indem es  auf humorige Weise erzählt von all den scheinbar wichtigen Alltagsdingen, von den Unsicherheiten, von all den Themen, die Pubertiere vordringlich beschäftigen. Was nach dem Lesen des Buches übrig bleibt: Ein Schmunzeln und unbandiger Appetit auf italienisches Essen.

 {unbezahlte Werbung}

 

Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann

Roman

320 Seiten, mit farbigem Vorsatz und Lesebändchen
ISBN 978-3-8321-9839-8

 

 

Die Kunst des Wörterjonglierens

 

 

Wunderbar, großartig, bewegend, ein Juwel, meisterhaft, ergreifend, unausschöpflich, ein Kleinod – ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen über dieses überragende Buch!

 

Wenn die alte Selma, die aussieht wie Rudi Carell, von einem Okapi träumt, wird innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand aus dem Dorf sterben. Und alle aus dem Dorf rüsten sich in diesem Fall auf sehr individuelle Weise, um entweder vorbereitet zu sein auf den Tod oder sich vor ihm zu verbergen.

 

Dieser trivial-geniale Ausgangspunkt eröffnet ein Kaleidoskop an Geschichten, an kleinen und großen Geschichten, an Geschichten, die so schmerzhaft sind, dass man ganz schnell die Seiten wegliest, bis man ein paar Seiten später all die Verletzungen einfach weglacht, und Geschichten, die so gut tun, dass man die Zeilen immer und immer wieder liest, um nichts von diesen Wohltaten je zu verlieren.

 

Überhaupt: Man möchte Satz um Satz festhalten und nicht mehr loslassen. Was für eine wunderbare Sprache, präzise und lyrisch in einer ungewöhnlichen Kombination. Gibt es zum Beispiel ein schwärzeres, grausameres Schwarz als das Wort „kranzschleifenschwarz“, so endgültig und tief. Oder wer hätte nicht sofort ein Bild vor Augen, wenn Teppichfliesen wie Rauhaardackelfell beschrieben werden. Ich bin fasziniert von der Autorin und ihrer großartigen Gabe, mit Wörtern zu jonglieren und uns dabei wie mit einer überaus scharf geschliffenen Brille eine prismengenaue, dabei aber unendlich tolerante Sicht auf die Welt, auf die Menschen, auf all die alltäglichen Merkwürdigkeiten um uns herum zu gewähren. Und ies nicht mit einer drögen Ernsthaftigkeit, sondern mit einer gelassenen Heiterkeit. Meisterhaft!

 {unbezahlte Werbung}

 

Nelly Fehrenbach

Und dann ist alles anders

Taschenbuch: 252 Seiten

Verlag: Tinte & Feder

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-1542045940

 

 

Ein „echter“ Roman

 

Angekündigt ist dieses Buch als „Liebesroman“. Meine erste Reaktion war entsetztes Kopfschütteln. Dieses Buch ein Liebesroman? So mit Herz und Schmerz und Rosen und Tränen? Nein, nicht dieses Buch! Und nach einigem Nachdenken: Doch, es ist ein Liebesroman, mit Herz und Schmerz und Rosen und Tränen. Aber kein erdachter Roman. Ein echter Roman. Was ist es, was ich als „echten Roman“ bezeichne?

 

Charlotte arbeitet sehr viel als Krankenschwester, oft in Nachtschicht. Ihr Verlobter Jörg, Arzt im gleichen Krankenhaus, arbeitet noch viel mehr. Die geplante Hochzeit steht bevor. Die Vorbereitungen und vor allen Dingen Mutter und Schwiegermutter bereiten anlässlich dieser Vorbereitungen noch  zusätzlich Stress. Und Charlotte geht es schlecht. Vielleicht Migräne? Nach einem unverhofften epileptischen Anfall wächst nach und nach die Gewissheit, dass etwas Schlimmeres als Migräne in das Leben von Charlotte und Jörg eingreift. Die Diagnose eines Oligodendroglioms, eines Hirntumors, lässt alle geplante Zukunft wie eine Seifenblase zerplatzen…

 

Ein echter Roman deshalb, weil es ein erlebter, erlittener Roman ist. Ein Stück erzähltes Leben ist dieses Buch. In dem alles vorkommt, was auch in einem erdachten Liebesroman vorkommt, aber viel intensiver, schmerzhafter und tröstlicher, verwirrender und klärender, als es ein erdachter Roman je enthalten könnte. Überraschend, wie außerordentlich gut dieses Buch geschrieben ist. Oftmals sind  Bücher, die eigene Erfahrungen schildern und als ein Weg der Verarbeitung dienen,  laienhaft und bemüht geschrieben. Aber in diesem Buch stimmt jeder Satz, jede Empfindung, jede Reaktion. Niemand kann sich das, was in diesem Buch steht, aus dem Reich der Phantasie holen. Das alles wurde selbst erfahren, selbst erlitten, selbst be- und verarbeitet. Also durchaus ein Liebesroman mit Herz und Schmerz und Rosen und Tränen und Lachen: nämlich Liebe zum Leben!

 

Daniela Engist

Kleins große Sache

Verlag: Klöpfer & Meyer

ISBN-13: 978-3863514525

 

 

Interrogatio praesentia und andere Klarsichthüllen

 

Ein Buch, das mich einerseits gefesselt hat, andererseits jetzt aber ratlos zurücklässt. Denn ich habe viel Lesearbeit investiert, habe mich um den apikopostalveolaren Frikativ gekümmert und um andere Absurditäten, um mich nun zu fragen, wozu…

 

Harald mit dem Nachnamen KLEIN bekommt einen Job in der oberen Führungsebene einer Firma, in der es um die GROSSE SACHE geht. Und wir folgen Harald Klein durch seinen Arbeitsalltag, wie er die Leitsätze der Firma „Leistung für Leben“ und „Wir vertrauen dem Weg“ verinnerlicht, wie er überhaupt in den firmeneigenen Floskeln, Fadenscheinigkeiten und Manipulationen versinkt, wie er in dem Paralleluniversum nach den firmeneigenen Regeln funktioniert und somit sein weiterer Aufstieg unaufhaltsam zu sein scheint.

 

Ein gewichtiges Buch  - es wiegt in der Tat viel mehr, als normalerweise ein Umfang von 380 Seiten wiegen sollte. Auf der Suche nach versteckten Gewichtsvermehrern, wie z. B. dicke Fotoseiten, durchblätterte ich die Seiten vergebens. Erst nach Beendigung des Lesens wurde es mir klar: Ein ge-wichtiger Inhalt macht das Buch so schwer, auch wenn es scheinbar leichthändig geschrieben ist. Raffiniert satirisch wird die riesengroße Seifenblase des Management-Wasserkopfes angestochen und seine beeindruckend irisierenden Täuschungsmanöver ins sinnlose Nichts befördert. Gut geschrieben, keine Frage. Aber kürzer, prägnanter, pointierter auf weniger Seiten hätte dem Buch mehr Schärfe und Schliff verschafft.

 

 {unbezahlte Werbung}

 

Astrid Fritz

Die Räuberbraut

Gebundene Ausgabe: 388 Seiten

Verlag: Wunderlich

ISBN-13: 978-3805202930

 

 

Lebendig- spannend erzählt

 

 

Historische Romane lese ich relativ selten, insofern ging ich neugierig-neutral auf das neue Buch von Astrid Fritz zu. Und ich wurde rundum positiv überrascht!

 

Es geht in der Geschichte um Juliana, eine Musikantin, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf Hans Bückler, den sog. „Schinderhannes“ trifft, einen attraktiven, fast charismatisch zu nennenden jungen Mann, der sich  im Hunsrück mit etlichen Kumpanen durch Überfälle und Räubereien einen Namen gemacht hat. Er ist unbekümmert und fest davon überzeugt, niemals erwischt zu werden, denn die räuberischen Freunde halten zusammen. Juliana und Hannes verlieben sich, sie heiraten und Juliana zieht fortan mit dem Schinderhannes durch die Gegend, immer unterwegs, immer in Unruhe.

 

So sorgfältig wie die rein äußere Gestaltung des Buches, so ist auch der Inhalt  perfekt recherchiert, detailgetreu, historisch korrekt. Sehr hilfreich ist das umfangreiche Glossar, das alle unbekannteren Begriffe, insbesondere aus dem Rotwelschen, erläutert.

 

Insgesamt liest sich das Buch absolut spannend. Es ist lebendig und farbig erzählt, sozusagen mit allen Sinnen werden die Situationen und Gegebenheiten wiedergegeben, sodass man als Leser stets mitten im Geschehen ist und in die Erzählung ganz und gar eintaucht. Manchmal wurden mir allerdings  die vielen einzelnen Stationen des Umherziehens, die zahllosen Ortsnamen und die dort dann jeweils ansässigen Menschen und deren Namen zuviel, wenngleich natürlich sehr viel mühsame Recherche der Autorin dahintersteckt. Abgesehen von diesen etwas anstrengend zu lesenden Passagen hat mich das Buch jedoch insgesamt gepackt und mir die spannende Zeitgeschichte  zwischen 1800 und 1850, die ich bislang nur aus der Sicht privilegierterer Schichten kannte, nunmehr sozusagen aus „Räubersicht“ näher gebracht.  Im Fokus steht die überaus sympathische, mutige, starke Frau des Schinderhannes, deren Leben geprägt war von ständiger Flucht, von Verzicht und Sorge, von harten Schicksalsschlägen, aber auch von einer alles ertragenden, alles verzeihenden, ganz großen Liebe.

 {unbezahlte Werbung}

 

Christine Drews

Sonntag fehlst du am meisten

Broschiert: 288 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch

ISBN-13: 978-3548290201

 

 

Zur Prinzessin verdammt

 

 

 

Als Drehbuchautorin hat Christine Drews große Routine im Schreiben lebendiger Dialoge und detailgenauer Situationsschilderungen. Das spürt man deutlich auch in dem vorliegenden Buch, mit dem sich die Autorin auf ein völlig neues Gebiet begibt, nämlich auf die Aufarbeitung einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung.

 

Die goldene Hochzeit der Eltern steht bevor, und Caro, 44, muss sich entscheiden, ob sie diesen Festtag nutzen oder meiden will. Denn seit einem Jahr besteht zwischen Vater und Tochter völlige Funkstille. Caro ist trockene Alkoholikerin, ohne Beruf, geschieden, Mutter eines  9-jährigen Jungen. Sie gibt ihrem Vater die Schuld an ihrem verkorksten Leben, da er sie aus ihrer Sicht nie ernstgenommen hatte. In Gesprächen mit der alten Frau Schneiders gewinnt sie jedoch zunehmend eine neue Sicht auf die früheren Geschehnisse. Schließlich fühlt sie sich stark genug für eine neue Begegnung mit ihrem Vater…

 

Vater-Töchter-Beziehungs-Bücher gibt es mehr als genug. Was mir an dem vorliegenden Buch sehr gut gefällt, sind die Perspektivenwechsel. Nicht nur die ich-bezogene Wahrnehmung der Protagonistin Caro wird dargestellt, sondern auch das So-Geworden-Sein des Vaters aus seiner Sichtweise. Diese völlig unterschiedlichen Wege implizieren tiefgreifende Probleme im Miteinander. Die erzählte Geschichte ist nachdenkenswert und schafft durchaus Verständnis. Leider wirkt das Buch sehr zerrissen, weil neben dem Erzählerwechsel auch sehr viele Zeitsprünge eingearbeitet wurden. Das ist zwar ein probates Mittel, um bei Krimis die Spannung zu erhöhen, aber diesem ernsthaften Thema hätte eine ruhigere, konstantere Erzählweise besser getan.

 {unbezahlte Werbung}

 

Florian Beckerhoff

Frau Ella

Derzeit ist die gebundene Ausgabe leider vergriffen, jedoch als E-Book erhältlich.

 

 

Jung und alt, zauberhaft komisch

 

 

 

Frau Ella ist 87, liegt für eine bevorstehende Augenoperation in der Klinik. Sie muss sich das Zimmer teilen mit Sascha, 30, der sich nach einem Sturz eine Augenverletzung zugezogen hatte. Frau Ella pupst und schnarcht und nervt Sascha ohne Ende. Dennoch fühlt er sich aufgerufen, Frau Ella zu helfen, die letztlich gegen ihren eigenen Willen operiert werden soll. Kurzerhand entführt er Frau Ella und bringt sie in seiner eigenen, nicht gerade ordentlichen Wohnung unter.  Seine Freunde Klaus und Ute sind von Frau Ella begeistert, und so beginnen die Vier allerlei Unternehmungen in die Gegenwart und in die Vergangenheit. Frau Ella staunt und gibt zu allem und jedem ihre handfesten Kommentare.

 

Bisher habe ich noch kein einziges Buch gelesen, das das Thema „Jung und Alt“ so leichtfüßig, humorvoll, locker und dennoch tiefsinnig erzählt. Ich habe beim Lesen so viel gelacht wie schon lange nicht mehr. Gleichzeitig habe ich mit Sascha, diesem unentschlossenen jungen Mann ohne wirkliche Perspektive, mitgefühlt, die Verwirrung von Frau Ella miterlebt beim Kontakt mit dem ihr fremden Lebensumfeld junger Menschen und war erleichtert, dass Frau Ella’s klare, einfache Sicht der Dinge Wirkung zeigt und letztlich eine Art von sehr schräger Freundschaft entsteht.

 

Fazit: Eine fiktive, zauberhaft komische Geschichte, die Hoffnung macht, dass es bei gegenseitigem Respekt möglich ist, dass Jung und Alt im Guten miteinander leben.

 {unbezahlte Werbung}

 

Katrin Burseg

In einem anderen Licht

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: List Hardcover

ISBN-13: 978-3471351406

 

 

Rabentrauer und Drachenpech

 

 

Ein Roman, der mich verzaubert und berührt hat.

 

Miriam funktioniert in ihrem Beruf als Journalistin für eine Hamburger Frauenzeitschrift und sie funktioniert als Mutter ihres kleinen Sohnes Max, aber in ihr sitzt unverarbeitete tiefe, tiefe Trauer um ihren Mann Gregor, der vor 2 Jahren in Ausübung seiner Tätigkeit als Fotograf in einem Krisengebiet  erschossen worden war. Wir begleiten Miriam bei ihren Vorbereitungen zur Verleihung eines Preises, bei dem es um Zivilcourage geht. Stifterin ist Dorothea Sartorius, zurückgezogen lebende reiche Reeders-Witwe, die sich vielseitig sozial engagiert. Aber es gibt auch einen verschwiegenen Teil politischer Vergangenheit im Leben dieser Frau, und Miriam wird durch allerlei Zufälle auf deren  terroristische Vergangenheit gestoßen.

 

Der klare, schnörkellose Schreibstil gefällt mir gut. Genauso klar wie die Sprache ist die Protagonistin selbst, in ihrem Schmerz ebenso wie in ihrer Profession. Überhaupt sind alle im Buch vorkommenden Menschen sehr farbig, lebendig und plastisch beschrieben. Ein besonders intensives Lesegefühl entstand bei mir immer dann, wenn Miriam ihrer Trauer begegnet. Gerade die leisen, gefühlvollen Stellen sind meiner Meinung nach die Stärken des Buches. Die Geschichte selbst ist an einigen Stellen leider unglaubwürdig, da zu viele Zufälle die Geschichte voranbringen sollen. Auch lässt mich der oberflächlich behandelte politische Hintergrund aus jüngster deutscher Vergangenheit in der hier im Buch dargestellten Art und Weise völlig kalt. Da aber die berührende Seite des Buches überwiegt, spreche ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

 {unbezahlte Werbung}

 

Monika Held

Sommerkind

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: Eichborn Verlag

ISBN-13: 978-3847906261

 

 

Herz-ergreifend

 

 

Ragna, ca. 40-jährig, schaut auf den Strand, sieht Familien mit ihren Kindern, fröhliches Treiben, bunte Wasserbälle. Plötzlich wird dieses reale Bild für eine Sekunde überlagert von einer „Schwarz-Weiß-Aufnahme“ eines Erinnerungsfetzens, den sie ihrem Leben nicht zuordnen kann. Dieser kurze Moment einer Erinnerung lässt Ragna nicht mehr los und sie beginnt, sich auf die Suche zu machen. Was ist in der Vergangenheit geschehen, was hat das mit ihr selbst zu tun? Auf der Suche nach Erinnerung begegnet Ragna vielen Menschen, meist sind es spröde Begegnungen, sperrig ist die Reise zurück und offen bleibt die Reise nach vorn.

 

Wie gehen Menschen, insbesondere Kinder, mit erlittenem Leid um, mit der Schuldfrage, mit der Frage nach Sinn und der unendlichen Suche nach Liebe? Ich könnte mir vorstellen, dass je nach persönlichem Hintergrund jeder Leser eine andere Frage entdeckt, einen anderen Zugang zum Buch findet. Das Buch ist so reich – und es gibt auch Antworten, ganz leise, subtile Antworten.

 

Für mich ist dieses Buch ein Kleinod! Was für eine feine Sprache! Was für eine feine Beobachtung, in feine, zarte Worte gefasst.  Die Autorin beschreibt mit dem „Bruegel-Blick“  - mit einer Liebe zum kleinsten Detail und mit Augen, die die gesehenen Bilder entweder zu Standbildern oder zu bewegten Bildern formen. Am liebsten würde ich Bild für Bild Wort für Wort wiedergeben, weil ich so verzaubert bin von der Wortmagie der Autorin. Verzaubert, ja, aber mehr noch er-griffen, gepackt von einer unendlich tiefen, namenlosen, sprachlosen Traurigkeit. Stumm geworden fühle ich mich von der Autorin unter Wasser gezogen. Tiefgang.

 

Was habe ich nicht alles aus diesem Buch gelernt. Geduld. Genaues Hinschauen. Still-Halten. Aushalten.

 

Und selten habe ich so viel gegoogelt wie beim Lesen dieses Buches. Weder kannte ich  die fulminanten, expressiven Bilder von Séraphine Louis noch so manche der angesprochenen Bücher.  Auch  war mir der amerikanische Fotograf Gregory Crewdson unbekannt. Entdeckung um Entdeckung machte ich, im Außen wie im Innen. Viel nachgedacht habe ich… Ein Buch zum Wieder- und Wieder-Lesen.

 {unbezahlte Werbung}

 

Colson Whitehead

Underground Railroad

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

ISBN-13: 978-3446256552

 

 

Rassismus immer und überall

 

 

Hochgelobt, Pulitzer-Preis, National Award – das beeindruckt. Und es verpflichtet geradezu, das Buch großartig zu finden, seine Tiefe, seine Zeitbezüge, seine Eindringlichkeit zu loben. Wer das nicht tut, gibt sich eine literarische Blöße, hat das Buch nicht verstanden, ist ein Literatur-Banause. Nun denn….

 

Erzählt wird die Geschichte von  Cora, einer Sklavin auf den Baumwollfeldern Georgias, der mit Hilfe der Underground Railroad (im Buch fiktiv als unterirdische Eisenbahn bezeichnet) die Flucht gelingt. Quer durch Amerika begegnen ihr auf der Flucht weiterhin schlimmste Grausamkeiten. Die ersehnte Freiheit ist eine Utopie. „Als gäbe es auf der Welt keine Orte, wohin man sich flüchten konnte, sondern nur solche, die man fliehen musste.“

 

Die im Buch dargestellte schier endlose Aneinanderreihung an unsagbaren Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen angetan haben (auch Sklaven untereinander!), ist verstörend. Die einem Sachbuch ähnliche Darstellung, die Lakonie der Sprache, das Verdichten der gezeichneten Bilder lässt mich erschrecken, aber doch immer nur auf der Verstandesebene. Dass das Fantasy-Element des unterirdischen Zuges vorkommt, lässt leider  - sicher zu Unrecht - zweifeln an der historischen Glaubwürdigkeit des gesamten Romans.

 

Dieses Buch zu lesen, war für mich mühevoll, teils abstoßend, teils unglaubwürdig. Der lakonische Sprachstil, die nüchterne, reduzierte Erzählweise erreichten mich nicht. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass nicht nur Amerikas Sklaven der Brutalität in den Köpfen der Menschen ausgesetzt waren, sondern dass bis heute auf der ganzen Welt Feindbilder als Projektionsfläche für das Ausleben niederster und boshaftester Triebe dienen und der Mensch der größte Feind des Menschen ist. Daran wird auch dieses Buch nichts ändern, Pulitzer-Preis hin oder her!

 {unbezahlte Werbung}

 

Yvonne Hübner

Das Mädchen im schwarzen Nebel

Taschenbuch: 400 Seiten

Verlag: Gmeiner-Verlag

ISBN-13: 978-3839

 

 

Feuer und Kohle

 

 

 

Eigentlich bin ich sehr kritisch, was historische Romane betrifft. Entweder sind sie überfrachtet mit Fachwissen, was mich schnell langweilt, oder sie sind reine Fantasieprodukte ohne jeglichen sorgsam recherchierten Hintergrund. Von dem hier vorliegenden  Buch und seiner Autorin wurde ich jedoch absolut positiv überrascht!

 

 

 

Zwei Handlungsstränge werden wechselnd erzählt: Im Jahr 1813 in der Oberlausitz lernen wir die Zigeunerfamilie rund um die junge, etwas starrsinnige Rosana kennen. Mit Seiltanzen, Wahrsagen aus Karten, Handlesen und Feuerspucken verdienen sie sich durch die Gegend umherziehend ihren Lebensunterhalt. Im Winter kommen sie in einem festen Quartier unter, und zwar auf dem Hof des Braumeisters Oswald.

 

 1816: Hier begegnet uns der Köhler-Sohn Lorenz, der erstmalig ohne seinen Vater den eben neu aufgerichteten Meiler bewachen darf, zusammen mit zwei Köhlergehilfen. Nach einem exzessiven Besäufnis brennt der Meiler lichterloh. Eine Katastrophe! Und es kommt noch schlimmer – man findet im Meiler eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche. Natürlich fällt der Verdacht sofort auf Lorenz. Aber jetzt kommt Dr. Cornelius Waldeck ins Spiel, dieser sympathische Arzt, mit scharfer Beobachtungsgabe und präzise-folgerichtigem Nachdenken ausgestattet sowie mit einem Faible für die Gall’sche Gehirnlehre. Er glaubt nicht daran, dass Lorenz der Täter ist und macht sich eigenständig auf Spurensuche.

 

 

 

In einer sehr schönen, leicht altertümelnden Sprache wird uns ein durchaus spannender Krimi erzählt, der anhand lebendig und sympathisch gezeichneter Protagonisten gut lesbar ist. Bis zu den letzten Seiten und der endgültigen Aufklärung bleibt die Spannung erhalten. Was an historischen Details auftaucht, ist sorgsam recherchiert. Interessant, was ich z. B. über die Handlesekunst erfuhr, oder wie schwierig es ist, einen Meiler zur Holzkohlegewinnung richtig zu bauen. Auch sind die Lebensumstände der Zigeuner zu dieser Zeit wunderbar eindrücklich geschildert und machen das Buch zusammen mit den Schilderungen der Landschaften zu einer die inneren Bilder anregenden und spannenden Lektüre.

 

 

 

Fazit: Ein historischer Krimi, den ich sehr unterhaltsam fand und den ich gerne weiterempfehle, weil er neben Spannung und farbig erzählter Zeitgeschichte Verständnis weckt für Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen (stehen?). Nicht umsonst ist mir dieses Buchzitat eindrücklich in Erinnerung geblieben:

 

„Wenn die Leute nicht viel wissen, lach nicht über sie, denn jeder von ihnen weiß etwas, was du nicht weißt.“

 {unbezahlte Werbung}

 

Arturo

Pérez-Reverte

Der Preis den man zahlt

Gebundene Ausgabe: 295 Seiten

Verlag: Insel Verlag

ISBN-13: 978-3458177197

 

 

 

Männerphantasien

 

 

Gibt es so etwas wie „Männer-Bücher“? Unter Frauenbüchern sammelt sich ein klar umrissenes Genre, aber der Bereich Männerbuch ist mir so (außer in Bahnhofsbuchhandlungen unter dem Kassentisch) noch nicht begegnet. Das hier vorliegende Buch würde ich allerdings uneingeschränkt als Männerbuch bezeichnen! Denn mir als Frau hat das Buch nichts gegeben außer Kritik.

 

Wir befinden uns im Jahr 1936 in der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges, wobei das Buch keinerlei Hintergrundinformationen zu der politischen Lage gibt. Da ich wenig bis gar nichts über die verworrenen Verhältnisse im Spanien von damals wusste, war ich gezwungen, mir einige wenige Informationen über das Internet zu holen, was ich mir jedoch, wie ich im Nachhinein weiß, hätte sparen können. Denn das politische Durcheinander bildet für das Buch nichts weiter als eine dekorative Kulisse.

 

Die sehr vordergründige Geschichte erzählt von Falcó, einem für den Geheimdienst arbeitenden Spion. Wobei er keiner eigenen Überzeugung folgend handelt, sondern stets auf Auftrag. Die politische Richtung scheint ihm gleichgültig zu sein. „Sind wir dafür oder dagegen?“ fragt er bei Befehlsempfang. Er ist unsäglich eitel, umgibt sich mit so vielen hochwertigen Markenartikeln, dass man sich beim Lesen fragt, ob der Autor Geld für die viele eingestreute Werbung erhält. Falcó ist ein Charmeur und ein gnadenloser Killer gleichermaßen. Selbstverständlich sinken ihm die Frauen widerstandslos in die Arme, während Falcó trinkend, rauchend und Tabletten schluckend einen merkwürdigen Verschnitt der alten Schwarz-Weiß-Agenten aus Hollywood abgibt.  Erst als er anhand eines neuen Auftrages eine Kollegin namens Eva zur Seite gestellt bekommt, scheint Falcó im Verlauf der Geschichte aus seiner kalten Gleichgültigkeit zu erwachen…

 

Der farbig-eindrückliche Schreibstil lässt die jeweilige Atmosphäre, die handelnden Menschen und deren Umgebung recht hautnah erleben. Das ist aber auch in meinen Augen die einzige Stärke des Buches. Es gibt wenig Spannung, es gibt wenig zeitgeschichtliche Informationen, es gibt wenig logisch nachvollziehbare Handlung, es gibt insgesamt überhaupt wenig Glaubwürdiges – es  gibt einfach von allem zuwenig, um auch nur ansatzweise in die Nähe dessen zu kommen, was der Verlag verspricht. Eher kommt mir das Buch vor, als habe ein alternder Mann sich selbst ein Märchen erzählt… Die angekündigten Fortsetzungen rund um Falcó werde ich jedenfalls mit Sicherheit nicht lesen!