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Hubert Achleitner

Flüchtig

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 304 Seiten

·         Verlag: Paul Zsolnay Verlag

·         ISBN-13: 978-3552059726

#Flüchtig

 

Ein Roman wie eine Matroschka

 

Die außerordentliche Musikalität des Hubert von Goisern ist mir genau vor einem Vierteljahrhundert aufgefallen. Kein Wunder, dass ich in seinem Romandebüt nun alles wiederfinde, was schon damals meine „Heiligtümer“ waren. Die Koloraturkunst von Edita Gruberova zum Beispiel, Dvoraks Sinfonie Aus der neuen Welt oder André Heller, dessen Liederlyrik ich so sehr liebte. So vieles und noch viel mehr steckt in diesem Roman, jenseits der eigentlichen Handlung.

 

Maria und Herwig sind fast dreißig Jahre verheiratet. Sie haben sich in jeweils ihrem eigenen Leben arrangiert, ohne spürbares Interesse aneinander. Als Maria jedoch von einem Tag auf den anderen ohne jegliche Erklärung verschwindet und unauffindbar bleibt, kommt Bewegung in Herwig. Es beginnt eine Reise quer durch Europa bis nach Griechenland, hin zu flüchtigen Begegnungen mit Menschen, mit flüchtigen Gedanken über sich selbst und das Leben und flüchtigen Gefühlen der Sehnsucht und Erfüllung.

 

Dieser Roman ist reich und vielschichtig wie eine Matroschka. Manchmal verliert sich der Autor regelrecht im Erzählen von Geschichten, die weitere Geschichten enthalten, im Berichten von vergangenen Leben von vergangenen Menschen. Manchmal treibt der Erzähler mit seinen Geschichten so weit ab vom chronologischen roten Faden, als wäre Maria schon längst verloren gegangen. Und wenige Seiten später landet der Autor wieder im zeitgerechten Erzählstrang, und Marie übernimmt wieder weiter ihre Rolle, nüchtern, kühl, wissbegierig, mit tief versteckten Sehnsüchten. Man muss sich als Leser genauso treiben lassen wie der Autor, dann entwickelt das Buch seinen ganz besonderen Reiz. Wurde schon einmal so differenziert die Inbetriebnahme eines Plattenspielers beschrieben und das geradezu zeremonielle Hören einer Vinylplatte mit seinem mystischen Zauber des Klanges? Wurde schon einmal so atmosphärisch dicht, so sehnsuchtsvoll in seiner lichtdurchfluteten Einfachheit das ursprüngliche touristenferne Griechenland beschrieben? Und wo findet man eine Heiligengeschichte genauso neben politischen Stellungnahmen und spitzen Randbemerkungen? Ein kluges, ein vielschichtig durchkomponiertes, ein poetisches Buch.  Ein Buch zum Wiederlesen.

 

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Adeline Dieudonné

Das wirkliche Leben

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423282130

·         Originaltitel: La Vraie Vie

#DaswirklicheLeben

 

Das Gelächter der Kadaver

  

Ein Roman, härter und brutaler und grausamer als jeder mir bekannte Thriller. Ein Roman, der mit Peitschenhieben durch die Seiten treibt. Ein ganz und gar unglaublicher Debüt-Roman, der absolut nicht geeignet ist für empfindsame Leser.

 

Das zehnjährige Mädchen, die Ich-Erzählerin ohne Namen, und ihr kleiner Bruder Gilles leben in einer uniformierten Reihenhaussiedlung. Die Mutter wird beschrieben als eine Amöbe, ein graues, unsichtbares Nichts. Der Vater dagegen hat große Leidenschaften, nämlich die Jagd, Fernsehen, Whisky und in Prügeln sprechende Wutanfälle. Als eines Abends vor den Augen der beiden Kinder ein entsetzliches Unglück passiert, verändert sich das Leben schlagartig. Das glockenhelle Lachen von Gilles stirbt für immer. Und das Mädchen kämpft mit aller Kraft darum, dieses Lachen wieder zurückzuholen. Ihre überragende Intelligenz und ihr Mut helfen ihr, sich eine ganz eigene Welt zu konstruieren, eine Welt der Hoffnung, tief verborgen vor Mutter und Vater. Doch im Verlauf der Zeit entwickelt sich nicht nur ihr Geist, sondern auch ihr Körper, was ihrem Vater nicht verborgen bleibt.

 

Was für eine Sprache, so unerschütterlich direkt, so unfassbar gewaltig, geradezu von brachialer Kraft. Aber auch Feines erspürend, wenn zum Beispiel die Autorin innerseelische Vorgänge über das differenzierte Schildern von Gerüchen zum Ausdruck bringt. Der Roman benutzt unglaublich starke Bilder, die mit ungebremster Wucht direkt zum emotionalen Zentrum des Lesers vorstoßen, Flucht unmöglich. Und diese intensiven Bilder hinterlassen Einschusslöcher im Kopfkino, wie Kriegswunden, unheilbar. Dazu wirken die kurzen Kapitel wie Schlaglöcher, in die der Leser rumpelnd hineinstürzt und die ihn immer wieder fast zu Fall bringen. Ein Roman, der mit unfassbar großer literarischer Kraft  „das wirkliche Leben“ in der ganzen Bandbreite von schön bis schrecklich auf 230 Seiten bannt.

 

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 Christina Bradley

 Thirty

 

 

 ·         Taschenbuch: 432 Seiten

 ·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

 ·         ISBN-13: 978-3548062600

 ·         Originaltitel: Thirty

 #Thirty

  

Lohnt das Lesen nicht

  

Der Roman kommt mir so vor, als hielte ich eine Waffel mit mehreren Eiskugeln der gleichen Sorte in der Hand. Erst ist der Geschmack willkommen, weil frisch. Doch nach einer Weile wird das Eis warm, der Geschmack fad, das Eis tropft, macht Flecken, nervt.

 

Auszüge aus der vom Verlag formulierten Inhaltsangabe lassen uns wissen, dass es um Bella Edwards geht, die nichts auf die Reihe bekommt. Sie steht kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag und der Mann fürs Leben fehlt immer noch. Hals über Kopf fliegt sie von London nach New York zu ihrer Freundin Esther. Und die hat die rettende Idee: Dreißig Dates in dreißig Tagen auf einem verrückten Trip von New York bis nach San Francisco. Da sollte es doch klappen… 

 

Irgendwo im Buch steht: „Wenn es ums Dating geht, habe ich vor allem eins gelernt: Entweder es klappt, oder es klappt nicht.“ Oweh, solch tiefgründige Erkenntnisse sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Und leider liest man sich entsprechend zunehmend gelangweilt  durch die Geschichte und fragt sich immer wieder, wozu man das Ganze überhaupt lesen soll. Mich hat die Oberflächlichkeit des gesamten Buches von Seite zu Seite mehr und mehr genervt. Das einzige, was mich überhaupt davon abhielt, das Lesen abzubrechen, war der frisch-lebendige Schreibstil, der mich ab und zu auch zum Lachen brachte. Aber die lockere Erzählweise allein wiegt das Seichte und Klischeehafte des gesamten Buches nicht auf.

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 Lina Frisch

 Falling Skye

 

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 464 Seiten

 ·         Verlag: Coppenrath

 ·         ISBN-13: 978-3649633440

 ·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre

 #FallingSkye

 

Enttäuschend

 

Ein schönes Cover hat das Buch, aber das Buch ist insgesamt auf einem qualitativ so miserablen Papier gedruckt, dass das gesamte Buch dadurch minderwertig wirkt. Man hat das Gefühl, das Papier vergilbt innerhalb von wenigen Stunden, wenn man in der Sonne sitzt und liest. Auch die Bindung ist nicht stabil. Mehr als zwei Leser hintereinander hält das Buch nicht aus, es bricht auseinander. Auch wenn das nicht wirklich wichtig ist, mich stört es. Das ist schade. Wobei mich zugegebenermaßen auch der Inhalt leider insgesamt enttäuscht hat.

  

Der Grundgedanke des Buches gefällt mir: Nach einer großen Katastrophe, in der die USA zu den Gläsernen Nationen geworden ist, werden die Menschen eingeteilt in die Rationalen und in die Emotionalen. Junge Menschen müssen sich so wie die 16-jährige Skye einer mehrwöchigenTestung unterziehen. Ziel ist, als mustergültige Rationale abzuschließen, um so die Chance auf ein Studium an einer Elite-Universität und auf eine glänzende berufliche Zukunft zu erhalten. Doch die Prüfungen sind verstörend und durchaus gefährlich. Skye beginnt zunehmend zu zweifeln und das Procedere zu hinterfragen, was sie selbst in größte Gefahr bringt…

  

Die junge Autorin schreibt gut. Es gibt viele Passagen, die spannend-lebendig ausgearbeitet sind. Die möglicherweise zugrunde liegende Gesellschaftskritik ist geschickt eingearbeitet. Dennoch blieb ich als Leser von Anfang bis Ende irgendwie außerhalb des Geschehens. Skye ist mir wie auch alle anderen Akteure im Buch fremd und fern geblieben, sie wirken irgendwie künstlich. So erging es mir auch mit der Handlung. Mal durchaus spannend, wenige Seiten später jedoch unlogisch und irgendwie nicht fertig erzählt. Und schließlich auch über lange Strecken geradezu langweilig. Immer wenn sonst nichts hilft, gibt es irgendeinen technischen Schnickschnack, der in der aktuellen Situation weiterhilft. Gut, ich gebe zu, dass Dystopien nicht gerade mein Lieblings-Genre sind, aber ich hoffte doch anhand der Verlagsankündigung auf eine straff erzählte, in sich logische, emotional packende, spannende Geschichte. Leider eine vergebliche Hoffnung. Es ist zu wünschen, dass Lina Frisch ihr mit Sicherheit vorhandenes Schreibtalent weiter zu entwickeln lernt.

 

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 Greer Hendricks, Sarah Pekkanen

 Die Frau ohne Namen

 

 

 ·         Broschiert: 464 Seiten

 ·         Verlag: Rowohlt Taschenbuch

 ·         ISBN-13: 978-3499001444

 #DieFrauohneNamen

  

 Das Karussell der Täuschungen macht schwindelig

 

Was ist dieser Roman? Vergleichbares habe ich noch nie gelesen.

 

Der Roman kommt daher wie ein Psychothriller, scheint sich erst einmal auf ein raffiniertes psychologisches Kammerspiel zwischen reicher Therapeutin und armer Visagistin festlegen zu lassen. Er hat eine zunächst oberflächlich wirkende Handlung wie ein Bericht aus dem Leben mäßig gelangweilter reicher Amerikaner. Und doch ist er alles andere als oberflächlich. Denn er befasst sich mit wesentlichen Fragen des Miteinanders von Menschen. Und vor allen Dingen ist der Roman fesselnd, faszinierend, packend, verwirrend und von nicht endender Spannung. Das alles ist der Roman und noch viel mehr. Wie gesagt, Vergleichbares habe ich noch nicht gelesen. Und ich bin restlos begeistert.

  

Worum geht es? Jess, jung, mit chronischer Geldnot,  meldet sich für eine ausgeschriebene Ethik- und Moralstudie, da großzügige Vergütung versprochen wird. Sie wird zur Testperson 52, zu einem verheißungsvollen Forschungsprojekt. Sehr persönliche Fragen führen immer tiefer in ein manipulatives und durchaus lebensgefährliches Experiment.

  

Einen einzigen kritischen Einwand muss ich voransetzen. Ich bedauere zutiefst Leo, den armen kleinen vernachlässigten Hund von Jess, der immer allein in der Wohnung sitzt, kaum etwas zu fressen bekommt außer Essensresten und nur alle paar Tage mal Gassi geführt wird. Da hätten die beiden Autorinnen schon ein wenig mehr Tierliebe einfließen lassen sollen!

 

Das Buch bezeichnet sich als Roman, nicht als Thriller, ist aber so unermesslich spannend wie ein solcher. Man jagt von einem Twist zum anderen, wird immer wieder getäuscht, wird moralisch auf die Probe gestellt, Sicherheit wechselt mit Zweifeln, Abneigung mit Sympathie. Und es bleibt die große Frage: Wer manipuliert wen und womit, bewusst oder unbewusst, im Roman und im eigenen Leben? Kann man überhaupt nicht manipulieren? Und was ist überhaupt Wahrheit? Gibt es DIE Wahrheit? Irgendwo im Buch steht, dass die Wahrheit eine Gestaltwandlerin ist, schwer fassbar wie eine Federwolke. Wie wahr!

 

Großartig geschrieben ist dieser Roman. Absolut empfehlenswert.

 

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Clare Empson

Zweimal im Leben

 

 

·         Taschenbuch: 448 Seiten

·         Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3734108020

#ZweimalimLeben

 

Endloses Rühren in der Erinnerungs-Gefühls-Suppe

  

Nachdem der Verlag mich mit einer sehr ansprechenden Werbung für das vorliegende Buch geködert hatte und meine Erwartungen entsprechend des Slogans „Emotionalste Geschichte des Jahres“ sehr hoch waren, kam die Enttäuschung unerwartet. Ich las und las und kam nicht voran. Ich legte das Buch wieder weg, versuchte zu einem anderen Zeitpunkt, dem Buch erneut eine Chance zu geben. Und wieder machte ich die gleiche Erfahrung: Das Buch ließ mich als Leser einfach auf der Strecke…

  

So beschreibt der Verlag den Inhalt: „Es begann alles damit, dass sie ihn traf – ihn, die Liebe ihres Lebens. Als Catherine damals als Studentin Lucian zum ersten Mal sah, war ihr gleich klar: Das ist für immer. Er ist ihr Seelenverwandter, nichts wird sie auseinanderbringen. Doch dann geschah etwas, das alles änderte. Catherine verließ Lucian, heiratete jemand anderen, gründete eine Familie. Und trotzdem kann sie Lucian nicht vergessen. Als sie ihn 15 Jahre später wiedertrifft, ist alles wieder da, die Vertrautheit von damals, das Gefühl, endlich wieder ganz zu sein, sich selbst in dem anderen wiedergefunden zu haben. Aber manchmal kann man nicht mehr anfangen, wo man aufgehört hat. Und manchmal holt einen die Vergangenheit mit solcher Macht ein, dass sie droht die Gegenwart zu zerstören und damit alles, was man liebt …“

  

Schön und gut. Das klingt tatsächlich nach einem emotionalen Roman. Aber ich wurde an keiner einzigen Stelle vom Buch berührt. In drei Zeitebenen dreht man sich im Kreis. Ich hatte im Grunde das Gefühl, immer und immer wieder das gleiche zu lesen, mal von vorne, mal von hinten, mal aus der Mitte. Warum Catherine ihre große Liebe Lucien vor 15 Jahren ohne Erklärung über Nacht verlässt, warum sie 15 Jahre später völlig verstummt und in Traumwelten abtaucht, warum Sam, Catherines Mann, nicht ablässt mit seiner grenzenlosen Überfürsorge – all das wurde mir, je weiter ich las, immer mehr und mehr egal. Die Autorin wollte wohl einen großen Spannungsbogen ziehen, aber sorry, für mich wirkte er ehert überzogen. Ich wollte irgendwann nichts mehr wissen von all den Oberflächlichkeiten, von Verstrickungen, alten Lieben, Sehnsucht, Betrügereien, Verlusten, Verwirrungen, Erinnerungen. Wie oben bereits gesagt: Das Buch ließ mich als Leser auf der Strecke, vergaß mich einfach beim endlos wirkenden  Rühren in der Erinnerungs-Gefühls-Suppe.

  

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Hanna Caspian

Gut Greifenau - Goldsturm

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 576 Seiten

·         Verlag: Knaur Verlag

·         ISBN: 978-3-426-52544-9

#GutGreifenauGoldsturm

 

Die opulente Familiensaga geht weiter

  

Ob es daran liegt, dass ich nur Band 1 gelesen hatte, bevor ich nun aus Zeitgründen direkt mit Band 4 weiterlas? Die Faszination, die ich bei Band 1 gespürt hatte, fiel bei Band 4 leider etwas geringer aus. Mag sein, weil mir der direkte Anschluss fehlte, mag aber auch sein, dass die Erzählung  in Band 4 generell so etwas vor sich hin plätschert und sich dabei sehr in Details verliert.  

  

Für den Inhalt zitierte ich wegen der Fülle vieler einzelner Geschehnisse sinngemäß den Verlag: Pommern, Ende des 1. Weltkrieges, 1919-1923. Konstantin und Rebecca kämpfen mit den Folgen, die Misswirtschaft und Krieg auf dem Gut hinterlassen haben. Ungewiss ist, wie es mit Gut Greifenau weitergehen soll, solange Konstantin keinen Erben hat. Katharina dagegen lebt in Luxus und träumt weiterhin vergeblich vom Medizin-Studium. Auch bei den Dienstboten gibt es trotz größerer  Freiheiten wenig persönliches Glück zu berichten. Die Zeit der der Inflation, die sogenannten goldenen Zwanziger, die nicht nur golden waren, überschattet alles. Und wohin man bei der Familie Auwitz-Aarhayn auf Gut Greifenau auch schaut, überall stösst man auf Konflikte, auf Auseinandersetzungen und Böswilligkeiten. 

 

Ich mag den Schreibstil von Hanna Caspian sehr.  Am ehesten finde ich das Adjektiv „sorgfältig“ stimmig für ihre Erzählweise. Doch nicht nur das, der Erzählstil ist auch der geschilderten Zeit angepasst, dabei detailgenau und anschaulich. Bereits nach wenigen Seiten versinkt man in der gräflichen Welt, leidet mit, diskutiert mit. Szene für Szene entsteht im Kopfkino. Die Autorin erzählt fesselnd, farbig, mit historisch umfangreich recherchierten Details. Auch wenn die Protagonisten mehrheitlich nicht unbedingt Sympathieträger sind – das Buch hat durchaus Suchtfaktor und ist Lesefutter für viele Stunden. Aber hier in Band 4 war ich sehr viel weniger diesem Suchtfaktor erlegen als in Band 1. Ich las und las, fühlte mich durchaus gut unterhalten, aber am Ende blieb außer einem Cliffhanger, der zu Band 5 verlocken will, nichts übrig. Das Kopfkino erlischt mit der letzten Seite und so gut wie nichts bleibt zurück, keine Gefühle, keine Bilder, keine einzelnen Begebnisse. Vielleicht lag es an mir.

 

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Sina Beerwald

Die Strandvilla

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 464 Seiten

·         Verlag: Knaur Verlag

·         ISBN: 978-3-426-52412

#DieStrandvilla

 

 

Sylt und der ewige Kampf zwischen Herz und Verstand

 

 

Eine schöne Unterhaltung ist dieses Buch! Genau die richtige Mischung an Leichtigkeit und Ernst, an Atmosphäre und fesselnder Handlung. Die passende Lektüre zur Entspannung. 

 

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges begleiten wir die junge Witwe Moiken Jacobsen auf ihrer Suche nach neuem Lebensglück. Nach Zeiten eines Lebens in größter Kargheit begegnet sie dem Hotelier Theodor von Lengenfeldt, Besitzer der „Strandvilla“, dem besten und modernsten Hotel auf der Insel Sylt. Theodor verliebt sich in Moiken und hält um ihre Hand an. Aber da ist auch noch der Strand-Fotograf Boy Lassen, eine alte Liebe aus Jugendtagen. 

 

Zugegeben, diese Kurz-Inhaltsangabe klingt nach einer sehr trivialen Geschichte. Das ist sie vielleicht sogar irgendwie, aber die Stärke des Romans liegt ganz klar sowohl im Erzählstil als auch an den Protagonisten und an Sylt zu einer Zeit, in der die Insel noch einen ganz eigenen Charme hatte. Dass es Sina Beerwald gut beherrscht, historisches Ambiente mit allgemein menschlichem Sehnen und Trachten zu verbinden, hat sie bereits in mehreren historischen Romanen bewiesen. Ich empfehle, im vorliegenden Buch als erstes das Nachwort zu lesen. Ich fand es sehr beeindruckend zu erfahren, wie die Autorin historische Realität und romanhafte Fiktion zusammengefügt hat. Mit der Witwe Moiken und ihrer halbwüchsigen Tochter Emma hat sie fiktive Personen zum Leben erweckt, die nicht unbedingt sofort die Sympathie des Lesers gewinnen. Moiken ist ein spröder Mensch, hart zu sich selbst, aber auch zu anderen, einerseits in den Konventionen der Zeit gefangen, andererseits aber unangepasst-freiheitlich denkend ihre Ziele verfolgend. Sie zeigt beeindruckende Stärke und Beharrlichkeit im Kampf um Selbstbestimmung in einer Zeit, in der allein der Mann das Sagen hatte. Sina Beerwald erzählt eindrücklich, detailreich, atmosphärisch dicht, immer fesselnd und unterhaltsam. Gewissermaßen mit Sand unter den Füßen und Wind im Haar erlebt der Leser den ewigen Widerstreit zwischen Herz und Verstand, zwischen Tradition und Moderne,  zwischen Zuversicht und Hoffnungslosigkeit.

  

„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt“ heißt es im Nachwort. Wie schön!

 

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Benjamin Myers

Offene See

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 273 Seiten

·         Verlag: DUMONT Buchverlag

·         ISBN: 978-3-8321-8119-2

#OffeneSee

 

Ein poetisches Kleinod

 

Ein kleines Buch ist das. Mit einem symbolträchtigen Cover, dessen Bedeutung sich erst im letzten Drittel erschließt. Mit einem für den Umfang des Buches geradezu gewaltig festen Einband, so als müsste der zarte, der leise Inhalt unbedingt beschützt werden. Und mit einem Lesebändchen, ungewöhnlich für 260 Seiten, und doch sehr gut, denn man braucht länger für dieses Buch, nein, man sollte länger brauchen für dieses Buch. Immer wieder  für ein paar Seiten eintauchen in die berauschend schöne Sprache, dann das Lesebändchen einlegen und wieder ein Stück weit, durch die Poesie gestärkt, durch den Alltag gehen. Ja, solche Leser wünscht sich das Buch.

  

Es ist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der 16-jährige Robert will nach Beendigung der Schule für ein paar Wochen ausbrechen aus seinem vorbestimmten Lebensweg. Er will für eine begrenzte Zeit Freiheit erleben, bevor er sich dem Diktat der Familie ergibt, nämlich im Kohlebergwerk unter Tage zu arbeiten, so wie Generationen vor ihm. Er macht sich zu Fuß auf quer durch England bis zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See. Er lebt in, er lebt mit der Natur und staunt. Für eine kleine Mahlzeit übernimmt er Hilfsarbeiten. Und wandert weiter. Bis er Ducie kennenlernt, eine eigenwillige ältere Frau, die in einem heruntergekommenen Cottage lebt. Aus einer kurzen Rast wird ein ganzer Sommer, in dem er durch Dulcie und durch die Gespräche mit ihr ihre unkonventionellen Gedanken und Ansichten und damit eine ganz unerwartet neue Sicht auf die Welt erfährt. Dulcie bekocht ihn mit Schätzen aus der Natur und aus ihrer prall gefüllten Speisekammer,  Robert beginnt mit Reparaturen rund ums Haus. Als er dabei ein Manuskript mit Gedichten findet, das Dulcie gewidmet sind, reagiert diese schroff und ablehnend…

  

Die Sprache dieses Buches macht in ihrer Schönheit fast trunken, eine große Leistung der beiden Übersetzer übrigens. Man möchte Satz für Satz, Bild für Bild sammeln und nie mehr vergessen. Es wird erzählt von Menschen, in deren Herzen der Krieg als „toxischer Samen“ verbleibt. Robert als alter Mann, der Kunst versteht als den „Versuch, den Moment in Bernstein zu gießen“. Und mit der Gewissheit, dass „im Schweigen die Poesie liegt“. Weise Gedanken verknüpfen sich mit ausgedachten Geschichten, Reales und Erträumtes vermischen sich mit Gefühlen. „Ein gutes Gedicht bricht die Austernschale des Verstandes auf, um die Perle darin freizulegen.“  Ein poetisches, feines und kluges Buch.

 

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Sandra Lüpkes

Die Schule am Meer

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

·         Verlag: Kindler Verlag

·         ISBN-13: 978-3463407227

#DieSchuleamMeer

 

Mutiges Projekt in schwieriger Zeit

 

Wir sehen nur das, womit wir uns beschäftigen“, so heißt es an einer Stelle im vorliegenden Buch. Sandra Lüpkes hat sich ausführlich beschäftigt mit einer historischen Begebenheit auf der Insel Juist und diese durch die Gestaltung in Romanform neu zum Leben erweckt. Mir hat die Beschäftigung mit diesem Roman neue Einblicke in eine Zeitepoche geschenkt, in der sich das spätere große Unheil mit Donnergrollen ankündigte, und dies auf einem Fleckchen Erde, von dem ich dies nie so erwartet hätte.

  

Der Roman beginnt im Jahr 1925, als das Ehepaar Reiner zusammen mit dem Pädagogen Martin Luserke ihren Traum verwirklichen will, ein Internat auf der Insel Juist zu gründen. Sie möchten ihren reformerischen, ganzheitlichen Erziehungsidealen folgen, bei denen auch den musischen Fächern genügend Raum gegeben werden soll. Hierfür gewinnen sie den Musikpädagogen Eduard Zuckmayer, Bruder des Dichters Carl Zuckmayer. Ein hartes, entbehrungsreiches Leben beginnt. Kälte, Krankheit, Brandstiftung, hinterrücks getötete Haustiere, interne Spannungen, dazu die alltäglichen pädagogischen Herausforderungen -  das ist ihr kräftezehrender Alltag. Die Insulaner begegnen dem Internat, seinen Schülern und vor allen Dingen seinen Lehrern, besonders der jüdischen Frau Reiner, mit Misstrauen. Je mehr nationalsozialistisches Gedankengut sich in den Köpfen der Insulaner festsetzt, desto problematischer wird das Leben für die Gemeinschaft…

  

Mich erinnerte von Anfang an das Erziehungsziel des Ehepaar Reiner an die Waldorfpädagogik von Rudolf Steiner, die auch der „Reformpädagogik“ zuzuordnen ist und im Jahr 1920  seinen Anfang nahm. Auch wenn die Bauprojekte auf Juist so viel ärmlicher waren, hatte ich immer irgendwie das Goetheanum, insbesondere seinen beeindruckenden Theaterbau in Dornach vor Augen. Allerdings findet man im Buch keinerlei Information, ob das Ehepaar Reiner von Rudolf Steiner inspiriert war..

 

Sandra Lüpkes Erzählstil ist sehr eindringlich und atmosphärisch dicht und lebendig, wobei die Autorin äußerst geschickt die historisch belegten und sorgfältig recherchierten Tatsachen vermischt mit fiktiven Personen und romanhaften Ausschmückungen. Wer Interesse hat an der Abgrenzung von  Fakten zur Fantasie, der möge das aufschlussreiche Nachwort der Autorin lesen. Wobei mir die (erdachten) Schülerpersönlichkeiten farbiger ausgestaltet vorkommen als die (realen) Lehrerpersönlichkeiten, die für mich etwas blass blieben. Durch die Gratwanderung zwischen detailreich-dichten Schilderungen und einer gewissen Langatmigkeit ließen sich zwar manche Passagen etwas mühsam lesen, aber meistens gelang es mir, völlig abzutauchen in die Welt der Kargheit, der Anfeindungen, des Mutes und in die besondere Schönheit der Farben, des Lichts, der Sprache des Meeres und der Winde auf Juist. Mir hat dieser Roman sehr, sehr gut gefallen.

 

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 Iny Lorentz

 Glanz der Ferne

 

 

 ·         Taschenbuch: 608 Seiten

 ·         Verlag: Knaur TB

 ·         ISBN-13: 978-3426518892

 #GlanzderFerne

  

Gekonnt gestaltetes Zeitgemälde

  

Zu meinem großen Bedauern habe ich die Vorgängerbände „Tage des Sturms“ und „Licht in den Wolken“ nicht gelesen, wurde also sozusagen unwissend hineingeworfen in die Familien-Saga mit ihren zahlreichen Familienmitgliedern und freundschaftlichen oder weniger wohlwollenden Verbindungen. Da war mir das Personenverzeichnis am Ende des Buches durchaus hilfreich. Aber ansonsten erging es mir wie immer bei jedem Buch diesen Autoren-Ehepaares: Man beginnt zu lesen und es vergehen nur wenige Minuten, bis man in der Handlung versunken ist, bis man sich in einer anderen Zeit befindet.

  

Im vorliegenden Buch erleben wir die Jahre des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Berlin. Rätselhafte Auftragsstornierungen schränken die Geschäfte von Theo von Hartung immer mehr ein und bringen die Tuchfabrik letztlich in eine finanzielle Schieflage. Vicky von Gentzsch trägt ein schweres Los, denn ihre Mutter war bei der Geburt gestorben. Ihr Vater gibt ihr am Tod seiner geliebten Frau die Schuld, sie muss ein Leben wie Aschenputtel führen, umgeben von Ablehnung und emotionaler Kälte. Die Lieblosigkeit von Vater und Stiefmutter ließ sie zu einer unangepassten, aufbegehrenden Persönlichkeit heranreifen, die ständig die steifen Gesellschaftsregeln verletzt. Erst durch die Familie mütterlicherseits, durch ihre Großmutter Theresa und Tante Friederike, erfährt sie so etwas wie Herzenswärme.  Doch das Glück hält nicht lange an…

  

Es ist zu bewundern, wie es das Schriftsteller-Ehepaar bei jedem neuen Roman aufs neue schafft, ein Szenario zu gestalten, das dank akribischer Recherche historisch stimmig und dank des farbig-lebendigen Schreibstils so intensiv geschildert wird, dass man als Leser sofort eintaucht in das jeweilige Zeitgefühl, im vorliegenden Buch in die wirtschaftlich und politisch bewegte Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Aber nicht nur der Zeitgeist nimmt gefangen, auch die Protagonisten werden in ihren individuellen Persönlichkeiten so treffend, so vielschichtig und psychologisch stimmig dargestellt, dass der Leser gar nicht anders kann, als sie zu mögen oder abzulehnen, als mit ihnen zu bangen, mit ihnen zu hoffen oder zu verzweifeln. Und aus der emotionalen Bindung, die der Leser zu den handelnden Personen aufbaut, entwickelt sich eine ganz besondere Lese-Spannung, der man sich nicht entziehen kann.

 

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Elizabeth Strout

Die langen Abende

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: Luchterhand Literaturverlag

·         ISBN-13: 978-3630875293

·         Originaltitel: Olive, Again

#DielangenAbende

 

Kaleidoskop der Einsamkeiten

 Der Verlag hatte es sich leicht gemacht. Seine Inhaltsangabe zum vorliegenden Buch ist in etlichen Sätzen identisch zur Inhaltsangabe zu „Mit Blick aufs Meer“, insbesondere was die pensionierte Lehrerin Olive Kitteridge betrifft, die uns in „Die langen Abende“ wieder begegnet. Für „Mit Blick aufs Meer“ bekam die Autorin 2009 den Pulitzer-Preis. Jetzt also, 11 Jahre später, taucht Olive Kitteridge wieder auf, sie, „die sich mit siebzig noch in alles einmischt und so barsch ist wie eh und je“. Und die Kleinstadt Crosby an der Küste von Maine  ist ebenfalls die gleiche wie damals, eine Stadt, in der nichts passiert und die sozusagen das Bühnenbild darstellt für die Geschichten, die uns Elizabeth Strout erzählt.

  

Der Roman erscheint mir wie ein Kaleidoskop, eine Sammlung voller bunter Glasstückchen, die sich bei jedem Umblättern von Seite zu Seite verschieben und sich zu neuen Mustern  des Lebens formen. In den „Glasbildern“ kann sich der Leser verlieren, weil das, was uns die Autorin schildert, so schlicht, so normal, so alltäglich ist und durch ihre Sicht durchs Kaleidoskop doch zu etwas Besonderem wird.

  

Ein stilles Buch ist dieser Roman. Man muss sich als Leser Zeit nehmen, sich einlassen auf die leisen Töne, auf sensibles Wahrnehmen von unscheinbar wirkenden Momenten des Glücks.. Gleichzeitig ist das Buch auch aggressiv-kraftvoll. Es greift den Leser an, es springt ihn geradezu gewaltsam an mit seinen dunklen Seiten, mit den Einsamkeiten, mit Bosheiten, Krankheiten, Verlust, mit Versäumtem und dem Altern. Ein hinreißender Roman, wie ich finde, der den Leser sowohl fordert als auch beschenkt.

 

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Noah Martin

Raffael

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 650 Seiten

·         Verlag: Droemer

·         ISBN: 978-3-426-28229-8

#Raffael

 

Welch ein fulminanter Historien-Schmöker

  

Zugegeben, der Umfang des Buches hatte mich erst einmal erschreckt. Was ist, wenn ich mich 630 Seiten lang mehr oder weniger gelangweilt durch das Buch hindurch schleppen muss? Das dem Roman vorgestellte Personenverzeichnis ist gewaltig, was meine Furcht vor dem Buch nicht gerade minderte. Doch was soll ich sagen: Der Roman hat mich gepackt und restlos begeistert und an keiner einzigen Stelle gelangweilt, im Gegenteil. 

 

An der Person Raffael Santi,  dem bedeutendsten Maler seiner Zeit, an seinem unsteten Leben, an seinen Bekanntschaften und Liebschaften, an seinen Verstrickungen in die politischen Ränkespiele, an all den Facetten dieses gefeierten Ausnahmekünstlers entwickelt Noah Martin ein grandioses Romangemälde der Renaissance, wie es lebendiger gar nicht sein könnte.

  

Der Roman ist durchweg spannend zu lesen. Der Autor versteht es auf perfekte Weise, sowohl historisch präzise als auch erzählerisch packend ein bewegtes Zeitgemälde im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, oftmals so intensiv, als befinde man sich mitten im geschilderten Geschehen. Ob die Dekadenz des Vatikan, das Darben der einfachen Leute, der Neid unter den Künstlern, das blutige Sterben auf den Schlachtfeldern, alles bildet in seiner Gesamtheit ein Bild der Renaissance, wie ich es in seiner Vielfalt noch nie gewonnen hatte. Da der Autor Kunsthistoriker ist, vertraue ich darauf, dass er historisch Belegtes und Fiktives so gekonnt verwoben hat, dass es dem Roman nicht an Wahrhaftigkeit fehlt. Natürlich darf eine Liebschaft nicht fehlen, die uns die Person Raffael auch emotional näher bringt. Margherita Luti ist im Bild „La Fornarina“ festgehalten, übersetzt „Die kleine Bäckerin“. So wie der Autor es sich im Nachwort wünscht, habe ich mir viele der Werke von Raffael mit einem durch die Romanlektüre geschärften Blick angesehen. Doch am beeindruckendsten ist für mich La Fornarina mit ihrem leicht spöttischen Lächeln. Wenn es irgend etwas an dem Roman zu kritisieren gäbe, dann vielleicht, dass mitunter Raffael etwas zu sehr an den Rand rückt. Hier hätte ich mir noch mehr Einblicke gewünscht.

  

Fazit: Grandios erzähltes, packend-farbiges Zeitgemälde. Unbedingte Leseempfehlung!

 

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Stella Tack

Night of Crowns

 

 

·         Taschenbuch: 480 Seiten

·         Verlag: Ravensburger Verlag GmbH

·         ISBN-13: 978-3473585670

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

#NightofCrowns

 

Hat mich nicht überzeugt

 Ein wirkungsvolles Cover und eine spannend formulierte Verlagsankündigung hatten mich verlockt, dieses Buch lesen zu wollen. Die erste Enttäuschung bot sich mir leider durch das billig wirkende Papier der Buchseiten, ein arger Kontrast zum silberverzierten Einband.

 

Zum Inhalt: Alice lässt sich von ihren Freundinnen verführen, an einer illegalen Party mitten im Wald teilzunehmen. Die Party wird ausgerichtet von den Schülern zweier geheimnisumwitterter Internate Chesterfield und St. Burrington. Noch Wochen nach dieser Party wirkt Alice völlig verstört, aus der Bahn geworfen durch seltsame Halluzinationen. Da ihre Schulleistungen abrupt absinken, erhält sie die unglaubliche Chance, während der Sommerferien an einer Summer-School in Chesterfield teilzunehmen. Dort lernt sie den undurchsichtigen Vincent kennen, dessen Lächeln sie verzaubert. Dennoch gerät ihre Welt mehr und mehr aus den Fugen…

 

Um das Positive vorweg zu nehmen. Das Buch enthält einen spannend konstruierten Plot, eine mystische, ungewöhnliche Geschichte, die lebendig geschrieben ist. Und so ist das Buch weitgehend  fesselnd zu lesen. Doch stellenweise schleppt sich die Story dahin, insbesondere wenn es um die Spielregeln geht, auch die Spiele selbst sind letztlich langweilig. Immer wieder neue Einzelscharmützel, das ermüdet. Mir fehlte der große Bogen, die große Klammer, die die Geschichte als Ganzes tragen könnte. Auch sprachlich stören mich Wiederholungen, wenn Augen zum Beispiel wieder und wieder zu Schlitzen oder ganz und gar schwarz werden, wie in einem schlechten Comic, oder wenn wiederholt metallischer Geschmack im Mund entsteht. Hier wäre der Autorin zu wünschen, dass sie, um Gefühle auszudrücken, auf eine größere Bandbreite der möglichen Körperreaktionen und entsprechender Beschreibungen zurückgreifen könnte.

 

Ja, wir sind alle anfällig für Einflüsterungen und Manipulationen. Ja, vielleicht ist die Welt tatsächlich ein Spielfeld und wir die Schachfiguren darauf. Aber nein, es gibt nicht nur die Wahl zwischen Schwarz und Weiß. Ob dies im zweiten Band thematisiert wird, um der Geschichte etwas mehr Tiefe zu geben?

 

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Astrid Seeberger

Goodbye Bukarest

 

·         Gebundene Ausgabe: 244 Seiten

·         Verlag: Urachhaus

·         ISBN-13: 978-3825152307

#GoodbyeBukarest

 

 

Poetisch und bewegend

 

 

Ein Buch, das den Verstand ebenso beansprucht wie das Gefühl. Ein Buch, das poetisch ist und politisch. Ein Buch, das mich tief bewegt hat.

  

Der Inhalt ist schnell erzählt. Astrid, die Erzählerin, kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur. Es hieß, dass Bruno, der totgeschwiegene älteste Bruder ihrer Mutter, in Stalingrad gefallen sei. Eine Lüge, wie sie erfährt. Und so macht sich Astrid auf die Suche nach Bruno, nach seiner wahren Geschichte zur Zeit des Nazi-Regimes und danach, und dies führt sie von Schweden kommend sowohl nach Deutschland als auch nach Rumänien, nach Bukarest. 

 

Vordergründig geht es demnach um ein Stück Zeitgeschichte, vor allen Dingen um das Rumänien zur Zeit der Herrschaft Ceausescus. Doch dieser historische Hintergrund wirkt auf mich im Buch eher wie ein Bühnenbild im Theater: Schön gezeichnet, wunderbar gestaltet, „… eine Landschaft, die Gott mit streichelnder Hand geformt hat…“. Im Vordergrund der Bühne jedoch entstehen verschiedene Geschichten verschiedener Menschen, immer von einer immensen Kraft, manchmal schön, manchmal entsetzlich, immer aber atemberaubend gut geschrieben. Es sind tagebuchartige Notizen, die man langsam lesen muss, Wort für Wort sorgsam einsammelnd, um nichts zu übersehen, nichts zu verlieren von den feinen Gedankenbildern. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Menschen, denen man im Buch begegnet, durch ihre Geschichten ganz eigene Bilder weben, zu denen die politische Geschichte die Webfäden beisteuert. Es sind die Nebenbei-Sätze, die besonders schmerzhaft sind. Und doch gibt es auch viel Tröstliches, einen Bach-Choral vielleicht, einen Liederzyklus, überhaupt Musik und Literatur zeigen sich als tragende Lebenspfeiler. Astrid Seeberger schreibt wunderbar ausdrucksstark, poetisch, fesselnd, bewegend, immer zutiefst den Menschen zugewandt.  „Menschen können inmitten aller Bedrohung einander Schutzräume errichten, in denen wir das kleine störrische Glück verspüren.“

 

Ein anspruchsvolles, ein einfühlsames, ein ganz und gar wunderbares Buch.

 

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Anna Burns

Milchmann

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

·         Verlag: Tropen

·         ISBN-13: 978-3608504682

 

Langweilig!

 

Wenn die Presse ein Buch über den grünen Klee lobt, ist zwar Neugier angesagt, aber keineswegs ehrfürchtiges Nachplappern der sich überschlagenden Pressestimmen. Und so scheue ich mich nicht, meine Meinung ehrlich zu formulieren: Ein  Buch, das langweilt, hat seinerzeit schon bei Reich-Ranicki verloren. Genauso bei mir. Denn was nutzt eine vermeintlich brillante Sprache oder die gar vermuteten gesellschaftspolitischen Inhalte, wenn das Buch anödet, sodass man sich durch die Seiten schleppt und letztlich mit einem Seufzer der Erleichterung des Lesens beendet? Was bleibt dann von der angeblichen Genialität des Buches übrig?

  

Das Schönste am Buch ist (für mich) das Cover. Dieser wunderschöne Abendhimmel hat so manchen Leser angelockt, so auch mich. Für den Inhalt, den ich so nicht wirklich erkennen konnte, nutze ich ausnahmsweise die Verlagsankündigung: „Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.“

  

Man schlägt das Buch auf und es geht los, dieses endlose Geschwätz über alles und nichts. Und dazu noch in endlosen Bandwurmsätzen verpackt, diese wiederum in endlosen Kapiteln ausgebreitet. Wortreiche Schilderungen von Nichtigkeiten. Neigung der Autorin, dasselbe mit mehreren Wörtern zu benennen. Viel Ekel, viel Abscheu, viel Depression, viel jugendliche Wut. Selten aufblitzender schwarzer Humor. Und entsetzlich langweilig, das vor allem. Nein, für mich ist das Buch keine literarische Offenbarung.

  

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 Sofia Lundberg

 Ein halbes Herz

 

 

 ·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 416 Seiten

 ·         Verlag: Goldmann Verlag

 ·         ISBN: 978-3-442-31494-2

 #EinhalbesHerz

  

 

Welch ein kraftvolles Buch

 

Elin, eine überaus erfolgreiche Fotografin, seit vielen Jahren in New York lebend, erschafft permanent  Inszenierungen, und dies sowohl hinter ihrer Kamera als auch im privaten Leben. Alles ist schön, geschönt, ist Kunst und kunstvoll, künstlich, nichts von der Person Elin ist wirklich fassbar. Niemand hat Zutritt zu ihrem Inneren. Das wahre Leben, das lebendige, oft schmerzhafte, bleibt außen vor. Elin ist die perfekte Fassade, die perfekte Fiktion. Das Echtsein hat sie längst vergessen. Erst als Sam, ihr Mann, es nicht mehr aushält und sie verlässt, kommt Elins routiniertes Schein-Leben in Bewegung. Ein unerwarteter Brief aus Elins Heimat Schweden lässt zudem mit aller Macht Erinnerungen an ihre Kindheit in Gotland über sie hereinbrechen. Doch erst ihre 17-jährige Tochter Alice schafft es, dass Elin bereit wird, sich ihrer Kindheit und einem damit verbundenen tief in der Seele vergrabenen tragischen Geheimnis zu stellen. 

 

Welch ein kraftvolles Buch hat Sofia Lundberg da geschrieben. Es hinterlässt tiefe Eindrücke, denn die Autorin schreibt in starken Bildern und sehr bewegend. In zwei Zeitebenen erzählt sie vom Leben Elins. Zunächst liegt der Schwerpunkt in der Gegenwart 2017 in New York. Elin fotografiert Models, ihre Fotos zeigen makellose Schönheit. Einen harten Kontrast dazu bilden die aufblitzenden kurzen Erinnerungsfetzen an die Kindheit in  Gotland, beginnend im Jahr 1979, einer Zeit großer Armut, mit einer Mutter, die unberechenbar zwischen Gleichgültigkeit und Wut schwankt, gleichzeitig aber auch der Halt durch eine tiefe kindliche Freundschaft zu Frederik, ihrem Seelenverwandten. Je mehr das glatte New Yorker Leben ins Wanken gerät, je intensiver werden die Erinnerungen an Gotland, und die Leser durchleben den äußerst schmerzhaften Prozess, dem sich Elin stellen muss. Erst im letzten Drittel des Buches erfährt man, wieso Elin zu solch einer makellosen Kunstfigur wurde. Und es bricht dem Leser schier das Herz. Ein erschreckend intensives Buch über die immense Kraft der in die Seele eingebrannten Erinnerungen, die sich nicht darum scheren, ob sie wahr sind oder Lüge.

 

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Raphael Romano

Von Menschen und Eseln

 

 

·         Taschenbuch: 212 Seiten

·         Verlag: Schweizer Literaturgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3038830795

#vonMenschenundEseln

 

 

Schräg und lebensklug

 

Was ist dieses Buch? Ein Roman? Ein Märchen? Eine Familiengeschichte? Eine philosophische Betrachtung?  Von allem etwas und doch nichts davon, so denke ich. Denn Schubladendenken ist nicht geeignet, sich diesem Buch zu nähern. Besser ist es, mit nichts als Neugier im Gepäck die Seiten aufzuschlagen und sich forttragen zu lassen.

 

Die Geschichte  „Vom Esel, der fliegen wollte“, sehr stimmig illustriert von  Gino Caspari, stellt den Mittelteil des Buches dar, sowohl trennend als auch verbindend, allemal symbolisch passend. Teil 1 beschreibt das Leben von Filomena, Teil 2 das Leben von Lionel, dem Sohn von Filomena. Der Leser wandert durch die Jahre, beginnend 1938 und endend 2015. Mehr erzähle ich nicht vom Inhalt, denn besser ist es, mit nichts als Neugier im Gepäck… siehe oben.

 

Mit dem vorliegenden Buch kann man sich lange beschäftigen. Man begegnet Menschen, die einen nicht mehr loslassen, sei es durch ihre Hilflosigkeit dem Schicksal gegenüber, sei es durch eine in ihnen steckende ganz besondere gute oder schreckliche Kraft. Nicht nur die in bitterer Armut und von ihren Brüdern gequält aufwachsende Filomena oder der ansteckend fröhlich-positive Jean, auch dieser still-nachdenkliche Lionel und all die anderen im Buch auftauchenden Nebenfiguren sind vom Autor so eindringlich, geradezu schmerzhaft eindrücklich gezeichnet, dass man sie nicht mehr vergisst. Es wird viel gestorben in diesem Buch, mit stillen oder grausamen, erlösenden oder qualvollen, überraschenden oder erwarteten Toden. Und es wird viel geliebt, mit Brachialgewalt oder ganz schwerelos. Dem Autor gelingt es auf beeindruckende Weise, dem Leser mit tiefem Ernst und verschmitztem Lächeln gleichermaßen seine Geschichte der Grundfragen des Lebens vorzusetzen. „Ich möchte den Tod zum Leben erwecken“, schreibt der Autor in seiner Schlussbemerkung, und erzählt im Epilog von einer viel besuchten sprechenden Eselskulptur auf dem Grab von Lionel. Schräg und lebensklug, wie es besser nicht geht.

 

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Katya Apekina

Je tiefer das Wasser

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 396 Seiten

·         Verlag: Suhrkamp Verlag

·         ISBN-13: 978-3518429075

JetieferdasWasser

 

Bin vom Psycho-Puzzle genervt

 

Es hilft nichts: Ich mag dieses Buch nicht. Ich mag es gar nicht. Ich finde nichts daran, was ich mögen könnte.

 

Edie und Mae sind Schwestern und haben eine schwere Kindheit und Jugend, da ihre Mutter psychisch krank ist. Nach einem Selbstmordversuch wird sie in einer Klinik für längere Zeit behandelt, und die Geschwister müssen von Lousiana nach New York umziehen zu ihrem Vater Dennis, einem berühmten Schriftsteller. Der hatte schon vor 10 Jahren die Familie verlassen, was ihm Edie nicht verzeihen kann. Auch den Umzug als solchen empfindet Edie wie einen Verrat. Mae dagegen versucht, mit der neuen Situation so gut wie möglich zurecht zu kommen. Im Grunde erlebt sie das neue Leben beim Vater befreiend. Der Bruch scheint  unvermeidlich.

 

Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Autorin in diesem Erstlingsroman die Leser missbraucht, indem sie ihre Geschichte auf die Leser loslässt, all die darin enthaltenen Obsessionen und psychischen Irrungen und Wirrungen vor den Lesern ausbreitet, sie dann jedoch damit allein lässt. Die Leser dienen wie in einer Selbsthilfegruppe der Autorin als hilflose und stumme Zuhörerschaft. Das Buch ist ein Puzzle aus vielen, vielen Einzelteilen, denn in teilweise kürzesten Kapiteln berichten viele Menschen aus ihrer Sicht über einzelne Szenen, allen voran natürlich Edie und Mae. Zwar weiten sich die individuellen Bilder des Geschehens, wenn aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, aber obwohl es eine so große Fülle an Kapitel-Schnipseln sind, passen sie letztlich nicht zusammen, ergeben zumindest für mich kein vollständiges Bild, dem man etwas Konkretes, Fassbares, Schlüssiges entnehmen könnte. Unendlich mühsam bis langweilig zu lesen war für mich diese endlose Aneinanderreihung von düsteren Szenen über Ängste, Unsicherheiten, Verwirrnis, Verkennung der Wirklichkeiten und Schuldzuweisungen. Und dies letztlich ohne jegliche nachzuvollziehende Botschaft außer vielleicht der, wie krank Beziehungen in einer Familie sein können.

  

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Charlotte Roth

Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: Eisele Verlag

·         ISBN-13: 978-3961610693

#DieganzeWeltisteinegroßeGeschichteundwirspielendarinmit

 

Berauschend gut geschrieben

 

 

Charlotte Roth, Literaturwissenschaftlerin und Autorin, ist mit dem vorliegenden Buch etwas ganz Besonderes und absolut Bewundernswertes gelungen. Nämlich eine romanhafte, poetisch erzählte Biographie, die so viel mehr als eine Biographie ist. Eher ein Erspüren, ein Nachspüren dessen, was Michael Ende ausmachte. Eine Roman-Biographie also als etwas Er-Dichtetes, als etwas Ver-Dichtetes im direkten Wortsinn. Nein, Charlotte Roth ist keine Biographin, sondern eine künstlerische Gestalterin eines Lebens, in das sie tief, tief eingedrungen ist und das sie mit ihrer persönlichen wunderbar poetischen Sprache wiedergibt. Und womöglich kommt Charlotte Roth und mit ihr somit auch der Leser dem Menschen Michael Ende dadurch sehr viel näher als jegliche theoretische, chronologische Auflistung an Lebens- und Werkfakten es je leisten könnte.

 

Der Titel (ein Zitat aus „Momo“) könnte gar nicht treffender sein, aber verkaufsfördernd ist er vermutlich nicht, denn für den oberflächlich schweifenden Blick eines Menschen in einer Buchhandlung ist er zu lang. Oder wirkt er vielleicht gerade deshalb anziehend? Wie auch immer, hinter dem Titel verbirgt sich ein Buch, das zu lesen mich begeistert hat wie schon lange keines mehr und dem ich viele vorurteilsfreie Leser wünsche.

 

Über den Inhalt muss man nicht viel erzählen. Der Roman beginnt mit dem Elternhaus von Michael Ende. Sowohl der Vater, Edgar Ende, eine schwierige Künstlerpersönlichkeit, als auch die Mutter Luise, erfüllt von geradezu besitzergreifender Liebe zu Michael, lernen wir sehr ausführlich kennen, was dem Leser ein gewisses Grundverständnis für die Persönlichkeit Michael Endes schenkt. Wir verfolgen seinen Lebensweg, sein verzweifeltes Ringen, sein permanentes Suchen, unterbrochen von nur kurzen Zeiten des entspannten Zurücklehnens, des wachsenden Erfolges. Wir erleben mit Michael Ende Lüge und Betrug, Neid und Profitgier und am schlimmsten schmerzend viel Unverständnis.

  

Der Schreibstil der Autorin ist sensibel, inhaltsreich, psychologisch klug, mit großer emotionaler Kraft, deshalb nichts für oberflächliche Schnellleser. Zuviel steckt in den Sätzen. Ihre intensiven Beschreibungen, ihre Wortbilder wirken an manchen Stellen fast so surreal wie die Bilder von Edgar Ende, dem Vater. Allein schon wie es Charlotte Roth gelingt, sich in das Kind Michael einzufühlen, das zwischen Verzärtelung, bitterer Armut, Elternstreit und politischer Zeit-Verzweiflung aufwächst, mit einer Mutter, „die nach innen weint“, das ist unfassbar gut und psychologisch tief. Sie schreibt poetisch, bilderreich, intelligent, einfühlsam,  mit Kopf und Herz gleichermaßen, ohne je zu werten, in den ihr eigenen intensiven Sprachbildern. Eine Roman-Biographie von großer sprachlicher Kraft über einen lebenslang verzweifelt Suchenden, berauschend gut geschrieben.

 

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Milena Agus

Eine fast perfekte Welt

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 208 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423282116

·         Originaltitel:  Terre promesse

#EinefastperfekteWelt

 

Melancholisch und poetisch

 

Die Autorin wünscht sich den idealen Leser als einen, der sich in einer Rettungsaktion engagiert, bei der alles, was verloren zu gehen droht, vor dem Vergessen bewahrt wird. Dieser Gedanke hat mich eine ganz andere Seite des Lesens erkennen lassen: Der Autor beschreibt etwas, und der Leser bewahrt es. Ein Leben vielleicht, Erfahrungen, Erlebnisse, Entdeckungen.  Im vorliegenden Buch geht es um Sardinien, so wie es vor drei Generationen war, steinig, ursprünglich, arm. Und um Menschen auf der Sinnsuche.

  

Nur 200 Seiten, aber diese Seiten sind so prall voller Warten, Sehnsucht, Traurigkeit, Liebe, Hoffnung, Zorn, Gelassenheit – voller Leben.

 

Ester wartet Jahre auf ihren Geliebten, und als sie ihn endlich heiraten kann und nach Genua zieht, ist sie unglücklich, sehnt sich nach ihrem Dorf zurück. Aber auch dort bleibt in ihr diese ewige Sehnsucht. Ihre Tochter Felicita lebt sich leichter, denn sie ist ein in sich ruhender, gelassener Mensch. Deren Sohn Gregorio jedoch ist unstet, es zieht ihn fort, egal wo er ist, er läuft weg.

  

Melancholisch und humorvoll, träumerisch und in zarten Farben, zuweilen in eindringlich dichten Szenen erzählt Milena Agus von Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihr Leben teils passiv hinnehmen, teils aktiv gestalten, teils nur davon träumen, was sein könnte. In einer sehr berührenden poetischen Sprache, unaufdringlich und leise beschreibt die Autorin Außergewöhnliches und Alltägliches. Und genau diese leise Erzählweise ist es, die dem Leser im Herz haften bleibt.

 

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David Nicholls

Sweet Sorrow

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 512 Seiten

·         Verlag: Ullstein Hardcover

·         ISBN-13: 978-3550200571

·         Originaltitel: Sweet Sorrow

#SweetSorrow

 

Weniger wäre mehr gewesen

 

Da ich von David Nicholls noch nichts gelesen hatte, sehr wohl aber einiges über ihn bzw. über frühere Bücher von ihm, begann ich den vorliegenden Roman mit relativ hohen Erwartungen. Die leider enttäuscht wurden. 

 

Worum geht es? Charlie Lewis erinnert sich an seine erste große Liebe vor zwanzig Jahren. Er erinnert sich an dieses aufregende Gefühl der Jugend, wenn die Zukunft wie eine Wundertüte an Überraschungen vor einem liegt. Und er erinnert sich, als er, der Durchschnittsschüler mit „Mangel an Eigenschaften“,  mit Fran Fisher einen unvergesslichen Sommer erlebte. 

 

So weit so gut. David Nicholls kann schreiben, keine Frage. Was er jedoch offensichtlich nicht kann, ist, sich im Schreiben zu beschränken, sich zu reduzieren auf Essentielles. Zunächst hatte ich große Mühe mit dem Schreibstil, der mich nicht „mitnahm“. Ich ertappte mich des Öfteren beim rein mechanischen Lesen ohne jegliche innere Beteiligung. Das wurde im Laufe des Buches zwar besser, dafür jedoch wuchs das Gefühl in mir, von der Fülle an Details erstickt zu werden und mich durch das permanente Drehen im Kreis der gleichen Themen schwindlig zu lesen. Auch die oftmals sehr kurzen Zeitsprünge empfand ich als anstrengend. Gut dagegen gefiel mir der immer wieder aufblitzende Humor, der möglichem Abgleiten in den Kitsch keine Chance ließ. Gut gefielen mir auch die schönen Schilderungen der leisen Szenen der Wehmut, der aufblitzenden Erinnerungen an die kleinen Dinge, an Freuden und Niederlagen. Und gut gefiel mir, dass Shakespeare immer wieder durch die Zeilen blinzelte.

 

Fazit: Gut geschrieben, aber weniger wäre mehr gewesen.

 

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Barbara Kunrath

Geteilt durch zwei

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 400 Seiten

·        Verlag: Ullstein

·         ISBN: 978-3-548-06049-1

#Geteiltdurchzwei

 

 

Zweigeteilte Meinung

  

Zweigeteilt hat mich die Lektüre dieses Buches zurückgelassen. Zweigeteilt zwischen Faszination und Genervt-Sein, zwischen Einfühlung und Langeweile. 

 

Nadja hat seit jeher das Gefühl, dass ihr etwas Entscheidendes fehlt, ohne dass sie es konkret benennen kann. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt ein zufriedenes Leben. Dass sie als Kind adoptiert worden war, hatte sie früh erfahren, ohne dass es ihr je Probleme bereitet hätte. Alles verändert sich jedoch schlagartig, als sie zufällig erfährt, dass sie eine Zwillingsschwester hat. Plötzlich weiß Nadja, was ihr über all die Jahre hinweg gefehlt hatte. Aber es tun sich auch viele, viele neue Fragen auf. 

  

Und genau hier beginnt für mich dieser Zwiespalt beim Lesen des Buches. Eigentlich wird die Geschichte sehr detailliert und feinfühlig erzählt. Es gelingt relativ gut, sich in Nadjas Befindlichkeiten einzufühlen. Nadja stürzt sich auf eine Suche nach ihren Wurzeln anhand der Begegnungen mit Pia, ihrer Zwillingsschwester, und dies mit einer Vehemenz bzw. Besessenheit, die für mich nur schwer nachvollziehbar ist. Sie versucht Verbindendes, Vertrautes zu finden und begegnet doch eher Trennendem. Sie begegnet mit dem Blick auf ihre Zwillingsschwester sich selbst wie neu. Und diese Begegnungen wiederholen sich

 

im Buch wie in Dauerschleife, mit neuen Details, auch mit neuen Einblicken in die Kindheitsvergangenheit, aber eben dennoch geht es letztlich immer und immer und immer nur um Nadja und ihre Gefühle, um ihr Aufspüren von Gemeinsamem und Fremdem, um Entdecken von Trennendem und Verbindendem. Der Hintergrund einer durchaus tragisch zu nennenden Familiengeschichte wird zunehmend aufgedeckt, aber irgendwie auch nicht wirklich verarbeitet. So gekonnt dieser Roman einerseits geschrieben ist, so ging er mir doch je länger ich las zunehmend auf die Nerven. Die Protagonisten waren mir allesamt unsympathisch, ich fand sie anstrengend, einerseits überreflektierend, andererseits aber auch wieder völlig unreflektiert. Was soll der Leser an Erkenntnissen aus diesem Roman ziehen? Ich weiß es wirklich nicht.

 

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Simon Strauss

Römische Tage

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 142 Seiten

·         Verlag: Tropen

·         ISBN-13: 978-3608504361

#RömischeTage

 

„Das Alte neu denken“

 

Man könnte es sich als Leser einfach machen und das Büchlein betrachten als eine Autorengrätsche zwischen dem antiken Rom, dem Rom damals und dem lebendig-quirligen Rom, dem Rom heute. Ein  junger Mann, der Autor,  lebt für einige Wochen in der ewigen Stadt, treibt durch Altes, erlebt Neues, trifft Menschen und schreibt es auf. Soweit so gut.

 

Und doch ist dieses kleine Büchlein so unendlich viel mehr. Ich habe mich als Leser vom Autor durch die Gassen treiben lassen, habe mit ihm feinste Beobachtungen bis ins Ameisenleben hinein geteilt, habe mit ihm die 6 Zehen auf dem Ludovisischen Thron entdeckt und in der Sonnenhitze sterbende Katzenkinder, habe mit ihm inmitten merkantiler Koordinaten der Stelle nachgespürt, an der Caesar ermordet wurde und habe mit ihm Kirchen als Schutzräume unserer aufgeriebenen Gemüter erlebt.  Man wird als Leser mit weichen Worten wie auf einer philosophischen Sänfte durch die Gegend über die Zeiten hinweg getragen. Und immer, immer steht irgendwo hinter diesem Füllhorn an Erinnerungen und historisch Belegtem, an diesem ganzen Durcheinander von Heute und Gestern die Angst des Autors vor der eigenen Sterblichkeit. Das Stechen des Herzens treibt an innere Grenzen. Wenn der eigene Puls steigt, steigen die essentiellen Fragen aus dem Dunkel: Wer bist du? Wer willst du sein? Die Steine Roms, diese Großarchivare des Lebens über die Zeiten hinweg – diese ewige Konstante, das unausschöpfliche Rom – lässt den Autor schaudern einerseits und Trost finden andererseits. Denn irgendwie ahnt er durch alle Verwirrungen hinweg, dass es ohne das Vergangene nichts Gegenwärtiges gibt.

 

Eine schöne, eine eindrückliche, eine sprachlich subtile Reise durfte ich da mit Simon Strauss machen. Hat mir gut gefallen.

 

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Susanne Oswald

Der kleine Strickladen in den Highlands

 

 

·         Taschenbuch: 304 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3745700442

 

#DerkleineStrickladenindenHighlands

 

Entspannend wie ein Schaumbad

 

Man nehme ein wohlig warmes Schaumbad, randvoll mit duftenden Schaumbläschen, die beim Zerplatzen ein ganz leises Geräusch machen und auf der Haut kitzeln. Man tauche ein in die entspannende Wärme und genieße den Augenblick. Genau so und nicht anders sollte man das vorliegende Buch lesen. Als entspannende Wohlfühlzeit. Nach dem Bad, nach der Lektüre, taucht man wieder ein ins echte Leben, schüttelt ein wenig den Kopf über das Gelesene, fühlt sich aber entspannt und locker.

  

Schottland,  Regen, Kälte, eisiger Wind. Maighread hat sich nach Trennung von ihrem Freund Dylan aufgemacht, um in der Hügellandschaft der Highlands ihre totgeglaubte Großmutter aufzusuchen, die jedoch nicht bereit ist, mit ihr zu sprechen. Ein unausgesprochenes Familiengeheimnis belastet Mutter und Großmutter von Maighread dauerhaft. Wie gut, dass Maighread Unterstützung findet in liebenswerten Menschen, die sie freundlich, ja geradezu freundschaftlich aufnehmen. Besonders Joshua, der Schafzüchter, kommt Maighread näher, als erwartet. Maighread liebt Wolle, sie liebt das Stricken und träumt von einem eigenen kleinen Strickladen. Doch dieser Traum scheint in weiter Ferne…

  

Die vorhersehbare Geschichte wird unterhaltsam erzählt, das ja. Das Buch liest sich leicht, sehr leicht. Ein wenig Humor würzt die Geschichte. Aber, wo bitte gibt es im echten Leben diese Ansammlung von liebenswerten Menschen, wie sie im Buch geschildert werden? Menschen, die ohne jeden Fehl und Tadel sind. Nichts Böses weit und breit. Und wenn sich die Protagonisten mal selber auf den Füßen stehen, hilft das Schicksal ganz schnell wieder auf den richtigen Weg. Ach ja, kann man als Leser nur seufzen, wenn das echte Leben nur auch so wäre. Am ehrlichsten sind noch die Hunde beschrieben. Da ich selbst der Haptik von Wolle verfallen bin und die meditativ-heilsame Wirkung des Strickens überaus schätze, auch viele Jahre in diesem Bereich selbständig war, wurde ich verlockt, das Buch zu lesen. Aber ehrlich gesagt, wurde es mir letztlich etwas zuviel an Weichgespültem. Ich kenne niemanden, der zu Handgestricktem „bezaubernd“ ausruft, eher „zu teuer“, „Wolle verträgt meine Haut nicht“, „ist nicht waschmaschinenfest“ u.v.a. Ich kenne niemanden, der vor Begeisterung über ein Noppenmuster so ausflippt wie Eilidh. Ach ja, und ein kuschliger kleiner Wollladen, in dem durchweg freundliche Kunden Tee trinken, wie ihn sich Maighred vorstellt, der könnte kein halbes Jahr überleben. – Träume sind Schäume. Ein Buch wie ein Schaumbad eben,  weit, weit weg von der Wirklichkeit, egal ob in Schottland oder sonstwo, aber entspannend allemal.

 

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 Bettina Storks

 Leas Spuren

 

 

 ·         Taschenbuch: 464 Seiten

 ·         Verlag: Diana Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3453360464

 #LeasSpuren

 

 Bewegend, fesselnd, spannend, ernsthaft

 

Bettina Storks war mir bislang nicht bekannt. Doch die Leseerfahrung des vorliegenden Buches hat mich überzeugt und weckt nachhaltig mein Interesse an dieser Autorin.

 

Die Handlung bewegt sich auf verschiedenen Zeitebenen. Im Jahr 2016 erfährt die Stuttgarter Historikerin Marie von einem lukrativen Erbe, das jedoch erst mit Erfüllung einer Aufgabe anzutreten wäre. Sie soll gemeinsam mit dem französischen Journalisten Nicolas ein verschollenes Gemälde finden und es den möglichen Überlebenden einer jüdischen Pariser Familie zurückgeben. In Rückblicken erleben wir, wie um 1940 Victor Blanc seine Arbeit in der Botschaft aufnimmt, um sich um „herrenlose Objekte“ zu kümmern. Und wir werden 1947  mitten in die Besatzungszeit, in die Nachbeben des Zweiten Weltkrieges, geführt und erfahren von der unerlaubten Liebe zwischen Charlotte, der Großtante von Marie, und Victor, dem Großvater von Nicolas, zwischen Kunstraub und Résistance. Die schwierigen Nachforschungen von Marie und Nicolas 2016 scheinen an einer Mauer des Schweigens zu scheitern, führen aber schließlich immer tiefer in erschreckende Zusammenhänge.

 

„Nur Gefühle beeindrucken die Menschen“ – diesen Satz der von mir überaus geschätzten Autorin Gabriele Diechler scheint Bettina Storks auf perfekte Weise verinnerlicht zu haben. Denn das vorliegende Buch packt den Leser, fesselt ihn und lässt ihn nicht mehr los. Weil man sich jenseits des Geschehens intensiv mit den Protagonisten emotional verbunden fühlt. Weil man ihre geschilderten Empfindungen unmittelbar miterlebt. Auch versteht es Bettina Storks außerordentlich gut, innerseelische Prozesse anhand von äußeren Geschehnissen bildlich spürbar werden zu lassen. Viele Szenen bleiben sehr nachdrücklich im Gedächtnis, auch nach Beendigung der Lektüre. Insgesamt gesehen ist das Buch eine großartig gestaltete Mischung aus historisch Belegtem und romanhaft Erfundenem, spannend, lebendig, intensiv erzählt. Das Buch wirft Fragen auf, denen sich der Leser stellen sollte. Denn welche Verantwortung tragen nachfolgende Generationen für die Gräueltaten der Nazis? Und kann die Schuld des Wegsehens oder gar Mitmachens je getilgt werden?

 

Auf S. 455 steht vielleicht eine Antwort: „Eines der kostbarsten Geschenke ist, dass wir eine Wahl haben….Den inneren Kompass zu finden, ihm zu vertrauen und sich nach ihm als einziger Instanz zu richten, ist eine Lebensaufgabe“…

 

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Gabriele Diechler

Schokoladentage

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 478 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN: 978-3-458-36442-9

#Schokoladentage

 

Eine perfekte Komposition in Dur und Moll

 

„Nur Gefühle beeindrucken die Menschen“. Mit diesem Satz verrät die Autorin eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Denn ihre Bücher transportieren Gefühle, und zwar ohne Pathos und ohne Kitsch. Warum ist Gabriele Diechler eine meiner Lieblingsautorinnen, vielleicht sogar DIE Lieblingsautorin? Natürlich in erster Linie wegen ihrer gekonnt geschriebenen Bücher, keine Frage. Aber mehr noch, weil ihre herzerwärmend positive Persönlichkeit so direkt, so unmittelbar spürbar wird auf jeder einzelnen Buchseite und sie damit dem Leser auf seltsam individuelle Weise nahekommt, so als sei das Buch ganz allein nur für ihn selbst geschrieben worden.

 

Alwy, eine junge Patissière, kommt aus Tokio zurück. Sie hat sich von ihrem langjährigen Partner getrennt und steigt nun bei ihrer Freundin Tina in Salzburg in deren Patisserie ein. Finanziell befindet sich Tina mit ihrem Laden in einer schwierigen Lage. Gemeinsam mit vielen kreativen Ideen und vollem Arbeitseinsatz schaffen die beiden Freundinnen erste Erfolge.  Doch da wird das „Cake Couture“ erneut bedroht durch die Machenschaften eines Bauinvestors. Der Kampf um den Laden, um die berufliche Existenz wird zum Kampf um das eigene Lebensglück, um Beziehungen, um Freundschaft,  um die Erkenntnis, was wirklich wichtig ist im Leben.   

 

Der Roman erscheint mir in seiner Gesamtheit inszeniert wie eine Mozart-Oper. Und das nicht nur, weil er in Salzburg spielt, in dieser wunderschönen Stadt, deren Lebensimpuls Musik zu sein scheint. Die Ouvertüre ist dramatisch und enthält bereits eine Ahnung des späteren Geschehens. Der Leser weiß vom Paukenschlag des Anfangs an, dass er nicht einen der üblichen Frauenromane in der Hand hält. Mozart hat mit leichter Hand Schweres komponiert. Und so schreibt Gabriele Diechler. Mit leichter Hand erzählt sie Wesentliches. Es gibt viele Tempi-Wechsel, Rezitative, die die Handlung weitertragen und betörend schöne Solo-Arien, deren reine Melodien unmittelbar zu Herzen gehen. Genauso spielt die Autorin mit den Geschehnissen, indem sie das Grundmotiv in vielen Variationen ausarbeitet in der ganzen Bandbreite dessen, was Menschen empfinden können. Eine Fülle schöner Bilder, schöner Gedanken bereichert den Leser. Selbst in schwierigen Situationen wird keiner der Protagonisten abwertend-negativ gezeichnet. Immer bleibt ein Funken Respekt, ein Funken Verständnis. Mozart besaß das Geheimwissen der Freimaurer. Gabriele Diechler hat tiefes Herzenswissen. Das macht das Lesen ihrer Bücher besonders.

 

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 Oliver Pötzsch

 Der Lehrmeister

 

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 800 Seiten

 ·         Verlag: List Hardcover

 ·         ISBN-13: 978-3471351604

       #DerLehrmeister

  

800 Seiten Lesegenuss pur

 

Der mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnete Autor legt mit „Der Lehrmeister“ den zweiten Band rund um den berühmten Magier Johann Georg  Faustus vor.  800 Seiten prall gefüllt mit lebendig-farbiger  Erzählfreude. Da ich den ersten Band nicht kenne und historische Romane nicht mein bevorzugtes Genre sind, fürchtete ich mich etwas vor dem schwergewichtigen Werk. Andererseits war ich neugierig darauf, mehr über Faustus zu erfahren, denn ich wohne in unmittelbarer Nähe einer Faust-Stadt, in der Dr. Faustus durch sein Wirken bis heute allerlei Spuren hinterlassen hat.

 

Band 2 beginnt ca. 6 Jahre nach der Flucht aus Nürnberg. Dr. Faustus zieht durch die Lande und verdient sich seinen Unterhalt mit Quacksalberei und Zauberei. Doch er hat viele Feinde, die alles daran setzen, ihn in ihre Gewalt zu bringen. Sowohl Papst Leo als auch König Franz I. von Frankreich glauben wie viele andere, dass Dr. Faustus Gold machen könne, und nichts wollen die Mächtigen mehr, als zu Reichtum zu kommen. Und so befindet sich der Leser mit Dr. Faustus und seinen Lieben unentwegt auf der Flucht von Bamberg über die Pfalz und das Elsass bis nach Rom. Neben einer Fülle von gefährlichen Situationen und schaurig-grausamen Begebenheiten erleben wir auch eindrücklich die Begegnungen mit historisch bekannten Persönlichkeiten des frühen 16. Jahrhunderts, wie zum Beispiel mit dem Genie Leonardo da Vinci.

 

Es ist schon eine große Autorenleistung, dass über das gesamte umfangreiche Buch hinweg keine Langeweile aufkommt. Lebendig und fesselnd im Schreibstil lassen die spannenden Schilderungen die Welt rund um Dr. Faustus und seine Erlebnisse sowie das Denken und Handeln der Menschen in der damaligen Zeit zum farbig-lebendigen Kopfkino werden. Man spürt, dass der Autor sehr sorgfältig und umfassend recherchiert hat, zwar sich gelegentlich der Fantasie bedient, um die Erzählung voranzubringen, aber dennoch sehr nah an den tatsächlich überlieferten historischen Begebenheiten bleibt. Fließende Grenzen zwischen Alchemie, Esoterik, Glauben und recherchierten politischen Hintergründen, die drastisch-schaurig geschilderten Grausamkeiten des Ritters Gilles de Rais und ein Buchschluss mit dem Überlebenskünstler Faustus, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt – das Buch ist ein Füllhorn an rasant erzählten Geschichten und Lesegenuss pur!

 

 

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Caroline Bernard

Frida Kahlo

 

 

·         Taschenbuch: 400 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746635910

      #FridaKahlo

 

Der Schmerz, die Liebe und die Kunst

 

Da ich schon lange ein Fan der ausdrucksstarken, verstörenden Bilder der Malerin Frida Kahlo bin, war ich sehr neugierig auf das vorliegende Buch. Nun, es ist ein Roman, keine Biographie. Darüber sollte man sich von Anfang an im Klaren sein, um keine falschen Erwartungen zu hegen. Die Autorin hat versucht, ein Portrait der Malerin in erzählender Form zu zeichnen, wobei sie den Schwerpunkt ihres Erzählens auf das Thema legt, das in Romanen mehr oder weniger stets zu dem zentralen Thema zählt: die Liebe.

 

Das Buch beginnt im Jahr1925 in Mexiko, und wir erleben Frida Kahlo, gerade eben noch voller Vorfreude auf ihr Medizinstudium, und Minuten später durch einen schrecklichen Busunfall all ihrer Zukunftshoffnungen beraubt. Ein jahrelanger Gesundungsprozess beginnt. Durch Diego Rivera, ein charismatisches Malergenie, lernt sie die Magie der Kunst kennen. Diego glaubt an ihre künstlerischen Fähigkeiten und schenkt ihr Ermutigung. Aber er betrügt sie auch und verletzt sie zutiefst. Es wird sich im Laufe des Buches zeigen, dass die beiden wie mit einem Gummiband lebenslang miteinander verbunden bleiben werden. Sie kommen nicht voneinander los, so sehr sie sich auch darum bemühen. Nicht nur Diego hat zahlreiche Affären, auch Frida lebt alles aus, was sich ihr bietet, trotz der körperlichen Einschränkungen. Das Malen hilft ihr immer wieder, mit den vielen Schicksalsschlägen fertig zu werden. Sie malt verstörende Bilder, in denen der Schmerz das zentrale Thema ist und bleibt. Ihr künstlerisches Talent tritt über die Jahre hinweg immer mehr in den Vordergrund. Viel zu früh stirbt sie im Jahr 1954 mit nur 47 Jahren.

 

Frida Kahlo war eine exaltierte, schillernde Persönlichkeit von enormer innerer Stärke. Und genau hier setzt mein Kritikpunkt an. Denn der Roman hätte, um der Person Frida Kahlo besser gerecht zu werden, genau so eine schillernde  und explosiv-lebendige Darstellungsweise verdient. Der Roman berichtet zwar relativ biographie-getreu, aber genau diese Stärke ist die eigentliche Schwäche des Buches. Denn es gibt zu viele Passagen des eher sachlichen Berichtens von Begebenheiten ohne Belang, und nur zwischendrin finden sich ausgearbeitete, plastische, von Farbigkeit strotzende Szenen, die die zerrissene Persönlichkeit Fridas erahnen lassen. Das verzehrende Feuer einer großen Künstlerin sprang nur gelegentlich auf mich als Leser über. Zuviel wurde dem ewigen Hin und Her zwischen Diego und Frida Platz eingeräumt. Ähnlich erging es mir übrigens mit der Autorin bereits in „Die Muse von Wien“, in der das Essentielle der Beziehung zwischen Alma und Gustav Mahler, nämlich die Musik, auch wenig Platz hatte.

 

Kurzum: Sorgfältig recherchierter, stellenweise biographisch-sachlich erzählter, dann wiederum in packend-farbige Szenen gesetzter Roman, in dem die ungewöhnliche und tiefe Liebe zwischen Frida und Diego in all ihren Facetten den Mittelpunkt bildet.

 

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Cecilia Ahern

Postscript – Was ich dir noch sagen möchte

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: FISCHER Krüger

·         ISBN-13: 978-3810530677

#Postscriptwasichdirnochsagenmöchte

 

 

Schweres Thema, zu einfach in Worte verpackt

 

Von Cecilia Ahern hatte ich bislang noch kein Buch gelesen. Da die Autorin offensichtlich außerordentlich erfolgreich ist, war ich sehr neugierig auf sie und auf ihr vorliegendes neues Buch.

 

Es handelt sich um die Fortsetzung zu „P.S. Ich liebe Dich“, wobei ich glaube, dass man das neue Buch durchaus auch ohne Kenntnis des Vorgängerbandes lesen kann, denn durch Rückblicke und Erinnerungen erfährt man genug über die Vorgeschichte, sodass es keinerlei Verständnisprobleme gibt. Holly Kennedy, deren geliebter Mann Gerry vor 7 Jahren im Alter von nur 30 Jahren an Krebs verstorben war, hat es im Laufe der Jahre geschafft, sich wieder dem Leben (und einem neuen Partner) zuzuwenden. Sie ist mutig genug, in einem Podcast von ihrer eigenen Trauererfahrung zu berichten und davon, welch ein Geschenk es für sie bedeutet hatte, dass Gerry ihr eine Reihe von Briefen hinterlassen hatte, durch die sie sich in der schlimmsten Zeit ihres Lebens begleitet fühlte. Davon angesprochen wendet sich eine kleine Gruppe von Menschen an sie, alle unheilbar krank und alle mit dem Wunsch, ihren Liebsten ebenfalls solch hilfreiche Botschaften zu hinterlassen. Holly soll ihnen dabei helfen. Obwohl sie eigentlich nicht mehr in die dunkle Zeit ihres Lebens zurückgezogen werden möchte, beginnt Holly dennoch, sich diesen Menschen ganz individuell zuzuwenden und erfährt dadurch selbst völlig überraschend eine neue Sicht auf ihr eigenes Leben.

 

Mit den ganz großen Lebensthemen beschäftigt sich Cecilia Ahern in diesem Buch. Sterben und Leben, Liebe, Schmerz, Glück, was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr da sind? Mich lässt das Buch nach Lektüre gemischt zurück. Denn obwohl ich mich selbst immer wieder mit diesen essentiellen Lebensfragen beschäftige – oder vielleicht gerade weil ich mich damit beschäftige – überwiegt bei mir beim Lesen das Gefühl der Oberflächlichkeit. Da wird beispielsweise ausführlich und detailgenau berichtet, wie die Auswahl an Briefpapier im Geschäft stattfindet. Wenn es dann jedoch um Inhalte gehen sollte, bleibt die Erzählweise vage, unbestimmt, ungenau, undurchdacht geradezu. Zwar gibt es durchaus auch einige kürzere tiefsinnigere Passagen, die bewegen und berühren. Auch gefällt mir der mitunter eingesetzte Humor, der leicht genug ist, um die traurige Grundstimmung zu heben, ohne geschmacklos zu wirken. Ermüdend jedoch empfand ich die sich wiederholenden Stellen des endlosen Hin- und Herdenkens, da sie stets an der Oberfläche hängen blieben. Auch wirkt die Darstellung der Protagonisten insgesamt zu flach, wenig lebendig, gefühlsmäßig nicht wirklich fassbar. Und das wiederum wirkt sich auf das gesamte Buch leider so sehr aus, dass als Fazit für mich bleibt: Schweres Thema, zu einfach in Worte verpackt.

 

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Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 303 Seiten

·         Verlag: Klett-Cotta

·         ISBN-13: 978-3608964097

#MenschennebendemLeben

 

Bedrückende und beschämende Milieustudie

 

1942 torpediert ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff, auf dem sich der 27-jährige Ulrich Alexander Boschwitz befindet. Boschwitz wird dabei getötet. Zwei Romane sind von ihm geblieben und wurden glücklicherweise von Peter Graf herausgegeben. Unfassbar tiefen Eindruck hinterließ bei mir „Der Reisende“. Aber auch das vorliegende Buch, das Boschwitz mit 22 (!) schrieb, ließ mich in seiner Intensität erschauern. Welch ein Autor!

 

„Menschen neben dem Leben“  könnte keinen besseren Titel haben, denn es schildert das Berlin in den 1930er Jahren, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, und zwar die Welt der „kleinen Leute“, des Lumpenproletariats, der Menschen, die weit weg von Varieté und ausschweifendem Nachtleben um ihr Überleben kämpfen und um jedes Stück trocken Brot betteln müssen. Für die es einem Fest gleicht, wenn sie sich nach einer ertragreichen Betteltour ein Essen in einem der zur damaligen Zeit modernen Automatenrestaurants leisten können. Wir lernen Protagonisten kennen, deren Leben sich reduziert hat auf das Stillen der Grundbedürfnisse, die aber dennoch auch von Sehnsucht nach ein paar unbeschwerten Stunden erfüllt sind. Und so finden sie sich abends immer wieder im Fröhlichen Waidmann zusammen, einer typischen Berliner Kneipe. Der blinde Sonnenberg, der am Tag Streichholzschachteln verkauft und voll innerer Wut steckt, mit seiner geistig zurückgebliebenen Frau, die so gerne in Schaufenster guckt. Oder Tönnchen, der alles verspeist, was sich nur finden lässt. Der feige Grissmann, die verrückte Frau Fliebusch, der zu lang geratene klapperdürre Fundholz - jeder der Protagonisten verkörpert ein für die damalige Zeit typisches Leben als Bettler, Kriegsheimkehrer, Prostituierte, Verrückte. Sie treffen zusammen im Fröhlichen Waidmann, und obwohl sie nichts Gemeinsames haben außer der bitteren Armut, so gelingt es dem Alkohol auf sezierende Weise, ihre wahren Persönlichkeiten zum Vorschein zu bringen. Der Roman schildert diese aus der Zeit ins Elend Geworfenen mit einer Intensität, dass man glaubt, den Geruch feuchter modriger Kellerräume nie mehr loszuwerden. Und immer wieder hatte ich beim Lesen die Zeichnungen von Heinrich Zille vor Augen.

 

Ein unfassbar dichter, intensiver, eindrücklicher, lange nachwirkender Roman, der mich bedrückte und beschämte gleichermaßen, denn wie schreibt der Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort so treffend: „… bei der Lektüre von Ulrich Alexander Boschwitz wird einem … die eigene alltägliche Gleichgültigkeit gewahr, denn man weiß von fremdem Unglück immer so viel, wie man wissen will…“   

 

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William Melvin Kelley

Ein anderer Takt

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 304 Seiten

·         Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

·         ISBN-13: 978-3455006261

         #EinandererTakt

 

Vollmundige Verlagswerbung – zu Recht?

 

Vor mir liegt die Wiederentdeckung eines Romans, 1962 erschienen, und zwar eines Erstlingsromans eines (fast) vergessenen Autors. „Gigant“ wird der Autor in der Presse genannt, „Eine literarische Sensation“ lobt man den Roman. Warum? Das Thema ist schon in so vielen Variationen behandelt worden, in so vielen unterschiedlichen Schreibstilen verpackt, mal mehr, mal weniger packend. Warum ist dieses Buch eine Sensation? Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht.

 

Die Geschichte spielt in dem kleinen Dorf Sutton, in einem fiktiven Staat im Süden der USA gelegen. Der afroamerikanische Farmer Tucker Caliban versalzt seine Felder, schlachtet Pferd und Kuh, brennt sein Haus nieder und verlässt den Staat, gefolgt von dessen gesamter afroamerikanischer Bevölkerung. Was für ein Szenario, diese gesammelte Weigerung, noch länger in Unterdrückung zu leben. Besonders an der Erzählweise ist sicher, dass ein Afroamerikaner aus der Perspektive der zurückbleibenden Weißen berichtet. Wer wird von nun an die Feldarbeit übernehmen? Was soll nun überhaupt geschehen? Zorn und Hilflosigkeit gleichermaßen machen sich breit, schaukeln sich hoch zu einer gefährlichen Mischung…

 

Sehr hilfreich war für mich der dem Roman vorangesetzte erhellende Aufsatz über Leben und Werk des Autors William Melvin Kelley. So konnte ich den Roman etwas besser einordnen, auch den manchmal beißenden Humor besser verstehen. Dennoch hatte ich Mühe mit diesem Buch und habe es insgesamt gesehen einfach nicht gerne gelesen. Mit dem Schreibstil kam ich nicht zu Recht oder anders gesagt, die Sprache gefiel mir überhaupt nicht. Ich fand für mich keinen inneren Bezug zur Handlung und zu den Personen. Ich las das Buch gewissermaßen als Pflichtübung und empfand dies als anstrengend. Auch wenn der Inhalt natürlich letztlich heute noch so aktuell ist wie damals, keine Frage. Aber mir gab das Buch leider nichts, es hat mich nicht gepackt. Auch wenn es etwas Besonderes ist, dass ein schwarzer Autor aus Sicht der Weißen erzählt. Auch wenn es durchaus einzelne fesselnde Passagen im Buch gibt. Nein, für mich war das Buch leider keine Sensation.

 

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Peter Middendorp

Du gehörst mir

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 283 Seiten

·         Verlag: Freies Geistesleben

·         ISBN-13: 978-3772530135

·         #Dugehörstmir

 

Ein schmerzhaft dunkles Buch

 

 

Ein Buch, das verstört. Das den Leser fordert. Das geradezu unerträglich ist. Das gewaltsam gewaltig ist. Aber auch bescheiden. Einfach und schwierig. Und poetisch dazu. Intensiv allemal. Ein Buch, das schwer zu ertragen ist.

 

 

 

Das Buch beginnt etwas trügerisch so, als hätte es ursprünglich ein Thriller werden wollen: Tille, der Junge, erlebt hilflos mit, wie das Bein seines Vaters vom Mähdrescher „aufgefressen“ wird. Und er erlebt, dass er keine Rolle spielt, keiner sieht ihn an. Nicht nach dem Unfall, nicht später. Er ist ein Geringgeschätzter, lebt im Unvorhandensein. Er ist ein Niemand, der heranwächst, Familienvater wird. Tagaus tagein verrichtet er die Arbeit auf dem Bauernhof. Er ist pflichtbewusst, hat klare Regeln. Frau und Sohn bleiben Statisten in seinem Leben. Nur seine Tochter löst in ihm Gefühle aus, verwirrende Gefühle. Ein Mord an einem jungen Mädchen geschieht. Doch der Vergewaltiger und Mörder wird 13 Jahre lang nicht gefunden. Obwohl doch ein Flüchtlingsheim in der Nähe ist.

 

 

 

Ja, der Leser versteht schnell, dass Tille der Mörder war. Und dass das fremde Mädchen  stellvertretend für seine Tochter Opfer seines Begehrens geworden war. Insofern weicht das Buch in seiner Erzählweise völlig ab von allen Regeln des Spannungsaufbaus. Es sammelt Einblicke in das Innenleben von Tille, Puzzleteile eines klaustrophobisch engen Lebens. Der Leser ist gefordert, denn es wird nicht chronologisch erzählt, sondern die Zeiten fallen durcheinander, werden dem Leser wie Scherben vor die Füße geworfen. Wegweiser durch das Buch ist noch am ehesten die Natur, der Wandel der Natur durch die Jahreszeiten, und dann auch die Vögel, immer wieder die Vögel. Einerseits erzählt der Autor hart und nüchtern, was der harte und nüchterne Tille denkt,  beobachtet, sich selbst auferlegt. Andererseits sind Sätze im Buch zu finden, die von einer wunderbar poetischen Sprache sind, wie: „Nachts lag der Mond hinter den Pappeln halb tot auf dem Rücken.“ Oder „Der Herbst verblätterte grau das Jahr.“ 

 

Ein großartig geschriebenes, verwirrendes, dunkles, schmerzhaftes Buch, das aufmerksame Leser fordert und vom Wortmagier Peter Middendorp so tief in unser Buchgedächtnis eingepflanzt wird, dass wir die Erinnerung an so manche Szene nicht mehr loswerden.

 

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Ildikó von Kürthy

Es wird Zeit

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: Wunderlich

·         ISBN-13: 978-3805200431

·         #EswirdZeit

 

 

Lesen im Schleudergang zwischen Heiterkeit und Traurigkeit

 

Auf dieses Buch war ich nicht gefasst! Kannte ich doch Ildikó von Kürthy als humorvolle Kolumnistin und Verfasserin heiterer Frauenromane. Und jetzt dieses Buch, das mich umwarf, das mich mitten ins Zentrum traf, das mich schier zerquetschte zwischen Lachen und Weinen, das mich in einen Schleudergang versetzte  zwischen Aufbegehren und Einsicht, zwischen Heiterkeit und tiefer Traurigkeit.

Judith, knapp 50, kehrt in ihre Heimat zurück, um ihre Mutter zu begraben. Doch sie kehrt auch zurück zu altbekannten Hoffnungen, Träumen und Albträumen -  und zu einem 20 Jahre alten Geheimnis. Eine wiedergefundene Freundin lebt mit einer todbringenden Krankheit und Judiths bisheriges Leben einschließlich ihrer langjährigen Routine-Ehe gerät zunehmend aus den Fugen.

Leben, Tod, Lieben, Heimat, Verzeihen, Altern, Hoffen – keines dieser Themen bleibt ausgespart.Es wird Zeit handelt davon, dass Hoffnung nie falsch sein und man sich nie zu früh freuen kann. Es geht um die Schuld und die Wahrheit, um das Bindegewebe und die Liebe. Oder um das, was mal das Bindegewebe war. Und die Liebe. Dieses Buch ist ein Versprechen und eine Reise. Eine Reise bis ans Ende der Welt und vielleicht bis darüber hinaus,“ sagt Ildikó von Kürthy selbst über ihr Buch, und auch, dass ihr das Buch am Herzen liegt wie noch keines davor. Zurecht! Die Autorin schafft es auf unvergleichliche Art, geschliffen scharfe Pointen zum Bauchwehlachen zu setzen unmittelbar neben messerscharfe, sezierende, den Atem nehmende Innen- und Außenansichten eines Lebens in seiner Vergänglichkeit. Ja, ja, genau – so möchte man alle paar Seiten ausrufen, fühlt sich ertappt oder verstanden oder beides und bewundert zutiefst, wie die Autorin es schafft, sich genial zweischneidig durch das Innengeflecht des Lebens hindurchzuschreiben, tief traurig und hellauf lachend. Großartig!

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Maxim Huerta

Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851793772

·         #DerBlumenladenderMademoiselleVioleta

 

Die Poesie der Melancholie

 

 

Das Buch zu lesen war für mich  wie einen der französischen Filme anzuschauen, in denen nicht viel und doch alles geschieht. Romantisch, poetisch, melancholisch…

 

L’Ètoile Manquante ist eine Welt für sich – ein kleiner Blumenladen im Herzen von Saint-Germain. Sein 74-jähriger Besitzer Dominique Brulé liebt seine Blumen über alles, er hat das feine Gespür dafür, welche Blumen welchem Menschen gut tun und mitunter verschenkt er sie. So auch an die beiden älteren Damen Mercedes und Tilde, die regelmäßig in den Laden kommen. Sie sind zwei in der Einsamkeit gestrandete Spanierinnen, streitbar miteinander verbunden. Dominique Brulé selbst ist die Einsamkeit in Person, verloren in einer verlorenen Liebe, und doch aufmerksam für die Menschen um ihn herum. In dieses statische Gefüge einsamer Menschen bricht etwas Neues ein, als die junge Violeta sich als Aushilfe bei Monsieur Dominique bewirbt…

 

Ein leises, nein, ein stilles Buch ist das. Die Menschen sind leise, die Geschehnisse sind leise, die Welt der Blumen ist leise. Es gibt, wie es scheint, nur ein passives Sich-Ergeben dessen, was geschieht, kein Aufbegehren, kein Widerstand, nichts, was laut werden könnte. Der spanische Autor Maxim Huerta schreibt französischer als so manch ein französischer Autor. Es gelingen ihm eindringliche Beschreibungen der Trauer, die über die Jahre hinweg übergeht in einen Zustand des Wartens – warten worauf? Und er beschreibt die grenzenlose Einsamkeit des Menschen, der Mensch-ärgere-dich-nicht gegen sich selbst spielt. Aber Huerta schreibt gleichzeitig auch so tänzelnd-leichtfüßig, mit so viel Charme, so unbeschwert Beschwerliches erzählend, so französisch eben, wie es besser nicht geht. Zugleich ist er ein belesener Autor, der das Erzählte mit Büchern anderer Autoren „bebildert“. Und über allem singt Jacques Brel „Ne me quitte pas“.

 

Ein wunderschönes, ein zartes, ein liebevolles, ein poetisches, ein kluges Buch, traurig und doch das Leben feiernd.

 

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Henrike Scriverius

Die Gärten von Monte Spina

  

 ·         Broschiert: 336 Seiten

 ·         Verlag: Droemer TB

 ·         ISBN: 978-3-426-30758-8

 ·         #DieGärtenvonMonteSpina

  

Versteht die Autorin mehr von Pflanzen als von Menschen?

 

Allem voran: Um das Buch zu mögen, muss man Pflanzen mögen, mehr noch, man muss sie unabdingbar lieben, wie passionierte Gärtner es tun. Denn in diesem Roman ist die Liebe zu den Pflanzen der Wegweiser durchs Geschehen, die eigentliche Stärke des Buches.

 

Worum geht es: Auf der abgelegenen Insel Monte Spina, einer Privatinsel, wird ein neuer Gärtner gesucht. Für Toni, 30, deren Mann vor kurzer Zeit durch einen Autounfall gestorben war, findet das Leben nur noch hinter einem grauen Schleier statt. Sie hängt in ihrer Trauer fest. Da scheint die Aufgabe, als Gärtnerin auf dieser einsamen Insel zu arbeiten, genau richtig. Sie schuftet  hart, trifft auf seltsame Menschen, hört von dem noch seltsameren Inselbesitzer, der immer nur für wenige Wochen auftauchen soll, und je tiefer sie durch ihre Arbeit in die Pflanzenwelt der Insel eintaucht, umso mehr erwacht ihre Neugier – auf Max Bror, den bösartigen, unangenehmen Inselbesitzer, auf merkwürdige Geheimnisse, über die niemand sprechen will, aber auch auf eine neue Lebensneugier bei sich selbst.

 

Könnte es sein, dass die Autorin mehr von Pflanzen als von Menschen versteht? Ihre Protagonisten sind überzeichnete, klischeehafte, durchweg unsympathische Typen, deren Verhalten und Konversationen nicht nachvollziehbar und unrealistisch konstruiert wirken. Lediglich Toni in ihrem Trauergefängnis, aus dem sie Stück für Stück ausbricht, erreicht den Leser emotional. Leon, ihr verstorbener Mann, taucht in kritischen Situationen vor Tonis innerem Auge auf und fungiert wie eine Art Lebens-Souffleuse. Solche Szenen sind gelungen und getragen von einem leisen Humor. Überhaupt ist das Buch eine Sammlung von Stilbrüchen. Wunderschöne Naturschilderungen, unglaublich schöne lyrische Wortbilder wie z. B. „misstrauisch entknittern sich die Stauden“ (nach einem Sturm), wechseln sich ab mit abstoßenden, frauenfeindlichen, widerwärtigen Szenen oder unpassend-lächerlichen Schilderungen wie z. B. „Beine wie Wiener Würstchen“. Kluge Sätze wie „Alleinsein ist die kleine Schwester von Frieden“ wechseln ab mit dem nervigen sprachlosen Einheitskommentar, der wieder und wieder von der Autorin eingesetzt wird:  „Pffff…“.  

 

Und so bleibe ich in meinem Urteil über diesen Debütroman hin- und hergerissen zwischen wunderschön und abstoßend, zwischen gekonnt und laienhaft. Auf jeden Fall ist das Cover wunderschön gelungen.

 

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Frank Maria Reifenberg

Wo die Freiheit wächst

 

·         Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

·         Verlag: arsEdition

·         ISBN-13: 978-3845822747

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre

·         #WodieFreiheitwächst

 

 

Dieses Buch schnürt dem Leser den Hals zu

 

Ein Briefroman – wollen Jugendliche einen Briefroman lesen? Ein Buch, das die schlimmen, die schlimmsten Kriegszeiten unter der NS-Diktatur schildert – wollen Jugendliche das lesen? Ich fürchte nein. Oder nur wenige vielleicht. Denn das Buch ist keine Spaßlektüre. Es ist auch nicht besonders spannend. Es schnürt dem Leser einfach nur den Hals zu.

Der Verlag bewirbt das Buch so: „Köln, 1942. Lene Meister ist 16 Jahre alt und Auszubildende in einem Friseursalon. Doch der Zweite Weltkrieg raubt ihr viel von dem, was sich ein Mädchen in ihrem Alter erträumt. Ihre Heimatstadt wird seit einem Jahr regelmäßig von Bombenangriffen erschüttert. Lene lässt sich aber nicht unterkriegen und versucht tapfer, die Familie zusammenzuhalten. Mit jeder neuen Todesnachricht von der Front und mit dem allmählichen Verschwinden ihrer jüdischen Freunde beginnt sie mehr am NS-Regime zu zweifeln. In dieser Zeit zwischen Furcht, Verzweiflung und Hoffnung lernt sie Erich kennen und verliebt sich. Bald entdeckt Lene, dass Erich ein gefährliches Spiel spielt. Er gehört zu den Jugendlichen, die nicht in Reih und Glied marschieren wollen: zu den Edelweißpiraten. Sie tragen keine Uniformen und singen ihre eigenen Lieder. Sie beschmieren die Wände mit Anti-Nazi-Parolen und teilen regimekritische Flugblätter aus. Und das alles ist der Gestapo ein großer Dorn im Auge.“

Dieses großartige Buch braucht den ernsthaft interessierten Leser, denn es hat durchaus, zumindest im ersten Drittel, einige Längen, solange die jugendlichen Briefschreiber sich über ihrem Alter angemessene, naiv wirkende Problemchen austauschen. Durch die unterschiedlichen Briefschreiber öffnen sich jedoch zunehmend wechselnde Perspektiven auf das politische und private Geschehen.  Köln wird zur Steinwüste, kaum jemand hat noch ein Dach über dem Kopf. Es geht bald nur noch um das nackte Überleben. Bei Kalle, dem kleinen Bruder, hat die Nazi-Gehirnwäsche jeglichen Realitätssinn ausgelöscht. Franz, der große Bruder, marschiert auf Stalingrad zu und erlebt Grauenhaftes, wovon er nur in wenigen dürren Worten berichtet. Rosi schuftet bei Bauern auf dem Land und  hat einen distanziert-kühlen Blick auf alles Geschehen. Bei Lene erleben wir eine Wandlung hin zum Erwachsen-Werden, zum Mut, nicht länger zu schweigen.

Dem Autor ist mit den fiktiven unterschiedlichen Briefschreibern und mit der Grundlage sorgfältiger Recherche ein vielschichtiger Blick auf eine entsetzliche, auf eine grauenhafte Zeit gelungen, so intensiv, dass es dem Leser im Verlauf des Buches zunehmend mehr den Hals zuschnürt. Aber meine Frage bleibt dennoch bestehen: Wie viele Jugendliche wollen und werden dieses Buch lesen? Zu wenige, fürchte ich.

 

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 Martina Sahler

 Die Zarin und der Philosoph

 

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 496 Seiten

 ·         Verlag: List Hardcover

 ·         ISBN-13: 978-3471351789

 ·         #DieZarinundderPhilosoph

 

Opulent erzählt

 

Mit dem Buch „Die Zarin und der Philosoph“ legt Martina Sahler den zweiten Band rund um St. Petersburg vor. Im ersten Band ist die Hauptfigur Peter der Große, im neuen Buch liegt der Schwerpunkt auf Katharina die Große, und zwar beschränkt auf die Zeit der Aufklärung. Wieder fällt die schöne Ausstattung des Buches ins Auge: Geprägter, mit Glanzschrift versehener Schutzumschlag, mit einem wunderschönen Gemälde aus der Finnischen Nationalgalerie „Blick auf Petersburg“. Innen findet sich ein Stadtplan von St. Petersburg um 1765. Dem Text vorangestellt sind das (dringend nötige) Personenverzeichnis und eine den Überblick verschaffende Zeittafel von 1725 bis 1775. Auch letztere habe ich als überaus hilfreich empfunden als „Roten Faden“ durch die vielfältigen Szenen im Buch. Sehr gut gefallen hat mir auch das Nachwort, in dem Martina Sahler auf sehr interessante weiterführende Literatur verweist, auf einen Fundus an geistesgeschichtlichem, literarischem und politisch-historischem Wissen. Spätestens hier bekommt man eine Ahnung davon, wieviel Arbeit in dem Buch steckte, um die Gratwanderung zwischen historisch Belegtem und Fiktion unterhaltsam und gut lesbar zu absolvieren.

 

Den Buchinhalt umreißt der Verlag so: „Die junge Katharina krönt sich nach einem Putsch selbst zur Zarin. Sie sieht sich als Nachfolgerin von Peter dem Großen und will Russland nach Westen öffnen. Doch die Welt hält den Atem an, kann man der Deutschen auf dem Zarenthron trauen? Preußens König Friedrich II. schickt einen Philosophen nach Petersburg, um die Pläne der neuen Herrscherin auszuspähen. Stephan Mervier ist beeindruckt von Katharina, von ihrer Klugheit, ihrem Charisma, aber Russlands Rückständigkeit und das Elend der Leibeigenen machen ihn wütend. Dabei wächst der Widerstand im Winterpalast längst heran. Eine enge Vertraute Katharinas kämpft auf Seiten der Unterdrückten. Stephan verliebt sich in die mutige Rebellin, die in großer Gefahr schwebt. Denn die Zarin fördert zwar Fortschritt, Bildung und die Wissenschaften, aber ihre Herrschaft ist absolut, und sie setzt ihre Macht mit äußerster Härte durch.“

 

Martina Sahler erzählt in einer opulenten, sehr schönen und sorgfältigen Sprache. Ihre Schilderungen sind anschaulich, bildhaft und detailreich. Dadurch liest sich das Buch weitgehend fesselnd und interessant-lebendig, auch wenn für große Emotionen kein Platz ist. Manchmal hatte ich Mühe, die durch mehrere Erzähl“nebenstraßen“ recht große Anzahl handelnder Personen richtig einzuordnen, auch waren mir manche politischen Exkurse etwas mühsam zu lesen, aber in der Summe bleiben mir nach Lektüre sehr intensive Bilder der Pracht des damaligen St. Petersburg zurück, ebenso wie bleibende Eindrücke der überaus interessanten, etwas zwiespältig zu beurteilenden, geistvoll-intelligenten Persönlichkeit Katharina die Große.  

 

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Christine Jaeggi

Das Gemälde der Tänzerin

  

 

         Broschiert: 400 Seiten

         Verlag: Forever

         ISBN-13: 978-3958183797

         #DasGemäldederTänzerin

 

Opulentes Lesefutter

 

Zwar war mein Lesevergnügen etwas eingeschränkt, weil die digitale Version etliche Fehler enthält, bis hin zu Satzverworrenheiten und Zeilen mit (arabischen?) Unleserlichkeiten. Lesefreude sieht eigentlich anders aus. Dass mich der Roman dennoch gefesselt hat, spricht für die Qualität des Textes.

 

Hauptperson Helena lebt am Existenzminimum. Sie ist arbeitslos und versucht, sich und ihre pubertären Zwillinge durchzubringen. Leider ist sie gezwungen, ausgerechnet in dem Schweizer Hotel als Zimmermädchen zu arbeiten, dessen Besitzer Kronenberg schuld ist an ihrer Lebensmisere. Helena erfährt von einem Mord an einem Zimmermädchen im Jahr 1942   und von einem seitdem verschollenen Gemälde. Nach dessen Verbleib forscht eine Amerikanerin namens Jessica Dixon-Löwenfeld ebenso wie der Sohn Noah der Familie Kronenberg. Helene will helfen, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Doch je weiter sie eindringt in die damaligen Zusammenhänge, desto mehr gerät ihr eigenes bestgehütetes Geheimnis in Gefahr, ans Licht zu kommen.

In verschiedenen Zeitsträngen und Perspektivwechseln wird auf wunderbare Weise in einem großen Zeitbogen ein Familienroman erzählt, dessen verworrene familiäre Verstrickungen mit Schuld und Sühne beladen sind. In überbordener Erzählfreude, mit malerisch ausgearbeiteten, atmosphärisch dichten Schilderungen bringt uns die Autorin mitten hinein in eine Familiengeschichte voller Geheimnisse. Die gefühlvollen Darstellungen der vielen Protagonisten, dazu eine krimigleiche Geschichte um ein verschollenes Gemälde, halten die Lesefreude auf jeder Seite hoch. Die Autorin hat sorgfältig recherchiert und gibt durch die im Roman enthaltenen Einblicke in die politische Lage der Juden während der Nazizeit in der Schweiz  und in das große Thema entartete Kunst bzw. Beutekunst dem Buch eine besondere Tiefe.  

 

Fazit: Absolut lesenswert.

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Anstey Harris

Find mich da, wo Liebe ist

 

 

·         Broschiert: 336 Seiten

·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3548291413

·         #FindmichdawoLiebeist

 

Zerzaust und entflammt

 

Meine ursprüngliche Erwartung an das Buch war, eine leichte, vielleicht sogar ein wenig kitschige, locker und leicht lesbare Sommerlektüre vorzufinden. Ich war nicht darauf gefasst gewesen, dass mich die Geschichte in ihrer Intensität so komplett in ihren Bann zog, dass ich mich nicht mehr davon lösen konnte.

 

Grace steht als leidenschaftliche Cellistin am Beginn ihrer Karriere, bricht diesen Weg jedoch nach einer traumatischen Erfahrung rigoros ab und repariert in einem kleinen Örtchen in England Musikinstrumente. Ihr ganzes Denken und Handeln ist auf David ausgerichtet, der seit 8 Jahren ihre große Liebe ist, David, der beruflich erfolgreich, einfühlsam, liebevoll ist. Grace trifft sich mit ihm immer nur für wenige Stunden oder Tage in Paris, hat sich mit diesem Arrangement abgefunden und zweifelt keine Sekunde an David. Mit Sicherheit wird er irgendwann Frau und Kinder verlassen und das gemeinsame Leben mit ihr beginnen. Doch Grace wird durch ein unerwartetes Ereignis jäh aus ihrem ruhigen und hoffnungsfrohen Lebensgleichmaß gerissen und verliert völlig den Boden unter den Füßen…

 

Soweit klingt die Handlung tatsächlich nach einem üblichen Klischee: Junge Frau ist Geliebte eines verheirateten Mannes, der entgegen seiner Versprechungen die Familie nie verlassen wird. Doch die Autorin schafft es schier unbemerkt, dem Leser seine eigenen Vorurteile vor Augen zu führen und der Handlung eine unerwartete Wendung zu geben. Plötzlich befinden wir uns mitten in einer Geschichte der Selbstfindung, der wachsenden Selbstachtung, der Wertschätzung dessen, was ist, und der Gelassenheit gegenüber Unveränderbarem. Alle Protagonisten sind auf ihre besondere Art sympathisch dargestellt, weshalb es dem Leser unmöglich ist, Distanz zu wahren. Er wird unweigerlich hineingezogen in das Geschehen und erlebt die ganze Welt der Gefühle direkt mit. Die schmerzhaftesten Sätze graben sich ein wie Tattoos in die Haut. Und das Buch ist eine Hymne an die Musik! „Zerzaust und entflammt“ bleiben Nadja und Grace nach dem gemeinsamen Musizieren zurück. Und zerzaust und entflammt bleibt der Leser nach Lektüre dieses wunderbaren Buches zurück.

 

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Johanna von Wild

Die Erleuchtung der Welt

 

 

·         Taschenbuch: 406 Seiten

·         Verlag: Gmeiner-Verlag

·         ISBN-13: 978-3839224281

·         #DieErleuchtungderWelt

 

Lebendig erzählter historischer Roman

 

Biggi Rist, Autorin von Kriminalromanen, hat uns unter dem Pseudonym Johanna von Wild einen wunderbar erzählten historischen Roman geschenkt. In Kurzfassung beschreibt der Klappentext den Inhalt so: „Heidelberg, 1427. Da Helenas Vater seine Schulden nicht bezahlen kann, verkauft er seine Tochter an einen Winzer als Magd. Dem Mädchen widerfährt Schreckliches auf dem Weingut und es flieht. Das Schicksal lässt Helena zur engsten Vertrauten von Prinzessin Mechthild von der Pfalz werden, und sie folgt ihr nach Stuttgart und Urach. Doch ihre Vergangenheit holt Helena ein, sie trifft eine falsche Entscheidung und die Freundschaft zu Mechthild wird auf eine harte Probe gestellt …“

 

Der Roman ist mit routinierter Feder geschrieben. Er fesselt den Leser von Anfang bis Ende. In lebendig gestalteten Szenen erleben wir hautnah die Zeit Anfang 15. Jahrhundert rund um die historische Figur Mechthild von der Pfalz, eine gebildete, fortschrittliche Frau, und die fiktive Figur Helena, Tochter armer Tagelöhner. Der Spannungsbogen spannt sich ohne Unterbrechung über das gesamte Buch. Atmosphärisch dicht und intensiv werden grausamste Geschehnisse detailreich und voller überraschender Wendungen erzählt. Die gut recherchierten historischen Hintergründe, z. B. die Machtkämpfe zwischen dem Geschlecht der Wittelsbacher und der Habsburger, die dominante Stellung der Kirche, die gewaltige Diskrepanz zwischen Arm und Reich, geben dem Roman bei aller Freiheit fantasievoller Gestaltung die nötige solide Substanz, um den aufgeschlagenen historischen Bilderbogen glaubwürdig zu machen.

 

Rundum lesenswert.

 

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Kai Lüdders

Hammonia

 

 

·         Broschiert: 406 Seiten

·         Verlag: Velum Verlag

·         ISBN-13: 978-3947424030

·         #Hammonia

 

Interessante Familiensaga – suboptimal umgesetzt

 

Soeben habe ich das Buch zu Ende gelesen – aber was schreibe ich nun? Ich bin ratlos. Da ist zum einen dieses unsäglich missglückte, fast lächerlich wirkende Cover, bei dem ein Hamburger Gebäude einer gepflegten alten Frau aus dem Kopf wächst. Klar, die Symbolik habe ich schon verstanden, Verbundenheit zur Stadt Hamburg, die Firma steht über allem. Aber ein Cover soll Kaufimpulse auslösen, nicht Kopfschütteln.

 

Worum geht es im Buch? Hamburg 1991 – die Zeit der deutschen Wiedervereinigung und des immer stärker werdenden Konkurrenzkampfes. Adele Bartelsen ist Chefin und Haupteigentümerin tausender BEST-KAUF-Supermärkte. Sie möchte dieses Erbe an ihre Söhne übergeben, doch sowohl Konstantin als auch Gero halten sich aus den Firmengeschäften heraus. Claus, der Älteste, fühlt sich von der Mutter nicht wertgeschätzt und konkurriert stark mit seinem Bruder Hans. Ein scheinbar lukratives Immobiliengeschäft wird an Claus herangetragen, und er sieht darin eine einmalige Chance, sich endgültig zu profilieren und die Achtung aller zu erringen…

 

Eine Trilogie soll es werden. Viel Arbeit für den Autor, der aufgrund familiärer Verbindung zu einem Gründer der SPAR Supermarkt-Kette zu dieser Aufgabe inspiriert wurde. Mit Sicherheit hat Kai Lüdders sorgfältig und fleißig recherchiert, nicht nur was das Wirtschaftsleben in Deutschland bis 1991 betrifft. In locker eingestreuten Rückblicken erfährt man auch von der Zerstörung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg. Das ist zweifelsfrei interessant und lesenswert. Und trotzdem lässt mich das Buch ratlos zurück. Da sind z. B. die von sehr lockerer Hand eingestreuten Zeitsprünge: 1992, 1943, 1991, 1989 – das alles bereits auf den ersten 40 Seiten! Oder die Cliffhanger… Mir kommt es so vor, als habe der Autor die „Tricks“ der erfolgreichen Thriller-Autoren abgeschaut und dabei vergessen, dass sein Buch die Geschichte einer Kaufmannsfamilie ist, also ein Familienroman, der einer weitgehend linearen Erzählweise bedarf. Der Leser wird sowieso schon sehr gefordert durch die ausschweifenden wirtschaftstheoretischen Einschübe, durch die sehr, sehr breit ausgewalzten Gedankengänge mancher Protagonisten, durch die ermüdenden Wiederholungen. Zum Beispiel genügt es dem Leser, einmal zu lesen, dass Konni ein Freigeist ist und der Kunst zugetan. Und es genügt, einmal die aufrechte Haltung Adeles zu beschreiben. Es braucht keine vielfachen Wiederholungen, es braucht keine Verwirrung durch wahllos eingestreute Zeitsprünge. Und, ach ja, immer ist die Mutter schuld, bei den Bartelsen, bei Broderson. Selbst bei Eggemeyer ist Adele schuld. Nein, lieber Autor, so einfach sind Menschen nicht gestrickt.

 

Fazit: Ein interessanter Plot, suboptimal umgesetzt.

 

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Joel Dicker

Das Verschwinden der Stephanie Mailer

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 672 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492059398

·         #DasVerschwindenderStephanieMailer

 

Spannend und anstrengend gleichermaßen

 

Eine Leseprobe hatte mich „angefixt“, so dass ich mich mit Begeisterung auf den dicken Wälzer mit fast 700 Seiten stürzte.

 

Die recht verschlungene Handlung wird vom Verlag so erzählt: „Es ist der 30. Juli 1994 in Orphea, ein warmer Sommerabend an der amerikanischen Ostküste: An diesem Tag wird der Badeort durch ein schreckliches Verbrechen erschüttert, denn in einem Mehrfachmord sterben der Bürgermeister und seine Familie sowie eine zufällige Passantin. Zwei jungen Polizisten, Jesse Rosenberg und Derek Scott, werden die Ermittlungen übertragen, und sie gehen ihrer Arbeit mit größter Sorgfalt nach, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch zwanzig Jahre später behauptet die Journalistin Stephanie Mailer, dass Rosenberg und Scott sich geirrt haben. Kurz darauf verschwindet die junge Frau ...“

 

Eigentlich erzählt Dicker so packend und lebendig-fesselnd, dass das Buch leicht lesbar ist. Und doch verlangt das Lesen volle Konzentration, denn nicht nur der oft willkürlich wirkende  Wechsel zwischen zwei Handlungssträngen mit einem Zeitabstand von 20 Jahren ist irgendwie anstrengend. Auch die Schilderung der Personen in Vergangenheit und Gegenwart  und deren Umgang miteinander empfand ich als anstrengend. Dennoch bin ich dem Autor sehr gerne auf allen von ihm auf den Leseweg gestreuten Puzzle-Teilchen gefolgt, kreuz und quer, hin und her, bildhaft-atmosphärisch füllig erzählend. Immer wenn mich das Lesen zu ermüden begann, packte mich der Autor erneut, mit einem Cliffhanger, mit einer überraschenden Wendung, mit einer skurrilen Nebengeschichte… Kurzum: Der Roman ist sowohl leicht lesbar und packend erzählt, als auch fordernd-anstrengend. Mir hat er sehr gefallen.

 

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 Hermien Stellmacher

 Die Katze im Lavendelfeld

 

 

 ·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 299 Seiten

 ·         Verlag: Insel Verlag

 ·         ISBN: 9783458364078

 ·         #DieKatzeimLavendelfeld

 

  

Ein lebenskluges, warmherziges Buch

 

Schön ist es, ab und zu ein Buch zu entdecken, das den Leser ganz und gar einhüllt in den Kokon seiner warmherzig erzählten Geschichte, ein leicht lesbares Wohlfühlbuch also, so etwas wie eine Seelenwärmflasche.  Genau das schafft Hermien Stellmacher auf bezaubernde, ganz und gar nicht kitschige Weise.

 

Alice, Biologin und Foodbloggerin, ist nach einem Schicksalsschlag, von dem wir erst im Laufe des Buches Näheres erfahren, auf der Suche nach einem, nein, nach dem idealen Haus in der Provence, in dem sie mit ihren beiden Katzen ein Zuhause finden könnte. Doch diese Suche gestaltet sich außerordentlich schwierig. Ein kleines Findelkätzchen vertreibt dann auch noch Alice’s Katzen, die sich in den verwunschenen Garten eines ehemaligen Hotels, heute verlassen und leerstehend, zurückziehen. Doch damit nicht genug, Alice wird ihre kleine Wohnung gekündigt, die 70-jährige Nachbarin Jeanine gleitet mehr und mehr in die Demenz ab und der Restaurantbesitzer Georges muss nach einer gewaltigen Pachterhöhung um seine Existenz fürchten.

 

Wir erleben den Sommer in der malerischen Provence, wir sehen, riechen und schmecken die Natur, die wunderbaren Farben, das leckere Essen – rundum, wir genießen, was uns die Autorin serviert, mit allen Sinnen, bis wir völlig abgetaucht sind in ein entspanntes Urlaubs-Wohlgefühl. Alice selbst und der Freundeskreis um sie herum werden ebenfalls sehr lebendig und lebensnah geschildert. Schön auch, wie leiser Humor immer wieder aufblitzt und dem Buch eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Wir lernen Individualisten kennen, die dennoch mehrheitlich gewillt sind, in Freundschaft auf einander zu achten, die zu kämpfen haben, aber nicht aufgeben. Die weniger sympathischen Protagonisten und die erzählten Lebensprobleme sind wichtig, um dem Roman ein wenig Tiefe zu geben. Und natürlich wünschen wir uns alle beim Lesen das dann tatsächlich eintretende märchenhaft gute Ende. Mit einem wohligen Seufzer schließen wir das Buch ab und fühlen uns gut.

 

Ein atmosphärisch schön geschriebener Roman, warmherzig und lebensklug.

 

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Axel Milberg

Düsternbrook

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492059480

·         #Düsternbrook

 

Eine gelungene literarische Collage

  

Kurzweilig ist dieses Buch und leicht lesbar. Ein Buch für zwischendurch sozusagen. Doch Leichtigkeit darf nicht mit Belanglosigkeit gleichgesetzt werden. Denn das Buch hat es tatsächlich in sich.

 

Wir begleiten Axel von der Kindheit bis ins Studentenleben und zur Aufnahme in der Schauspielschule. Wir folgen diesem Werdegang anhand von Erinnerungssplittern, anhand von Momentaufnahmen, die bruchstückhaft auftauchen und als unvollständige Puzzle-Teile erzählt werden. Dies geschieht in einem ganz eigenen Sprachstil, sehr reduziert, dabei punktgenau, mit dem gelegentlich aufblitzenden unterkühlten Humor des Norddeutschen. Es ist eine Lust, als Leser diese Lebenssplitter einzusammeln und der Entwicklung des jungen Axel zu folgen. Dem Autor ist die große Kunst gelungen, sehr genau die Sichtweisen des Kindes in Sprache umzusetzen. So wie sich dem Heranwachsenden neue Erlebnisse in ihrer eigenen Bedeutsamkeit eröffnen, so erweitert sich auch mit zunehmendem Alter die Sprache. Hier schreibt nicht ein wissender Erwachsener über sein Kind-Sein, sondern die gesammelten altersgemäßen und unzensierten Erinnerungsfetzen sprechen für sich selbst. Wir erleben die Gabe des Kindes, sich in träumerischer Weise das Überleben in einer nicht gerade warmherzigen Familie zu sichern. Mit großer Fantasie rückt Axel seine Welt für ihn passend zurecht, und liebenswert-komische Zeitgenossen, wunderbar beschrieben, übernehmen zeitweise die Führungsrolle bei der Suche nach dem Wohin. All das wird durch die kurzen Sequenzen, durch das nicht-lineare Erinnern für den Leser spürbarer und ehrlicher, weil hier eben nicht ein Erwachsener die Erinnerungen zurechtrückt, zurechtbiegt, in einen eitlen Konsens bringt. Es gibt im Buch auch sehr verstörende Puzzle-Teile, die scheinbar nicht ins Gesamtbild passen, aber eben nur scheinbar. Denn auch sie haben ihre eigenen Auswirkungen,  tragen vielleicht sogar dazu bei, dass Axel letztlich seine Heimatstadt verlässt.

 

Das Buch wirkt  lange nach, obwohl oder vielleicht gerade weil es in dieser wohltuend-zurückhaltenden Weise geschrieben ist. Hier pflegt nicht ein Schauspieler seine Eitelkeiten, sondern es hat ein feinsinniger Mensch seine eigene Sprache gefunden, unaufdringlich-eindringlich. Das ist Literatur.

 

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Jane Gardam

Bell und Harry

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

·         Verlag: Hanser Berlin

·         ISBN-13: 978-3446261990

·         #BellundHarry

 

 

Poetisch schön

 

1981 wurde dieses Buch bereits geschrieben; in diesem Jahr  war die Autorin 53 Jahre alt. Das erscheint mir insofern bedeutsam, als die Autorin in dem vorliegenden Buch auf ganz feine, einfühlsame Weise in die Erlebniswelt zweier kleiner Jungen schlupft und uns aus deren Sicht die Geschichte erleben lässt.

 

Die Familie Batemans aus London, insbesondere der etwas nervöse Vater, sehnt sich nach Ruhe und Erholung. Und so mieten sich die Batemans ein in einem alten, leer stehenden Bauernhaus, das der Bauernfamilie Teesdales, den Eltern des 8-jährigen Bell, gehört. Harry, der jüngste Sohn der Batemans, lernt nach einer Weile den Bauernsohn Bell kennen, und nach und nach freunden sich die beiden Jungen an. Je mehr sie gemeinsam erleben, je mehr teils riskante Abenteuer sie gemeinsam bestehen, je mehr Sommer sie miteinander verbringen, desto enger wird ihre Freundschaft. Was den Erwachsenen erst nach vielen, vielen Jahren gelingt, nämlich die Überbrückung der unterschiedlichen Lebenswelten der Städter und der Bauern, das schaffen Harry und Bell ganz mühelos.

 

Es ist ein leises Buch, das ganz ruhig und friedlich erzählt. Und irgendwie, man weiß gar nicht so recht wie, entsteht beim Lesen ein entspanntes, wohliges Urlaubsgefühl. Der Zauber der Kindheit, der Zauber einer stillen Landschaft macht sich im Leser breit. Man genießt die geschilderte Natur, man amüsiert sich über komische, schrullige, liebenswerte Dorfbewohner und kann die Missverständnisse zwischen Städtern und Bauern nachvollziehen. Man hat beim Lesen das Gefühl, als säße Jane Gardam mit weißem Haar im Ohrensessel und erzählte uns Zuhörern sehr lebendig von früher,  vom Zauber der Kindheit. Poetisch schön.

 

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Domenico Dara

Der Postbote von Girifalco

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

·         Verlag: Kiepenheuer&Witsch

·         ISBN-13: 978-3462051711

·         #DerPostbotevonGirifalco

 

Welch ein anrührender Roman

 

Der Postbote von Girifalco ist ein liebenswerter Sonderling, der viel verborgene Traurigkeit in sich trägt und der Trost für sich selbst und für andere Bewohner des kleinen Örtchens findet, indem er erst zaghaft, dann immer mutiger beginnt, Schicksal zu spielen. „Er konnte die leeren Taschen seiner Existenz mit Fragmenten aus dem Leben anderer füllen…“

 

Vom Verlag wird der Inhalt sehr schön angekündigt: „Süditalien 1969. Im verschlafenen Girifalco geht alles seinen gewohnten Gang – die anstehenden Kommunalwahlen sind schon das Aufregendste, was auf absehbare Zeit zu erwarten ist. Doch im Geheimen zieht ein guter Geist die Fäden, ohne dass die anderen Dorfbewohner es ahnen: Denn der Postbote des Ortes ist ein melancholischer Einzelgänger, der die Philosophie liebt und Zufälle sammelt – und nebenbei heimlich in den Briefverkehr des Dorfes eingreift. So versucht er, den Dingen die richtige Richtung zu geben. Unglücklich Liebende werden zusammengeführt, politische und amouröse Betrugsversuche verhindert, und Mütter bekommen plötzlich Post von ihren in der Ferne verschollen geglaubten Söhnen. Der Postbote von Girifalco scheint sich in seinem zurückgezogenen Dasein eingerichtet zu haben – bis ein mysteriöser Brief aus der Vergangenheit auftaucht, der das Dorfleben im Allgemeinen und seines im Besonderen gehörig ins Wanken bringt.“

 

Die Geschichte wird auf eine so beschwingte und feinfühlige Weise erzählt, in einer mitunter fast lyrisch anmutenden Sprache, dass man mit ganz großem innerem Mitgefühl liest und liest. Man genießt die pittoresk geschilderten Momentaufnahmen eines früheren, ursprünglichen Italiens, man liebt die Einwohner, die oftmals schrullig, immer aber auf irgend eine Weise besonders sind, und man liebt den Postboten, der so unnachahmlich über den Zufall und das Schicksal nachdenken kann, der letztlich in dem sicheren Bewusstsein, das Notwendige zu tun, gesetzte Grenzen überschreitet und gerade dadurch seine Seinsberechtigung erfährt.

 

Das Buch ist eine wunderbare Schulung der Fähigkeit, scheinbar Unzusammenhängendes in seinen Zusammenhängen zu sehen. Nach Lektüre des Buches ist man vielleicht achtsamer, genauer in seinen Wahrnehmungen. Ein anrührend-schönes Buch!

 

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Grit Landau

Marina, Marina

 

 

·         Broschiert: 400 Seiten

·         Verlag: Droemer HC

·         ISBN-13: 978-3426281994

·         #MarinaMarina

 

Über die Unausweichlichkeit des Schicksals

 

Das Buch kommt wie der Wolf im Schafspelz daher. Es verlockt mit einem Cover, das Urlaubsgefühle vermittelt und mit urlaubsmäßigen Szenen Anfang der sechziger Jahre, als für die Deutschen Italien und Urlaub zusammengehörten und der Schlager „Marina, Marina“ durch alle Radiokanäle klang. Und so lehnte ich mich beim Lesen entspannt zurück, erinnerte mich an meine eigene Kindheit in dieser Zeit, an die aufregende Besonderheit, im Ausland Urlaub zu machen, die erste Begegnung mit Strand und Meer. Die Autorin schildert in sehr stimmungsvollen Momentaufnahmen das italienische Lebensgefühl dieser Zeit in einem kleinen Ort, in dem der junge Nino die Mutter seines besten Freundes heimlich und heftig anbetet, die schöne Angebetete namens Marina jedoch eine leidenschaftliche Affäre beginnt mit einem Mann, dessen Identität wir zwar ahnen, aber erst viele, viele Seiten später erfahren sollten. So beginnt eine Zeitreise durch die Jahre 1960 – 1968, lautmalerisch jeweils eingeleitet durch einen für dieses Jahr typischen Hit. Das Schicksal jedoch wirkt schier unausweichlich, und der Leser wird in dieses Spinnennetz des Lebens und Liebens immer mehr hineingezogen. Je weiter man sich lesend in den Schicksalsfäden der verschiedenen Familien verstrickt, umso mehr verlassen uns die anfänglichen urlaubsleichten Gefühle, bis hin zu diesem entsetzlichen Rückblick in das Jahr 1944.

 

Die Autorin hat mich über die Maßen überrascht. Anfänglich plätschert das Buch so dahin, in wechselnd zusammengestellten Szenen unterschiedlicher Intensität erleben wir jugendliche Irrungen und Wirrungen und die Hitze des Sommers und der Gefühle. Dann aber offenbart das Buch zunehmend seine wahre Kraft, denn dramatische Geschehnisse, intensiv geschildert, treffen den Leser mit voller Wucht. Die Autorin beobachtet mit scharfen, geradezu indiskreten Augen die Menschen und ihre Verstrickungen, ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und ihr Scheitern, ohne Stellung zu beziehen. Es geschieht was geschieht.

 

Ein Buch, so vielseitig und unvorhersehbar wie das Meer. Still dümpelnde Wellen, die harmlos im Gleichmaß am Strand auslaufen, dann auf einmal gewaltige, kraftvolle, brüllend laute Wellen, die alles verschlingen wollen. Der Rhythmus des Meeres ist der Rhythmus des Lebens: unausweichlich. Überhaupt: Unausweichlichkeit scheint mir die Botschaft des Buches, die Unausweichlichkeit der Gefühle, aber auch die Unausweichlichkeit eines Schicksals, das uns sowohl trägt als auch zerstört, so wie das Meer, unaufhaltsam.

 

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Steffi Hochfellner

Komme, was Wolle

 

 

·         Broschiert: 448 Seiten

·         Verlag: Knaur TB

·         ISBN-13: 978-3426523742

·         #KommewasWolle

 

Allmächd…

 

 

Angelockt wurde ich durch die Verlagsankündigung und die darin enthaltenen Reizwörter wie „Nürnberg“ oder „Wolle“ oder „eigener Laden“, doch meine Erwartungen an das Buch waren nicht besonders hoch. In völliger Unkenntnis der Autorin war ich von einem mäßig gut, vielleicht sogar eher laienhaft geschriebenen Buch ausgegangen, nett angereichert mit ein paar kreativen Ideen. Aber bereits nach wenigen Seiten Lektüre hatte sich Steffi Hochfellner völlig überraschend mitten in mein fränkisches Herz geschrieben und ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

 

Worum geht es? Der Verlag beschreibt es so: „Die 34-jährige Franzi ist begeistert, als sie das Haus ihrer Großtante Gerlinde erbt, nebst dazugehörigem Kurzwarenladen und einem vorlauten Entenpaar. Mit Sack und Pack zieht sie von Nürnberg nach Ostfriesland – und stellt fest, dass erstmal gründlich saniert werden muss. Zum Glück kann sie auf die Hilfe einer patenten Rentner-Truppe und ihrer neuen Freunde Rieke und Joost zählen. Schnell rückt der Termin zur Neueröffnung der „Wunderkiste“ näher, doch immer wieder kommt es zu gemeinen Sabotageakten. Missgönnt jemand Franzi ihren Traum? Eins ist jedoch klar: Aufgeben gilt nicht!“

 

Zugegebenermaßen: Die erzählte Geschichte ist nicht anspruchsvoll, sie ist leicht lesbar, ein wenig klischeehaft, und sie geht märchenhaft gut aus. Aber wer will nicht zwischen all den schweren und problembehafteten Lektüren auch einmal etwas lesen, was einfach „nur“ unterhält? Steffi Hochfellner schreibt frisch und lebendig. Man erlebt mit ihrer sympathischen Heldin Franzi hautnah deren Gefühlsirrungen und –wirrungen, ist mit ihr fröhlich, traurig, mutig, verzagt oder hoffnungsfroh. Die Geschichte bleibt dabei stets spannend, denn manche rätselhaften Vorfälle erklären sich tatsächlich erst gegen Ende des Buches. Dass Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt Grundpfeiler des guten menschlichen Miteinanders sind, lässt uns die Autorin auf herzerwärmende Weise erleben. Aber auch, dass dem Ausleben von Kreativität eine besondere Kraft innewohnt, wird dem Leser auf durchaus ansteckende Weise nahe gebracht. Die als Bonus im Buch angefügten 15 Anleitungen in verschiedensten Techniken sind außerordentlich detailliert und sorgfältig ausgearbeitet und entsprechend gut nachzuarbeiten.

 

Fazit: Ein frisch-lebendig und warmherzig erzählter Roman, tierlieb, menschenfreundlich, amüsant, eine Brücke schlagend zwischen Süd und Nord. Ich habe mich als gebürtige Nürnbergerin und langjährige Wollgeschäft-Inhaberin bestens unterhalten gefühlt mit Weggla, Gniedla und Ostfriesentee , mit vollen Wollregalen, Entennachwuchs, schwierigen Nachbarn und gestrickten Mützen. Sehr empfehlenswert!

 

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Alessandro Piperno

Wo die Geschichte endet

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 304 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492058681

·         #WodieGeschichteendet

 

Ein feiner, ein großer Roman

  

Das Cover setzt den Titel des Buches auf besondere Weise bildhaft um: Das Ende eines Mahls, verstreute Brösel, halbleere Gläser, die weißen Mäuse tanzen auf dem Tisch… Wie soll ich nur dieses besondere Buch beschreiben?

 

Mit dem Inhalt mache ich es mir leicht und greife auf den Verlagstext zurück: „Vor sechzehn Jahren musste Matteo aus Rom fliehen, nun kehrt er zurück. Gekonnt pariert er alle Angriffe seiner Ehefrauen – Nummer vier verlangt seine sofortige Rückreise in die USA, Nummer zwei hat noch immer nicht die Scheidung eingereicht –, während seine Kinder die ganze Härte des bürgerlichen Lebens trifft: Martina findet nach einem Kuss nicht in ihre Ehe zurück, und Giorgio hat alle Hände voll zu tun, seit die feine Gesellschaft Roms in seinem Restaurant ein und aus geht. Als ein Unglück sie alle ins Bodenlose stürzt, verkehrt sich die Posse in eine handfeste Tragödie.“

 

Aber ist der Inhalt tatsächlich das Wichtigste an diesem Buch? Die Menschen, die man kennenlernen darf, sind wichtig, das ja, aber nicht unbedingt in ihren Interaktionen, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sie uns vorgestellt werden. Da ist zum Beispiel Federica Zevi, von der es heißt, sie sei „wie ein Jaguar aus dritter Hand, den die Vorbesitzer regelmäßig haben warten lassen“. Wichtiger als der Inhalt ist mir an diesem Buch demnach eindeutig der Schreibstil. Was für eine wunderbar sorgsame Sprache, samtweich in ihren Wortwendungen und dabei pfeil-genau treffend. Ich habe das Buch „sorgsam“ gelesen, langsam, manche Wendung sogar laut und mehrmals, weil sie sich so schön anhören, so zart und warm, wie sich das Fell von Perserkatzen anfühlt, doch mit darunter lauernden Krallen. Was für eine Schreibekunst: Genau in dem Moment, an dem man sich der Weichheit samtiger Worte hingeben möchte, trifft man auf die untergemixte feine, kleine Prise Humor, gewachsen aus messerscharfer Beobachtung und bildgenauer Beschreibung. Manchmal hatte ich das Gefühl, in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert gelandet zu sein, so nach innen gekehrt und gefühlvoll wird erzählt. Dann aber wird mit einer einzigen Redewendung die Romantik spröde zerstört. Die Menschen sind allesamt getragen von ihrer Sehnsucht, Wunsch und Möglichkeit deckungsgleich zu bringen, und sie werden in ihrer individuellen Unausweichlichkeit gleichermaßen klar-präzise und zärtlich beschrieben. Was folgerichtig und konsequent berichtet wird, zerfällt – fast unmerklich – immer mehr und mehr in seine Einzelteile, bis die individuelle und die gemeinsame Geschichte der Protagonisten in einer dramatischen Wendung zerbricht,  wobei Matteo, dieser Gesetzlose, dieser Exzentriker, dieser Blender, auch im Zerfall das Epizentrum ist und bleibt. Wie heißt es im Buch so schlicht: „Eine Geschichte endet, wenn einer der beiden nicht mehr mitmacht.“ So einfach, so schwer…

 

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Dolores Redondo

Alles was ich dir geben will

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 608 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442757657

 

600 Seiten Lesegenuss pur

 

Über dieses Buch kann ich nur schwärmen. Was für ein wunderbarer und kluger Roman! 600 Seiten prall voll, und jede einzelne Seite ein Lesegenuss!

 

Der Verlag kündigt das Buch so an: „Als der Schriftsteller Manuel Ortigosa erfährt, dass sein Mann Álvaro bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, eilt er sofort nach Galicien. Dort ist das Unglück passiert. Dort ist die Polizei auffallend schnell dabei, die Akte zu schließen. Dort stellt sich heraus, dass Álvaro ihn seit Jahren getäuscht und ein Doppelleben geführt hat. Doch was suchte Álvaro in jener Nacht auf einer einsamen Landstraße? Zusammen mit einem eigensinnigen Polizisten der Guardía Civil und Álvaros Beichtvater stellt Manuel Nachforschungen an. Eine Suche, die ihn in uralte Klöster und vornehme Herrenhäuser führt. In eine Welt voller eigenwilliger Traditionen – und in die Abgründe einer Familie, für die Ansehen wichtiger ist als das Leben der eigenen Nachkommen.“

 

Dieser Roman ist so Vieles:  ein großer Familienroman, eine einfühlsame Charakterstudie, er ist ein spannender Kriminalroman und er ist auch eine Hommage an Galicien und seine besonderen Bewohner. Er ist so vielfältig, wie Menschen und deren Gefühle im Guten wie im Schlechten nur sein können, und er ergreift den Leser mit Haut und Haaren. Bewundernswert, wie die Autorin es schafft, all die feinen Gesten der Interaktion und Kommunikation zu schildern, die weit über das tatsächlich Gesagte hinausgehen. Jede einzelne Sequenz, jede einzelne Szene ist detailreich-liebevoll und feinfühlig auserzählt, und der Leser sieht, hört, riecht und schmeckt alles Geschilderte, als sei er unmittelbar dabei. Selbst das geradezu opernhaft theatralisch anmutende Ende passt irgendwie in den Rahmen der großen Spannbreite zwischen Adel und Personal, zwischen Standesdünkel und Einfachheit. 

 

Rundum: „Alles was ich dir geben will“ ist ein Roman, wie er schöner nicht sein könnte: farbig, gefühlvoll, spannend, lebendig, klug, packend, malerisch – und niemals langweilig. Unbedingt lesen!

 

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Raffaella Romagnolo

Bella Ciao

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 528 Seiten

·         Verlag: Diogenes

·         ISBN-13: 978-3257070620

 

Man muss sich einlesen

 

Das wunderschöne, ausdrucksstarke Cover in bester Diogenes-Tradition zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Marguerite Kelsey“ von Meredith Frampton, einem Maler, der zwischen 1920  und 1940 als Porträtist wirkte. Leider setzte eine zunehmende Sehschwäche seiner präzisen Malerei ein frühes Ende. Marguerite Kelsey war ein zur damaligen Zeit bekanntes Künstlermodell, das insbesondere deswegen sehr beliebt war, weil es Haltung und Pose außergewöhnlich lang halten konnte. Gibt es eine Beziehung zwischen Cover und Roman? Der Inhalt wird vom Verlag einfach erzählt: „Giulia Masca kommt als gemachte Frau zurück in das Städtchen ihrer Kindheit, wo sie noch eine Rechnung offen hat. Vor fast fünfzig Jahren wurde sie hier von ihrer besten Freundin Anita und ihrem Verlobten hintergangen, weshalb Giulia die Flucht ergriff und sich in New York eine neue Existenz aufbaute. Nach einem halben Jahrhundert will sie Anita wieder treffen – wie werden sie sich gegenübertreten?“

 

Man erlebt im Buch die Zeit zwischen 1900 und 1946 (die wohl einzige Verbindung zum Cover-Bildausschnitt). Der Schwerpunkt des Buches liegt in den Schilderungen Italiens in einer Zeit der bittersten Armut und Ausbeutung. Hunger, Kriegsgemetzel, Partisanenkämpfe gegen Mussolinis‘ wachsender Faschismus, Tote und Verletzte bilden das Szenario. Weniger ausführlich dagegen erleben wir zeitgleich in den USA die Ausgrenzung italienischer Zuwanderer, ihren steten Kampf gegen Vorurteile und um Anerkennung.

 

Mit dem Buch habe ich mich teilweise schwer getan, denn es hat mich nicht wirklich gefangen genommen. Zu spröde war mir mitunter der Text, durch die Fülle an Namen und Begriffen zusätzlich lese-erschwerend. Man muss sich sehr konzentrieren, da die Autorin häufig springt zwischen den Handlungssträngen und Zeiten. Die Protagonisten werden kaum durch wörtliche Rede lebendig, der Leser erlebt sie mehrheitlich nur durch ihre Gedanken und Taten, wenngleich durchaus psychologisch nachvollziehbar. Was mir ausnehmend gut gefiel am Schreibstil der Autorin, waren ihre eindringlich-bildhaften Schilderungen sowohl von schrecklichen als auch von schönen Seiten des Lebens. Wunderbar zum Beispiel die Beschreibung der Hündin Nuxe mit einer „Schnauze mit weichen Falten, die aussieht wie ein Walnusskern, in dessen Mitte der feuchte Knopf der Nase versinkt wie der Steppstich in der Matratze…“ Und genau das bleibt mir als Urteil nach der durchaus nicht leichten Lektüre: Anspruchsvolle, teils anstrengende Lektüre, mit wunderbaren Passagen der Wortmalerei vom Feinsten. So detailliert wie die Arbeiten des Malers Meredith Frampton.

 

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Leo Aldan

Das Feuer der Erde

 

 

·         Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: VA - Verlag Aretz

·         ISBN-13: 978-3944824840

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

 

Unermesslich spannender Reißer mit ernstem Kern

  

Das ist mir schon länger nicht passiert, nämlich ein Buch nahezu nonstop gelesen zu haben. Von Seite zu Seite stieg mein Puls – an Lesepause war gar nicht zu denken!

 

Den Inhalt gibt der Klappentext recht gut wieder: „Rund um die antarktische Platte registrieren Seismographen merkwürdige Schwingungen. Erdbeben erschüttern Neuseeland und Chile. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes kündigt sich an. Doch niemand, weder Wirtschaftsbosse noch Politiker, will Georginas Warnungen glauben. Mit einem Mal sieht sich die junge Wissenschaftlerin inmitten eines weltweiten Komplotts aus Machtgier und Manipulation. Jayden Turkov, ein skrupelloser Industrieboss, der den Energiesektor ganzer Kontinente beherrscht, setzt alle Hebel in Bewegung, um sie auszuschalten. Viel Zeit bleibt Georgina nicht, um die Umweltkatastrophe und damit den Tod von Millionen Menschen zu verhindern. Sie trifft eine folgenschwere Entscheidung …“

 

Das Buch kam mir vor wie einer der gut gemachten, immer nach gleichem Muster gestrickten amerikanischen Katastrophen-Filme, in denen ein Einzelschicksal gegen Urgewalten oder außer Kontrolle geratene Züge oder nicht mehr steuerbare Flugzeuge kämpft. Da wird dem Leser eine Protagonistin als sehr sympathisch und klug so sehr nahe gebracht, dass man mit ihr schmerzlich hofft und bangt. Und dann gibt es eine sich anbahnende, stetig näherrückende Katastrophe, der sich diese mutige Protagonistin als Einzige entgegenstellt. Und so finden sich allerlei Klischees in diesem Buch, wie zum Beispiel die fähige Sekretärin, die „hässlich wie ein Sumoringer“ ist, während die unfähigeren Damen eine Augenweide sind. Aber es gibt auch wunderschöne Beschreibungen, wie zum Beispiel sich aufbauende Wolken, die „wie eine Armee verärgerter Dschinns, die aus ihrer Flasche entweichen,“ aussehen. Auf jeden Fall ist das Buch gekonnt geschrieben, packend und unermesslich spannend, was durch das Stilmittel der knackig kurzen Kapitel noch intensiviert wird. Mit seinem unheilvollen Szenario in einer sehr nahen fiktiven Zukunft möchte es all denen, die nach wie vor glauben, wir könnten wie eh und je so weitermachen wie bisher, vor Augen führen, wie extrem gefährdet unsere Welt, wie wir sie kennen, ist.

Ein über die Maßen reißerisches Buch, ja, aber genau darin liegt seine Chance, auch die chronisch Uninteressierten zu erreichen.

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Seni Glaister

Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel

 

 

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672580

·         Originaltitel: Doubler

 

Dieses Buch ist ein Schatzkästlein

 

Allem voran: Dieses Buch ist keines, das man auf die Schnelle konsumieren sollte. Dieses Buch benötigt Zeit. Und es benötigt Leser, die ihm diese Zeit geben, nachdenkend, sich erfreuend, sich offenen Herzens hingebend…

 

Mr. Doubler ist Kartoffelbauer, ein Kartoffelbauer von altem Schrot und Korn, ein besessener Kartoffelbauer sogar, der akribische Forschungen betreibt. An der Welt um ihn herum ist er nicht interessiert. Er liebt die Abgeschiedenheit seiner Farm und verlässt sie nie. Lediglich Mrs. Millwood, die Haushälterin, hat seit vielen Jahren Zugang zum Haushalt und zum schrulligen Mr. Doubler selbst, was ihre ritualisierten mittäglichen Gespräche zeigen. Als Mrs. Millwood ernsthaft erkrankt und nicht mehr kommen kann, ändert sich so allerlei…

 

Dieses Buch ist eine Goldgrube! Es kommt recht unscheinbar daher, und die erzählte Geschichte ist im Grunde auch unspektakulär. Und doch birgt es gerade in seiner Schlichtheit die tiefsten Weisheiten, so ganz nebenbei, zwischen heiteren Sequenzen versteckt. Es sind weise Botschaften, über die man immer wieder nachdenken kann und die den Leser, wenn er es zulässt, unmittelbar selbst betreffen. Denn es geht um die großen Grundfragen des Lebens, die außerordentlich hübsch verpackt, in diesem Schatzkästlein ruhen und ihren Reichtum denen zeigen, die offenen Herzens in das Buch eintauchen. Es ist ein Buch zum langsamen Lesen, zum Genusslesen, zum Mehrfachlesen. Ein Buch, dessen Sorgsamkeit der Sprache, dessen Sorgsamkeit der Gedanken gefangen nimmt und dessen geistreicher Humor die nötige Leichtigkeit gibt, damit man bereit ist, in die teils sehr bewegenden Tiefen der Themen einzusteigen, nachdenkend, vielleicht mit anderen diskutierend. Dieser jahrzehntelang auf sich selbst zurückgeworfene, nachdenkliche  Mr. Doubler fasst auf ganz überraschende Weise Mut, seine Rolle im Leben aktiv zu spielen. Was für ein wunderbares, reiches Buch, gewissermaßen große Philosophie in Taschenformat.  „Das Gute im Inneren ist wertlos, wenn es nicht geteilt wird.“

 

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Andrea Stift-Laube

Schiff oder Schornstein

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

·         Verlag: Kremayr & Scheriau

·         ISBN-13: 978-3218011549

 

Ein Buch wie eine gespaltene Persönlichkeit

 

 

Soeben habe ich das Buch beendet und frage mich nun ratlos, wie ich meine Rezension formulieren soll. Denn das Buch verwirrt mich über die Maßen. Vielleicht sollte ich schreiben, dass mich das Buch von Anfang an in die Irre gelockt, mich vorsätzlich getäuscht hat. Mit seinem Titel zum Beispiel. Mit dem ich gar nichts anfangen konnte. Oder mit dem Cover, mit dem tiefschwarzen Umriss einer Katze mit leuchtend gelben Augen. Ein Katzenbuch, hatte ich zunächst gedacht, ein humorvolles vielleicht. Auf jeden Fall ein sympathisches Buch – so hatte ich gedacht. Und jetzt ist das Buch beendet, und ich bin voller Zorn, Ekel, Abscheu, Entsetzen. Und gleichzeitig lache ich über all die skurrilen Einfälle, über die leichtfüßig geschriebenen Episoden, über witzige und liebevolle Detail-Beobachtungen.

 

Worum geht es? Der Verlag formuliert es so: „Franziska ist verschwunden. Das ist sie schon öfter. Dann sagt man, sie ist wohl wieder irgendwo Tiere befreien, im Wald, am Nordpol, irgendwo auf einem Schiff. Aber dieses Mal kommt sie nicht mehr zurück. Sie ist spurlos verschwunden und niemand weiß, was passiert ist. Ihre Schwester Ila begibt sich auf die Suche, wühlt in ihrer beider Vergangenheit und trifft den Umweltaktivisten Konstantin, der unglücklich in Franzi verliebt ist. Ila und Konstantin werden Freunde und bewältigen ihre Trauer in einem schrägen Kunstprojekt, das ein Statement gegen Massentierhaltung und Fleischkonsum sein soll: einem Online-Versand für Katzenfleisch…“

 

Das Buch kommt mir vor wie eine gespaltene Persönlichkeit: So wie das Buch aus zwei Perspektiven geschrieben ist, nämlich aus der von Ila, der Schwester, und Konstantin, dem stumm Liebenden, so werden genauso gespalten einerseits einfache, teils idyllische Kindheitserinnerungen und tier- und naturliebende Erinnerungen erzählt, andererseits brutalste, schier unerträgliche Details von Tiermisshandlungen, Vogeltötungen, Kükenmuser. Eben hat sich der Leser lächelnd und entspannt zurückgelehnt, schon jagt einem die scharfzüngige Autorin hinterrücks ein Messer mitten ins Herz.

 

Und ebenso gespalten bleibt mein Urteil: Gekonnt geschriebene Passagen, zu Herzen gehend, psychologisch feinfühlig, wechseln mit extremen Hässlichkeiten sowohl sprachlich („heißer Scheiß“) als auch inhaltlich (Fliegen mit der Lupe verbrennen). Ob mit solch einer uneinheitlichen wirren Mischung wirklich mehr Umweltbewusstsein zu wecken ist? Aber vielleicht wollte die Autorin etwas ganz anderes? Ich weiß es nicht. Ich bleibe verwirrt.

 

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 Hank Green

 Ein wirklich erstaunliches Ding

 

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

 ·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft, bold

 ·         ISBN-13: 978-3423790406

 ·         Originaltitel: An absolutely remarkable thing

 

Keine Ahnung, wozu dieses Buch gut sein soll

 

Tja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Dass ich nicht weiß, wozu man es lesen sollte? Dass ich es nach anfänglichen ernsthaften Versuchen des Lesens nur mehr quergelesen habe? Dass ich es schließlich ratlos weggelegt habe?

 

Der Einfachheit nutze ich als Einführung den Klappentext: „Ein paar Klicks, ein kurzer Film, eine spontane nächtliche Aktion – und Aprils Leben steht auf dem Kopf. Eigentlich hatte sie nur eine mysteriöse, aber beeindruckende Roboter-Skulptur gefilmt und ins Netz gestellt und ihr aus Spaß den Namen CARL gegeben – nichts Besonderes eigentlich, doch als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie berühmt. Überall auf der Welt sind Carls aufgetaucht, niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, wofür sie gut sind. April wird zur Carl-Expertin, die Medien stürzen sich auf sie, ihre Videos verbreiten sich millionenfach. Doch im Zentrum der weltweiten Hysterie erntet sie nicht nur Likes...“

 

Kurzweilig ist es geschrieben, das muss man sagen. Leicht lesbar ist es auch. Nicht schön ist die Sprache, oftmals eher ordinär oder primitiv, immer eher Umgangssprache. Das mag ich nicht. Und unverständliche Wörter, die vielleicht manche Jugendliche kennen oder Nerds, mag ich auch nicht. Vielleicht könnte man das Buch auch streckenweise als  witzig und schräg bezeichnen, mag sein. Aber letztlich bleibt die ratlose Frage übrig: Wozu soll man es lesen? Dass es möglich ist, das fiktive Leben in der Social-Media-Welt als (Pseudo-)Realität zu erleben? Dass es möglich ist, finanziellen und persönlichen Wert aus der Zahl der Likes und Followers zu ziehen. Wissen wir. Ja, und? Also: Warum überhaupt dieses Buch? Ich habe absolut keine Ahnung.

 

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Wladimir Kaminer

Die Kreuzfahrer

 

 

·         Audio CD

·         Verlag: Random House Audio

·        ISBN-13: 978-3837142822

 

Langweilig 

 

Was für ein großartiges Thema für Kaminer, so dachte ich. Kreuzfahrten zu allen Sehenswürdigkeiten der Welt, während derer es in der Hauptsache um Essen und Trinken geht und um das Bemühen, den Kreuzfahrern keinen Moment, ja keine Sekunde der Langeweile zuzumuten. Das war doch genau die Szenerie, in der Kaminer zu Höchstform auflaufen könnte, dachte ich. Und so erwartete ich Pointen und freundlich-entlarvende Szenenschilderungen in der gewohnten Kaminer-Weise.

 

Was ich jedoch erhielt, war genau die Langeweile, die es doch eigentlich zu vermeiden galt, nicht nur bei den Kreuzfahrern, sondern auch bei Lesern bzw. Hörern. Sicher, Kaminer nimmt sich auch hier selbst auf den Arm. Hin und wieder spürt man seinen verhaltenen, leicht bissigen Humor, aber alles in allem ödete mich die Hörbuch-Fassung an. Zumal mir die vorsätzlich kultiviert-russische, etwas grobschlächtig wirkende  Aussprache von Wladimir Kaminer zunehmend auf die Nerven ging. Da habe ich ihn schon viel scharfzüngiger und unterhaltsamer erlebt.

 

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Pierre Lemaitre

Die Farben des Feuers

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 479 Seiten

·         Verlag: Klett-Cotta

·         ISBN-13: 978-3608963380

 

Fordert volle Aufmerksamkeit

 

Ein Buch, das mich einerseits faszinierte, mich fesselte, aber auch streckenweise langweilte. Ein Buch, das es mir einerseits schwer machte, es zu mögen, andererseits hinreißende Szenen enthielt. Ein Buch, das viel Zeit und die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert.

 

Zentrum allen Geschehens ist Madeleine, Tochter und Alleinerbin des berühmten französischen Bankiers Marcel Péricourt. Am Tag der Beerdigung von Marcel Péricourt stürzt Madeleines Sohn Paul aus dem 2. Stock. Er überlebt, bleibt aber gelähmt. Madeleine liebt ihren Sohn abgöttisch und unternimmt alles Erdenkliche, um ihm sein Schicksal zu erleichtern. Doch sie ist von Neidern umgeben. Im Jahr 1927, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, bestimmen Habgier,  Börsenskandale und politische Wirrnisse die Geschehnisse. Und so gelingt es tatsächlich diesen Neidern, das Bankimperium zu Fall zu bringen und damit Madeleine und ihren Sohn in die Armut zu stürzen.. Doch Madeleine zieht für ihren Sohn auf einen raffinierten Rachefeldzug.

 

Die Erzählweise des Autors ist streckenweise nicht ganz einfach zu lesen. Lange Sätze schildern oft ganze Welten, meist innere Welten, in einer überaus gepflegten Sprache, in die man sich einlesen muss. Kleine eingestreute Bosheiten, ein fein-entblößender Humor würzen das Geschehen. Viele Namen tauchen auf, die teils verwirren. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass ich immer wieder neu nach dem roten Faden angeln musste. Durch die Fülle der Namen, der Liebschaften, der Intrigen und der wirtschaftlich-politischen Exkurse ging mir dieser rote Faden oftmals verloren, tauchte dann unerwartet plötzlich wieder auf, intensiv und beeindruckend. Die Protagonisten blieben mir leider irgendwie fern. Sie agieren wie in einem Historienfilm, kostümiert, etwas blutleer, in übergestülpten Rollen. Lebendig-fesselnde Schilderungen wechseln ab mit mich etwas ermüdenden trocken-politischen Ausführungen.

 

Als Fazit ausgedrückt wirkte das Buch auf mich wie ein großer, mit viel Aufwand und akribischer Recherche ausgearbeiteter historischer Film, in dem es eine Fülle von außerordentlich malerischen Szenen mit geistreichen Dialogen zu bewundern gilt, der aber letztlich keine Emotionen hervorruft und den Leser in einer distanzierten bewundernden Achtungshaltung zurücklässt.

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 Takis Würger

 Stella

 

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

 ·         Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

 ·         ISBN-13: 978-3446259935

  

 

 

Sensibel und brutal gleichermaßen

 

Als ich Takis Würger bei einer Lesung seines ersten Buches Der Club beobachten konnte, erschien er mir seltsam zwiegespalten. Einerseits unerfahren, unsicher, fast ein wenig linkisch, auf der anderen Seite auf eine vornehm-sichere und privilegierte Weise von sich überzeugt. Und ebenso zwiegespalten erscheint mir das vorliegende Buch: sowohl leise-vorsichtig, scheu, als auch von einer inhaltlichen und sprachlichen Wucht, wie sie kaum zu ertragen ist.

 

Der Klappentext lässt uns nur Fakten wissen: „Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt.“ Was im Klappentext jedoch fehlt, ist für mich ein entscheidender Teil der Geschichte. Denn Friedrich war nicht immer so still gewesen. Seine Vorgeschichte, wie und warum es zu seiner entstellenden Gesichtsverletzung kam, wie er dadurch die Liebe seiner Mutter und noch viel mehr verlor, das ist aus meiner Sicht die Grundlage des Buches, denn es steht Friedrich im Mittelpunkt, nicht Stella. Es wird mit den Augen Friedrichs das Geschehen, sowohl das politische als auch das individuelle, beobachtet, und für den Leser wird nachvollziehbar, weshalb Friedrich eher passiv und leidend geschehen lässt, was geschieht. Seine bedürftige, obsessive Liebe zu Stella verschließt ihm die Augen vor den Wahrheiten um ihn herum.

 

Die Erzählweise ist besonders. Schlichte Wörter, schlichte Sätze, und dabei eine so dichte Atmosphäre schaffend und so treffgenau, wie es manch einem Autor mit vielen Wörtern und langen Sätzen nicht gelingt. „Berlin ist ein Ort, an dem sogar Friseure sagen, was sie denken.“ An anderen Stellen knallen dem Leser die kurzen Sätze nur so um die Ohren, dass man sich ducken möchte vor den Bildern, die angeschossen kommen. Ein Buch, sensibel und brutal gleichermaßen, Fakten und Fiktion genial vermischend. Ein großes Buch.

 

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Julia Hanel

Dein Bild für immer

 

 

·         Taschenbuch: 416 Seiten

·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3548291185

 

 

Gefühlstiefe ohne Kitsch

 

Für die Lektüre dieses Buches habe ich außerordentlich viel Zeit benötigt. Was nicht daran lag, dass das Buch schlecht ist. Im Gegenteil, es lag daran, dass mich die erzählte Geschichte vollkommen verführte. Sie verführte mich dazu, zeitintensiv in meinen eigenen Bali-Erinnerungen zu schwelgen. Und sie verführte mich dazu, mehrere Filme, die im Buch von Filmfreak Niklas angesprochen werden, auch noch einmal mit „Niklas“-Augen anzuschauen.

 

Worum geht es? Sophie‘s Verlobter Maximilian stirbt durch einen Unfall, und Sophie verliert sich nun in unendlicher Trauer, aus der sie nicht herausfindet. Eine von Maximilian gebuchte Bali-Reise tritt sie nach einigem Zögern allein an und begegnet dabei Niklas, einem jungen, begabten Fotografen, dessen Leben nach einem Trauma ebenfalls aus den Fugen geraten ist. Schließlich verlässt Sophie ihr Luxushotel und reist mit Niklas auf einer Fototour über die Insel. Zwei vom Schicksal verletzte Menschen, die sich mit einer Schutzmauer umgeben haben…

 

Man könnte sicher sagen, dass die Geschichte vorhersehbar ist. Stimmt. Man könnte auch sagen, dass die ziemlich schlichte Geschichte lebt durch die perfekt gelungenen, lebendigen, bildhaften Schilderungen der unglaublich schönen Naturkulisse auf Bali. Auch das stimmt. Was aber den Schreibstil der Autorin auszeichnet und sie damit die Grenzwanderung zum Kitsch ohne Absturz erfolgreich bestehen lässt, ist der Humor, sind die witzigen Dialoge, die genau an den richtigen Stellen dem Buch eine gewisse Würze geben. Kurzum: Eine leicht lesbare Geschichte mit Gefühlstiefe und Humor.

 

Schön wäre es allerdings, wenn die Autorin nicht regelmäßig scheinbar und anscheinend verwechseln würde. 

 

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 Nicolas Barreau

 Die Liebesbriefe von Montmartre

  

 ·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

 ·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3851794106

  

  

Herzzerreißend und hoffnungsfroh gleichermaßen

  

Dieses Buch bricht dem Leser das Herz – und setzt es ganz neu wieder zusammen.

 

Julien Azoulay ist Autor von humorvollen Liebeskomödien. Doch als seine Frau Hélène im Alter von nur dreiunddreißig Jahren an Krebs stirbt, kann Julien nicht mehr schreiben. Sein Verleger zeigt lange Zeit Verständnis und wartet geduldig auf das neue Manuskript, aber Julien ist ein gebrochener Mann, der nichts als Schmerz empfindet. Dennoch hatte er seiner Frau ein Versprechen gegeben. Er soll ihr nach ihrem Tod 33 Briefe schreiben, für jedes gelebte Lebensjahr einen. Nach einer Zeit der Erstarrung in Trauer beginnt Julien mit diesen Briefen. Er berichtet Hélène von seiner abgrundtiefen Verzweiflung, von seinem alltäglichen unglücklichen Leben, vom gemeinsamen Söhnchen Arthur, von der gemeinsamen Freundin Cathérine, von all dem, was ohne sie, ohne Hélène, sinnlos erscheint. Die Briefe legt er in ein geheimes Fach in Hélènes Grabstein auf den Friedhof am Montmartre. Eines Tages sind die Briefe verschwunden. Stattdessen findet Julien seltsame symbolhafte Antworten, ein Herz aus Stein zum Beispiel oder Kinokarten, ein Blumensträußchen… Julien klammert sich an den Glauben, dass ihm Hélène auf wundersame Weise aus dem Jenseits antwortet.

 

Es rankt sich ein Geheimnis um den Autor Nicolas Barreau. Es gibt keine Vita, kein Foto, nur Mutmaßungen, wer sich hinter diesem erfolgreichen Autorennamen verstecken könnte. Mir gefällt der Gedanke sehr, dass es sich um eine dem Verlag nahestehende Person handeln könnte, denn ich bin absolut sicher, dass nur eine Frau in dieser subtilen, feinsinnigen, ergreifenden, humorvollen, einfühlsamen Weise schreiben kann.

 

Die einzelnen Briefe, die Julien an seine verstorbene Frau schreibt, sind wie einzelne Schritte der Seele, zu Beginn im Dunkeln, in abgrundtiefer Traurigkeit, in der Vergangenheit verhaftet. Dann aber Schritt für Schritt beginnt sich der Weg zurück ins Leben abzuzeichnen. Diese Entwicklung ohne Kitsch, ohne Larmoyanz, aber bewegend-tröstlich zu gestalten, ist große Schreibekunst. Die vielen klugen Verweise in die Literatur und Musik verlocken zum Nachforschen, Nachlesen, Nachhören und dadurch Mitempfinden dessen, was uns Barreau an Gefühlen vermitteln will. Das Buch hat eine geradezu magische Wirkung in seiner Intensität, in dem es uns das Leben zeigt in seiner ganzen Fülle, traurig und komisch, ungerecht und erschreckend, und doch voller Wunder und unsagbar schön, um den Leser ein Stück weit mutiger, hoffnungsfroher und gestärkter zurückzulassen. Ich kann es nicht besser sagen: Dieses Buch bricht dem Leser das Herz und setzt es ganz neu zusammen.

 

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Lucie Castel

Weihnachten wird wunderbar

 

 

·         Broschiert: 272 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851794083

 

 

 

 

Wohlig, witzig, weihnachtlich

 

Hinter dem weihnachtlich geschmückten Cover, Schneeflocken inklusive, steckt zwar in der Tat ein Buch, das seine Handlung rund um die Festtage ausbreitet, aber es ist kein Weihnachtsbuch im klassischen Sinn. Es ist, um es kurz zu sagen, ein zauberhaftes Buch, das es verdient, mit Kuscheldecke, Zimtsternen und einem mit orientalischen Kräutern versetzten Tee auf dem Sofa gemütlich gelesen zu werden. Und wenn der Tee bereits kalt geworden ist und die Zimtsterne aufgegessen sind, bleibt nach Lektüre der Geschichte ein wunderbar gemütlich-wohlig-warmes Gefühl zurück, irgendwie in der Tat weihnachtlich…

 

Zum Inhalt: Als die beiden Schwestern Scarlett und Mélanie die Weihnachtstage bei ihrer verwitweten Mutter in der Bretagne verbringen wollen, legt ein Schneesturm den Flugverkehr lahm und die beiden sitzen im Flughafen von Heathrow fest. Über Stunden. Und weil bei Scarlett stets alles schiefgeht, was schiefgehen kann, landet sie aus Versehen in der Herrentoilette und trifft dort auf einen englischen Gentleman, dessen distinguierte und ironische Art Scarlett sowohl herausfordert als auch verunsichert. Als schließlich klar wird, dass an diesem Tag kein Flugzeug mehr starten wird, lädt William, besagter Gentleman und Kunsthändler, die beiden Schwestern höflich dazu ein, vorerst in seinem Haus in Kensington zu bleiben. Dass dort unerwarteter Weise plötzlich auch noch Williams gesamte englische Familie vor der Tür steht, mit all ihren Schrullen und Verrücktheiten, schafft ein Chaos an Gefühlsverwirrungen und ungeahnten Überraschungen, wie sie turbulenter gar nicht sein könnten.

 

Die Autorin erzählt diese lebendige Geschichte über verrückt-liebenswerte Menschen gekonnt mit ganz leichter Hand. Für mich standen absolut im Vordergrund die brillanten Dialoge, spritzig und mit geistreichem Witz versehen. Sie geben der Geschichte die richtige Würze, damit sie nie ins Kitschige abgleitet. Aber auch eine leise Melancholie hat zwischen den Zeilen Platz. Sie ist besonders geeignet, „Fäden zwischen die Seelen zu knüpfen“. Natürlich ist das Geschehen vorhersehbar, aber bis es zum erhofften Finale kommt, hat der Leser viel Vergnügen mit all den so schwungvoll und frisch erzählten Fettnäpfchen, Missverständnissen und Komplikationen, mit den mit englischer Vornehmheit gepaarten Verrücktheiten, mit all dem Wortwitz, aber auch mit den leiseren Passagen. Ich kann mir kein besseres Weihnachtsbuch vorstellen!

 

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Ruth Hogan

Vielleicht tanzen wir morgen

 

 

·         Broschiert: 320 Seiten

·         Verlag: List Hardcover

·         ISBN-13: 978-3471351703

·         Originaltitel: The Particular Wisdom of Sally Red Shoes

 

Dieses Buch ist ein Kleinod!

 

Die letzte Seite ist gelesen und ich schließe langsam das Buch. Dieses Buch, das mich so tief berührt hat wie schon lange keines mehr. Und ich weiß nicht, wie ich die passenden Worte finden kann, um von diesem Buch zu erzählen.

 

Mascha lebt nach dem Tod ihres Sohnes über viele Jahre hinweg wie unter Wasser. Die einzigen „Freunde“, die sie näher an sich heranlässt, sind die Toten auf dem Friedhof, denen sie ihren täglichen Besuch abstattet. Erst die Begegnung mit der obdachlosen Sally Red Shoes bewirkt eine vorsichtig-langsame Veränderung in Mascha. Und mit der inneren Veränderung bekommt auch die äußere Wirklichkeit neue Chancen, ins Leben von Mascha zu treten.

 

Diese kurze Inhaltsangabe klingt nach dem Inhalt zahlloser anderer Bücher: eine trauernde Mutter, die durch eine besondere Begegnung neuen Lebensmut erhält. Soweit richtig und doch meilenweit entfernt. Denn die Einmaligkeit des Buches liegt nicht im Inhalt, sondern in der Schreibekunst der Autorin, in den unzähligen feinen und feinsten Details, die sich auf jeder Seite finden lassen, in den feinsinnigen Beobachtungen und Erinnerungen, in den wunderschönen, bilderreichen, geradezu lyrischen Beschreibungen, in der faszinierenden Gabe der Autorin, mit wenigen Worten innere Bilder entstehen zu lassen so intensiv verdichtet, als würde man Lyrik lesen. So beschreibt sie zum Beispiel den Teil des Friedhofs mit alten, nicht mehr gepflegten Grabstätten, auf denen die Grabsteine schief und krumm dastehen, als das „Feld der Trunkenheit“, und Mascha stellt sich vor, wie sich die Begrabenen an die Ränder ihrer schiefen Särge klammern, um nicht vollends den Halt zu verlieren. Und nur diese großartige Autorin kann den ständigen Begleiter von Mascha, den riesigen Wolfshund Haizum, so liebevoll-treffend beschreiben als einen Hund „mit den Augen eines Engels und dem Atem eines Kobolds“. Überhaupt möchte ich ständig aus dem Buch zitieren. Wie könnte man die Erstarrung, die manche Trauernde erfasst, besser ausdrücken als die Autorin: „Wir wickelten unsere Trauer fest ein in erstickende Selbstbeherrschung“. Überhaupt liegt über dem ganzen Buch, abgesehen vom überraschenden Ende, so etwas wie ein feiner glänzender, grauer Organzastoff, nämlich die Lebenstraurigkeit, nicht heilbar, duftig zwar, ganz leicht, aber dennoch jede Minute des Lebens mit einem grauen Schleier überziehend. Gleichzeitig aber liegt unter diesem grauen Schleier auch eine dicke Schicht Humor, bissig und schrullig. Wenn ich noch wie früher Kurse in Kreativem Schreiben geben würde, wäre „Vielleicht tanzen wir morgen“ ein Lehrbuch, eine Pflichtlektüre, insbesondere zur besonderen Kunst der Autorin, Menschen zu schildern, skurril-liebevoll, kreativ, wie Karikaturen auf ihr Wesentliches reduziert. Ein dickes Lob auch an die Übersetzerin, die es schaffte, die Einzigartigkeit der Sprache von Ruth Hogan samt der „verhuddelten“ Wörter von Sally Red Shoes kongenial wiederzugeben.

 

Ich wünsche diesem Buch viele einfühlsame, empfindsame Leser, die Freude haben an der überreichen poetisch-sprachlichen Kunst der Autorin, denn dieses Buch ist ein wahres Kleinod!

 

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John Jay Osborn

Liebe ist die beste Therapie

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 288 Seiten

·         Verlag: Diogenes

·         ISBN-13: 978-3257070439

·         Originaltitel: Listen tot he Marriage

 

 

 

Kammerspiel zu dritt

 

Mit dem Buch habe ich ein großes Problem.  Ich konnte es nicht unvoreingenommen lesen, weil ich mein psychotherapeutisches Fachwissen beim Lesen nicht ausblenden konnte. So war ich teils verwundert, teils nahm ich kopfschüttelnd die Vorgehensweisen der Therapeutin zur Kenntnis, teils auch ebenso kopfschüttelnd die Verhaltensweisen der Probanden und ihren geschilderten Weg des reiferen Miteinanders. Der Autor ist nicht „vom Fach“. Vielleicht hat er selbst eine Paartherapie erfahren und aus seinen daraus resultierenden persönlichen Erkenntnissen einen Roman gebastelt. Dazu sollte man vielleicht auch noch berücksichtigen, welch anderen Stellenwert therapeutische Interventionen in Amerika haben im Vergleich zu Deutschland. Wie auch immer – für mich war der Roman leider kein Aha-Erlebnis.

 

Der Roman ist inszeniert wie ein Kammerspiel: Das gesamte Geschehen spielt sich ausschließlich in der Praxis der Paartherapeutin Sandy ab. Dort suchen Steve und Charlotte, Mitte 30, zwei Kinder, seit einiger Zeit getrennt lebend, Rat und Beistand. Beide hatten in der Zwischenzeit Affären, und doch gibt es etwas zwischen den beiden, das sie, ohne dass sie es sich wirklich eingestehen wollen, noch hoffen lässt. Dem Leser wird anhand des Verlaufs der Therapiestunden klargemacht, dass ein Teil der Problematik in der unterschiedlichen Art und Weise der Kommunikation zwischen den Ehepartnern liegt. Sorry, aber für diese Erkenntnis braucht es keine 300 Seiten. Auch nicht für die Erkenntnis, welche Verletzungen Ehebruch mit sich bringt. Die geschilderten Vorgehensweisen/Fragen der Therapeutin sind so oberflächlich, so nichtssagend, dass sie im realen Leben mit Sicherheit keine großen Entwicklungen von Paaren in Not hervorrufen würden. Dass wir als Leser dann auch noch immer wieder in die Gedankenwelt der Therapeutin mit ihren eigenen Problemen hineingezogen werden, empfinde ich als absolut störend und unnötig.

 

Als Roman ist das Buch mäßig fesselnd, es fehlt der Spannungsbogen, es fehlen Höhen und Tiefen, es fehlen überraschende Entwicklungen oder echte Aha-Erlebnisse. Wer glaubt, er würde durch das Buch etwas über kompetente Paartherapie erfahren, sei gewarnt. Denn es ist und bleibt ein  Roman, also per definitionem eine fiktive Lang-Erzählung, mehr nicht.

 

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Caroline Roberts

Cottage mit Meerblick

 

 

·         Taschenbuch: 336 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498015

·         Originaltitel: My Summer of Magic Moments

 

 

Ein ruhiges, lebensbejahendes Buch

 

Eher zufällig geriet ich an dieses Buch und ging anhand des Covers von einem der üblichen leichten Sommerromane ohne Tiefgang aus. Der Roman ist in der Tat solch ein Sommerroman, unterhaltsam und flott zu lesen. Aber er ist nicht nur trivial, er hat auch etwas an sich, was länger nachwirkt und weshalb sich das Lesen lohnt.

Claire, von Beruf Journalistin, mietet ein kleines, ziemlich heruntergekommenes Cottage direkt am Strand, denn sie braucht eine Auszeit. Nach überstandener Krebserkrankung mit den vielen sowohl Körper als auch Seele belastenden Therapien musste sie auch noch die Scheidung von ihrem Ehemann verkraften. So hofft sie, in einer Zeit des Alleinseins wieder zu neuen Kräften zu kommen und für ihr  Leben neue Orientierung zu finden. Sie genießt die Abgeschiedenheit des Ortes, genießt die Natur, genießt sogar, den frühmorgens im Meer schwimmenden unfreundlichen Nachbar zu beobachten.

Das Buch zu lesen, verlangt vom Leser, zur Ruhe zu kommen. Denn es erzählt sehr langsam, ruhig und bedächtig. Und während man in die intensiven, schönen Naturschilderungen eintaucht, sich dem Gleichmaß der Wellen am Strand hingibt, den Sand unter den Füßen spürt, entschleunigt man selbst Stück für Stück. Und indem man durch die Autorin in dieses entspannte, wohlige Wahrnehmen der Natur versetzt wird, nähert man sich ganz ohne Schwere auch den wichtigen Fragen des Lebens, denen sich Claire stellt und erkennt mit ihr die große Bedeutung der kleinen Dinge, der kleinen Freuden, der Magic Moments. Claire wird sehr nachvollziehbar dargestellt als ein zwar grundsätzlich kämpferischer und lebensbejahender Mensch, aber dennoch gezeichnet durch die Narben, die sowohl ihr Körper als auch ihre Seele davongetragen haben. Genau diese erlittenen Verletzungen und das dadurch gewonnene Mitgefühl für andere Menschen ermöglichen es jedoch letztlich der Protagonistin, auf geduldige und reife Weise einen neuen Zugang zu sich selbst, zu den sie umgebenden Menschen, sogar zu ihrem mürrischen Nachbarn und damit zur Liebe zu finden.

 

Fazit: Ein ruhiges, leicht zu lesendes Buch mit anhaltend positivem Nachhall.

 

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Annette Hess

Deutsches Haus

 

 

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

Verlag: Ullstein Hardcover

ISBN-13: 978-3550050244Hörbuch: Spieldauer: 8 Stunden und 56 Minuten

Version: Gekürzte Ausgabe

Verlag: Hörbuch Hamburg HHV GmbH

 

 

Ein wichtiges Buch!

 

Obwohl ich nicht oft Hörbücher „konsumiere“, weil ich beim Hören meist nicht so konzentriert bin auf den Text wie beim Lesen, habe ich mich dieses Mal ausnahmsweise für das Hörbuch entschieden, weil mir die Hörprobe so gut gefallen hatte. Die angenehme und lebendige Stimme von Eva Meckbach machte es mir leicht, über fast 9 Stunden die Geschichte zu verfolgen. Dennoch werde ich das Buch auch noch einmal lesen, denn es ist meines Erachtens ein sehr wichtiges Buch, das volle Aufmerksamkeit verdient.

1963: Die junge Dolmetscherin Eva wird gebeten, in einem Prozess Zeugenaussagen zu übersetzen. Verwunderlich, dass sowohl ihre Eltern als auch ihr Verlobter von diesem Auftrag abraten. Dennoch übernimmt sie, ihrem Bauchgefühl folgend, die Aufgabe an und verfolgt dadurch den ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt im Nachkriegsdeutschland, einen Jahrhundertprozess, der alles verändern wird, auch im Leben von Eva.

Das Buch hatte für mich  - neben der geschichtlichen Relevanz – eine besondere Eindringlichkeit, denn ich war im gleichen Alter wie Eva. So viele geschilderte Szenen des täglichen Lebens dieser Zeit habe ich genauso erlebt, und das Buch rief eine Fülle an Erinnerungen wach. Ich konnte so ganz direkt die muffige Spießigkeit derer nachempfinden, die alles nur noch hinter sich lassen wollten, auch die politische Naivität so vieler junger Menschen, denen ihre Eltern das während der Kriegszeiten Erlebte nicht erzählt hatten. Intensiv und atmosphärisch dicht erzählt die Autorin von den frühen sechziger Jahren, in denen die Menschen mehrheitlich nur noch nach vorne blicken und sich mit Fragen von Schuld oder Scham nicht auseinandersetzen wollten. Faszinierend und nachvollziehbar wird die Wandlung Evas vom naiven jungen Mädchen hin zu einer gereiften jungen während des Verlaufs des Prozesses geschildert. Überhaupt werden alle im Buch geschilderten Personen sehr authentisch und psychologisch folgerichtig geschildert. Dass neben der Fiktion des Romans reale Szenen der Zeugenbefragungen aus dem Prozess sparsam eingestreut sind, lässt uns die geschehenen Grausamkeiten umso eindringlicher erahnen und wirft viele, viele Fragen auf, was Mut und Feigheit, Verantwortlichkeit und Wegschauen betrifft und wie es heute um unsere Mitmenschlichkeit bestellt wäre, wenn wir nur unter Gefahren dafür einstehen könnten.

 

Ein wichtiges Buch, dem ich viele, viele aufgeschlossene Leser wünsche.

 

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Ellen Sandberg

Die Vergessenen

 

 

·         Broschiert: 512 Seiten

·         Verlag: Penguin Verlag

·         ISBN-13: 978-3328100898

 

 

Ein grandioses Buch, das jeder lesen sollte

 

 

 

Das vorliegende Buch ist für mich eines der wichtigsten und packendsten Romane dieses Lesejahres!

 

Es ist bereits viel, sehr viel darüber geschrieben worden, deshalb nutze ich ausnahmsweise für den Inhalt den Klappentext: „1944. Kathrin Mändler tritt eine Stelle als Krankenschwester an und meint, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Als die junge Frau kurz darauf dem charismatischen Arzt Karl Landmann begegnet, fühlt sie sich unweigerlich zu ihm hingezogen. Zu spät merkt sie, dass Landmanns Arbeit das Leben vieler Menschen bedroht – auch ihr eigenes.
2013. In München lebt ein Mann für besondere Aufträge, Manolis Lefteris. Als er geheimnisvolle Akten aufspüren soll, die sich im Besitz einer alten Dame befinden, hält er das für reine Routine. Er ahnt nicht, dass er im Begriff ist, ein Verbrechen aufzudecken, das Generationen überdauert hat ...“

 

Grundlage des Buches ist die akribische Recherche historischer Faktoren bestimmter Örtlichkeiten, verbunden mit der fantasievollen Ausgestaltung von Geschehnissen, die dennoch auch jenseits der Fiktion in ähnlicher Weise geschehen sein könnten. Genau das hebt den Roman aus dem Romanhaften heraus und macht uns Leser schaudern, aber auch nachdenklich werden über die Frage, die uns letztlich die Protagonisten stellen: Was hätte ich in dieser oder jener Situation getan? Es ist leicht, sich heute vorzugaukeln, man hätte damals  moralisch lobenswert gehandelt. Aber wie integer sind wir noch unter Angst, unter Lebensbedrohung?

 

Dass hinter dem Pseudonym Ellen Sandberg die erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen Ingrid Löhnig steckt, spürt man diesem tiefgründigen Roman auf jeder Seite an. Der Handlungsaufbau ist routiniert ausgearbeitet, die Protagonisten sind psychologisch nachvollziehbar gezeichnet. Der Roman ist insgesamt so packend geschrieben, so intensiv in seiner Wirkung, dass man sich dem Buch nicht entziehen kann und geradezu atemlos von Seite zu Seite getragen wird.

 

Fazit: Gekonnt geschrieben und eindringlich in Szene gesetzt wird in diesem Roman ein Kapitel aus einer noch nicht so lang vergangenen Zeit des Grauens. Der Autorin ist es meisterhaft gelungen, einen außerordentlich wichtigen und gleichzeitig fesselnden Roman zu schreiben, der lange, lange über das Lesen hinaus in uns Wirkung zeigt. Ein grandioses Buch, das jeder, wirklich jeder lesen sollte!

 

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Miriam Maertens

Verschieben wir es auf morgen

 

 

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 272 Seiten

·         Verlag: Ullstein

·         ISBN: 978-3-96366-002-3

 

 

Ein Lehrbuch für die Kraft des Willens

 

 

 

Auf der Rückseite des Buches steht die eigentliche Botschaft des Buches, der in meinen Augen wichtigste Satz: „Fast alles liegt in meiner Hand, mein Wille hat einen enormen Einfluss auf mein Leben.“

 

Miriam Maertens lässt uns teilhaben an ihrer Kindheit und Jugend, an ihrem gesamten Werdegang, aber auch an ihrer Familie und ihren Freunden. Miriam Maertens ist an Mukoviszidose erkrankt, die Ärzte prognostizieren ein kurzes Leben. Und Miriam Maertens ist Schauspielerin, und zwar Bühnenschauspielerin. Ein Widerspruch in sich, eigentlich eine Unmöglichkeit!

 

Die Autorin schildert fast emotionslos und ohne jegliches Selbstmitleid ihren Lebens- und Leidensweg bis hin zur – fast zu späten – Lungentransplantation. Schon als Kind beschließt sie, einfach so zu leben, als sei sie gesund. Sie will am Leben teilhaben, es in vollen Zügen ausschöpfen, und vor allen Dingen will sie ihren Traum leben, nämlich Schauspielerin zu werden. Dies alles trotz körperlicher Schwäche, trotz der lebensnotwendigen Inhalationspausen, trotz der kräftezehrenden immer wiederkehrenden Kämpfe gegen Infektionen. Doch damit nicht genug! Sie will ein Kind, und sie bekommt einen Sohn. Ihr Körper unterwirft sich immer wieder neu dem unermesslich starken Willen der Autorin. Und sie schafft das Unvorstellbare, wechselt je nach Engagement zigmal den Wohnort, versorgt ihren Sohn und ihren Hund, verschweigt ihre Krankheit, widersetzt sich den Ratschlägen der Ärzte, feiert Erfolge – und ignoriert weitgehend die Zeichen, die ihr Körper setzt. Denn auf der Bühne gibt es keine Schonung und im Selbstverständnis von Miriam Maertens auch nicht. Bis es fast zu spät ist. Und noch einmal baut sie mit enormer Willensstärke die allerletzte Kraft auf, um die Lungentransplantation zu überstehen.

 

Das Buch hat mich tief beeindruckt und bewegt, es hat mich das Glück spüren lassen, ganz selbstverständlich atmen zu können und es hat mich gelehrt, welch immense Kraft in Disziplin und Willenskraft stecken. Ein Mut machendes, ein starkes Buch!

 

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John Crowley

KA

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

·         Verlag: Golkonda Verlag

·         ISBN-13: 978-3946503453

 

 

Gemischte Gefühle

 

Wir leben an einem Ort, der durch seine „Krähenplage“ in den Zeitungen zu besonderer Berühmtheit gelangte. Ich dagegen fühlte mich noch nie von den Krähen geplagt, sondern habe bisher stets mit großem Interesse diese so überaus klugen und geschickten Vögel beobachtet, die ja leider mit einer nicht gerade melodischen Stimme gesegnet sind. Insofern sprach mich das Buch spontan an, obwohl Fantasy nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre ist.

 

Den Inhalt in komprimierter Form gibt der Klappentext perfekt wider: „Dar Eichling ist die erste Krähe der Weltgeschichte, die einen eigenen Namen bekommt. Sie erfindet eine Sprache für das Krähenvolk, fliegt in die Anderswelt und stiehlt versehentlich die Unsterblichkeit. In zahlreichen Leben freundet sie sich mit Menschen aus verschiedenen Epochen an und entdeckt an der Seite des Heiligen Brendan Amerika – immer auf der Suche nach der Wahrheit über Leben und Tod. Bis sie in einer Zeit, in der unsere Welt bereits in Trümmern liegt, einen Menschen findet, dem sie ihre Geschichte erzählen kann. Denn wahre Unsterblichkeit liegt in den Geschichten, die immer weiter erzählt werden ...“

 

Leider hat mich das Buch jedoch mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Es mäandert zwischen Fantasy und Sachbuch hin und her und ist dadurch streckenweise regelrecht langweilig zu lesen. Große Themen werden berührt, manchmal auf sehr wunderbare, feinsinnige Art und Weise, dann wieder schweift der Autor ab und wird episch breit und sachlich-nüchtern, was mir die Freude am Buch ziemlich verleidete. Bestechend gut ist die Beobachtungsgabe des Autors! Durch seine präzisen Schilderungen habe ich gelernt, noch viel genauer diese wunderbaren Vögel zu beobachten. Mal sehen, ob ich eines Tages von ihnen eine der zahllosen Geschichten  erzählt bekomme, die unsterblich sind.

 

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Minna Rytisalo

Lempi, das heißt Liebe

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

·         Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

           ISBN-13: 978-3446260047

·         Originaltitel: LEMPI

 

  

Roman mit emotionaler Wucht

 

 

Um den geschichtlichen Hintergrund des Buches besser einordnen zu können, ist es meiner Meinung nach sehr empfehlenswert, vor Lektüre des Romans zuerst das sehr informative Nachwort der Übersetzerin zu lesen. Es half mir, das besondere Verhältnis zwischen Finnen und Deutschen während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg  und damit die erzählten Geschehnisse besser einordnen zu können.

  

Viljami, ein junger Bauernsohn, verliebt sich in Lempi, die beschützte und gebildete Tochter eines Ladenbesitzers aus einer kleinen Stadt im finnischen Lappland. Nach einer überstürzten Heirat zieht Lempi, die keinerlei Ahnung hat vom Landleben und der harten Arbeit dort, auf den Hof zu Viljami. Ihr zur Seite gestellt wird als Hilfe Elli, die Magd, die tief in ihrem Innersten am liebsten an Lempis Stelle wäre. Nach wenigen Monaten gemeinsamen Glücks wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Als er zurückkehrt, seelisch gebrochen, ist Lempi verschwunden.

 

Der Roman kommt ganz schlicht daher. Und hat doch eine Wucht, die schwer zu beschreiben ist. Die Autorin hat einen ungewöhnlichen Weg gefunden, uns Lempi näher zu bringen, wobei sie uns am Ende des Romans sogar noch ferner ist als zu Beginn des Buches. Aus drei verschiedenen Perspektiven werden uns Lempi und ihr Leben geschildert. Zunächst erzählt Viljami mit den Augen einer tiefen Liebe. Er ist vom ersten Augenblick an Lempi verfallen, und mit ihr zu leben ist sein größtes Glück, ja sein Lebensinhalt. Intensiv und ergreifend wird die kurze Zeit des Glücks und die ewig während scheinende Zeit des Verlusts geschildert. Lempi wird auf eine durch Liebe verklärende Weise schier engelsgleich nahegebracht. Dann erfolgt die Erzählung aus der Sicht von Elli, der Magd. Hier begegnet dem Leser mit schmerzender Gewalt die Kraft des Hasses, der Eifersucht, des Neids. Lempi erscheint uns in diesem Erzählstrang als untaugliche, unnütze, eitle und ihres Glücks nicht würdige Frau. Zuletzt kommt noch Sisko, die Schwester, zu Wort. Wir erfahren viel über das enge Verhältnis der Schwestern vor der Hochzeit Lempis, von ihren gemeinsamen Zukunftsträumen. Lempi wirkt hier in ihrem unabhängigen Denken, in ihren Gesten wie eine mutige Leitfigur, der es gilt nachzustreben.

  

 Das alles ist Lempi und vielleicht doch nichts wirklich von alldem. Sie selbst kommt nicht zu Wort. Selten wurde mir deutlicher vor Augen geführt, wie Meinungsbildung funktioniert und zu welchen Irrtümern oder eingeschränkten Sichtweisen subjektive Wahrnehmung führt.  Der eindrückliche Roman ist verpackt in schlichten Sätzen, und doch lyrisch-poetisch, schmerzend schön, hart und weich zugleich, mit emotionaler Wucht packend und lange nachwirkend. Absolut lesenswert!

 

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Jess Kidd

Heilige und andere Tote

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 382 Seiten

·         Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

·         ISBN-13: 978-3832198909

·         Originaltitel: The Hoarder

 

Überbordende Bilderwelt

  

 

Die Autorin war mir bislang unbekannt. Umso überraschter war ich bereits nach den ersten Seiten von der immensen Kraft ihres Schreibstils, ihrer Beschreibungen, von den eindringlichen Wortbildern, die sich im Kopf auftun wie eine Dia-Show: Klick, klick, klick – Bild für Bild entstand vor meinem inneren Auge. Immer mehr Bilder. Immer mehr. Und noch mehr. Nach einer Weile musste ich aufpassen, die Aufmerksamkeit nicht zu verlieren. Schnell-Lesen wäre eine Beleidigung für dieses Buch! 

 

Der Verlag beschreibt den Inhalt so perfekt, wie ich es gar nicht könnte: „Seit dem Tod seiner Frau und den ewigen Streitereien mit seinem Sohn vertreibt Cathal Flood jeden, der sich ihm nähern will. Einst Antiquitäten- und Kuriositätenhändler ist er längst zum Messie verkommen. Sein Sohn hofft, ihn auf Dauer in ein Altenheim verfrachten zu können. Die Neueste in der Riege erfolgloser und unterbezahlter Sozialbetreuer, die Cathal zur Räson bringen soll, ist Maud Drennan. Unter den wüsten Beschimpfungen des Alten zieht sie beherzt gegen Dreck und Müll zu Felde. Doch trotz aller Unerschrockenheit ist ihr Bridlemere unheimlich. Überall im Haus scheinen verschlüsselte Botschaften zu warten. Wie das Foto von zwei Kindern, auf dem das Gesicht des Mädchens ausgebrannt ist. Hat Flood eine Tochter? Wieso weiß niemand von ihr? Und warum hasst er seinen Sohn so sehr? Auch der Tod seiner Frau löst Fragen über Fragen aus. Maud würde am liebsten alle erdrückenden Hinweise ignorieren. Doch ihre leicht bizarre Vermieterin Renata, die für ihr Leben gern Detektiv spielt, und eine Horde marodierender Heiliger, die nur Maud sehen kann, wittern längst ein Verbrechen.“ 

 

In der schier grenzenlosen Fülle an Ideen und Bildern war mir die Sozialarbeiterin Maud Drennan in ihrer zupackenden Art eine gute Leitfigur. Immer wenn ich mich in den Skurrilitäten verlor, konnte ich mich neu an Maud orientieren, kehrte mit ihrer Hilfe zur Handlung zurück, bis ich mich wieder neu in den Rausch der Bilder verlor, verführt von einer grandiosen Autorin, die eine Horde seltsamer Heiliger in die Handlung einschleppt, die nur von Maud gesehen werden,  oftmals arg schlecht gelaunt sind, aber letztlich doch hilfreich wirken. Aber ganz ehrlich: Die Handlung war mir nicht wichtig. Ich habe mich durcheinander wirbeln lassen von der grenzenlosen Fantasie der Autorin, die vor nichts halt macht, die mit Grausigem genauso spielt wie mit Mystischem, mit Kuriosem ebenso wie mit poetischen Momenten, mit Metaphern und feinsinnigem Humor. Während ich das Buch las, fühlte ich mich wie unter Wasser, von Satz zu Satz mich treiben lassend, schwerelos… Anrührend, komisch, wunderschön!

 

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 Anthony Ryan

 Das Heer des weißen Drachen

 

 

          Gebundene Ausgabe: 699 Seiten

          Verlag: Klett-Cotta

          ISBN-13: 978-3608949759

      Originaltitel: The Legion of Flame

 

  

Für mich zu verwirrend

 

  

Zwar ist Fantasy nicht mein bevorzugtes Genre, aber weil mich die Leseprobe zu diesem Buch so fasziniert hatte, wollte ich es unbedingt lesen. Was ich nicht bedacht hatte: Es handelt sich um den zweiten Band zu Draconis Memoria. Band 1 kenne ich nicht. Und hierin mag der Grund für meine Schwierigkeiten mit diesem Buch liegen. Trotz der geschickten Einführung bzw. Rückblick auf den ersten Buchseiten hatte ich erhebliche Mühe, der Geschichte wirklich zu folgen. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass sich ständig neue Wissenslücken auftun und ich mich nicht auskenne. Weiter erschwerend kam für mich hinzu die Angewohnheit des Autors, die Kapitel unvollständig zu beenden und erst viele Seiten später fortzusetzen. Diese Cliffhanger und die fehlenden Vorkenntnisse haben mir das Lesen des Buches ziemlich verleidet.

  

Da ich nicht sicher bin, ob ich den Inhalt mit eigenen Worten richtig wiedergeben würde, nutze ich ausnahmsweise den Klappentext: Jahrhundertelang baute das gewaltige Eisenboot- Handelssyndikat auf Drachenblut – und die außergewöhnlichen Kräfte, die es verleiht. Als die Drachenblutlinien versiegen und Kundschafter ausgesandt werden, um neue Quellen zu entdecken, kommt ein verheerendes Szenario in Gang.
Claydon Torcreek ist einer der Überlebenden der gefahrvollen Reise durch das unerforschte Hinterland des Corvantinischen Reiches. Statt der neuen Blutquellen, die die Zukunft seines Volkes hätten sichern können, entdeckt er jedoch einen Albtraum. Der legendäre Weiße Drache ist aus seinem Jahrtausende währenden Schlaf erwacht und giert danach, die Welt der Menschen in Schutt und Asche zu legen. Und noch schlimmer: Er befehligt eine Armee aus Verderbten, die ihm hörig sind.“

 

Eigentlich eine tolle Story, die das Zeug dazu hätte, den Leser mitzureißen. Mich konnte sie leider nicht erreichen. Ich war zu oft verwirrt, wusste nicht, wo ich mich in der Geschichte befand, es fehlten mir Orientierungspunkte, auch emotionale Anknüpfungspunkte. Zu viele Handelnde, zwar immer wieder spannende Episoden, die mich aber nach einer Weile wieder im Unklaren entließen. Für Fantasy-Liebhaber, die es gewohnt sind, in erdachten Universen zu reisen, mag dies alles kein Problem sein. Für mich jedoch war dieses Buch letztendlich wieder eine Bestätigung, dass Fantasy nicht mein Genre ist. Was letztlich nicht der sicher vorhandenen Qualität des Buches angelastet werden darf.

 

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Eva Meijer

Das Vogelhaus

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442757947

·         Originaltitel: Het Vogelhuis

 

 

Ein behutsames Buch

 

 

„Das Vogelhaus“ hat es mir angetan. Es ist zwar ein Roman, aber doch kein richtiger. Es ist eine Biographie, aber auch keine richtige. Und es ist ein Vogelkundebuch, aber auch das kein richtiges. Und genau deshalb, weil das Buch vieles ist, sich nicht festlegen lässt, mag ich es sehr. Immer ist es kurzweilig, man liest und liest, man lässt sich von den Geschichten wegtragen, genießt die teilweise so poetisch schöne Sprache, die nicht viele Worte machen muss, um Kopfbilder zu erzeugen, und wenn man das Buch schließt, ist man völlig unbemerkt und ungewollt zum Vogelbeobachter geworden, mit größter Achtung vor der Natur.

 

Der Autorin ist es gelungen, uns das Leben und Forschen der vergessenen Vogelkundlerin Len Howard (1894-1973) auf eine ganz spezielle, wunderbar kurzweilige Weise näherzubringen. Von Kindesbeinen an hatte Len eine besondere Affinität zur Natur, insbesondere zu Vögeln, aber auch schon sehr früh in ihrem Leben zeigte sich, dass sie sich mehr zur Natur hingezogen fühlte als zu ihren Mitmenschen. Sie lebte als erfolgreiche Geigerin in London, ihre Freizeit jedoch gehörte ausschließlich der Beobachtung und Deutung von Verhalten und Gesang von Vögeln. Der Wunsch, sich ganz diesem Hobby zu widmen, führte schließlich dazu, dass sie sich in ein Cottage weitab von der lauten Großstadt zurückzog und die nächsten 40 Jahre sozusagen in Extremform in Wohngemeinschaft mit Vögeln verbrachte. Über ihre Beobachtungen und Erkenntnisse schrieb sie Bücher und Geschichten. Tragisch zu hören, dass ihr Vermächtnis, ihr Haus dem Sussex Naturalists‘ Trust als Auffangstation zu vermachen, ignoriert wurde, das Cottage teuer verkauft und die Bäume des Gartens abgeholzt wurden. 

 

Die Mischung zwischen fiktiven und überlieferten biographischen Szenen aus dem Leben der Vogelforscherin und eingestreuten Geschichten über Sternchen, einer ganz besonderen Kohlmeise, macht das Geheimnis des Buches aus. Auf ganz unspektakuläre Weise gewinnen wir einen Einblick in das Fühlen und Denken eines Menschen, der völlig aufging in seiner wahren Berufung. Die Autorin konnte auf großartige Weise die Faszination des genauen Hinschauens vermitteln einschließlich der Entbehrungen, die die Besessenheit für eine Sache mit sich bringt. Dass ein Mensch, der auf solch intensive Weise mit scheuen Wesen zusammenlebt, zum menschenfeindlichen Einsiedler wird, lässt Eva Meijer völlig wertfrei im Raum stehen. Den eigenen Weg zu gehen mit allen Konsequenzen als eine Möglichkeit, das Leben zu gestalten, das vermittelt Eva Meijer in wunderbarer Weise, so leise und behutsam, wie es die Annäherung an Vögel erfordert.

 

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Tatjana Kruse

Meerjungfrauen morden besser

 

 ·         Taschenbuch: 314 Seiten

 ·         Verlag: Insel Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3458363552

  

 

In Humortinte getauchte Ideenfeder

 

Wichtige Empfehlung vorab: Wenn Sie im Großraumabteil eines Zuges sitzen oder im Wartezimmer eines Arztes und Ihnen ist langweilig, nehmen Sie bitte keinesfalls das Buch „Meerjungfrauen morden besser“ zur Hand! Bitte nicht! Zwar beginnen Sie erst einmal mit gebührendem Ernst das Lesen, aber bereits nach Konsumieren der achten Zeile auf der ersten Seite fangen Sie zu prusten an. „Statt zu bluten, bröselte er (der Kopf).“  Und ich schwöre Ihnen, Sie hören nicht mehr auf zu giggeln, zu lachen, verstohlen oder herzhaft laut, zu grinsen, und das alles durcheinander. Die Mitreisenden oder Mitwartenden werden Sie ansehen, als hätten Sie eine besonders schlimme, sicher nicht heilbare Erkrankung, es treffen Sie Blicke zwischen Mitleid und Abscheu, sogar Kopfschütteln ist möglich. Also lesen Sie dieses Buch nur diskret in abgeschlossenen Räumen – zu Ihrer eigenen Sicherheit!

 

Die K&K-Schwestern Konny und Kriemhild durfte ich bereits in einem früheren Buch kennenlernen. Schon da hatte ich Lachmuskel-Muskelkater davongetragen. Bei den neuen Erlebnissen der beiden erging es mir ähnlich, vielleicht ein ganz klein bisschen weniger schlimm, schon wegen der Vertrautheit mit den Protagonisten, aber auch, weil die Geschehnisse in diesem Buch mitunter ein wenig über das Ziel hinausschießen. Die Pension der beiden Schwestern wird verwüstet und die drei Täter verlangen, dass ihnen die Millionen ausgehändigt werden, die der längst verstorbene Kommodore, der verblichene Gatte von Kriemhild und ehemaliger Kapitän, ihnen vermeintlich schuldet. Da die Pension nicht mehr zu bewohnen ist und die Wahrheit gesucht werden will, reisen Konny und Kriemhild samt dem Nacktkater Amenhotep nach Hamburg und lernen dort ungeahnte Seiten des Lebens kennen…

 

Doch lassen wir die Handlung außen vor. Lieber möchte ich die Autorin rühmen. Sie spielt in genialer Weise mit der Sprache, beobachtet dabei genau und entlarvend hinter all dem durchaus spannenden Unsinn, den sie uns da erzählt. Da „ganzkörperzitterte“ es oder es „scherbelte“, einfach nur wunderbar!  Und welche Frau kennt ihn nicht, den Unter-Busen-Schweiß? Dass der Sphinxkater Amenhotep mangels Fellbehaarung einen Babystrampler mit Harley-Davidson-Logo trägt, wundert den Leser da schon gar nicht mehr. Ich sehe stets die Autorin an ihrem Schreibtisch sitzen und mit unbandigem Spaß mit all ihren wunderbaren, abstrusen, schrägen und urkomischen Ideen spielen. Und nur sie konnte die Grabinschrift auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise in der ihr eigenen Weise wiedergeben: „Mir ist jetzt schon langweilig, und das soll bis zum Jüngsten Tag so weitergehen?“

 

Mit Tatjana Kruse im Gepäck wird es jedenfalls niemandem langweilig, schon gar nicht den Lachmuskeln…

 

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 Jessie Burton

 Das Geheimnis der Muse

 

 

 ·         Broschiert: 461 Seiten

 ·         Verlag: Insel Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3458363293

 ·         Originaltitel: The Muse

  

Ein Buch wie ein opulentes Gemälde

 

 

Zwei Handlungsstränge fangen den Leser sofort ein. In den sechziger Jahren kommt die junge farbige Odelle Bastien aus Trinidad nach London in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Während sie erst einmal trotz Hochschulstudium als Schuhverkäuferin ihre Tage fristet, träumt sie davon, Schriftstellerin zu werden. Als sie einen Job in der renommierten Kunstgalerie Skelton ergattert, fühlt sie sich aufgewertet, umso mehr, als Quick, eine leitende Mitarbeiterin, sie unter ihre Fittiche nimmt und ihr Schreibtalent fördert. Als ein seit dem Spanischen Bürgerkrieg verschollenes Gemälde auftaucht, wird Odelle’s Leben zunehmend auf den Kopf gestellt…

 

Im zweiten Handlungsstrang befinden wir uns 30 Jahre früher im heißen Andalusien, wohin sich die Familie Schloss vor den politischen Wirren in Wien geflüchtet hatte. Olive, die 19-jährige Tochter, ist eine überaus begabte junge Malerin, die sich jedoch von ihrem Talent nichts verspricht, denn „nur Männer können Kunst erschaffen“.  Ihr Vater, ein bekannter Wiener Galerist, weiß nichts von den künstlerischen Ambitionen seiner Tochter. Olive begegnet dem Revolutionär Isaac Robles. Auch er malt…

 

Odelle berichtet in Ich-Form aus ihrem Leben und kommt damit dem Leser schnell sehr nahe. Sie erlebt zwar Diskriminierung, arbeitet weit unter ihrem Niveau, aber sie klagt nicht, sondern gibt das Streben auf Verwirklichung ihres Lebenstraumes nicht auf. Mit wachem Herzen und offenen Augen, immer aber auch mit einer gewissen inneren Distanz, beobachtet Odelle ihre Umwelt, ihre Mitmenschen, sehr genau und wir, die Leser, mit ihr. Eine immanente Spannung baut sich auf, weil man sehr schnell versucht, eine erklärbare Brücke zwischen 1936 und 1967 zu spannen.

 

Die Sequenzen in Andalusien werden von einem neutralen Beobachter erzählt, dennoch rücken sie nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, dadurch in Distanz zum Leser. Im Gegenteil, für mich waren die Erzählstränge rund um Olive sehr intensiv in ihrer Wirkung, gerade durch das schwülheiße Klima, das mit schwülheißen Begierden korrespondiert und meisterhaft geschildert wird.

 

Durch die jeweils relativ langen Zeitsequenzen verlor ich mich beim Lesen völlig in die Schilderungen der Geschehnisse von jeweils 1967 und 1936 und musste, besonders wenn ich das Lesen vorher unterbrochen hatte, erst wieder den Anschluss finden, was mir aber dank des großartig-eindringlichen Schreibstils der Autorin zügig gelang.

 

Mich hat tief beeindruckt, wie Jessie Burton es versteht, mit Worten zu malen, wie sie den Aufruhr von Farben und Formen in Worte fassen kann. Allein schon ihre Bildbeschreibungen sind so intensiv und aussagekräftig, dass man meint, das Bild vor Augen zu haben. Das Buch selbst ist wie ein Gemälde, und die erzählten Szenen sind weitere Gemälde, teils leichte Skizzen, teils Farbexplosionen, teils aquarellfeine Momentaufnahmen. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, Raum um Raum einer Gemäldegalerie zu durchwandern und von Gefühlsfarben geradezu berauscht zu werden. Ich sah oftmals die Protagonisten wie im Bild festgehalten, als Stillstand im Durchleben von Gefühlsmomenten, Stimmungen und unausgesprochenen Gedanken. Zum Ende hin wird die Geschichte rund um Odile zur griechischen Tragödie, zum unausweichlichen Schicksal, und das Leben von Odelle verknüpft sich in dramatischer und atmosphärisch dichter Weise mit den früheren Ereignissen in Andalusien. Das Buch ist ein wunderbar opulentes Gemälde,  großartig in Wortmalerei gesetzt.

 

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René Freund

Ans Meer

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 144 Seiten

·         Verlag: Deuticke Verlag

·         ISBN-13: 978-3552063631

 

 

Ein feinsinnig-humoriger Roman, der zu Herzen geht

 

 

Anton ist Fahrer eines Linienbusses. Tagaus tagein steigen Dorfbewohner und Schulkinder ein und aus. Anton legt Wert auf anständiges Grüßen seiner Fahrgäste, denn seiner Meinung nach ist sogar an der Himmelspforte ein höfliches Grüß Gott angebracht. Essen ist sein größtes Hobby. Ohne Butterbrezen wäre das Leben in seiner Routine nicht erträglich, umso mehr, wenn man eine Mutter hat, die Mechthild heißt und sich auch so benimmt. Seit einiger Zeit jedoch ist Anton verliebt, und zwar in Doris, eine Nachbarin, obwohl gestern Nacht auf deren Balkon ein fremder Mann hustete. Und dann bereitet der Chef auch noch Antons baldige Entlassung vor. Am Tag darauf steigt die krebskranke Carla in den Bus und fordert vehement, dass sie ein letztes Mal das Meer sehen möchte, jetzt und gleich.  Anton steht vor der Herausforderung seines Lebens: Soll er einmal im Leben abweichen vom Kurs, einmal die Monotonie des Alltags durchbrechen und Mut beweisen?

 

Eine bunte Mischung von Fahrgästen befindet sich im Bus. Neben der krebskranken Carla und ihrer kleinen Tochter, die ganz selbstverständlich mit der Krankheit und den Einschränkungen der Mutter umgeht, sitzt unfreiwillig die demente Frau Prenosil im Bus, die von Eva, der man ihre soziale Ader gar nicht zugetraut hätte, geschickt durch alle Tücken des Tages geführt wird. Aber auch Totti, das Kaninchen, und die Geschwister Helene und Ferdinand werden ungewollt Teil einer Reisegruppe, die um Anton geschart etwas erlebt, was mit Mut zu tun hat, mit dem Wagnis, ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen, und mit dem Lernen, Verständnis füreinander in all unserer Unterschiedlichkeit aufzubringen.

 

René Freund hat uns mit einem überaus liebenswerten Kurzroman beglückt, der einem Märchen gleich alles mit sich bringt, was uns zum Nachdenken über das Leben, über das was wichtig ist im Leben, herausfordert. Der Autor versteht es, eine perfekte Mischung aus Märchen, Roadmovie, Unterhaltungsroman und Humoreske zu mixen und dies alles mit einem verhaltenen Schuss Tiefgang zu würzen. Dazu in einer so feinsinnigen Sprache, die in schlichten Sätzen scheinbar harmlos vor sich hin plaudert und durch das Prisma unterschiedlichsten Humors von gemein bis schlitzohrig, von entlarvend bis emotional, immer aber treffsicher, oft eine tiefe Traurigkeit verdeckend, mitten hinein in unser Herz zielt. „Manchmal muss man vielleicht ein bisschen von der Linie abweichen, um das Glück zu finden.“ Wie wahr!

 

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Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: Ullstein Hardcover

·         ISBN-13: 978-3550050664

 

 

 

Weiterhin bleibe ich ohne Verständnis für ostdeutsches Befinden

 

Dass der Autor erst 23 Jahre alt ist, hat mich überaus erstaunt. Zum einen wegen des Schreibstils, der eine eindringliche Wirkung hat, teilweise geradezu poetisch zu nennen ist. Aber auch wegen einer über allem liegenden Hoffnungslosigkeit im Buch, die man von einem jungen Menschen wie dem Autor nicht erwarten würde. 

 

Wir befinden uns in Sachsen wenige Jahre nach der Wende. Tobias und Philipp sind Brüder, ihre Eltern starten mit einem Hausbau in ein neues Leben. Doch die DDR-Vergangenheit lässt sich nicht leugnen. Sie scheint über das Land einen permanenten Schatten der Perspektivlosigkeit geworfen zu haben, der die Menschen in eine uneingestandene Angst treibt, was nicht zuletzt am Thema Flüchtlinge in Wut umschlägt.

 

Ich konnte mit dem Buch wenig anfangen, auch wenn es gut zu lesen war. In seiner Tristesse war es mir als immer schon im Westen lebend keine Hilfe, auch nur einen Funken Verständnis zu entwickeln für die geschilderten Probleme der Menschen im Osten. Im Gegenteil. Das Buch machte mich zornig. Diese immanent passive Erwartungshaltung, „es“ möge besser werden, irgendwie, irgendwann, irgendwer soll es richten, das bessere Leben, das macht mich zornig. Das Leben selbst in die Hand zu nehmen statt nur Bier zu trinken und herumzuhängen, scheint wohl keine Option zu sein. Und die Schuld sucht man bei anderen, natürlich. Auch das macht mich zornig. Der Autor schildert eine Welt, die lethargisch und stoisch auf dem Elend des Alltags beharrt. Die chronische Grausicht, dieser nicht wegwischbare Grauschleier, der über allem liegt, und diese so unreif wirkende Schuldsuche bei anderen, zum Beispiel beim Thema Flüchtlinge, wurde mir vom Autor nicht wirklich nachvollziehbar erklärt. Ich weiß nicht, wofür dieses Buch gut sein soll. Höchstens vielleicht als Chronik des Scheiterns, wenn Menschen nicht gelernt haben, selbstverantwortlich zu handeln, sich Ziele zu setzen, Idealen nachzustreben. Verständnis für ostdeutsches Befinden hat mir das Buch jedenfalls nicht gebracht, eher noch mehr Kopfschütteln…

 

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Deb Spera

Alligatoren

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         Sprache: Deutsch

·         Originaltitel: Alligator

 

 

Starkes, großartig erzähltes Südstaaten-Epos

  

Der überaus starke Buchbeginn nimmt sofort gefangen, und dieser Einstieg in seiner Intensität, auch in seiner Grausamkeit und Unabdingbarkeit zeigt, wohin die Geschichte zielt: auf die enorme Stärke von Frauen, wenn sie sich verbünden, egal woher sie kommen, egal welche Vorgeschichte sie mit sich herumschleppen, egal welche Sehnsüchte sie antreibt. Freiheit und Selbstbestimmung als Selbstverständlichkeit des Lebens sind die nicht ausgesprochenen Ziele.

  

Wir befinden uns in den Südstaaten in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und tauchen ein in das Leben von drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Gertrude hat einen brutalen, gewalttätigen Ehemann und vier Töchter, die sie nicht ernähren kann. Oretta ist die schwarze Haushälterin von Annie Coles, hat eine scharfe Beobachtungsgabe und willigt ein, eines der kranken Mädchen von Gertrude zu pflegen. Als dritte Frau lernen wir Annie Coles kennen, Ehefrau des Tabakplantage-Besitzers. Sie führt eine Näherei für Getreidesäcke und will ihr Geschäft mit der Anfertigung von Herrenhemden und Damenbekleidung ausweiten, jedenfalls solange ihr Ehemann ihr dies erlaubt.

  

In wechselnden Kapiteln berichten diese drei Frauen jeweils als Ich-Erzählerin ihre Geschichte, was von der Autorin gekonnt durch unterschiedliche Schreibstile, passend zum Bildungsgrad, ausgedrückt wird. In ruhiger, unaufgeregter Erzählweise wird uns jede der drei Frauen nahe gebracht, und zwar auf eine subtil so eindringliche Weise, dass man als Leser Seite um Seite liest, von einer merkwürdigen, nicht erklärbaren Spannung getragen. Die Schwüle des Klimas in Sumpfnähe, die Beklemmung der Lebensumstände, Rassismus, häusliche Gewalt – viele große Lebens- und gesellschaftskritische Themen werden wohltuend zurückhaltend in die Geschichte eingewoben. Ein detailreich und lebendig ausgearbeitetes Südstaaten-Epos in drei „Variationen“, in drei Perspektiven, großartig erzählt, lange nachwirkend. 

 

 

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Melanie Levensohn

Zwischen uns ein ganzes Leben

 

 

·         Broschiert: 416 Seiten

·         Verlag: FISCHER Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3596702718

 

 

 

Zu leichtfertig und zu konstruiert

 

Was ist dieses Buch? Ein Stück erzählte Zeitgeschichte? Ein Liebesroman? Beides? Oder nichts davon? Ich bin mir sehr unsicher…

  

Die Autorin wurde nach ihren eigenen Angaben angeregt durch die Lebensgeschichte einer entfernten Verwandten, die in Auschwitz ermordet wurde. So erzählt die jüdische Studentin Judith in der Ich-Form ihre Geschichte in Paris von 1940 bis 1943, als sie, in großer Liebe mit Christian verbunden, von ihm vor den Judenverfolgern versteckt wird. In einem zweiten Handlungsstrang lernen wir Béatrice kennen, im Jahr 2006 in Washington lebend, Karrierefrau, teure Designer-Kleidung, in einer unbefriedigenden Beziehung lebend. Sie bekommt Kontakt zu Jacobina, die ihr Leben lang versäumt hat, ein einstens ihrem Vater gegebenes Versprechen einzulösen, nämlich ihre unbekannte Halbschwester zu finden. Béatrice will ihr bei der Suche helfen. So weit so gut.

  

Der Schreibstil des Buches ist sehr ansprechend, leicht lesbar und enthält zahlreiche sehr intensiv nachwirkende Szenen. Die Protagonistin Judith rückt dem Leser nahe, eben aufgrund der in Ich-Form geschilderten Erzählweise. Und natürlich ist das Schicksal einer jungen jüdischen Studentin zur Zeit der Judenverfolgung bewegend. Dennoch gäbe es hier bereits den einen oder anderen Kritikpunkt anzubringen, doch dazu später mehr.

 

Die anderen Akteure des Buches werden aus der Über-Sicht der Autorin geschildert und rücken damit automatisch im Vergleich zu Judith in eine gewisse Distanz zum Leser. Ich halte dieses gewählte Stilmittel zweier unterschiedlicher Erzählperspektiven nicht für sehr glücklich bzw. mir erschließt sich nicht deren Sinn. Von der angelegten Handlung her wären alle Personen in gleicher Weise in den Focus zu rücken gewesen, nicht die eine näher, die anderen ferner.

 

Meine eigentliche und für mich wesentlichste Kritik ist jedoch, dass keine der Personen wirklich psychologisch fundiert dargestellt wird. Judith ist eine Studentin, es ist also von einer intelligenten, interessierten Person auszugehen. Im Buch jedoch wirkt sie naiv, politisch desinteressiert, oberflächlich und – ach – von den Ereignissen der Zeit völlig überrascht.  Sie raucht ohne irgendeine Hemmung in ihrem Versteck, ohne darüber nachzudenken, dass sie damit nicht nur sich, sondern auch ihre Helfer in Gefahr bringt. Sie quält Christian kindlich-unreif und undankbar mit eifersüchtigen Gedanken. Mir fehlt die Ernsthaftigkeit, die immanente Angst jüdischen Lebens und das politische Bewusstsein intelligenter Menschen zu dieser Zeit. Und warum wundert es mich jetzt nicht, dass die Geschichte Judiths weitergeht, wie man es aus den Tagebüchern der Anne Frank kennt? Hätte der Autorin nicht etwas mehr einfallen können als dieser Anne-Frank-Abklatsch?

 

Béatrice ist ein oberflächliches ich-bezogenes Luxusweibchen, hat einen verantwortungsvollen Job, der eigentlich auch Intelligenz voraussetzen würde, erhält bestes Gehalt, lässt sich dennoch quälen sowohl von ihrem Chef und ihrem Freund, benimmt sich wie ein willenloses Opfer und lässt sich mal eben „im Vorübergehen“ auf der Straße durch einen hingeworfenen Satz dazu bringen, am nächsten Tag bereits ehrenamtlich bei einer alten schmuddeligen  Frau in einer schmuddeligen Wohnung ekligen Abwasch zu übernehmen? Und natürlich folgt dann zur Krönung eine Liebesgeschichte, die ebenso unrealistisch erdacht ist wie alles vorherig Erzählte.

  

Ich finde es extrem schade, dass eine eigentlich interessante Geschichte, geschrieben von einer Autorin, die, wie man an einzelnen Szenen erlebt, durchaus lebendig-eindringlich erzählen kann, an allzu viel Konstruiertem und Künstlich-Klischeehaftem kaputt geht und wie die Entsetzlichkeit eines finsteren Kapitels der Zeitgeschichte auf billige Weise für einen Roman benutzt wird, dem es leider, leider an der angemessenen Tiefe fehlt.

 

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Guido Maria Kretschmer

Das rote Kleid

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 256 Seiten

·         Verlag: Goldmann Verlag

·         ISBN-13: 978-3442314898

Hörbuch

gelesen von Guido Maria Kretschmer, Katharina, Anna und Nellie Thalbach

 

 

Bin ruck-zuck zum Stoffling geworden

 

Alle lieben Guido Maria Kretschmer. Wo immer er auftaucht, fliegen ihm die Herzen zu aufgrund seiner sympathischen und respektvollen Art. Und genauso ergeht es auch dem Leser dieses Buches, denn es ist ebenso sympathisch, rundum liebenswert, eben ganz und gar eine Kreation von Guido Maria Kretschmer.

  

Ausnahmsweise bemühe ich den Klappentext zur Inhaltsangabe: Anascha ist ein wunderschönes rotes Kleid aus Seide. Sie hängt an einem Filmset in der Garderobe und wartet gespannt auf ihren Auftritt. Aber Anascha ist noch ein junges Textil, und so ist sie froh, dass sie in guter Gesellschaft ist: Da gibt es Eric, den alten Mantel, der bald ihr engster Vertrauter wird, ein liebenswertes Nachthemdchen, das immer vom Bügel stürzt, oder Lulu, das charmante Revuekleid aus Las Vegas. Nur gut, dass sie alle zusammenhalten wie aus einem Garn genäht, denn bald müssen sie so manche Herausforderung meistern. Und vielleicht gelingt es Anascha am Ende sogar, ihren großen Traum zu erfüllen – ein richtiges Zuhause zu haben und einen Menschen, der sie wirklich liebt, für immer …

 

Mich hat in allererster Linie fasziniert, mit welch ideenreichen Wort- bzw. Satz-Schöpfungen der Autor die Welt „des Textils“ zu schildern versteht. Da schließen sich die müden Knopflöchlein, da muss man dem eingebildeten Dior-Kleid den kalten Saum zeigen und dass Kleider ein Herz aus Fäden haben, versteht sich von selbst. Je länger man mit Anascha, dem roten Kleid, die Zeit verbringt, desto mehr entsteht tatsächlich so etwas wie eine neue Achtung vor Kleidung, man wandelt sich zunehmend zum „Stoffling“.  Wir verstehen plötzlich, dass Kleider geliebt werden möchten, dass sie sich sehnen nach Wärme, nach Bügelwärme, und dass sie ihre Energie ziehen aus unserer Aufmerksamkeit und Pflege.

 

Die Hörbuch-Version ist ein Highlight! Dass Guido Maria Kretschmer so feinfühlig lesen kann, hätte ich nicht erwartet. In der Kombination mit den drei Generationen Thalbach, die gewohnt großartig und sehr differenziert gestalten, gewinnt das Buch noch mehr an eindringlicher Lebendigkeit. Ein ideenreicher, feiner Spaß!

 

Einziger Minuspunkt: Dass die weiße Bluse aus Wuppertal spricht, als sei sie aus Köln, ist leider ein grober Fehlgriff. Wer immer dies zu verantworten hat, sollte zu einem Sprachkurs in Wuppertal verdonnert werden!

 

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Debbie Macomber

Eine Schachtel voller Glück

 

 

·         Taschenbuch: 416 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498060

·         Originaltitel: Twenty Wishes

 

 

Gefühlvolles Lesefutter

 

  

Da bin ich also wieder in der Blossom Street gelandet, zum zweiten Mal schon, mit fast heimatlichen Gefühlen. Wobei mir, dies gleich vorweg angemerkt, dieser Band erheblich besser gefiel als „Der Sommer der Wünsche“. Beim letzten Buch hatte mich meine Leidenschaft für das Stricken in Lydias Wollladen „A Good Yarn“ geführt, dieses Mal führt mich meine Liebe zu Büchern direkt in den Buchladen von Anne Marie Roche.

 

Anne Marie ist, wie mehrere Teilnehmerinnen ihres Lesekreises, Witwe. Zwar hat sie keine finanziellen Sorgen, ihre Buchhandlung läuft gut, aber es fehlt doch etwas Wesentliches in ihrem Leben. Zusammen mit ihren Freundinnen hat Anne Marie die Idee, dass jede von ihnen eine Wunschliste anlegt: zwanzig Dinge, die sie schon längst einmal hätten tun wollen. Und in der Tat – das Nachdenken über die eigenen Wünsche, über Mögliches und Versäumtes, bewirkt bei jeder der Witwen eine Veränderung. Weg vom Selbstmitleid, hin zu neuen Gedanken und Projekten.

  

Debbie Macomber gelingt es auf sehr einfühlsame Art und Weise, eine wichtige Botschaft zu vermitteln. Um einen Weg aus Trauer und Einsamkeit heraus zu finden, muss man Neues wagen, muss man von sich selbst weg auf andere Menschen achten, auf andere Menschen zugehen, etwas für andere tun. Jede der Freundinnen findet im Laufe des Buches einen für sich stimmigen Weg, sie lernen voneinander, und insbesondere Anne Marie erlebt auf ganz besondere Weise, wie das Leben ungeahnte Dinge für sie bereit hält, wenn man sich öffnet – öffnet für Menschen, öffnet für das Leben.

 

Ein gefühlvoller, romantischer Roman, sicher stellenweise ein wenig kitschig, mit Klischees versehen, sehr amerikanisch, aber durchaus mit einer ernst zu nehmenden Botschaft. Das ideale Buch, wenn man Lust auf gefühlvolle, entspannte Lektüre hat.

 

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Didi Drobna

Als die Kirche den Fluss überquerte

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492059206

 

 

 

Ein tief bewegendes Buch

  

Lt. Klappentext ist das vorliegende Buch ein Entwicklungsroman. Überrascht hat mich der Begriff, vom Verlag gewählt, denn in der Gegenwartsliteratur ist die Bezeichnung selten geworden. „Der Ausdruck Entwicklungsroman bezeichnet einen Romantypus, in dem die geistig-seelische Entwicklung einer Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt dargestellt wird“ sagt Wikipedia. Ja, es stimmt, dieser Roman ist in der Tat ein Entwicklungsroman. Daniel ist die Hauptfigur, und wir verfolgen sein inneres Reifen in quälend langsamen Einzelschritten. Als sein Vater, für Daniel und seine Schwester völlig überraschend, auszieht und sie mit der etwas unberechenbaren Mutter allein lässt, gerät Daniel in ein Gefühlschaos, das über Jahre anhält. Daniel erlebt eine gewaltige Sturm- und Drang-Zeit, er mäandert zwischen Größenfantasien, depressiver Lethargie und unkontrollierter Wut. Er versteigt sich obsessiv in eine kompensatorisch übersteigerte Zuneigung zu seiner Schwester. Er erstickt geradezu im permanenten Zwiespalt zwischen Anerzogenem und zaghaft auftauchendem eigenen Willen. Wir erleben mit Daniel und seiner Schwester zwei tief beschädigte Kinderseelen, Kinder, die sich schuldig fühlen für die Flucht des Vaters, für das Vergebliche im Leben der Mutter und die sich ein Leben lang nicht wirklich daraus befreien können. Erst als die Parkinson-Demenz der Mutter nicht mehr zu leugnen ist und die Familie auf ganz neue Weise gefordert wird, gewinnt auch Daniel endlich Konturen…

  

Didi Drobna lässt uns tief Einblick nehmen in ein Familiengefüge, das auseinanderbricht und sich wieder in neuer Weise zusammenfügt. Ihre pointierte Erzählweise von vermeintlich komischen Familienszenen könnte allerdings zu Missverständnissen führen. Nein, es ist kein komisches Buch, es erzählt nicht einfach schräge Erlebnisse von schrägen Menschen. Es ist ein tragisches, tief trauriges Buch voll von Angst, Versagen, fehlgeleiteter Suche nach Verlorenem, wenngleich auch zugegebenermaßen gekonnt verpackt in pseudo-fröhlichem Geschenkpapier.

 

Die Autorin verfügt über eine gewaltige und gleichermaßen poetische Sprachkraft. Ihre Wortbilder kommen ganz einfach daher, ganz unspektakulär, geradezu minimalistisch, und zielen doch mit einer unglaublichen Präzision auf das Wesentliche. Umfassender und tiefergehend kann man zum Beispiel Demenz nicht schildern: „… wie sie in ihrem Kopf herumirrte…“

 

Ein großartiger Roman, in poetischer Sprache Tiefen des Mensch-Seins auslotend, bewegend, zum Wieder- und Wiederlesen.

 

 

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Steve Alten

MEG

 

 

·         Taschenbuch: 400 Seiten

·         Verlag: Heyne Verlag

·         ISBN-13: 978-3453439016

·         Originaltitel: Meg

 

 

Nervenkitzel und Wissenswertes

 

Pünktlich vor Kino-Start erscheint eine komplett überarbeitete Neuauflage des Buches MEG von Steve Alten. Action-Star Jason Statham nimmt den Kampf auf gegen den 20 m langen Killerhai in der tiefsten Tiefe des Ozeans zur Rettung einer Crew in einem Tiefsee-U-Boot. Eine Geschichte, wie man sie sich gar nicht besser vorstellen könnte für Spannungs-Kino.

 

Das Buch zeigte sich mir zu Beginn etwas spröde. Ich musste mich erst einmal einigermaßen geduldig durch recht viel technisches Beiwerk arbeiten, durch Hick-Hack der Zuständigkeiten, durch Unpässlichkeiten des Tiefseeforschers Jonas Taylor und reichlich Gedankenwust. Aber dann nimmt die Geschichte immer mehr Fahrt auf, umklammert uns geradezu und spielt gekonnt mit unseren tiefsten Ängsten. Aber auch der geschickte Perspektivenwechsel, den der Autor hinlegt, indem er uns Einblicke gibt in die Welt des Megadolon und damit in die Welt der Haie, ist absolut faszinierend. Ich bin gespannt, ob und wie der Film diese informative Seite des Buches umsetzt.

 

Das Buch hat mich rundum gepackt, denn es erzeugt enorm starke innere Bilder und lässt einen nicht mehr los. Deshalb unbedingte Leseempfehlung für dieses spannende und gleichzeitig faszinierende Buch

 

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Jessica Fellowes

Die Schwestern von Mitford Manor

 

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Pendo

·         ISBN-13: 978-3866124523

·         Originaltitel: The Mitford Murders

 

Genussvolles Lesefutter

 

Manchmal gibt es sie noch, diese dicken Bücher, die man liebevoll Schmöker nennt und damit Bücher meint, denen Tiefgang fehlt und die uns doch gnadenlos gefangen nehmen, kaum dass die ersten Seiten gelesen sind, in die man geradezu hineinfällt und von denen man sich nach der letzten Seite schmerzlich trennen muss, von den liebgewonnenen Menschen, die man lesend eine Weile begleitet hat und vom Inhalt, der aufs Feinste unterhalten hat. Ich habe dieses schön im Art Déco Stil gestaltete Buch in genau dieser Weise gelesen: als leichte, aber gekonnt geschriebene und gut unterhaltende Lesekost. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

 

Wir befinden uns in London im Jahr 1920. Durch glückliche Umstände erhält die 19-jährige Louisa, die in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen war, eine Anstellung als Kindermädchen bei den Mitfords, einer herrschaftlichen und glamourösen Familie. Sie erringt sich aufgrund ihrer klugen und freundlichen Art schnell die Freundschaft von Nancy, der 19-jährigen ältesten Tochter des Hauses. Zeitgleich wird Florence Nightingale Shore, eine Freundin der Familie und zu Kriegszeiten sich selbstlos aufopfernde Krankenschwester während einer Bahnfahrt grausam ermordet. Nancy und Louisa beginnen aufgrund von  merkwürdigen Beobachtungen eigene Nachforschungen anzustellen. Doch nichts ist so wie es scheint…

  

Die Autorin hat den real geschehenen, bis heute unaufgeklärten Mord an der Krankenschwester Florence Nightingale Shore in ihrem Buch fantasievoll zur Aufklärung gebracht und damit über fast 500 Seiten hinweg einen großen Spannungsbogen gesetzt. Die bei uns relativ unbekannten Mitford Schwestern bzw. deren Leben und Umfeld unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg wurden von der Autorin sorgfältig recherchiert und lebendig-sympathisch dargestellt. Die seelischen Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, aber auch gesellschaftliche Zwänge, die zu dieser Zeit noch herrschten, lassen das Buch zwar zu einer leichten, aber keineswegs zu einer seichten Lektüre werden.

 

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Anna Mitgutsch

Die Annäherung

 

 ·         Taschenbuch: 448 Seiten

 ·         Verlag: btb Verlag

 ·         ISBN-13: 978-3442715916

 

 

 

Ein tiefes, ein intensives Buch

 

 

Hier schreibt eine der ganz großen Gegenwarts-Autorinnen, die mich im Jahr 1987 mit dem auf mich erschreckend intensiv wirkenden Buch „Die Züchtigung“ fesselte und seither nicht mehr losgelassen hat.

 

Theo ist 96. Er erleidet einen Schlaganfall, kann sich nur noch mit Mühe mitteilen. Zu Frieda, seiner Tochter, besteht seit vielen Jahren kaum mehr Kontakt, woran Berta, Theos zweite Frau, einen wesentlichen Anteil hatte. Als Frieda einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält, entwickelt sich in der Folgezeit ganz langsam eine neue Chance der Annäherung. Der pflegebedürftige Theo verliert die Gegenwart völlig aus dem Blick, erst der ukrainischen Pflegerin Ludmilla gelingt es, zu Theo vorzudringen.

  

Es wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Theo erlebt seine letzte Lebenszeit, schildert sehr bewegend seine Gedanken zu dem, was bald kommen wird. Und er lebt in Erinnerungen, in den guten und weniger guten. Frieda hingegen berichtet in der ihr eigenen spröden Art von ihrer Sicht auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihre gescheiterte Ehe, auf alles, was sie lebenslang vermisst hat. Weder Theo noch Frieda ist es je gelungen, offen miteinander zu sprechen. So viele offene Fragen, so viele Unsicherheiten auf beiden Seiten. Dieses entsetzliche Schweigen zwischen den Menschen, aus dem heraus so viel Verletzendes entsteht – dieses große, große Schweigen macht dem Leser das Herz schwer.

 

Anna Mitgutsch erzählt das Große und das Kleine im Leben, Krieg und Schuld, aber auch die Wirkung eines überraschenden Händedrucks. Sie beschreibt Menschen mit einer weisen, beobachtenden Toleranz, ohne Wertung, ohne Stellungnahme, in deren feinsten Regungen wahrnehmend, immer aber so lebensnah, dass man Frieda und Theo und Berta und all die anderen genau vor sich sieht und mit ihnen durch den Park spazieren möchte oder einfach nur am Bett sitzend mit kleinen Gesten wie dem Falten-Wegstreichen auf der Bettdecke Nähe zeigen möchte. In ihrer wunderbar langsamen, elegisch schönen Sprache zieht die Autorin den Leser hypnotisch in ihren Bann, und man landet, ob man will oder nicht, in diesem Buch in einer Welt des Passiven, des scheinbar Unausweichlichen, des Ausgeliefert-Seins und des lebenslang Versäumten. Aushalten muss man die Intensität und Tiefe dieses Buches, aushalten und bestenfalls eigene Bilanz ziehen.

 

 

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Hiltrud Baier

Helle Tage helle Nächte

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: FISCHER Krüger

·         ISBN-13: 978-3810530387

 

 

 

Wenn die Stille Lapplands die Seele heilt

 

Ein Buch, in dem nicht viel geschieht, und doch so viel Entscheidendes. Gemächlich erzählt, der Landschaft Lapplands angepasst in seiner Weite und Einsamkeit und Stille.

 

Eine Kleinstadt, am Fuß der Schwäbischen Alb. Hier lebt Anna Albinger, knapp über 70, an Lungenkrebs erkrankt, einsam, durch eine jahrzehntelange Lüge niedergedrückt. Und Frederike, Nichte von Anna, von ihr als Kind liebevoll aufgezogen, knapp über 50, frisch geschieden, orientierungslos, was ihr zukünftiges Leben betrifft. Als Anna sie bittet, einen Brief persönlich zu überbringen, und zwar an Peter Svakko, 3.000 km entfernt im schwedischen Lappland lebend, lässt sich Frederike nur sehr widerwillig darauf ein, diese eindringliche Bitte ihrer Tante zu erfüllen.  Doch schließlich macht sie sich mit ihrem Campingbus auf eine lange, lange Reise…

  

Der Roman wird wechselnd aus zwei Perspektiven erzählt. Anna berichtet über ihr stilles Leben, in der die Krankheit eine große Bandbreite an Gefühlen auslöst, Selbstmitleid und Kampfgeist, Depression und trotzigen Überlebenswillen, Verunsicherung und Angst. Über allem jedoch stehen Erinnerungen, intensive Erinnerungen an ihre eigene Kindheit.

 

Dramaturgisch von der Autorin geschickt eingestreut, werden in jedem Anna-Kapitel mehr und mehr Erinnerungen lebendig, und einem Puzzle gleich entwickelt sich ein Bild, das das alles überschattende Schuldgefühl Annas‘ erklärt. In den Frederike-Kapiteln machen wir uns mit ihr auf eine lange Reise, äußerlich und innerlich. Auch Frederike hat aufgrund ihrer Lebenserfahrungen eine eher negative Sicht auf die Dinge, lässt sich aber doch ein auf das, was ihr auf dieser Reise begegnet und erfährt eine ungeahnte Wandlung.

  

Die Autorin erzählt so hautnah, dass ich Annas‘ Schmerzen fast körperlich spüre, mit Herzklopfen zum ersten Mal in einem Helikopter sitze oder die Juni-Morgenkälte Lapplands in meine Knochen kriecht. Und ich erlebe mit den Augen der Autorin eine überwältigend schöne Landschaft, die den Menschen zurückführt auf das, was wesentlich ist. Die Liebe der Autorin zu Lappland teilt sich unmittelbar mit und hallt noch lange nach Beendigung des Buches nach. Es ist nicht wichtig, dass die Geschichte vorhersehbar endet. Wichtig ist, wie gekonnt Hiltrud Baier die großen Lebensthemen mit leichter Hand skizziert und gerade durch die Leichtigkeit und Ruhe eine Intensität erreicht, die mich im Innersten bewegt und nicht mehr loslässt.

 

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 Richard Dübell

 Das Jahrhundertversprechen

 

 

 ·         Broschiert: 656 Seiten

 ·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

 ·         ISBN-13: 978-3548289663

  

  

 

 

Zeitgeschichte unterhaltsam verpackt

 

 

 Leider kannte ich die beiden Vorgängerbände dieser Trilogie bislang nicht, was ich im Nachhinein sehr bedauere. Dennoch konnte ich mich sofort gut in diesem dritten Band mit seinen Personen zurechtfinden. Dem Autor ist es gut gelungen, auch „Neulesern“ den Einstieg problemlos zu ermöglichen.

  

Es geht um die Familie Briest in der Zeit der Weimarer Republik 1921. Obwohl der erste Weltkrieg bereits seit 3 Jahren zu Ende ist, herrschen Not und Elend. Hohe Reparationszahlungen zwingen das Land in die Knie. Hunger ist Alltag. Wirre politische Strömungen schaffen Angst und Unsicherheit. Otto und Hermine Briest stehen kurz vor dem Bankrott, die Tochter Luise hofft auf eine Filmkarriere. Die Menschen suchen Ablenkung von ihrer Not, und so boomt alles, was kurzzeitig Vergnügen bereitet, Filmtheater, Varietés und Autorennen. Max, der Ziehsohn der Familie Briest, der einst Luisa das Leben gerettet hatte, versucht sich als Rennfahrer zu beweisen, doch ein Erzfeind der Familie von Briest nutzt die Politik der Zeit, um den Untergang der Familie von Briest voranzutreiben.

 

Vom Buchumfang von mehr als 650 Seiten zu Anfang etwas verschreckt, nahm mich die Geschichte jedoch nach kurzem Einlesen restlos gefangen, und ich las mich mit großer Freude und kurzweilig unterhalten durch die Zeit von 1921 bis 1928. Richard Dübell versteht es meisterhaft, eine Zeitspanne lebendig werden zu lassen, deren Schattenseiten mir bislang in dieser geschilderten Eindrücklichkeit nicht bewusst waren. Die Zwanziger Jahre waren mir als Zeit der überschäumenden Lust an Ablenkung, an Unterhaltung, an Tanz und Champagner im Gedächtnis. Die unendliche Not, der zu entfliehen die Menschen versuchten, wurde mir erst durch dieses Buch augenfällig, nachspürbar, erschreckend nah. Dem Autor gelingt es auf großartige Weise, politisches, gut recherchiertes Hintergrundwissen so mit der erzählten Handlung  zu verweben, dass man keinen Moment der Langeweile erlebt, aber dennoch diese gespenstisch anmutende Zeit der Tristesse, der Orientierungslosigkeit, des aufkommenden Nationalsozialismus und all der damit verbundenen Ängste stets als leise Drohung im Hintergrund grollen hört. Bedeutende Namen lernen wir kennen wie Fritz Lang, den Stummfilm-Regisseur, oder den Politiker Walter Rathenau, der als Reichsaußenminister einem Attentat zum Opfer fiel. Die anständige Familie von Briest und Max mit seiner liebenswerten Berliner Schnauze sind mir im Buch ans Herz gewachsen, und so beende ich diesen dritten Band der Trilogie etwas traurig, insgesamt jedoch bereichert und mit einer unbedingten Leseempfehlung.

 

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Clara Maria Bagus

Der Duft des Lebens

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: Ullstein Leben

·         ISBN-13: 978-3963660016

 

 Besonders empfehlenswert

 

 

 

Poesie der Weisheit

 

 

Es gibt Bücher zur Unterhaltung, zum Ängstigen, zur Wissensvermittlung, zum Ärgern – und es gibt ganz, ganz selten ein Buch wie dieses hier: Märchen, Weisheit, Poesie, Literatur, unausschöpflich, zum immer wieder Lesen, zum Schwelgen in schönen Worten, in tiefen Sätzen, in poetisch formulierten Feinheiten. „Der Duft des Lebens“ ist ein Buch, so unglaublich schön, so unglaublich tief, dass ich es nicht einfach nur lesen konnte im Sinne von Konsumieren. Ich gönnte mir dieses Buch in ganz kleinen Teilen, wie wenn man etwas besonders Gutes zu essen auf dem Teller hat und es ganz klein schneidet, damit man es länger genießen kann.

  

Die Geschichte spielt in irgendeiner Vergangenheit, vielleicht auch in einer nahen Gegenwart oder in einer zeitlosen Zeit, wer weiß das schon bei Märchen. Sie geschehen einfach immer wieder und wieder, in der Hoffnung, dass sie verstanden werden.

 

Aviv, dessen Mutter Helene bei seiner Geburt gestorben war, wurde von der Hebamme Selma liebevoll aufgezogen. Aviv wird Glasbläser und erhält von Kaminski, einem Arzt mit schwarzer Seele, den Auftrag, 50 Glasfläschchen zu fertigen. Diese sollen einem perfiden Plan des Arztes dienlich sein, nämlich die gute Essenz von menschlichen Seelen einzufangen, damit er letztlich sich selbst einverleiben könne, was seiner eigenen Seele fehlt.

  

Das Buch zu lesen, erfordert es, ganz leise zu werden in unserem lauten Leben, und abzurücken von all dem ewigen Geplapper der Welt um uns herum. Und erst wenn es uns gelingt, ganz still in uns selbst zu werden, erst dann, so glaube ich, können wir all die Klänge, Farben und Düfte der Worte dieser Erzählung nachempfinden. Kein Wort im Buch steht zufällig da, keines ist zuviel. Und ich hatte das Gefühl, über den Zeilen zu schweben, ganz vorsichtig, um den Zauber nicht zu zerstören. Der Text ist wie ein Gedicht zu lesen, Zeile für Zeile, Bild für Bild, sorgsam, langsam, um die Schönheit der Sprache nicht zu zerstören.

 

Vielleicht ist das Buch eine Allegorie des Sich-Bemächtigens des eigenen Schicksals, oder vielleicht will es uns das Wissen um die Einzigartigkeit jedes Menschen vermitteln. Jeder mag seine eigene Botschaft im Buch finden. Auf jeden Fall bleibt mir:  „… weil jeder ein kleines bisschen Verantwortung in sich trägt, das, was ihm vom Leben geschenkt wird, in die Welt zu tragen und zu einem Geschenk an alle zu machen.“ (S. 343)

 

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Debbie Macomber

Der Sommer der Wünsche

 

 

·         Taschenbuch: 432 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498176

·         Originaltitel: Summer on Blossom Street

 

 

 Friede, Freude, Eierkuchen

 

Zwei Dinge verlockten mich, dieses Buch zu lesen: Zum einen, weil das Stricken neben dem Lesen meine zweite große Leidenschaft ist, und zum anderen, weil ich von der Autorin bislang noch nichts gelesen hatte und die Blossom-Street-Reihe gerne kennenlernen wollte.

 

In Lydias Wolladen „A Good Yarn“ wird ein neuer Strickkurs angeboten, und zwar unter dem Thema „Loslassen“. Und so finden sich 4 Frauen und 1 Mann mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen zusammen. Mehr muss man im Grunde zum Inhalt vorweg gar nicht wissen.

  

Debbie Macomber hat eine seltsame Erzählweise gewählt: Da ist die Ich-Erzählerin Lydia, die Besitzerin des Wollladens. Und da sind die anderen vier Protagonisten, über die in wechselnden Kapiteln berichtet wird, aber nicht aus Sicht der Ich-Erzählerin, sondern aus Blick der Autorin. Schon dadurch wirkt das Buch für mich konstruiert. So als habe die Autorin aus ihrem Notizen-Fundus einzelne Entwürfe hervorgeholt und mit Gewalt miteinander zwangsverknüpft, im Strickkurs und im erzählten Geschehen. Dieses Zusammenwerfen von irgendwann Geschriebenem führt leider auch zu Textwiederholungen und unlogischen Handlungsabläufen. Insgesamt wirkt die Sprache recht altbacken, wenig lebendig und das Romangeschehen insgesamt vorhersehbar. Stricken als roter Faden wird allzu gewollt-gewaltsam über die Kapitel gelegt. An keiner einzigen Stelle im Buch wird die Strick- oder Wollleidenschaft nachvollziehbar, spürbar, fühlbar geschildert, sondern das Stricken wird genauso konstruiert wie die Personen als vermeintlich verbindendes Thema ohne jegliche Bedeutung eingestreut. Und natürlich endet das Buch für alle in Friede, Freude, Eierkuchen.

  

Fazit: Das Buch ist nett zu lesen, wenn man den kritischen Verstand ausschaltet und sich auf leicht altmodische Weise unterhalten lassen möchte.

 

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Martine McDonagh

Familie und andere Trostpreise

 

 

·         Broschüre: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671958

·         Originaltitel: Narcissism for Beginners

 

 

 

Leider kein Buch für mich

 

 

Mit diesem Buch habe ich mich schwergetan. Dennoch habe ich mich durch alle Seiten gequält, am Ende das Buch zugeschlagen und mich gefragt: Wozu sollte dieses Buch gelesen werden? Wem wäre es wohl zu empfehlen? Ich weiß keine Antwort.

  

Sunny erfährt mit 21, dass er Multimillionär ist (unwichtig). Sunny hat viele Marotten und Neurosen, insbesondere was Geräusche betrifft (skurril). Sunny macht sich auf die Reise, um mehr über seine aus der Erinnerung herausgefallene Familie zu erfahren (unglaubwürdig).

  

Tja, was gäbe es sonst noch über das Buch zu berichten? Sunny erzählt, was geschieht, in Briefform seiner Mutter, an die er sich nicht erinnern kann. Er erzählt locker vor sich hin, als säße die Mutter (oder der Leser) unmittelbar vor ihm. Er ist ein Film-Nerd und gewinnt seine „Lebenserfahrung“ aus Filmen, sie sind wie ein Gerüst, an dem er sich zur Einordnung seines Lebens entlanghangelt. Die Erzählweise des Buches umfasst zig Themen- und Szenenschleifen, die mal mehr, mal weniger witzig daherkommen. Als einzig ernst zu nehmende Botschaft bleibt mir im Gedächtnis, wie religiöse Verblendung als Mittel der Macht, als Möglichkeit, Menschen zu manipulieren, als gefährlich anzusehen ist. Skurril, schräg, komisch und ernst gleichermaßen ist der Erinnerungsweg von Sunny. Er wollte nichts anderes als seine Mutter finden, in der Hoffnung auf Akzeptanz. Und seine Reise endet so: „Liebe Mom, fick dich“.

  

Das Buch hat mich leider nicht erreicht, nicht überzeugt, nicht unterhalten, schon gar nicht zum Lachen gebracht. Und so bleiben meine anfangs gestellten Fragen leider unbeantwortet.

  

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Gabriele Diechler

Lavendelträume

 

 

·         Taschenbuch: 410 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363507

 

Besonders empfehlenswert

 

Die Kraft der Herzenswärme

 

Normalerweise lese ich Bücher gemäß des Rezensionsauftrages mit Offenheit, mit Neugier, aber auch mit einem gewissen Maß an fachlich-nüchterner Distanz, um mir ein sachlich fundiertes Urteil erlauben zu können. Das vorliegende Buch jedoch ermöglichte mir diesen Blickwinkel erst einmal nicht. Es bahnte sich auf ungeahnten direkten Wegen mitten hinein in mein emotionales Zentrum, und ich brauchte eine Weile Abstand, um für die Rezension zurück auf die Ebene der Sachlichkeit zu finden.

 

Den Inhalt möchte ich nur extrem verkürzt andeuten: Julia, die sich schuldig fühlt am Unfalltod ihrer Mutter und sich generell in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht findet, entdeckt im Nachlass der Mutter den Liebesbrief eines Parfümeurs aus der Provence. Um dem vermuteten Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur zu kommen, reist sie nach Frankreich. Allerdings ist der Absender des Briefes zwischenzeitlich verstorben, Julia trifft stattdessen auf seinen Sohn Nicolas und lernt in der Folge viel, sehr viel über die wirklich wichtigen Themen des Lebens.

 

Was macht nun dieses Buch zu einem besonderen Buch? Es ist ohne Zweifel die faszinierend  starke emotionale Kraft, der sich der Leser nicht entziehen kann. Was bedeutet, dass das Buch gekonnt geschrieben ist. Leichte, eingängige, vielleicht sogar romantisch zu nennende, gut lesbare Geschichten zu schreiben, ohne ins Seichte oder Kitschige abzugleiten, ist große Schreibekunst. Gabriele Diechler erzählt lebendig, bildhaft und fesselnd, sie malt geradezu mit Wörtern. Mit allen Sinnen schildert sie feine und feinste Wahrnehmungen so intensiv, dass die erzählte Farbigkeit sofort im Kopfkino ihr reiches Leben entfaltet. Man schmeckt den Käse, man riecht das Parfüm, man schwelgt in der Schönheit der Landschaft, man fühlt den Wind, man wird Teil des Geschehens. Man sitzt mitten unter den Protagonisten, isst und trinkt mit ihnen, hört ihnen zu und verfällt, ohne es zu merken, geradezu rauschhaft dem Buch. Eine weitere Stärke des Buches sind die Schilderungen der Menschen. Die Autorin taucht tief in die Seelen der Protagonisten ein und legt ihre eigene Lebensklugheit den Romanfiguren in ganz unterschiedlicher Weise in den Mund. Sie zeichnet psychologisch stimmig und empathisch sympathische, individuelle Charaktere, in all ihren Stärken und Schwächen, aber stets mit wohlwollendem Blick.

Und diese positive Sicht der Autorin teilt sich unmittelbar dem Leser mit. Ihre im Buch so deutlich spürbare Herzenswärme lockt auch im Leser das Beste hervor. Ich wüsste nicht, was es Besseres über ein Buch zu sagen gäbe…

 

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Thomas Montasser

Der Sommer der Pinguine

 

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 143 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363460

 

 

 Ganz große Schreibekunst

  

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein gemütliches Kaminzimmer, weiches Licht, dicker weich-flauschiger Teppich, darauf Sie im Schneidersitz, vor Ihnen in einem alten großen Ledersessel ein gut gekleideter, gepflegt wirkender älterer Herr mit weißen Haaren und Goldrandbrille. In wohlgesetzten Worten und gestenreich erzählt er Ihnen eine Geschichte, ein Märchen wie es scheint. Er macht Pausen, ändert das Erzähltempo je nach Geschehen, er blickt verwundert, wenn er Unglaubliches berichtet, schiebt sachliche Beschreibungen ein, wo er sie für erforderlich hält und an manchen besonderen Stellen blitzt der Schalk in seinen Augen auf. Immer aber sind seine Worte wohlgesetzt, die Sätze gar trefflich geraten… Genauso fühlte ich mich beim Lesen dieses wunderbaren kleinen, feinen Geschenkbandes, entrückt und verzaubert.

 

Die überaus liebenswerte Mrs. Annetta Robington vergisst beim Schmökern  in einer kleinen Buchhandlung in London Ort und Zeit – und macht eine unglaubliche Entdeckung: Der rücksichtsvolle Buchhändler ist ein Pinguin! Und nicht nur ihn, auch den Cellisten im Konzert, den Portier im Hotel, und noch so manch anderen sieht Mrs. Robington plötzlich mit anderen Augen und erkennt in ihnen ebenfalls Pinguine. In ihr reift ein raffinierter Plan, diese besondere Spezies von Lebewesen zu retten, und sie wächst über sich selbst hinaus.

 

Was für eine unglaublich schöne, bestechend „sorgfältige“, oder sollte ich sagen, „sorgsame“ Sprache. Allein schon für diesen überaus gepflegten Sprachstil liebe ich das Büchlein. Dazu kommt die feine Schilderung der sehr englischen Kulisse und der sehr englischen Denk- und Handlungsweise speziell von Mrs. Robington, die man jederzeit in einem der Filme rund um den Ermittler Barnaby wiederzufinden meint. Die liebenswert zauberhaften Zeichnungen von Isabel Pin passen perfekt zum Erzählstil. Dass uns Pinguine den Spiegel vorhalten, uns in unserer Beschränktheit entlarven und dies alles mit einem stillen Lächeln – das ist ganz große Schreibekunst.

 

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Federica de Cesco

Der englische Liebhaber

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958900806

  

 

Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman

 

Aus dem Europa Verlag habe ich zuletzt den großartigen Roman „Ein Held in dunkler Zeit“ von Christian Hardinghaus gelesen, der mich sehr beschäftigte. Und nun vorliegender Roman im gleichen Verlag, von einer Autorin mit großem Namen – das weckte in mir höchste Erwartungen. Und ganz kurz gesagt: Der Roman „Der englische Liebhaber“ übertraf sogar noch meine höchsten Erwartungen, umso mehr, als man erfährt, dass es sich um die Ausgestaltung einer wahren Begebenheit handelt.

 

Der Roman bewegt sich in zwei Zeitebenen: Münster 1988 - Charlotte, 1947 geboren, Filmemacherin, findet im Nachlass ihrer verstorbenen Mutter Anna Tonbänder und Notizhefte. In diesen Aufzeichnungen wird die zweite Zeitebene lebendig, nämlich Münster 1946. Die Stadt ist zerstört, es ist Winter und Anna versucht, als Dolmetscherin bei den britischen Besatzern ihr Überleben zu sichern. Als ihr der englische Captain Jeremy begegnet, beginnt eine gefährlich-leidenschaftliche Beziehung, denn mit dem Feind lässt sich eine deutsche Frau nicht ein, sie wird zu einer „Britenschlampe“.  Anna wird schwanger, und Jeremy ist von einem Tag auf den anderen verschwunden, die Ämter verweigern jegliche Auskunft. Je mehr Charlotte in den Aufzeichnungen ihrer Mutter eintaucht in deren Leben und Lieben, desto lebendiger wird für den Leser die immense Kraft einer Liebe, die mehr aus Hoffen denn aus Leben bestand. 

Jenseits der Erzählung des Geschehenen liegt noch eine dritte Ebene, und die verleiht dem Roman die eigentliche Tiefe. Es ist die Ebene der Reflektion, des Erkennens, der Information, auch der Ernüchterung. „Man hatte uns nicht zur Kritik erzogen.“ Wir erfahren viel über ein Kapitel deutscher Nachkriegszeit, einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wirklich frei waren von den Nachwirkungen der nationalsozialistischen Gedankenwäsche und in der die kollektive Schuld verdrängt werden musste, damit man weiterleben konnte.

 

Federica de Cesco schreibt hinreißend, mitreißend, lebendig, intensiv. Die von ihr beschriebenen Menschen verkörpern jeweils eine individuelle Ausprägung ihrer Zeit: Manfred steht für die Verleugnung des Ich zugunsten einer Ideologie. Jeremy bleibt trotz seiner glaubhaften Liebe zu Anna ambivalent, schillernd, eine Projektionsfläche für Anna’s Gedanken und Sehnsüchte. Anna wiederum ist hart mit sich und anderen, verschlossen, unerreichbar auch für ihre Tochter. Und Charlotte bleibt provokant, ohne echtes Einfühlungsvermögen, eine zutiefst beschädigte Seele, voller Bitterkeit.

 

„Im Alter geht man vom Leben weg“, schreibt Anna. Und dem Leser bricht das Herz.

 

Fazit: Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman!

 

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Felicity Everett

Das Paar aus Haus Nr. 9

 

 

·         Taschenbuch: 368 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672122

·         Originaltitel: The People at Number 9

 

 

Langer Tanz um‘s Feuer

 

 

Viel geschieht eigentlich nicht in diesem Buch: Sara und Keith mit ihren beiden Kindern leben ein geordnetes, strukturiertes und durchaus glückliches Familien- und Berufsleben. Als die neuen Nachbarn, Gavin und Louise, im Nebenhaus einziehen, beobachtet sie Sara erst verstohlen, dann immer offenkundiger. Nach ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen werden Sara und Keith mehr und mehr in die unkonventionelle Welt der neuen Nachbarn hineingezogen. Da gibt es altersfleckige Bettwäsche, vor Schmutz klebende Fußböden, halb abgebeizte Türen, völlig vernachlässigte und unerzogene Kinder. Alles nimmt Sara, die perfekte Hausfrau, wahr, durchaus erst mit Schaudern, dann aber zunehmend mit einer unerklärlichen Faszination. Je mehr Zeit Sara und Keith mit ihren neuen Nachbarn verbringen, umso mehr löst sich ihr eigenes wohlgeordnetes Leben auf.

 

Ich habe das Buch gelesen, als sei ich selbst eine neugierige Nachbarin, stünde hinter einer imaginären Gardine und könnte es einfach nicht lassen, die beiden Ehepaare zu beobachten. Und ich war, wie Sara, gleichermaßen angezogen und abgestoßen von diesen so verschiedenen Lebensformen. Ich schaute fasziniert zu, wie Sara und Keith zunehmend sich selbst verloren, indem sie, wie sie selbst glaubten, mehr Weltoffenheit gewannen. Voyeuristisch schaute ich als Leserin diesen Menschen beim Leben zu und wartete gespannt auf das entscheidende Drama. Eine seltsame Spannung liegt über dem gesamten Buch, sehr eindringlich ist es geschrieben, mit großartiger Beobachtungsgabe in Szene gesetzt, mit schönen Wortbildern („… wie eine psychedelische Trappfamilie…“) farbig gemalt. Auch psychologisch stimmig werden die Menschen dargestellt, von sehnsüchtiger Unsicherheit bis zur exaltierten Selbstüberschätzung wird eine große Bandbreite menschliche Eigenschaften anhand von kleinen Szenenschnippseln bildlich nachvollziehbar  gemacht.  Für mich erscheint dieses gelungene Buch wie ein langer, sehr langer Tanz um das Feuer und der voyeuristische Leser wartet von Seite zu Seite darauf, wann sich wer wie schwer verbrennen wird.

 

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Antje Wagner

Hyde

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 408 Seiten

·         Verlag: Beltz & Gelberg

·         ISBN-13: 978-3407754356

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 15 - 17 Jahre

 

  

Grandios erzählt

 

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an, nein, schon beim genaueren Betrachten des Covers, in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen! Da ich den Inhalt nicht erzählen kann, ohne Wesentliches der Geschichte zu verraten, bemühe ich dieses Mal ausnahmsweise den Klappentext: „Seit sie denken kann, ist Hyde Katrinas Zuhause gewesen. Hier ist sie aufgewachsen, mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater. Jetzt ist Hyde verschwunden – und Katrina auf sich allein gestellt. Von dem, was geschehen ist, weiß sie nur noch Bruchstücke. Als sie beginnt, ein verfallenes Haus zu renovieren, mit dem sie sich auf seltsame Weise verbunden fühlt, führt sie dies auf die Spur eines ungeheuren Geheimnisses. Ist sie überhaupt diejenige, die sie glaubt zu sein?“

 

Das Buch ist meiner Meinung nach grandios geschrieben. Zwei Erzählstränge, Gegenwart und erinnerte Vergangenheit, werden aus Sicht von Katrina erzählt. Katrina ist eine seltsame Achtzehnjährige, Tischlerin auf der Walz, mit einer undeutlichen Aussprache und einem Tuch vor dem Gesicht. Die beiden Erzählstränge bewegen sich erst einmal in langsamen Schritten aufeinander zu, aber je mehr die Handlung voranschreitet, desto schneller finden die Sprünge von Jetzt zu Früher und zurück statt, wobei von Abschnitt zu Abschnitt immer neue Wendungen, neue Fragen, Rätsel und Ungewissheiten auftreten. Allein schon dieses Stilmittel schafft eine Steigerung der Spannung, die atemlos macht. Die Person Katrina, überhaupt alle Personen im Buch, werden außerordentlich lebendig beschrieben, man kommt Katrina im Laufe des Buches als Leser sehr nahe, was ebenfalls einen Teil der Spannung ausmacht. Und dann ist da für mich persönlich das wichtigste Element, der großartige Sprachstil, der teilweise fast expressionistisch mit Wörtern malt wie z. B. die Abendstimmung wie „Johannisbeersirup – ausgelaufen am Himmel“, und so die Geschehnisse, die durchaus auch etwas Mystisches haben, ganz und gar stimmig erzählt. Das Buch löst einen gewaltigen Sog aus, so dass man sich als Leser restlos im Geschehen verliert und die vielen angeschnittenen Themen und damit verbundenen Gefühle hautnah erlebt.

 

Fazit: Ein grandios erzähltes Buch, fesselnd, erschreckend, intensiv – und keinesfalls „nur“ ein Jugendbuch!

 

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Julie Peters

Mein wunderbarer Buchladen am Inselweg

 

 

·         Broschiert: 320 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746634135

 

  

 

Unaufgeregt-sympathische Sommerlektüre

 

Noch ein letzter Auftrag für die Redaktion, dann Abflug in ein neues Leben in Boston, zusammen mit Freund Harald, zur Gründung einer eigenen Agentur! Frieke ist Journalistin, liebt ihr Smartphone und liebt es zu twittern. Und nun soll sie noch schnell vor Abreise auf die Insel Spiekeroog, um einen verschrobenen Ornithologen, Bengt Gerjets, zu interviewen. Dieser Vogelkundler lebt zurückgezogen und fern aller Bequemlichkeiten der modernen Zeit in einem Bauwagen und beobachtet Brandseeschwalbenkolonien. Oder hat ihr Chef, der auch ein guter Freund von Frieke ist, noch andere Gedanken, Frieke auf die Insel zu schicken? Denn ihr leibliche Vater, den Frieke nie gesehen hat, lebt auch auf Spiekeroog, schwer an Krebs erkrankt. Und dann gibt es noch die Inselbuchhandlung, deren Betreiber sich sehnlichst einen würdigen Nachfolger wünschen, damit sie selbst in einem Cottage in Irland ihren Lebensabend verbringen können.

 

Ja, richtig, das klingt nach Schmonzette. Und es klingt nach einer vorhersehbaren Geschichte. Und doch hat das Buch Qualitäten, die es von der befürchteten verkitschten Groschenheftchenromantik weit entfernt. Zum Beispiel hat es Humor. Da gibt es so manch eine schräge Situation, so manchen „wortreichen“ Ausspruch, der es auf den Punkt bringt. „Du bist Frieke“. „Und du bist Ole.“ Mehr nicht. So begegnen sich Frieke und ihr Vater erstmalig und gehen wieder ihrer Wege. Ostfriesisch knapp halt. Und dann ist da auch die unbedingte Liebe zur Literatur, zu Büchern. Ebba, die Betreiberin der Inselbuchhandlung, hat die Gabe, für jeden Menschen in seiner speziellen Situation genau das richtige Buch zu finden. Man ist als Leser überrascht, mit wieviel Literaturkenntnis solche Szenen geschrieben sind. Und dann ist da die Fähigkeit der Autorin, sehr bildhaft nachspürbar die besondere Ausstrahlung der Insel Spiekeroog in Worten zu malen, die Kraft der Natur geradezu fühlbar zu machen. In einem lebendig-frischen Erzählstil bringt uns die Autorin ihre Protagonisten näher, die alle besondere, eigenständige, psychologisch nachvollziehbare, aber vor allen Dingen sympathische Persönlichkeiten sind. Insgesamt gesehen eine anrührend-unterhaltsam und wohltuend unaufgeregt erzählte Geschichte, eine wohltuend sommerleichte Sommerlektüre.

 

Lediglich einige Rechtschreibfehler, insbesondere in der Großschreibung, stören den guten Gesamteindruck. Und jemand sollte der Autorin noch die alte, aber immer noch gültige Regel beibringen: „Wer brauchen ohne „zu“ gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen.“

 

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Amy Meyerson

Ein Himmel voller Bücher

 

 

·         Broschiert: 448 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671620

        Originaltitel: The Bookshop of Yesterdays

 

   

Ein guter Plot, leider totgeschwätzt

 

Große Erwartungen hatte ich an das Buch. Nicht nur, weil es so lange auf sich warten ließ, sondern weil sowohl der Buchtitel als auch der Klappentext eine spannende Handlung rund um einen Buchladen versprachen: „Eine bunte Postkarte aus Malibu, eine alte Ausgabe von Shakespeares Der Sturm und der kleine, kurz vor dem Bankrott stehende Buchladen Prospero Books in Los Angeles. Die junge Lehrerin Miranda Brooks staunt nicht schlecht über das einzigartige Vermächtnis ihres Onkels Billy. Schon immer hat er ihr Rätsel aufgegeben. Warum hat er ihrer Familie den Rücken gekehrt? Warum spricht ihre Mutter nie über ihn? Miranda folgt der Spur der Botschaften, die er für sie versteckt hat – und die sie nicht nur in die Welt der Bücher führt, sondern ihr Leben von Grund auf ändert.“  Ein Plot also mit großem Potenzial, aber…

 

Für Miranda, die Ich-Erzählerin, wird die Erbschaft eine Reise in die Vergangenheit, vielleicht auch ein Stück weit zu sich selbst. Sie wird posthum von ihrem Onkel Billy auf sehr verschlungenen Rätselwegen durch ein familiäres Lügengespinst geleitet, wobei der Leser relativ früh im Buch erahnt, wohin die Reise gehen wird und genau deswegen sich spätestens ab der Hälfte des Buches entsetzlich langweilt! Der Einstieg ins Buch ist spannend, geradezu fesselnd geschrieben, aber je weiter man liest, umso mehr wird man von zunehmender Lesemüdigkeit erfasst. Denn alles Wesentliche ist bereits nach 100 Seiten ausgereizt. Was mich persönlich besonders ärgerte, war die schier endlos währende Tatenlosigkeit angesichts des prekären Zustands der Buchhandlung. Es wird ungezählte Male bejammert, dass die Buchhandlung nur noch ein paar Wochen überleben kann, aber dennoch steht der „Geschäftsführer“ Malcolm hinter dem Tresen und liest. Oder es fließt Alkohol in großen Mengen. Aber von Analysieren, Anpacken oder gar Arbeiten hält keiner etwas. Was den Schreibstil an sich betrifft, gibt es durchaus viele Stellen, die in sehr schöner Sprache Schilderungen beinhalten, die alle Sinne des Lesers ansprechen. Aber diese eindrücklichen Stellen werden dann wieder sehr schnell totgeschwätzt mit vielen unnützen Details. Mitunter drängt sich der Gedanke auf, die Autorin benötigte lediglich eine Plattform, auf der sie ihr Literaturwissen ausbreiten konnte. Wie schade!

 

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Evelyn Kühne

Dünenzauber

 

 

·         Taschenbuch: 320 Seiten

·         Verlag: Forever

·         ISBN-13: 978-3958189706

 

 

 

Sommerleichte Lektüre

 

Eingestellt war ich auf eine vorhersehbare  und seichte Geschichte. Aber dann hat mich die Autorin doch überrascht, denn ich habe das Buch sehr gerne gelesen und kann es als angenehme Urlaubs- oder Sommerlektüre empfehlen, auch wenn die Handlung hauptsächlich usseliges Novemberwetter aufweist.

Die Verlagsankündigung verrät nur einen Teil der Geschichte: Klara fällt aus allen Wolken, als ihre Freundin Jessi ihr eröffnet, dass sie heiraten möchte und zwar schon in drei Wochen. Doch beste Freundinnen sind füreinander da, also packt Klara kurzerhand ihre Sachen und fährt zusammen mit Jessi nach Prerow an die Ostsee, wo die Hochzeit stattfinden soll. Die Hochzeitsplanung gestaltet sich jedoch mehr als schwierig, vor allem als Jessi Klara ein Geheimnis anvertraut, was deren Welt ins Wanken bringt. Und dann ist da auch noch ein mysteriöser Fremder, der Klara immer wieder über den Weg läuft und ihr Herz höherschlagen lässt. Wird die Hochzeit trotz aller Widrigkeiten stattfinden? Und wer ist der Mann, zu dem sich Klara auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt?

 

Das Anliegen der  Autorin ist, den Leser zu berühren und ihn aus dem Alltag zu entführen. Dies ist ihr mit dem vorliegenden Buch perfekt gelungen.  Evelyn Kühne erzählt sehr lebendig und anschaulich, wie die zwei Freundinnen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten, mit den reichlich auftretenden Problemen umgehen. Die Charaktere sind glaubhaft und nachvollziehbar ausgearbeitet, und an Spannung fehlt es auch nicht. Eine Prise Humor und die eindrücklichen Landschaftsschilderungen geben der Handlung das rechte Maß an „Würze“. Das Buch ist eine wunderbare Hommage an die Freundschaft und vor allen Dingen an den Ort Prerow an der Ostsee, letzteres so sehr, dass man gerne selbst die Gegend kennen lernen möchte – vielleicht nur nicht ausgerechnet im November…

 

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Caroline Bernard

Die Muse von Wien

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746633923

 

 

 

 

Prächtiges Zeitgemälde ohne Tiefgang

 

Beginn 20. Jahrhundert. Alma Schindler, privilegiert aufwachsend in einer wohlhabenden Wiener Künstlerfamilie, erhält eine sehr umfasssende kulturelle Bildung, ist vielseitig interessiert und offen-neugierig für all die vielfältigen künstlerischen Entwicklungen in Wien. Sie liebt es, am Klavier zu improvisieren und zu komponieren. Jeder, der ihr begegnet, ist fasziniert von ihrer Schönheit und Intelligenz. Aus den Begegnungen mit Klimt, der sie malen möchte,  entsteht eine jugendlich-schwärmerische Liebe, die erst ein Ende findet, als Alma Gustav Mahler kennenlernt und seinem alles überragenden Genius verfällt. Als seine Ehefrau muss sie alle eigenen Wünsche hintanstellen, was sie viele Jahre auch gerne tut, denn Gustav liebt sie sehr und Alma weiß, dass sie mit einem der größten Musiker dieser Zeit verheiratet ist. Erst einige Jahre und Schicksalsschläge später findet Alma zurück zu sich selbst…

 

Es empfiehlt sich, das Buch ohne viele Unterbrechungen zu lesen. So taucht man völlig ein in die Welt des Jugendstil, der Wiener Bohème, der Wiener Secession. Das Buch beschreibt sehr farbenprächtig und eindringlich das schillernde künstlerische Leben in Wien, das einerseits mit Judenfeindlichkeit und an Konventionen gebunden kleinbürgerlich wirkt, andererseits aber auch neuen Kunstrichtungen ein Podium gewährt und bereit ist, seinen Künstlern frenetischen Beifall zu zollen. Die Schilderungen des Wien dieser Zeit, in der Kunst einen so großen Raum einnahm wie sonst nie, sind großartig gelungen. Man spürt in so manchen geschilderten Details die mühevoll-sorgsame Recherchearbeit, die dem Roman zugrunde liegt. Aber auch die der Fantasie der Autorin entsprungenen Details sind so gut eingearbeitet, dass sie durchaus als möglich angesehen werden können. Viele Künstlerbegegnungen werden sehr lebendig geschildert, Richard Strauß mit seiner dümmlichen, tratschsüchtigen Frau zum Beispiel. Überhaupt begegnet man vielen großen Namen, Caruso, Schaljapin, Sigmund Freud, Walter Gropius und viele andere finden im Buch mehr oder weniger ausführlich ihren Platz.

 

Mit der Darstellung Alma’s, ganz Kind ihrer Zeit, konnte ich mich allerdings nicht in allen Passagen anfreunden. Sie wird beschrieben einerseits als eine kluge, hochgebildete, vielseits verehrte und begehrte Frau, andererseits wirkt sie aus der Sicht der Autorin, was Beziehungen, Mutter-Sein oder Selbstwahrnehmung betrifft, oftmals fast kindlich-naiv und unreflektiert, für den Leser deutlich spürbar in etwas langatmigen Erzählteilen. Mein persönlich größter Kritikpunkt ist allerdings, dass an keiner Stelle im Buch die Musik von Gustav Mahler dem Leser wirklich nahe gebracht wird. Es wird von der Musik erzählt, das ja, von Sinfonien, von Kindertotenliedern, aber ich fand keine einzige Stelle im Buch, an der es der Autorin gelungen wäre, den Leser in die unglaublich intensive und tiefe Musik von Gustav Mahler eintauchen zu lassen. Denn nur so, wirklich nur so, wäre die Hingabe Alma’s an den Genius Gustav Mahler nachvollziehbar gewesen. Insofern bleibt das Buch für mich ein gut und farbenprächtig erzähltes geschichtliches Zeitgemälde ohne echten Tiefgang.

 

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Sara Paborn

Beim Morden bitte langsam vorgehen

 

·         Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

·         Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

·         ISBN-13: 978-3421048028

·         Originaltitel: Blybröllop

 

Bös, böser, Sara Paborn

 

Was für ein unglaublich intelligenter, lebenskluger und bitterböser Roman! Selten habe ich mich so gut unterhalten und gleichzeitig entlarvt gefühlt, habe die Fülle der eingestreuten  Bonmots der Autorin genossen und mir sehnlichst gewünscht, dass alle Heile-Welt-Täuscher anhand der Doppelbödigkeit dieses Romans zur Ehrlichkeit finden mögen.

Ein Ausschnitt aus dem Klappentext erzählt den vordergründigen Inhalt: Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Vorhang-Bleibänder findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens: Aus der immer so netten Bibliothekarin wird eine gerissene Hobbychemikerin, die ihre bisher von Braten- und Kuchenduft erfüllte Küche in ein Labor verwandelt. Dort bereitet sie Bleizucker zu. Geduldig rührt sie ihrem Mann täglich ein Löffelchen in den Kaffee…

Wer die Bücher von Ingrid Noll mag, wird das vorliegende Buch lieben! Sara Paborn schreibt allerdings noch böser, noch pointierter, noch humorvoller, noch brillanter. Und nein, das Buch ist kein Krimi. Es gibt keine Tätersuche. Allenfalls gibt es die Suche nach dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und nein, das Buch ist kein Psychogramm verwirrter Seelen, die man mit Diagnosen versehen in Schubladen unterbringen kann. Allenfalls gibt es Erinnerungen an früher selbstverständliche Erziehung, als die Frau dem Mann noch untertan sein sollte. Das Buch ist eine geniale Parabel für die Unmöglichkeit gleichgewichtigen menschlichen Miteinanders. Nur vordergründig gesehen ist Horst das Ekel, das es zur Gewinnung der eigenen Freiheit zu vernichten gilt. Und nur vordergründig gesehen ist die langsam mordende und sich selbst damit befreiende Irene die Person, die unsere Sympathie erhält. Die maßlose Überzeichnung beider Personen fordert den Leser heraus, Stellung zu beziehen – böser Horst und gute Irene – und gar nicht zu merken, wie wir damit der Autorin auf den Leim gehen. Denn wir alle haben in langjährigen Beziehungen ein bisschen Horst und ein bisschen Irene in uns, wir alle erleiden Mikrotraumata  und setzen selbst welche. Dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, würde uns gut tun. Bevor wir Bleizucker anrühren…

 

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Herrad Schenk

 

Die Frau von gegenüber

 

·         Taschenbuch: 235 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363118

   

Ein kleines, feines Kabinettstückchen Literatur

 

Von Herrad Schenk las ich „Das Haus, das Glück und der Tod“, als ich zeitgleich engagiert war im Renovieren eines ehemaligen Dreiseithofes in Niederbayern. Das Buch hatte mich emotional gepackt aus mehreren Gründen: Da waren ähnliche Erfahrungen im Umgang mit alter Bausubstanz, mit eigenwilligen Handwerkern und wohlmeinenden, interessierten Nachbarn, und da war das ins Nichts Stürzen, als alles geplante Glück ein plötzliches Ende findet. Umso mehr, als ich entdeckte, dass Herrad Schenk dies alles erlebte in dem Landstrich Deutschlands, in dem ich mein Alter verbringen wollte. Viele Jahre später lebe ich nun wenige Kilometer von Herrad Schenk entfernt und entdecke dieses Buch. Kein Zufall.

 

Viel geschieht nicht im Buch. Ein einsam lebender, verwitweter Wissenschaftler, der sich festhält an dem Projekt, ein fundamentales Standardwerk abzuschließen, schaut in die Fenster des Hauses gegenüber. Dort sieht er anderen beim Leben zu, insbesondere einer ebenfalls verwitweten, zur Trägheit neigenden Frau, die ihre Unabhängigkeit zu genießen scheint. Als eines Tages eine junge alleinerziehende, unangepasste Frau mit zwei Kindern in das Haus gegenüber einzieht, wird der Sommer von Tag zu Tag schwüler…

  

Herrad Schenk schreibt klar, ohne Schnörkel, leicht lesbar, aber an keiner Stelle oberflächlich. Sie erzählt in genialer Schlichtheit so intensiv, dass man als Leser das Gefühl hat, selbst in diese kleine, enge Welt hineingezogen zu werden. Die Einsamkeit fällt den Leser an wie ein Tier. Die Sonnentage legen eine innere Düsternis bloß, die erschreckt. Die Hitze verwirrt einerseits, lässt bisher sicher geglaubte Grenzen verschwimmen und offenbart andererseits in Klarheit so manche Lebenslüge. Die Autorin entwickelt auf kleinstem Raum große Themen. Fast beiläufig, wie ungewollt, kommt sie dem Leser nahe und stellt essentielle Fragen, denen man als älterer Mensch nicht länger ausweichen kann.

 

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Michael Nast

 

Egoland

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH

·         ISBN-13: 978-3841905963

 

 

 

 ... keine Zwiebelschale wert

 

 Im Grunde sagt der Titel alles: Egoland – Egoismus – Egomanie. Der Autor kreist um sich selbst, um seine oberflächliche Welt, und verkauft das Ganze als Gesellschaftskritik. Kann man mit 30 vielleicht so machen und sich dabei genial gut fühlen. Aber ich als Leser muss das nicht haben. 

Ich brauche keine Schilderung blutleerer Protagonisten, die ihre Lebenszeit – und über sie  lesend damit meine Lebenszeit - verplempern. Mich interessiert dieses oberflächliche Hin und Her, dieses narzisstische Selbstbespiegeln in seelenloser Leb- und Lieblosigkeit nicht. Mich stößt das abfällige Betrachten anderer ab. Ich kann mit den Filmzitaten nichts anfangen, denn ohne die Filme zu kennen, verfehlen die Zitate völlig ihre Wirkung. Die häufigen Perspektivewechsel sind behindernd im Lesefluss, sinnlos verwirrend. All die Verallgemeinerungen, Plattitüden, all diese unbedeutenden, detailverliebten Nichtigkeiten, all dieses endlose Herumschwadronieren um nichts, all diese austauschbaren Beziehungen, wobei deren höchste Form der Kontaktfähigkeit in dem gemeinsamen Vernichten von reichlich Alkohol besteht – die Summe all dessen hat bei mir nach anfänglichem guten Willen nur noch zu müdem Gähnen geführt. 

Geradezu folgerichtig und passend zum belanglosen Inhalt erscheint mir die Gleichgültigkeit, ja geradezu Schlampigkeit von Autor, Verlag und Lektor gegenüber der Fülle an Grammatik- und Setzfehlern. 

Wie sagt Rafik Schami so schön: „Dein … gesellschaftliches Engagement ist nicht einmal eine Zwiebelschale wert, wenn du langweilst.“

 

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Adelaide de Clermont-Tonnerre

 

Der Letzte von uns

 ·         Gebundene Ausgabe: 464 Seiten

·        Verlag: Rütten & Loening

·         ISBN-13: 978-3352009082

·         Originaltitel: Le Dernier des Notres

  

Zwei Themen, die nicht zueinander passen

 

Das Positive vornweg: Das Buch ist schnell zu lesen, es ist leicht zu lesen, die große Schrift macht es dem Leser leicht, die 450 Seiten zügig zu konsumieren.

Zwei Zeitstränge öffnen sich dem Leser: 1945, die Bombennacht von Dresden. Luisa bringt ihren Sohn Werner zur Welt und stirbt wenige Stunden danach. Die Schwester von Luisa und eine fremde Frau als Amme nehmen sich des Neugeborenen an. 1969 in Manhattan: Wern, jung, erfolgreich, bei den Frauen beliebt, trifft auf Rebecca, eine exaltierte Künstlerin. Er umwirbt sie nach allen Regeln der Kunst, sie bricht jedoch nach einem Zusammentreffen der Mutter von Rebecca mit Wern den Kontakt ab. In der Folge wird – immer wieder wechselnd zwischen den Handlungssträngen – sowohl über die weitere Geschichte von Werner während der Kriegszeit als auch über Wern und Rebecca  in den siebziger Jahren in Manhattan erzählt, bis sich zum guten Schluss die beiden Handlungsbögen dramatisch schließen.

 

Warum kann ich diesem Buch so wenig abgewinnen? Weil hier zwei Themen zusammengewürfelt werden, die sich gegenseitig stören, weil sie in der Kombination dem Ernsten die Tiefe nehmen und dem Leichten das Frohe zerstören. Weil Menschen geschildert werden, mit denen ich nichts anfangen kann, sie werden oberflächlich, wenig greifbar und wenig nachvollziehbar in ihrem Handeln geschildert. Weil mich das ewige Hin und Her zwischen Rebecca und Wern nach einer Weile nur noch nervt. Und weil ich wenige Tage zuvor einen Roman über den Zweiten Weltkrieg gelesen habe, der von so überragender Qualität war (Ein Held in dunkler Zeit), dass mir die Schwächen von „Der Letzte von uns“ leider ganz besonders deutlich wurden.  

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Sabrina Grementieri

Eine Liebe in Apulien

 

·         Taschenbuch: 352 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956497971

 

 

Schön, einfach nur schön

 

In letzter Zeit hatten sich mehrere Bücher aus dem Mira-Verlag auf den Weg zu mir gemacht, und alle waren, wie auch das vorliegende Buch, so leicht lesbar, dass man wunderbar in die Geschichten eintauchen konnte. Romane wie dieser hier passen zu warmen  Sommerabenden, an denen man sich nicht mit belastenden, schwierigen Texten herumschlagen möchte, sondern sich zurücklehnen und einfach nur unterhalten lassen möchte. 

Viola, arbeitslose Innenarchitektin, frisch getrennt von ihrem untreuen Freund, muss nun auch noch den Tod ihrer geliebten Großmutter verkraften. Da erfährt sie, dass ihre weitsichtige Großmutter ihr das wunderschöne, aber sehr heruntergekommene Anwesen in Apulien vererbt hat,  verbunden allerdings mit einigen Auflagen. Viola hat Ideen, packt die Aufgabe tatkräftig an, bekommt Hilfe von Aris, einem gut aussehenden, aber sehr verschlossenen Handwerker  - aber dann geschehen unerklärliche Anschläge und Unglücksfälle, und Viola bekommt zu spüren, dass sie nicht bei allen in der Gegend willkommen ist. 

Natürlich ist die Geschichte vorhersehbar, natürlich werden reichlich Klischees bedient, aber dennoch hat das Buch im Gesamten eine so positive Ausstrahlung, dass man es nicht zur Seite legen möchte. Man spürt die Wärme des Südens, man riecht die Meerluft, man wird geradezu überschwemmt von den Farben der reich blühenden Pflanzenwelt.. Es gelingt der Autorin durch ihre intensiven Landschaftsschilderungen, im Leser ein Gefühl des Urlaubs, leicht und frei, zu wecken. Aber auch die Charaktere werden so dargestellt, dass man sich ihnen nahe fühlt, dass man gespannt teilhat an dem, was sie denken, fühlen und tun, was ihnen geschieht. Insgesamt ist das Buch ein wohltuendes Leseerlebnis, wunderbar geschrieben und die Leserseele wärmend. 

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Christian Hardinghaus

Ein Held dunkler Zeit

 

·         Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958901193

 

 

Lesen Sie dieses Buch!

 

Als ich las, dass der Autor des vorliegenden Buches Historiker ist, machte sich in mir die Befürchtung breit, dass das Buch mühsam zu lesen sein würde, vielleicht trocken oder belehrend geschrieben. Dass ich jedoch tatsächlich einen mitreißenden, emotional aufwühlenden, spannend-lebendig geschriebenen Roman lesen durfte, war eine wunderbare Überraschung!

 

Es wird eine tatsächlich geschehene Geschichte in die Romanwelt versetzt, mit allen Zutaten versehen, die einen guten Roman ausmachen, und zusätzlich mit vorsichtiger Fantasie und gnadenloser, präzise recherchierter Zeitgeschichte unterlegt. Dass diese Kombination so genial gelungen ist, lässt für mich das Buch zu einem der herausragenden Leseerlebnisse werden.

Der Augenarzt Wilhelm Möckel erzählt selbst, wie er die Halbjüdin Annemarie kennen und lieben lernt und sich schließlich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht meldet, da er hofft, durch Erringen besonderer Verdienste zu ermöglichen, dass Annemarie als deutschblütig anerkannt wird und ihr und den Kindern Max und Martin somit alle bislang verweigerten Rechte zugestanden werden. In den geschilderten Kriegsjahren an der Front erweist sich Wilhelm als ein geradezu wagemutiger Mensch, der sich mit großem Können und unermüdlichem Einsatz um die Verletzten kümmert. Erzählt werden diese Jahre an der Front von Friedrich Tönnies, dem jungen Sanitätsgehilfen, der sich freiwillig als Bursche Wilhelm unterstellen lässt und zu seinem treuen Freund wird.

 

Das Buch hält für den Leser eine Achterbahn der Gefühle bereit. Wir sind angerührt von der Liebesgeschichte zwischen Annemarie und Wilhelm. Wir erschauern, wie zunehmende Judenfeindlichkeit langjährige Freundschaften zerreißt und Spitzeltum um sich greift. Wir sind gelähmt vor Entsetzen über das Menschenschlachten an der Front. Wir sind dankbar, wenn sich mitten im Kugelhagel etwas Menschlichkeit findet. Und weinen über den ertrinkenden Hund Norka. Christian Hardinghaus schreibt klar, schnörkellos, ohne jegliches Pathos, und genau damit packt er den Leser, zieht ihn ins Buch, ins Geschehen, in ein Stück Zeitgeschichte und lässt ihn bis zum Schluss und darüber hinaus nicht mehr los.

Viel gäbe es noch über das Buch zu erzählen. Aber ich kürze ab mit dem Satz, den ich nur ganz selten schreibe: Auch wenn Sie dieses Jahr nur ein einziges Buch lesen wollen - lesen Sie dieses Buch! 

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Michelle Marly

Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe

 

 

·         Taschenbuch: 496 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746633497

 

 

Sa ljubow! (Auf die Liebe!)

 

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, blieben mir zwei Wünsche: Noch mehr über Coco Chanel zu erfahren und einen Flakon Chanel N° 5 zu besitzen.

 

Der eindrückliche Prolog lässt uns zurückschauen auf das Jahr 1897. Gabrielle, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, lebt in einem von Zisterzienserinnen streng geführten Waisenhaus in Frankreich. Der Vater hatte sie nach dem Tod der Mutter dort einfach abgegeben. Gabrielle ist neugierig, wissbegierig und voller Sehnsucht, Sehnsucht nach schönen Dingen, vor allen Dingen aber voller Sehnsucht nach Liebe.

 

Dann springen wir unmittelbar in das Jahr 1919. Coco Chanel besitzt bereits ein erfolgreiches Modeunternehmen. Durch ihr untrügliches Gespür für Eleganz und Stil und durch ihre unkonventionellen Ideen erlangt sie Berühmtheit. Als jedoch die Liebe ihres Lebens Boy Capel bei einem entsetzlichen Autounfall stirbt mit nur 38 Jahren, erlahmt jegliche Schaffenskraft. Coco verschließt sich vor der Welt und versinkt in Lethargie. Erst nach einer quälend langen Zeit der Trauer erinnert sie sich an den ursprünglich mit Boy zusammen entwickelten Plan, ein besonderes Parfüm zu entwickeln. Und genau diesen Plan beginnt sie akribisch zu verfolgen: Sie möchte einen ganz besonderen Duft, den Duft der Liebe, in Erinnerung an ihren Geliebten kreieren.

 

Das Buch beschreibt den nur kurzen Zeitraum von 1919 bis 1922. Und doch hat man das Gefühl, als sei das gesamte Lebensgefühl der Belle Epoque in das Buch eingefangen worden. Ein Lebensgefühl und eine Welt, Coco’s Welt, geprägt von zahlreichen Liebesaffären, von Begegnungen mit Ausnahmekünstlern wie Jean Cocteau, Igor Strawinsky, Pablo Picasso, und vor allen Dingen von intensiven Freundschaften  zu zahlreichen aus Russland emigrierten Angehörigen der Zarenfamilie wie zum Beispiel zum russischen Großfürsten Dimitri Pawlowitsch Romanow und seiner Schwester Marija Pawlowna Romanowa. Streckenweise brachte mich das Buch dem damaligen russischen Lebensgefühl sehr viel näher als dem französischen. Überhaupt besticht das Buch durch die mit viel Feingefühl und Sensibilität beschriebenen Schilderungen der menschlichen Begegnungen über Stand und Herkunft hinweg. Die aufwändige Recherche der Autorin führte zu der Gewissheit, dass es nur sehr wenige verlässliche Angaben zu Coco Chanel gibt. Umso höher ist die schriftstellerische Leistung von Michelle Marly zu bewerten, die einen solch dichten und intensiven Roman schuf, so nahe der historischen Wirklichkeit wie möglich, aber atmosphärisch gekonnt ausgeschmückt und damit mit Begeisterung zu lesen. Dass der Mensch Coco Chanel nach Lektüre des Romans immer noch in gewisser Weise ein Mysterium bleibt, ist nur vordergründig bedauerlich, denn indem das Buch mit der Entwicklung des Parfüms Chanel N° 5 der alles überdauernden Liebe ein geniales Denkmal setzt, verrät es ganz ohne Worte alles über das innerste Wesen von Coco Chanel.

 

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Tanja Wekwerth

Das Leben ist ein Seidenkleid

·         Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671637

 

Zum Träumen schön

 

Maja, alleinlebend, verträumt und sensibel, ist Änderungsschneiderin und Verkäuferin in der Damenbekleidungs-Abteilung eines Kaufhauses. Ihre hartherzige, gefühllose Vorgesetzte macht ihr das Leben schwer. Maja sitzt nächtelang über ihren Modeskizzen und schneidert besondere Kleider, erweckt Stoffe sozusagen zum Leben und hat ein unträgliches Gefühl für das „richtige“ Kleidungsstück für den „richtigen“ Menschen. Der Kaufhausalltag mit all der hässlichen Massenware macht Maja immer unglücklicher, trotzdem fehlt ihr der Mut und auch das Geld, um sich selbständig zu machen. Um ihre Kasse aufzubessern, fährt Maja am Wochenende Mittagessen für Senioren aus, wobei sie auch diese Arbeit mit viel Herz ausführt. Bei einer dieser Fahrten lernt sie Leonhard kennen, einen sehr traurigen und klugen alten Herrn. Die beiden freunden sich an, Maja fühlt sich von Leo verstanden und gewinnt mehr und mehr Selbstvertrauen, bis das Schicksal brutal zuschlägt… 

Die Autorin schreibt gefühlvoll, oftmals geradezu poetisch, niemals larmoyant. Die Protagonisten sind so individuell besonders und liebenswert dargestellt, dass man sich als Leser in ihrer Gesellschaft wohlfühlt und voll Verständnis und Einfühlungsvermögen der Geschichte folgen mag. Der Roman ist wunderbar zu lesen, man taucht ein in die Welt der glücklichmachenden Kreativität, man meint fast die Sprache der Stoffe hören. Man erlebt aber auch in nachvollziehbarer Weise das Zaudern, die Unsicherheit, die Angst, die Maja so lange schon davon abhält, zu ihrer eigentlichen Bestimmung zu finden. Und man erlebt, wie erst im gelingenden sozialen Miteinander Träume Wirklichkeit werden können. Ein schönes, zu Herzen gehendes Buch, leicht, aber nicht seicht, und lange nachwirkend. 

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Manuela Inusa

Der zauberhafte Trödellad

 

Taschenbuch: 336 Seiten

·        Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3734106255

 

 in Buch wie ein Sahnebonbon

 

Seufzend beende ich die Lektüre – was für ein schönes zu Herzen gehendes Buch!

 

Die 24-jährige Ruby hat von ihrer verstorbenen Mutter einen kleinen Antiquitätenladen in der Valerie Lane Street übernommen. Trotz aller Liebe, die sie in diesen Laden hineinsteckt und trotz des intensiven Gefühls, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Vorgeschichte der Räume verpflichtet zu sein, bleibt Ruby finanziell erfolglos. Die anderen Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane unterstützen sie, wo es nur geht, aber es scheint doch der Zeitpunkt zu kommen, an dem Ruby sich ernsthaft überlegen muss, wie ihre Zukunft aussehen soll…

Es war für mich das erste Buch der Autorin, und es war für mich eine Entdeckung in einem Genre, das ich bisher eher selten gelesen habe. Nach wenigen Seiten bereits fühlte ich mich den Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane Street zugehörig und nahm Anteil an ihrem Klatsch und Tratsch oder arbeitete mit ihnen an ihren Ideen. Vor allen Dingen aber fühlte ich mich zwischen ihnen und ihrer Gabe zur bedingungslosen Freundschaft sehr wohl und aufgehoben. Ruby wuchs mir ebenso ans Herz wie ihr durch großen Schmerz seltsam gewordener Vater oder wie Gary, der Obdachlose mit den traurigen Augen.  Die Autorin schreibt so herzerwärmend, dass sich im Leser ein wohliges Gefühl ausbreitet. Natürlich gibt es die beschriebene heile Welt nicht. Aber manchmal tut es einfach nur gut, dieser mit leichter und gekonnter Hand erzählten romantischen, gefühlsbetonten Geschichte zu folgen und sich mit diesem Buch ein paar Stunden Leichtigkeit und Wärme zu gönnen, so wie man sich auch einmal der Süße eines Sahnebonbons hingibt. 

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Tania Schlie

Der Duft von Rosmarin und Schokolade

 

       Taschenbuch: 304 Seiten

       Verlag: MIRA Taschenbuch

          ISBN-13: 978-3956497810

 

 

Kein Buch für die Fastenzeit

 

Sind Sie gerade dabei abzunehmen? Oder haben Sie den festen Vorsatz, während der Fastenzeit auf so manchen Genuss verzichten zu wollen? Dann kaufen Sie dieses Buch,  verstecken es ganz hinten im Bücherregal und holen Sie es erst wieder hervor, wenn Sie offen sind für Genuss, für das Schwelgen in Spezialitäten, in Gewürzmischungen  und deren exotischen Gerüchen, in allerlei Schleckereien …

Maylis Klinger arbeitet zuverlässig und fleißig in dem alteingesessenen Feinkostgeschäft Radke. Eigentlich ist Maylis eine großartige Köchin mit viel Gespür für das wirklich Gute, aber nachdem ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen verlassen hatte, lebt sie von Fastfood und kümmert sich nicht mehr um sich selbst. Da sie jedoch ihre recht unterschiedlichen Kunden großartig beraten kann und von diesen sehr geschätzt wird, möchte ihr Chef ihr das Geschäft eines Tages überschreiben. Doch Maylis ist sich unschlüssig, wohin ihr Weg sie führen soll…

 

Tania Schlie schreibt so intensiv bildhaft und mit allen Sinnen, dass man die teils skurrilen Kunden plastisch vor Augen hat. Man hat das Gefühl, selbst mitten im Laden zu stehen und an den lebendigen Gesprächen teilzunehmen, man glaubt, schnuppernd durch den Laden zu laufen, die unterschiedlichen Käsesorten zu kosten, von Marmeladenkreationen zu naschen und sich von Maylis‘ Rezeptvorschlägen inspirieren zu lassen. Die Autorin hat einen sinnlichen und rundum positiven Genuss- und Wohlfühl-Roman geschrieben, den zu lesen einfach nur guttut. Der Roman ist warmherzig, lichtbringend, vergnüglich und unterhaltsam. Mir kommt das Buch vor wie eine Aquarellzeichnung: zart, hingetuscht, ineinanderfließende Schattierungen, ohne jegliche Härte. Wunderbare leichte Unterhaltung.

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Eva Völler

Tulpengold

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3431040845

 

 

Reiche Welt der Bilder

 

 

Amsterdam, 1636. Im Hause des Malers Rembrandt von Rijn zieht als neuer Maler-Lehrling Pieter ein. Pieter ist ein ungewöhnlicher Mensch, heutzutage würde man ihm wohl das Asperger-Syndrom bescheinigen. Er nimmt alles wortgenau, bedenkt seine Antworten sehr lange, hat wenig Zugang zu Gefühlen und besitzt nicht nur großer Mal-Talent, sondern auch eine tiefe Begeisterung für alles, was sich mit mathematischen Formeln berechnen lässt.

 

Es ist die Zeit der Tulpen-Mania. Die Preise für Tulpenzwiebeln steigen und steigen, auch Rembrandt lässt sich davon anstecken. Bereits am ersten Tag seiner Lehrzeit sieht Pieter, wie ein Tulpenhändler auf dem Markt zusammenbricht und stirbt. Bleiwasser-Vergiftung! Im Laufe der Geschichte sterben weitere Tulpenhändler, allesamt Kunden von Rembrandt. Insofern gerät Rembrandt sehr schnell unter Verdacht. Pieter jedoch stellt ganz andere Berechnungen an… 

 

Historische Romane sind normalerweise nicht das von mir bevorzugte Genre. Oftmals sind sie überfrachtet mit Wissensvermittlung, mit Darstellungen von recherchiertem Wissen, und die Lesefreude tritt dadurch in den Hintergrund.

 

Ganz anders bei Eva Völler! Sie schreibt unglaublich bildhaft und fesselnd. Man spürt ihre gründlichen und intensiven Nachforschungen und Vorbereitungen, aber nicht anhand von theoretischem Beiwerk, sondern all ihr Wissen fließt ein in eine Bilderwelt, die sie gekonnt vor uns Lesern ausbreitet. Ich sah fasziniert Rembrandt über die Schulter, wie er besessen malte. Ich stand mit Pieter in der Kneipe und sah den biertrinkenden und diskutierenden Tulpenhändlern zu. Ich sah mit dem klaren und wohlwollenden Blick der Autorin einen Ausschnitt der Welt im 17. Jahrhundert, die Welt der Kunst, aber auch der Gefahren, der Habgier, der Eifersucht und immer wieder die Welt der Farben, des künstlerischen Arbeitens, oftmals nur um überleben zu können. Ich lernte Menschen aus dieser Zeit kennen, sympathische und unsympathische, wunderbar fein beschrieben in ihrem individuellen So-Sein. Der Leser wird dank der Autorin schnell vertraut mit ihnen, leidet mit ihnen, bewundert sie, hofft mit ihnen. Und so verführt uns Eva Völler, ohne dass wir es merken, in diesen besonderen Zeitabschnitt in Amsterdam, sodass wir uns beinahe als zugehörig empfinden und völlig das oftmals so als dröge belastete Wort „historisch“ vergessen. Dass auch gleichzeitig die Aufklärung mehrerer Morde zusätzlich Spannung in das Buch bringt, ist für mich ein dankbar angenommenes  Beiwerk.

 

Fazit: Ein spannend zu lesender, farbig-lebendig geschriebener Roman, der mir einen intensiven und plastischen Einblick in einen mir bislang fernen Zeitabschnitt und in die damalige Welt der Kunstschaffenden gewährte. 

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Petra Hartlieb

Wenn es Frühling wird in Wien

Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

ISBN-13: 978-3832198480

 

 

Klein und sehr fein

 

 

Wien, 1912. Im Haushalt von Arthur Schnitzler lebt Marie als Kindermädchen. Marie stammt aus einfachsten Verhältnissen, hat wenig Bildung, aber sie ist neugierig und hat vor allen Dingen, so jung sie auch ist, Herzensbildung. Die ihr anvertrauten beiden Kinder von Arthur und Olga Schnitzler betreut sie sehr liebevoll. Durch Zufall begegnet sie Oskar, einem mittellosen Buchhändler, und durch ihn lernt sie die Welt der Bücher, des Lesens, der Buchhandlungen kennen. Das zarte Pflänzchen der Zuneigung wächst…

 

Wir dürfen in diesem zauberhaften Buch durch das Schlüsselloch schauen in die Zeit der Belle Èpoque in Wien, in den durchaus herrschaftlich geführten Haushalt von Arthur Schnitzler und seiner Familie. Und wir schauen auch auf das klaglose Leben der Dienstboten. Ich war hingerissen von der Fähigkeit des Staunens bei Marie, von dem arbeitsamen, aber gerechten Miteinander im Hause Schnitzler. Ich erlebte mit ihnen intensiv  all ihre kleinen und großen Erlebnisse, ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre Unsicherheiten und Glücksgefühle. Und ebenso hingerissen war ich von den Schilderungen der Welt der Wiener Buchhandlungen in jener Zeit und der Liebe zu Büchern, von der Verführung zum Lesen.

 

Petra Hartlieb schreibt unaufgeregt und fein beobachtend. Und noch viel wichtiger: sie schreibt mit dem Herzen. Der Leser entwickelt ganz konkrete innere Bilder beim Lesen, und das liegt nicht nur an der bildhaften Erzählweise, sondern auch an der sorgfältigen Recherche-Arbeit der Autorin, die ganz unauffällig in den Text hineinfließt, ihn aber so authentisch macht.

Fazit: Ein liebevoll gezeichnetes kleines und sehr feines Zeitbild, das hoffentlich eine Fortsetzung erfährt. 

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Monika Detering

Der Sommer des Raben

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 200 Seiten

Verlag: edition oberkassel

ISBN: 978-395813-1170

 

 

 

Ein Buch wie Bitterschokolade

 

 

 

Es fällt mir schwer, diesem kleinen großen Roman gerecht zu werden.

 

Da gibt es eine klare Handlung: Felix stirbt durch einen unglücklichen Unfall und Siri, seine Lebensgefährtin, erlebt die dunkelste Zeit ihres Lebens. Sie flieht in ohnmächtiges Verharren, lässt andere bestimmen, gewährt dem inneren Stillstand und aufblitzenden Erinnerungsbildern sehr viel Raum. Schließlich nimmt sie, von Beruf Agentin für Puppenexponate, die von Felix begonnene Suche nach der Raben-Marionette Havran aus der weltberühmten tschechischen Werkstatt Spejbl & Hurvinek wieder auf, und mit dieser geradezu besessenen Suche beginnt sich auch ihr inneres Leben wieder in Bewegung zu setzen.

 

Mir war beim Lesen dieses Buches meistens kalt. Die beschriebene Trauer fiel mich an wie eine plötzliche Erkältung. Und Siri’s ergebenes Stillhalten ließ auch mich erlahmen. Die sehr detailgenau erzählte Welt der Marionetten war einerseits faszinierend, andererseits blieben die Puppen und Marionetten und Raben im gesamten Buch leblos. Ursprung und Besitz, ja – aber an keiner Stelle des Buches wurden sie zum Leben erweckt, nahm sich ein Puppenspieler ihrer an und hauchte ihnen Persönlichkeit ein. Und so fühlte ich mich auch beim Lesen: An den Fäden der Autorin hängend, ihrer erzählten Geschichte folgend, aber ohne eigenes Leben. Hingerissen von ihrem intensiven, feinsinnigen Schreibstil, in dem sich eine nüchterne, fast abgehackte Schreibweise mit Stellen von lyrischer Schönheit abwechselt. Übrig bleibt mir vom Buch der Geschmack von Bitterschokolade – süß und bitter gleichermaßen.

 

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Ralf H. Dorweiler

Das Geheimnis des Glasbläsers

Taschenbuch: 576 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3404176274

 

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren

 

 

 

Besser geht nicht

 

Anno Domini 1452 bekommt Kaiser Friedrich III. im Heiligen Römischen Reich als Geschenk anlässlich seiner Hochzeit Glas geschenkt, durchsichtig wie Wasser. So etwas Reines hatte er noch nie gesehen, denn bislang gab es nur grünliches Waldglas. Er entsendet Simon den Glasbläser nach Venedig, damit er ihm von dort die geheime Rezeptur des Kristallglases bringt.  Begleitet wird der etwas unbedachte Simon von Ulf, einem sanften Riesen mit schlichtem Gemüt, und der Eselin Lilly. Nach einer gefahrvollen Reise über die Alpen und nach Ankunft in Venedig warten eine Fülle weiterer gefährlicher Abenteuer auf Simon und Ulf. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen, eine Bordellbesitzerin erweist sich als ungewöhnlich hilfreich und ein wunderschönes Mädchen lässt Simon fast seine eigentliche Mission vergessen. Die Schlacht um Konstantinopel bringt die entscheidende Wende…

Historische Romane gibt es unzählige. Dick sind sie meistens. Mal mehr mal weniger gut recherchiert sind sie. Mal mehr mal weniger gut lesbar sind sie. Sie werden geliebt, weil man als Leser abtauchen kann in eine Zeit, die es wirklich gab, die aber für den Leser so fern ist wie eine fremde Galaxie. Noch nie jedoch habe ich bisher je einen historischen Roman gelesen, der mich so atemlos machte, der mich fiebernd Seite um Seite verschlingen ließ, der mich aufs Intensivste um die Protagonisten zittern ließ, der mich ins Schlachtgetümmel schickte, dass mir Hören und Sehen verging und mich schließlich völlig erschöpft das Buch schließen ließ in der Gewissheit, dass der Kampf um Geld und Macht ein sinnloser ist.

 

Ich bin hingerissen von der Faszination dieses Buches, vom kraftvollen Schreibstil des Autors, der mich mit allen Sinnen das Geschehen miterleben ließ, als sei ich dabei. Ich bin begeistert von der farbenprächtigen fulminanten Geschichte:  Märchen, Abenteuer, Historie perfekt miteinander verwoben. Großartig, wie es dem Autor gelungen ist, sorgfältigste Recherche-Arbeit so direkt in die Handlung einfließen zu lassen, dass das Buch nicht eine einzige Zeile der besserwisserischen Langeweile enthält. Für mich ist dieser historische Roman der spannendste und lebendigste, den ich je gelesen habe. 

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Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608981230

 

 

 

Reise ohne Ankunft

 

  

1942 torpediert ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff, auf dem sich der 27-jährige Ulrich Alexander Boschwitz befindet. Boschwitz wird dabei getötet. Am Körper trägt er sein zuletzt verfasstes Manuskript. Der Herausgeber Peter Graf beschreibt in seinem bewegenden Nachwort, wie das unbearbeitete Typoskript „Der Reisende“ als eines der frühesten literarischen Dokumente der deutschen Gräuelzeit zu ihm fand, ein Manuskript, in dem der junge Boschwitz in nur 4-wöchiger Niederschrift Teile seiner eigenen Familiengeschichte eingearbeitet hatte als Versuch, gegen die Ohnmacht anzuschreiben.

 

Hilflos  muss der jüdische Kaufmann Otto Silbermann zusehen, wie sein bisher durchaus behagliches Leben innerhalb von Minuten aus den Angeln gehoben wird. Die Novemberprogrome zwingen ihn, von jetzt auf gleich aus seiner Wohnung, aus seinem gewohnten Leben zu fliehen und nicht nur seine arische Frau, sondern auch alle Insignien des Wohlstands zurückzulassen. Ein letztes Geschäft mit seinem windigen Geschäftspartner, einem Spieler, bringt ihm eine Aktentasche voll Geld. Doch wo soll er nun hin, mit seiner Aktentasche? Bleiben, egal wo, ist für Silbermann nicht mehr möglich. Unterwegs muss er sein, immer unterwegs. Und so fährt er in Zügen kreuz und quer durch Deutschland, seine Pläne immer wieder verwerfend und die Reiserichtung wieder und wieder ändernd. Seine von uneingestandener Angst getriebene Ruhelosigkeit führt zu absurden Handlungen. Phantasien, Kindheitserinnerungen, Mutmaßungen durchsetzen sein Denken. Es ist ein Herumdenken an Unwesentlichem, das seine ratlosen Zögerlichkeiten unterstreicht.  Er begegnet Menschen aller Ausprägung in diesen Zügen, er beobachtet sie, führt merkwürdige Gespräche, bildet sich eigenwillige Urteile und hat doch letztlich nur eines im Sinn: sich selbst und seine Flucht nach nirgendwo.

  

Unfassbar, dass der Autor zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches erst 23 Jahre alt war. Das Buch ist ein reifes, ein eindringliches Zeitdokument. In größter Intensität wird anhand der nicht endenden Reise des Otto Silbermann ein Karussell der Ausweglosigkeit geschildert, ein Zustand von Ratlosigkeit, ja Fassungslosigkeit, von Misstrauen und  angstvoller Planlosigkeit, von uneingestandenem Entsetzen. Die Eindringlichkeit, in der der Autor schlicht-beobachtend, geradezu nüchtern erzählt, lässt den Leser bis ins Tiefste erschauern und so eine Ahnung bekommen von einer Zeit, in der das immanent Böse im Menschen offen zutage trat.

 

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 Eva Stachniak

 Die Schwester des Tänzers

 Taschenbuch: 570 Seiten

 Verlag: Insel Verlag

 ISBN-13: 978-3458363101

 Originaltitel: The Chosen Maid

 

  

 

Ein historischer Roman in Perfektion

 

 

 

Wenig Ahnung hatte ich von klassischem Ballett. Ich wusste auch nicht viel über die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland, schon gar nicht über das Leben der Künstler dort zu dieser Zeit. Nach Lektüre des Romans glaube ich, ein klein wenig mehr zu verstehen von Ballett und freiem Tanz, aber auch vom ballettverrückten Russland in seinem politischen Hin- und Hergeworfen-Sein Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Buch regte mich zu weiteren Nachforschungen an, insbesondere die vorhandenen Filmsequenzen des Nijinski-Balletts, die filmischen Dokumente von Waslaw und Bronislawa Nijinky, zeigten mir, wie perfekt es Eva Stachniak gelungen ist, das Ringen um künstlerischen Ausdruck im Roman erfahrbar zu machen.

 

Für die Wiedergabe des Buchinhalts benötigt man eigentlich mehrere Seiten, ich versuche es mit einem einzigen Satz: Während der Überfahrt nach Amerika im Jahr 1939 hält die international renommierte Ballerina und Choreographin Bronislawa Nijinsky Rückschau auf ihr bisheriges sehr bewegtes Leben.

 

Wir erleben die Kindheit und Jugend der Bronislawa Nijinsky im Schoß ihrer ballettverrückten Familie,  ihren mühevollen künstlerischen Werdegang, lange im Schatten ihres berühmten und exzentrischen Bruders Waslaw stehend. Wir erfahren vom  hohen künstlerischen Anspruch, vom Ringen um die „richtigen“ Bewegungen, vom  Wandel vom klassisch strengen Ballett hin zum freien Ausdruckstanz. Wir erleben die politisch wechselvollen Zeiten von 1900 bis 1939, nicht nur in Russland, und die teils verheerenden Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen. Wir reisen von Petersburg ausgehend durch die Welt, wir begegnen großen Künstlern der Zeit und erleben hautnah das verzweifelte Kämpfen um ein gelingendes Leben trotz vieler schwerer Schicksalsschläge. Bronislawa Nijinsky lernen wir kennen als schicksalsergeben, liebevoll und bescheiden einerseits, als begnadete Künstlerin mit großen Visionen, stark und eigenwillig andererseits.

 

Eva Stachniak hat als Grundlage für diesen Roman die Early Memories der Tänzerin und eine Fülle an biographischem Material, archiviert in der Kongressbibliothek, Washington, herangezogen. Entstanden ist ein Roman, wie er intensiver, farbiger und bewegender gar nicht sein könnte. Zwar bleibt die Ich-Erzählerin Bronislawa als Mensch nicht wirklich greifbar, nur selten schimmern ihre eigenen Gefühle durch. Aber genau dadurch erleben wir quasi durch ihre Augen unverfälscht ihre Sicht auf die Welt, ihr reiches, gefeiertes, aber auch tragisches, entbehrungsreiches Leben in einer höchst wechselvollen Zeitgeschichte, hinreißend erzählt. Ein historischer Roman in einer großartigen Mischung aus historischer Wahrheit und schriftstellerischer Fantasie.

 

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Sarah Dunant

Die letzte Borgia

Broschiert: 522 Seiten

Verlag: Insel Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3458363194

 

Originaltitel: In the Name of the Family

 

 

 

 

Ein Buch wie eine Gemäldegalerie

 

 

Ich fühlte mich beim Lesen des Buches wie die Besucherin eines Museums mit historischen Gemälden, mit geschönten oder entlarvenden Konterfeis sich bedeutend fühlender Persönlichkeiten. Ich sah die Gemälde an und ging weiter – und nichts davon berührte mich. Zwar bewunderte ich die Kunst des Malers, aber von den Personen erfuhr ich nur Äußerlichkeiten. Ich erfuhr vom modischen Schnitt geschlitzter Ärmeln vielleicht etwas oder ich sah feinste lederne Handschuhe für feingliedrige Hände vor mir. Doch die Menschen, ihre innersten Beweggründe, ihre Sehnsüchte und Träume, ihre wahren Gefühle blieben mir lesend verborgen.

 

 

 

Erzählt wird uns vom schillernden Leben der Lucrezia Borgia, der unehelichen Tochter des Papst Alexander. Auch wenn der Fokus auf Lucrezia liegt, so holt doch Sarah Dunant erzählend weit aus, um die Komplexität der Familienverbandelungen der Borgias einigermaßen transparent zu machen. Macht und Habgier, Intrigen, Gerüchte, Mord und Orgien, aber auch Schönheit und Liebe – nichts wird ausgespart in diesem farbigen mittelalterlichen Bilderbogen. Lebendig geschrieben, fesselnd erzählt. Aber mich nicht wirklich berührend.

 

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Nickolas Butler

Die Herzen der Männer

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608983135

 

 

Literarische Herzsuche

 

 

 

„Die Herzen der Männer“ – ja, sie sind zu finden in diesem Buch. Man bahnt sich 480 Seiten lang schier endlos scheinende Wege durch einen Urwald von Gewalt, von Abwehr und gnadenloser Härte. Und während man sich innerlich bereits abgewendet hat, entrüstet oder angeekelt ist, blitzt es plötzlich hervor, so ein Männerherz, so weich, so verletzlich, dass es den Leser im Tiefsten berührt.

 

 

Zentrum des Geschehens, der Rote Faden im Buch,  ist ein Pfadfinder-Lager in Wisconsin. Im Jahr 1962 lernen wir Nelson kennen, einen traurig-einsamen Jungen, dessen Intelligenz und Perfektionsdrang seine gesamte Umwelt auf Abstand hält oder sie herausfordert zu Quälereien sondersgleichen. „Ich muss klüger sein als die.“ Mit diesem Ansporn rückt er noch weiter weg von den anderen. Er ist auf eine ganz altmodische Weise ganz und gar rechtschaffen. Alle Prügel seines Vaters konnten daran nichts ändern. Jonathan ist der einzige Jugendliche, der auf versteckte und doch tröstliche Weise zu Nelson hält.

 

1996, gute 30 Jahre später leitet Nelson, der im Vietnamkrieg im Einsatz gewesen war, das Pfadfinder-Lager. Jonathan’s Sohn Trevor nimmt daran teil. Im Verlauf dieses Lageraufenthaltes lernt Trevor seinen Vater von einer Seite kennen, die seine heile Familienwelt-Vorstellung brutal zerstört.

 

2019 befinden wir uns wieder im gleichen Pfadfinder-Lager, in dem der alte Nelson inzwischen dauerhaft lebt. Dieses Mal lernen wir Thomas kennen, den Sohn von Trevor. Die moderne Zeit lässt das Pfadfinder-Leben fast lächerlich wirken. Das Ende dieses Sommer-Camps ist symbolhaft…

 

Die unglaublich intensive Sprache des Autors fängt den Leser ein und lässt ihn nicht mehr los. Sie trägt den Leser zum Beispiel durch die grenzenlose Einsamkeit eines Nelson, ohne Chance des Entkommens. Oder durch in Rückblicken angerissene Szenen vom  Krieg, von erlittenen Grausamkeiten, die von den Vätern unreflektiert hart an die Söhne weitergegeben werden. Man möchte sich abwenden, will nichts mehr lesen vom schicksalhaften Gefangensein in liebloser Strenge. Man hat genug von den verzweifelten und letztlich vergeblichen Bemühungen, ein wenig Glück zu erhaschen. Aber die Sprache lässt dieses Abwenden nicht zu. Mitten im  Berichten abscheuungswürdigen Geschehens gibt es plötzlich Naturschilderungen von atemberaubender Schönheit oder eingestreute kleine Momentaufnahmen aufblitzenden liebenden Verstehens, winzige Augenblicke nur. Aber dennoch sind es Blicke mitten ins Herz, in das Herz von Männern, in vom Leben beschädigte, verletzte Seelen.

 

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Cornelia Wriedt

Altes Haus und neues Glück

Taschenbuch: 311 Seiten

Verlag: Independently published

ISBN-13: 978-1973169932

 

 

Nett erzählt, aber…

 

 

 

Allem voran: Es handelt sich um ein Buch, in dem es nur so wimmelt von Rechtschreibfehlern, Satzzeichenfehlern, Grammatikfehlern. Und dazu noch zu einem Fehler in der Satzherstellung, nämlich merkwürdige Unterstriche und/oder Striche an der Zeilenaußenseite. Das gesamte Buch wirkt dadurch unlektoriert, unkorrigiert und schlampig gemacht. Muss das wirklich sein?

 

Die Handlung ist schnell erzählt: Alexandra hat ihre Wohnung in Berlin gekündigt, ihre Stelle aufgegeben und ein kleines Häuschen in der Prignitz gekauft, in Erwartung, dort mit ihrem Freund leben zu können. Der Freund fährt sie hin, bricht einen Streit vom Zaun und lässt sie wenige Stunden später zwischen ihren Taschen und Kartons sitzen. Ein vergeblicher Versuch, den Hauskauf rückgängig zu machen und die zunehmende Erkenntnis, dass ihr Freund sie nur benutzt hatte, lässt sie langsam begreifen, dass sie – zumindest vorerst – keine andere Wahl hat, als sich halbwegs wohnlich einzurichten, insbesondere da sie nahezu mittellos dasteht. Die Zeit vergeht und Alexandra lernt nach und nach hilfreiche Menschen kennen, bekommt einen Job und nahezu unbemerkt von ihr selbst beginnt sie, ihr Leben in der ländlichen Abgeschiedenheit lieb zu gewinnen. Doch dann geschieht Einiges, das alles in Frage stellt…

  

Eine nette Geschichte, zusammengesetzt aus teils recht unglaubwürdigen Komponenten, nett erzählt, nett zu lesen – gäbe es nicht diese unselige Fehlerflut! Die vergrault auch den wohlwollendsten Leser.

 

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Ulrike Renk

Die Jahre der Schwalben

Taschenbuch: 560 Seiten

Verlag: Aufbau Taschenbuch

ISBN-13: 978-3746633510

 

 

Zeitgeschichte gut lesbar verpackt

 

Leider kenne ich den ersten Band „Das Lied der Störche“ nicht. Das machte mir zwar keine Probleme beim Einstieg in den Roman „Die Jahre der Schwalben“, aber ich hätte im Nachhinein doch sehr gerne mehr über die Geschehnisse vor Beginn des zweiten Bandes erfahren, insbesondere da ja die Grundlage der Romane die wahre Lebensgeschichte der Friederike Wilhelmine von Plato und deren Familienmitglieder ist. Das Nachwort der Autorin offenbart, wie klug sie Wahres und Fiktives zusammengefügt hat und wie viel mühsame Recherchearbeit in der Schilderung von Örtlichkeiten und zeitlichen Gegebenheiten liegt. Mein Tip also vornweg: Lesen Sie alle drei Bücher dieser groß angelegten und bewegenden Ostpreußen-Saga!

 

Der vorliegende Band beginnt mit dem Jahr 1930 und endet im November 1944. Frederike’s Mann Ax ist schwer an Tuberkulose erkrankt und stirbt schließlich. Die blutjunge Frederike ist deshalb gezwungen, die Führung des riesigen Gutes Sobotka zu übernehmen, eine schwere Last. Ernsthaftes Pflichtbewusstsein und die für einen so jungen Menschen typischen Lebensträume stehen in stetem Widerstreit. Frederike wählt den Weg der Pflicht und lernt immer mehr, ihren Aufgaben als Gutsherrin gerecht zu werden.  In Gebhard findet sie schließlich den verlässlichen und kompetenten Mann an ihrer Seite. Trotz des Vormarsches der NSDAP, der zunehmenden Zukunftsängste, der Atmosphäre von Misstrauen und Verrat und schließlich der Kriegswirren mit all seiner Not, verliert Frederike letztlich nie die Zuversicht.

 

Das Buch versteht es, den Leser von Anfang bis Ende zu fesseln. Es schildert so detailreich und farbig das Gutsleben und seine Bewohner, dass man das Gefühl hat, das alltägliche Leben mit ihnen zu teilen, mit ihnen zu arbeiten, mit ihnen am Essenstisch zu sitzen und alle stillen, aber auch einschneidenden  Momente des Lebens in direkter Weise mit ihnen gemeinsam zu erleben. Die politische Entwicklung dieser Jahre bewegt die Menschen und wir erfahren, wie blindes und denunziantes Mitläufertum, aber auch geheimer Widerstand wachsen. Die Angst vor einer ungewissen Zukunft liegt über allem…

 

Das Buch ist ein fesselnder Roman, packend, detailreich, romantisch und realistisch gleichermaßen. Gerade durch die fesselnde Erzählweise wird der geschilderte Zeitausschnitt in seiner brisanten politischen Entwicklung und den Folgen auf das Alltagsleben der Menschen hautnah, geradezu beängstigend nah erfahrbar. Absolut lesenswert!

 

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KJ Weiss

Namenlose Angst

Taschenbuch: 324 Seiten

Verlag: Books on Demand

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3746030067

 

 

Schwere Kost – großartig geschrieben

Das Buch habe ich an zwei Tagen gelesen. Ohne Erholung. Ohne Chance mich zu distanzieren. Ich bin eingetaucht in einen Albtraum, wie er schlimmer nicht sein könnte und wie man es sich als Mensch, der etwas dergleichen nicht erlebt hat, gar nicht vorstellen kann.

Lara Caspary ist eine junge, lebenslustige, unbefangene und tüchtige  Frau. Bis ein psychopathischer Triebtäter sie auf dem Weg zum Auto auf dem Parkplatz in seine Gewalt bringt, sie eine Woche lang festhält und die grausamsten, abstoßendsten und  perversesten Spielchen mit ihr treibt. Lara gelingt schließlich die Befreiung, indem sie den Täter einen Abhang hinunterstößt. Doch damit ist nichts wirklich gewonnen, denn der Täter entkommt und Lara lebt in der Folge wie herauskatapultiert aus ihrem bisherigen Leben und gefangen in  Ängsten und Albträumen, lethargisch-zurückgezogen. Viele Monate später, als eine weitere Entführung geschieht, die eindeutig dem gleichen Täter zugeordnet werden muss, erwacht in Lara eine grenzenlose Wut und damit neue Kraft…

Die Erzählweise in Ich-Form ist klug gewählt, denn damit rückt die Handlung sehr nahe an den Leser heran. Überaus lebendig wird erzählt, in welche dunkle Welten jemand stürzt, dem Gewalt angetan wurde. Alle Facetten des Verletzt-Seins, des Verlusts des Urvertrauens, des Misstrauens in alles und jeden wird so detailliert und ausführlich geschildert, dass man als Leser dem Entsetzen nicht entkommen kann. Man bekommt tiefste Einblicke in eine Seele, die fast zerbrochen wäre am Erlittenen. Dafür lässt die Autorin der Protagonistin viel Raum, man möchte fast meinen zuviel Raum. Denn wer solch ein Trauma nicht erlebt hat und sich nur lesend damit auseinandersetzt, hat Grenzen des Einfühlens, Grenzen des geduldigen Lesens, möchte zupacken, unterstützen, möchte die Handlung und damit die Bewältigung des Entsetzlichen voran treiben. Die Autorin jedoch lässt uns den sehr realistischen Weg einer Begleitung gehen: Das Kreisen um das Geschehene, wieder und wieder, geradezu emotionslos, das Verschließen vor der Welt, vor den Menschen, und wieder neuerliches Kreisen im Erlittenen, als Opfer – das muss der Leser ertragen. Obwohl man sich als Leser unerträglich lange in der zerbrochenen Welt von Lara bewegen muss, liegt über den vielen Seiten eine leise Spannung. Man kann nicht aufhören zu lesen, getrieben von der Hoffnung, dass Lara einen Weg finden wird aus ihrem inneren Gefangen-Sein. Unter welch dramatischen Umständen dieser Weg seinen Anfang nimmt, ahnt der Leser jedoch nicht.

Fazit: Schwere Kost – großartig geschrieben.

 

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Torsten Seifert

Wer ist B. Traven

Gebundene Ausgabe: 269 Seiten

Verlag: Tropen

ISBN-13: 978-3608503470

 

 

 

Ein Schwarz-Weiß-Film in Buchdeckeln

 

 

 

 

 

Zur Einstimmung habe ich mir den alten Schwarz-Weiß-Film „Der Schatz der Sierra Madre“ von aus dem Jahr 1948 angesehen und war einigermaßen überrascht, hinter der Fassade einer Mischung aus Western- und Abenteurer-Handlung die Entlarvung des ewig Gültigen zu finden: Nämlich die Wahl, die dem Menschen grundsätzlich gegeben ist. Entweder der Gier nach Besitz, die vor nichts zurückschreckt, nachzugeben oder einer inneren Bereitschaft zu helfen, vielleicht sogar um jeden Preis, zu entsprechen. Im Buch fehlte mir etwas die Auseinandersetzung mit den Werken von B. Traven. Aber hier hatte ich vielleicht auch falsche Erwartungen.

 

Nun, ich beginne das Buch zu lesen und habe sofort das Gefühl, in einem alten Kino zu sitzen, der dunkelrote Samtvorhang öffnet sich, laute, etwas blecherne  Filmmusik beginnt und auf der Leinwand entsteht Szene um Szene, kurze intensive Sequenzen.

 

Der Film, sorry das Buch, spielt Ende der 1940er Jahre in Hollywood. Leon Borenstein ist ein durchaus erfolgreicher Journalist in Hollywood und erhält von seinem Chef  den Auftrag, sich auf die Suche nach B. Traven zu machen, d. h. dessen Pseudonym zu lüften. In Mexiko wird gerade sein überaus erfolgreicher Roman „Der Schatz der Sierra Madre“ verfilmt, und zwar mit Humphrey Bogart. Zu dieser Filmcrew wird Borenstein entsandt.  Zwar spielt Borenstein durchaus erfolgreich Schach mit Humphrey Bogart, aber über B. Traven erfährt er nichts. Eine neue Spur lockt ihn ins zerbombte Wien, aber auch von dort bringt er keine wirklichen Erkenntnisse mit. Die Rückkehr Borenstein’s nach Mexiko bringt ihm intensive Erlebnisse in vielerlei Hinsicht…

 

Als sich der Samtvorhang wieder schließt und es hell wird im Kino, erwache ich aus dem soeben erlebten wilden Bilderreigen, fühle mich, als käme ich von einer langen Reise zurück, als hätte ich zahlreiche Abenteuer erfolgreich bestanden und wüsste nun endlich etwas mehr als zu Beginn des Films resp. des Buches.

 

Der Roman ist eine gekonnte Mischung zwischen Wahrheit und Phantasie und äußerst spannend zu lesen. Er mäandert zwischen realem, gut recherchiertem Geschehen und erdachter Handlung. Er ist ein Liebesroman ebenso wie ein Abenteurerroman. Es enthält politische Fragen ebenso wie großartige Beobachtungen von Land und Leuten. Man erlebt hautnah die ganz besondere Atmosphäre der Filmwelt Hollywoods. Man sitzt in den übelsten Spelunken ebenso wie in der Stierkampfarena. Es wird uns in intensiven, üppigen Bildern eine Geschichte erzählt, die nicht nur Cineasten in ihren Bann ziehen dürfte. Darauf „un otro tequila, por favor!“

 

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Sasha Marianna Salzmann

Außer sich

Gebundene Ausgabe: 366 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag

ISBN-13: 978-3518427620

 

 

 

Lesen darf doch keine Qual bereiten?

 

Auf dieses Buch war ich neugierig. Worauf ich jedoch nicht gefasst war: Dass ich allergrößte Mühe hatte. Mehrere Anläufe des Lesens und Weglegens, streckenweiser Faszination, dann wieder kopfschüttelnden Unverständnisses wechselten sich ab. Und so blieb es leider über die Wochen hinweg. Bis ich aufgab… Insofern ist diese Rezension keine Rezension, sondern ein Bericht meines persönlichen Scheiterns.

 

„Sie sind zu zweit, von Anfang an, die Zwillinge Alissa und Anton. In der kleinen Zweizimmerwohnung im Moskau der postsowjetischen Jahre verkrallen sie sich in die Locken des anderen, wenn die Eltern aufeinander losgehen. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul – ohne Text, ohne Absender. In der flirrenden, zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche – nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.“

 

Soweit der Klappentext, der mein Interesse geweckt hatte. Was aber fand ich im Buch? Verwirrende Abfolgen von Szenen, aus wechselnden Perspektiven und wechselnden Zeiten geschildert. Es gelang mir nicht, diese kreuz und quer ausgekippten Mosaiksteinchen zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen. Und wer ist Alissa, wer ist Ali, sind sie zwei oder eines? Sind es reale Menschen oder fiktive Selbstbilder? Die Last der politischen Gegebenheiten, des Judentums, des Fremd-Seins im Inneren wie im Äußeren sind weitere Aspekte im Verwirrspiel dieses Buches.

 

Anspruchsvolle Literatur lese ich gerne. Für dieses Buch jedoch bin ich offensichtlich nicht klug genug. Das Lesen war eine Qual. Und für diese Qual ist mir meine Lebenszeit zu kostbar.

 

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Petra Schier

Kleiner Streuner, große Liebe

Taschenbuch: 304 Seiten

Verlag: MIRA Taschenbuch

ISBN-13: 978-3956497513

 

 

Zauberhafter Weihnachtszauber

 

Ein halb verhungerter, kleiner Hund, von seiner bisherigen Pflegefamilie gnadenlos „entsorgt“, schleppt sich mit letzter Kraft vor die Sozialstation, in der Eva sehr engagiert mitarbeitet. Eva, die ein großes Herz hat – für andere, nicht aber für sich selbst – adoptiert sofort den süßen Hund und päppelt ihn auf. Dabei benötigt sie zwangsläufig die Hilfe von ihrem Ex André, einem ehemals sehr erfolgreichen Koch. Der Weihnachtsmann und seine Elfen müssen per Monitor zuschauen, wie Eva bei jeder Begegnung mit André sämtliche Stacheln aufstellt, obwohl André alles versucht, Eva zurückzugewinnen. Da bleibt Santa und seinen Elfen nichts anderes übrig, als ein klein wenig Weihnachtszauber anzuwenden…

 

Nicht umsonst zeigt uns das Titelbild nicht Eva, nicht André, nicht den Weihnachtsmann, sondern einen bezaubernden kleinen Hund, denn tatsächlich ist „Socke“, wie der Findling genannt wird, der uneingeschränkte Held in dieser Geschichte. Seine Hundegedanken, in kursiv in den Text eingestreut, sind so herzerwärmend süß wie das Bild auf dem Cover. Überhaupt ist das ganze Buch nichts anderes als gefühlvoll, liebevoll, mal heiter, mal ernst. Es gibt im gesamten Buch nichts wirklich Negatives, nichts wirklich Böses. Selbst die so schwierige Annäherung zwischen Eva und André wirkt letztlich wie zuckerüberstäubt. Die Überzeichnung der Charaktere in ihrem Gut-Sein geht zugegebenermaßen bis an die Grenze, gerade noch kurz davor, in den Kitsch abzugleiten. Doch die Autorin behält diese Grenze perfekt im Auge und schenkt uns so ein rundum glitzerndes, romantisches Weihnachtsmärchen, dessen Lektüre wir mit einem wohligen Seufzer beenden und uns fühlen, als hätten wir soeben in bester Gesellschaft duftenden wärmenden Glühwein getrunken.

 

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 Markus Orths

 Max

 Gebundene Ausgabe: 576 Seiten

 Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

 ISBN-13: 978-3446256491

  

 

Ein grandioses Buch

 

„Ich male Bilder, die es nicht gibt, Bilder, wie ich sie aber sehen möchte.“ Leonor Fini

 

Max Orth malt im vorliegenden Buch eines dieser Bilder, die es so nicht gibt, die man aber als Leser so gerne sehen möchte, voyeuristisch angehaucht vielleicht, zu erlesendes Wissen erhoffend. Der Autor öffnet mit diesem Buch ein Fenster, er zeigt einen Ausschnitt der Welt in einer ausufernden Zeit rund um Max Ernst, aber eben nur einen Ausschnitt, bewusst durch die Begegnungen mit sechs ausgewählten Frauen diesem gewählten Ausschnitt einen Rahmen gebend. Sechs Frauen, sehr junge, exzentrische Frauen, die von Max Ernst ausgesaugt werden teilweise bis zur völligen Zerstörung, bis zum Verfall der eigenen Persönlichkeit.  Die eigensinnige und eigenwillige surrealistische Malerin Leonor Fini, die allen Dogmen ablehnend gegenüberstand, begegnete Max Ernst ca. 1937 in Paris und war eine seiner unzähligen Affären, widersetzte sich jedoch aufgrund ihrer Stärke und Selbstbezogenheit erfolgreich dem Sog der Selbstaufgabe und fand bis auf eine winzige Erwähnung keinen Eingang in das Buch.

 

Wir erleben Max Ernst im Buch nur ganz selten „Auge in Auge“. Wir müssen ihn uns aus den verschiedenen Prismen der sechs Frauen zusammensetzen, und unser Blick auf Max Ernst wird zusätzlich gefärbt von unserem persönlichen Denken, unseren Erfahrungen, unseren moralischen Urteilen. Markus Orth lässt uns die Freiheit, unser eigenes Bild von Max Ernst entstehen zu lassen. Das mag irritieren, da wir gewohnt sind, Festgefügtes zu konsumieren und es als „Wissen“ abzuspeichern. Und genau hier liegt eine der grandiosen Seiten des Buches: Wir vermeinen, nach der Lektüre des Buches mehr über Max Ernst zu wissen, sind aber vielleicht doch nur durch Spiegelbilder verführt worden, unsere eigene Moralvorstellungen anzuschauen. Max Ernst bleibt unfassbar genial, unfassbar groß, unfassbar narzisstisch, unfassbar eben.

 

Der Autor schreibt an einer Stelle über Bilder von Geisteskranken, dass sich die Werke jeglicher Beurteilung entzogen, „man war vor den Kopf, vor die Seele gestoßen.“ Genauso fühlte ich mich stellenweise beim Lesen dieses unglaublichen Buches: vor den Kopf, vor die Seele gestoßen. Und manchmal steht der Autor selbst da wie der im Buch beschriebene Soldat, der aus dem Schützengraben klettert, einen Stock aufhebt und die um ihn herum fliegenden Granaten dirigiert, wobei der Autor nicht Granaten, sondern Wörter, Wortbilder dirigiert. Geduld braucht der Leser, denn die teils verstörende Sprache, in der über Max und andere erzählt wird, fordert Aufmerksamkeit, Nachspüren, Nachfühlen. Und genau in dieser Sprache liegt die weitere Genialität des Buches. Ein wahnwitziges Leben, eine wahnwitzige Zeit, ein wahnwitziger Künstler – und ein Autor, der eine unglaubliche Fähigkeit besitzt, all diesen Wahnwitz in atemlose Sätze, in surreale Wortbilder, in expressionistische Bildsprache zu packen, sodass nicht nur der Maler Max Ernst in seiner Besessenheit, in vielen Facetten seiner narzisstischen Persönlichkeit vorstellbar sind, sondern auch ein Zeitgemälde entsteht, das plastischer nicht sein könnte. Bei Öffnen des Buches springt uns eine aus den Fugen geratene Welt entgegen, die zu verstehen uns der Autor hilft. Die Welt der Künstler in ihrem Sich-selbst-Genügen, im Abheben in surreales Handeln und Denken. Immer wieder wurde ich beim Lesen auch an Else Lasker-Schüler und ihre intensive expressionistische Sprache erinnert.

 

Vielleicht macht es Sinn, dieses Buch (mindestens) zweimal zu lesen, beim ersten Lesen Seite um Seite zu „trinken“, einzutauchen und sich bedingungslos dem Rausch der Sprache hinzugeben. Beim zweiten Lesen mag die Sorgfalt dazu kommen, das Genießen, das Wahrnehmen der vielen Details und Schattierungen. Und auch dann haben wir, dessen bin ich sicher, noch lange nicht alle Facetten dieses genialen Buches erfasst…

 

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Monika Detering

Ich bin Hermann

 

 

E-Book

 

  

 

Mit fast 80 fängt das Leben erst an!
Eine witzig-rührende Geschichte über Liebe und die kleinen, wichtigen Momente im Leben

 

So beschreibt der Verlag den Inhalt:

 

Hermann, 79 Jahre alt, grummelt: „Ist es das jetzt gewesen oder kommt noch was?“ Er will bis zu seinem 80. Geburtstag auf alle Fälle noch was erleben und zieht kurzerhand in eine Männer-WG. Dort verguckt er sich in ‚Lilofee’, einen knallroten Uralt-Trecker, und erlebt allerhand Skurriles. Eigentlich wäre nun alles gut. Eigentlich.
Doch dann tuckert die zauberhafte Lila heran, DIE Frau für Hermann – mit eigenem Trecker. Leider darf sie nicht in der Männer-WG wohnen und das passt Hermann natürlich gar nicht! Was tun? Schließlich kommt er auf eine tragisch-schräge Idee …

 

 

 

Meine Meinung:

 

Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem Freude und Traurigkeit so nah beieinander sind, sich geradezu ineinander verschränken.

 

Vielleicht können nur ältere Menschen den Inhalt des Buches wirklich nachvollziehen, wenn die Tage begrenzt sind und immer begrenzter werden, wenn so vieles endgültig vorbei zu sein scheint und Körper und Geist sich mehr und mehr zurückziehen aus dem, was wir aktives Leben nennen. Und wenn dennoch Träume und Sehnsüchte durch die Seele huschen und zu Ungewöhnlichem antreiben.

 

Die Autorin versteht es auf sehr subtile Weise, diesen Weg mit viel westfälischem Dialekt und Humor „aufzubereiten“ und dabei, so perfekt verpackt, ganz leise, ohne Larmoyanz die bewegende, traurige Seite des Alt-Seins zu vermitteln.

 

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John le Carré

Das Vermächtnis der Spione

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Ullstein Hardcover

ISBN-13: 978-3550050121

Originaltitel: A Legacy of Spies

 

 

 

 

 

Eigentlich bin ich kein Freund von Romanen über Agenten, Spione und über die Geheimdienste der Welt. Aber wenn solch ein Könner des Faches schreibt, wird auch für mich das Lesen zum Genuss. Das Buch ist sozusagen der Nachlass-Roman zu den Romanen um George Smiley, insbesonderezu dem „Spion, der aus der Kälte kam“. Wie eine Klammer umschließt dieses Buch nun die damalig erzählten Geschichten.

 

 

 

1961 sterben zwei Menschen an der Berliner Mauer. 2017 wird George Smileys ehemaliger Assistent Peter Guillam nach London zitiert zu einer Untersuchung des damaligen Todes der zwei Agenten. In dem Verhör werden die Geschehnisse noch einmal rekonstruiert und neu beleuchtet. Die einschlägigen Akten sind allerdings verschwunden, weil seinerzeit der Meisterspion George Smiley den eigentlichen Hintergrund verschleiern wollte. Die Zeit des Kalten Krieges ist der Dreh- und Angelpunkt des Buches. Die Person George Smiley bekommt aufgrund der Verhöre völlig neue Facetten.

 

 

 

Was für ein Könner ist doch le Carré! Man liest die ersten Zeilen und ist schon hingerissen von der Schreibe-Kunst des Autors. Seine detailreichen Beobachtungen sind wie feine Pinselstriche, die sich nach kürzester Zeit zu einem dichten, intensiven und mehrdeutigen Bild zusammenfügen. Die Zeitsprünge werden zu einem probaten Stilmittel, die Vielschichtigkeit dessen, was als „Mittel zum Zweck“ dient, was die Schuldfrage und Motivation betrifft, und zudem die fragwürdigen Rollen des Geheimdienstes beleuchtet. Geschichtlich-politische Realität und erdachtes Denken und Handeln der Protagonisten des Buches ergeben ein erschreckend klares Bild der schmutzigen Seite von Politik und Geheimdienst.

 

 

 

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Corina Bomann

Winterengel

Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

Verlag: List Hardcover

ISBN-13: 978-3471351611

 

 

 

 

Glas und Liebe

 

… „Beides, Liebe und Glas, muss gefühlvoll behandelt werden, wenn es nicht zerbrechen soll. …“  So beginnt das vorliegende Buch, ein Buch über Armut, Kälte, Krankheit und über Zerbrechliches wie Glück, wie Liebe, aber auch über Stärke und Mut. Ein Buch zum Versinken, zum Abtauchen, zum Mitempfinden. Und keinesfalls nur ein Weihnachtsbuch!

 

Winter 1895 in Spiegelberg (übrigens nicht in Baden gelegen, wie im Buch behauptet wird, sondern in Württemberg). Die junge Anna Härtel hatte von ihrem verstorbenen Vater die Glasbläserei erlernt und verdient sich durch den Verkauf ihrer gläsernen Engel ein kleines Zubrot, um mehr schlecht als recht für die kranke Mutter und die kleine Schwester zu sorgen. Da erreicht sie ein Brief der Königin Victoria, die sie nach England einlädt, um ihre Glasengel zu zeigen. In Begleitung von John unternimmt Anna die aufregende, beschwerliche und gefährliche Reise…

 

Dieses Buch zu lesen war wie in einem opulenten Kinosessel zu sitzen - der schwere Samtvorhang öffnet sich und eine Geschichte beginnt, die mich hinwegträgt in eine andere Welt, in der ich mitfriere, mitleide, in der ich Gefahren ausgesetzt bin, in der ich aber auch menschlicher Wärme begegne und mich auf meine Stärke besinne. Corina Bomann schafft es in wunderbarer Weise, ein Wintermärchen zu erzählen, das unseren immanenten Wunsch nach Wohlergehen und nach Gerechtigkeit des Schicksals aufgreift, ein modernes Märchen, dessen Geschichte Können und Selbstvertrauen belohnt und nach vielen Zweifeln der Liebe eine Chance gibt. Und wenn sich der Samtvorhang wieder schließt, bleibt zurück ein wohlig-warmes Gefühl, das wir uns nicht nur zu Weihnachten wünschen.

 

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Ellen Berg

Manche mögen’s steil

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 324 Seiten

ISBN: 978-3-746633524

Verlag: Aufbau Verlag

 

 

 

Herzerwärmend

 

 

Was kann man im tristen November besseres lesen als ein Buch, bei dessen Lektüre man herzhaft lachen kann und am Ende so ein warmes, wohliges Gefühl zurückbleibt, als habe man soeben eine besonders leckere Tasse heiße Schokolade getrunken.

 

Vicky ist die toughe, überragend fähige und hochengangierte Teamleiterin bei einer IT-Firma, die Software für Kliniken entwickelt.  Ihr Leben spielt sich fast ausschließlich zwischen Smartphone und Monitoren ab, denn in der digitalen Welt fühlt sie sich sicher, hat alles unter Kontrolle, schickt Küsschen an digitale Freunde. In der realen Welt hat sie Allergien, isst nichts, was Augen hat und findet ihren Teamkollegen Konstantin in seinen Maßanzügen anziehend. Als es um die Bewerbung für einen höheren Posten geht, ruft der Personalchef zu einer gemeinsamen Klettertour auf, um soziale Kompetenz, Führungsqualitäten und die Fähigkeit, kreative Lösungsstrategien zu finden, zu testen. Etwas Schlimmeres kann Vicky gar nicht passieren: Raus aus der digitalen Welt, rein ins echte Leben – ein Drama. Und dann rücken sie näher, der Bergführer mit seinem vermüllten Auto und Konstantin, der attraktive  Mitbewerber, mit seiner Designer-Sonnenbrille…

 

Eine nette, eine vorhersehbare Handlung, ja. Aber die Stärke des Buches liegt im Humor. Ich kann nur dringend davor warnen, das Buch an öffentlichen Orten, z. B. im Wartezimmer oder im Zug, zu lesen. Denn es könnte auf andere Menschen befremdlich wirken, wenn Sie beim Lesen entweder grinsen oder laut auflachen. Die schlagfertigen Dialoge und Pointen nehmen kein Ende und man liest und freut sich. „Wenn Frauen richtig loslegen, sitzt der Teufel daneben und lernt.“ Und dann geht die Geschichte auch noch gut aus. Und schon sind sie da, diese wunderbaren Gefühle der inneren Heiterkeit und die Wärme der heißen Schokolade.