Monika Held

Sommerkind

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: Eichborn Verlag

ISBN-13: 978-3847906261

 

 

Herz-ergreifend

 

Ragna, ca. 40-jährig, schaut auf den Strand, sieht Familien mit ihren Kindern, fröhliches Treiben, bunte Wasserbälle. Plötzlich wird dieses reale Bild für eine Sekunde überlagert von einer „Schwarz-Weiß-Aufnahme“ eines Erinnerungsfetzens, den sie ihrem Leben nicht zuordnen kann. Dieser kurze Moment einer Erinnerung lässt Ragna nicht mehr los und sie beginnt, sich auf die Suche zu machen. Was ist in der Vergangenheit geschehen, was hat das mit ihr selbst zu tun? Auf der Suche nach Erinnerung begegnet Ragna vielen Menschen, meist sind es spröde Begegnungen, sperrig ist die Reise zurück und offen bleibt die Reise nach vorn.

 

Wie gehen Menschen, insbesondere Kinder, mit erlittenem Leid um, mit der Schuldfrage, mit der Frage nach Sinn und der unendlichen Suche nach Liebe? Ich könnte mir vorstellen, dass je nach persönlichem Hintergrund jeder Leser eine andere Frage entdeckt, einen anderen Zugang zum Buch findet. Das Buch ist so reich – und es gibt auch Antworten, ganz leise, subtile Antworten.

 

Für mich ist dieses Buch ein Kleinod! Was für eine feine Sprache! Was für eine feine Beobachtung, in feine, zarte Worte gefasst.  Die Autorin beschreibt mit dem „Bruegel-Blick“  - mit einer Liebe zum kleinsten Detail und mit Augen, die die gesehenen Bilder entweder zu Standbildern oder zu bewegten Bildern formen. Am liebsten würde ich Bild für Bild Wort für Wort wiedergeben, weil ich so verzaubert bin von der Wortmagie der Autorin. Verzaubert, ja, aber mehr noch ergriffen, gepackt von einer unendlich tiefen, namenlosen, sprachlosen Traurigkeit. Stumm geworden fühle ich mich von der Autorin unter Wasser gezogen. Tiefgang.

 

Was habe ich nicht alles aus diesem Buch gelernt. Geduld. Genaues Hinschauen. Still-Halten. Aushalten.

 

Und selten habe ich so viel gegoogelt wie beim Lesen dieses Buches. Weder kannte ich  die fulminanten, expressiven Bilder von Séraphine Louis noch so manche der angesprochenen Bücher.  Auch  war mir der amerikanische Fotograf Gregory Crewdson unbekannt. Entdeckung um Entdeckung machte ich, im Außen wie im Innen. Viel nachgedacht habe ich… Ein Buch zum Wieder- und Wieder-Lesen.