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 Ulrike Schweikert

 Novembersturm

 

Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch

Broschiert ‏ : ‎ 512 Seiten    

I    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499000089

#Novembersturm

 

Unterhaltsamer, brillant recherchierter Roman mit Tiefgang

 

Was für eine fleißige Autorin, die nach den Büchern über die Charité nun den ersten Band einer neuen Trilogie vorlegt, wiederum brillant bis in die letzten Feinheiten recherchiert. Wirklich beeindruckend!

 

Wir befinden uns im Jahr 1920. Das Jahrhundertbauwerk Bahnhof Friedrichstraße ist im Roman eigentlich nur ein Aufhänger, ein Symbol für den Weg Berlins zur Weltstadt. Sehr viel mehr geht es um drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, um ihre individuellen Lebenswege, die den sehr spannenden Spagat zwischen moderner, selbstbestimmter Frau und angepasster traditioneller Frauenrolle verkörpern, um die nahezu unüberbrückbare Kluft zwischen Arm und Reich zu zeichnen. Luise ist Sekretärin bei der Sittenpolizei. Sie hat ihre große Liebe Johannes im Krieg verloren, er ist verschollen. Der junge Architekt Robert bekommt den Auftrag, am Neubau des Bahnhofs Friedrichstraße und an der Planung der ersten U-Bahn Berlins mitzuarbeiten. Er heiratet Luise und stürzt sich in die Arbeit. Ilse, die Schwester von Johannes, ist Künstlerin durch und durch. Sie liebt Frauen, sie liebt Tanz und Gesang und sie hat ein besonderes Händchen, wunderbare Kleider zu entwerfen. Ella lebt im Hinterhaus, ist wenig gebildet, arbeitet als Verkäuferin. Im Verlauf der Jahre erleben wir mit, wie die politischen Veränderungen ihren  Tribut fordern, wie Arbeitslosigkeit, Inflation, Judenhass und die wachsende Macht der Braunhemden das Leben aller verändert.

 

Ulrike Schweikert schreibt wie gewohnt fesselnd und detailreich. Man ist sehr schnell gefangen in den Geschehnissen rund um Luise, Ilse und Ella. Dank der bildhaften, eindrücklichen Beschreibungen fühlt man sich den Personen und ihren Erlebnissen sehr nahe. Großartig, wie es der Autorin gelingt, so vielen Berühmtheiten dieser Zeit ein Plätzchen im Roman einzuräumen. Ganz unspektakulär in die Handlung eingestreut richtet sie den Blick auf diese Persönlichkeiten, die mir dank meines fortgeschrittenen Alters allesamt auch noch ein Begriff waren. Welch eine interessante Zeit, in der man solch besonderen Menschen begegnen konnte. Ulrike Schweikert hat diese intellektuell und künstlerisch besondere Zeit gekonnt und ohne unnützen Ballast sehr fein dargestellt. Auf ebenso bewundernswerte Weise ist es der Autorin gelungen, in ausgewogenem Maß die einschneidenden politischen Bewegungen in den Jahren 1920 bis 1933 in ihren folgenschweren Zusammenhängen darzustellen und deutlich zu machen, auf welchem Nährboden rechtes Gedankengut wachsen kann. Genau dadurch hebt sich der Roman weit heraus aus der Masse der reinen Unterhaltungsromane.

 Fazit: Ein unterhaltsam-fesselnd zu lesender Roman, mit historisch fundiertem Tiefgang

 

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Mary Lawson

Im letzten Licht des Herbstes

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453273573

·         Originaltitel ‏ : ‎ A Town Called Solace

#ImletztenLichtdesHerbstes

 

 

 

Ein hinreißender Roman, liebevoll-berührend

 

Dieses Buch war für mich eine glückliche Überraschung. Irgendwie hatte ich mir wegen des Titels und des schönen herbstlichen Covers einen Roman über das Alter bzw. das Altern vorgestellt, ernst und schwer. Tatsächlich jedoch durfte ich eine Geschichte lesen, die mich gefangen nahm mit seiner lichtvollen Wärme und Menschlichkeit.

 

Clara, das siebenjährige Mädchen, wartet seit Wochen am Fenster auf die Rückkehr ihrer Schwester, die verschwunden ist. Zudem liegt die geliebte Nachbarin, die alte Mrs. Orchard, im Krankenhaus. Clara hatte ihr fest versprochen, für den Kater Moses zu sorgen, ihn zweimal am Tag zu füttern und mit ihm zu spielen. Und was man verspricht, muss man halten. Eines Abends zieht ein Fremder in Mrs. Orchards Haus ein, und Claras Welt gerät restlos aus den Fugen, denn der Fremde macht sich im Haus breit, räumt Dinge um, die Clara, wenn der Mann das Haus verlässt, wieder zurechtrücken muss. Denn es muss alles so bleiben wie es immer war, damit Mrs. Orchard gesund zurückkommt. Dann wird auch die Schwester wieder zurückkehren.

 

Aus verschiedenen Perspektiven wird eine Geschichte erzählt, die in vieler Hinsicht traurig ist, gleichzeitig jedoch auch beglückend. Da ist Clara, dieses tapfere Mädchen, das sehr gewissenhaft seine übernommenen Pflichten erfüllt und durch selbst auferlegte Riten die Rückkehr der Schwester beschwören will. Da ist Mrs. Orchard, die im Krankenhaus, dem Tode näherkommend, von Erinnerungen getragen, sich mehr und mehr einer alten Schuld, einer Schuld aus Liebe, stellt. Und da ist Liam, dieser Fremde in Mrs. Orchards Haus, der nur wenige Wochen da bleiben wollte. Er trägt schwer an schlechten Erinnerungen, und wir Leser erfahren Stück für Stück von alten Verstrickungen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

 

 

Mary Lawson hat einen faszinierenden Schreibstil, denn sie geht mit so liebevollen Augen ins Detail, dass der Leser sich stets mitten im Geschehen befindet und mitempfindet. Eine wunderbare Autorin, ein wunderbares Buch, empathisch, berührend, sanft und feinfühlig. Kurzum: hinreißend!

 

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Santiago Diaz

Talión

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

·         Broschiert ‏ : ‎ 544 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453424470

#TaliondieGerechte

  

Blutig-brutale pornographische Männerfantasien

 

Ein Sensationsthriller, über 500 Seiten stark? Eine Hauptperson mit Hirntumor? Da erwartete ich nicht nur Spannung pur, sondern auch ein völliges Eintauchen in das Geschehen. Was ich jedoch fand, waren Alkohol, Drogen, Gewalt und Sex in allen Variationen. Abtörnend und letztlich langweilig.

Marta Aguilera ist eine engagierte Journalistin. Als sie die Diagnose Hirntumor erhält, dreht sie ihre eigene Welt auf links und kennt kein Halten mehr in ihrem Engagement, die Welt zu verbessern. Inspectora Daniela Gutiérrez, von einem lebensbestimmenden Trauma behaftet und dem Alkohol verfallen, hat Ermittlungen zu führen, die sie mitten hinein führen in die Frage, ob Talión, der Rachefeldzug Auge um Auge, Zahn um Zahn, eine Rechtfertigung verdient.

Ich hätte erwartet, dass im Buch eine kluge Auseinandersetzung zwischen Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstjustiz, Rache, Schuld und Bestrafung erfolgt. Doch der Autor benutzt diese Thematik ausschließlich dazu, eine Brutalität nach der anderen aufzulisten, und zwar auf eine solch abstoßende Weise, dass man nur noch kopfschüttelnd die Seiten oberflächlich überblättert. Der Rest des Romans ist blutig-brutale Pornographie. Es mag Männer geben, denen dieses Buch gefällt. Von mir gibt es keine Leseempfehlung. 

 

   

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Lisa Nicol

Vincent und das großartigste Hotel der Welt

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 240 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423640824

·         Lesealter ‏ : ‎ 10 Jahre und älter

#VincentunddasgroßartigsteHotelderWelt

 

 

Ein wahrlich großartiges Kinderbuch

Um Großartigkeit geht es in der Geschichte. Und großartig ist dieses Kinderbuch, dessen zwei Facetten das Lesen doppelt sinnvoll machen. Da ist vordergründig eine absolut schräge, aus einem Riesensack an Fantasie hervorquellende Geschichte. Und da ist hintergründig eine Botschaft, die man sein ganzes Leben lang benötigt, weil sie ermutigend und stärkend wirkt: Jeder ist auf seine Weise großartig, und die wahren Freunde zeigen uns unsere Großartigkeit, ganz ohne Neid und Selbstsucht.

Vincent fühlt sich als der gewöhnlichste Junge der Welt. Zuhause dreht sich alles um seinen äußerst schwierigen Bruder Thom, dessen aufwändige Pflege die Kräfte der Eltern völlig auffrisst.  Als Vincent von seinem Großvater dessen Schuhputzer-Kiste erbt und bereits sein erster Kunde ihn für seine Arbeit gut bezahlt, fühlt er sich als stolzer Unternehmer und schon ein klein wenig weniger gewöhnlich. Als er zum Schuhputzer des Großartigsten Hotels der Welt berufen wird, beginnt die großartigste Geschichte, die ich je in einem Kinderbuch gelesen habe. Das Hotel hat für jeden Gast genau das richtige Zimmer. Florence, die nicht älter ist als Vincent, aber während der Abwesenheit ihrer Eltern die große Last der Leitung des Hotels zu tragen hat, ist sehr besonders. Sie trägt Stiefel, die beim Gehen Bach’s Cellosuite Nr. 1 in G-Dur spielen! Hören Sie sich unbedingt dieses Stück an: Es ist wahrlich herzerhebend! Als Vincent jedoch in das Zimmer der Zukunft blickt, beginnt für ihn eine konfliktreiche Zeit zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Richtig und Falsch. Die ganze Fülle der fantasievollen Geschichte, gerade auch in seiner Doppelbödigkeit, muss man unbedingt selbst lesen!

Jeder braucht ein bisschen Großartigkeit, das lehren uns Vincent und Florence in diesem großartigen Kinderbuch. „Wahrhaft Großartiges hat mit Besänftigung der Seele zu tun, nicht mit Größe oder Luxus“ heißt es im Buch. Wie wahr! Die Autorin lässt uns teilhaben an einer Geschichte, die überbordend ist an fantasievollen Ideen. Sie erzählt mit einem ganz eigenen Humor, spannend-schräg und kurzweilig. Ihre Fantasie füttert unsere Gefühle (Taschenhunde!) ebenso wie unsere Neugier. Sie lehrt uns Empathie und das wahre Wesen der Freundschaft. Dies und noch viel mehr können wir im Großartigsten Hotel der Welt entdecken. Lisa Nicol würdigt übrigens auch noch auf besondere Weise den Co-Autor, der sich immer wieder mal in die Geschichte einmischt und über den wir erst im Nachwort etwas erfahren.

Fazit: Ein wahrlich rundum großartiges Kinderbuch, zum Wieder- und Wiederlesen!

 

 

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David Park

Reise durch ein fremdes Land

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 200 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832180027

·         Originaltitel ‏ : ‎ Travelling in a Strange Land

#ReisedurcheinfremdesLand

  

 

Eine Reise der egozentrischen Reflexionen

 

Die „Reise durch ein fremdes Land“ wirkt in seiner ganz eigenen Intensität am ehesten, wenn man das Büchlein ohne Pause durchliest, sich ganz und gar einlässt auf die schneeverhangene Gedanken- und Erinnerungswelt des Vaters auf der Fahrt zu seinem Sohn. Das großartige Cover gibt dafür die perfekte bildhafte Einstimmung.

 

Zum Inhalt lässt sich nur wenig sagen. Tom, ein erfolgloser Fotograf, nimmt es auf sich, mitten im Schneechaos mit dem Auto quer durch Schottland zu fahren, um seinen erkrankten Sohn Luke vom fernen Studienort nach Hause zu holen. Luke solle an Weihnachten nicht alleine sein, so drängt Lorna, Tom’s Ehefrau.

 

Wir, die Leser, sitzen gemeinsam mit Tom im Auto, begleiten ihn über die langen Stunden hinweg bei seiner Fahrt, sehen mit seinen Augen die schier unbegrenzte Schneelandschaft, hören mit ihm in Dauerschleife ausgewählte Songs, folgen der weiblichen Stimme des Navis und den Telefongesprächen mit Lorna und Luke. Endlos scheint die Fahrt. Und endlos scheint die kalte Leere, diese Zeit der Reflexion, in der Tom teils schonungslos, teils unkritisch-beschönigend in die Vergangenheit abschweift. Sehr zögerlich, in ganz kleinen Gedankenschritten, nähert er sich seiner unfassbar großen Schuld, die er mit niemandem bisher geteilt hat, auch nicht mit sich selbst. Tom, der Fotograf, sieht die Welt in Bildern. In doppelbödigen Bildern. Und wir mit ihm. Je länger die Fahrt dauert, umso mehr spüren wir, wie Tom durch sein ganz eigenes Fegefeuer geht.

 

 

Der Roman besticht durch seinen poetisch-starken Sprachstil, durch seine Intensität. Und doch bin ich enttäuscht. Die geschilderten Personen bleiben dem Leser fern, sie bleiben im Blassen. Alles, wirklich alles dreht sich um Tom selbst. Der Erzähler wirkt ohne echte Empathie für andere. Das Ende der Geschichte, das in einer seltsam larmoyanten Überhöhung endet, lässt mich endgültig und enttäuscht diese Reise beenden.

 

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Kristina Engel

Ein Koffer voller Schönheit

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Droemer TB

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 432 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426308356

#einkoffervollerschönheit

 

 

Wenig Avon, viel Wirtschaftswunder-Zeit

 

Völlig ungeschminkt sage ich es frei heraus: Avon spielt in diesem Roman nur den ziemlich unbedeutenden Aufhänger für einen Rückblick in die 50er und 60er Jahre. Insofern wurden meine Erwartungen leider nicht ganz erfüllt, auch wenn der Roman im Ganzen gesehen unterhaltsam geschrieben ist.

 

Anne Jensen ist, wie es zu dieser Zeit üblich war, Hausfrau und Mutter. Ihr Mann Benno, von Beruf Tischler, lässt sich durch Verlockungen seines ehemaligen Schulfreundes darauf ein, ein Möbelhaus zu gründen, was ihn sehr fordert und ihn letztlich unglücklich macht. Ganz abgesehen davon, dass ein unbearbeitetes Kriegstrauma in ihm wühlt. Anne wird von ihrer Schwiegermutter ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie wird Avon-Beraterin trotz Gegenwehr von Benno. Die Ehe scheint nicht mehr zu retten zu sein.

 

Da ich selbst in den 50er Jahren Kind war, weckte der Roman in mir so manche Erinnerung, als eine Kugel Eis noch 10 Pfennige kostete oder Aenne Burda so kluge Kolumnen schrieb. Es ist Kristina Engel sehr gut gelungen, diese Zeit lebendig-bildhaft zu beschreiben, eine Zeit, in der die Menschen vorwärts blickten, sich mehr und mehr leisten konnten und Konventionen und gesellschaftliche Engstirnigkeit zunehmend an Boden verloren. Ehekonflikte, Kriegstraumata, Frauenrechte, Unabhängigkeitsstreben, der Einfluss Amerikas – viele Themen werden angerissen, und Avon mit dem Verkauf von „Schönheit“ wirkt unter all diesen zeittypischen Problemen eingestreut wie eine nette Dekoration. Die Schilderungen von Schminksitzungen wirken leblos, mitunter sogar ungewollt komisch. Den Traum, den Avon zu dieser Zeit verkaufte, konnte die Autorin leider nicht emotional nachvollziehbar in Szene setzen. Leider verliert sich der unterhaltsam-biedere Roman gegen Ende völlig in einem maßlos übertriebenen, dramatischen Überfall und einem abrupten Schluss.

 

Fazit: Viel Wirtschaftswunder, wenig Avon

 

 

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Stefan Slupetzky

Nichts als Gutes

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Picus Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3711721112

#nichtsalsgutes

 

 Schwarzer Humor, geistreich-schräg

 

Über seinen Kriminalroman „Im Netz des Lemming“ lernte ich den Autor kennen und lieben. Der ganz eigene spöttisch-bissige Humor von Stefan Slupetzky trifft mitten in mein Humorzentrum. Und so erging es mir auch mit „Nichts als Gutes“, einer Sammlung von fiktiven Grabreden. Der Autor beherrscht perfekt die Kurzform des biographischen Erzählens, wobei diese Miniaturen eine teilweise perfide, teilweise komisch-traurige Erweiterung finden, indem der Grabredner manchmal von sich selbst verrät, was wohl besser nicht gesagt hätte werden sollen.

 

Eine besondere Freude ist es, das Vorwort zu lesen. Geschärfte Gedanken, in dezentem Humor verpackt, über das Kommen und Gehen menschlichen Lebens. Dazwischen, wie zwischen zwei Buchdeckeln, klemmt das Leben. Und dem Grabredner obliegt es, über dieses Leben eine Rezension abzugeben. Und, wie auch im echten Leben, gehen die Rezensionen oft am Thema vorbei, offenbaren Nicht-Verstehen, sind zu lang oder zu kurz oder zitieren faul die Klappentexte, die, wie wir alle wissen, oftmals halbherzig oder falsch-verführend formuliert wurden, vielleicht vom Verstorbenen selbst noch zu seinen Lebzeiten. Herrlich ist die Grabrede für ein „Standbein des Katasterarchivs“ zu lesen, einen Mann, an den sich tatsächlich niemand erinnert. Oder die letzte Rede für den „Mann der Nudel“ oder für den „Schützenkönig bei Samenglück“. Oder die Rede eines Autisten, der genau 165.228 Mal das Lachen der Verstorbenen gehört hatte. Allesamt wunderbar schräge Ideen, die uns hier Stefan Slupetzky vorsetzt, nicht ohne auch so manch süffisant verkleidete Kritik unterzubringen, was zum Beispiel Literaturpreisverleihungen betrifft. Denn was sollen wir halten von einem Literaten, dessen letzte Worte „Käse, Wurst, Toilettenpapier“ waren…

 

 

Fazit: Geistreich-schräge Miniaturen, perfekt verpackt in schwarzem Humor.

 

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Carolina Conrad

Stürmische Algarve

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 304 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499007569

#StürmischeAlgarve 

 

Kurzweiliger Kriminalroman mit verlockendem Lokalkolorit

 

Die Autorin war mir bislang unbekannt. Die Algarve ebenso. Das Kennenlernen der beiden war für mich sehr bereichernd, denn Carolina Conrad schreibt leicht, locker und doch fesselnd. Es gelingt ihr, Lokalkolorit und einen wendungsreichen Plot schriftstellerisch perfekt unter einen Hut zu bringen und damit eine wunderbare Urlaubslektüre vorzulegen.

 

Das stürmisch-kalte, regnerische Wetter passt zur Stimmung. Denn die Journalistin Anabela Silva und ihre Mutter haben an der Pflege des dementen Vaters schwer zu tragen. Da bleibt nur wenig Zeit für den Freund, den Chefinspektor Joao Almeida. Als eine Österreicherin tot in ihrem Wohnmobil gefunden wird, scheinbar durch Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben, erinnert sich Anabela an eine frühere Begegnung mit dieser Touristin und glaubt deshalb nicht an einen tragischen Unfall. Ihre Zweifel mit Joao teilend, beginnt eine mühsame Spurensuche in einem mehr als rätselhaften Fall…

 

Carolina Conrad hat einen ruhigen Kriminalroman geschrieben, dessen Stärke die Darstellung der sympathischen Protagonisten Anabela und Joao sind. Von deren Privatleben erfahren wir genug, um die beiden gut zu verstehen, ohne dass die eigentliche Handlung aus den Augen gerät. Besonders gut gelungen sind der Autorin die sehr, sehr verlockenden Beschreibungen von Land und Leuten – so verlockend, dass man gerne sofort an die Algarve reisen möchte. Das ruhige Spannungsniveau ist an keiner Stelle langweilig, denn die Autorin schreibt kurzweilig, lebensecht und ist authentisch in ihren Schilderungen der jeweiligen Geschehnisse und Örtlichkeiten. Die vielen Dialoge machen das Lesen lebendig und locker-leicht. Die Handlung als solche weist mehrere überraschende Wendungen auf und hält den Leser deshalb bis zum Schluss gefangen.

 

Fazit: Gekonnt geschriebene Urlaubslektüre mit verlockendem Lokalkolorit.

 

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Judith Merchant

Schweig!

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ KiWi-Paperback

·         Broschiert ‏ : ‎ 352 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462001334

#Schweig

 

 Ein grandioses Kammerspiel der verletzten Seelen

 

Angelockt von einem großartig gestalteten Cover, minimalistisch und erschreckend gleichermaßen, las ich mich nahezu ohne Pause durch diesen ganz besonderen Thriller, der eigentlich eher ein Kammerspiel, ein Psychogramm der verletzten Seelen ist.

 

Zwei Schwestern. Esther ist die ältere. Sie hat Mann und zwei Kinder. Sie will es stets perfekt. Sie rackert sich ab. Ihr Wille ist wie ein Rammbock. Und sie ist die Verantwortliche. Für alles, nur nicht für sich selbst. Sue ist die jüngere. Sie lebt allein in einem viel zu großen Haus mitten im Wald. Sie ist die Schwache, Schutzbedürftige, die Kindgebliebene. So scheint es. Am Tag vor Weihnachten fühlt sich Esther verpflichtet, zu Sue, der Einsamen, zu fahren. Was sich dort abspielt, muss man lesen!

 

300 Seiten lang hält uns die Autorin gefangen, indem sie aus wechselnden Perspektiven sowohl Esther, als auch Sue aus ihrer jeweilig ganz eigenen Sicht der Dinge berichten lässt. Erst gegen Ende kommt auch Martin, der Mann von Esther, zu Wort. 300 Seiten lang lese ich und kann nicht aufhören, obwohl ich zunehmend aggressiv werde. Diese toxische Schwester-Schwester-Beziehung, manipulativ, übergriffig, besitzergreifend, dramatisierend macht mich wütend, denn eigentlich möchte ich mich auf die Seite einer der Schwestern stellen. Aber kaum habe ich einen Funken Verständnis für eine von beiden entwickelt, verändert sich die Konstellation wieder völlig. 300 Seiten lang gerate ich permanent zwischen die Fronten, werde geradezu aufgerieben zwischen den Sichtweisen, hin und her. Körnchenweise und sehr subtil streut die Autorin dazu erhellende Informationen aus der Vergangenheit der beiden Schwestern ein. Gekonnt geschrieben ist dieser Thriller, minutiös eintauchend in zwei Menschen, die ihre jeweiligen Traumata nie wirklich verarbeitet haben. Die Spannung bleibt von Anfang bis Ende auf hohem Niveau und spitzt sich schließlich noch zu – bis nach 300 Seiten endlich den  Worten Taten folgen, zu einem explosionsartigen, völlig überraschenden Ende führen und man völlig erschöpft das Buch schließt.

 

 

Fazit: Völlig anders, aber mindestens genau so großartig geschrieben wie der erste Thriller Atme! von Judith Merchant. Absolut lesenswert!

 

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Rebecca Elbs

Leo & Lucy

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Carlsen

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3551555205

·         Lesealter ‏ : ‎ 10 - 13 Jahre

#Leo&Lucy

  

Der Hund Blumenkohl und andere Verrücktheiten

 

Ein Jugendbuch für 10- bis 13-Jährige, so prall gefüllt mit Humor und verrückten Ideen, mit schrägen und liebenswerten Menschen, mit ernsthaften und witzigen Themen, so blitzschnell springend zwischen kindlichen und reiferen Problemen, dass es dem Leser ganz schwindlig werden könnte bei all den temporeichen Sprüngen.

 

Leo hat es nicht leicht. In einem Hochhaus in Köln-Chorweiler zu leben mit einem Skateboard aus dem Sperrmüll, das ist schon krass. Umso mehr, wenn beim Vorlesen die Buchstaben Ringelreihen tanzen und Leo jede Menge Spott erntet. Gut, dass es die feste Freundschaft zu Lucy gibt, die im Rollstuhl sitzt und tolle kluge Sätze sagen kann. Leo’s größter Wunsch ist das Super-Skateboard XW-90. Als genau dieses Skateboard als Hauptgewinn bei einem Vorlesewettbewerb ausgerufen wird, ist klar, dass Leo diesen Hauptgewinn erringen MUSS, und das, obwohl er der schlechteste Vorleser weit und breit ist. Er ahnt nicht, was alles geschehen wird…

 

 

Das Wichtigste voran: Das Buch zu lesen macht Spaß! Es liest sich absolut kurzweilig, abwechslungsreich, mit immer wieder neuen überraschenden Ereignissen. Die Charaktere sind sehr liebenswert geschildert in ihren Besonderheiten, Stärken und Schwächen, egal ob erwachsen oder Kind. Niemand ist vollkommen. Besonders wichtig empfinde ich persönlich, dass eine Fülle von wichtigen Themen im Buch Platz haben. Legasthenie, fremdländische Herkunft, Mobbing, Behinderung, Armut – all diese Themen finden kindgerecht im Buch ihre Stelle, ohne dass sie sich in den Vordergrund drücken und als vorsätzlich problematisch thematisiert werden. Beschützend und stärkend legt sich das große Thema Freundschaft über all das Schwierige im Leben und zeigt, was wirklich wichtig ist. Die äußerst temporeiche Erzählweise lässt zwar wenig Platz für Tiefe, aber die im Hintergrund eine Rolle spielenden ernsten Themen entwickeln dennoch ihre ganz eigene Wirkung, lange nachdem die rasante Geschichte ausgelesen wurde. Sehr, sehr empfehlenswert!

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Matt Cain

Das geheime Leben des Albert Entwistle

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Paperback

·         Broschiert ‏ : ‎ 432 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3864931956

·         Originaltitel ‏ : ‎ The Secret Life of Albert Entwistle

#DasgeheimeLebendesAlbertEntwistle

 

  

Herzergreifend und herzerwärmend gleichermaßen

 

Welch eine Entdeckung! Ich kannte den Autor bislang nicht und wurde überrascht von diesem Roman, der mich völlig in seinen Bann zog.

 

Albert Entwistle ist 64 und ein Postbote mit Sozialphobie. Er tut seine Arbeit von Jugend an immer gleich pflichtbewusst und gewissenhaft. Dabei ist er stets bemüht, sich möglichst wenig menschlichen Kontakten auszusetzen. Gesprächen geht er eilig aus dem Weg, denn „die Briefe tragen sich nicht von selbst aus“. Seine Kollegen haben sich an den Sonderling gewöhnt und ignorieren ihn. Albert liebt seine Katze Grace. Abends sitzt er mit ihr vor dem Fernseher und hält ihr Pfötchen. Als er von seiner bevorstehenden Pensionierung erfährt und zeitgleich Grace stirbt, bricht sein gesamtes inneres Schutzsystem mit einem Mal zusammen. Und Erinnerungen kommen hoch von Zeiten vergangenen Glücks und tief empfundener Schuld. Er macht sich tatsächlich auf die Suche….

 

Der Roman ist eine ungewöhnliche Coming-Out-Geschichte. Lange verharrt sie in Zeiten der Einsamkeit, der selbstgewählten Enge und eines erlittenen Verlustes, der sich durch Einschub einzelner erinnerter Szenen dem Leser erst nach und nach erschließt. Ungewöhnlich ist die Geschichte, weil ein Mann im Pensionsalter erstmalig lernt, zu sich selbst zu stehen. Ungewöhnlich auch, weil der Autor eine ganz großartige Mischung zwischen bewegend- trauriger und schräg- komischer Erzählweise gefunden hat, womit die lauernde Gefahr, in Kitsch abzugleiten, gebannt wurde. Albert ist ein ungemein liebenswerter Mensch, rührend sowohl in seiner tiefen Einsamkeit als auch auf seinem Weg in die Welt, was der Leser mit großer innerer Anteilnahme verfolgt. Matt Cain erzählt so detailreich und sensibel, dass man jede Szene, jedes Umfeld, jede Stimmung mitempfindet. Manche Sätze bleiben in ihrer Poetik im Kopf, wenn zum Beispiel der Himmel die Farbe „von einem besonders schmerzhaften Bluterguss“ hat.

 

Fazit: Ein Buch, das herzergreifend und herzerwärmend gleichermaßen ist, sensibel und einfühlsam, mit leisem Humor geschrieben. Absolut empfehlenswert.

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Heidi Rehn

Vor Frauen wird gewarnt

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Knaur TB; 1. Edition

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 432 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426526262

#VorFrauenwirdgewarnt

 

Etwas zu glatte und unkritische Darstellung einer emanzipierten Frau

 

Der geschickt gewählte Buchtitel in Anlehnung an den berühmten Roman „Vor Rehen wird gewarnt“ von Vicky Baum und die Art Deco Elemente auf dem Cover und zu den Kapitelanfängen fielen mir als erstes sehr positiv auf. Vicky Baum war mir schon seit mehr als 50 Jahren als eine Autorin bekannt, die ich damals sehr gerne gelesen hatte. Deshalb interessierte mich der Roman von Heidi Rehn sehr.

Das Buch gibt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem bewegten Leben von Vicky Baum wider. Zwar nennt die Autorin keine Jahreszahlen, aber es geht um die Zeit ungefähr zwischen 1926 und 1931, also eine relativ kurze Zeitspanne. Erzählt wird, wie Vicky Baum getrennt von Mann und Kindern nach Berlin zieht, um im Ullstein-Verlagshaus Schritt für Schritt Karriere zu machen. Sie behauptet sich in einer von Männern dominierten Branche und lebt ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben. Wir verfolgen, wie sie nach und nach die Achtung aller erringt und ihre Romane ihr schließlich zum Ruhm als eine der bekanntesten Unterhaltungsschriftstellerinnen ihrer Zeit verhalfen.

Vielleicht hätte ich das aufschlussreiche Nachwort von Heidi Rehn zuerst lesen sollen. Denn hier findet all das Erwähnung, was ich im Roman vermisste.

Der Schreibstil, der etwas umständlich, manchmal fast antiquiert wirkt, passt perfekt zum historischen Rahmen, der sich genau zwischen konservativem, altertümlichem Denken und fortgeschrittener moderner Aufgeschlossenheit bewegt. Mir fehlt es mitunter an detailgenaueren, nachvollziehbareren Schilderungen. So wird zum Beispiel von einem halbstündigen Einkauf im KaDeWe erzählt, der angeblich aus Vicky eine selbstbewusste Frau machte. Womit? Das verrät uns die Autorin leider nicht. Solche „Blanko“-Stellen gib es leider mehrfach im Buch. Vicky wird als Person insgesamt sehr lebendig dargestellt. Sie ist arbeitswütig und unermüdlich in ihrem Bestreben, die Achtung ihres Umfeldes zu erringen. Ich empfand die Darstellung der Person Vicky Baum allerdings als zu glatt, zu perfekt, zu fleißig, ohne Fehl und Tadel, ohne Marotten, ohne Alkohol. Einzige Schwachstelle vielleicht ihr Hingezogensein zu Bengt. Es gibt im Roman keine wirklich bewegenden Szenen von Sehnsucht nach Mann und Kindern, von selbstkritischem Reflektieren, von depressiven Phasen. Ebenso glatt werden die allzu bewundernden Kolleginnen geschildert. Immer sind ihr alle wohlgesonnen, kein Neid, keine Intrigen. Diese unrealistische heile Welt-Schilderung mit den ewigen Lobhudeleien für Vicky nerven irgendwann. Die politische Brisanz dieser Zeit wird weitgehend, bis auf wenige kurze Szenen, völlig ausgespart. Dafür werden die Leser mehrfach darüber informiert, was es im Ullstein-Kasino zum Mittagessen gibt. Wo bleibt da eine gewisse kritische Distanz?

 

Fazit: Unterhaltsam zu lesen, aber leider insgesamt zu flach.

 

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Hendrikje Balsmeyer, Peter Maffay

Anouk, die nachts auf Reisen geht

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ arsEdition; 1. Edition

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 128 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3845843605

·         Lesealter ‏ : ‎ 5 Jahre und älter

#AnoukdienachtsaufReisengeht

  

Das zauberhafteste Vorlesebuch seit langem

 

Als ich las, dass es sich um ein Buch handelt, das die Lebensgefährtin von Peter Maffay zusammen mit ihm geschrieben hat, war ich erst einmal etwas misstrauisch. Wenn Prominente mit eigenen Büchern winken, wurde ich schon oft von deren Inhalt enttäuscht. Aber dieses absolut hinreißende Buch über Anouk und ihre nächtlichen Reisen hat mich restlos verzaubert und begeistert.

 

Dezenter Goldflimmer (Sternenstaub?) auf dem Cover weist bereits auf die sehr aufwändige, sorgsame und liebevolle Gestaltung des ganzen Buches hin. Durchweg dezent farbige Illustrationen im Buch, auch auf den Vorsatzseiten, hochwertiges festes Papier – alles macht den Eindruck, dass der Verlag an nichts gespart hat. Besonders hervorzuheben sind im Übrigen die wunderbaren, detailreichen, herzberührenden Zeichnungen von Joelle Tourlonias, die sehr fein die Wertigkeit des Buches vermehren. Auf so mancher Seite huscht sogar Tabaluga ins Bild. Und wenn man ganz genau hinschaut, findet man winzige Konterfeis des Autorenpaares. Solche dezent-humorigen Kleinigkeiten verstärken noch den Eindruck der Liebe, mit der das Buch gestaltet wurde.

 

Anouk ist ein fantasievolles Kind, das das Herz auf dem rechten Fleck hat. Aber sie findet auch, dass Eltern ganz schön anstrengend sein können. Besonders wenn Mama zum Schlafengehen ermahnt, obwohl Anouk doch noch Affi füttern muss. Als Anouk jedoch schließlich im Bett liegt und durch einen Türspalt Licht entdeckt, da muss sie natürlich nachsehen und findet sie sich plötzlich in einer anderen Welt wieder. Sie lernt Kenai, den Indianerjungen, kennen und hilft ihm, seine mutige Seite zu entdecken. Am nächsten und an den folgenden Abenden geht Anouk sehr, sehr gerne schlafen, denn Nacht für Nacht erlebt sie neue Abenteuer und findet neue Freunde, denen sie helfen kann. Zum Beispiel besteht Luka, der Piratensohn, dank Anouks Hilfe seine Piratenprüfung. Levi, der Zirkusjunge, findet endlich sein wahres Talent. Leo, der Musikersohn, überwindet sein Lampenfieber. Und so finden sich insgesamt sieben aufregende Vorlesegeschichten, die allesamt Mut machen, auf die eigenen Stärken zu vertrauen, dabei aber auch stets Verständnis für andere zu haben.

 

 

Fazit: Ein feines, kluges und liebevoll gestaltetes Vorlesebuch, das mich restlos verzauberte.

 

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A.K. Turner

Tote schweigen nie

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Droemer HC

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 400 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426282489

·         Originaltitel ‏ : ‎ Body Language

#ToteSchweigennie

 

 

Faszinierend, geistreich, begeisternd – Forensic-Crime vom Feinsten

 

Das ist mir ja noch nie passiert: Ich las und las, und als ich das Buch zuschlug, bemerkte ich, dass ich völlig vergessen hatte, mir wie sonst üblich während des Lesens Notizen für die spätere Rezension zu machen. Ein begeisternder Thriller-Reihenauftakt hatte mich völlig in seinen Bann geschlagen!

 

Cassie Raven ist Assistentin der Rechtsmedizin. Ihr Gothic-Look und ihre Tattoos wirken durchaus etwas befremdlich, und doch besitzt Cassie eine besonders ausgeprägte Sensibilität. Nicht nur, dass sie bei einer Begegnung mit Trauernden ihre zahlreichen Piercings vorher abnimmt, um die Angehörigen nicht allzu sehr zu verstören. Nein, sie geht mit den „Gästen“, wie sie die Toten bezeichnet, sehr achtungsvoll um, spricht mit ihnen und manchmal, ja manchmal erhält sie sogar eine Antwort. Wie zum Beispiel, als sie ihre überaus geschätzte Mentorin auf den Seziertisch bekommt. Angeblich sei sie in ihrer Badewanne ertrunken. Doch Cassie hört genau hin: „Meine Zeit ist noch nicht gekommen“ raunt ihr der Leichnam von Mrs. Edwards zu. Doch wie soll Cassie den Mord, von dem sie überzeugt ist, beweisen? Erst als die Einäscherung kurz bevorsteht, findet sie unerwartet Unterstützung durch die nüchtern-kühle DS Phyllida Flyte.

 

A.K. Turner ist es gelungen, jenseits der üblichen Thriller-Szenarien eine sehr eigene und damit faszinierende Welt zu schaffen. Cassie Raven und Phyllida Flyte sind jeweils auf ihre Art besondere Menschen. Ihr schwieriges Zueinanderfinden in diesem ersten Band lässt für die Folgebände auf äußerst aufregende weitere Ermittlungsfälle hoffen. Von Anfang bis Ende sehr spannend, abwechslungsreich und lebendig erzählt die Autorin in einem leicht eingängigen, dabei aber sensibel-geistreichen Schreibstil. Der Plot ist schlau und letztlich überraschend konzipiert. Dass sorgfältige Recherche-Arbeit dem Thriller zugrunde liegt, spürt man in allen Details.

 

Kurzum: Ein begeisternder, überraschend ungewöhnlicher und durchweg spannender Forensic-Thriller.

 

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Joy Fielding

Home, sweet home

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Goldmann Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442315741

·         Originaltitel ‏ : ‎ Cul-De-Sac

#Homesweethome

 

 

Voyeur sein beim spannenden Spiel zwischen Schein und Sein

 

Der Originaltitel „Sackgasse“ wäre fast noch ein wenig passender gewesen als „Home, sweet home“. Denn Joy Fielding hat einen unglaublich intensiv wirkenden Roman geschrieben über das, was hinter verschlossenen Türen in den Häusern passiert, die entlang einer Sackgasse stehen. Es sind Menschen, die sich auch in ihrem Leben in einer Sackgasse befinden und unterschiedliche Überlebensstrategien entwickeln.

 

Über den Inhalt braucht man nicht viel zu erzählen. In Palm Beach Gardens in Florida in einer Sackgasse mit Wendeschleife stehen mehrere gepflegte Häuser in einer gepflegten Gegend. Man hat wenig mit den Nachbarn zu tun, grüßt sich und schließt die Tür fest hinter sich zu. Die alltäglichen menschlichen Dramen hinter den Haustüren bleiben normalerweise den Augen der Nachbarn verborgen, bis eines Tages die Dinge eskalieren…

 

Immer wieder bewundere ich, wie es Joy Fielding gelingt, aus alltäglichen, fast banal wirkenden Situationen und deren Schilderungen eine zunehmende Spannung, eine sich zuspitzende Bedrohung herauszuarbeiten. Im vorliegenden Roman wird der Leser zum Voyeur. Wer würde nicht allzu gerne sehen, was beim Nachbarn hinter verschlossener Tür geschieht? Joy Fielding lässt uns hineinschauen in die verschiedenen Lebensdramen, und sie macht das so geschickt und psychologisch stimmig, dass wir mit den Protagonisten mitleiden, verzweifelt sind, hilflos oder auflehnend, gelassen oder wütend. Die Alltäglichkeit der individuellen Dramen wirkt so entsetzlich, weil sie immer und überall möglich sind. Bis zum Schluss hofft man voller Spannung, dass es im Roman ein gutes Ende geben wird, denn wir alle wünschen uns auch in unserem Leben, dass alles gut wird. Aber Joy Fielding lässt uns wissen, dass manchmal nur noch die totale Zerstörung zum Neuanfang führen wird.

 

Fazit: Ein Roman mit immanenter Spannung, fesselnd zu lesen und psychologisch stimmig, über Schein und Sein.  

 

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Moritz Rinke

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández Garcia

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Kiepenheuer&Witsch

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 448 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462054521

#DerlängsteTagimLebendesPedroFernandesGarcia

 

 

Ein Buch voller Geschichten in der Geschichte

 

Ohne Lanzarote je gesehen zu haben, gewann ich durch das Buch einen unvergesslichen farbig-plastischen Eindruck von der Insel und seinen Bewohnern. Und dieser Eindruck blieb mir am meisten hängen vom Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.

 

Der Postbote Pedro in Yaiza hat ein ruhiges Leben, denn das Internet hat ihn seiner eigentlichen Aufgabe entledigt. Wer schreibt heute noch Briefe? Also sortiert er Werbesendungen, trägt diese gewissenhaft aus, fährt regelmäßig mit seiner Honda quer über die Insel zum Nachweis seiner Geschäftigkeit, trinkt am Hafen Café con leche, bringt seinen Sohn Miguel zur Schule und holt ihn wieder ab. Er hat sich gut eingerichtet in diesem ruhigen Leben. Carlota, seine große Liebe, aber trennt sich von ihm, zieht nach Barcelona und nimmt Miguel mit. Pedro ist am Boden zerstört. Selbst sein ziemlich verrückter Freund Tenaro, angeblich mit Hemingway verwandt, schafft es nicht, ihn aufzuheitern. Bis Amado der Flüchtling auftaucht und die drei zusammen planen, Pedros Sohn Miguel zurückzuholen.

 

 

Was das Buch auszeichnet, neben seiner eindrücklichen Schilderung von Land und Leuten, ist seine Erzählfreude. Denn in die Handlung eingestreut sind viele weitere kleine Geschichten, Lebensgeschichten, aber auch politische Geschichten, komische Geschichten und Geschichten von Vulkanausbrüchen; eine Wundertüte an Tragikomik, deren Inhalt der Autor für uns ausbreitet. Aber es geht auch um den spanischen Bürgerkrieg und aktuelles Geschehen, es geht um die Schuldfrage und um das Thema Flucht, denn der Vergangenheit kann man nicht entfliehen. Glücklicherweise  ist die ausufernde, weitschweifige Erzählweise niemals langweilig, im Gegenteil. Das Buch ist kurzweilig, wie das Leben selbst, heiter und traurig, ruhig und chaotisch und auch ein wenig weise. 

 

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Christiane Wünsche

Heldinnen werden wir dennoch sein

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Krüger

·         Broschiert ‏ : ‎ 448 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3810500533

#Heldinnenwerdenwirdennochsein

 

Leider enttäuschend

 

Angelockt von der Inhaltsangabe und weil ich die Autorin nicht kannte, begann ich neugierig, das Buch zu lesen. Leider dauerte es gar nicht lang, bis ich das Lesen abbrechen wollte, nur mein Pflichtgefühl zwang mich weiterzulesen. Zwar gewöhnte ich mich nach einer Weile an die Erzählweise, aber Freude hat mir die Lektüre leider gar nicht gemacht.

 

Fünf seit Jugendzeit an eng verbundene Freundinnen sind geschockt, als sie vom Selbstmord ihres damals zur Clique zugehörigen Freundes Frankie erfahren. Dieses Geschehnis ruft Erinnerungen hervor, die teils sehr quälend sind. Die Freundinnen beginnen zu reflektieren, was das Leben seit ihrer Jugendzeit aus ihnen gemacht hat und wie Vergangenes und eine unausgesprochene Schuldfrage bis in die Gegenwart hinein wirken.

 

Ich hatte die Erwartung, dass die großen angekündigten Themen wie Freundschaft, Loyalität, Schuld, Verlust, Homosexualität, Lebensentscheidungen in einer psychologisch klugen, tiefgründigen Weise anhand einer berührenden Geschichte behandelt werden. Doch leider blieb ich emotional völlig unberührt. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven. Jede der Freundinnen hat ein eigenes Bild von Frankie und der gemeinsamen Jugendzeit in Erinnerung und hatte jeweils ganz eigene Zukunftserwartungen. Dies wird durchaus gut dargestellt, aber dennoch so nüchtern-neutral, dass der Leser nicht berührt wird. Zusätzlich zu den Perspektivwechseln gibt es eingestreute Rückblicke an „früher“, die zwar dem Verständnis dienen, aber dennoch Verwirrung schaffen, weil dadurch immer mehr Personen auftauchen, die der Leser irgendwie einordnen muss. Die Dialoge wirken oft hölzern-konstruiert. Leider finden sich auch etliche sprachlich und grammatikalisch unsaubere Stellen. Am schlimmsten jedoch war für mich persönlich dieses häufige Verzetteln  in Beschreibungen von absolut nebensächlichen Dingen. Da wird zum Beispiel von irgendwelchen Großeltern berichtet, die im Buch keine Rolle spielen, auch nie mehr erwähnt werden. Dennoch wird berichtet, was und wie sie gerne E-Bike fahren… Dies nur als kleines Beispiel der ermüdend weitschweifigen Erzählweise mit unendlich vielen unnützen Informationen, die mir das Lesen völlig verleideten. Auch hätte ich von einer guten Autorin erwartet, dass die Beiträge, die Frankie selbst in den Mund gelegt werden, in einer zu ihm passenden feinfühlig-sensiblen Sprache geschrieben worden wäre, nicht so nüchtern wie ein Zeitungsbericht.

 

So war in der Gesamtschau dieser Roman für mich leider sehr enttäuschend.

 

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Claudia und Nadja Beinert

Das Juliusspital – Ärztin in stürmischen Zeiten

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Knaur TB

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 512 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426523773

#Das JuliusspitalÄrztininstürmischenZeiten

 

 Band 2 des mitreißenden, gut recherchierten Medizin-Schmökers

 

Leider kam ich erst jetzt dazu, den 2. Band rund um das Julius-Spital und um Viviana und Henrike Winkelmann zu lesen. Von Band 1 war ich sehr begeistert, und mit genau der gleichen Begeisterung habe ich nun auch Band 2 verschlungen. Außerordentlich schade finde ich, dass auch Band 2 sowohl von der Covergestaltung als auch vom Buchtitel her eher  einen trivialen, kitschigen Roman suggerieren und damit die falsche Zielgruppe anlocken. Dass sich hinter den Buchdeckeln ein großartig recherchierter historischer Medizin-Schmöker verbirgt, der sich sowohl perfekt unterhaltend als auch mit Wissensgewinn lesen lässt, verrät sein Äußeres leider nicht.

 

In Band 2 begleiten wir Henrike in ihrem ungebrochenen Streben, ihr Recht als Frau durchzusetzen und zum Medizinstudium zugelassen zu werden. Ihr zunächst heimlicher Weg führt sie in die Irrenanstalt des Juliusspitals. Henrike möchte das Leid der Geisteskranken lindern. Doch das Schicksal legt ihr gewaltige Steine in den Weg…

 

 

Die promovierten Zwillingsschwestern Claudia und Nadja Beinert haben es erneut geschafft, auf äußerst lebendige und unterhaltsam-fesselnde Weise den Leser eintauchen zu lassen in die Zeit zwischen 1895 und 1903, in den Zeitgeist genauso wie in den Fortschritt in der Medizin, wie z. B. den Einzug der Röntgenstrahlen in die Diagnostik, aber auch den tödlichen Ausbruch der Tuberkulose. Man lernt sehr viel über den Stand der Medizin Ende des 19. Jahrhunderts, ohne dass auch nur eine einzige Seite langweilen würde. Mit Sympathie und Mitgefühl begleitet man den unendlich mühsamen und schwierigen Weg, auf dem Henrike versucht, ihren Traum auf Selbstbestimmung zu verwirklichen. Der sehr sorgsame Sprachstil passt perfekt zur geschilderten Zeit. Die sehr detailverliebte Erzählweise erleichtert das Ein- und Wegtauchen in die Geschichte und verrät, zumindest ansatzweise, wie viel sorgfältige Recherchearbeit hinter dem Roman steckt. Auch Band 2 hat mir sehr, sehr gut gefallen, er ist genauso mitreißend wie Band 1.

 

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Jan Beck

Die Nacht – Wirst du morgen noch leben?

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Penguin Verlag

·         Broschiert ‏ : ‎ 464 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3328106678

#DieNachtWirstdumorgennochleben

 

 Perfide, raffiniert, rasant und sehr, sehr spannend

 

Der Autor Jan Beck alias Joe Fischler war mir bislang unbekannt. Umso überraschender begeisterte mich der vorliegende Thriller, und zwar so sehr, dass ich mich auf jeden Fall durch die Backlist lesen möchte.

 

Schon der Einstieg ist packend: Hanna, eigentlich eine unerschrockene Frau, verläuft sich während eines Gewitters auf ihrer Wandertour im finsteren Wald. Es erwartet sie Schreckliches… Und es tritt über das Internet ein Täter an die Öffentlichkeit. Mit dem Lösen von perfiden Aufgaben bzw. dem Erfüllen seiner Forderungen könnte das Leben seiner in Gefangenschaft genommenen Menschen angeblich gerettet werden. Diese fünf Menschen, zu denen auch Hanna gehört, stecken bewegungsunfähig in engen Glasbehältern. Um sie herum läuft eine Kettenreaktion mit Dominosteinen ab, die jeden Tag einen dieser Menschen auf grausamste und äußerst raffinierte Weise zu Tode bringt. Europol-Ermittlerin Inga Björk, die zuständig ist für Serienverbrechen, versucht zusammen mit Christian Brand den Täter aufzuspüren. Ein geradezu hoffnungsloses Unterfangen, da lange nicht der geringste Anhaltspunkt zu finden ist. Doch der Tod weiterer Menschen treibt die beiden Ermittler an…

 

Welch ein beeindruckend gelungener, mitreißender Thriller ist Jan Beck hier gelungen! Aus wechselnden Perspektiven verfolgt man das Geschehen, wobei diese häufigen Blickrichtungswechsel beim Leser jedoch nicht zur Verwirrung führen, wie in so manch anderen Thrillern, sondern sie schaffen im Gegenteil eine besondere Transparenz. Besonders anrührend und gekonnt  in Worte gefasst sind die kindlichen Berichte des 7-jährigen Benjamin. Unerwartete Twists machen geradezu schwindelig beim Lesen. In Maßen gesetzte Cliffhanger treiben die Spannung und das Lesen voran. Am völlig unerwarteten Ende wird der Leser noch ein weiteres Mal völlig überrascht.

 

 

Fazit: Dieser Thriller ist packend, rasant, perfide, temporeich und sehr, sehr spannend – absolute Leseempfehlung!

 

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Saskia Noort

Bonuskind

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Europa Verlag

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3958903913

#Bonuskind

  

Düstere Suche nach der Wahrheit

 

Ist das vorliegende Buch wirklich ein Thriller? Möglicherweise ein Psychothriller oder doch eher ein Roman? Auf jeden Fall ist es keine Coming-of-Age-Geschichte, wie vom Verlag angekündigt, denn ich sehe im Buch keine Entwicklung in der Person Lies. Eher mutet sie mich von Beginn an wie die einzige reife Erwachsene unter lauter mehr oder weniger gestörten Familienmitgliedern.

Die 15-jährige Lies und ihr kleiner Bruder Luuk werden seit der Trennung ihrer Eltern zwischen Mutter und Vater hin- und hergereicht und müssen den permanenten hasserfüllten Streit zwischen den Eltern ertragen. Der Vater Peter lebt mit einer jüngeren Frau zusammen, die Mutter Jet ist ihren extremen Gefühlsschwankungen ausgeliefert. Als die Mutter plötzlich verschwindet und schließlich ihre Leiche gefunden wird, sind sich alle einig, dass Jet Selbstmord begangen hat. Schließlich kannten alle ihre psychische Instabilität. Nur Lies als Einzige ist sich sicher, dass die Mutter niemals ihre Kinder im Stich gelassen hätte. Sie findet das Tagebuch von Jet mit außerordentlich verstörenden Details…

Das Buch nimmt den Leser gefangen, weil es so raffiniert und klug konstruiert ist, dass man nie so recht weiß, wem man Glauben schenken darf. Und es nimmt gefangen im Miterleben, welchem psychischen Elend Kinder ausgesetzt sind, wenn Eltern sich in permanentem Hass nur um sich selbst drehen und die Kinder instrumentalisiert werden. Die Autorin wechselt zwischen dem Bericht aus der Sicht von Lies und den in kursiver Schrift gesetzten Abschnitten aus den tagebuchartigen Notizen von Mutter Jet. Sehr eindrücklich ist es Saskia Noort gelungen, in der Person Lies das Wandern auf der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt darzustellen. Lies hat mich sehr beeindruckt mit ihrer inneren Stärke und geistigen Klarheit, mit der sie durch Wut und Trauer hindurch auf der Suche nach der Wahrheit ist und die Menschen ihrer Umgebung mit feinem Gespür analysiert. Sehr viel schwächer und weniger nachvollziehbar ist für mich die Schilderung der Mutter Jet gelungen. Auch frage ich mich, ob die breit ausgewalzten erotischen Szenen nicht glaubwürdiger und eindringlicher gewirkt hätten, wenn sie etwas zurückhaltender beschrieben worden wären. Mit dem Ende der Geschichte setzt die Autorin noch einen unerwarteten Überraschungseffekt.

Fazit: Ein ungewöhnlich konstruierter, durchweg packend zu lesender, psychologisch düsterer Roman. 

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Ladina Bordoli

Das Fundament der Hoffnung

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

·         Broschiert ‏ : ‎ 368 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453424630

#DasFundamentderHoffnung

 

 

Viel Gefühl, zu wenig Tiefgang

 

Mehrbändige Familien-Sagas sind gerade sehr in Mode. Wenn sie gut recherchiert sind, erfährt man neben den familiären Gefühlsgeschichten auch etwas über den historischen, landschaftlichen und beruflichen Hintergrund, sodass neben dem Unterhaltungswert auch ein wenig Wissenszugewinn das Lesen sinnvoll macht. Im vorliegenden 1. Band der Mandelli-Saga habe ich allerdings Mühe, diesen Wissenszugewinn zu entdecken.

Wir befinden uns im Jahr 1956 am Comer See. Aurora ist 19 Jahre alt, als ihr geliebter Bruder den Unfalltod stirbt. Der Vater, der zusammen mit seinem Sohn ein kleines Bauunternehmen führte, ist gebrochen. Um der Familie das Überleben zu sichern, versucht Aurora, die schon immer ein Faible für die Arbeit als Maurerin, als muratore, hatte, die Firma weiterzuführen und glaubt, am langjährigen Mitarbeiter Michele einen treuen Beistand zu haben. Doch Aurora scheint am gesellschaftlichen Druck zu zerbrechen…

Allem vorangeschickt sei, dass das Buch wunderbar zu lesen ist. Man wird von Anfang an von der Geschichte eingefangen und kann die Gefühle, die Aurora und ihre Familie bewegen, stets mitempfinden. Ladina Bordoli schreibt zwar in einer sehr malerisch-ausschmückenden und weitschweifigen Erzählweise, dennoch wurde mir beim Lesen nie langweilig. Schade fand ich, dass recht viele Klischees bemüht werden, was zum Beispiel beim schnellen Wandel des Michele vom hilfsbereiten, freundlichen Menschen zum extrem widerwärtigen, saufenden, jähzornigen Ekel sichtbar wird. Merkwürdig empfinde ich auch die Darstellung von Aurora, die eine emanzipierte Seite hat und sehr selbstsicher ihre Gestaltungsvorstellungen darlegt, andererseits aber so stumm-leidend und selbstunsicher in ihren Beziehungen ist. Und leider, leider wird über die Arbeit von Aurora wenig Substantielles berichtet. Nur über ihre außerordentlich besonderen Fähigkeiten, Gegebenheiten aufzunehmen und sofort im Geist Entwürfe der Umgestaltung präsentieren zu können, erfahren wir. Wissenszugewinn wie oben erwähnt, ist im Buch nicht zu finden, weder was die Örtlichkeiten, was die schwierige Zeit der Fünfziger Jahre noch was die schwere Arbeit der Muratore betrifft. Das Buch erschöpft sich in schweigendem Ertragen,  im detaillierten Beobachten und in diversen Gefühlslagen. Schön zu lesen, doch ein wenig mehr Tiefgang hätte dem Roman gut getan.

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Irvin und Marilyn Yalom

Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442759217

·         Originaltitel ‏ : ‎ A MATTER OF DEATH AND LIFE

#UnzertrennlichÜberTodunddasLeben

 

 

Bewegend

 

Wer sich je mit Psychotherapie beschäftigt hat, sei es beruflich, sei es aus persönlichem Interesse, dem wird der Name des angesehensten und einflussreichsten Psychotherapeuten Amerikas, Irvin D. Yalom, bekannt sein. Unvergleichlich seine Gabe, die Grundpfeiler der existentiellen Psychotherapie, die weit ins Tiefenpsychologisch-Philosophische hineinragen, anhand von „Therapiegeschichten“ unterhaltsam-verstehbar zu machen (z. B. „Die Liebe und ihr Henker“ u.v.a.). Als seine Frau Marilyn, hochgebildete Kulturwissenschaftlerin und Autorin, todkrank wird, beschließen sie, über diese letzte gemeinsame Zeit miteinander ein Buch zu schreiben, das erste und einzige gemeinsame Werk. Vergangenen Herbst starb Marilyn und Irvin musste das Buch alleine fertigstellen.

Während der Lektüre des Buches habe ich mir die zahlreichen Fotos im Buch immer wieder neu angesehen. Viele wirken gestellt, gewollt, in Szene gesetzt. Dem Leser wird kaum ein spontaner Einblick gewährt. Und diese Distanz spüre ich auch über die gesamte Lektüre hinweg durch die meist eher intellektuell-rationale Erzählweise. Was ich aber auch spüre, und das ist sicher nicht überraschend: Wie die Schilderungen des Buches mich persönlich anpacken. Denn der Abschied, das Weggeben, das Weggehen, das Verlassen und Verlassen-Werden, das Sterben und der Tod in seiner Endgültigkeit sind große Themen des Menschseins, und genau diesen begegnet der Leser ganz direkt. Alles, wirklich alles dreht sich im Buch letztlich um Nietzsches Satz „Stirb zur rechten Zeit“. Im Wechsel erzählen Marilyn und Irvin von ihrem gelebten Leben, von  Erfahrungen, von Hoffnungen, von geistigen Begleitern, von Kindern, Enkelkindern und Freunden. Marilyn bleibt lange stark für Irvin, bis sie ans Ende ihrer Kraft gelangt und den in Amerika erlaubten begleiteten Suizid wählt. Unerwartet war für mich zu lesen, dass Transzendenz kein Thema für das Ehepaar Yalom war, auch nicht im direkten Angesicht des Todes. Oder dass für  Musik kein Platz war im Leben der Beiden. Das letzte Drittel des Buches muss Irvin schließlich allein schreiben. Er schildert darin in vielen Facetten seine unfassbar tiefe Einsamkeit nach Verlust seiner geliebten Frau, Partnerin und verlässlichen Stütze im Leben wie im intellektuellen Miteinander, wie sie es über die unglaublich lange Zeit einer 65-jährigen Ehe war.

„Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut haben, andere zu lieben.“

 

Fazit: Ein bewegendes, ein wichtiges Buch für alle, die sich mit Leben, Liebe und Tod gleichermaßen beschäftigen.

 

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Catherine Ryan Howard

The Nothing Man

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 400 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499005367

#TheNothingMan

  

Raffiniert, intelligent, bedrohlich-fesselnd

 

Bewundernswert, was Catherine Ryan Howard hier gelungen ist. Ein Thriller der Extraklasse, der mich von Anfang bis Ende fasziniert hat, nicht nur der Handlung wegen, sondern ganz besonders wegen der Raffinesse des gesamten Konstrukts des Buches.

Vor zwanzig Jahren tötete ein Mann die gesamte Familie von Eve Black, ohne auch nur die geringsten Spuren zu hinterlassen. Eve, damals zwölfjährig, überlebt als Einzige, und schreibt 20 Jahre später ein Buch über dieses traumatische Erlebnis. „Ich war das Mädchen, das den Nothing Man überlebte. Jetzt bin ich die Frau, die ihn fassen wird.“ Jim Doyle übt den langweiligen Job eines Wachmanns in einem Supermarkt aus. Er beginnt, das Buch von Eve Black zu lesen. Und ihm wird klar, dass er keine andere Wahl hat, als Eve zu töten. Denn er ist der Nothing Man. Mehr kann man über den Inhalt nicht verraten, ohne Spannung wegzunehmen.

Mit unglaublicher Raffinesse schafft es die Autorin, dass man von Anfang an das Gefühl hat, zwei Bücher gleichzeitig zu lesen, und zwar beide mit der gleichen aufregenden Spannung. Zwei Geschichten, die sich im Schriftbild unterscheiden, was dem Leser hilft, die Orientierung zu behalten. Zwei Geschichten, die sich unaufhaltsam aufeinander zu bewegen. Je näher sie sich kommen, desto mehr wachsen Angst und Beklemmung beim Lesen. Solch ein geniales Thriller-Konstrukt habe ich noch nie erlebt. Wir lernen den Serienkiller von seinen intimsten Seiten kennen. Und wir erfahren, wie Eve niemals, niemals aufgehört hat, dem Killer auf die Spur kommen zu wollen. Zwei Geschichten, die sich zwischen den Genres True Crime und fiktivem Thriller hin und her bewegen und mit den jeweiligen Klischees spielen. Zwei Geschichten über das Anschleichen von Jäger und Gejagtem. Zwei Geschichten, die durch mehrere Wendungen letztlich überraschen.

Fazit: Ein überzeugend schlau durchdachtes, durchweg spannend-bedrohliches Lesevergnügen! 

 

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Sigrid Nunez

Was fehlt dir

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 222 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3351038755

         Originaltitel ‏ : ‎ What are you going through

#Wasfehltdir

 

 

Spitzentanz in Clogs

 

Welch ein seltsames Buch. Ein Buch ohne roten Faden – oder doch? Ein Buch, das anmutet wie ein Ideen-Notizbuch, eine Sammlung von Gedachtem, Gelesenem, Gesehenem, zusammengetragen mit Willkür – oder doch nicht? Vielleicht passt am besten dieser Satz, den die Autorin selbst im Buch schreibt: „Die wichtigsten Dinge in Worte zu fassen, ist wie ein Spitzentanz in Clogs.“

Eine zusammengefasste Inhaltsangabe lässt sich nicht schreiben. Menschen tauchen auf den Buchseiten auf, sind Anlass für Wahrnehmungen und Fragen an sich selbst, dann verschwinden sie wieder. Die größte Konstante im Buch ist die an Krebs erkrankte Freundin, die auf ein selbstbestimmtes Ende besteht. Die Ich-Erzählerin lernt an ihr und an den anderen Begegnungen viele Formen der Lebenssicht und eine Ahnung davon, wie Empathie, wie genaues Zuhören die kostbarste Form des menschlichen Miteinanders ist.

Das Buch beginnt mit einem Vortrag, einer gnadenlosen Analyse des unumkehrbaren Versagens der Menschheit. Den Menschen fehlt der kollektive Wille, die Katastrophe (der eigenen Vernichtung) aufzuhalten. Zynisch-hoffnungslos. Es folgt sozusagen als Kontrapunkt eine Fülle an Miniaturen mit einer großen Bandbreite von Themen, kurzweilig, humorvoll, tieftraurig, teilweise mit beiläufig wirkenden Sätzen, die jedoch in Wahrheit sinngebend sind, allesamt Versuche, das Leben irgendwie hoffnungsvoller zu sehen. Langatmige Erzählungen von Buch- oder Filminhalten oder literarische „Querverweise“ wollen den erzählten Begegnungen und Geschichten zusätzliche Tiefe verleihen. Sigrid Nunez schreibt sezierend beobachtend, klug und belesen, mit einem leisen, entlarvenden Humor. Sie ist wie eine Frau, die einen Vorfall erzählen will, aber nie dazu kommt, weil ihr ständig neue Details einfallen, die sie auch noch erzählen will und dadurch nie zum Punkt kommt.

 

Mit dem Bild des Spitzentanzes in Clogs befreit die Autorin die Leser und Rezensenten von dem Versuch, ihr Buch umfassend zu verstehen. Empathie und genaues Zuhören reicht.

 

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Cynthia d’Aprix Sweeney

Unter Freunden

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Klett-Cotta

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3608984484

·         Originaltitel ‏ : ‎ Good Company

#UnterFreunden

  

Das Leben ein einziges Theaterstück

 

Wenn man mehrere euphorische Lobeshymnen über ein Buch liest, schraubt das die Erwartungen ziemlich hoch. Aber was ist, wenn man nach eigener Lektüre die Lobeshymnen nicht nachvollziehen kann? Liegt es an mir? Verstehe ich das Buch nicht richtig? Habe ich eine völlig andere Vorstellung von „glänzender Unterhaltung“, von „mitreißenden Charakteren“? Fragen, die mich bewegen und die es mir schwer machen, eine Rezension zu schreiben.

Den Inhalt kann man sehr kurz zusammenfassen. Zwei eng befreundete Ehepaare, mehrheitlich Schauspieler, über viele Jahre vertraut miteinander, werden durch eine seit langen Jahren bestehende, bestgehütete, aber schließlich doch ans Licht kommende  Lüge an ihre Grenzen gebracht, ihre Beziehungen zueinander (und zu sich selbst) in Frage gestellt.

 

Keine Frage, Cynthia d’Aprix Sweeney schreibt gut. Sie hat die Gabe, seismographisch in Beziehungsgeflechte hineinzuschauen, vielleicht sogar durch sie hindurch und damit sie zu durchschauen. Und diese Gabe des sezierenden Blicks verpackt sie nicht in analysierende Worte, sondern in viele, viele kleine Szenen, alltägliche Szenen, im Grunde nichtssagende Szenen, die erst in der Summe ein Bild aller unausgesprochenen Wahrheiten ergeben. Und genau diese unendlich vielen puzzleartigen Einzelteile, realistisch erscheinend, unbedeutend wirkend, amerikanisch-oberflächlich, sind es, die mich beim Lesen so ermüden ließen. Zu viele amerikanische Labels, zu viele Namen von Personen, Songs, Orten, Künstlern, Gerichten, Getränken, die Amerikanern vertraut sein mögen, mir allerdings nicht, und damit in mir nichts auslösen außer gelangweiltes Darüberlesen. Aus den verschiedenen Perspektiven der Hauptpersonen wird geschildert, wie sich vertrautes Leben, in dem man es sich miteinander heimelig gemacht hatte, von einer Minute zur anderen in Nichts auflöst. Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt, eine alte Lüge, alles wird überlebt und dennoch beginnt in der Folge ein neues, ein wankendes, ein unsicheres Leben ohne doppelten Boden, ohne Sicherheitsnetz. Ein Thema, das man emotional spürbar, psychologisch tiefgehend hätte beschreiben können. Mir kommt das Buch jedoch vor wie ein zu detailreich inszeniertes Theaterstück, das sich um nichts als um sich selbst dreht. 

 

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Benedict Mirow

Die Chroniken von Mistle End – Bd. 1 Der Greif erwacht

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3522185400

·         Lesealter ‏ : ‎ 10 Jahre und älter

#DieCchronikenvonMistleEnd

  

Grandios geschriebene fantasiereiche Abenteuergeschichte

 

Eigentlich lese ich Fantasy nicht besonders gerne. Aber die großartige zeichnerische Gestaltung des Schutzumschlages mit „Durchsicht“  fing meine Aufmerksamkeit ein. Und kaum hatte ich zu lesen begonnen, befand ich mich schon auf der Reise in die schottischen Highlands und verfiel zunehmend dem besonderen Zauber von Mistle End.

 

Cedrik reist mit seinem Vater, einem angesehenen Experten für Mythologie, nach Mistle End, einem sehr entlegenen kleinen Ort in den schottischen Highlands, um dort eine Lehrer-Stelle anzutreten. Der Junge ist nicht begeistert von diesem Umzug, aber er fügt sich. Mistle End erweist sich als ein sehr seltsamer Ort. Bereits in der ersten Nacht wird Cedrik von einem Albtraum heimgesucht, in dem ihm ein Greif seltsame Fragen stellt. Cedrik lernt die Geschwister Emily und Elliot kennen, die ihm nach und nach die Geheimnisse von Mistle End offenbaren, denn der Ort ist die Heimat vieler Hexen und anderer magischer Geschöpfe, die sich auf der Flucht vor den gefährlichen Menschen dorthin zurückgezogen haben. Jeder Neuankömmling muss deshalb eine Greifenprüfung bestehen. Dabei stellt sich heraus, dass Cedrik auf wunderbare Weise über die seltene Kraft verfügt, Erde und Pflanzen kontrollieren zu können. Er ist ein Druide! Davon ist die Dorfgemeinschaft nicht sehr erfreut, denn Druiden brachten bisher stets Unfrieden. Und was dann noch alles an unglaublichen Geschehnissen passiert, muss man einfach selber lesen.

 

Benedict Mirow schreibt so detailreich, so farbig, so eindrücklich, dass das Kopfkino einen Bilderbogen nach dem anderen produziert. Erzählt wird fesselnd-spannend und humorvoll, dabei gefühlvoll und facettenreich. Ich bin absolut beeindruckt von der schier unerschöpflichen Fülle an fantastischen Ideen des Autors. Zwar ist Cedric der eigentliche Held, aber auch all die anderen teils sehr eigenwilligen mystischen Wesen, die durch die Seiten tanzen, nehmen den Leser gefangen. So ganz nebenbei gibt es auch durchaus Wissenswertes zu erfahren, abgesehen von der ganz großen Botschaft, die Natur in ihrer Einmaligkeit zu achten und zu bewahren. Gekonnt nimmt die aufregende Spannung im Verlauf der Geschichte mehr und mehr zu und erfährt gegen Ende eine überraschende Wendung. Und so macht das Buch ganz große Lust auf eine Fortsetzung.

 

 

Fazit: Eine grandios gut geschriebene faszinierend-fantastische Geschichte, die den Leser im wahrsten Sinne des Wortes auf magische Weise verzaubert.

 

 

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Lisa Krusche

Das Universum ist verdammt groß und super mystisch

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Beltz & Gelberg

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3407756008

·         Lesealter ‏ : ‎ 10 Jahre und älter

#DasUniversumistverdammtgroßundsupermystisch

 

Sehr schräg, sehr traurig, sehr klug

 

Dass sich ein ganz besonderes und absolut lesenswertes Buch hinter dem Cover versteckt, glaubt man nicht. Das Titelbild zeigt einfallslos und platt-altmodisch die handelnden Personen und verrät dadurch nicht im Geringsten die kluge Sensibilität der Geschichte. Das ist schade, denn aufgrund der äußeren Gestaltung wird es das Buch schwer haben, seine passenden Leser zu finden. Es braucht also die persönliche Empfehlung.

 

Ganz kurz der Inhalt zusammengefasst: Da seine Mutter wieder mit einem neuen Mann zusammenlebt, spricht Gustav nicht mehr, solange bis „der Mann“ wieder weg ist. Gustavs innigster Wunsch ist, seinen echten Vater zu finden. Der könnte alles sein, vielleicht auch ein Binnenschifffahrtskapitän. Charles, das Mädchen mit dem riesigen bunt gestreiften Schal, findet nichts dabei, dass Gustav nicht spricht und immer seine Wasserpflanze Agatha mit sich trägt. „Wir finden deinen Vater“, sagt sie. Ganz einfach. Und Gustavs Opa, der traurige Clown im Altersheim, wird wieder jung bei der Suche nach Gustavs Vater, bei der Reise von Berlin bis Istanbul. Gustav zweifelt immer wieder, doch Charles weiß, wie man die Kraft des Universums aktiviert.

 

Eine absolut schräge Geschichte, keine Frage. Und eine schöne dazu. Eine, die Mut macht. Nie aufzugeben zum Beispiel. Oder es zu wagen, der eigenen Sehnsucht zu folgen. Oder Fremdem mit Offenheit zu begegnen. Aber auch treu zu sich selbst zu sein. Das und noch viel mehr steckt in diesem Buch, das es verdient, mehrfach gelesen zu werden, um weitere Feinheiten zu entdecken. Lisa Krusche erzählt kindgerecht lustig und aufregend, doch wer aufmerksam liest, spürt einen riesengroßen Berg an Traurigkeit hinter dem Vordergründigen. Ein Satz ist mir besonders hängen geblieben, der die Zaghaftigkeit, das Ängstlich-Sein, sich auf den Weg zu machen, so ausdrückt: „Besser nicht wegfahren, sonst passt man am Ende nicht mehr in seine Welt.“ Die Autorin schildert mit ganz feiner Beobachtungsgabe das, was Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ausmacht. Sie spielt mühelos mit den Sätzen wie eine Jongleurin, dadurch macht sie das Lesen leicht. Und genau darin liegt ihre besondere Schreibekunst. Denn „manchmal braucht man jemanden, der für einen träumt, wenn einem selbst die Fantasie fehlt“.

 

 

Fazit: Ein sensibles und lustig-kluges Buch für aufmerksame Leser. 

 

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Anahita-Valia Barn

Leono – Wie ein kleines Chamäleon Freunde findet

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 48 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3649638797

·         Lesealter ‏ : ‎ 4 Jahre und älter

#Leono

 

 Wie man ist, ist man richtig

 

Ein Feuerwerk an Farben lacht uns mit diesem Bilderbuch an, wunderschön in  Szene gesetzt von Lena Lackmann. Schon das Cover allein mit dem kunterbunten kleinen Chamäleon verlockt dazu, das Bilderbuch in die Hand zu nehmen. Und die anrührende und kluge Geschichte bringt den Kindern Wichtiges auf kindgerechte und bunte Weise näher. .

 

Leono findet einfach keine Freunde, so sehr er sich auch anstrengt. Denn wenn er auf seinem braunen Knorzelbaum sitzt, wird auch er ganz braun und damit unsichtbar für andere. Und wenn Leono, der sich seiner Unsichtbarkeit nicht bewusst ist, hoffnungsfroh fragt, ob man etwas zusammen spielen könnte, machen sich Schrecken und Entsetzen breit, weil die Tiere glauben, der Baum hätte gesprochen. Und so wird Leono immer trauriger – denn ohne Freunde ist das Leben traurig-maus-grau. Doch als er dem Papagei Krawatte begegnet, werden die Tage plötzlich aufregend – und kunterbunt, nicht nur für Leono…

 

Die Geschichte, die Anahita-Valia Barn erzählt, hat so viele Facetten wie es Farben hat. Wer sich anpasst, wird nicht gesehen. Das ist so eine Botschaft, die darin steckt. Oder auch, dass man Farbe bekennen sollte. Denn wie man ist, ist man richtig. Ob mit Farbe oder ohne – alles ist wichtig und richtig. Diese Lektion Selbstwertgefühl muss Leono auf aufregende Weise lernen. Bald zeigt er, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat, Mitgefühl für die eingesperrten Tiere aufbringt und Mut beweist, indem er ihnen hilft. Und dass Freunde das Leben reicher machen, bunter, fröhlicher und erfolgreicher, auch das wird witzig und spannend zugleich erzählt. Genau hinschauen muss man außerdem, denn auf manchen Seiten geht es zu wie in einem kunterbunten Wimmelbuch. Wie das kleine Chamäleon Leono lernt, seine eigene Besonderheit als Kostbarkeit zu verstehen, das wird so fröhlich-humorvoll erzählt, so genial in Farben gemalt, dass man gar nicht aufhören mag, die Seiten immer wieder aufs Neue anzuschauen, die Geschichte mit den vielen klugen und kreativen Ideen immer wieder und wieder zu lesen.

 

 

Fazit: Ein wunderbar geglücktes Bilderbuch, das ideenreich von traurig-maus-grau bis bunt-fröhlich Mut für die eigene Besonderheit macht.

 

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Ruth Lillegraven

Tiefer Fjord

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ List Hardcover

·         Broschiert ‏ : ‎ 400 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3471360415

·         Originaltitel ‏ : ‎ Alt er mitt

#Tiefer Fjord

 

Ein starker Spannungsroman, überraschend und beeindruckend

 

Ein Spannungsroman ist „Tiefer Fjord“, ein Debütroman und der erste Band einer Trilogie. Drei Gründe, um das Buch mit besonderer Neugier zu lesen. Und in der Tat, die Autorin bietet überraschendes und durchweg spannendes Lesefutter.

 

Haavard ist Klinikarzt und muss miterleben, wie ein kleiner pakistanischer Junge, offensichtlich schwer misshandelt, kurz nach Einlieferung stirbt. In der Nacht darauf wird der Vater des Jungen erschossen aufgefunden. Clara, Haavards Frau, versucht mit größtem Engagement, als Ministerin einen Gesetzesentwurf durchzubringen, der misshandelten Kindern früher als bisher Hilfe ermöglichen soll. Doch der Gesetzentwurf wird abgelehnt. In der Ehe von Haavard und Clara gibt es viele Unstimmigkeiten. Als kurz darauf eine iranische Frau ermordet wird, gerät Haavard unter Verdacht. Clara, deren politische Karriere damit in Gefahr gerät, muss Haavard entlasten, ohne zu wissen, ob er wirklich unschuldig ist.

 

Im Präsens erzählt Ruth Lillegraven und rückt damit die Geschehnisse besonders nah an den Leser heran. Die fast bedrohlich wirkende Kulisse der norwegischen Landschaft, insbesondere rund um einen unergründlichen Fjord, beeindruckte mich sehr. In wechselnden Perspektiven erfahren wir aus der Sicht von Haavard, Clara und weiteren Personen hautnah von deren Erleben, deren Gedanken und Gefühlen. Aber auch, wie Vergangenes ihr weiteres Leben bestimmen sollte. Mir ist besonders eindrücklich gewesen, wie ein winziger Moment einer falschen oder zumindest unbedachten  Entscheidung zur Lawine führt, die alles Unschuldige mitreißt, das im Weg steht, und nichts als Verderben bringt. In angenehm kurzen Kapiteln schwirren wir in der ersten Hälfte des Buches um die einzelnen Personen herum wie Fliegen um eine Lichtquelle in der Dämmerung. Erst in der zweiten Hälfte des Romans beginnt das aktive Rätselraten und eine kontinuierliche Zunahme der Spannung, denn Überraschendes, Unerwartetes kommt auf den Leser zu. Und wer ist eigentlich Täter und wer Opfer? Und wem gilt unsere Sympathie? Verwirrend und überraschend!

 

 

Fazit: Ein starker Roman mit einer starken Geschichte, die noch lange nachwirkt.

 

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Khalil Gibran

Kleines Buch der unvergänglichen Liebe

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Lotos

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 208 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3778782972

·         Originaltitel ‏ : ‎ Kahlil Gibran's Little Book of Love

#KleinesBuchderunvergänglichenLiebe

 

 

Ein Wegbegleiter für Jahre

 

Dieses kleine Büchlein besticht schon allein durch seine sorgfältige Gesamtgestaltung. Das Cover mit dem Motiv „The Peacock“ und dazu passend auf bordeauxfarbenem Untergrund Titel und Untertitel abgesetzt, dazu ein Lesebändchen – alles wirkt fein und liebevoll. Ein Geschenkbändchen, in das man in stillen Momenten immer wieder hineinschauen kann.

 

Das Buch beleuchtet das unermessliche, unausschöpfbare Thema Liebe aus vielen verschiedenen Richtungen und Aspekten, in erzählender und in Versform. „Die Liebe hat vielerlei Gesichter, mannigfache Möglichkeiten, Verstecken zu spielen.“

Der Lyriker Jochen Winter hat die ausgewählten Worte von Khalil Gibran mehr als 80 Jahre nach dessen Tod neu übersetzt und für unser heutiges Sprachempfinden  eingängiger gemacht. Ich bin literarisch und fremdsprachlich nicht bewandert genug, um die Qualität der Neuübersetzung beurteilen zu können. Mir bleibt nur der Ausdruck meines ganz persönlichen Empfindens. Man wird dem Buch sicher nicht gerecht, wenn man es durchlesen möchte wie einen Roman. Vielmehr glaube ich, dass es Aufmerksamkeit und Stille und Sorgfalt vom Leser fordert, um die Schätze, die sich in den Seiten verbergen, wirklich auffinden zu können. Es handelt sich um keine oberflächlichen Postkartenweisheiten, sondern um kleine wortfunkelnde Edelsteine, deren Wert sich nur dem erschließen mag, der poetische Sprache und ihre Bilder zu übersetzen versteht hinein ins persönliche Leben. Khalil Gibran verbindet in seinen Wortbildern, Parabeln und Geschichten auf unvergleichliche Weise Strömungen des Orients mit westlicher Philosophie, was den Anspruch, aber auch den Reichtum ausmacht.

 

Ich werde noch viele Jahre in diesem Buch lesen…

 

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Katja Reider

Trudi traut sich

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3649637110

·         Lesealter ‏ : ‎ 3 Jahre und älter

#Truditrautsich

  

„Trau dich!“

 

Wunderbar, hinreißend, zauberhaft, liebenswert – die Reihe an begeisterten Adjektiven könnte ich noch beliebig fortführen. Denn dieses Bilderbuch für die Kleinen ist meiner Meinung nach rundum perfekt gelungen.

 

Trudi ist eine braun-gefleckte Kuh, steht auf der Weide, frisst Gras. Ganz normal alles soweit. Trudi ist allerdings groß, sehr, sehr groß sogar, wenn man die kleineren Tiere fragen würde. Und so glauben diese Tiere, dass Trudi so mutig ist wie sie groß ist. Gar keine Frage. Bei Gewitter zum Beispiel stellen sich Ferkel und Kaninchen unter Trudis Bauch, da fühlen sie sich sicher und beschützt. Seite um Seite begleiten wir die große Trudi durch einige Abenteuer und erleben zuletzt eine ganz große Überraschung.

 

Großartig, wie Katja Reider mit dem Thema Angst umgeht und kindgerecht in eine anrührende Geschichte verpackt. Angst ist nichts, weswegen man sich schämen muss. Jeder darf auch einmal Angst haben und muss sich nicht verstecken deswegen. Das Eingestehen von Angst, das Erleben von Freundschaft und gegenseitiger Hilfe lassen, wenn es nötig ist, über sich selbst hinauswachsen. „Trau dich!“ Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Ohne viele Worte wird eine stärkende Botschaft vermittelt. Die Illustrationen von Henrike Wilson passen  mit ihrer Großformatigkeit und ausdrucksstarken Schlichtheit perfekt zu Trudi und ihrer Geschichte.

 

Fazit: Ein wunderbares Bilderbuch, das man mit den Kleinsten immer und immer wieder anschauen und lesen sollte.

 

 

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Michael Engler

In einem fernen Land

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3649637127

·         Lesealter ‏ : ‎ 4 Jahre und älter

#IneinemfernenLand

 

 

Den Aufbruch wagen und damit der Angst trotzen

 

Eine schöne Geschichte hat Michael Engler mit „In einem fernen Land“ geschrieben. Eigentlich ein Plot, der ein sehr viel umfangreicheres Kinderbuch für ältere Kinder hätte ergeben können. Denn auch oder gerade Kinder ab 8 Jahren brauchen aufgrund ihrer ersten Erfahrungen in der Welt oftmals sehr viel mehr Ermutigung als die kleinen Bilderbuch-Gucker.

 

Hinter dem eigenen, armseligen Dorf liegt das Novemberland. Die Erwachsenen warnen davor, das Novemberland aufzusuchen, weil der Weg dorthin sehr, sehr gefährlich ist. Und so weiß niemand, was man findet, wenn man Novemberland durchquert. Die Kinder beginnen, sich sehr fantasiereich auszudenken, was wohl hinter Novemberland liegen könnte: Ein paradiesisch schönes Sehnsuchtsland erträumen sie sich. Und beginnen sich zu fragen, warum man nicht doch wagen sollte, was bisher noch niemand gewagt hat. Es ist einfach eine Frage des Mutes, auf Entdeckungsreise zu gehen. „Ich will keine Angst mehr haben“, beschließen sie gemeinsam.  Und nachdem sie sich gegenseitig ermutigt haben, machen sie sich auf den überaus beschwerlichen Weg.  Wie es weiter geht, müsst ihr unbedingt selbst lesen und schauen.

 

"Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer." Diesen Spruch von Seneca hat Michael Engler dem Buch mit auf den Weg gegeben. Ganz schön anspruchsvoll für Kinder im Bilderbuch- und Erstlesealter. Ich hoffe, bald  einmal die Möglichkeit zu haben, als Lesepatin diese Geschichte den 4- bis 6-Jährigen vorlesen zu können, denn ich bin unsicher, welche Reaktionen zu erwarten sein werden. Ja, es ist eine kluge Geschichte, die helfen soll, trotz Angst etwas zu wagen, den eigenen Horizont zu erweitern. „Der erste Schritt ist der schwerste.“ Und wie hilfreich es ist, wenn man seine Angst mit anderen teilt. „Angst wird weniger, wenn man davon abgibt.“ Wie viel von diesen Botschaften findet seinen Weg in das kindliche Verständnis? Vorzulesen ist die Geschichte auf jeden Fall sehr ausdrucksstark. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kinder ganz still werden beim Zuhören. Die Illustrationen von Matthias Derenbach untermalen das Geschehen eindrücklich. 

 

Fazit: Ein anspruchsvolles Bilderbuch, auch für Ältere.

 

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Andreas Winkelmann

Die Karte

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 384 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499000409

#DieKarte

 

 

Diesmal viel Persönliches, weniger nervenzerreißende Spannung

 

Zugegebenermaßen, meine Erwartungen waren hoch. Bislang habe ich alle Thriller aus der Reihe mit Kerner und Oswald gelesen und war jedes Mal restlos begeistert. Insofern musste sich der vorliegende vierte Band an seinen Vorgängern messen lassen. Leider fand ich ihn ein wenig schwächer als die ersten drei Bände.

 

Die Geschichte beginnt mit dem Frauenpaar Eva und Laura. Eva entscheidet sich, abends im Dunkeln noch eine Laufrunde zu drehen und wird wenig später brutal ermordet aufgefunden. Der Ermittler Kerner ist betroffen, denn er hatte noch kurze Zeit zuvor mit Eva bezüglich eines anderen Falls gesprochen. Nur wenige Tage vergehen, und eine weitere Joggerin wird tot aufgefunden. Ein Serientäter?

 

 

Wie immer gelingt es Andreas Winkelmann, von Anfang an so zu erzählen, dass man sofort mitten in die Geschichte gerät. Detailreich und lebendig schreibt Andreas Winkelmann, sodass der Leser schnell sehr plastische Bilder in der Vorstellung entwickelt. Verschiedene Perspektiven, auch Rückblicke in die Vergangenheit, sind wohldosiert eingesetzt, ohne den Lesefluss zu unterbrechen oder Verwirrung zu schaffen. Verstörend die Kapitel, in denen der Täter Einblicke in sein Denken und Fühlen gibt und seiner Hybris, sich gottgleich zu fühlen, Herr über Leben und Tod zu sein, Ausdruck verleiht. Was die Ermittler Jens Kerner und Rolf Hagenah betrifft, ebenso die Polizistin und Rollstuhlfahrerin Rebecca Oswald, so erfährt man in diesem Buch sehr viel  mehr Persönliches als in den Vorgänger-Bänden. Psychologisch feinfühlig und sehr differenziert in seinen sichtbaren und unsichtbaren Seiten wird Jens Kerner geschildert, auch die klug analysierende Sicht von Rebecca trägt ihren Teil dazu bei, dass uns in diesem Band Jens Kerner persönlich sehr nahe rückt. Der Plot ist raffiniert und überraschend, wie erwartet. Einzig fehlt mir an diesem Thriller die erwartete nervenzerreißende Spannung. Zwar ist man beim Lesen durchwegs neugierig auf den Fortgang der Geschichte, aber es gab meiner Meinung nach zu wenig Szenen der absoluten hochgradigen Spannung. Dennoch bleibt für mich Andreas Winkelmann einer der besten Thriller-Autoren, die ich kenne.

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Jonas Winner

Der Nachlass

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

·         Broschiert ‏ : ‎ 352 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453440883

#DerNachlass

 

 Ein absolut spannender, genial komponierter Thriller

 

Puh!

Erschöpft schließe ich das Buch. Welch eine Geschichte! Ich fühle mich, als sei ich durch einen Fleischwolf gedreht worden. Jonas Winner hat mich schwindelig geschrieben, hat mich geradezu geschreddert mit seiner Erzählkunst.

 

Wir lernen zunächst Theo kennen, den professionellen Pokerspieler, aktuell mit großen Geldproblemen und Albträumen. Er erhält den Anruf eines Notars aus Berlin, dass Theo‘s Mutter Hedda Laurent im Sterben liege und ihn unbedingt noch einmal sehen möchte. Es sei Eile geboten. Nach 30 Jahren Abwesenheit! Noch bevor Theo in Berlin eintrifft, ist Hedda Laurent gestorben. Es finden sich in Trauer zusammen Heddas Mann Artur, ihr Bruder Ruben und ihre 4 Kinder Jannick, Sophia, Theo und Patricia. Bei der Testamentseröffnung verliest der Notar eine sehr befremdliche Anforderung. Das beträchtliche Vermögen soll derjenige der Angehörigen in Gänze erhalten, der in einer Art Wettkampf als Sieger hervorgeht. Es müssen 27 Aufgaben gelöst werden, und nur einer kann gewinnen. Es beginnt alles wie ein Spiel. Doch Runde um Runde gerät dieses Spiel zunehmend in eine Spirale des Bösen.

 

Gut, dass eine Übersicht, eine Art Stammbaum der Familie, der Geschichte vorangestellt wurde. Zu Beginn musste ich mehrfach wieder nachschauen, wer wer ist. Denn Jonas Winner erzählt nicht chronologisch und schafft bei mir gehörige Verwirrung mit dem scheinbar willkürlichen Spiel der Szenen vor und zurück zwischen Gegenwart, jüngerer Vergangenheit und Kindheitserinnerungen, zudem durch Perspektivwechsel der Erzähler. Man beginnt beim Lesen im aktuellen Leben von Theo, glaubt, mit ihm die Person kennen gelernt zu haben, an deren Seite man  durchs Geschehen geht, aber – und das fand ich zunächst irritierend – man verliert Theo schnell aus den Augen, verliert sich stattdessen im Gestrick der Familienmitglieder. Mir gefallen die wirklichkeitsnahen Dialoge. Sie bestehen oftmals aus halben Sätzen, unfertigen Wortteilen, ohne ausgefeilten Satzbau, wie Menschen eben miteinander sprechen, die beim Reden überlegen oder sich ins Wort fallen. Das Szenario des großen, alten, verwinkelten Hauses mit vielen Zimmern und Fluren, mit Seidentapeten und  Gemälden ist geradezu prädestiniert für unerklärliche, beängstigende  Geschehnisse. Jonas Winner spielt nicht nur mit Szenen, er spielt auch mit Genres. Und so hatte ich sowohl Assoziationen zu einer tragischen Oper mit großen Gefühlen, Theatralik und langen Sequenzen des Quälens, als auch zu sagenartigen Horrorgeschichten aus der Kindheit. Die Gegenwart wiederum spielt mit psychologischen Verstrickungen, mit Angst, Bedrohung und Tod. Und immer wieder dreht sich die Spirale, schneller und schneller…

 

 

Fazit: Ein herausfordernder, absolut spannender und genial komponierter Thriller.   

   

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Ina Rudolph

Loslassen – Dein Arbeitsbuch für ein ganzes Jahr

 

·         Verlag : Goldmann Verlag

·         Taschenbuch : 240 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442223329

#Loslassen

  

Das finden, was stimmig ist

 

Um eine stimmige Rezension zu schreiben, bräuchte ich den Vorlauf eines ganzen Jahres, damit ich mich mit den einzelnen Aufgaben auseinandersetzen könnte. Und weil ich genau das nicht habe – ein Jahr Zeit für diese Rezension – bleibt meine Beurteilung oberflächlich, sie beschränkt sich auf das Anschauen, das Blättern, das Lesen der Aufgaben, ohne sie zu erfüllen und ist somit eine Rezension ohne eigenen Erfahrungswert. Macht das wirklich Sinn?

 

Ein schönes Cover hat das Buch, wie ich finde. Leichtigkeit und Freude vermittelt es. Und die gleiche Signalwirkung hat die gesamte Gestaltung des Buches, sowohl was die zarten Farben betrifft als auch die Wahl der verschiedenen Schriften, die sehr übersichtlich signalisieren, ob es um Information, um Aufgabenstellung oder um unterstützende Gedanken geht. Viel Platz wird eigenen Notizen eingeräumt.

Die Autorin möchte, dass sich der Leser auf den Weg macht, in vielen Einzelschritten über das Jahr verteilt all das loszulassen, was ihn unfrei macht, Ballast bedeutet und Lebensfreude minimiert. Ziel ist, genau das zu finden, was uns wirklich wichtig ist und das Leben genau danach auszurichten. Doch dieses Finden ist gar nicht so einfach. Oft sind wir durch Erziehung und Anforderungen von außen fremdbestimmt, ohne es wirklich zu wissen. Die Aufgaben und Übungen im Buch gehen in kleinen, überschaubaren Schritten voran auf der Suche nach dem, was unsere ureigenste Bestimmung ist, was stimmig ist für uns in unserer jeweiligen besonderen Einmaligkeit.  

 

Fazit: Ein schön gestaltetes und sehr sinn-gebendes Arbeitsbuch für Menschen, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen.  

 

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Ulrike Bliefert

Der Tod der Schlangenfrau

 

·         Herausgeber : KBV

·         Taschenbuch : 300 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3954415427

#DerTodderSchlangenfrau

 

  

Lebendig erzählter historischer Krimi im Berlin Ende 19. Jh.

 

Welch ein Zufall – ich durfte zwei historische Kriminalromane hintereinander lesen, die beide Ende des 19. Jahrhunderts spielten. Einmal befand ich mich mit Oliver Pötzsch 1893 in Wien und direkt danach mit Ulrike Bliefert im Jahr 1896 in Berlin. Eine doppelt interessante Leseerfahrung!

 

Im vorliegenden Kriminalroman ist die Hauptperson Auguste Fuchs, eine offene und temperamentvolle junge Frau. Sie ist die engagierte Mitinhaberin des väterlichen Fotoateliers in der Friedrichstraße in Berlin. Ihre Leidenschaft ist das Fotografieren, doch die damals üblichen steifen Familienfotos sind ihr eher lästig. Als während einer Foto-Serie im Wintergarten-Varieté die Schlangenbeschwörerin Samirah zu Tode kommt, entdeckt Auguste auf einem ihrer Fotos einen merkwürdigen Gegenstand, doch der ermittelnde Kommissar beachtet diesen Hinweis nicht. Ist er möglicherweise die Tatwaffe? Auguste verfolgt zusammen mit ihrer Tante und dem Kriminalassistenten Jakob Wilhelmi weiter die Spur des möglichen Mörders, ohne zu ahnen, dass sie dies letztlich in die finstersten Ecken der wilhelminischen Kolonialpolitik führen wird.

 

 

Dass dem Buch von Ulrike Bliefert sorgfältige Recherchen zugrunde liegen, konnte ich gerade auch im direkten Vergleich mit „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch  feststellen. Berlin war Wien mit den technischen Neuerungen dieser Zeit um mehrere Jahre voraus. Sehr bildhaft und lebendig schildert die Autorin diese spannende Zeit zwischen kaiserlicher Tradition und Einzug neuer Techniken. Mit Auguste Fuchs ist ihr eine sympathische Figur gelungen, die unkonventionell denkt und handelt. Über die finstere, geradezu menschenverachtende Seite der deutschen Kolonisation in Afrika liest man mit Bedrückung. An den etwas überstilisierten Schreibstil von Ulrike Bliefert musste ich mich erst ein wenig gewöhnen, wenngleich er absolut stimmig in die geschilderte Zeit passt. Weniger gut gefielen mir die Einfügungen in Kiswaheli bzw. ich fand sie unnütz, da der durchschnittliche Leser sicher nicht bewandert ist in dieser oder einer anderen afrikanischen Sprache und somit auch kein Ohr hat für Aussprache oder Klang der abgedruckten Sätze. Alles in allem jedoch habe ich diesen besonderen Kriminalroman, gerade aufgrund seiner besonderen Thematik der Kolonialpolitik, sehr gerne gelesen.

 

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Jutta Wilke

Das Karlgeheimnis

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649615118

·         Lesealter : 10 Jahre und älter

#DasKarlgeheimnis

 

So, genau so sollte ein Kinderbuch sein

 

Ja, genau so stelle ich mir das ideale Kinderbuch vor: Spannend, humorvoll, ideenreich, liebenswert und gut lesbar. Nicht nur oberflächlich unterhaltend, sondern auch mit einer ernsthaften Seite.  

 

Emil hat eine wichtige Mission: Er möchte Krimiautor werden. Ein Krimiautor verdient Geld. Und mit diesem Geld könnte er Mama helfen. Seit Papa nicht mehr bei der Familie lebt, bleibt Emil oft alleine, weil Mama so viel arbeiten muss. Mit Karl, dem Büdchen-Besitzer, hat sich Emil angefreundet. Denn der kann gut zuhören. Da taucht überraschend Finja am Büdchen auf, Finja mit Skateboard und ihrem Hund Watson. Erst ist Emil sehr skeptisch, aber als Karl über Nacht verschwindet, ist er sehr froh, bei diesem verzwickten Fall auf die Hilfe von Detektivin Finja zählen zu können.

 

Emil ist ein liebenswerter Junge. Er erzählt kindlich und ernsthaft zugleich von seinen Erlebnissen, und das so witzig und lebendig und lebensnah, dass ich immer wieder laut lachen musste. Dazu kommt die rätselhafte Geschichte um das plötzliche Verschwinden von Karl, was der ganzen Geschichte Spannung gibt. Jutta Wilke ist mit diesem Buch etwas richtig Gutes gelungen, weil sie neben Humor und Spannung auch so manch trauriges Thema mit ganz leichter Hand, sozusagen fast nebenbei, in die Gedanken und Empfindungen von Emil einfließen lässt. So wie das Leben halt ist. Schwer und leicht, oft lustig, manchmal traurig. Doch Freundschaft hilft und Zusammenhalt. Die Illustrationen und besonders die verschiedenen Steckbriefe der handelnden Personen ergänzen die Geschichte auf eine ganz eigene, eindrückliche Weise.

Fazit: Ein rundum gelungenes, herzerwärmendes Kinderbuch, das ich uneingeschränkt empfehle.

 

 

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Oliver Pötzsch

Das Buch des Totengräbers

 

·         Herausgeber : Ullstein Paperback

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3864931666

#DasBuchdesTotengräbers

  

Pittoreskes Zeitbild, spannend erzählt

 

Wien Ende des 19. Jahrhunderts. Eine aufregende Zeit, in der das Leben und Denken des Kaiserreiches kollidiert mit befremdlich erscheinenden technischen Neuerungen und althergebrachtem Aberglauben. Historie geschickt verpackt in eine spannende Handlung. 

 

Der junge Leopold von Herzfeldt beginnt aus Graz kommend in Wien als Polizeiagent. In seinem Koffer befinden sich allerlei rätselhafte Instrumente, die zusammen mit seinem Hochdeutsch und  seiner vornehmen Kleidung bei den alteingesessenen Kollegen größtes Misstrauen erregen. Als mehrere Dienstmädchen ermordet vorgefunden werden, jedes von ihnen brutal gepfählt, beginnen Herzfeldt und ein kauziger Totengräber vom Wiener Zentralfriedhof gemeinsam zu ermitteln. Der Totengräber Augustin Rothmayer ist hochgebildet und weiß alles über Todesarten und Verwesungsstufen. Und dass das Pfählen eine uralte Methode ist, um Untote unter der Erde zu halten…

 

 

Oliver Pötzsch versteht es meisterhaft, den Leser auf bildhaft-eindrückliche Weise in die dunkle Seite des nach außen hin so glamourösen Wien Ende des 19. Jahrhunderts zu entführen. Er schreibt so eindringlich, dass man Moder und Unrat in den dunklen Gassen zu riechen glaubt. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete! Es ist die Zeit der beginnenden Elektrifizierung, erster Automobile, erster Telefone, was mit Neugier und Angst gleichermaßen aufgenommen wird. Kein Wunder also, dass Leopold von Herzfeldt mit seiner Leidenschaft für moderne Kriminalistik Missfallen erregt. Der Autor machte mir das enorme Spannungsfeld zwischen modernen Errungenschaften und dem Festhalten am Altbekannten sehr augenfällig. Erschreckend auch der allgegenwärtige Antisemitismus und die Brutalität, die sich hinter Unwissenheit, Angst und Aberglauben versteckt. Geschickt werden überlieferte und sorgfältig recherchierte historische Details und rückständiges Denken dieser Zeit im Buch eingestreut, ohne dass die immanente Spannung des Kriminalromans darunter leidet. Ein Kriminalroman mit Mehrwert, farbig-lebendig erzählt.

 

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Annika Scheffel

Sommer auf Solupp

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522185714

·         Lesealter : 10 Jahre und älter

#SommeraufSolupp

 

Wie Schweres leicht wird

 

Ein zauberhaft schönes Kinderbuch ist Annika Scheffel hier gelungen. Leicht und schwer.. Aufregend und beschaulich. Lustig und ernsthaft. Dazu passt die sorgfältige Ausstattung, die der Verlag dem Buch verpasst hat mit Leinenbindung, Lesebändchen und einer trefflichen Titel-Illustration.

 

Die winzige Insel Solupp liegt versteckt irgendwo im Meer. Wenn man sie sucht, wird man sie kaum finden. Dass die Mutter von Mari, Kurt und Bela diese Insel entdeckte und mit der gesamten Familie den 6-wöchigen Sommerurlaub dort verbringen will, findet nur wenig Gegenliebe. Denn die 12-jährige Mari wollte sich in den Ferien unbedingt in einem Fußballcamp austoben und ihr großer Bruder will nichts als seine Kopfhörer und in Ruhe gelassen werden. Auch der kleine Bela ist erst einmal wenig begeistert. Und Papa schläft nur. Im Grunde befindet sich die gesamte Familie in einer Art von Schockstarre, denn Papa war lebensbedrohlich erkrank und erholt sich nur ganz langsam. Wie tief solch ein Ereignis in das Familiengefüge eingreift, wird im Laufe der Geschichte immer klarer. Ich hatte beim Lesen zu Beginn immer ein leises Gefühl der Bedrücktheit, doch je weiter die Geschichte fortschritt, umso befreiter fühlte ich mich. Solupp, seine liebenswerten Bewohner, Sonne und Meer haben eine tiefgreifende Wirkung auf jeden einzelnen. Und spannende Abenteuer gibt es natürlich auch.

 

Der Autorin ist ein Buch gelungen, das wunderbar die Waage hält zwischen Urlaubsleichtigkeit und Tiefgang. Es wird unterhaltsam erzählt, wie im Sommersonnenlicht Schweres leicht wird und wie die Meereswellen Festgefahrenes in Bewegung bringen. Das Erlebnis von Freundschaft und neuen Erfahrungen, das Bestehen von gefährlichen Situationen und dadurch gewonnenem neuen Mut und Selbstvertrauen verändert alles. Annika Scheffel erzählt in einer bildhaften, intensiven Sprache und zaubert mit lyrisch schönen Beschreibungen lebendige Bilder und tiefe Empfindungen in den Kopf des Lesers. Wenn die Stille im Raum „in den Ohren beißt“ zum Beispiel, oder das „kratzige Wort Keilkliff“ ein Geheimnis birgt, bleiben solche Sätze nicht ohne Wirkung. Und wer hätte nicht gerne einen Freund wie Joon, dessen Grinsen Wut und Enttäuschung einfach wegzaubert. Das Buch ist ideenreich, herausfordernd und tröstend und vor allen Dingen spannend zu lesen.

 

Absolute Leseempfehlung!

 

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Sarah Nisi

Ich will dir nah sein

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Broschiert : 336 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442718917

#Ichwilldirnahsein

 

 

Schauder der Nähe

 

Dieser Psychothriller hat mich fasziniert und mir Schauder über den Rücken gejagt. Weil er subtil ist. Weil er seine Wirkung aus dem Alltäglichen zieht, aus der Tatsache, dass das Erzählte so oder ähnlich in der Realität stattfinden könnte. Wenn man Nachbarn hat zum Beispiel…

 

Lester Sharp liebt seinen Job. Er arbeitet im Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Und entwickelt zu den Fundstücken, die er zu archivieren hat, ein ganz persönliches Verhältnis, insbesondere wenn sie ihm bei näherer Betrachtung eine Geschichte erzählen. Oder Begehren wecken. Lester ist hochgradig kontaktscheu, sein wahres Leben findet in seinen Vorstellungen statt. Als die junge Tänzerin Erin seine neue Nachbarin wird, richten sich seine Gedanken mehr und mehr auf sie. Sie weckt Erinnerungen an eine frühere Liebe. Und so versinkt Lester zunehmend in eine irreale Beziehung, die alle Grenzen überschreiten lässt…

 

Geschrieben ist der Thriller aus verschiedenen Perspektiven. So kommt nicht nur Lester zu Wort, auch Erin, die Tänzerin, und Rhys, ein Immobilien-Makler, schildern aus ihrer Sicht das Geschehen. Gelegentlich kommt außerdem ein neutraler Erzähler zu Wort. Dies ergibt viele einzelne kleine Szenen, was das Lesen außerordentlich kurzweilig macht, aber man braucht zumindest zu Anfang des Buches eine Weile der Anstrengung, um nicht die Orientierung zu verlieren. Der Autorin gelingt es, die einzelnen Personen sehr eindrücklich zu schildern. Man fühlt die geistige Stärke von Erin, die trotz eines entzündeten Fußgelenks und großer Schmerzen ihr Engagement bis zum letzten Tag erfüllen will. Man spürt den Sog der Einsamkeit und die abstoßende Besessenheit von Lester. Und man weiß nicht recht, wie man Rhys einschätzen soll, denn er bleibt in seiner Darstellung irgendwie vage. Der Spannungsbogen baut sich sehr schnell auf. Ich konnte das Buch nicht weglegen, weil die Handlung in mir eine Fülle von unterschiedlichen Gefühlen weckte, Ekel, Abscheu, Angst, Trotz, Mut und Mitgefühl zum Beispiel. Im letzten Drittel steigt die Spannung noch erheblich an, denn die Handlung erfährt eine unglaubliche, eine unfassbare Wendung…

 

 

Fazit: Ein subtiler, spannender, überraschender Psychothriller, der den Leser schaudern lässt, ganz ohne Blutvergießen.

 

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Anna Bagstam

Die Augenzeugin

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Taschenbuch : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442718597

·         Originaltitel : Ögonvittnet

#DieAugenzeugin

  

Eine Ermittlerin, die noch erwachsen werden muss

 

Und wieder ein Kriminalroman aus Schweden, den ich gerne gelesen habe. Seine Handlung ist in einem malerischen Fischerort an der südschwedischen Küste angesiedelt ist, wobei mir zugegebenermaßen weder die Örtlichkeiten noch das Wetter Lust auf einen Schweden-Besuch machen trotz der vielen atmosphärisch-bildhaften Naturbeschreibungen.

 

Harriet Vesterberg, eine junge Ermittlerin, zieht von Stockholm zurück in ihre alte Heimat, in das Fischerdorf Lerviken an der Küste. Dort beginnt sie ihre Arbeit bei der hiesigen Polizei. Ein Grund für den Umzug ist, dass sie näher bei ihrem Vater, einem pensionieren Juraprofessor, leben möchte, weil er besorgniserregende Anzeichen von Demenz zeigt. Kaum angekommen, wird sie bereits mit einem grausamen Mordfall konfrontiert, der ihr alles abfordert. Denn je weiter sie in die Ermittlungen eintaucht, desto deutlicher wird ihr, dass sie den Mörder kennen könnte…

 

 

Wohltuend ist, dass die Autorin klar und folgerichtig erzählt. Ihre solide Erzählweise kommt glücklicherweise ohne die inzwischen so beliebten und oftmals nervigen Rück- und Vorblicke und Perspektivwechsel aus. Gewöhnungsbedürftig empfand ich, dass der Kriminalroman nur im Präsens geschrieben ist, was beim Lesen unerwartet besondere Aufmerksamkeit erfordert. Der Kriminalroman ist unterhaltsam und abwechslungsreich zu lesen. Es finden sich einzelne Sätze, die im Gedächtnis bleiben: „Sie gehört zu den Leuten, die beim Denken oft Pech haben“, ist solch eine witzig-böse Beschreibung zum Beispiel. Der Spannungsbogen baut sich zwar nur langsam auf, aber erreicht seinen überraschenden Höhepunkt  gegen Ende. Probleme hatte ich mit der Darstellung der Person Harriet. Sie ist 29 Jahre alt, benimmt sich allerdings oftmals wie ein junges, verunsichertes Mädchen, sie wirkt unselbständig, naiv, ungeschickt, vertritt ihre Interessen nicht, scheint ohne Selbstbewusstsein zu sein. Das passt nicht wirklich zu der Tatsache, dass Harriet ein Studium und eine fundierte Ausbildung und Berufserfahrung hinter sich hat. Damit gewinnt ihre Gegenspielerin, ihre unsympathische Chefin Margareta, mit ihrer harten Persönlichkeit viel zu viel Gewicht im Handlungsgeschehen, wie ich finde. Auch erscheinen mir über das Buch hinweg die vielen Textnachrichten an Lisa, Harriet’s langjährige Freundin, unnötig. Auch damit wird die Figur Harriet eher zu einer unreifen Jugendlichen abgestempelt statt zu einer klugen und souveränen Ermittlerin. Wobei – der Cliffhanger am Ende des Buches will mir etwas anderes sagen…

 

 

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Ashley Audrain

Der Verdacht

 

·         Herausgeber : Penguin Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3328601449

·         Originaltitel : The Push

#DerVerdacht

 

 

Ein Debütroman von bedrückender Kraft

 

Eine Fülle von Begriffen fällt mir zu diesem Buch ein: beeindruckend, schaurig, kraftvoll, schonungslos, mitreißend, beängstigend, erschütternd, intensiv, bedrückend, spannend und lange nachwirkend. Kurzum: großartig.

 

Blythe bekommt endlich ihr Wunschkind Violet. Doch irgendetwas fühlt sich falsch an, wenn Blythe ihr Neugeborenes anschaut. Obwohl sie alle Liebe geben wollte, wächst mehr und mehr die Ablehnung, ja sogar Angst vor ihrem Kind, was ihr Mann Fox, der seine Tochter abgöttisch liebt, nicht begreifen kann. Doch Blythe wird sich immer sicherer, dass Violet böse ist, von Grund auf und mit voller Absicht. Bis etwas Entsetzliches geschieht…

 

 

Fast möchte ich diesen Roman einen Psychothriller nennen. Denn es liegt auf den Seiten von Beginn an eine unheilvolle Spannung, die sich zunehmend steigert. Wir lernen Blythe im Laufe des Buches sehr gut kennen, ihr großes Bemühen, alles gut und richtig zu machen, eine liebevolle, fürsorgliche Mutter zu sein. Wir erfahren von ihrer eigenen Kindheit und wir erfahren die Geschichte ihrer Mutter. Und je mehr man eindringt in die Vergangenheit, umso verschwommener wird die Sicht des Lesers auf Blythe in der Gegenwart. Was ist Realität? Was ist irreale Angst? Was diktieren frühe Traumata? Gibt es tatsächlich Kinder, die aus sich heraus von Geburt an böse sind, die von zerstörerischen Kräften getrieben werden? Das Thema Mutterschaft wird dem Leser ohne Weichzeichner in allen Facetten auf schonungslose Weise zugemutet, und dies in einer direkt-klaren Sprache, die unter die Haut geht. Eine aufwühlende Leseerfahrung!

 

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Nora Luttmer

Hinterland

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch : 416 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499002908

#Hinterland

 

 

Unterhaltsam, kurzweilig, lesenswert

 

Diesen Band 1 der Krimiserie um die Ermittlerin Bette Hansen habe ich sehr gerne gelesen. Denn er hat mich durchweg gut unterhalten. Außerdem weiß ich jetzt, was die Dove-Elbe ist (auch wenn ich als unwissende Süddeutsche beim Lesen irgendwie dauernd eine Assoziation mit „doofe Elbe“ hatte…), und wo Hamburg-Ochsenwerder liegt, einer ländlich-ruhigen Gegend, in der ich gerne wohnen würde, wenn ich Google glauben darf.

 

Worum geht es? Bette Hansen findet in ihrem Garten ein Holzscheit, auf dem eine Muschel mit Kreuz eingeritzt ist. Ein Fund, der Bette Hansen aufschreckt. Denn dieses Zeichen hatte sie auch in ihrem letzten unaufgeklärten Fall gefunden. Bette Hansen musste ihren Beruf als Kommissarin vorzeitig beenden, da sie an Narkolepsie erkrankt ist und durch die unkontrollierbaren Schlafattacken ihren Dienst nicht mehr ausüben kann. Doch der ungeklärte Mord, der von einem extrem wütenden Täter zeugte, lässt Bette nicht los. Sie beginnt zu ahnen, dass dieser Täter es nun auf sie abgesehen hat.

 

Nora Luttmer gelingt es sehr eindrücklich, das Lokalkolorit des ländlichen Hinterlandes nahe Hamburg atmosphärisch dicht und vorstellbar einzufangen. Sie erzählt in relativ kurzen Kapiteln und aus verschiedenen Perspektiven sehr kurzweilig über früheres und gegenwärtiges Geschehen. Der Spannungsbogen bleibt über das gesamte Buch hinweg mäßig gespannt. Erst im letzten Buchdrittel nimmt die Spannung erheblich zu, sodass sich das Buch zu guter Letzt noch zu einem wahren Pageturner entwickelt. Zunächst war ich etwas befremdet und irritiert, dass sich der Täter bereits zur Hälfte des Buches offenbart, aber genau dieser geschickte Coup bewirkt überraschenderweise die Zunahme der Spannung. Vielleicht sollte das enge Zeitraster, das sich aufgrund der krankheitsbedingt erforderlichen Ruhezeiten von Bette ergibt, zusätzlich die Spannung erhöhen. Bei mir jedoch hatte das im Laufe der Seiten einen gegenteiligen Effekt, denn es begann mich zunehmend mehr zu nerven. Ich bin mir deshalb unsicher, ob eine solche Erkrankung, die ständig präsent und handlungsbestimmend ist, in einem Kriminalroman wirklich gut platziert ist.

 

Dennoch bleibt mein Fazit: Ein lesenswerter, unterhaltsamer Kriminalroman mit vielschichtigen Figuren und bildhaft-eindrücklichem Lokalkolorit.

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Igor Levit, Florian Zinnecker

Hauskonzert

 

·         Herausgeber : Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         Gebundene Ausgabe : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3446269606

#Hauskonzert

 

 Hinreißend geschriebenes Porträt

 

Man muss kein Musikkenner sein und kein Konzertgänger, um an diesem hinreißend geschriebenen Buch seine wahre Freude zu haben. Hilfreich jedoch ist es, neugierig zu sein. Neugierig auf Menschen, auf ihr Werden und Leben, auf ihr Denken und Sein. Auf das, was Berufung sein kann, im Leichten und im Schweren.

Florian Zinnecker öffnet mit seinem Porträt eine sensible, feinfühlige und vielschichtige Sicht auf Igor Levit. Dieser ist nicht nur ein begnadeter Konzertpianist, er ist ein Jahrhundertkünstler, ein Ausnahmetalent, doch das möchte er nicht sein, zumindest nicht das allein.  Zu viel gleichzeitig will er, in der Musik wie im Leben - das ist Igor Levit. Und er ist ein Getriebener seiner selbst, ein Ich-Sager. Und ein Bestimmer, denn er mag nicht hinter die Werke treten, die er spielt, sondern er möchte in jedem Augenblick des Spiels die Regeln selbst festlegen, und diese Regeln speisen sich einzig und allein vom Moment, von der Atmosphäre. Fast könnte man sagen, die Ausstrahlung des Publikums schafft die Interpretation. Denn technische Brillanz besitzen viele Pianisten, aber diese unfassbare Kreativität und schillernde Gestaltungskraft hat nur Igor Levit. Er spielt sein momentanes Empfinden und die Energie aus dem Publikum umsetzend, nicht Beethovens Intentionen, soweit man diese überhaupt kennen kann, folgend. Igor Levit ist so viel mehr als ein großer Künstler. Er ist auch ein Störfaktor, denn er bezieht klar und bedingungslos Stellung,  auch ungefragt, zum wachsenden Antisemitismus zum Beispiel, egal wie viel Morddrohungen und Judenhass er erntet.

 

Dies und noch viel mehr Facetten der vielschichtigen Persönlichkeit des Igor Levit blättert der Journalist Florian Zinnecker vor uns auf. Er begleitete Igor Levit durch die Konzertsaison 2019/20, eine Zeit der besonderen Herausforderungen. In diesem Buch wurde mir die eigentliche Tragik und gesamte Tragweite der Pandemie im Kunstbereich deutlich. Igor Levit hat in dieser Zeit unzählige Hauskonzerte auf Twitter eingestellt und sagt doch, dass sich sein Künstlerleben durch Corona vaporisiert. Florian Zinnecker, ein Jongleur, der Wörter und Eindrücke gleichermaßen kunstvoll zu Gehör bringt, der Einfühlung und Musikverstand noch dazu nimmt und dies alles aufs Papier wirft, federleicht scheint es, und doch gewichtig im Kopf des Lesers verbleibend. Denn er jongliert nicht nur in die Höhe, er geht mit seiner Wortkunst auch in die Tiefe, mit der gleichen schwebenden Leichtigkeit, die einen beim Lesen fast umhaut. Perlend wie bei einem Klaviervirtuosen die Töne, so die Worte und Sätze des Autors. Mal kurz, mal eilig, mal verhalten, sich wiederholend, aber immer treffend. Sätze, die in ihrer Gesamtheit von einem Menschen erzählen, der in jeglicher Hinsicht außergewöhnlich ist. Das Buch hat mich begeistert.

 

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Monika Finsterbusch

Nella Nixe – Ein Geschenk für Gustav Krabbenkeks

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649637356

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

#Nella Nixe

  

Ein schön gemachtes Buch für kleine Glitzernixen

 

Coppenrath schafft es immer wieder, mit viel Liebe gestaltete Bücher herauszubringen. So auch hier: Cover, Vorsatzblätter und zartfarbene Illustrationen mit viel Glanzdruck außen und innen verlocken alle kleinen Mädchen, die Glanz und Glitzer mögen.

 

Ach herrjeh, die uralte Krabbe Gustav Krabbenkeks schafft es nicht mehr, zu seiner eigenen Geburtstagseinladung zu kommen, denn mit 300 Jahren lassen die Kräfte nach und das Sehvermögen auch. Dann waren also all die vielen Vorbereitungen für das Fest im Unterwasserschloss umsonst? Nein, das kann Nella Nixe natürlich nicht zulassen, und schon beginnt sie mit sehr merkwürdigen Aktivitäten, die sich die anderen Schlossbewohner nicht erklären können. Was dann alles passiert, müsst ihr unbedingt selbst hören oder lesen!

 

Die Geschichte, die sich sehr lebendig vorlesen lässt, lebt von den witzigen Details  Denn gerade die Wortspiele machen den Kleinen viel Spaß. „Gepupstag“ zum Beispiel wird mit Sicherheit nie mehr vergessen. Und die Hauptpersonen sind liebenswert, wobei die Wischelwuschels meine persönlichen Lieblinge sind. Dass Nella sich so ideenreich um Gustav Krabbenkeks kümmert, obwohl er schon uralt ist und nichts mehr kann, ist herzerwärmend.

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Geschichte wirklich schon mit 3-Jährigen lesen kann. Ich glaube, dass erst ein wenig ältere Kinder mit den teilweise langen und irgendwie verschachtelten Sätzen zurecht kommen. Außerdem finden sich im Text Begriffe, die für die ganz kleinen Zuhörer erst erklärt werden müssen. Was mir völlig unverständlich bleibt, ist die Typographie des Textes. Was sollen die wahllosen Fettdrucke, die keinem erkennbaren Sinn folgen?  Leider gefallen mir auch die Gesichter in den Illustrationen nicht. Sie wirken so illustriertenmäßig  geschönt mit langen Wimpern und wenig Ausdruck... 

Und was eine echte Glitzernixe ist, die braucht natürlich unbedingt ein Glitzertäschchen und und ein Glitzer-Stifte-Etui, was man wohl im Unterwasserschloss  der Spiegelburg gefunden hat...

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Lucy Foley

Sommernacht

 

·         Herausgeber : Penguin Verlag

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3328106166

·         Originaltitel : The Guest List

#Sommernacht

  

 

Viel Wind um …  ja, um was eigentlich?

 

Das Buch macht viel Wind um sich selbst. „Spektakulär“ soll es sein. Ein „sensationeller Thriller“ soll es sein. Nun ja, in Wirklichkeit erschien mir der Thriller eher einer von der ruhigen Sorte, gut lesbar ja, aber streckenweise ermüdend langsam im Erzählen. Die Geschichte verwendet einen Plot, den man schon besser und spannender von anderen Autoren umgesetzt lesen durfte. Da werden einige unterschiedlichen Menschen an einem abgelegenen Ort einer unbekannten Bedrohung ausgesetzt bis hin zum Mord. Und der Mörder muss unter ihnen sein. 

Die Stärke des Buches ist eindeutig die teils lyrisch eindrückliche Schilderung des Handlungsortes, nämlich die abgelegene kleine Insel Cormorant Island, im Atlantik vor der irischen Küste gelegen. Es gibt gefährliche Klippen und ein ebenso gefährliches Torfmoor. Ein teils verfallener Friedhof erzählt von vielen Toten in der Vergangenheit. Jetzt leben nur noch Aoife, von Beruf Hochzeitsplanerin, und Freddy, leidenschaftlicher Koch, auf dieser winzigen Insel. Und zum ersten Mal soll nun eine Hochzeit auf dieser Insel gefeiert werden, mit allem denkbaren Luxus, der dem Brautpaar würdig ist. Jules heiratet Will, einen gefeierten Fernsehstar. Nur eine Handvoll Gäste werden an der Zeremonie und anschließenden Feier teilnehmen. Das Wetter wird zunehmend schlechter. Sturm kommt auf mit viel Wind natürlich. Der Strom fällt zeitweilig aus. Die Gäste benehmen sich zunehmend schlechter. Eine Leiche wird gefunden…

 

Was nun macht den Thriller eigentlich so langatmig? Vielleicht sind es die vielen Ich-Erzähler, die wechselnd ihre Sicht des Erlebens schildern. Vielleicht sind es die winzigen Gegenwartssequenzen, die von Mal zu Mal das kontinuierliche Lesen stören. Vielleicht sind es die teils ausufernden Berichte über die Interaktionen in der Freundesgruppe rund um den Bräutigam. Vielleicht ist es auch einfach die Tatsache, dass es auf dieser Insel einfach zu viele kaputte, nervige, gestörte und extrem unsympathische Akteure gibt, die sich ständig daneben benehmen. Einzig das zunehmend bedrohliche Naturambiente, das Sturmgetöse, das Brüllen des Meeres, was Lucy Foley wirklich großartig und eindrucksvoll beschreibt, lässt eine schaurige Stimmung entstehen. Wenn man ungefähr 300 Seiten durchhält, wird man allerdings durch ein wirklich spannendes, beeindruckend überraschendes Ende belohnt.

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Jutta Kammann

Rothaarig und wild entschlossen

 

·         Herausgeber : Kösel-Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3466372690

#Rothaarigundwildentschlossen

 

 

Ein stärkendes, Mut gebendes Buch

 

Es ist immer interessant, den Lebenslauf eines Menschen näher kennen zu lernen. Umso mehr, wenn man nachverfolgen kann, wie sich dieser Mensch aus widrigsten Umständen entwickelt hat zu einer kreativen, lebens- und menschenzugewandten Persönlichkeit. Jutta Kammann widerspricht mit ihrem eigenen Leben vehement all denen, die sich so gerne als Opfer „schwerer Kindheit“ darstellen und ihr persönliches Scheitern damit entschuldigen. Denn über allem siegt der eigene Wille, aus seinem Leben das Beste herauszuholen, was möglich ist. Und das sind nun mal nicht die äußeren Werte.

 

Ich bin mit großem Interesse durch die Lebensstationen von Jutta Kammann gegangen, habe mit innerem Schaudern die vielen Szenen ihrer Kindheit verfolgt mit unzähligen Umzügen, Schulwechseln und Pflegeeltern, mit einer ichbezogenen, emotional kalten Mutter. Habe verfolgt, wie sie sich zwischen Naivität und kraftvoller Sturheit zur Schauspielerin entwickelte und mit großer Stärke den Widrigkeiten des Lebens die Stirn bot. Da ich ungefähr im gleichen Alter bin wie Jutta Kammann, hat mich insbesondere der letzte Teil des Buches sehr berührt, wenn es darum geht, im Alter, auch wenn der Körper zunehmend Schwierigkeiten bereitet, den Blick auf das Gute im Leben zu richten, auf das, was wirklich wichtig ist. Ein stärkendes, Mut gebendes Buch!

 

 

Allerdings komme ich nicht umhin anzumerken, dass ich Jutta Kammann von Herzen eine Co-Autorin gewünscht hätte, die etwas weniger „professionell“, wie in der Danksagung angemerkt, mitgearbeitet hätte, sondern mehr sprachliche Kraft, mehr kreativ-gestalterische und lebendigere Formulierungsfähigkeit hätte einfließen lassen können. Denn es wird leider in einem sachlich-reduzierten, wenig ausgestalteten Sprachstil erzählt. Es gibt nervige Wiederholungen und mitunter werden einzelne Schilderungen aus der Kindheit mit einer Art „Erwachsenen-Kommentar“ abgeschlossen, was den Leser immer wieder aus dem einfühlsamen Lesen  herausreißt. Der Inhalt des Buches hätte mehr schriftstellerische Fähigkeiten verdient!

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Sarah Pinborough

Sie weiß von dir

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499272653

#Sieweißvondir

 

 

Ein Psychothriller par excellence

 

Einen Thriller dieser Art habe ich noch nie gelesen. Noch nie wurde mein Mitfühlen und Mitdenken beim Lesen am Ende so vollkommen auf den Kopf gestellt wie bei diesem Buch. Absolut raffiniert und brillant geschrieben.

 

Louise, alleinerziehender Mutter eines kleinen Sohnes, arbeitet in einer psychiatrischen Praxis. In einem Pub lernt sie einen Mann kennen, dessen anziehender Art sie sich kaum erwehren kann. Doch ein paar Tage später kommt die Ernüchterung: Dieser Mann ist ihr neuer verheirateter Chef. Kurze Zeit später stößt sie auf der Straße mit einer Frau zusammen, der Frau ihres Chefs. Adele ist eine wunderschöne Frau, wirkt sehr zart und verletzlich. Und die beiden werden Freundinnen. Mehr darf über den Inhalt nicht vorab erzählt werden.

 

Der Roman macht den Einstieg nicht ganz leicht. Wie einzelne unzusammenhängende Puzzlestückchen werden dem Leser verschiedene Szenen resp. einzelne Personen und Perspektiven näher gebracht, aus denen man sich erst einmal keinen Reim machen kann. Über das Buch hinweg werden mit jeder einzelnen Szene immer wieder manche der vielen kleinen Puzzlestücke zusammengefügt, sodass man zunehmend glaubt, eine Ahnung vom fertigen Bild zu bekommen. Die Autorin erzählt so detailreich, dass man in manchen Passagen geneigt ist, die vielen kleinen Beschreibungen etwas unaufmerksam zu lesen, was man jedoch nicht tun sollte. Der Thriller ist trotz seiner ständigen Perspektivwechsel und Detailfreude niemals langweilig, denn man spürt von Seite zu Seite mehr, dass sich im Hintergrund etwas zusammenbraut. Und man glaubt zu wissen, was. Doch das unfassbar verstörende, fulminante Ende lag meilenweit entfernt von meinem Vorstellungsvermögen!

 

 

Fazit: Sarah Pinborough ist ein Thriller gelungen, mit dem sie den Leser im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlos schwindelig zurücklässt.

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Alexandra Kui

Trügerischer Sog

 

·         Herausgeber : cbj; Originalausgabe

·         Broschiert : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3570165942

·         Lesealter : 14 Jahre und älter

#TrügerischerSog

  

 

Ein Buch mit der Wucht eines Vorschlaghammers

 

Wenn ein Buch mit solch einer wütenden Kraft daher kommt wie dieses, ist es gekonnt geschrieben, keine Frage. Aber welche Intention steckt hinter dieser Geschichte? Ein Thriller soll es sein. Stimmt, denn ein Thriller ist per definitionem eine Geschichte, die mit wenigen Auf und Ab eine Art Dauerspannung erzeugt. Und diese Dauerspannung liegt tatsächlich über den Seiten. Bis zum bitteren Ende. Aber gibt es noch etwas darüber hinaus, was dieses Buch aus der reinen Unterhaltungsliteratur hinausheben würde?

 

Es geht um eine Schulklasse, die geradezu vergiftet ist. Da gibt es Sara, die alles beherrscht und die die Königin der Gemeinheiten ist. Ihre permanenten Bosheiten lassen bei etlichen Mitschülern ihre jeweils schlechtesten Seiten zum Vorschein kommen. Frau Hoppe ist als blutjunge Lehrerin völlig überfordert mit all  dem Hass, der in dieser Klassengemeinschaft herrscht. Sie hat die Idee, eine einwöchige Klassenreise auf eine einsame Nordseeinsel zu unternehmen, um den Klassengeist zu stärken. Doch ihre guten Absichten scheitern aufs Entsetzlichste.

 

 

Ohne zu spoilern, lässt sich über die Sinnfrage dieses Buches in dieser Rezension nicht wirklich spekulieren. Ich war entsetzt über die Brutalität der Schüler untereinander, über ihre Gehässigkeit, Respektlosigkeit, über ihre fehlende Achtung für alles und jeden, aber auch über ihre Feigheiten und Unehrlichkeiten. So als würde ein vergiftender Klassengeist  jegliches Moralgefühl zerstört haben, so als hätten bei jedem Schüler die Eltern generell versagt. Entsetzt war ich über die engagierte Lehrerin, die letztlich zwischen zwei Männern tändelt, statt ihrer von ihr selbst initiierten pädagogischen Aufgabe gerecht zu werden. Gut, man könnte ein klein wenig Verständnis gewinnen können für den zerstörerischen Hass, der eigentlich Trauer und Angst kaschieren soll. Aber diese Sinngebung leuchtet im Buch nur wenig auf. Nach Lektüre dieses Romans macht sich in mir als Leserin der älteren Generation neben Entsetzen nur noch Angst breit. Diesen Protagonisten möchte ich im wahren Leben nie und nimmer begegnen müssen. Und was sollen dann Jugendliche von dieser Lektüre mitnehmen? Auch das macht mir Angst.

 

 

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Katja Maybach

Die Modeschöpferin

 

·         Herausgeber : Knaur TB

·         Taschenbuch : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426525104

#DieModeschöpferin

 

In herausfordernder Geschwindigkeit erzählt

 

Weil die Autorin selbst ehedem als Model und Modedesignerin in Paris gearbeitet hatte, waren meine Erwartungen an das Buch hoch. Denn es geht um die Modeschöpferin Simonetta de Rosa, die 1961 in Rom wie besessen an ihrer neuen Kollektion arbeitet, um sie im Herbst auf einer fulminanten Modenschau präsentieren zu können. Sie erfährt, dass ihre Schwester Chiara, ebenfalls Modedesignerin, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, offensichtlich auf Rache aus ist. Angeblich hat sie eine Affäre mit dem Partner von Simonetta. Und wie gelangen zwei ihrer streng geheim gehaltenen Entwürfe in die Hände eines amerikanischen Modehauses, das Massenware vertreibt? Misstrauen macht sich breit. Ein Mord lässt die persönliche Verunsicherung allerdings plötzlich unwichtig werden.

Ich empfand es als sehr interessant und bereichernd, tief in die Welt der Mode der Sechziger Jahre in Rom eintauchen zu können. Die Autorin schildert so lebendig und intensiv, dass ich ständig Bilder dieser Zeit vor Augen hatte, umso mehr, da ich selbst in dieser Zeit, damals im Teenie-Alter, Modezeitschriften und Filme mit allergrößtem Interesse verfolgte. Katja Maybach hat meiner Meinung nach den Geist der Zeit perfekt eingefangen, weit über die Mode-Perspektive hinaus. Denn einerseits gab es den Drang nach wachsender Freiheit, andererseits die gesellschaftlichen Einschränkungen und Verbote, die noch längst nicht alle in Frage gestellt wurden. In vielen Perspektivwechseln, die mir allerdings bisweilen zu rasch hintereinander erfolgten, wird die Handlung flott vorangetrieben. So rastlos, wie Simonetta arbeitet, so schreibt auch die Autorin. Sie eilt von Szene zu Szene in großem Tempo, wodurch ich mich zeitweilig geradezu gehetzt fühlte. Die komplizierte Beziehung zwischen den Schwestern wird geschickt und psychologisch nachvollziehbar beleuchtet, indem der Leser die Denk- und Sichtweise jeder der Schwestern vor Augen geführt bekommt. Ich habe diesen temporeichen Roman sehr gerne gelesen.

 

Fazit: Bilderreicher, in herausfordernder Geschwindigkeit erzählter historischer Familien-Roman aus der italienischen Modewelt. Sehr lesenswert.

 

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Ada Fink

Blütengrab

 

·         Herausgeber : Wunderlich

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3805200592

#Blütengrab

 

 

Viel Trostlosigkeit spannend verpackt

 

Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Ada Fink? Auf jeden Fall ein(e) Autor(in), der/die das Schreib-Handwerk versteht. Denn der vorliegende Thriller ist gut geschrieben. Er fesselt, hat einen sich steigernden Spannungsbogen,  ein interessantes Sujet zum Thema und lässt zudem ein  ungewöhnliches Ermittler-Paar tätig werden. Ich habe das Buch sehr gern gelesen.

 

Wir bewegen uns in zwei Zeitebenen, zum einen 1993, also relativ kurz nach der Wende, in Ostdeutschland und 1975 in der ehemaligen DDR. Zudem gibt es noch gelegentlich eingestreute kursiv gesetzte Erinnerungsfragmente. Die in der mecklenburgischen Provinz tätige Kommissarin Ulrike Bandow und ihr neuer Kollege Ingo Larssen aus Westdeutschland müssen erstmals gemeinsam in einem rätselhaften Mordfall ermitteln. Eine seltsam aufgebahrte Mädchenleiche wurde in einem abgelegenen Waldstück gefunden, mit mehreren auf der Haut eingeritzten Runen. Die rätselhaften Spuren führen das Ermittlerpaar immer tiefer in die deutsch-deutsche Vergangenheit und zu einer bislang unentdeckten bizarr anmutenden Mordserie, aber auch tief in Ulrikes verdrängte Vergangenheit.

 

 

Der Thriller macht es dem Leser erst einmal nicht ganz leicht. Der Einstieg geht langsam voran. Denn Ada Fink erzählt detailreich, allerdings dadurch auch atmosphärisch dicht. Gleichzeitig schaffen die ungekennzeichneten, etwas unstrukturiert wirkenden  Perspektivwechsel  allerlei Verwirrung. Doch man liest sich ein und die Geschichte nimmt zunehmend an Fahrt auf. Im Präsens geschrieben, hat man das Gefühl, dass einem die Sätze manchmal sehr hart um die Ohren fliegen, was das Lesen knackig macht, aber ganz und gar nicht sympathisch. Die Grundstimmung ist trostlos. Die Örtlichkeiten sind trostlos. Und was sind bitte „DDR-Büromöbel“? Auch die stelle ich mir trostlos vor. Interessant ist es zu beobachten, wie Ulrike und Ingo zunächst alle Klischees von Ost und West als Gegenspieler verkörpern, aber sich im Fortlauf der Geschichte zunehmend annähern, je mehr sie die Stärken des anderen erkennen und respektieren. Die Handlung vertieft sich mehr und mehr in altgermanisches rituelles Denken, in Fremdenfeindlichkeit, in blühendes Nazi-Gedankengut dank der vorherrschenden Perspektivlosigkeit, aber auch in Mauscheleien und Lügen bis in die obersten Ränge hinein. Auch das ist im Grunde alles trostlos. Aber eben auch spannend erzählt.

 

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Sybille Schrödter

Schwestern fürs Leben

 

·         Herausgeber : Droemer TB

·         Broschiert : 496 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426308165

#SchwesternfürsLeben

 

 

Frauenroman oder Familienepos oder historischer Roman?

 

Am liebsten würde ich dem Buch spontan die Überschrift geben: Ein reiner Frauenroman. Doch was ist ein „Frauenroman“? Heißt das, dass der Roman von Frauen gelesen werden soll, nicht von Männern? Oder hat der Begriff gar etwas Abwertendes im Sinn von „leicht lesbar, oberflächlich unterhaltend“? Oder geht es im Roman schlichtweg um Frauen? Von all dem stimmt alles ein wenig, aber nicht so ganz. Eher glaube ich persönlich, dass ein Frauenroman relativ unkritisch mit dem Rollenbild der Frau umgeht, was besonders leicht möglich ist, wenn man die Handlung in eine frühere Zeit verlegt. Zwar begehren die weiblichen Hauptpersonen auf oder suchen mehr oder weniger mühsam ihren individuellen Weg, aber sie stellen in der Regel gesellschaftliche Normen nicht generell in Frage, jedenfalls nicht in Romanen, die ich als „Frauenroman“ bezeichnen würde.

 

Es geht um die Schwestern Danneberg, die, so unterschiedlich sie auch sind, gefangen sind in der Familienstruktur des altehrwürdigen Rumhauses Danneberg. Von 1919 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgen wir ihre individuellen Lebenswege.

 

Eine nicht ausgewogene Komposition ist dieses Buch: Sich geradezu verlierend in breit ausgewalzten Details beginnt der Roman. Viele, viele Seiten lang ist er sehr zäh, fast langweilig zu lesen. Erst relativ spät im Buch strafft sich die Handlung, wird spannender, verliert aber gleichzeitig auch an Intensität, an Atmosphäre und verwirrt durch das Überspringen von Zeiten und Verläufen. So als würde ein Pianist erst ganz, ganz langsam Ton für Ton nacheinander spielen, um dann so blitzschnell zu spielen, dass etliche Töne gar nicht mehr gehört werden können. Die Protagonistinnen mochte ich allesamt nicht, fand keinen Draht zu ihnen. Sie waren psychologisch nicht schlüssig dargestellt. Am liebsten hätte ich ihnen immer wieder zugerufen „Selber schuld!“. Über Rum habe ich nicht viel gelernt. Und der historische Hintergrund blieb flach, diente nur als reine Fassade, weil er weder sprachlich noch gefühlsmäßig ernsthaft nachempfunden wurde. Ein Roman also, den man ohne größeren Anspruch gerne mal zwischendurch lesen kann, der aber keine tieferen Spuren hinterlässt.

 

 

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Sylvia Madsack

Enriettas Vermächtnis

 

·         Herausgeber : Pendragon

·         Gebundene Ausgabe : 288 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3865327499

#EnriettasVermächtnis

 

 Gepflegter Schreibstil reicht nicht

 

Ein Buch, das ich irgendwie gerne gelesen habe, aber im Nachhinein nicht weiß, was ich mit dem Inhalt anfangen soll. Die Autorin hat Psychologie studiert. Also ging ich davon aus, dass sie die psychischen Verstricktheiten unter Menschen analysieren kann. Und doch ließ mich das Buch ratlos zurück.

 

Zum Inhalt: Die erfolgreiche Schriftstellerin Enrietta da Silva hinterlässt ein immenses Vermögen, das sie je zur Hälfte dem betuchten plastischen Chirurgen Emilio aus Argentinien und der durch einen Unfall gehandicapten Schauspielerin Jana aus Salzburg hinterlässt. Die beiden nähern sich an. Als überraschend der totgeschwiegene und zeitlebens ungeliebte leibliche Sohn  Armando auftaucht und ebenfalls sein Erbe beansprucht, ändern sich schlagartig die Verhältnisse unter allen Hauptpersonen…

 

Was an diesem Buch besticht, ist die außerordentlich schöne, sorgfältige Sprache. Es ist ein Genuss, diesem gepflegten Schreibstil zu folgen, der sehr gut zu der distanzierten Darstellung der einzelnen Personen passt. Diese werden zwar sehr detailliert beschrieben, bleiben aber dem Leser emotional fern. Ich hatte das Gefühl, ich würde aus einer gewissen Entfernung die Personen wie auf einer Bühne beobachten. Das in Aussicht gestellte Erbe veranlasst sie zu einem Spiel zu dritt. Sie kreisen umeinander, sie kreisen um Vergangenes und Gegenwärtiges. Sie nähern sich an und stoßen sich wieder ab. Aber mit welchem Ergebnis? Der Sinn des gesamten nüchtern-sachlichen Kammerspiels erschließt sich mir leider nicht.

 

 

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Mary Simses

Mein Glück in deinen Händen

 

·         Herausgeber : Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         Taschenbuch : 400 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3734108549

·         Originaltitel : The Wedding Thief

#MeinGlückindeinenHänden

 

Leichte Kost, unterhaltsam und humorvoll

 

Manchmal darf es zwischendurch auch einmal ein Buch sein, dessen besondere Stärke darin liegt, den Alltag wegzuschieben und zu unterhalten, reine Unterhaltung, nichts sonst, ohne weiteren Anspruch.

 

Sara und Mariel sind zwei Schwestern, die sich nie wirklich verstanden. Mariel ahmte bereits von Kindheit an alles nach, was Sara anfing und machte es dadurch für Sara wertlos. Als Mariel Sara auch noch deren Freund Carter wegschnappt und die Hochzeit kurz bevorsteht, trifft das Sara so sehr, dass ihr allerlei Sabotage-Gedanken in den Sinn kommen. Doch wie meistens im Leben kommt alles ganz anders…

 

Vorweg: Besondere Erwähnung sollte die ausnehmend schöne Gestaltung des Buches finden. Eine farbig mit Blüten verzierte Schnittkante habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Ein perfekter Hingucker, auch das Cover spricht an.

 

Mary Simses schreibt mit leichter Hand. Der lockere Schreibstil ist gefällig und gut zu lesen, die sehr detaillierten Schilderungen von Menschen und Örtlichkeiten lassen mühelos innere Bilder entstehen. Es fällt beim Lesen relativ leicht, sich in die Protagonisten einzufühlen, insbesondere mit Sara konnte ich gut mitempfinden. Spaß macht das Lesen zusätzlich durch die teils recht humorvollen bis komischen Szenen, auch wenn diese teilweise recht wirklichkeitsfern überzeichnet sind. Und ja, Mohnkuchen macht Krümel zwischen den Zähnen.

 

Fazit: Ein Buch, das man genießen sollte wie eine Praline – zwar ohne Nährwert, aber dennoch ein süßer Genuss.

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Neda Alaei

Zwischen uns tausend Bilder

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202725

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

·         Originaltitel : Dette er ikke oss

#ZwischenunstausendBilder

  

Schwere Kost, aber dennoch tröstlich

 

Ein Jugendbuch, das vordergründig zwar leicht und schnell lesbar ist,  das jedoch lange, lange nachwirkt. Unfassbar eindringlich, unfassbar gut geschrieben.

 

Sanna ist 14. Ihre beste Freundin wendet sich einem anderen Mädchen zu. Ihre Mutter ist seit Monaten tot. Und ihr Vater ist restlos gefangen in seiner eigenen Welt, in seiner verzweifelten Trauer, aus der er nicht mehr herausfindet. Sanna ist allein. Als sie zufällig im Kleiderschrank ein Geschenk ihrer Mutter an sie findet, nämlich einen Fotoapparat, wird das Fotografieren zum einzigen Trost, denn „Bilder helfen dir, die Welt zu sehen“ hatte ihre Mutter einmal zu ihr gesagt und Sanna solle nie vergessen, „die Schönheit der Welt zu sehen“. Yousef, der neue Mitschüler, teilt ihre Leidenschaft fürs Fotografieren, will sie ermutigen. Es dauert lange, bis Sanna die Realität in Gänze erfasst und beginnt, ihr Leben und die Welt mit ihren eigenen Augen zu sehen.

 

Die Autorin schreibt in einer sparsamen Sprache, die in ihrer Reduziertheit ein fast unerträgliches Maß an Einsamkeit und Verletztheit offenbart. Ergreifend ist zu lesen, wie der depressive Vater zunehmend zum Kind wird und wie Sanna, das Kind also, sowohl sein Leben als auch ihr eigenes irgendwie zu retten versucht und damit grenzenlos überfordert ist. „Todesangst vorm Leben und Sterbensangst vorm Tod“ bestimmt die Tage. Und könnte man das Verloren-Sein in der Depression besser beschreiben als so: „… wenn es so still in der Wohnung ist, dass man Haare und Nägel wachsen hört…“.

Neda Alaei ist mit ihrem Erstlingsroman ein ungewöhnliches, feinfühlig-sensibles und tief beeindruckendes Buch gelungen, das nicht nur von jungen Lesern gelesen werden sollte.

 

 

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Christoph Wortberg

Trauma – Kein Entkommen

 

·         Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft

·         Broschiert : 368 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3423262682

#TraumaKeinEntkommen

 

 Ein (fast) perfekter Psychothriller

 

Vieles gefiel mir an diesem Thriller, jedenfalls so vieles, dass ich auch die beiden Folgebände lesen möchte. Dennoch reicht es nicht für ein uneingeschränktes Lob, denn es gab durchaus etwas, das mir ganz und gar nicht gefiel.

 

Worum geht es? Hauptsächlich um Katja Sand, eine Münchner Mordermittlerin, die von ihren eigenen Schatten aus der Vergangenheit gejagt wird. Die dennoch zäh, fast verbissen in ihrer Arbeit ihre eigenen Theorien verfolgt. Und dann hat sie zu allem Überfluss auch noch eine pubertierende Tochter, die für sich genommen schon Herausforderung genug ist. Zwei Tote werden gefunden, deren Vorgeschichte Traumata offenbart. Sie sollen gemäß Anweisung „von oben“ als Suizide aus der Welt geschafft werden. Doch Katja Sand glaubt nicht an Selbstmord. Gut, dass sie stets auf ihren Kollegen Rudi Dorfmüller bauen kann…

 

Was es heißt, traumatisiert zu werden, erfährt man im Prolog und in einigen weiteren Szenen im Buch. Diese Szenen sind in ihrer psychischen und physischen Brutalität kaum zu ertragen, umso mehr, da ein kleines Kind das Opfer ist. Insofern würde ich das Buch eher dem Genre der Psychothriller zuordnen, denn die auf Dauer beschädigten Seelen, die ihre individuellen Wege des Überlebens suchen, sind sozusagen der rote Faden im Geschehen. Der Kriminalfall als solcher ist logisch und nachvollziehbar aufgebaut, wenngleich in manchen Sequenzen unglaubwürdig überzeichnet. In nahezu gleichbleibender Spannung liest man das Buch schnell und gerne, denn der klare und punkgenaue Schreibstil im Präsens fesselt. Insbesondere die jeweiligen Kapitelenden schreien geradezu danach, dass man weiterliest. Auch das Buchende verlockt geschickt, die Nachfolgebände lesen zu wollen. Doch was auf die Dauer des Buches hinweg entsetzlich nervt, ist das pseudopsychologische Stochern in Katjas Vergangenheit und ihrer desolaten Mutter-Tochter-Beziehung, ohne dass der Leser wirklich erfährt, worum es eigentlich geht. Was vermutlich als ein über 3 Bände hinweg gesetzter Spannungsbogen konzipiert ist, macht ärgerlich, da dieser Bogen schlichtweg überspannt ist.

 

 

Fazit: Weniger Katja, mehr Thriller – dann wäre das Buch perfekt. 

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Gabriele Diechler

Die Roseninsel

 

·         Herausgeber : Insel Verlag

·         Taschenbuch : 464 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3458681328

#DieRoseninsel

  

Ein Buch wie eine wärmende Wolldecke

Es gibt (leider nur selten) Bücher, die legen sich wie eine wärmende Wolldecke um die Seele. Beim Lesen befindet man sich in einem Kokon des Wohlfühlens und des hoffnungsfrohen Denkens, den man am liebsten nicht mehr verlassen möchte. Doch auch nachdem man das Buch beendet hat, bleibt ein großes Verlangen danach, sorgfältiger und achtsamer mit Zeit und Menschen umzugehen und bewusst wieder aufmerksamer daran zu arbeiten, die finsteren Ecken des eigenen Seins zu erhellen. Somit ist Gabriele Diechler mit ihrem neuesten Roman „Die Roseninsel“ wieder etwas gelungen, was die vielen, vielen Lebenshilfe-Ratgeber nicht schaffen: Den Leser ein Stück weit stärker zu machen im Bemühen, „mit dem Strom des Lebens zu schwimmen, nicht dagegen.“

Es geht um die Buchhändlerin Emma, die an einem Lebensumbruch steht. Um sich selbst neu zu finden, reist sie nach England auf den Spuren ihrer verstorbenen Eltern und lernt in London zufällig Ava kennen, eine wohlsituierte, distinguierte ältere Witwe. Von ihr erhält Emma überraschend das Angebot, auf deren Anwesen Rosewood Manor in Cornwall die Bibliothek neu zu ordnen und den Buchbestand zu aktualisieren. Eine Aufgabe wie gemacht für Emma. Doch sie bleibt nicht lang allein auf Rosewood Manor, denn völlig unerwartet taucht Ethan, der Sohn von Ava, auf der Roseninsel auf. Er begegnet Emma schroff, ablehnend und verschlossen. Doch Emma spürt etwas Verborgenes hinter dieser abwehrenden Fassade und lässt sich nicht abschrecken. Dass sie sich schließlich einer besonders schweren Herausforderung des Lebens stellen muss, ahnt sie erst spät…

 

Was die Schreibweise von Gabriele Diechler auszeichnet, ist eine grundsätzlich herzerwärmende positive Sicht auf Menschen, auf ihr Handeln, Fühlen und Denken. Doch sie schreibt nicht nur so, sie ist so, Sie überträgt ihre dem Guten zugewandte Sichtweise, diese durch Schmerz gereifte positive Lebenshaltung auch in den persönlichen Kontakten, die ich selbst mit dieser besonderen Autorin erleben durfte. Und weil Gabriele Diechler schreibt wie sie ist, sind ihre Romane echt, frei von Kitsch, einfühlsam und stärkend. Der Leser fühlt sich geborgen in ihrer Buchwelt, in der es warmherzige, herzensgute und lebenskluge Menschen gibt. Und er fühlt sich selbst dazu ermutigt, jeden Tag als etwas Besonderes zu würdigen. Wenn man Gabriele Diechler liest, erfährt man, welch immense Kraft in Büchern stecken kann. Mehr geht nicht. 

 

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Helene Tursten

Schneenacht

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Broschiert : 464 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442719297

·         Originaltitel : Snödrev

#Schneenacht

  

Wenig Spannung und recht unrealistisch

 

Mit diesem Buch ging alles schief: Die Sendung des Verlages verschwand im Niemandsland, ein zweites versprochenes Exemplar wurde offenbar gar nicht erst verschickt. Da ich jedoch von den Verfilmungen rund um Irene Huss stets sehr angetan war und unbedingt nun mein erstes Buch von Helene Tursten lesen wollte, kaufte ich das Buch entgegen meiner Gepflogenheiten von einem großen Versender.

 

Das stimmungsvoll düstere Cover stimmt gekonnt ein auf große Kälte im schwedischen Winter. Leicht und angenehm lesbar ist die gewählte Schriftgröße. Die Inhaltsangabe des Verlages muss hier nicht wiederholt werden, weil sie alle wesentlichen Angaben enthält.

Generell handelt es sich um einen Kriminalroman, der leider nicht unbedingt fesselt. Die Geschichte kommt relativ ruhig daher. Erst im letzten Viertel nimmt sie Fahrt auf. Es wird sehr detailreich erzählt, viele Namen tauchen auf und verschwinden wieder. Überhaupt schreibt Helene Tursten sehr sachlich und emotionsarm. Sie beschreibt hauptsächlich „sehend“, Gehör-, Tast- und Geruchssinn scheinen in den Schilderungen weitgehend ausgeblendet, das macht den Text irgendwie flach, einseitig und nüchtern, sodass der Leser  sogar zu der Hauptperson Embla leider keinerlei Bindung aufnimmt.  Angenehme Unterbrechung sind die häufigen Dialoge, wobei auch diese relativ sachlich und unrealistisch daherkommen. Sehr konstruiert und unwirklich ist letztlich leider auch der üppige Gebrauch von Handgranaten und Scharfschützengewehren. Wirklich lebendig wirkt Helene Tursten’s Schreibstil eigentlich nur beim Beschreiben der Landschaften und Örtlichkeiten und wenn ihr sehr gutes Gespür für Hunde in die Handlung einfließt.

 

Fazit: Ein im klassischen Sinn aufgebauter nüchterner Kriminalroman mit wenig Spannung und teilweise recht unrealistischen Szenen.

 

 

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Astrid Seeberger

Nächstes Jahr in Berlin

 

·         Herausgeber : Urachhaus

·         Gebundene Ausgabe : 252 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3825152611

#NächstesJahrinBerlin

  

Poetisch und tief bewegend

 

Ein Buch, das den Verstand ebenso beansprucht wie das Gefühl. Ein Buch, das poetisch ist und politisch. Ein Buch, das mich tief bewegt hat. Ganz gewiss keine leichte Kost, aber purer Genuss für alle, die Sprache auf hohem Niveau zu schätzen wissen. Nicht der Leser verschlingt das Buch – das Buch verschlingt den sensiblen Leser mit Haut und Haaren.

 

Der Inhalt in aller Kürze. Die Mutter ist gestorben. Die Tochter beginnt auf- und auszuräumen und wird dabei hineingezogen in das erlittene Schicksal der Mutter während des Zweiten Weltkrieges, beginnend von der Flucht aus Ostpreußen bis zur Nachkriegszeit in Deutschland. Die Tochter verliert dabei – zu spät - zunehmend ihre langjährige innere Distanz zur Mutter, einer Frau, die bereits viele Jahre vor ihrem Tod an ihrem Schicksal zerbrochen war.

 

Astrid Seeberger schreibt atemberaubend gut. Schon vom grandiosen Roman „Goodbye Bukarest“ war ich hingerissen. Doch der vorliegende Roman ergriff mich noch mehr, wohl weil die Autorin hier sehr viel mehr von sich selbst preisgibt. Ich hatte das Bedürfnis, ganz langsam lesen zu müssen, Wort für Wort sorgsam einsammelnd, um nichts zu übersehen, nichts zu verlieren von den Gedankenbildern. Und es sind, wie im ersten Roman, gerade die Nebenbei-Sätze, die besonders schmerzhaft sind. Der poetisch schöne, bildreiche Schreibstil ist oftmals so treffend, dass er geradezu schmerzhaft in mein lesendes Herz hineinfuhr. Dass man vergangener Lebenszeit solch eine Stimme geben kann, dass selbst das Unscheinbarste zum Gleichnis oder zur Metapher wird, gibt dem Erleben und Erinnern eine unfassbare Tiefe, in allen Schattierungen. „Die Toten bleiben in unserem Leben zurück.“ Astrid Seeberger gestaltet den Bericht des Entsetzlichen, des eigentlich Unerzählbaren von Krieg und Flucht, vom Geruch der Angst und des Todes in einer Sprache, die präzise ist, ohne jegliche Larmoyanz. Mit genauem Blick verknüpft die Autorin Vergangenes mit der Gegenwart und lässt durch ihre Wortbilder das eigentlich Unsagbare des Schmerzes nachspüren. Aber es gibt auch Trost, so wie von der Großmutter überliefert, die verstand, „dass man wegsingen kann das, wa

 

Ein anspruchsvolles, ein einfühlsames, ein ganz und gar wunderbares Buch.

 

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Lenz Koppelstätter

Das dunkle Dorf

 

·         Herausgeber : KiWi-Taschenbuch

·         Taschenbuch : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3462053043

#DasdunkleDorf

  

Mein erster und mein letzter Krimi um Commissario Grauner

 

Mein erster Krimi aus der Feder von Lenz Koppelstätter war das. Und es wird wohl auch mein letzter sein. Leider.

 

Im 6. Fall für Commissario Grauner geht es um die Mafia. Wir befinden uns Mitte Januar im Grödnertal, immer wieder gehen Lawinen ab. Doch Commissario Grauner interessiert die Natur nicht. Ihn interessiert irgendwie auch nicht, dass ein Toter in einer schäbigen Villa gefunden wird. Ihn interessiert nur noch seine Tochter Sara, die seit Tagen verschwunden ist. Sein neapolitanischer Kollege Saltapepe befindet sich ebenfalls im Grödnertal und muss überraschend untertauchen, weil er glaubt, den legendären Mafiaboss gesehen zu haben, den er einst ins Gefängnis gebracht hatte. Grauner ahnt, dass die Vorfälle zusammenhängen und beginnt den Kampf gegen Italiens gefährlichste Verbrecher.

 

 

Das klingt eigentlich nach einem spannenden Plot. Aber nach der Spannung habe ich weitgehend vergeblich gesucht. Gemächlich muss man sich umschauen in der grandiosen Landschaft und muss sich mit viel Geduld einlesen in den ausschweifenden Schreibstil, der lange Zeit irgendwie nicht von der Stelle kommt. Zudem muss man sich mit vielen Namen vertraut machen. Befremdlich empfand ich dabei, dass die Personen hauptsächlich nur per Nachnamen auftreten. Warum so unpersönlich? Und ich gestehe, mich nerven grundsätzlich  Kommissare, die sich mit vielen eigenen Problemen herumschlagen müssen. Die sprunghaften Wechsel der Perspektiven machen das Lesen verwirrend, es zerhackt das Geschehen und damit den Lesefluss. Dass so ziemlich alle Mafiaklischees bedient werden, die ich kenne, hat für mich die Lektüre auch nicht erfreulicher gemacht. Und Cliffhänger, die am Ende des Buches zum Kauf des Folgebandes animieren wollen, finde ich absolut ärgerlich. Der gelegentlich durchblitzende Humor und die Kürze der Kapitel waren dagegen positive Aspekte. Insgesamt gesehen werde ich mich jedoch mit Commissario Grauner nicht mehr befassen wollen. 

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Leslie Connor

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)

 

·         Herausgeber : Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3446268029

·         Lesealter : 10 - 12 Jahre

·         Originaltitel : The Truth as Told by Mason Buttle

#DieganzeWahrheitwieMasonButtlesieerzählt

 

 

Für mich das beste Jugendbuch seit langem

 

Habe ich je ein bewegenderes Jugendbuch gelesen, das mich mit so leisen, sensiblen Schritten in eine Welt gehen lässt, die mir bislang fremd war, und zwar mitten hinein, so tief hinein, dass ich tatsächlich lernte zu verstehen?

 

Mason Buttle ist groß, sehr groß. Er schwitzt übermäßig. Er kann so gut wie gar nicht lesen oder schreiben. Und er kann nur die Wahrheit sagen -  wenn er gefragt wird. Von seinen Mitschülern wird er entsetzlich gequält und aufs Übelste gehänselt und gedemütigt. Vor Jahren hatte Mason einen besten Freund, Ben. Doch dieser lag eines Tages tot auf der Obstwiese der Buttles unterhalb des Baumhauses. Seither wird Mason von den Erwachsenen mit diesen besonderen Augen angeschaut. Doch Mason findet einen neuen Freund, Calvin, diesen schlauen und ungewöhnlich kleinen und dünnen Jungen. Sie bauen zusammen mit viel Mühe ein Geheimversteck, eine unterirdische Höhle, um den Angriffen der anderen Kinder entfliehen zu können. Als Calvin plötzlich verschwindet, richten sich die besonderen Augen der Erwachsenen erneut auf Mason….

 

 

Die Autorin schreibt im Präsens, das heißt hautnah, und zwar mit den Worten von Mason. Sie ist in seine Sicht der Dinge so tief hineingeschlüpft, dass man als Leser zu verstehen beginnt, wie es ist, wenn die Welt um einen herum eindimensional ist und welch grenzenlose Verwirrung jegliche Überforderung stiftet. Ganz selten streut Leslie Connor Fachbegriffe ein, zum Beispiel für das „Sehen“ von Gefühlen in Farben, oder für das extreme Schwitzen. So weiß der Leser, dass Mason keine erdachte Fantasiefigur ist. Dass es Menschen wie Mason wirklich gibt, liebenswert, von Herzen gut, schlicht und gerade im Denken, aber dennoch intuitiv die Wahrheiten unter den Menschen erfassend. Und dass sie wie alle Menschen Familie und Freundschaft und Zugehörigkeit brauchen, um aufzublühen. Der Autorin ist etwas ganz Großartiges gelungen mit diesem Buch, zutiefst menschlich nah und sehr, sehr berührend und bewegend, kraftvoll und intensiv. 

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Jenny Jägerfeld

Mein geniales Leben

 

·         Herausgeber : Urachhaus

·         Gebundene Ausgabe : 358 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3825152703

·         Lesealter : 10 - 12 Jahre

#MeingenialesLeben

  

Herzerfrischend komisch und klug

 

Ein Jugendbuch von ganz besonderer Qualität, wie ich finde. Mit herzerfrischend komischen Szenen, herzerfrischend liebevoll geschilderten Familienmitgliedern und herzerfrischend klugem Umgang mit einigen schwierigen Themen. Einzig das Cover finde ich persönlich außerordentlich hässlich und irreleitend. Dieses tolle Jugendbuch hätte ein kreativeres und passenderes Cover verdient!

 

59 Ferientage liegen vor Sigge, eine schier grenzenlose freie Zeit, in der es Sigge gelingen muss, nein gelingen wird, sich völlig neu zu erfinden. Denn Sigge möchte nicht mehr gehänselt und gemobbt werden, er möchte beliebt sein, Freunde haben, einfach ungezwungen plaudern können mit anderen, ohne sich qualvoll jedes Wort überlegen zu müssen. Gar nicht so einfach, dieses Vorhaben! Sigge, 12,  ist mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern von Stockholm in den kleinen Ort Skärblacka ins Hotel seiner Großmutter gezogen. In 59 Tagen muss er in eine neue Schule, in eine neue Klasse, und bis dahin muss die Mission „ich bin beliebt“ gelungen sein.

 

 

Was die Leser in diesen 59 Tagen mit Sigge und seiner ziemlich schrägen Familie erleben, ist so berührend und komisch zugleich, dass man beim Lesen ständig wechselt zwischen Lachen und mitfühlenden Gedanken. Der so überaus liebenswerte leicht schielende Außenseiter Sigge rührt an in seinem nicht endenden Bemühen zu gefallen. Cool will er sein und sozial und Witze machen und nicht zu viel mit den Händen herumfuchteln. Er beobachtet sich selbst, er überfordert sich ständig und scheitert immer wieder, bis etwas geschieht, was seine Blickrichtung völlig verändert. Sigge stellt fest, dass es richtig wichtig ist, Freunde zu haben, auf die man sich verlassen kann. Diese Entwicklungsgeschichte ist wunderbar ideenreich erzählt, mit urkomischen Dialogen versehen und mit originell-schrägen Menschen und Tieren ausgeschmückt, wobei das ausgestopfte Zebra im Flur nicht das Seltsamste in Sigges Leben ist. Eine großartige Mischung von Spaß und Ernst, die Jenny Jägerfeld hier gelungen ist. 

 

 

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Anna Clauss

Söder - Die andere Biographie

 

·         Herausgeber : HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 176 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3455011555

#Söder

 

  

Der „Möbelpacker“

 

„Die andere Biographie“ heißt es im Titel – ja, in der Tat, sie ist anders. Schon was den Umfang betrifft. Ein dünnes Büchlein hat Anna Clauss hier vorgelegt, schnell und leicht lesbar, auch für Menschen wie ich, die sich nicht sehr bewandert fühlen im Labyrinth politischer Richtungen und Selbstdarstellungen. Als gebürtige Nürnbergerin war ich jedoch durchaus interessiert, mehr über Dr. Markus Söder zu erfahren, sozusagen von Franke zu Fränkin und von Steinbock zu Steinböckin.

Anna Clauss hat einen erfrischenden, kurzweiligen  Schreibstil. Sie hat Spaß an spitzer Feder. Pfiffig, witzig, keck und pointiert berichtet sie von ihren eigenen Beobachtungen, was Markus Söder betrifft. Sie ist kritisch, ja, aber dabei immer fair. Sie schaut und hört ganz genau hin und entdeckt das Wesentliche hinter dem Belanglosen.

 

Ich persönlich als politischer Laie habe viel profitiert von der Lektüre, weil die Autorin mir Zusammenhänge näher brachte, die ich bislang nie wahrgenommen hatte und worauf ich nun viel aufmerksamer achte. Und ja, natürlich hat sie mir auch einen Dr. Markus Söder ein wenig näher gebracht, vielleicht zwar nicht  den Menschen Markus mit seinen Emotionen, aber doch den Politiker Dr. Söder mit dem, was ihn treibt. Liebenswert ist er wohl nicht. Und „menscheln“ kann er nicht. Nettigkeiten sind nicht sein Ding. Aber er packt an, manchmal auch an falscher Stelle, aber ein „Möbelpacker“ ist mir dennoch viel sympathischer als einer, der am Rand steht und zögerliche Reden hält. Markus Söder  ist ehrgeizig und fleißig. (Ja, das kenne ich, so sind fränkische Steinböcke.) Er ist perfektionistisch und überlässt möglichst nichts dem Zufall. Man schätzt ihn, aber man mag ihn nicht. Offensichtlich mag die Autorin ihn auch nicht, aber sie achtet ihn. Dass der gewiefte Taktiker die Wandlung vom „Wadlbeißer“ zum „Lebensminister“ vollzogen hat, lässt mit Spannung auf seinen weiteren Weg schauen. Zuzutrauen ist ihm (fast) alles.

 

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Judith Rakers

Homefarming

 

·         Herausgeber : GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 240 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3833877834

#Homefarming

  

Sympathisch, glaubwürdig und ansteckend

 

Wenn eine prominente Persönlichkeit ein Sachbuch auf den Markt bringt, bin ich meist eher  misstrauisch, weil sich der Verlag durch den bekannten Namen einen Verkaufsschub erhofft und oftmals das Buch dann inhaltlich enttäuscht. Doch bei diesem Buch erwies sich mein Misstrauen als nicht angebracht.

Judith Rakers, Tagesschau-Sprecherin, Talkshow-Moderatorin und Gesicht zahlreicher TV-Reportagen, hat sich daran gemacht, ihren Traum von einem Selbstversorger-Garten zu verwirklichen, und das ganz ohne Sachkenntnis und ohne „grünen Daumen“. Und tatsächlich ist daraus ein Buch entstanden, das Freude weckt. Freude an der Natur, an Selbstversorgung, und ja, tatsächlich Freude an Gartenarbeit, egal ob man viel oder wenig Platz hat, um etwas wachsen zu lassen. Und es ist ein Buch entstanden, geschrieben für alle Anfänger. Aber auch Gartenerfahrene werden garantiert noch etwas Neues entdecken! Denn was gibt es Schöneres, als knackfrisches Obst und Gemüse zu ernten, ohne dass es Chemikalien ausgesetzt war oder Hunderte von Kilometer durch die Gegend gekarrt wurde.

 

 

Judith Rakers gelingt es durch ihre erfrischende, sehr persönliche und ansteckend fröhliche Erzählweise, uns an ihrem eigenen Weg zur Selbstversorgerin teilhaben zu lassen. Angesteckt wurde sie offensichtlich von dem Selbstversorger und Botaniker Wolf-Dieter Storl. Und tatsächlich: Auch der blutigste Anfänger kann sich von Judith Rakers an die Hand nehmen lassen und ohne jegliches Wissen beginnen, um erste eigene Erfolgserlebnisse zu erfahren. Dabei bekommt der Leser nicht nur Anregungen für einen „normalen“ Garten, sondern auch für Terrassen und Balkone sind viele Tipps umsetzbar. Ja sogar wer nur eine Fensterbank zur Verfügung hat, kann sich von Judith Rakers anstecken lassen. Mein persönliches und glücklicherweise sehr ausführliches  Lieblingskapitel ist „Aufs Huhn gekommen“, denn ich teile die Erfahrungen und die Liebe zu Hühnern mit Judith Rakers voll und ganz. Wer dieses Kapitel aufmerksam liest, wird übrigens niemals mehr Billigeier aus dem Discounter kaufen!  Am Schluss des Buches finden sich einige Rezepte, schnell und einfach nachzukochen. Aber was wären all die vielen Mut machenden Informationen, wenn nicht eine Fülle von genialen Fotos den Inhalt zum Leben erwecken würde. Also rundum ein geglücktes, schön gestaltetes Mutmach-Buch für alle, die gerade in diesen Zeiten ein neues Bewusstsein entwickeln für das Thema Selbstversorgung. 

 

 

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Charlie Farley

Ziemlich beste Brüder

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649636021

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

·         Originaltitel : A Dare for a Hare

#ZiemlichbesteBrüder

 

Anrührende Geschichte über Geschwisterliebe

 

Ein wunderschönes, anrührendes Bilderbuch für die Kleinsten ist „Ziemlich beste Brüder“ aus dem von mir so überaus geschätzten Coppenrath Verlag, ein liebevolles Lehrstück für Geschwisterliebe.

 

In der Hasenwelt geht es so zu wie im Menschenleben. Max, der ältere Bruder, will noch schlafen, aber sein nervig-zappeliger kleiner Bruder Mika schafft Unruhe. Mika ist nämlich grenzenlos überzeugt von sich und hält sich für den Größten und Stärksten auf der Welt. Er bettelt um eine Mutprobe. Um Ruhe zu bekommen, schickt Max schließlich den umtriebigen Bruder fort zu einem Abenteuer. Er soll einen Pfirsich stibitzen, wobei er sich vorsehen soll vor der bösen Katze. Und sofort macht sich Mika begeistert auf den Weg. Doch da packt den älteren Bruder der Schreck. Was ist, wenn Mika unterwegs etwas passiert? – Was dann an Aufregendem geschieht, müsst ihr unbedingt selber lesen und schauen…

 

Nicht nur die wunderbar liebevolle Geschichte begeistert mich. Auch die großformatigen Illustrationen sprechen Kinder und Erwachsene ganz direkt an. Sie sind kitschfrei, sehr farbintensiv und vor allen Dingen in ihrer Einfachheit enorm ausdrucksstark. Hat man je einen gewaltigeren bedrohlichen Bär gesehen? Oder ein Hasenkind, das so verspielt und lebensfroh die Welt entdeckt?

 

Erzählt wird die Geschichte von Max und Mika in Reimen. Zwar sind diese Reime nicht auf Anhieb eingängig, erst nach mehrfachem Lesen bzw. Vorlesen prägen sie sich ein. Aber sie erzählen sehr direkt und lautmalerisch davon, wie der ältere Bruder Verantwortung für den Kleineren übernimmt und so dieser nicht nur Unterstützung, sondern Verständnis, Schutz und Geborgenheit findet. 

 

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Callan Wink

Big Sky Country

 

·         Herausgeber : Suhrkamp Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 378 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3518429839

#BigSkyCountry

 

 

Nein, nein, nein!

 

„Ein begnadeter Autor“ schreibt der Verlag. Überhaupt findet er gewaltige Worte für das Buch: „Ein Bildungsroman von atemberaubender Schönheit und Klarheit“ und „ein neues Meisterwerk“. Wow! Da fühle ich mich als sofort Leserin gedemütigt, weil ich offensichtlich zu dumm bin, um das Meisterwerk als solches zu erkennen.

 

August liebt die Arbeit auf der Farm, egal wie schwer sie ist. Als sich seine Eltern trennen und er mit seiner Mutter nach Montana zieht, fällt es ihm sehr schwer, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen. Falsche Freunde und Alkohol lassen ihn durch die Zeit treiben.

 

 

Nein sage ich zu der Bezeichnung „Meisterwerk“. Denn ich halte es mit Reich-Ranicki: Ein Buch darf nicht langweilen. Dieses Buch zu lesen war für mich langweilig, quälend langweilig auf der einen Seite, und auf der anderen Seite mehr als abstoßend, anwidernd, wenn Katzenschlachten und die Vergewaltigung betrunkener Mädchen als normale Vorkommnisse eines Farmeralltags dargestellt werden oder menschenverachtende „Weisheiten“ verkündet werden. Das Aneinanderreihen von einzelnen Szenen, ohne dass sie wirklich zu etwas führen, was einen Roman rechtfertigt, führt zu gähnender Langeweile. Wobei schon der vom Verlag gewählte Begriff „Bildungsroman“ für mich einen öden Text impliziert – vielleicht ein Schultrauma.  Aber wenn schon Bildungsroman, dann aber bitte auch richtig. Leider konnte ich nicht wirklich im Verlauf der 380 Seiten eine Entwicklung von geistiger und charakterlicher Bildung bei August feststellen. Er wird halt älter. Ansonsten war ich hauptsächlich als Leser damit beschäftigt, August mehr oder eher weniger interessiert bei der Farmarbeit in allen seinen Facetten zu beobachten. Wenn wenigstens die Sprache als solche etwas an sich hätte, das den Leser anspricht. Aber leider konnte ich nichts Erfreuliches finden. Die Sprache ist klar und einfach zu lesen. Mehr nicht. Deprimierend und öde war für mich dieses Buch, deshalb nicht empfehlenswert. 

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Davide Morosinotto

Der Ruf des Schamanen

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 432 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202749

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

#DerRufdesSchamanen

  

Welch ein ungewöhnliches Buch!

 

Wir befinden uns im von Not und großer Armut geprägten Peru der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Laila, 13-jährige Tochter wohlhabender Eltern, ist unheilbar krank. Die genetisch bedingte Krankheit wird ihr zunächst das Augenlicht rauben, dann fortschreitend den Körper zerstören bis zum unabwendbaren Tod. Als sie durch ein uraltes Tagebuch von einem Schamanen erfährt, der im tiefsten Amazonas leben soll und dessen besondere Kräfte dank einer besonderen Blüte ihr vielleicht Heilung bringen könnten, wagt sie die abenteuerliche und außerordentlich gefährliche Reise in den magischen Urwald, in Begleitung ihres Freundes El Rato

 

Schon äußerlich besticht dieses besondere Buch. Unglaublich faszinierend ist seine  typographische Gestaltung. Da verschwimmen zum Beispiel an den Zeilenrändern die Buchstaben – ganz so, wie sich Lailas zunehmende Erblindung durch Einschränkung des Gesichtsfeldes zeigt. Oder die Buchstaben verlassen die gerade Ordnung der Zeilen und rotten sich willkürlich zusammen in die wilden Zacken eines Hirnstrombildes während eines epileptischen Anfalles. Dies sind nur einige wenige Beispiele, auf welch kreative Weise das Buch gestaltet ist.

Geschrieben ist das Buch durchaus anspruchsvoll. Es wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, dankenswerter Weise immer chronologisch, deshalb lässt sich die Handlung ohne Schwierigkeiten oder Verwirrung verfolgen. Zwar handel es sich vordergründig um einen spannenden, fesselnden Abenteuerroman. Aber gleichzeitig befasst sich das Buch auch altersgerecht mit schwierigen Themen, ob es sozial, historisch oder kulturell um das Peru des vorigen Jahrhunderts geht, oder wenn es um magisches Denken, um Leben und Tod, um Freundschaft und Liebe geht. Sowohl gefühlvoll als auch packend lässt uns der Autor Anteil nehmen an der seelisch-psychischen Entwicklung der beiden so unterschiedlichen Charaktere Laila und El Rato, vergleichbar mit dem Thema in vielen Märchen, in denen der Held auszieht und durch viele Prüfungen gehen muss, um gereift und erstarkt zurückzukehren.

 

Ein rundum unfassbar gut gelungenes Buch, nicht nur für junge Leser, das von Anfang bis Ende fesselnd erzählt bis hin zum ungewöhnlichen Finale. Absolut lesens- und anschauenswert!

 

 

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Karin Müller

Nordstern - Der Ruf der freien Pferde

 

·         Herausgeber : Schneiderbuch

·         Broschiert : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3505143557

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

#NordsternDerRufderfreienPferde

  

Nicht Fisch und nicht Fleisch

 

Mit diesem Jugendbuch habe ich einige Probleme. Welchen jugendlichen Lesern sollte ich es empfehlen? Den Liebhabern von Fantasy-Büchern? Oder von historischen Romanen? Oder von Liebesgeschichten? Oder von Abenteuerbüchern? Oder von Fortsetzungsromanen? Oder Pferdeliebhabern? Das vorliegende Buch hat von allem ein bisschen und dadurch nichts richtig, und genau das gefällt mir nicht.

 

Wir schreiben das Jahr 1949, der Weltkrieg ist noch nicht lang vorbei. Die 14-jährige Erla wandert mit ihrer Mutter nach Island aus, weil dort händeringend Arbeitskräfte gesucht werden. Erla wird von ihrer Mutter getrennt und muss auf einem armseligen Bauernhof hart arbeiten. Sie versteht die Sprache nicht und wird von den Bauersleuten schlecht behandelt. Einziger Trost für Erla ist die Schimmelstute Drifa. Erla hat die Gabe, Dinge zu sehen, die für andere Menschen unsichtbar sind. Und in Island, diesem magischen Land, kommen ihr Die Verborgenen sehr nahe…

 

Mit dem Schreibstil musste ich mich erst anfreunden. Die kurzen, abgehackten Sätze wirken nüchtern und hart und wecken kaum Emotionen beim Leser. Schön und bildhaft dagegen sind die detaillierten Beschreibungen der spröden Natur und der Wettergewalten. Erzählt wird in zwei Ebenen, und zwar sowohl die Geschehnisse in der realen Welt als auch das, was parallel dazu in der Welt der Verborgenen erlebt wird. Dass die Autorin ihre Geschichte mit ihrer Fantasy-Seite in Island ansiedelt, kann ich nachvollziehen, denn in keinem Land sonst leben bis heute die reale und die Geisterwelt so eng beieinander. Dennoch fehlt es der erzählten Fantasy-Story an Substanz und Spannung. Und warum musste es das Jahr 1949 sein? Denn an historischen Bezügen, die es durchaus gegeben hätte, fehlt es im Buch völlig. Zerschlissene Kleidung allein reicht da wirklich nicht. Also doch ein Pferdebuch? Nein, auch hier fehlt die Substanz. Denn Island-Pferde haben mehr als kuscheliges Fell und können viel mehr als nur Tölt. Für Erla, die Heldin des Buches, kann ich wenig Sympathie empfinden. Sie wird als kindlich, ungeschickt und ohne Eigeninitiative geschildert. Nur wenn sie Kontakt zur Welt der Verborgenen hat, lebt sie auf. Tja, und der fiese Cliffhanger zum Schluss, der es mit dem Holzhammer darauf anlegt, dass man auch Band 2 kaufen soll, gibt dem Buch dann noch den Rest. 

 

 

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Rüdiger Bertram, Yvonne Semken

Liebe macht blind – aber glücklich

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649668152

·         Lesealter : 4 - 6 Jahre

#Liebemachtblindaberglücklich

  

Die Illustrationen sind besser als die Geschichte

 

Mit diesem Bilderbuch muss ich unbedingt so bald wie möglich den Praxistest machen und es Vorschulkindern vorlesen und zeigen. Denn mir als Erwachsenen gefällt die Geschichte nicht. Aber vielleicht muss man ganz jung oder ganz verliebt sein, um Gefallen am Buch zu finden?

 

Der Inhalt ist einfach: Wir lernen auf dem Bauernhof Tiere kennen, die sich anhimmeln wie Sau Sarah ihren Eber Erik oder Bernd der Bock seine Ziege Zoe. Obwohl der Partner alles andere als vollkommen ist, im Gegenteil. Die Ziege Zoe zum Beispiel hat grauenhaft krumme Zähne. Das Küken Kiki fragt seine Oma und die erklärt ihm, dass Liebe blind macht. Und das nimmt Kiki wörtlich, besonders als ihr eine Eierschale auf den Kopf fällt und Kiki blind durch die Welt tapsen muss. Aha, sie ist also verliebt…

 

Zwar gefällt mir die Geschichte als solche nicht, denn eine Eierschale auf dem Kopf macht wahrlich noch nicht wirklich blind vor Liebe, aber an der Gestaltung des Buches hatte ich große Freude. Yvonne Semken ist es gelungen, mich mit ihren hinreißenden Illustrationen auf jeder Seite aufs Neue zum Lächeln zu bringen. Allein schon die Vorsatzblätter des Buches sind sehenswert und ermöglichen Bildbetrachtungen der besonderen Art. Yvonne Semken malt die Welt des Bauernhofes in ganz kräftigen, fröhlichen Farben. Nicht nur Zoe mit den hässlichsten Zähnen der Welt oder der selbstverliebte Erik oder die Hühner-Oma mit dicken Socken sind liebenswert dargestellt. Man kann auch witzige Details entdecken, wenn man genau hinschaut wie zum Beispiel das durchgestrichene Herz zwischen Schaf und Wolf… Meiner Meinung nach ein Bilderbuch also, das eher zum Anschauen einlädt als zum Vorlesen.

 

 

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Schwiecker, Tsokos

Die 7. Zeugin

 

·         Herausgeber : Knaur TB

·         Taschenbuch : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426527559

#Die7teZeugin

  

 

Ein raffinierter und durchgängig spannender Justiz-Krimi

 

Die beiden Autoren sind hochverdiente Fachleute als Strafverteidiger und Rechtsmediziner. Ein Glücksfall, dass die beiden zusammengefunden haben, um eine neue Reihe an Justiz-Krimis ins Leben zu rufen, in denen einerseits ihr gebündeltes Wissen einfließt, andererseits ihre Lust am Schreiben gekonnt zum Tragen kommt. Ich habe den hier vorliegenden ersten Band mit großer Freude gelesen und erwarte gespannt weitere Fortsetzungen.

 

An einem ganz normalen Sonntagmorgen schwingt sich Nikolas Nölting, von Beruf ein ganz normaler Beamter in der Stadtverwaltung, auf sein Fahrrad, um zum Bäcker zu fahren. Doch kaum hat er die Bäckerei betreten, schießt er wie aus dem Nichts heraus wild um sich, tötet einen Mann und verletzt zwei weitere Ladenkunden. Anschließend lässt er sich bereitwillig festnehmen und schweigt. Unbegreiflich und sinnlos, was da geschehen ist. Rocco Eberhardt, ein aufstrebender Strafverteidiger, steht vor einem Rätsel. Doch Dr. Justus Jarmer, der Rechtsmediziner, macht eine Entdeckung, die dem Fall eine neue Wendung gibt und mitten hineinführt in den Sumpf von Clan-Kriminalität und Geldwäsche, aber auch mitten hinein in die Gefahr.

 

Ich habe das Buch sehr, sehr gerne gelesen. Die kurzen Lesekapitel sind sehr leserfreundlich. Sie schaffen es, aus immer wieder anderen Perspektiven die Tat und deren Vorgeschichte zu beleuchten. Die klare, schnörkellose Erzählweise und die nachvollziehbar geschilderten Persönlichkeiten der handelnden Personen verstärken noch zusätzlich die gute Lesbarkeit des Buches. Ein Justiz-Krimi könnte unter Umständen ziemlich dröge geraten. Doch meine anfängliche Skepsis zerschlug sich beim Lesen sofort. Von der ersten Seite an hat das Buch eine kontinuierliche Spannung, die den Leser vorantreibt. Welch geniale Wendung die Geschichte am Ende nimmt, muss man unbedingt selbst lesen.

 

Fazit: Ein Justiz-Krimi, gekonnt geschrieben, mit Raffinesse, permanenter Spannung und fundiertem Sachwissen. Sehr empfehlenswert!

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Adrián Macho

Gerda, der kleine Wal

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649635253

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

#GerdaderkleineWal

 

 Zauberhaft verzaubernd

 

Der altisländische Name „Gerda“ bedeutet Beschützerin. Also nicht unbedingt ein Name für ein kleines Wal-Kind, dachte ich. Im Gegenteil: Gerda wird beschützt von ihren Eltern und ihrem Bruder und schwimmt zufrieden am Grunde des Ozeans. Doch die Mutter singt immer wieder ein Lied, das von einer Reise erzählt, die jedem Wal-Kind bevorsteht: „Einmal beginnt für jeden Wal die Reise durch die Meere… Wohin man will und was man braucht, das muss ein jeder lernen…“ Und so kommt es. Eines Tages macht sich Gerda auf die Reise nach dem einzig wahren Ort, an dem sie glücklich sein kann. Doch wohin sie auch kommt, nirgends ist Platz für sie. „Manchmal braucht jeder Hilfe“, tröstet der weise Narwal Gerda. Wie es Gerda weiter ergeht auf ihrer Reise zum Glück, das muss man selbst lesen. Und vielleicht sogar Walgesänge dazu hören…

 

Ein wunderschönes Bilderbuch ist das! Ich bin hingerissen von Gerda, ich bin hingerissen von den unglaublich intensiven Illustrationen, die dem Kind alle Interpretationsmöglichkeiten offen lassen. Ich bin hingerissen von den Farben. Und ich bin hingerissen von der kleinen großen Geschichte, die Mut macht und Zuversicht schenkt. Denn man muss erst einmal vieles sehen und kennenlernen, bis man genau weiß, wo man hingehört. Bis man den Ort seiner Bestimmung findet. Ein stilles und sehr poetisches Bilderbuch. Das mich restlos verzauberte.

 

Warum allerdings wird der Autor Erwin Grosche nicht auf dem Cover genannt, nur auf dem inneren Titelblatt? Ohne seinen Text wären die Illustrationen schließlich nur halb so viel wert.

 

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Michael Dangl

Orangen für Dostojewskij

 

·         Herausgeber : Braumüller Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 480 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3992002979

#OrangenfürDostojewski

 

 

Was gewesen wäre, wenn - bravourös gelöst

 

Eine reale Stadt, nämlich das traumhaft schöne Venedig, wurde als Bühnenbild des Romans gewählt. Und eine fiktive Begegnung zwischen Dostojewskij und Rossini als Drehbuch. Das hat was. Und es war alles andere als einfach, was sich der Autor da vorgenommen hatte. Er hat die Aufgabe meiner Meinung nach mit Bravour absolviert.

 

Der kranke Fjodor Dostojewskij erfüllt sich einen langgehegten Wunsch, nämlich Venedig zu besuchen. Doch er findet keinen Zugang zu der Lebendigkeit und Lebensfreude der Stadt. Er findet sich nicht zurecht, versteht die Sprache nicht, bleibt weiter gefangen in Schwermut. Erst als er Rossini begegnet, diesem rein barocken Genussmenschen, sozusagen seinem Antipoden, erfährt Dostojewskij einen neuen Schub ins Leben, ins Genießen. Wobei auch intellektuelle Gespräche über Kunst und Können, über Kultur und Geschichte zur Freude dienen und die Annäherung dieser zwei so völlig unterschiedlichen Künstler durchaus auch komische Seiten hat.

 

Der vielschichtige Roman von Michael Dangl ist nicht geeignet zum reinen Konsumieren. Er verlangt nach dem Leser, der sich Zeit nimmt, der sich einfühlt und sich verführen lässt zu den Gedankenausflügen, die der Autor mit uns unternimmt. Wie gerne bin ich ihm gefolgt, weil man die immense Recherche-Arbeit auf jeder Seite neu und mit Hochachtung erspürt. Hier ist ein Schriftsteller nicht nur seiner Idee nachgefolgt, sondern hat diese Idee perfekt in Roman-Szene gesetzt, so überaus eindringlich, so lebendig, so plastisch und so intellektuell herausfordernd, dass ich mit zunehmender Begeisterung Seite um Seite las. Die Sprache ist mitunter etwas sperrig, mit Satzeinschüben das Lesen verkomplizierend, so als käme der Autor selbst aus der Zeit Dostojewskijs, als kenne er ihn aus persönlichen Begegnungen. Neben hinreißenden Bildbetrachtungen verzauberte mich der Autor mit seinem profunden Wissen, was Literatur, Malerei und Musik gleichermaßen betrifft, und mit seinem gewaltigen Talent, Geschehnisse und Personen zu intensivem Leben zu erwecken, sodass der Leser hautnah am Geschilderten teilnimmt. Dieses Buch ist ein Glücksfall für alle, die einen Roman zu schätzen wissen, der Sprache und Kunst und Intelligenz auf bestmögliche Weise verbindet.    

 

 

 

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Dr. Heike Niemeier

Essen gut alles gut

 

·         Herausgeber : KiWi-Taschenbuch

·         Taschenbuch : 368 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3462054323

#Essengutallesgut

  

 

Ein profundes Sachbuch, bei dem es viel zu lächeln gibt

 

„Essen kann heilen, lindern, stärken – und müde Geister wecken.“ So könnte man den Inhalt des vorliegenden Buches in Kürzestform zusammenfassen. Denn genau das erläutert uns die promovierte Ökotrophologin sehr umfassend und detailgenau, nämlich den Wert von Essen, von gutem Essen, denn nur gutes Essen sorgt für gutes Bauchgefühl. Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Was gibt es da Wichtigeres als gute Lebensmittel zu wählen. Ohne Wissen, ohne Information kann man nicht gut wählen. Und genau das ist das Anliegen des Buches: Über Essen so umfassend zu informieren, dass es aus der schier grenzenlosen Angebotsfülle möglich wird, das Gute zu wählen, das, was unserem Körper (und unserer Seele) guttut. Und zwar freiwillig! Denn „Verbote sind verboten.“ Alles Wissenswerte wird uns sehr anschaulich, fast möchte ich sagen unterhaltsam, angeboten. Ja, ich habe das Buch nicht Seite um Seite von vorne bis hinten gelesen. Denn die graphisch gekonnte Gestaltung, die besondere oder wichtige Zusatzinformationen farblich abgehoben vom laufenden Text besonders hervorhebt, verführt dazu, erst einmal im Buch zu blättern und sich von den Graphiken verführen zu lassen. Und ehe man es sich versieht, hat man sich in einzelnen Kapiteln festgelesen. Übrigens macht das Buch sprachlich besonderes Vergnügen: Von „Zucker-Tsunami“ bis „es ist Käse, auf Fett zu verzichten“ hat es die Autorin auf sehr sympathische Weise geschafft, dass ich immer wieder mit einem Lächeln auch die teilweise sachlich-trockenen Informationen schluckte. Locker eingestreut im Text findet man außerdem einfache, leicht nachzukochende Rezepte als zusätzliche Unterstützung.

Einzig negative Anmerkung: Die schrecklichen Gendersternchen hätte man sich sparen können.

 

 

Fazit: Ein Sachbuch, das mir auf unterhaltsame und sympathische Weise allein durch Wissensvermehrung ermöglicht, genau diese Lebens-Mittel zu finden, die ganz individuell mir persönlich gut tun. Ich werde das Buch noch ganz oft zur Hand nehmen!

 

 

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Donna Freitas

Wie viel Leben passt in eine Tüte

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Taschenbuch : 400 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202688

·         Lesealter : 13 Jahre und älter

·         Originaltitel : Survival Kit

#WievielLebenpasstineineTüte

 

 Loslassen lernen

 

Zugegeben bin ich mit ü70 nicht unbedingt die Zielgruppe des Romans. Dennoch fand ich die Thematik des Buches so interessant, dass ich mich mit meiner immer vorhandenen Leseneugier an die Lektüre machte. Und stolperte schon mal über die zwar originelle, aber nicht gut zu benutzende Schutzumschlag-Idee. Und weiter stolperte ich über den holprig-seltsamen Buchtitel, der im Vergleich zum Originaltitel nur merkwürdige Assoziationen hervorruft. Und ich stolperte über die Playlist der Kapitelüberschriften, deren Titel mir allesamt unbekannt waren und auch bleiben. Abgesehen von diesen Äußerlichkeiten empfand ich das Buch eher wie eine in Form gebrachte Selbsterfahrung der Autorin, weniger als einen Jugendroman, was ja erst einmal nichts Schlechtes bedeuten muss.

 

Rose hat ihre Mutter verloren und verbannt ab diesem Zeitpunkt alles aus ihrem Leben, was ihr bisher selbstverständliche Freude und Spaß gebracht hatte. Sie hört keine Musik mehr. Sie beendet ihre Cheerleader-Einsätze. Sie erträgt die Nähe zu ihrem Freund Chris nicht mehr. Sie zieht sich völlig in sich selbst zurück. Durch Zufall findet sie im Kleiderschrank ihrer Mutter ein „Survival Kit“, das ihre Mutter dort für sie hinterlassen hatte, eine Tüte voller überraschender kleiner schlichter Dinge. Nur unter größten Schwierigkeiten lässt sich Rose nach und nach auf diese Gegenstände und auf ihre dadurch ausgelösten Gedanken und Empfindungen ein. Aus der Starre der Trauer heraus gerät Rose’s Leben in Bewegung…

 

 

Grundsätzlich ist das Buch gut geschrieben. Es erzählt nachvollziehbar und glaubhaft, wie unbewältigte Trauer den Menschen in Fesseln hält, ihn vom lebendigen Leben fernhält. Und es erzählt ebenso glaubhaft, wie es gelingen kann, aus dieser Erstarrung in langsamen Schritten wieder zum lebendigen Leben zurückzufinden, und dass Loslassen nichts mit Vergessen zu tun hat. Allerdings hätte ich mir eine Erzählweise mit mehr Pfiff erhofft. Irgendwie fehlt mir das gewisse Etwas. Insbesondere die Dialoge wirken zum Teil recht hölzern und lebensfern. Genauso lebensfern erschienen mir die Menschen rund um Rose. Sind Freundinnen im gleichen Alter wie Rose tatsächlich so sensibel und einfühlsam wie im Buch geschildert? Und wird der Ex-Freund von jetzt auf gleich tatsächlich zum verlässlichen und hilfsbereiten Kameraden? Während Will, der zunächst vorgestellt wird als einfühlsamer, sensibler Mensch,  im entscheidenden Moment menschlich total versagt? Als Fazit würde ich dennoch diesen Jugendroman als sehr lesenswert bezeichnen, weil er sich gefühlvoll mit dem großen Thema Trauer und Neubeginn beschäftigt, und dies weitgehend, ohne oberflächliche Klischees zu bedienen.

 

 

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Prof. Dr. Marion Kiechle, Julie Gorkow

Die geheime Kraft des Fettstoffwechsels

 

·         Herausgeber : GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3833878114

#DiegeheimeKraftdesFettstoffwechsels

  

Komplexe Zusammenhänge verständlich gemacht

 

Der Verlag Gräfe und Unzer steht für mich seit jeher für gut ausgearbeitete Bücher. Zum einen sind sie in der Regel typographisch ansprechend und graphisch übersichtlich gestaltet, zudem die Inhalte fotografisch gekonnt in Szene gesetzt. Zum anderen handelt es sich mehrheitlich um Autoren, die als Fachleute auf dem jeweiligen Gebiet sehr kompetent informieren, oftmals unterstützt von  journalistisch geschulten Mit-Autoren, die dieses Fachwissen in für Laien verständliche und lesbare Form bringen. Und so waren meine Erwartungen an das Buch hoch, wobei allein schon das Wort „Fettstoffwechsel“ im Titel für mich etwas undefinierbar Abstoßendes hatte. 

Und in der Tat: Das Buch ist eine schier unerschöpfliche Quelle an Informationen. In verständlicher Sprache und durch farbige Hervorhebungen übersichtlich gestaltet, fällt es dem Leser leicht, sich mit dem komplexen Thema zu befassen.  Das Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt: Zum ersten alles Wissenswerte rund um Fett und Fettstoffwechsel – gut und wichtig, um die Zusammenhänge zu verstehen. Die Abschnitte 2 und 3 befassen sich mit der Praxis, d. h. konkrete Anleitungen für die richtige Ernährung und effektive Tipps und Alltagshilfen. Im dritten Abschnitt findet sich eine Sammlung von vegetarischen Rezepten, anhand derer man relativ einfach die empfohlene Ernährungsumstellung umsetzen kann. Für mich als einer ewig Hungrigen bewirkte übrigens den entscheidenden Aha-Effekt, um  eine Veränderung der schlechten Gewohnheiten in Angriff zu nehmen, die Information, dass ein Mensch ungefähr einen ganzen Monat ohne feste Nahrung auskommen kann. Da sollte es mir doch wohl gelingen, aus dem permanent vorhandenen Überangebot an Essbarem anhand der durch das Buch gewonnenen Erkenntnisse das wenige Vernünftige auszuwählen, das meinem Körper gut tut.

 

Fazit: Das Buch enthält eine große Fülle an Wissenswertem und macht verständlich und gut lesbar die Zusammenhänge deutlich, wie wir uns mit unserem Fettstoffwechsel verbünden können, um so manches Pfund schmelzen zu lassen. Allerdings hätte ich auf die wiederkehrende Darstellung der um positive Ausstrahlung ach so bemühten Autorinnen verzichten können.

 

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Charlotte Link

Ohne Schuld

 

·         Herausgeber : Blanvalet Verlag; Originalausgabe Edition

·         Gebundene Ausgabe : 544 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3764507381

#ohneSchuld

 

 

 

Gekonnt geschriebenes, fesselndes Katz- und Maus-Spiel

 

Dass Charlotte Link immens gut erzählen kann, hat mich zu einem treuen Fan gemacht. Und meine hoffnungsfrohen Erwartungen an das vorliegende Buch wurden keineswegs enttäuscht. Ich hatte 550 Seiten spannende, abwechslungsreiche Unterhaltung erhofft und auch bekommen. Allzu tief nachdenken sollte man allerdings nicht über die erzählten Geschehnisse, denn da gäbe es so manches zu hinterfragen. Doch ich halte es durchaus für legitim, wenn ein Buch in überaus gekonnt geschriebener Weise den Leser so unterhält, dass er alles um sich herum beim Lesen vergisst, auch wenn nicht unbedingt das Erzählte in allen Punkten immer unbedingt logisch ist.

 

Der Inhalt des Kriminalromans beginnt schon mit einer sehr eindringlichen Szene: Im Zug zielt ein Unbekannter auf eine Frau, die den Schüssen nur in allerletzter Minute entkommen kann. Zu Hilfe eilt ihr die zufällig im Zug mitreisende Ermittlerin Kate Linville, die auf dem Weg zu ihrer neuen Dienststelle ist. Zwei Tage später wird eine andere junge Frau durch einen gespannten Draht von ihrem Fahrrad gerissen und lebensgefährlich verletzt. Ein zusätzlich abgegebener Schuss verfehlt sein Ziel. Kate Linville stochert mit ihren Ermittlungen lange im Trüben, denn die einzige Verbindung zwischen den beiden Vorfällen ist nur, dass die gleiche Waffe benutzt wurde. Wie Kate Linville schließlich einem unfassbaren Geheimnis auf die Spur kommt und damit selbst in allergrößte Gefahr gerät, muss man unbedingt selbst lesen.

 

Charlotte Link hat wieder einen äußerst spannenden, lebendig und fesselnd erzählten Kriminalroman geschrieben, der psychologisch klug und nachvollziehbar menschliche Ängste, Abhängigkeiten, Schuld und Rache so zu schildern vermag, dass sich der Leser dem Sog der Geschichte nicht entziehen kann. Einziger Wermutstropfen, über den ich inhaltlich nichts sagen kann, um nicht zu spoilern: Wenn man über viele Seiten hinweg mit gespannter Hoffnung einen bestimmten Handlungsstrang verfolgt und zum Ende nicht erfährt, wie es damit ausgeht, bleibt man ein wenig enttäuscht zurück. Dennoch hatte mir Charlotte Link insgesamt gesehen wieder ein aufregendes und intensives Leseerlebnis geschenkt.

 

 

 

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Sam Lloyd

Der Mädchenwald

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499001130

·         Originaltitel : The Memory Wood

#DerMädchenwald

 

 

Im Sog des Wahnsinns

 

Eigentlich möchte ich zu dem vorliegenden Buch keine Rezension schreiben, sondern nur noch mit Wörtern um mich werfen wie „großartig“, „unglaublich“, „faszinierend“, „ungewöhnlich“, „grausig“ usw. Für mich war dieser Thriller, dieses unfassbar gute Erstlingswerk, eine solch überraschende und   intensive Lese-Entdeckung, dass der Autorenname Sam Lloyd ab sofort in meiner ganz persönlichen Thriller-Autoren-Bestsellerliste als No. 1 abgespeichert ist.

 

Ein ungewöhnlicher Plot mit ungewöhnlichen Protagonisten führt geradezu zwangsweise zu einem ungewöhnlichen Leseerlebnis: Da ist die 13-jährige Elissa, die meisterhaft Schach spielt. Man kann also davon ausgehen, dass sie intelligent ist und vor allem strategisch denken kann, auch in Stresssituationen. Als sie während eines Schachturniers entführt wird und in einem Kellerverlies landet, angekettet, verletzt, chancenlos, da beginnt das Spiel ihres Lebens. Denn sie bekommt Besuch von Elijah, einem mehr als seltsamen Menschen. Elissa hofft, ihn zu ihrer Rettung zu bewegen. Gleichzeitig versucht die ermittelnde Kommissarin Detective Mairéad MacCullagh, mit einer unglaublichen Verbissenheit in diesem Entführungsfall weiterzukommen, obwohl sie selbst kurz vor dem psychischen und physischen  Zusammenbruch steht.

 

 

Aus wechselnden Perspektiven setzt sich diese Geschichte zusammen, sodass es dem Leser gelingt, mehr und mehr in die Gedanken- und Gefühlswelt  der Protagonisten einzutauchen und durch Rückblicke zunehmend zu begreifen, wie diese Menschen zu dem wurden, was sie sind, wobei diese Einblicke teilweise in eine grausige Gedankenwelt führen, dass die dem Leser Schauder über den Rücken jagen. Zu Beginn ist das Erzähltempo zwar durchweg fesselnd, aber noch gemäßigt. Der Leser muss sich erst einmal zurechtfinden. Aber je weiter die Geschehnisse voranschreiten, desto rasanter wird die Fahrt. Sie steigert sich in einem solch unvorstellbaren Ausmaß, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, in einen immensen Strudel geraten zu sein, der mich am Ende atemlos und schweißnass nach einem unglaublichen Twist entließ. Der Schreibstil von Sam Lloyd entfaltet dank der unfassbar präzisen und detailgenauen Beschreibungen von Menschen und Szenerien und dem messerscharfen Eindringen in deren Gedanken, Gefühle und Ahnungen eine geradezu magische Wirkung. Kurzum: Ein unfassbar gut geschriebener Thriller!