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Michael Engler

In einem fernen Land

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 32 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3649637127

·         Lesealter ‏ : ‎ 4 Jahre und älter

#IneinemfernenLand

 

 

Den Aufbruch wagen und damit der Angst trotzen

 

Eine schöne Geschichte hat Michael Engler mit „In einem fernen Land“ geschrieben. Eigentlich ein Plot, der ein sehr viel umfangreicheres Kinderbuch für ältere Kinder hätte ergeben können. Denn auch oder gerade Kinder ab 8 Jahren brauchen aufgrund ihrer ersten Erfahrungen in der Welt oftmals sehr viel mehr Ermutigung als die kleinen Bilderbuch-Gucker.

 

Hinter dem eigenen, armseligen Dorf liegt das Novemberland. Die Erwachsenen warnen davor, das Novemberland aufzusuchen, weil der Weg dorthin sehr, sehr gefährlich ist. Und so weiß niemand, was man findet, wenn man Novemberland durchquert. Die Kinder beginnen, sich sehr fantasiereich auszudenken, was wohl hinter Novemberland liegen könnte: Ein paradiesisch schönes Sehnsuchtsland erträumen sie sich. Und beginnen sich zu fragen, warum man nicht doch wagen sollte, was bisher noch niemand gewagt hat. Es ist einfach eine Frage des Mutes, auf Entdeckungsreise zu gehen. „Ich will keine Angst mehr haben“, beschließen sie gemeinsam.  Und nachdem sie sich gegenseitig ermutigt haben, machen sie sich auf den überaus beschwerlichen Weg.  Wie es weiter geht, müsst ihr unbedingt selbst lesen und schauen.

 

"Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer." Diesen Spruch von Seneca hat Michael Engler dem Buch mit auf den Weg gegeben. Ganz schön anspruchsvoll für Kinder im Bilderbuch- und Erstlesealter. Ich hoffe, bald  einmal die Möglichkeit zu haben, als Lesepatin diese Geschichte den 4- bis 6-Jährigen vorlesen zu können, denn ich bin unsicher, welche Reaktionen zu erwarten sein werden. Ja, es ist eine kluge Geschichte, die helfen soll, trotz Angst etwas zu wagen, den eigenen Horizont zu erweitern. „Der erste Schritt ist der schwerste.“ Und wie hilfreich es ist, wenn man seine Angst mit anderen teilt. „Angst wird weniger, wenn man davon abgibt.“ Wie viel von diesen Botschaften findet seinen Weg in das kindliche Verständnis? Vorzulesen ist die Geschichte auf jeden Fall sehr ausdrucksstark. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kinder ganz still werden beim Zuhören. Die Illustrationen von Matthias Derenbach untermalen das Geschehen eindrücklich. 

 

Fazit: Ein anspruchsvolles Bilderbuch, auch für Ältere.

 

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Andreas Winkelmann

Die Karte

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch ‏ : ‎ 384 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499000409

#DieKarte

 

 

Diesmal viel Persönliches, weniger nervenzerreißende Spannung

 

Zugegebenermaßen, meine Erwartungen waren hoch. Bislang habe ich alle Thriller aus der Reihe mit Kerner und Oswald gelesen und war jedes Mal restlos begeistert. Insofern musste sich der vorliegende vierte Band an seinen Vorgängern messen lassen. Leider fand ich ihn ein wenig schwächer als die ersten drei Bände.

 

Die Geschichte beginnt mit dem Frauenpaar Eva und Laura. Eva entscheidet sich, abends im Dunkeln noch eine Laufrunde zu drehen und wird wenig später brutal ermordet aufgefunden. Der Ermittler Kerner ist betroffen, denn er hatte noch kurze Zeit zuvor mit Eva bezüglich eines anderen Falls gesprochen. Nur wenige Tage vergehen, und eine weitere Joggerin wird tot aufgefunden. Ein Serientäter?

 

 

Wie immer gelingt es Andreas Winkelmann, von Anfang an so zu erzählen, dass man sofort mitten in die Geschichte gerät. Detailreich und lebendig schreibt Andreas Winkelmann, sodass der Leser schnell sehr plastische Bilder in der Vorstellung entwickelt. Verschiedene Perspektiven, auch Rückblicke in die Vergangenheit, sind wohldosiert eingesetzt, ohne den Lesefluss zu unterbrechen oder Verwirrung zu schaffen. Verstörend die Kapitel, in denen der Täter Einblicke in sein Denken und Fühlen gibt und seiner Hybris, sich gottgleich zu fühlen, Herr über Leben und Tod zu sein, Ausdruck verleiht. Was die Ermittler Jens Kerner und Rolf Hagenah betrifft, ebenso die Polizistin und Rollstuhlfahrerin Rebecca Oswald, so erfährt man in diesem Buch sehr viel  mehr Persönliches als in den Vorgänger-Bänden. Psychologisch feinfühlig und sehr differenziert in seinen sichtbaren und unsichtbaren Seiten wird Jens Kerner geschildert, auch die klug analysierende Sicht von Rebecca trägt ihren Teil dazu bei, dass uns in diesem Band Jens Kerner persönlich sehr nahe rückt. Der Plot ist raffiniert und überraschend, wie erwartet. Einzig fehlt mir an diesem Thriller die erwartete nervenzerreißende Spannung. Zwar ist man beim Lesen durchwegs neugierig auf den Fortgang der Geschichte, aber es gab meiner Meinung nach zu wenig Szenen der absoluten hochgradigen Spannung. Dennoch bleibt für mich Andreas Winkelmann einer der besten Thriller-Autoren, die ich kenne.

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Jonas Winner

Der Nachlass

 

·         Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag

·         Broschiert ‏ : ‎ 352 Seiten

·         ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453440883

#DerNachlass

 

 Ein absolut spannender, genial komponierter Thriller

 

Puh!

Erschöpft schließe ich das Buch. Welch eine Geschichte! Ich fühle mich, als sei ich durch einen Fleischwolf gedreht worden. Jonas Winner hat mich schwindelig geschrieben, hat mich geradezu geschreddert mit seiner Erzählkunst.

 

Wir lernen zunächst Theo kennen, den professionellen Pokerspieler, aktuell mit großen Geldproblemen und Albträumen. Er erhält den Anruf eines Notars aus Berlin, dass Theo‘s Mutter Hedda Laurent im Sterben liege und ihn unbedingt noch einmal sehen möchte. Es sei Eile geboten. Nach 30 Jahren Abwesenheit! Noch bevor Theo in Berlin eintrifft, ist Hedda Laurent gestorben. Es finden sich in Trauer zusammen Heddas Mann Artur, ihr Bruder Ruben und ihre 4 Kinder Jannick, Sophia, Theo und Patricia. Bei der Testamentseröffnung verliest der Notar eine sehr befremdliche Anforderung. Das beträchtliche Vermögen soll derjenige der Angehörigen in Gänze erhalten, der in einer Art Wettkampf als Sieger hervorgeht. Es müssen 27 Aufgaben gelöst werden, und nur einer kann gewinnen. Es beginnt alles wie ein Spiel. Doch Runde um Runde gerät dieses Spiel zunehmend in eine Spirale des Bösen.

 

Gut, dass eine Übersicht, eine Art Stammbaum der Familie, der Geschichte vorangestellt wurde. Zu Beginn musste ich mehrfach wieder nachschauen, wer wer ist. Denn Jonas Winner erzählt nicht chronologisch und schafft bei mir gehörige Verwirrung mit dem scheinbar willkürlichen Spiel der Szenen vor und zurück zwischen Gegenwart, jüngerer Vergangenheit und Kindheitserinnerungen, zudem durch Perspektivwechsel der Erzähler. Man beginnt beim Lesen im aktuellen Leben von Theo, glaubt, mit ihm die Person kennen gelernt zu haben, an deren Seite man  durchs Geschehen geht, aber – und das fand ich zunächst irritierend – man verliert Theo schnell aus den Augen, verliert sich stattdessen im Gestrick der Familienmitglieder. Mir gefallen die wirklichkeitsnahen Dialoge. Sie bestehen oftmals aus halben Sätzen, unfertigen Wortteilen, ohne ausgefeilten Satzbau, wie Menschen eben miteinander sprechen, die beim Reden überlegen oder sich ins Wort fallen. Das Szenario des großen, alten, verwinkelten Hauses mit vielen Zimmern und Fluren, mit Seidentapeten und  Gemälden ist geradezu prädestiniert für unerklärliche, beängstigende  Geschehnisse. Jonas Winner spielt nicht nur mit Szenen, er spielt auch mit Genres. Und so hatte ich sowohl Assoziationen zu einer tragischen Oper mit großen Gefühlen, Theatralik und langen Sequenzen des Quälens, als auch zu sagenartigen Horrorgeschichten aus der Kindheit. Die Gegenwart wiederum spielt mit psychologischen Verstrickungen, mit Angst, Bedrohung und Tod. Und immer wieder dreht sich die Spirale, schneller und schneller…

 

 

Fazit: Ein herausfordernder, absolut spannender und genial komponierter Thriller.   

   

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Ina Rudolph

Loslassen – Dein Arbeitsbuch für ein ganzes Jahr

 

·         Verlag : Goldmann Verlag

·         Taschenbuch : 240 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442223329

#Loslassen

  

Das finden, was stimmig ist

 

Um eine stimmige Rezension zu schreiben, bräuchte ich den Vorlauf eines ganzen Jahres, damit ich mich mit den einzelnen Aufgaben auseinandersetzen könnte. Und weil ich genau das nicht habe – ein Jahr Zeit für diese Rezension – bleibt meine Beurteilung oberflächlich, sie beschränkt sich auf das Anschauen, das Blättern, das Lesen der Aufgaben, ohne sie zu erfüllen und ist somit eine Rezension ohne eigenen Erfahrungswert. Macht das wirklich Sinn?

 

Ein schönes Cover hat das Buch, wie ich finde. Leichtigkeit und Freude vermittelt es. Und die gleiche Signalwirkung hat die gesamte Gestaltung des Buches, sowohl was die zarten Farben betrifft als auch die Wahl der verschiedenen Schriften, die sehr übersichtlich signalisieren, ob es um Information, um Aufgabenstellung oder um unterstützende Gedanken geht. Viel Platz wird eigenen Notizen eingeräumt.

Die Autorin möchte, dass sich der Leser auf den Weg macht, in vielen Einzelschritten über das Jahr verteilt all das loszulassen, was ihn unfrei macht, Ballast bedeutet und Lebensfreude minimiert. Ziel ist, genau das zu finden, was uns wirklich wichtig ist und das Leben genau danach auszurichten. Doch dieses Finden ist gar nicht so einfach. Oft sind wir durch Erziehung und Anforderungen von außen fremdbestimmt, ohne es wirklich zu wissen. Die Aufgaben und Übungen im Buch gehen in kleinen, überschaubaren Schritten voran auf der Suche nach dem, was unsere ureigenste Bestimmung ist, was stimmig ist für uns in unserer jeweiligen besonderen Einmaligkeit.  

 

Fazit: Ein schön gestaltetes und sehr sinn-gebendes Arbeitsbuch für Menschen, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen.  

 

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Ulrike Bliefert

Der Tod der Schlangenfrau

 

·         Herausgeber : KBV

·         Taschenbuch : 300 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3954415427

#DerTodderSchlangenfrau

 

  

Lebendig erzählter historischer Krimi im Berlin Ende 19. Jh.

 

Welch ein Zufall – ich durfte zwei historische Kriminalromane hintereinander lesen, die beide Ende des 19. Jahrhunderts spielten. Einmal befand ich mich mit Oliver Pötzsch 1893 in Wien und direkt danach mit Ulrike Bliefert im Jahr 1896 in Berlin. Eine doppelt interessante Leseerfahrung!

 

Im vorliegenden Kriminalroman ist die Hauptperson Auguste Fuchs, eine offene und temperamentvolle junge Frau. Sie ist die engagierte Mitinhaberin des väterlichen Fotoateliers in der Friedrichstraße in Berlin. Ihre Leidenschaft ist das Fotografieren, doch die damals üblichen steifen Familienfotos sind ihr eher lästig. Als während einer Foto-Serie im Wintergarten-Varieté die Schlangenbeschwörerin Samirah zu Tode kommt, entdeckt Auguste auf einem ihrer Fotos einen merkwürdigen Gegenstand, doch der ermittelnde Kommissar beachtet diesen Hinweis nicht. Ist er möglicherweise die Tatwaffe? Auguste verfolgt zusammen mit ihrer Tante und dem Kriminalassistenten Jakob Wilhelmi weiter die Spur des möglichen Mörders, ohne zu ahnen, dass sie dies letztlich in die finstersten Ecken der wilhelminischen Kolonialpolitik führen wird.

 

 

Dass dem Buch von Ulrike Bliefert sorgfältige Recherchen zugrunde liegen, konnte ich gerade auch im direkten Vergleich mit „Das Buch des Totengräbers“ von Oliver Pötzsch  feststellen. Berlin war Wien mit den technischen Neuerungen dieser Zeit um mehrere Jahre voraus. Sehr bildhaft und lebendig schildert die Autorin diese spannende Zeit zwischen kaiserlicher Tradition und Einzug neuer Techniken. Mit Auguste Fuchs ist ihr eine sympathische Figur gelungen, die unkonventionell denkt und handelt. Über die finstere, geradezu menschenverachtende Seite der deutschen Kolonisation in Afrika liest man mit Bedrückung. An den etwas überstilisierten Schreibstil von Ulrike Bliefert musste ich mich erst ein wenig gewöhnen, wenngleich er absolut stimmig in die geschilderte Zeit passt. Weniger gut gefielen mir die Einfügungen in Kiswaheli bzw. ich fand sie unnütz, da der durchschnittliche Leser sicher nicht bewandert ist in dieser oder einer anderen afrikanischen Sprache und somit auch kein Ohr hat für Aussprache oder Klang der abgedruckten Sätze. Alles in allem jedoch habe ich diesen besonderen Kriminalroman, gerade aufgrund seiner besonderen Thematik der Kolonialpolitik, sehr gerne gelesen.

 

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Jutta Wilke

Das Karlgeheimnis

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649615118

·         Lesealter : 10 Jahre und älter

#DasKarlgeheimnis

 

So, genau so sollte ein Kinderbuch sein

 

Ja, genau so stelle ich mir das ideale Kinderbuch vor: Spannend, humorvoll, ideenreich, liebenswert und gut lesbar. Nicht nur oberflächlich unterhaltend, sondern auch mit einer ernsthaften Seite.  

 

Emil hat eine wichtige Mission: Er möchte Krimiautor werden. Ein Krimiautor verdient Geld. Und mit diesem Geld könnte er Mama helfen. Seit Papa nicht mehr bei der Familie lebt, bleibt Emil oft alleine, weil Mama so viel arbeiten muss. Mit Karl, dem Büdchen-Besitzer, hat sich Emil angefreundet. Denn der kann gut zuhören. Da taucht überraschend Finja am Büdchen auf, Finja mit Skateboard und ihrem Hund Watson. Erst ist Emil sehr skeptisch, aber als Karl über Nacht verschwindet, ist er sehr froh, bei diesem verzwickten Fall auf die Hilfe von Detektivin Finja zählen zu können.

 

Emil ist ein liebenswerter Junge. Er erzählt kindlich und ernsthaft zugleich von seinen Erlebnissen, und das so witzig und lebendig und lebensnah, dass ich immer wieder laut lachen musste. Dazu kommt die rätselhafte Geschichte um das plötzliche Verschwinden von Karl, was der ganzen Geschichte Spannung gibt. Jutta Wilke ist mit diesem Buch etwas richtig Gutes gelungen, weil sie neben Humor und Spannung auch so manch trauriges Thema mit ganz leichter Hand, sozusagen fast nebenbei, in die Gedanken und Empfindungen von Emil einfließen lässt. So wie das Leben halt ist. Schwer und leicht, oft lustig, manchmal traurig. Doch Freundschaft hilft und Zusammenhalt. Die Illustrationen und besonders die verschiedenen Steckbriefe der handelnden Personen ergänzen die Geschichte auf eine ganz eigene, eindrückliche Weise.

Fazit: Ein rundum gelungenes, herzerwärmendes Kinderbuch, das ich uneingeschränkt empfehle.

 

 

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Oliver Pötzsch

Das Buch des Totengräbers

 

·         Herausgeber : Ullstein Paperback

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3864931666

#DasBuchdesTotengräbers

  

Pittoreskes Zeitbild, spannend erzählt

 

Wien Ende des 19. Jahrhunderts. Eine aufregende Zeit, in der das Leben und Denken des Kaiserreiches kollidiert mit befremdlich erscheinenden technischen Neuerungen und althergebrachtem Aberglauben. Historie geschickt verpackt in eine spannende Handlung. 

 

Der junge Leopold von Herzfeldt beginnt aus Graz kommend in Wien als Polizeiagent. In seinem Koffer befinden sich allerlei rätselhafte Instrumente, die zusammen mit seinem Hochdeutsch und  seiner vornehmen Kleidung bei den alteingesessenen Kollegen größtes Misstrauen erregen. Als mehrere Dienstmädchen ermordet vorgefunden werden, jedes von ihnen brutal gepfählt, beginnen Herzfeldt und ein kauziger Totengräber vom Wiener Zentralfriedhof gemeinsam zu ermitteln. Der Totengräber Augustin Rothmayer ist hochgebildet und weiß alles über Todesarten und Verwesungsstufen. Und dass das Pfählen eine uralte Methode ist, um Untote unter der Erde zu halten…

 

 

Oliver Pötzsch versteht es meisterhaft, den Leser auf bildhaft-eindrückliche Weise in die dunkle Seite des nach außen hin so glamourösen Wien Ende des 19. Jahrhunderts zu entführen. Er schreibt so eindringlich, dass man Moder und Unrat in den dunklen Gassen zu riechen glaubt. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete! Es ist die Zeit der beginnenden Elektrifizierung, erster Automobile, erster Telefone, was mit Neugier und Angst gleichermaßen aufgenommen wird. Kein Wunder also, dass Leopold von Herzfeldt mit seiner Leidenschaft für moderne Kriminalistik Missfallen erregt. Der Autor machte mir das enorme Spannungsfeld zwischen modernen Errungenschaften und dem Festhalten am Altbekannten sehr augenfällig. Erschreckend auch der allgegenwärtige Antisemitismus und die Brutalität, die sich hinter Unwissenheit, Angst und Aberglauben versteckt. Geschickt werden überlieferte und sorgfältig recherchierte historische Details und rückständiges Denken dieser Zeit im Buch eingestreut, ohne dass die immanente Spannung des Kriminalromans darunter leidet. Ein Kriminalroman mit Mehrwert, farbig-lebendig erzählt.

 

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Annika Scheffel

Sommer auf Solupp

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522185714

·         Lesealter : 10 Jahre und älter

#SommeraufSolupp

 

Wie Schweres leicht wird

 

Ein zauberhaft schönes Kinderbuch ist Annika Scheffel hier gelungen. Leicht und schwer.. Aufregend und beschaulich. Lustig und ernsthaft. Dazu passt die sorgfältige Ausstattung, die der Verlag dem Buch verpasst hat mit Leinenbindung, Lesebändchen und einer trefflichen Titel-Illustration.

 

Die winzige Insel Solupp liegt versteckt irgendwo im Meer. Wenn man sie sucht, wird man sie kaum finden. Dass die Mutter von Mari, Kurt und Bela diese Insel entdeckte und mit der gesamten Familie den 6-wöchigen Sommerurlaub dort verbringen will, findet nur wenig Gegenliebe. Denn die 12-jährige Mari wollte sich in den Ferien unbedingt in einem Fußballcamp austoben und ihr großer Bruder will nichts als seine Kopfhörer und in Ruhe gelassen werden. Auch der kleine Bela ist erst einmal wenig begeistert. Und Papa schläft nur. Im Grunde befindet sich die gesamte Familie in einer Art von Schockstarre, denn Papa war lebensbedrohlich erkrank und erholt sich nur ganz langsam. Wie tief solch ein Ereignis in das Familiengefüge eingreift, wird im Laufe der Geschichte immer klarer. Ich hatte beim Lesen zu Beginn immer ein leises Gefühl der Bedrücktheit, doch je weiter die Geschichte fortschritt, umso befreiter fühlte ich mich. Solupp, seine liebenswerten Bewohner, Sonne und Meer haben eine tiefgreifende Wirkung auf jeden einzelnen. Und spannende Abenteuer gibt es natürlich auch.

 

Der Autorin ist ein Buch gelungen, das wunderbar die Waage hält zwischen Urlaubsleichtigkeit und Tiefgang. Es wird unterhaltsam erzählt, wie im Sommersonnenlicht Schweres leicht wird und wie die Meereswellen Festgefahrenes in Bewegung bringen. Das Erlebnis von Freundschaft und neuen Erfahrungen, das Bestehen von gefährlichen Situationen und dadurch gewonnenem neuen Mut und Selbstvertrauen verändert alles. Annika Scheffel erzählt in einer bildhaften, intensiven Sprache und zaubert mit lyrisch schönen Beschreibungen lebendige Bilder und tiefe Empfindungen in den Kopf des Lesers. Wenn die Stille im Raum „in den Ohren beißt“ zum Beispiel, oder das „kratzige Wort Keilkliff“ ein Geheimnis birgt, bleiben solche Sätze nicht ohne Wirkung. Und wer hätte nicht gerne einen Freund wie Joon, dessen Grinsen Wut und Enttäuschung einfach wegzaubert. Das Buch ist ideenreich, herausfordernd und tröstend und vor allen Dingen spannend zu lesen.

 

Absolute Leseempfehlung!

 

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Sarah Nisi

Ich will dir nah sein

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Broschiert : 336 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442718917

#Ichwilldirnahsein

 

 

Schauder der Nähe

 

Dieser Psychothriller hat mich fasziniert und mir Schauder über den Rücken gejagt. Weil er subtil ist. Weil er seine Wirkung aus dem Alltäglichen zieht, aus der Tatsache, dass das Erzählte so oder ähnlich in der Realität stattfinden könnte. Wenn man Nachbarn hat zum Beispiel…

 

Lester Sharp liebt seinen Job. Er arbeitet im Fundbüro des öffentlichen Nahverkehrs. Und entwickelt zu den Fundstücken, die er zu archivieren hat, ein ganz persönliches Verhältnis, insbesondere wenn sie ihm bei näherer Betrachtung eine Geschichte erzählen. Oder Begehren wecken. Lester ist hochgradig kontaktscheu, sein wahres Leben findet in seinen Vorstellungen statt. Als die junge Tänzerin Erin seine neue Nachbarin wird, richten sich seine Gedanken mehr und mehr auf sie. Sie weckt Erinnerungen an eine frühere Liebe. Und so versinkt Lester zunehmend in eine irreale Beziehung, die alle Grenzen überschreiten lässt…

 

Geschrieben ist der Thriller aus verschiedenen Perspektiven. So kommt nicht nur Lester zu Wort, auch Erin, die Tänzerin, und Rhys, ein Immobilien-Makler, schildern aus ihrer Sicht das Geschehen. Gelegentlich kommt außerdem ein neutraler Erzähler zu Wort. Dies ergibt viele einzelne kleine Szenen, was das Lesen außerordentlich kurzweilig macht, aber man braucht zumindest zu Anfang des Buches eine Weile der Anstrengung, um nicht die Orientierung zu verlieren. Der Autorin gelingt es, die einzelnen Personen sehr eindrücklich zu schildern. Man fühlt die geistige Stärke von Erin, die trotz eines entzündeten Fußgelenks und großer Schmerzen ihr Engagement bis zum letzten Tag erfüllen will. Man spürt den Sog der Einsamkeit und die abstoßende Besessenheit von Lester. Und man weiß nicht recht, wie man Rhys einschätzen soll, denn er bleibt in seiner Darstellung irgendwie vage. Der Spannungsbogen baut sich sehr schnell auf. Ich konnte das Buch nicht weglegen, weil die Handlung in mir eine Fülle von unterschiedlichen Gefühlen weckte, Ekel, Abscheu, Angst, Trotz, Mut und Mitgefühl zum Beispiel. Im letzten Drittel steigt die Spannung noch erheblich an, denn die Handlung erfährt eine unglaubliche, eine unfassbare Wendung…

 

 

Fazit: Ein subtiler, spannender, überraschender Psychothriller, der den Leser schaudern lässt, ganz ohne Blutvergießen.

 

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Anna Bagstam

Die Augenzeugin

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Taschenbuch : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442718597

·         Originaltitel : Ögonvittnet

#DieAugenzeugin

  

Eine Ermittlerin, die noch erwachsen werden muss

 

Und wieder ein Kriminalroman aus Schweden, den ich gerne gelesen habe. Seine Handlung ist in einem malerischen Fischerort an der südschwedischen Küste angesiedelt ist, wobei mir zugegebenermaßen weder die Örtlichkeiten noch das Wetter Lust auf einen Schweden-Besuch machen trotz der vielen atmosphärisch-bildhaften Naturbeschreibungen.

 

Harriet Vesterberg, eine junge Ermittlerin, zieht von Stockholm zurück in ihre alte Heimat, in das Fischerdorf Lerviken an der Küste. Dort beginnt sie ihre Arbeit bei der hiesigen Polizei. Ein Grund für den Umzug ist, dass sie näher bei ihrem Vater, einem pensionieren Juraprofessor, leben möchte, weil er besorgniserregende Anzeichen von Demenz zeigt. Kaum angekommen, wird sie bereits mit einem grausamen Mordfall konfrontiert, der ihr alles abfordert. Denn je weiter sie in die Ermittlungen eintaucht, desto deutlicher wird ihr, dass sie den Mörder kennen könnte…

 

 

Wohltuend ist, dass die Autorin klar und folgerichtig erzählt. Ihre solide Erzählweise kommt glücklicherweise ohne die inzwischen so beliebten und oftmals nervigen Rück- und Vorblicke und Perspektivwechsel aus. Gewöhnungsbedürftig empfand ich, dass der Kriminalroman nur im Präsens geschrieben ist, was beim Lesen unerwartet besondere Aufmerksamkeit erfordert. Der Kriminalroman ist unterhaltsam und abwechslungsreich zu lesen. Es finden sich einzelne Sätze, die im Gedächtnis bleiben: „Sie gehört zu den Leuten, die beim Denken oft Pech haben“, ist solch eine witzig-böse Beschreibung zum Beispiel. Der Spannungsbogen baut sich zwar nur langsam auf, aber erreicht seinen überraschenden Höhepunkt  gegen Ende. Probleme hatte ich mit der Darstellung der Person Harriet. Sie ist 29 Jahre alt, benimmt sich allerdings oftmals wie ein junges, verunsichertes Mädchen, sie wirkt unselbständig, naiv, ungeschickt, vertritt ihre Interessen nicht, scheint ohne Selbstbewusstsein zu sein. Das passt nicht wirklich zu der Tatsache, dass Harriet ein Studium und eine fundierte Ausbildung und Berufserfahrung hinter sich hat. Damit gewinnt ihre Gegenspielerin, ihre unsympathische Chefin Margareta, mit ihrer harten Persönlichkeit viel zu viel Gewicht im Handlungsgeschehen, wie ich finde. Auch erscheinen mir über das Buch hinweg die vielen Textnachrichten an Lisa, Harriet’s langjährige Freundin, unnötig. Auch damit wird die Figur Harriet eher zu einer unreifen Jugendlichen abgestempelt statt zu einer klugen und souveränen Ermittlerin. Wobei – der Cliffhanger am Ende des Buches will mir etwas anderes sagen…

 

 

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Ashley Audrain

Der Verdacht

 

·         Herausgeber : Penguin Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3328601449

·         Originaltitel : The Push

#DerVerdacht

 

 

Ein Debütroman von bedrückender Kraft

 

Eine Fülle von Begriffen fällt mir zu diesem Buch ein: beeindruckend, schaurig, kraftvoll, schonungslos, mitreißend, beängstigend, erschütternd, intensiv, bedrückend, spannend und lange nachwirkend. Kurzum: großartig.

 

Blythe bekommt endlich ihr Wunschkind Violet. Doch irgendetwas fühlt sich falsch an, wenn Blythe ihr Neugeborenes anschaut. Obwohl sie alle Liebe geben wollte, wächst mehr und mehr die Ablehnung, ja sogar Angst vor ihrem Kind, was ihr Mann Fox, der seine Tochter abgöttisch liebt, nicht begreifen kann. Doch Blythe wird sich immer sicherer, dass Violet böse ist, von Grund auf und mit voller Absicht. Bis etwas Entsetzliches geschieht…

 

 

Fast möchte ich diesen Roman einen Psychothriller nennen. Denn es liegt auf den Seiten von Beginn an eine unheilvolle Spannung, die sich zunehmend steigert. Wir lernen Blythe im Laufe des Buches sehr gut kennen, ihr großes Bemühen, alles gut und richtig zu machen, eine liebevolle, fürsorgliche Mutter zu sein. Wir erfahren von ihrer eigenen Kindheit und wir erfahren die Geschichte ihrer Mutter. Und je mehr man eindringt in die Vergangenheit, umso verschwommener wird die Sicht des Lesers auf Blythe in der Gegenwart. Was ist Realität? Was ist irreale Angst? Was diktieren frühe Traumata? Gibt es tatsächlich Kinder, die aus sich heraus von Geburt an böse sind, die von zerstörerischen Kräften getrieben werden? Das Thema Mutterschaft wird dem Leser ohne Weichzeichner in allen Facetten auf schonungslose Weise zugemutet, und dies in einer direkt-klaren Sprache, die unter die Haut geht. Eine aufwühlende Leseerfahrung!

 

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Nora Luttmer

Hinterland

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch : 416 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499002908

#Hinterland

 

 

Unterhaltsam, kurzweilig, lesenswert

 

Diesen Band 1 der Krimiserie um die Ermittlerin Bette Hansen habe ich sehr gerne gelesen. Denn er hat mich durchweg gut unterhalten. Außerdem weiß ich jetzt, was die Dove-Elbe ist (auch wenn ich als unwissende Süddeutsche beim Lesen irgendwie dauernd eine Assoziation mit „doofe Elbe“ hatte…), und wo Hamburg-Ochsenwerder liegt, einer ländlich-ruhigen Gegend, in der ich gerne wohnen würde, wenn ich Google glauben darf.

 

Worum geht es? Bette Hansen findet in ihrem Garten ein Holzscheit, auf dem eine Muschel mit Kreuz eingeritzt ist. Ein Fund, der Bette Hansen aufschreckt. Denn dieses Zeichen hatte sie auch in ihrem letzten unaufgeklärten Fall gefunden. Bette Hansen musste ihren Beruf als Kommissarin vorzeitig beenden, da sie an Narkolepsie erkrankt ist und durch die unkontrollierbaren Schlafattacken ihren Dienst nicht mehr ausüben kann. Doch der ungeklärte Mord, der von einem extrem wütenden Täter zeugte, lässt Bette nicht los. Sie beginnt zu ahnen, dass dieser Täter es nun auf sie abgesehen hat.

 

Nora Luttmer gelingt es sehr eindrücklich, das Lokalkolorit des ländlichen Hinterlandes nahe Hamburg atmosphärisch dicht und vorstellbar einzufangen. Sie erzählt in relativ kurzen Kapiteln und aus verschiedenen Perspektiven sehr kurzweilig über früheres und gegenwärtiges Geschehen. Der Spannungsbogen bleibt über das gesamte Buch hinweg mäßig gespannt. Erst im letzten Buchdrittel nimmt die Spannung erheblich zu, sodass sich das Buch zu guter Letzt noch zu einem wahren Pageturner entwickelt. Zunächst war ich etwas befremdet und irritiert, dass sich der Täter bereits zur Hälfte des Buches offenbart, aber genau dieser geschickte Coup bewirkt überraschenderweise die Zunahme der Spannung. Vielleicht sollte das enge Zeitraster, das sich aufgrund der krankheitsbedingt erforderlichen Ruhezeiten von Bette ergibt, zusätzlich die Spannung erhöhen. Bei mir jedoch hatte das im Laufe der Seiten einen gegenteiligen Effekt, denn es begann mich zunehmend mehr zu nerven. Ich bin mir deshalb unsicher, ob eine solche Erkrankung, die ständig präsent und handlungsbestimmend ist, in einem Kriminalroman wirklich gut platziert ist.

 

Dennoch bleibt mein Fazit: Ein lesenswerter, unterhaltsamer Kriminalroman mit vielschichtigen Figuren und bildhaft-eindrücklichem Lokalkolorit.

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Igor Levit, Florian Zinnecker

Hauskonzert

 

·         Herausgeber : Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         Gebundene Ausgabe : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3446269606

#Hauskonzert

 

 Hinreißend geschriebenes Porträt

 

Man muss kein Musikkenner sein und kein Konzertgänger, um an diesem hinreißend geschriebenen Buch seine wahre Freude zu haben. Hilfreich jedoch ist es, neugierig zu sein. Neugierig auf Menschen, auf ihr Werden und Leben, auf ihr Denken und Sein. Auf das, was Berufung sein kann, im Leichten und im Schweren.

Florian Zinnecker öffnet mit seinem Porträt eine sensible, feinfühlige und vielschichtige Sicht auf Igor Levit. Dieser ist nicht nur ein begnadeter Konzertpianist, er ist ein Jahrhundertkünstler, ein Ausnahmetalent, doch das möchte er nicht sein, zumindest nicht das allein.  Zu viel gleichzeitig will er, in der Musik wie im Leben - das ist Igor Levit. Und er ist ein Getriebener seiner selbst, ein Ich-Sager. Und ein Bestimmer, denn er mag nicht hinter die Werke treten, die er spielt, sondern er möchte in jedem Augenblick des Spiels die Regeln selbst festlegen, und diese Regeln speisen sich einzig und allein vom Moment, von der Atmosphäre. Fast könnte man sagen, die Ausstrahlung des Publikums schafft die Interpretation. Denn technische Brillanz besitzen viele Pianisten, aber diese unfassbare Kreativität und schillernde Gestaltungskraft hat nur Igor Levit. Er spielt sein momentanes Empfinden und die Energie aus dem Publikum umsetzend, nicht Beethovens Intentionen, soweit man diese überhaupt kennen kann, folgend. Igor Levit ist so viel mehr als ein großer Künstler. Er ist auch ein Störfaktor, denn er bezieht klar und bedingungslos Stellung,  auch ungefragt, zum wachsenden Antisemitismus zum Beispiel, egal wie viel Morddrohungen und Judenhass er erntet.

 

Dies und noch viel mehr Facetten der vielschichtigen Persönlichkeit des Igor Levit blättert der Journalist Florian Zinnecker vor uns auf. Er begleitete Igor Levit durch die Konzertsaison 2019/20, eine Zeit der besonderen Herausforderungen. In diesem Buch wurde mir die eigentliche Tragik und gesamte Tragweite der Pandemie im Kunstbereich deutlich. Igor Levit hat in dieser Zeit unzählige Hauskonzerte auf Twitter eingestellt und sagt doch, dass sich sein Künstlerleben durch Corona vaporisiert. Florian Zinnecker, ein Jongleur, der Wörter und Eindrücke gleichermaßen kunstvoll zu Gehör bringt, der Einfühlung und Musikverstand noch dazu nimmt und dies alles aufs Papier wirft, federleicht scheint es, und doch gewichtig im Kopf des Lesers verbleibend. Denn er jongliert nicht nur in die Höhe, er geht mit seiner Wortkunst auch in die Tiefe, mit der gleichen schwebenden Leichtigkeit, die einen beim Lesen fast umhaut. Perlend wie bei einem Klaviervirtuosen die Töne, so die Worte und Sätze des Autors. Mal kurz, mal eilig, mal verhalten, sich wiederholend, aber immer treffend. Sätze, die in ihrer Gesamtheit von einem Menschen erzählen, der in jeglicher Hinsicht außergewöhnlich ist. Das Buch hat mich begeistert.

 

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Monika Finsterbusch

Nella Nixe – Ein Geschenk für Gustav Krabbenkeks

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649637356

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

#Nella Nixe

  

Ein schön gemachtes Buch für kleine Glitzernixen

 

Coppenrath schafft es immer wieder, mit viel Liebe gestaltete Bücher herauszubringen. So auch hier: Cover, Vorsatzblätter und zartfarbene Illustrationen mit viel Glanzdruck außen und innen verlocken alle kleinen Mädchen, die Glanz und Glitzer mögen.

 

Ach herrjeh, die uralte Krabbe Gustav Krabbenkeks schafft es nicht mehr, zu seiner eigenen Geburtstagseinladung zu kommen, denn mit 300 Jahren lassen die Kräfte nach und das Sehvermögen auch. Dann waren also all die vielen Vorbereitungen für das Fest im Unterwasserschloss umsonst? Nein, das kann Nella Nixe natürlich nicht zulassen, und schon beginnt sie mit sehr merkwürdigen Aktivitäten, die sich die anderen Schlossbewohner nicht erklären können. Was dann alles passiert, müsst ihr unbedingt selbst hören oder lesen!

 

Die Geschichte, die sich sehr lebendig vorlesen lässt, lebt von den witzigen Details  Denn gerade die Wortspiele machen den Kleinen viel Spaß. „Gepupstag“ zum Beispiel wird mit Sicherheit nie mehr vergessen. Und die Hauptpersonen sind liebenswert, wobei die Wischelwuschels meine persönlichen Lieblinge sind. Dass Nella sich so ideenreich um Gustav Krabbenkeks kümmert, obwohl er schon uralt ist und nichts mehr kann, ist herzerwärmend.

Ich bin mir nicht sicher, ob man die Geschichte wirklich schon mit 3-Jährigen lesen kann. Ich glaube, dass erst ein wenig ältere Kinder mit den teilweise langen und irgendwie verschachtelten Sätzen zurecht kommen. Außerdem finden sich im Text Begriffe, die für die ganz kleinen Zuhörer erst erklärt werden müssen. Was mir völlig unverständlich bleibt, ist die Typographie des Textes. Was sollen die wahllosen Fettdrucke, die keinem erkennbaren Sinn folgen?  Leider gefallen mir auch die Gesichter in den Illustrationen nicht. Sie wirken so illustriertenmäßig  geschönt mit langen Wimpern und wenig Ausdruck... 

Und was eine echte Glitzernixe ist, die braucht natürlich unbedingt ein Glitzertäschchen und und ein Glitzer-Stifte-Etui, was man wohl im Unterwasserschloss  der Spiegelburg gefunden hat...

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Lucy Foley

Sommernacht

 

·         Herausgeber : Penguin Verlag

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3328106166

·         Originaltitel : The Guest List

#Sommernacht

  

 

Viel Wind um …  ja, um was eigentlich?

 

Das Buch macht viel Wind um sich selbst. „Spektakulär“ soll es sein. Ein „sensationeller Thriller“ soll es sein. Nun ja, in Wirklichkeit erschien mir der Thriller eher einer von der ruhigen Sorte, gut lesbar ja, aber streckenweise ermüdend langsam im Erzählen. Die Geschichte verwendet einen Plot, den man schon besser und spannender von anderen Autoren umgesetzt lesen durfte. Da werden einige unterschiedlichen Menschen an einem abgelegenen Ort einer unbekannten Bedrohung ausgesetzt bis hin zum Mord. Und der Mörder muss unter ihnen sein. 

Die Stärke des Buches ist eindeutig die teils lyrisch eindrückliche Schilderung des Handlungsortes, nämlich die abgelegene kleine Insel Cormorant Island, im Atlantik vor der irischen Küste gelegen. Es gibt gefährliche Klippen und ein ebenso gefährliches Torfmoor. Ein teils verfallener Friedhof erzählt von vielen Toten in der Vergangenheit. Jetzt leben nur noch Aoife, von Beruf Hochzeitsplanerin, und Freddy, leidenschaftlicher Koch, auf dieser winzigen Insel. Und zum ersten Mal soll nun eine Hochzeit auf dieser Insel gefeiert werden, mit allem denkbaren Luxus, der dem Brautpaar würdig ist. Jules heiratet Will, einen gefeierten Fernsehstar. Nur eine Handvoll Gäste werden an der Zeremonie und anschließenden Feier teilnehmen. Das Wetter wird zunehmend schlechter. Sturm kommt auf mit viel Wind natürlich. Der Strom fällt zeitweilig aus. Die Gäste benehmen sich zunehmend schlechter. Eine Leiche wird gefunden…

 

Was nun macht den Thriller eigentlich so langatmig? Vielleicht sind es die vielen Ich-Erzähler, die wechselnd ihre Sicht des Erlebens schildern. Vielleicht sind es die winzigen Gegenwartssequenzen, die von Mal zu Mal das kontinuierliche Lesen stören. Vielleicht sind es die teils ausufernden Berichte über die Interaktionen in der Freundesgruppe rund um den Bräutigam. Vielleicht ist es auch einfach die Tatsache, dass es auf dieser Insel einfach zu viele kaputte, nervige, gestörte und extrem unsympathische Akteure gibt, die sich ständig daneben benehmen. Einzig das zunehmend bedrohliche Naturambiente, das Sturmgetöse, das Brüllen des Meeres, was Lucy Foley wirklich großartig und eindrucksvoll beschreibt, lässt eine schaurige Stimmung entstehen. Wenn man ungefähr 300 Seiten durchhält, wird man allerdings durch ein wirklich spannendes, beeindruckend überraschendes Ende belohnt.

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Jutta Kammann

Rothaarig und wild entschlossen

 

·         Herausgeber : Kösel-Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3466372690

#Rothaarigundwildentschlossen

 

 

Ein stärkendes, Mut gebendes Buch

 

Es ist immer interessant, den Lebenslauf eines Menschen näher kennen zu lernen. Umso mehr, wenn man nachverfolgen kann, wie sich dieser Mensch aus widrigsten Umständen entwickelt hat zu einer kreativen, lebens- und menschenzugewandten Persönlichkeit. Jutta Kammann widerspricht mit ihrem eigenen Leben vehement all denen, die sich so gerne als Opfer „schwerer Kindheit“ darstellen und ihr persönliches Scheitern damit entschuldigen. Denn über allem siegt der eigene Wille, aus seinem Leben das Beste herauszuholen, was möglich ist. Und das sind nun mal nicht die äußeren Werte.

 

Ich bin mit großem Interesse durch die Lebensstationen von Jutta Kammann gegangen, habe mit innerem Schaudern die vielen Szenen ihrer Kindheit verfolgt mit unzähligen Umzügen, Schulwechseln und Pflegeeltern, mit einer ichbezogenen, emotional kalten Mutter. Habe verfolgt, wie sie sich zwischen Naivität und kraftvoller Sturheit zur Schauspielerin entwickelte und mit großer Stärke den Widrigkeiten des Lebens die Stirn bot. Da ich ungefähr im gleichen Alter bin wie Jutta Kammann, hat mich insbesondere der letzte Teil des Buches sehr berührt, wenn es darum geht, im Alter, auch wenn der Körper zunehmend Schwierigkeiten bereitet, den Blick auf das Gute im Leben zu richten, auf das, was wirklich wichtig ist. Ein stärkendes, Mut gebendes Buch!

 

 

Allerdings komme ich nicht umhin anzumerken, dass ich Jutta Kammann von Herzen eine Co-Autorin gewünscht hätte, die etwas weniger „professionell“, wie in der Danksagung angemerkt, mitgearbeitet hätte, sondern mehr sprachliche Kraft, mehr kreativ-gestalterische und lebendigere Formulierungsfähigkeit hätte einfließen lassen können. Denn es wird leider in einem sachlich-reduzierten, wenig ausgestalteten Sprachstil erzählt. Es gibt nervige Wiederholungen und mitunter werden einzelne Schilderungen aus der Kindheit mit einer Art „Erwachsenen-Kommentar“ abgeschlossen, was den Leser immer wieder aus dem einfühlsamen Lesen  herausreißt. Der Inhalt des Buches hätte mehr schriftstellerische Fähigkeiten verdient!

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Sarah Pinborough

Sie weiß von dir

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Taschenbuch : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499272653

#Sieweißvondir

 

 

Ein Psychothriller par excellence

 

Einen Thriller dieser Art habe ich noch nie gelesen. Noch nie wurde mein Mitfühlen und Mitdenken beim Lesen am Ende so vollkommen auf den Kopf gestellt wie bei diesem Buch. Absolut raffiniert und brillant geschrieben.

 

Louise, alleinerziehender Mutter eines kleinen Sohnes, arbeitet in einer psychiatrischen Praxis. In einem Pub lernt sie einen Mann kennen, dessen anziehender Art sie sich kaum erwehren kann. Doch ein paar Tage später kommt die Ernüchterung: Dieser Mann ist ihr neuer verheirateter Chef. Kurze Zeit später stößt sie auf der Straße mit einer Frau zusammen, der Frau ihres Chefs. Adele ist eine wunderschöne Frau, wirkt sehr zart und verletzlich. Und die beiden werden Freundinnen. Mehr darf über den Inhalt nicht vorab erzählt werden.

 

Der Roman macht den Einstieg nicht ganz leicht. Wie einzelne unzusammenhängende Puzzlestückchen werden dem Leser verschiedene Szenen resp. einzelne Personen und Perspektiven näher gebracht, aus denen man sich erst einmal keinen Reim machen kann. Über das Buch hinweg werden mit jeder einzelnen Szene immer wieder manche der vielen kleinen Puzzlestücke zusammengefügt, sodass man zunehmend glaubt, eine Ahnung vom fertigen Bild zu bekommen. Die Autorin erzählt so detailreich, dass man in manchen Passagen geneigt ist, die vielen kleinen Beschreibungen etwas unaufmerksam zu lesen, was man jedoch nicht tun sollte. Der Thriller ist trotz seiner ständigen Perspektivwechsel und Detailfreude niemals langweilig, denn man spürt von Seite zu Seite mehr, dass sich im Hintergrund etwas zusammenbraut. Und man glaubt zu wissen, was. Doch das unfassbar verstörende, fulminante Ende lag meilenweit entfernt von meinem Vorstellungsvermögen!

 

 

Fazit: Sarah Pinborough ist ein Thriller gelungen, mit dem sie den Leser im wahrsten Sinn des Wortes grenzenlos schwindelig zurücklässt.

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Alexandra Kui

Trügerischer Sog

 

·         Herausgeber : cbj; Originalausgabe

·         Broschiert : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3570165942

·         Lesealter : 14 Jahre und älter

#TrügerischerSog

  

 

Ein Buch mit der Wucht eines Vorschlaghammers

 

Wenn ein Buch mit solch einer wütenden Kraft daher kommt wie dieses, ist es gekonnt geschrieben, keine Frage. Aber welche Intention steckt hinter dieser Geschichte? Ein Thriller soll es sein. Stimmt, denn ein Thriller ist per definitionem eine Geschichte, die mit wenigen Auf und Ab eine Art Dauerspannung erzeugt. Und diese Dauerspannung liegt tatsächlich über den Seiten. Bis zum bitteren Ende. Aber gibt es noch etwas darüber hinaus, was dieses Buch aus der reinen Unterhaltungsliteratur hinausheben würde?

 

Es geht um eine Schulklasse, die geradezu vergiftet ist. Da gibt es Sara, die alles beherrscht und die die Königin der Gemeinheiten ist. Ihre permanenten Bosheiten lassen bei etlichen Mitschülern ihre jeweils schlechtesten Seiten zum Vorschein kommen. Frau Hoppe ist als blutjunge Lehrerin völlig überfordert mit all  dem Hass, der in dieser Klassengemeinschaft herrscht. Sie hat die Idee, eine einwöchige Klassenreise auf eine einsame Nordseeinsel zu unternehmen, um den Klassengeist zu stärken. Doch ihre guten Absichten scheitern aufs Entsetzlichste.

 

 

Ohne zu spoilern, lässt sich über die Sinnfrage dieses Buches in dieser Rezension nicht wirklich spekulieren. Ich war entsetzt über die Brutalität der Schüler untereinander, über ihre Gehässigkeit, Respektlosigkeit, über ihre fehlende Achtung für alles und jeden, aber auch über ihre Feigheiten und Unehrlichkeiten. So als würde ein vergiftender Klassengeist  jegliches Moralgefühl zerstört haben, so als hätten bei jedem Schüler die Eltern generell versagt. Entsetzt war ich über die engagierte Lehrerin, die letztlich zwischen zwei Männern tändelt, statt ihrer von ihr selbst initiierten pädagogischen Aufgabe gerecht zu werden. Gut, man könnte ein klein wenig Verständnis gewinnen können für den zerstörerischen Hass, der eigentlich Trauer und Angst kaschieren soll. Aber diese Sinngebung leuchtet im Buch nur wenig auf. Nach Lektüre dieses Romans macht sich in mir als Leserin der älteren Generation neben Entsetzen nur noch Angst breit. Diesen Protagonisten möchte ich im wahren Leben nie und nimmer begegnen müssen. Und was sollen dann Jugendliche von dieser Lektüre mitnehmen? Auch das macht mir Angst.

 

 

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Katja Maybach

Die Modeschöpferin

 

·         Herausgeber : Knaur TB

·         Taschenbuch : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426525104

#DieModeschöpferin

 

In herausfordernder Geschwindigkeit erzählt

 

Weil die Autorin selbst ehedem als Model und Modedesignerin in Paris gearbeitet hatte, waren meine Erwartungen an das Buch hoch. Denn es geht um die Modeschöpferin Simonetta de Rosa, die 1961 in Rom wie besessen an ihrer neuen Kollektion arbeitet, um sie im Herbst auf einer fulminanten Modenschau präsentieren zu können. Sie erfährt, dass ihre Schwester Chiara, ebenfalls Modedesignerin, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, offensichtlich auf Rache aus ist. Angeblich hat sie eine Affäre mit dem Partner von Simonetta. Und wie gelangen zwei ihrer streng geheim gehaltenen Entwürfe in die Hände eines amerikanischen Modehauses, das Massenware vertreibt? Misstrauen macht sich breit. Ein Mord lässt die persönliche Verunsicherung allerdings plötzlich unwichtig werden.

Ich empfand es als sehr interessant und bereichernd, tief in die Welt der Mode der Sechziger Jahre in Rom eintauchen zu können. Die Autorin schildert so lebendig und intensiv, dass ich ständig Bilder dieser Zeit vor Augen hatte, umso mehr, da ich selbst in dieser Zeit, damals im Teenie-Alter, Modezeitschriften und Filme mit allergrößtem Interesse verfolgte. Katja Maybach hat meiner Meinung nach den Geist der Zeit perfekt eingefangen, weit über die Mode-Perspektive hinaus. Denn einerseits gab es den Drang nach wachsender Freiheit, andererseits die gesellschaftlichen Einschränkungen und Verbote, die noch längst nicht alle in Frage gestellt wurden. In vielen Perspektivwechseln, die mir allerdings bisweilen zu rasch hintereinander erfolgten, wird die Handlung flott vorangetrieben. So rastlos, wie Simonetta arbeitet, so schreibt auch die Autorin. Sie eilt von Szene zu Szene in großem Tempo, wodurch ich mich zeitweilig geradezu gehetzt fühlte. Die komplizierte Beziehung zwischen den Schwestern wird geschickt und psychologisch nachvollziehbar beleuchtet, indem der Leser die Denk- und Sichtweise jeder der Schwestern vor Augen geführt bekommt. Ich habe diesen temporeichen Roman sehr gerne gelesen.

 

Fazit: Bilderreicher, in herausfordernder Geschwindigkeit erzählter historischer Familien-Roman aus der italienischen Modewelt. Sehr lesenswert.

 

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Ada Fink

Blütengrab

 

·         Herausgeber : Wunderlich

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3805200592

#Blütengrab

 

 

Viel Trostlosigkeit spannend verpackt

 

Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Ada Fink? Auf jeden Fall ein(e) Autor(in), der/die das Schreib-Handwerk versteht. Denn der vorliegende Thriller ist gut geschrieben. Er fesselt, hat einen sich steigernden Spannungsbogen,  ein interessantes Sujet zum Thema und lässt zudem ein  ungewöhnliches Ermittler-Paar tätig werden. Ich habe das Buch sehr gern gelesen.

 

Wir bewegen uns in zwei Zeitebenen, zum einen 1993, also relativ kurz nach der Wende, in Ostdeutschland und 1975 in der ehemaligen DDR. Zudem gibt es noch gelegentlich eingestreute kursiv gesetzte Erinnerungsfragmente. Die in der mecklenburgischen Provinz tätige Kommissarin Ulrike Bandow und ihr neuer Kollege Ingo Larssen aus Westdeutschland müssen erstmals gemeinsam in einem rätselhaften Mordfall ermitteln. Eine seltsam aufgebahrte Mädchenleiche wurde in einem abgelegenen Waldstück gefunden, mit mehreren auf der Haut eingeritzten Runen. Die rätselhaften Spuren führen das Ermittlerpaar immer tiefer in die deutsch-deutsche Vergangenheit und zu einer bislang unentdeckten bizarr anmutenden Mordserie, aber auch tief in Ulrikes verdrängte Vergangenheit.

 

 

Der Thriller macht es dem Leser erst einmal nicht ganz leicht. Der Einstieg geht langsam voran. Denn Ada Fink erzählt detailreich, allerdings dadurch auch atmosphärisch dicht. Gleichzeitig schaffen die ungekennzeichneten, etwas unstrukturiert wirkenden  Perspektivwechsel  allerlei Verwirrung. Doch man liest sich ein und die Geschichte nimmt zunehmend an Fahrt auf. Im Präsens geschrieben, hat man das Gefühl, dass einem die Sätze manchmal sehr hart um die Ohren fliegen, was das Lesen knackig macht, aber ganz und gar nicht sympathisch. Die Grundstimmung ist trostlos. Die Örtlichkeiten sind trostlos. Und was sind bitte „DDR-Büromöbel“? Auch die stelle ich mir trostlos vor. Interessant ist es zu beobachten, wie Ulrike und Ingo zunächst alle Klischees von Ost und West als Gegenspieler verkörpern, aber sich im Fortlauf der Geschichte zunehmend annähern, je mehr sie die Stärken des anderen erkennen und respektieren. Die Handlung vertieft sich mehr und mehr in altgermanisches rituelles Denken, in Fremdenfeindlichkeit, in blühendes Nazi-Gedankengut dank der vorherrschenden Perspektivlosigkeit, aber auch in Mauscheleien und Lügen bis in die obersten Ränge hinein. Auch das ist im Grunde alles trostlos. Aber eben auch spannend erzählt.

 

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Sybille Schrödter

Schwestern fürs Leben

 

·         Herausgeber : Droemer TB

·         Broschiert : 496 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426308165

#SchwesternfürsLeben

 

 

Frauenroman oder Familienepos oder historischer Roman?

 

Am liebsten würde ich dem Buch spontan die Überschrift geben: Ein reiner Frauenroman. Doch was ist ein „Frauenroman“? Heißt das, dass der Roman von Frauen gelesen werden soll, nicht von Männern? Oder hat der Begriff gar etwas Abwertendes im Sinn von „leicht lesbar, oberflächlich unterhaltend“? Oder geht es im Roman schlichtweg um Frauen? Von all dem stimmt alles ein wenig, aber nicht so ganz. Eher glaube ich persönlich, dass ein Frauenroman relativ unkritisch mit dem Rollenbild der Frau umgeht, was besonders leicht möglich ist, wenn man die Handlung in eine frühere Zeit verlegt. Zwar begehren die weiblichen Hauptpersonen auf oder suchen mehr oder weniger mühsam ihren individuellen Weg, aber sie stellen in der Regel gesellschaftliche Normen nicht generell in Frage, jedenfalls nicht in Romanen, die ich als „Frauenroman“ bezeichnen würde.

 

Es geht um die Schwestern Danneberg, die, so unterschiedlich sie auch sind, gefangen sind in der Familienstruktur des altehrwürdigen Rumhauses Danneberg. Von 1919 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgen wir ihre individuellen Lebenswege.

 

Eine nicht ausgewogene Komposition ist dieses Buch: Sich geradezu verlierend in breit ausgewalzten Details beginnt der Roman. Viele, viele Seiten lang ist er sehr zäh, fast langweilig zu lesen. Erst relativ spät im Buch strafft sich die Handlung, wird spannender, verliert aber gleichzeitig auch an Intensität, an Atmosphäre und verwirrt durch das Überspringen von Zeiten und Verläufen. So als würde ein Pianist erst ganz, ganz langsam Ton für Ton nacheinander spielen, um dann so blitzschnell zu spielen, dass etliche Töne gar nicht mehr gehört werden können. Die Protagonistinnen mochte ich allesamt nicht, fand keinen Draht zu ihnen. Sie waren psychologisch nicht schlüssig dargestellt. Am liebsten hätte ich ihnen immer wieder zugerufen „Selber schuld!“. Über Rum habe ich nicht viel gelernt. Und der historische Hintergrund blieb flach, diente nur als reine Fassade, weil er weder sprachlich noch gefühlsmäßig ernsthaft nachempfunden wurde. Ein Roman also, den man ohne größeren Anspruch gerne mal zwischendurch lesen kann, der aber keine tieferen Spuren hinterlässt.

 

 

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Sylvia Madsack

Enriettas Vermächtnis

 

·         Herausgeber : Pendragon

·         Gebundene Ausgabe : 288 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3865327499

#EnriettasVermächtnis

 

 Gepflegter Schreibstil reicht nicht

 

Ein Buch, das ich irgendwie gerne gelesen habe, aber im Nachhinein nicht weiß, was ich mit dem Inhalt anfangen soll. Die Autorin hat Psychologie studiert. Also ging ich davon aus, dass sie die psychischen Verstricktheiten unter Menschen analysieren kann. Und doch ließ mich das Buch ratlos zurück.

 

Zum Inhalt: Die erfolgreiche Schriftstellerin Enrietta da Silva hinterlässt ein immenses Vermögen, das sie je zur Hälfte dem betuchten plastischen Chirurgen Emilio aus Argentinien und der durch einen Unfall gehandicapten Schauspielerin Jana aus Salzburg hinterlässt. Die beiden nähern sich an. Als überraschend der totgeschwiegene und zeitlebens ungeliebte leibliche Sohn  Armando auftaucht und ebenfalls sein Erbe beansprucht, ändern sich schlagartig die Verhältnisse unter allen Hauptpersonen…

 

Was an diesem Buch besticht, ist die außerordentlich schöne, sorgfältige Sprache. Es ist ein Genuss, diesem gepflegten Schreibstil zu folgen, der sehr gut zu der distanzierten Darstellung der einzelnen Personen passt. Diese werden zwar sehr detailliert beschrieben, bleiben aber dem Leser emotional fern. Ich hatte das Gefühl, ich würde aus einer gewissen Entfernung die Personen wie auf einer Bühne beobachten. Das in Aussicht gestellte Erbe veranlasst sie zu einem Spiel zu dritt. Sie kreisen umeinander, sie kreisen um Vergangenes und Gegenwärtiges. Sie nähern sich an und stoßen sich wieder ab. Aber mit welchem Ergebnis? Der Sinn des gesamten nüchtern-sachlichen Kammerspiels erschließt sich mir leider nicht.

 

 

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Mary Simses

Mein Glück in deinen Händen

 

·         Herausgeber : Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         Taschenbuch : 400 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3734108549

·         Originaltitel : The Wedding Thief

#MeinGlückindeinenHänden

 

Leichte Kost, unterhaltsam und humorvoll

 

Manchmal darf es zwischendurch auch einmal ein Buch sein, dessen besondere Stärke darin liegt, den Alltag wegzuschieben und zu unterhalten, reine Unterhaltung, nichts sonst, ohne weiteren Anspruch.

 

Sara und Mariel sind zwei Schwestern, die sich nie wirklich verstanden. Mariel ahmte bereits von Kindheit an alles nach, was Sara anfing und machte es dadurch für Sara wertlos. Als Mariel Sara auch noch deren Freund Carter wegschnappt und die Hochzeit kurz bevorsteht, trifft das Sara so sehr, dass ihr allerlei Sabotage-Gedanken in den Sinn kommen. Doch wie meistens im Leben kommt alles ganz anders…

 

Vorweg: Besondere Erwähnung sollte die ausnehmend schöne Gestaltung des Buches finden. Eine farbig mit Blüten verzierte Schnittkante habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Ein perfekter Hingucker, auch das Cover spricht an.

 

Mary Simses schreibt mit leichter Hand. Der lockere Schreibstil ist gefällig und gut zu lesen, die sehr detaillierten Schilderungen von Menschen und Örtlichkeiten lassen mühelos innere Bilder entstehen. Es fällt beim Lesen relativ leicht, sich in die Protagonisten einzufühlen, insbesondere mit Sara konnte ich gut mitempfinden. Spaß macht das Lesen zusätzlich durch die teils recht humorvollen bis komischen Szenen, auch wenn diese teilweise recht wirklichkeitsfern überzeichnet sind. Und ja, Mohnkuchen macht Krümel zwischen den Zähnen.

 

Fazit: Ein Buch, das man genießen sollte wie eine Praline – zwar ohne Nährwert, aber dennoch ein süßer Genuss.

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Neda Alaei

Zwischen uns tausend Bilder

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202725

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

·         Originaltitel : Dette er ikke oss

#ZwischenunstausendBilder

  

Schwere Kost, aber dennoch tröstlich

 

Ein Jugendbuch, das vordergründig zwar leicht und schnell lesbar ist,  das jedoch lange, lange nachwirkt. Unfassbar eindringlich, unfassbar gut geschrieben.

 

Sanna ist 14. Ihre beste Freundin wendet sich einem anderen Mädchen zu. Ihre Mutter ist seit Monaten tot. Und ihr Vater ist restlos gefangen in seiner eigenen Welt, in seiner verzweifelten Trauer, aus der er nicht mehr herausfindet. Sanna ist allein. Als sie zufällig im Kleiderschrank ein Geschenk ihrer Mutter an sie findet, nämlich einen Fotoapparat, wird das Fotografieren zum einzigen Trost, denn „Bilder helfen dir, die Welt zu sehen“ hatte ihre Mutter einmal zu ihr gesagt und Sanna solle nie vergessen, „die Schönheit der Welt zu sehen“. Yousef, der neue Mitschüler, teilt ihre Leidenschaft fürs Fotografieren, will sie ermutigen. Es dauert lange, bis Sanna die Realität in Gänze erfasst und beginnt, ihr Leben und die Welt mit ihren eigenen Augen zu sehen.

 

Die Autorin schreibt in einer sparsamen Sprache, die in ihrer Reduziertheit ein fast unerträgliches Maß an Einsamkeit und Verletztheit offenbart. Ergreifend ist zu lesen, wie der depressive Vater zunehmend zum Kind wird und wie Sanna, das Kind also, sowohl sein Leben als auch ihr eigenes irgendwie zu retten versucht und damit grenzenlos überfordert ist. „Todesangst vorm Leben und Sterbensangst vorm Tod“ bestimmt die Tage. Und könnte man das Verloren-Sein in der Depression besser beschreiben als so: „… wenn es so still in der Wohnung ist, dass man Haare und Nägel wachsen hört…“.

Neda Alaei ist mit ihrem Erstlingsroman ein ungewöhnliches, feinfühlig-sensibles und tief beeindruckendes Buch gelungen, das nicht nur von jungen Lesern gelesen werden sollte.

 

 

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Christoph Wortberg

Trauma – Kein Entkommen

 

·         Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft

·         Broschiert : 368 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3423262682

#TraumaKeinEntkommen

 

 Ein (fast) perfekter Psychothriller

 

Vieles gefiel mir an diesem Thriller, jedenfalls so vieles, dass ich auch die beiden Folgebände lesen möchte. Dennoch reicht es nicht für ein uneingeschränktes Lob, denn es gab durchaus etwas, das mir ganz und gar nicht gefiel.

 

Worum geht es? Hauptsächlich um Katja Sand, eine Münchner Mordermittlerin, die von ihren eigenen Schatten aus der Vergangenheit gejagt wird. Die dennoch zäh, fast verbissen in ihrer Arbeit ihre eigenen Theorien verfolgt. Und dann hat sie zu allem Überfluss auch noch eine pubertierende Tochter, die für sich genommen schon Herausforderung genug ist. Zwei Tote werden gefunden, deren Vorgeschichte Traumata offenbart. Sie sollen gemäß Anweisung „von oben“ als Suizide aus der Welt geschafft werden. Doch Katja Sand glaubt nicht an Selbstmord. Gut, dass sie stets auf ihren Kollegen Rudi Dorfmüller bauen kann…

 

Was es heißt, traumatisiert zu werden, erfährt man im Prolog und in einigen weiteren Szenen im Buch. Diese Szenen sind in ihrer psychischen und physischen Brutalität kaum zu ertragen, umso mehr, da ein kleines Kind das Opfer ist. Insofern würde ich das Buch eher dem Genre der Psychothriller zuordnen, denn die auf Dauer beschädigten Seelen, die ihre individuellen Wege des Überlebens suchen, sind sozusagen der rote Faden im Geschehen. Der Kriminalfall als solcher ist logisch und nachvollziehbar aufgebaut, wenngleich in manchen Sequenzen unglaubwürdig überzeichnet. In nahezu gleichbleibender Spannung liest man das Buch schnell und gerne, denn der klare und punkgenaue Schreibstil im Präsens fesselt. Insbesondere die jeweiligen Kapitelenden schreien geradezu danach, dass man weiterliest. Auch das Buchende verlockt geschickt, die Nachfolgebände lesen zu wollen. Doch was auf die Dauer des Buches hinweg entsetzlich nervt, ist das pseudopsychologische Stochern in Katjas Vergangenheit und ihrer desolaten Mutter-Tochter-Beziehung, ohne dass der Leser wirklich erfährt, worum es eigentlich geht. Was vermutlich als ein über 3 Bände hinweg gesetzter Spannungsbogen konzipiert ist, macht ärgerlich, da dieser Bogen schlichtweg überspannt ist.

 

 

Fazit: Weniger Katja, mehr Thriller – dann wäre das Buch perfekt. 

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Gabriele Diechler

Die Roseninsel

 

·         Herausgeber : Insel Verlag

·         Taschenbuch : 464 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3458681328

#DieRoseninsel

  

Ein Buch wie eine wärmende Wolldecke

Es gibt (leider nur selten) Bücher, die legen sich wie eine wärmende Wolldecke um die Seele. Beim Lesen befindet man sich in einem Kokon des Wohlfühlens und des hoffnungsfrohen Denkens, den man am liebsten nicht mehr verlassen möchte. Doch auch nachdem man das Buch beendet hat, bleibt ein großes Verlangen danach, sorgfältiger und achtsamer mit Zeit und Menschen umzugehen und bewusst wieder aufmerksamer daran zu arbeiten, die finsteren Ecken des eigenen Seins zu erhellen. Somit ist Gabriele Diechler mit ihrem neuesten Roman „Die Roseninsel“ wieder etwas gelungen, was die vielen, vielen Lebenshilfe-Ratgeber nicht schaffen: Den Leser ein Stück weit stärker zu machen im Bemühen, „mit dem Strom des Lebens zu schwimmen, nicht dagegen.“

Es geht um die Buchhändlerin Emma, die an einem Lebensumbruch steht. Um sich selbst neu zu finden, reist sie nach England auf den Spuren ihrer verstorbenen Eltern und lernt in London zufällig Ava kennen, eine wohlsituierte, distinguierte ältere Witwe. Von ihr erhält Emma überraschend das Angebot, auf deren Anwesen Rosewood Manor in Cornwall die Bibliothek neu zu ordnen und den Buchbestand zu aktualisieren. Eine Aufgabe wie gemacht für Emma. Doch sie bleibt nicht lang allein auf Rosewood Manor, denn völlig unerwartet taucht Ethan, der Sohn von Ava, auf der Roseninsel auf. Er begegnet Emma schroff, ablehnend und verschlossen. Doch Emma spürt etwas Verborgenes hinter dieser abwehrenden Fassade und lässt sich nicht abschrecken. Dass sie sich schließlich einer besonders schweren Herausforderung des Lebens stellen muss, ahnt sie erst spät…

 

Was die Schreibweise von Gabriele Diechler auszeichnet, ist eine grundsätzlich herzerwärmende positive Sicht auf Menschen, auf ihr Handeln, Fühlen und Denken. Doch sie schreibt nicht nur so, sie ist so, Sie überträgt ihre dem Guten zugewandte Sichtweise, diese durch Schmerz gereifte positive Lebenshaltung auch in den persönlichen Kontakten, die ich selbst mit dieser besonderen Autorin erleben durfte. Und weil Gabriele Diechler schreibt wie sie ist, sind ihre Romane echt, frei von Kitsch, einfühlsam und stärkend. Der Leser fühlt sich geborgen in ihrer Buchwelt, in der es warmherzige, herzensgute und lebenskluge Menschen gibt. Und er fühlt sich selbst dazu ermutigt, jeden Tag als etwas Besonderes zu würdigen. Wenn man Gabriele Diechler liest, erfährt man, welch immense Kraft in Büchern stecken kann. Mehr geht nicht. 

 

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Helene Tursten

Schneenacht

 

·         Herausgeber : btb Verlag

·         Broschiert : 464 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3442719297

·         Originaltitel : Snödrev

#Schneenacht

  

Wenig Spannung und recht unrealistisch

 

Mit diesem Buch ging alles schief: Die Sendung des Verlages verschwand im Niemandsland, ein zweites versprochenes Exemplar wurde offenbar gar nicht erst verschickt. Da ich jedoch von den Verfilmungen rund um Irene Huss stets sehr angetan war und unbedingt nun mein erstes Buch von Helene Tursten lesen wollte, kaufte ich das Buch entgegen meiner Gepflogenheiten von einem großen Versender.

 

Das stimmungsvoll düstere Cover stimmt gekonnt ein auf große Kälte im schwedischen Winter. Leicht und angenehm lesbar ist die gewählte Schriftgröße. Die Inhaltsangabe des Verlages muss hier nicht wiederholt werden, weil sie alle wesentlichen Angaben enthält.

Generell handelt es sich um einen Kriminalroman, der leider nicht unbedingt fesselt. Die Geschichte kommt relativ ruhig daher. Erst im letzten Viertel nimmt sie Fahrt auf. Es wird sehr detailreich erzählt, viele Namen tauchen auf und verschwinden wieder. Überhaupt schreibt Helene Tursten sehr sachlich und emotionsarm. Sie beschreibt hauptsächlich „sehend“, Gehör-, Tast- und Geruchssinn scheinen in den Schilderungen weitgehend ausgeblendet, das macht den Text irgendwie flach, einseitig und nüchtern, sodass der Leser  sogar zu der Hauptperson Embla leider keinerlei Bindung aufnimmt.  Angenehme Unterbrechung sind die häufigen Dialoge, wobei auch diese relativ sachlich und unrealistisch daherkommen. Sehr konstruiert und unwirklich ist letztlich leider auch der üppige Gebrauch von Handgranaten und Scharfschützengewehren. Wirklich lebendig wirkt Helene Tursten’s Schreibstil eigentlich nur beim Beschreiben der Landschaften und Örtlichkeiten und wenn ihr sehr gutes Gespür für Hunde in die Handlung einfließt.

 

Fazit: Ein im klassischen Sinn aufgebauter nüchterner Kriminalroman mit wenig Spannung und teilweise recht unrealistischen Szenen.

 

 

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Astrid Seeberger

Nächstes Jahr in Berlin

 

·         Herausgeber : Urachhaus

·         Gebundene Ausgabe : 252 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3825152611

#NächstesJahrinBerlin

  

Poetisch und tief bewegend

 

Ein Buch, das den Verstand ebenso beansprucht wie das Gefühl. Ein Buch, das poetisch ist und politisch. Ein Buch, das mich tief bewegt hat. Ganz gewiss keine leichte Kost, aber purer Genuss für alle, die Sprache auf hohem Niveau zu schätzen wissen. Nicht der Leser verschlingt das Buch – das Buch verschlingt den sensiblen Leser mit Haut und Haaren.

 

Der Inhalt in aller Kürze. Die Mutter ist gestorben. Die Tochter beginnt auf- und auszuräumen und wird dabei hineingezogen in das erlittene Schicksal der Mutter während des Zweiten Weltkrieges, beginnend von der Flucht aus Ostpreußen bis zur Nachkriegszeit in Deutschland. Die Tochter verliert dabei – zu spät - zunehmend ihre langjährige innere Distanz zur Mutter, einer Frau, die bereits viele Jahre vor ihrem Tod an ihrem Schicksal zerbrochen war.

 

Astrid Seeberger schreibt atemberaubend gut. Schon vom grandiosen Roman „Goodbye Bukarest“ war ich hingerissen. Doch der vorliegende Roman ergriff mich noch mehr, wohl weil die Autorin hier sehr viel mehr von sich selbst preisgibt. Ich hatte das Bedürfnis, ganz langsam lesen zu müssen, Wort für Wort sorgsam einsammelnd, um nichts zu übersehen, nichts zu verlieren von den Gedankenbildern. Und es sind, wie im ersten Roman, gerade die Nebenbei-Sätze, die besonders schmerzhaft sind. Der poetisch schöne, bildreiche Schreibstil ist oftmals so treffend, dass er geradezu schmerzhaft in mein lesendes Herz hineinfuhr. Dass man vergangener Lebenszeit solch eine Stimme geben kann, dass selbst das Unscheinbarste zum Gleichnis oder zur Metapher wird, gibt dem Erleben und Erinnern eine unfassbare Tiefe, in allen Schattierungen. „Die Toten bleiben in unserem Leben zurück.“ Astrid Seeberger gestaltet den Bericht des Entsetzlichen, des eigentlich Unerzählbaren von Krieg und Flucht, vom Geruch der Angst und des Todes in einer Sprache, die präzise ist, ohne jegliche Larmoyanz. Mit genauem Blick verknüpft die Autorin Vergangenes mit der Gegenwart und lässt durch ihre Wortbilder das eigentlich Unsagbare des Schmerzes nachspüren. Aber es gibt auch Trost, so wie von der Großmutter überliefert, die verstand, „dass man wegsingen kann das, wa

 

Ein anspruchsvolles, ein einfühlsames, ein ganz und gar wunderbares Buch.

 

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Lenz Koppelstätter

Das dunkle Dorf

 

·         Herausgeber : KiWi-Taschenbuch

·         Taschenbuch : 304 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3462053043

#DasdunkleDorf

  

Mein erster und mein letzter Krimi um Commissario Grauner

 

Mein erster Krimi aus der Feder von Lenz Koppelstätter war das. Und es wird wohl auch mein letzter sein. Leider.

 

Im 6. Fall für Commissario Grauner geht es um die Mafia. Wir befinden uns Mitte Januar im Grödnertal, immer wieder gehen Lawinen ab. Doch Commissario Grauner interessiert die Natur nicht. Ihn interessiert irgendwie auch nicht, dass ein Toter in einer schäbigen Villa gefunden wird. Ihn interessiert nur noch seine Tochter Sara, die seit Tagen verschwunden ist. Sein neapolitanischer Kollege Saltapepe befindet sich ebenfalls im Grödnertal und muss überraschend untertauchen, weil er glaubt, den legendären Mafiaboss gesehen zu haben, den er einst ins Gefängnis gebracht hatte. Grauner ahnt, dass die Vorfälle zusammenhängen und beginnt den Kampf gegen Italiens gefährlichste Verbrecher.

 

 

Das klingt eigentlich nach einem spannenden Plot. Aber nach der Spannung habe ich weitgehend vergeblich gesucht. Gemächlich muss man sich umschauen in der grandiosen Landschaft und muss sich mit viel Geduld einlesen in den ausschweifenden Schreibstil, der lange Zeit irgendwie nicht von der Stelle kommt. Zudem muss man sich mit vielen Namen vertraut machen. Befremdlich empfand ich dabei, dass die Personen hauptsächlich nur per Nachnamen auftreten. Warum so unpersönlich? Und ich gestehe, mich nerven grundsätzlich  Kommissare, die sich mit vielen eigenen Problemen herumschlagen müssen. Die sprunghaften Wechsel der Perspektiven machen das Lesen verwirrend, es zerhackt das Geschehen und damit den Lesefluss. Dass so ziemlich alle Mafiaklischees bedient werden, die ich kenne, hat für mich die Lektüre auch nicht erfreulicher gemacht. Und Cliffhänger, die am Ende des Buches zum Kauf des Folgebandes animieren wollen, finde ich absolut ärgerlich. Der gelegentlich durchblitzende Humor und die Kürze der Kapitel waren dagegen positive Aspekte. Insgesamt gesehen werde ich mich jedoch mit Commissario Grauner nicht mehr befassen wollen. 

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Leslie Connor

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)

 

·         Herausgeber : Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         Gebundene Ausgabe : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3446268029

·         Lesealter : 10 - 12 Jahre

·         Originaltitel : The Truth as Told by Mason Buttle

#DieganzeWahrheitwieMasonButtlesieerzählt

 

 

Für mich das beste Jugendbuch seit langem

 

Habe ich je ein bewegenderes Jugendbuch gelesen, das mich mit so leisen, sensiblen Schritten in eine Welt gehen lässt, die mir bislang fremd war, und zwar mitten hinein, so tief hinein, dass ich tatsächlich lernte zu verstehen?

 

Mason Buttle ist groß, sehr groß. Er schwitzt übermäßig. Er kann so gut wie gar nicht lesen oder schreiben. Und er kann nur die Wahrheit sagen -  wenn er gefragt wird. Von seinen Mitschülern wird er entsetzlich gequält und aufs Übelste gehänselt und gedemütigt. Vor Jahren hatte Mason einen besten Freund, Ben. Doch dieser lag eines Tages tot auf der Obstwiese der Buttles unterhalb des Baumhauses. Seither wird Mason von den Erwachsenen mit diesen besonderen Augen angeschaut. Doch Mason findet einen neuen Freund, Calvin, diesen schlauen und ungewöhnlich kleinen und dünnen Jungen. Sie bauen zusammen mit viel Mühe ein Geheimversteck, eine unterirdische Höhle, um den Angriffen der anderen Kinder entfliehen zu können. Als Calvin plötzlich verschwindet, richten sich die besonderen Augen der Erwachsenen erneut auf Mason….

 

 

Die Autorin schreibt im Präsens, das heißt hautnah, und zwar mit den Worten von Mason. Sie ist in seine Sicht der Dinge so tief hineingeschlüpft, dass man als Leser zu verstehen beginnt, wie es ist, wenn die Welt um einen herum eindimensional ist und welch grenzenlose Verwirrung jegliche Überforderung stiftet. Ganz selten streut Leslie Connor Fachbegriffe ein, zum Beispiel für das „Sehen“ von Gefühlen in Farben, oder für das extreme Schwitzen. So weiß der Leser, dass Mason keine erdachte Fantasiefigur ist. Dass es Menschen wie Mason wirklich gibt, liebenswert, von Herzen gut, schlicht und gerade im Denken, aber dennoch intuitiv die Wahrheiten unter den Menschen erfassend. Und dass sie wie alle Menschen Familie und Freundschaft und Zugehörigkeit brauchen, um aufzublühen. Der Autorin ist etwas ganz Großartiges gelungen mit diesem Buch, zutiefst menschlich nah und sehr, sehr berührend und bewegend, kraftvoll und intensiv. 

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Jenny Jägerfeld

Mein geniales Leben

 

·         Herausgeber : Urachhaus

·         Gebundene Ausgabe : 358 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3825152703

·         Lesealter : 10 - 12 Jahre

#MeingenialesLeben

  

Herzerfrischend komisch und klug

 

Ein Jugendbuch von ganz besonderer Qualität, wie ich finde. Mit herzerfrischend komischen Szenen, herzerfrischend liebevoll geschilderten Familienmitgliedern und herzerfrischend klugem Umgang mit einigen schwierigen Themen. Einzig das Cover finde ich persönlich außerordentlich hässlich und irreleitend. Dieses tolle Jugendbuch hätte ein kreativeres und passenderes Cover verdient!

 

59 Ferientage liegen vor Sigge, eine schier grenzenlose freie Zeit, in der es Sigge gelingen muss, nein gelingen wird, sich völlig neu zu erfinden. Denn Sigge möchte nicht mehr gehänselt und gemobbt werden, er möchte beliebt sein, Freunde haben, einfach ungezwungen plaudern können mit anderen, ohne sich qualvoll jedes Wort überlegen zu müssen. Gar nicht so einfach, dieses Vorhaben! Sigge, 12,  ist mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern von Stockholm in den kleinen Ort Skärblacka ins Hotel seiner Großmutter gezogen. In 59 Tagen muss er in eine neue Schule, in eine neue Klasse, und bis dahin muss die Mission „ich bin beliebt“ gelungen sein.

 

 

Was die Leser in diesen 59 Tagen mit Sigge und seiner ziemlich schrägen Familie erleben, ist so berührend und komisch zugleich, dass man beim Lesen ständig wechselt zwischen Lachen und mitfühlenden Gedanken. Der so überaus liebenswerte leicht schielende Außenseiter Sigge rührt an in seinem nicht endenden Bemühen zu gefallen. Cool will er sein und sozial und Witze machen und nicht zu viel mit den Händen herumfuchteln. Er beobachtet sich selbst, er überfordert sich ständig und scheitert immer wieder, bis etwas geschieht, was seine Blickrichtung völlig verändert. Sigge stellt fest, dass es richtig wichtig ist, Freunde zu haben, auf die man sich verlassen kann. Diese Entwicklungsgeschichte ist wunderbar ideenreich erzählt, mit urkomischen Dialogen versehen und mit originell-schrägen Menschen und Tieren ausgeschmückt, wobei das ausgestopfte Zebra im Flur nicht das Seltsamste in Sigges Leben ist. Eine großartige Mischung von Spaß und Ernst, die Jenny Jägerfeld hier gelungen ist. 

 

 

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Anna Clauss

Söder - Die andere Biographie

 

·         Herausgeber : HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 176 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3455011555

#Söder

 

  

Der „Möbelpacker“

 

„Die andere Biographie“ heißt es im Titel – ja, in der Tat, sie ist anders. Schon was den Umfang betrifft. Ein dünnes Büchlein hat Anna Clauss hier vorgelegt, schnell und leicht lesbar, auch für Menschen wie ich, die sich nicht sehr bewandert fühlen im Labyrinth politischer Richtungen und Selbstdarstellungen. Als gebürtige Nürnbergerin war ich jedoch durchaus interessiert, mehr über Dr. Markus Söder zu erfahren, sozusagen von Franke zu Fränkin und von Steinbock zu Steinböckin.

Anna Clauss hat einen erfrischenden, kurzweiligen  Schreibstil. Sie hat Spaß an spitzer Feder. Pfiffig, witzig, keck und pointiert berichtet sie von ihren eigenen Beobachtungen, was Markus Söder betrifft. Sie ist kritisch, ja, aber dabei immer fair. Sie schaut und hört ganz genau hin und entdeckt das Wesentliche hinter dem Belanglosen.

 

Ich persönlich als politischer Laie habe viel profitiert von der Lektüre, weil die Autorin mir Zusammenhänge näher brachte, die ich bislang nie wahrgenommen hatte und worauf ich nun viel aufmerksamer achte. Und ja, natürlich hat sie mir auch einen Dr. Markus Söder ein wenig näher gebracht, vielleicht zwar nicht  den Menschen Markus mit seinen Emotionen, aber doch den Politiker Dr. Söder mit dem, was ihn treibt. Liebenswert ist er wohl nicht. Und „menscheln“ kann er nicht. Nettigkeiten sind nicht sein Ding. Aber er packt an, manchmal auch an falscher Stelle, aber ein „Möbelpacker“ ist mir dennoch viel sympathischer als einer, der am Rand steht und zögerliche Reden hält. Markus Söder  ist ehrgeizig und fleißig. (Ja, das kenne ich, so sind fränkische Steinböcke.) Er ist perfektionistisch und überlässt möglichst nichts dem Zufall. Man schätzt ihn, aber man mag ihn nicht. Offensichtlich mag die Autorin ihn auch nicht, aber sie achtet ihn. Dass der gewiefte Taktiker die Wandlung vom „Wadlbeißer“ zum „Lebensminister“ vollzogen hat, lässt mit Spannung auf seinen weiteren Weg schauen. Zuzutrauen ist ihm (fast) alles.

 

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Judith Rakers

Homefarming

 

·         Herausgeber : GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 240 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3833877834

#Homefarming

  

Sympathisch, glaubwürdig und ansteckend

 

Wenn eine prominente Persönlichkeit ein Sachbuch auf den Markt bringt, bin ich meist eher  misstrauisch, weil sich der Verlag durch den bekannten Namen einen Verkaufsschub erhofft und oftmals das Buch dann inhaltlich enttäuscht. Doch bei diesem Buch erwies sich mein Misstrauen als nicht angebracht.

Judith Rakers, Tagesschau-Sprecherin, Talkshow-Moderatorin und Gesicht zahlreicher TV-Reportagen, hat sich daran gemacht, ihren Traum von einem Selbstversorger-Garten zu verwirklichen, und das ganz ohne Sachkenntnis und ohne „grünen Daumen“. Und tatsächlich ist daraus ein Buch entstanden, das Freude weckt. Freude an der Natur, an Selbstversorgung, und ja, tatsächlich Freude an Gartenarbeit, egal ob man viel oder wenig Platz hat, um etwas wachsen zu lassen. Und es ist ein Buch entstanden, geschrieben für alle Anfänger. Aber auch Gartenerfahrene werden garantiert noch etwas Neues entdecken! Denn was gibt es Schöneres, als knackfrisches Obst und Gemüse zu ernten, ohne dass es Chemikalien ausgesetzt war oder Hunderte von Kilometer durch die Gegend gekarrt wurde.

 

 

Judith Rakers gelingt es durch ihre erfrischende, sehr persönliche und ansteckend fröhliche Erzählweise, uns an ihrem eigenen Weg zur Selbstversorgerin teilhaben zu lassen. Angesteckt wurde sie offensichtlich von dem Selbstversorger und Botaniker Wolf-Dieter Storl. Und tatsächlich: Auch der blutigste Anfänger kann sich von Judith Rakers an die Hand nehmen lassen und ohne jegliches Wissen beginnen, um erste eigene Erfolgserlebnisse zu erfahren. Dabei bekommt der Leser nicht nur Anregungen für einen „normalen“ Garten, sondern auch für Terrassen und Balkone sind viele Tipps umsetzbar. Ja sogar wer nur eine Fensterbank zur Verfügung hat, kann sich von Judith Rakers anstecken lassen. Mein persönliches und glücklicherweise sehr ausführliches  Lieblingskapitel ist „Aufs Huhn gekommen“, denn ich teile die Erfahrungen und die Liebe zu Hühnern mit Judith Rakers voll und ganz. Wer dieses Kapitel aufmerksam liest, wird übrigens niemals mehr Billigeier aus dem Discounter kaufen!  Am Schluss des Buches finden sich einige Rezepte, schnell und einfach nachzukochen. Aber was wären all die vielen Mut machenden Informationen, wenn nicht eine Fülle von genialen Fotos den Inhalt zum Leben erwecken würde. Also rundum ein geglücktes, schön gestaltetes Mutmach-Buch für alle, die gerade in diesen Zeiten ein neues Bewusstsein entwickeln für das Thema Selbstversorgung. 

 

 

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Charlie Farley

Ziemlich beste Brüder

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649636021

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

·         Originaltitel : A Dare for a Hare

#ZiemlichbesteBrüder

 

Anrührende Geschichte über Geschwisterliebe

 

Ein wunderschönes, anrührendes Bilderbuch für die Kleinsten ist „Ziemlich beste Brüder“ aus dem von mir so überaus geschätzten Coppenrath Verlag, ein liebevolles Lehrstück für Geschwisterliebe.

 

In der Hasenwelt geht es so zu wie im Menschenleben. Max, der ältere Bruder, will noch schlafen, aber sein nervig-zappeliger kleiner Bruder Mika schafft Unruhe. Mika ist nämlich grenzenlos überzeugt von sich und hält sich für den Größten und Stärksten auf der Welt. Er bettelt um eine Mutprobe. Um Ruhe zu bekommen, schickt Max schließlich den umtriebigen Bruder fort zu einem Abenteuer. Er soll einen Pfirsich stibitzen, wobei er sich vorsehen soll vor der bösen Katze. Und sofort macht sich Mika begeistert auf den Weg. Doch da packt den älteren Bruder der Schreck. Was ist, wenn Mika unterwegs etwas passiert? – Was dann an Aufregendem geschieht, müsst ihr unbedingt selber lesen und schauen…

 

Nicht nur die wunderbar liebevolle Geschichte begeistert mich. Auch die großformatigen Illustrationen sprechen Kinder und Erwachsene ganz direkt an. Sie sind kitschfrei, sehr farbintensiv und vor allen Dingen in ihrer Einfachheit enorm ausdrucksstark. Hat man je einen gewaltigeren bedrohlichen Bär gesehen? Oder ein Hasenkind, das so verspielt und lebensfroh die Welt entdeckt?

 

Erzählt wird die Geschichte von Max und Mika in Reimen. Zwar sind diese Reime nicht auf Anhieb eingängig, erst nach mehrfachem Lesen bzw. Vorlesen prägen sie sich ein. Aber sie erzählen sehr direkt und lautmalerisch davon, wie der ältere Bruder Verantwortung für den Kleineren übernimmt und so dieser nicht nur Unterstützung, sondern Verständnis, Schutz und Geborgenheit findet. 

 

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Callan Wink

Big Sky Country

 

·         Herausgeber : Suhrkamp Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 378 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3518429839

#BigSkyCountry

 

 

Nein, nein, nein!

 

„Ein begnadeter Autor“ schreibt der Verlag. Überhaupt findet er gewaltige Worte für das Buch: „Ein Bildungsroman von atemberaubender Schönheit und Klarheit“ und „ein neues Meisterwerk“. Wow! Da fühle ich mich als sofort Leserin gedemütigt, weil ich offensichtlich zu dumm bin, um das Meisterwerk als solches zu erkennen.

 

August liebt die Arbeit auf der Farm, egal wie schwer sie ist. Als sich seine Eltern trennen und er mit seiner Mutter nach Montana zieht, fällt es ihm sehr schwer, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen. Falsche Freunde und Alkohol lassen ihn durch die Zeit treiben.

 

 

Nein sage ich zu der Bezeichnung „Meisterwerk“. Denn ich halte es mit Reich-Ranicki: Ein Buch darf nicht langweilen. Dieses Buch zu lesen war für mich langweilig, quälend langweilig auf der einen Seite, und auf der anderen Seite mehr als abstoßend, anwidernd, wenn Katzenschlachten und die Vergewaltigung betrunkener Mädchen als normale Vorkommnisse eines Farmeralltags dargestellt werden oder menschenverachtende „Weisheiten“ verkündet werden. Das Aneinanderreihen von einzelnen Szenen, ohne dass sie wirklich zu etwas führen, was einen Roman rechtfertigt, führt zu gähnender Langeweile. Wobei schon der vom Verlag gewählte Begriff „Bildungsroman“ für mich einen öden Text impliziert – vielleicht ein Schultrauma.  Aber wenn schon Bildungsroman, dann aber bitte auch richtig. Leider konnte ich nicht wirklich im Verlauf der 380 Seiten eine Entwicklung von geistiger und charakterlicher Bildung bei August feststellen. Er wird halt älter. Ansonsten war ich hauptsächlich als Leser damit beschäftigt, August mehr oder eher weniger interessiert bei der Farmarbeit in allen seinen Facetten zu beobachten. Wenn wenigstens die Sprache als solche etwas an sich hätte, das den Leser anspricht. Aber leider konnte ich nichts Erfreuliches finden. Die Sprache ist klar und einfach zu lesen. Mehr nicht. Deprimierend und öde war für mich dieses Buch, deshalb nicht empfehlenswert. 

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Davide Morosinotto

Der Ruf des Schamanen

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 432 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202749

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

#DerRufdesSchamanen

  

Welch ein ungewöhnliches Buch!

 

Wir befinden uns im von Not und großer Armut geprägten Peru der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Laila, 13-jährige Tochter wohlhabender Eltern, ist unheilbar krank. Die genetisch bedingte Krankheit wird ihr zunächst das Augenlicht rauben, dann fortschreitend den Körper zerstören bis zum unabwendbaren Tod. Als sie durch ein uraltes Tagebuch von einem Schamanen erfährt, der im tiefsten Amazonas leben soll und dessen besondere Kräfte dank einer besonderen Blüte ihr vielleicht Heilung bringen könnten, wagt sie die abenteuerliche und außerordentlich gefährliche Reise in den magischen Urwald, in Begleitung ihres Freundes El Rato

 

Schon äußerlich besticht dieses besondere Buch. Unglaublich faszinierend ist seine  typographische Gestaltung. Da verschwimmen zum Beispiel an den Zeilenrändern die Buchstaben – ganz so, wie sich Lailas zunehmende Erblindung durch Einschränkung des Gesichtsfeldes zeigt. Oder die Buchstaben verlassen die gerade Ordnung der Zeilen und rotten sich willkürlich zusammen in die wilden Zacken eines Hirnstrombildes während eines epileptischen Anfalles. Dies sind nur einige wenige Beispiele, auf welch kreative Weise das Buch gestaltet ist.

Geschrieben ist das Buch durchaus anspruchsvoll. Es wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, dankenswerter Weise immer chronologisch, deshalb lässt sich die Handlung ohne Schwierigkeiten oder Verwirrung verfolgen. Zwar handel es sich vordergründig um einen spannenden, fesselnden Abenteuerroman. Aber gleichzeitig befasst sich das Buch auch altersgerecht mit schwierigen Themen, ob es sozial, historisch oder kulturell um das Peru des vorigen Jahrhunderts geht, oder wenn es um magisches Denken, um Leben und Tod, um Freundschaft und Liebe geht. Sowohl gefühlvoll als auch packend lässt uns der Autor Anteil nehmen an der seelisch-psychischen Entwicklung der beiden so unterschiedlichen Charaktere Laila und El Rato, vergleichbar mit dem Thema in vielen Märchen, in denen der Held auszieht und durch viele Prüfungen gehen muss, um gereift und erstarkt zurückzukehren.

 

Ein rundum unfassbar gut gelungenes Buch, nicht nur für junge Leser, das von Anfang bis Ende fesselnd erzählt bis hin zum ungewöhnlichen Finale. Absolut lesens- und anschauenswert!

 

 

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Karin Müller

Nordstern - Der Ruf der freien Pferde

 

·         Herausgeber : Schneiderbuch

·         Broschiert : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3505143557

·         Lesealter : 12 Jahre und älter

#NordsternDerRufderfreienPferde

  

Nicht Fisch und nicht Fleisch

 

Mit diesem Jugendbuch habe ich einige Probleme. Welchen jugendlichen Lesern sollte ich es empfehlen? Den Liebhabern von Fantasy-Büchern? Oder von historischen Romanen? Oder von Liebesgeschichten? Oder von Abenteuerbüchern? Oder von Fortsetzungsromanen? Oder Pferdeliebhabern? Das vorliegende Buch hat von allem ein bisschen und dadurch nichts richtig, und genau das gefällt mir nicht.

 

Wir schreiben das Jahr 1949, der Weltkrieg ist noch nicht lang vorbei. Die 14-jährige Erla wandert mit ihrer Mutter nach Island aus, weil dort händeringend Arbeitskräfte gesucht werden. Erla wird von ihrer Mutter getrennt und muss auf einem armseligen Bauernhof hart arbeiten. Sie versteht die Sprache nicht und wird von den Bauersleuten schlecht behandelt. Einziger Trost für Erla ist die Schimmelstute Drifa. Erla hat die Gabe, Dinge zu sehen, die für andere Menschen unsichtbar sind. Und in Island, diesem magischen Land, kommen ihr Die Verborgenen sehr nahe…

 

Mit dem Schreibstil musste ich mich erst anfreunden. Die kurzen, abgehackten Sätze wirken nüchtern und hart und wecken kaum Emotionen beim Leser. Schön und bildhaft dagegen sind die detaillierten Beschreibungen der spröden Natur und der Wettergewalten. Erzählt wird in zwei Ebenen, und zwar sowohl die Geschehnisse in der realen Welt als auch das, was parallel dazu in der Welt der Verborgenen erlebt wird. Dass die Autorin ihre Geschichte mit ihrer Fantasy-Seite in Island ansiedelt, kann ich nachvollziehen, denn in keinem Land sonst leben bis heute die reale und die Geisterwelt so eng beieinander. Dennoch fehlt es der erzählten Fantasy-Story an Substanz und Spannung. Und warum musste es das Jahr 1949 sein? Denn an historischen Bezügen, die es durchaus gegeben hätte, fehlt es im Buch völlig. Zerschlissene Kleidung allein reicht da wirklich nicht. Also doch ein Pferdebuch? Nein, auch hier fehlt die Substanz. Denn Island-Pferde haben mehr als kuscheliges Fell und können viel mehr als nur Tölt. Für Erla, die Heldin des Buches, kann ich wenig Sympathie empfinden. Sie wird als kindlich, ungeschickt und ohne Eigeninitiative geschildert. Nur wenn sie Kontakt zur Welt der Verborgenen hat, lebt sie auf. Tja, und der fiese Cliffhanger zum Schluss, der es mit dem Holzhammer darauf anlegt, dass man auch Band 2 kaufen soll, gibt dem Buch dann noch den Rest. 

 

 

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Rüdiger Bertram, Yvonne Semken

Liebe macht blind – aber glücklich

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649668152

·         Lesealter : 4 - 6 Jahre

#Liebemachtblindaberglücklich

  

Die Illustrationen sind besser als die Geschichte

 

Mit diesem Bilderbuch muss ich unbedingt so bald wie möglich den Praxistest machen und es Vorschulkindern vorlesen und zeigen. Denn mir als Erwachsenen gefällt die Geschichte nicht. Aber vielleicht muss man ganz jung oder ganz verliebt sein, um Gefallen am Buch zu finden?

 

Der Inhalt ist einfach: Wir lernen auf dem Bauernhof Tiere kennen, die sich anhimmeln wie Sau Sarah ihren Eber Erik oder Bernd der Bock seine Ziege Zoe. Obwohl der Partner alles andere als vollkommen ist, im Gegenteil. Die Ziege Zoe zum Beispiel hat grauenhaft krumme Zähne. Das Küken Kiki fragt seine Oma und die erklärt ihm, dass Liebe blind macht. Und das nimmt Kiki wörtlich, besonders als ihr eine Eierschale auf den Kopf fällt und Kiki blind durch die Welt tapsen muss. Aha, sie ist also verliebt…

 

Zwar gefällt mir die Geschichte als solche nicht, denn eine Eierschale auf dem Kopf macht wahrlich noch nicht wirklich blind vor Liebe, aber an der Gestaltung des Buches hatte ich große Freude. Yvonne Semken ist es gelungen, mich mit ihren hinreißenden Illustrationen auf jeder Seite aufs Neue zum Lächeln zu bringen. Allein schon die Vorsatzblätter des Buches sind sehenswert und ermöglichen Bildbetrachtungen der besonderen Art. Yvonne Semken malt die Welt des Bauernhofes in ganz kräftigen, fröhlichen Farben. Nicht nur Zoe mit den hässlichsten Zähnen der Welt oder der selbstverliebte Erik oder die Hühner-Oma mit dicken Socken sind liebenswert dargestellt. Man kann auch witzige Details entdecken, wenn man genau hinschaut wie zum Beispiel das durchgestrichene Herz zwischen Schaf und Wolf… Meiner Meinung nach ein Bilderbuch also, das eher zum Anschauen einlädt als zum Vorlesen.

 

 

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Schwiecker, Tsokos

Die 7. Zeugin

 

·         Herausgeber : Knaur TB

·         Taschenbuch : 320 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3426527559

#Die7teZeugin

  

 

Ein raffinierter und durchgängig spannender Justiz-Krimi

 

Die beiden Autoren sind hochverdiente Fachleute als Strafverteidiger und Rechtsmediziner. Ein Glücksfall, dass die beiden zusammengefunden haben, um eine neue Reihe an Justiz-Krimis ins Leben zu rufen, in denen einerseits ihr gebündeltes Wissen einfließt, andererseits ihre Lust am Schreiben gekonnt zum Tragen kommt. Ich habe den hier vorliegenden ersten Band mit großer Freude gelesen und erwarte gespannt weitere Fortsetzungen.

 

An einem ganz normalen Sonntagmorgen schwingt sich Nikolas Nölting, von Beruf ein ganz normaler Beamter in der Stadtverwaltung, auf sein Fahrrad, um zum Bäcker zu fahren. Doch kaum hat er die Bäckerei betreten, schießt er wie aus dem Nichts heraus wild um sich, tötet einen Mann und verletzt zwei weitere Ladenkunden. Anschließend lässt er sich bereitwillig festnehmen und schweigt. Unbegreiflich und sinnlos, was da geschehen ist. Rocco Eberhardt, ein aufstrebender Strafverteidiger, steht vor einem Rätsel. Doch Dr. Justus Jarmer, der Rechtsmediziner, macht eine Entdeckung, die dem Fall eine neue Wendung gibt und mitten hineinführt in den Sumpf von Clan-Kriminalität und Geldwäsche, aber auch mitten hinein in die Gefahr.

 

Ich habe das Buch sehr, sehr gerne gelesen. Die kurzen Lesekapitel sind sehr leserfreundlich. Sie schaffen es, aus immer wieder anderen Perspektiven die Tat und deren Vorgeschichte zu beleuchten. Die klare, schnörkellose Erzählweise und die nachvollziehbar geschilderten Persönlichkeiten der handelnden Personen verstärken noch zusätzlich die gute Lesbarkeit des Buches. Ein Justiz-Krimi könnte unter Umständen ziemlich dröge geraten. Doch meine anfängliche Skepsis zerschlug sich beim Lesen sofort. Von der ersten Seite an hat das Buch eine kontinuierliche Spannung, die den Leser vorantreibt. Welch geniale Wendung die Geschichte am Ende nimmt, muss man unbedingt selbst lesen.

 

Fazit: Ein Justiz-Krimi, gekonnt geschrieben, mit Raffinesse, permanenter Spannung und fundiertem Sachwissen. Sehr empfehlenswert!

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Adrián Macho

Gerda, der kleine Wal

 

·         Herausgeber : Coppenrath

·         Gebundene Ausgabe : 32 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3649635253

·         Lesealter : 3 - 5 Jahre

#GerdaderkleineWal

 

 Zauberhaft verzaubernd

 

Der altisländische Name „Gerda“ bedeutet Beschützerin. Also nicht unbedingt ein Name für ein kleines Wal-Kind, dachte ich. Im Gegenteil: Gerda wird beschützt von ihren Eltern und ihrem Bruder und schwimmt zufrieden am Grunde des Ozeans. Doch die Mutter singt immer wieder ein Lied, das von einer Reise erzählt, die jedem Wal-Kind bevorsteht: „Einmal beginnt für jeden Wal die Reise durch die Meere… Wohin man will und was man braucht, das muss ein jeder lernen…“ Und so kommt es. Eines Tages macht sich Gerda auf die Reise nach dem einzig wahren Ort, an dem sie glücklich sein kann. Doch wohin sie auch kommt, nirgends ist Platz für sie. „Manchmal braucht jeder Hilfe“, tröstet der weise Narwal Gerda. Wie es Gerda weiter ergeht auf ihrer Reise zum Glück, das muss man selbst lesen. Und vielleicht sogar Walgesänge dazu hören…

 

Ein wunderschönes Bilderbuch ist das! Ich bin hingerissen von Gerda, ich bin hingerissen von den unglaublich intensiven Illustrationen, die dem Kind alle Interpretationsmöglichkeiten offen lassen. Ich bin hingerissen von den Farben. Und ich bin hingerissen von der kleinen großen Geschichte, die Mut macht und Zuversicht schenkt. Denn man muss erst einmal vieles sehen und kennenlernen, bis man genau weiß, wo man hingehört. Bis man den Ort seiner Bestimmung findet. Ein stilles und sehr poetisches Bilderbuch. Das mich restlos verzauberte.

 

Warum allerdings wird der Autor Erwin Grosche nicht auf dem Cover genannt, nur auf dem inneren Titelblatt? Ohne seinen Text wären die Illustrationen schließlich nur halb so viel wert.

 

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Michael Dangl

Orangen für Dostojewskij

 

·         Herausgeber : Braumüller Verlag

·         Gebundene Ausgabe : 480 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3992002979

#OrangenfürDostojewski

 

 

Was gewesen wäre, wenn - bravourös gelöst

 

Eine reale Stadt, nämlich das traumhaft schöne Venedig, wurde als Bühnenbild des Romans gewählt. Und eine fiktive Begegnung zwischen Dostojewskij und Rossini als Drehbuch. Das hat was. Und es war alles andere als einfach, was sich der Autor da vorgenommen hatte. Er hat die Aufgabe meiner Meinung nach mit Bravour absolviert.

 

Der kranke Fjodor Dostojewskij erfüllt sich einen langgehegten Wunsch, nämlich Venedig zu besuchen. Doch er findet keinen Zugang zu der Lebendigkeit und Lebensfreude der Stadt. Er findet sich nicht zurecht, versteht die Sprache nicht, bleibt weiter gefangen in Schwermut. Erst als er Rossini begegnet, diesem rein barocken Genussmenschen, sozusagen seinem Antipoden, erfährt Dostojewskij einen neuen Schub ins Leben, ins Genießen. Wobei auch intellektuelle Gespräche über Kunst und Können, über Kultur und Geschichte zur Freude dienen und die Annäherung dieser zwei so völlig unterschiedlichen Künstler durchaus auch komische Seiten hat.

 

Der vielschichtige Roman von Michael Dangl ist nicht geeignet zum reinen Konsumieren. Er verlangt nach dem Leser, der sich Zeit nimmt, der sich einfühlt und sich verführen lässt zu den Gedankenausflügen, die der Autor mit uns unternimmt. Wie gerne bin ich ihm gefolgt, weil man die immense Recherche-Arbeit auf jeder Seite neu und mit Hochachtung erspürt. Hier ist ein Schriftsteller nicht nur seiner Idee nachgefolgt, sondern hat diese Idee perfekt in Roman-Szene gesetzt, so überaus eindringlich, so lebendig, so plastisch und so intellektuell herausfordernd, dass ich mit zunehmender Begeisterung Seite um Seite las. Die Sprache ist mitunter etwas sperrig, mit Satzeinschüben das Lesen verkomplizierend, so als käme der Autor selbst aus der Zeit Dostojewskijs, als kenne er ihn aus persönlichen Begegnungen. Neben hinreißenden Bildbetrachtungen verzauberte mich der Autor mit seinem profunden Wissen, was Literatur, Malerei und Musik gleichermaßen betrifft, und mit seinem gewaltigen Talent, Geschehnisse und Personen zu intensivem Leben zu erwecken, sodass der Leser hautnah am Geschilderten teilnimmt. Dieses Buch ist ein Glücksfall für alle, die einen Roman zu schätzen wissen, der Sprache und Kunst und Intelligenz auf bestmögliche Weise verbindet.    

 

 

 

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Dr. Heike Niemeier

Essen gut alles gut

 

·         Herausgeber : KiWi-Taschenbuch

·         Taschenbuch : 368 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3462054323

#Essengutallesgut

  

 

Ein profundes Sachbuch, bei dem es viel zu lächeln gibt

 

„Essen kann heilen, lindern, stärken – und müde Geister wecken.“ So könnte man den Inhalt des vorliegenden Buches in Kürzestform zusammenfassen. Denn genau das erläutert uns die promovierte Ökotrophologin sehr umfassend und detailgenau, nämlich den Wert von Essen, von gutem Essen, denn nur gutes Essen sorgt für gutes Bauchgefühl. Lebensmittel sind Mittel zum Leben. Was gibt es da Wichtigeres als gute Lebensmittel zu wählen. Ohne Wissen, ohne Information kann man nicht gut wählen. Und genau das ist das Anliegen des Buches: Über Essen so umfassend zu informieren, dass es aus der schier grenzenlosen Angebotsfülle möglich wird, das Gute zu wählen, das, was unserem Körper (und unserer Seele) guttut. Und zwar freiwillig! Denn „Verbote sind verboten.“ Alles Wissenswerte wird uns sehr anschaulich, fast möchte ich sagen unterhaltsam, angeboten. Ja, ich habe das Buch nicht Seite um Seite von vorne bis hinten gelesen. Denn die graphisch gekonnte Gestaltung, die besondere oder wichtige Zusatzinformationen farblich abgehoben vom laufenden Text besonders hervorhebt, verführt dazu, erst einmal im Buch zu blättern und sich von den Graphiken verführen zu lassen. Und ehe man es sich versieht, hat man sich in einzelnen Kapiteln festgelesen. Übrigens macht das Buch sprachlich besonderes Vergnügen: Von „Zucker-Tsunami“ bis „es ist Käse, auf Fett zu verzichten“ hat es die Autorin auf sehr sympathische Weise geschafft, dass ich immer wieder mit einem Lächeln auch die teilweise sachlich-trockenen Informationen schluckte. Locker eingestreut im Text findet man außerdem einfache, leicht nachzukochende Rezepte als zusätzliche Unterstützung.

Einzig negative Anmerkung: Die schrecklichen Gendersternchen hätte man sich sparen können.

 

 

Fazit: Ein Sachbuch, das mir auf unterhaltsame und sympathische Weise allein durch Wissensvermehrung ermöglicht, genau diese Lebens-Mittel zu finden, die ganz individuell mir persönlich gut tun. Ich werde das Buch noch ganz oft zur Hand nehmen!

 

 

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Donna Freitas

Wie viel Leben passt in eine Tüte

 

·         Herausgeber : Thienemann Verlag

·         Taschenbuch : 400 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3522202688

·         Lesealter : 13 Jahre und älter

·         Originaltitel : Survival Kit

#WievielLebenpasstineineTüte

 

 Loslassen lernen

 

Zugegeben bin ich mit ü70 nicht unbedingt die Zielgruppe des Romans. Dennoch fand ich die Thematik des Buches so interessant, dass ich mich mit meiner immer vorhandenen Leseneugier an die Lektüre machte. Und stolperte schon mal über die zwar originelle, aber nicht gut zu benutzende Schutzumschlag-Idee. Und weiter stolperte ich über den holprig-seltsamen Buchtitel, der im Vergleich zum Originaltitel nur merkwürdige Assoziationen hervorruft. Und ich stolperte über die Playlist der Kapitelüberschriften, deren Titel mir allesamt unbekannt waren und auch bleiben. Abgesehen von diesen Äußerlichkeiten empfand ich das Buch eher wie eine in Form gebrachte Selbsterfahrung der Autorin, weniger als einen Jugendroman, was ja erst einmal nichts Schlechtes bedeuten muss.

 

Rose hat ihre Mutter verloren und verbannt ab diesem Zeitpunkt alles aus ihrem Leben, was ihr bisher selbstverständliche Freude und Spaß gebracht hatte. Sie hört keine Musik mehr. Sie beendet ihre Cheerleader-Einsätze. Sie erträgt die Nähe zu ihrem Freund Chris nicht mehr. Sie zieht sich völlig in sich selbst zurück. Durch Zufall findet sie im Kleiderschrank ihrer Mutter ein „Survival Kit“, das ihre Mutter dort für sie hinterlassen hatte, eine Tüte voller überraschender kleiner schlichter Dinge. Nur unter größten Schwierigkeiten lässt sich Rose nach und nach auf diese Gegenstände und auf ihre dadurch ausgelösten Gedanken und Empfindungen ein. Aus der Starre der Trauer heraus gerät Rose’s Leben in Bewegung…

 

 

Grundsätzlich ist das Buch gut geschrieben. Es erzählt nachvollziehbar und glaubhaft, wie unbewältigte Trauer den Menschen in Fesseln hält, ihn vom lebendigen Leben fernhält. Und es erzählt ebenso glaubhaft, wie es gelingen kann, aus dieser Erstarrung in langsamen Schritten wieder zum lebendigen Leben zurückzufinden, und dass Loslassen nichts mit Vergessen zu tun hat. Allerdings hätte ich mir eine Erzählweise mit mehr Pfiff erhofft. Irgendwie fehlt mir das gewisse Etwas. Insbesondere die Dialoge wirken zum Teil recht hölzern und lebensfern. Genauso lebensfern erschienen mir die Menschen rund um Rose. Sind Freundinnen im gleichen Alter wie Rose tatsächlich so sensibel und einfühlsam wie im Buch geschildert? Und wird der Ex-Freund von jetzt auf gleich tatsächlich zum verlässlichen und hilfsbereiten Kameraden? Während Will, der zunächst vorgestellt wird als einfühlsamer, sensibler Mensch,  im entscheidenden Moment menschlich total versagt? Als Fazit würde ich dennoch diesen Jugendroman als sehr lesenswert bezeichnen, weil er sich gefühlvoll mit dem großen Thema Trauer und Neubeginn beschäftigt, und dies weitgehend, ohne oberflächliche Klischees zu bedienen.

 

 

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Prof. Dr. Marion Kiechle, Julie Gorkow

Die geheime Kraft des Fettstoffwechsels

 

·         Herausgeber : GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH

·         Gebundene Ausgabe : 224 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3833878114

#DiegeheimeKraftdesFettstoffwechsels

  

Komplexe Zusammenhänge verständlich gemacht

 

Der Verlag Gräfe und Unzer steht für mich seit jeher für gut ausgearbeitete Bücher. Zum einen sind sie in der Regel typographisch ansprechend und graphisch übersichtlich gestaltet, zudem die Inhalte fotografisch gekonnt in Szene gesetzt. Zum anderen handelt es sich mehrheitlich um Autoren, die als Fachleute auf dem jeweiligen Gebiet sehr kompetent informieren, oftmals unterstützt von  journalistisch geschulten Mit-Autoren, die dieses Fachwissen in für Laien verständliche und lesbare Form bringen. Und so waren meine Erwartungen an das Buch hoch, wobei allein schon das Wort „Fettstoffwechsel“ im Titel für mich etwas undefinierbar Abstoßendes hatte. 

Und in der Tat: Das Buch ist eine schier unerschöpfliche Quelle an Informationen. In verständlicher Sprache und durch farbige Hervorhebungen übersichtlich gestaltet, fällt es dem Leser leicht, sich mit dem komplexen Thema zu befassen.  Das Buch ist in drei große Abschnitte unterteilt: Zum ersten alles Wissenswerte rund um Fett und Fettstoffwechsel – gut und wichtig, um die Zusammenhänge zu verstehen. Die Abschnitte 2 und 3 befassen sich mit der Praxis, d. h. konkrete Anleitungen für die richtige Ernährung und effektive Tipps und Alltagshilfen. Im dritten Abschnitt findet sich eine Sammlung von vegetarischen Rezepten, anhand derer man relativ einfach die empfohlene Ernährungsumstellung umsetzen kann. Für mich als einer ewig Hungrigen bewirkte übrigens den entscheidenden Aha-Effekt, um  eine Veränderung der schlechten Gewohnheiten in Angriff zu nehmen, die Information, dass ein Mensch ungefähr einen ganzen Monat ohne feste Nahrung auskommen kann. Da sollte es mir doch wohl gelingen, aus dem permanent vorhandenen Überangebot an Essbarem anhand der durch das Buch gewonnenen Erkenntnisse das wenige Vernünftige auszuwählen, das meinem Körper gut tut.

 

Fazit: Das Buch enthält eine große Fülle an Wissenswertem und macht verständlich und gut lesbar die Zusammenhänge deutlich, wie wir uns mit unserem Fettstoffwechsel verbünden können, um so manches Pfund schmelzen zu lassen. Allerdings hätte ich auf die wiederkehrende Darstellung der um positive Ausstrahlung ach so bemühten Autorinnen verzichten können.

 

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Charlotte Link

Ohne Schuld

 

·         Herausgeber : Blanvalet Verlag; Originalausgabe Edition

·         Gebundene Ausgabe : 544 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3764507381

#ohneSchuld

 

 

 

Gekonnt geschriebenes, fesselndes Katz- und Maus-Spiel

 

Dass Charlotte Link immens gut erzählen kann, hat mich zu einem treuen Fan gemacht. Und meine hoffnungsfrohen Erwartungen an das vorliegende Buch wurden keineswegs enttäuscht. Ich hatte 550 Seiten spannende, abwechslungsreiche Unterhaltung erhofft und auch bekommen. Allzu tief nachdenken sollte man allerdings nicht über die erzählten Geschehnisse, denn da gäbe es so manches zu hinterfragen. Doch ich halte es durchaus für legitim, wenn ein Buch in überaus gekonnt geschriebener Weise den Leser so unterhält, dass er alles um sich herum beim Lesen vergisst, auch wenn nicht unbedingt das Erzählte in allen Punkten immer unbedingt logisch ist.

 

Der Inhalt des Kriminalromans beginnt schon mit einer sehr eindringlichen Szene: Im Zug zielt ein Unbekannter auf eine Frau, die den Schüssen nur in allerletzter Minute entkommen kann. Zu Hilfe eilt ihr die zufällig im Zug mitreisende Ermittlerin Kate Linville, die auf dem Weg zu ihrer neuen Dienststelle ist. Zwei Tage später wird eine andere junge Frau durch einen gespannten Draht von ihrem Fahrrad gerissen und lebensgefährlich verletzt. Ein zusätzlich abgegebener Schuss verfehlt sein Ziel. Kate Linville stochert mit ihren Ermittlungen lange im Trüben, denn die einzige Verbindung zwischen den beiden Vorfällen ist nur, dass die gleiche Waffe benutzt wurde. Wie Kate Linville schließlich einem unfassbaren Geheimnis auf die Spur kommt und damit selbst in allergrößte Gefahr gerät, muss man unbedingt selbst lesen.

 

Charlotte Link hat wieder einen äußerst spannenden, lebendig und fesselnd erzählten Kriminalroman geschrieben, der psychologisch klug und nachvollziehbar menschliche Ängste, Abhängigkeiten, Schuld und Rache so zu schildern vermag, dass sich der Leser dem Sog der Geschichte nicht entziehen kann. Einziger Wermutstropfen, über den ich inhaltlich nichts sagen kann, um nicht zu spoilern: Wenn man über viele Seiten hinweg mit gespannter Hoffnung einen bestimmten Handlungsstrang verfolgt und zum Ende nicht erfährt, wie es damit ausgeht, bleibt man ein wenig enttäuscht zurück. Dennoch hatte mir Charlotte Link insgesamt gesehen wieder ein aufregendes und intensives Leseerlebnis geschenkt.

 

 

 

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Sam Lloyd

Der Mädchenwald

 

·         Herausgeber : Rowohlt Taschenbuch

·         Broschiert : 448 Seiten

·         ISBN-13 : 978-3499001130

·         Originaltitel : The Memory Wood

#DerMädchenwald

 

 

Im Sog des Wahnsinns

 

Eigentlich möchte ich zu dem vorliegenden Buch keine Rezension schreiben, sondern nur noch mit Wörtern um mich werfen wie „großartig“, „unglaublich“, „faszinierend“, „ungewöhnlich“, „grausig“ usw. Für mich war dieser Thriller, dieses unfassbar gute Erstlingswerk, eine solch überraschende und   intensive Lese-Entdeckung, dass der Autorenname Sam Lloyd ab sofort in meiner ganz persönlichen Thriller-Autoren-Bestsellerliste als No. 1 abgespeichert ist.

 

Ein ungewöhnlicher Plot mit ungewöhnlichen Protagonisten führt geradezu zwangsweise zu einem ungewöhnlichen Leseerlebnis: Da ist die 13-jährige Elissa, die meisterhaft Schach spielt. Man kann also davon ausgehen, dass sie intelligent ist und vor allem strategisch denken kann, auch in Stresssituationen. Als sie während eines Schachturniers entführt wird und in einem Kellerverlies landet, angekettet, verletzt, chancenlos, da beginnt das Spiel ihres Lebens. Denn sie bekommt Besuch von Elijah, einem mehr als seltsamen Menschen. Elissa hofft, ihn zu ihrer Rettung zu bewegen. Gleichzeitig versucht die ermittelnde Kommissarin Detective Mairéad MacCullagh, mit einer unglaublichen Verbissenheit in diesem Entführungsfall weiterzukommen, obwohl sie selbst kurz vor dem psychischen und physischen  Zusammenbruch steht.

 

 

Aus wechselnden Perspektiven setzt sich diese Geschichte zusammen, sodass es dem Leser gelingt, mehr und mehr in die Gedanken- und Gefühlswelt  der Protagonisten einzutauchen und durch Rückblicke zunehmend zu begreifen, wie diese Menschen zu dem wurden, was sie sind, wobei diese Einblicke teilweise in eine grausige Gedankenwelt führen, dass die dem Leser Schauder über den Rücken jagen. Zu Beginn ist das Erzähltempo zwar durchweg fesselnd, aber noch gemäßigt. Der Leser muss sich erst einmal zurechtfinden. Aber je weiter die Geschehnisse voranschreiten, desto rasanter wird die Fahrt. Sie steigert sich in einem solch unvorstellbaren Ausmaß, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, in einen immensen Strudel geraten zu sein, der mich am Ende atemlos und schweißnass nach einem unglaublichen Twist entließ. Der Schreibstil von Sam Lloyd entfaltet dank der unfassbar präzisen und detailgenauen Beschreibungen von Menschen und Szenerien und dem messerscharfen Eindringen in deren Gedanken, Gefühle und Ahnungen eine geradezu magische Wirkung. Kurzum: Ein unfassbar gut geschriebener Thriller!