Romy Hausmann

Liebes Kind

 

 

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423262293

 

Ein genial durchkomponierter Thriller

 

Ein Thriller der besonderen Art! So viel Spannung, so viel direkte und indirekte Grausamkeit, so viel Überraschendes! Dieses Buch lässt dem Leser keinen Moment der Erholung. Man jagt durch die Seiten und liegt mit all seinen Gedanken und Vermutungen regelmäßig falsch.

 

Ausnahmsweise erscheint es mir geradezu unmöglich, irgendetwas über die Handlung zu erzählen, ohne Wesentliches zu verraten. Der Klappentext schafft das jedoch ganz gut: Eine fensterlose Hütte im Wald. Lenas Leben und das ihrer zwei Kinder folgt strengen Regeln: Mahlzeiten, Toilettengänge, Lernzeiten werden minutiös eingehalten. Sauerstoff bekommen sie über einen »Zirkulationsapparat«. Der Vater versorgt seine Familie mit Lebensmitteln, er beschützt sie vor den Gefahren der Welt da draußen, er kümmert sich darum, dass seine Kinder immer eine Mutter haben. Doch eines Tages gelingt ihnen die Flucht – und nun geht der Albtraum erst richtig los. Denn vieles deutet darauf hin, dass der Entführer sich zurückholen will, was ihm gehört.“

 

Das Buch ist ein genial durchkomponierter Thriller, und zwar ist er komponiert wie ein Gesang, wie ein Kanon, in den immer mehr Stimmen einfallen, immer mehr Sichtweisen, Meinungen, Deutungen, bis er zu einem perfekten Musikstück herangereift ist, zu einer Sinfonie des Entsetzlichen, Unvorstellbaren und der Leser mittendrin. Dass die Protagonisten wechselnd selbst erzählen, vom Geschehen ebenso wie von ihren Empfindungen, lässt emotionale Nähe entstehen. Ein sehr geschickter Dreh der Autorin, denn gerade durch die berührenden Schilderungen wird der Leser noch viel stärker in die Handlung hineingezogen, kann sich des Grauens kaum mehr erwehren. Unbedingte Leseempfehlung!

 

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Dr. med. Anne Fleck

Ran an das Fett

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: Wunderlich;

·         ISBN-13: 978-3805200417

 

Geschickt vermarktet, locker lesbar, aber letztlich nur heiße Luft

 

Also wieder ein Buch zum Thema Ernährung, das in seinem Untertitel „Heilen mit dem Gesundmacher Fett“ auch noch Heilung verspricht. Das provoziert, denn wir alle haben irgendwie irgendwo gelernt, dass wir Fett reduzieren oder gar vermeiden sollten, dass Fett böse ist, dass es uns dick und krank macht. Und genau diese Provokation soll das Buch verkaufen helfen. Der Verlag zieht alle Register, um das Buch an den Mann bzw. an die Frau zu bekommen. Lesen Sie selbst den Ankündigungstext auf dem Buchrücken: „Ein weit verbreiteter Irrtum lautet: Wer gesund und schlank sein will, sollte sich fettiges Essen verkneifen. Unter dem Fettarm-Dogma hat sich die größte Übergewichtsepidemie aller Zeiten entwickelt und die weltweite Explosion chronischer Krankheiten verursacht. Dr. Anne Fleck, Deutschlands renommierte Präventiv- und Ernährungsmedizinerin, Pionierin auf dem Gebiet der Ganzheitsmedizin, läuft Sturm gegen veraltetes Wissen und liefert eine leidenschaftliche, wissenschaftlich fundierte Lösung, mit der Sie Ihre Gesundheit revolutionieren können. Denn Fett, clever eingesetzt, besitzt das geheime Potenzial, chronischen Krankheiten – u.a. Herz-Kreislauf-Krankheit, Übergewicht, Depression, Alzheimer und Krebs – vorzubeugen, sie zu lindern und sogar zu heilen. Dr. Anne Fleck erklärt, wie der Fettschwindel in unsere Köpfe kam und wie wir selbst ganz einfach mit gesundem Fett unseren Körper stärken und heilen können.“

 

 Die Autorin ist also „Pionierin der Ganzheitsmedizin“ (gab es wirklich niemanden vor ihr?). Und was ist überhaupt Ganzheitsmedizin? „Richtung der Medizin, die den erkrankten Menschen in seiner körperlichen und psychischen Gesamtverfassung zu erfassen und zu behandeln sucht… Also gehört doch noch ein wenig mehr dazu als das Thema Fett, nicht wahr?  Es wird eine wissenschaftlich fundierte Lösung versprochen, mit der der Leser seine Gesundheit revolutionieren kann. Wie kann man Gesundheit „revolutionieren“? Was ist das? Revolutionieren = umgestalten, verändern. Wie kann ich Gesundheit umgestalten bzw. verändern? Und warum sollte ich das tun? Ach ja, und das geheime Potenzial, das Fett besitzt, kann sogar Alzheimer und Krebs lindern oder gar heilen. Ja, das „geheime“(!) Potenzial – gut, dass Anne Fleck dieses Geheimnis kennt und uns offenbart. Wenn solche Aussagen auftauchen, sollte man als Leser sehr, sehr vorsichtig sein. Misstrauisch bin ich ganz grundsätzlich gegenüber medizinischen Autoren, die durchs Fernsehen tingeln, um sich selbst zu promoten und die sich berufen fühlen, Laien ihre Sicht der Welt zu erklären, dabei tatsächlich nicht vor Heilsversprechungen zurückschrecken. Und dieses Buch funktioniert wie so viele „Ratgeber“, indem es ein Feindbild ausmacht und dann im Umkehrschluss die eigenen Thesen als die einzig wahren und wirklichen Erkenntnisse entwickelt.

 

Um es kurz zu machen: Das Buch ist zugegebenermaßen sehr lesefreundlich und locker geschrieben. Es enthält auch eine Fülle von richtig wiedergegebenen Informationen und Geschichten aus der Medizinhistorie. Dennoch sind nicht alle Folgerungen bzw. „Lösungen“, die Anne Fleck ableitet, zwingend korrekt, vor allen Dingen von ihr nirgends „wissenschaftlich belegt“, wie der Verlag behauptet. Verwunderlich ist insbesondere, dass ich im Buch nichts finden konnte, was auf den aktuellen Ernährungsbericht der DGE hinweist. Der ist zwar nicht so unterhaltsam zu lesen, aber er offenbart doch, dass wir, was das Fett-Essverhalten angeht, gar nicht so schlecht dastehen. Das Buch ist also, insbesondere was seine Panikmache betrifft, absolut unnötig.

 

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Dörthe Binkert

Frauen und Bäume

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851794120

 

Wieder eine faszinierend-kluge Bilderreise

 

Diese Buchreihe aus dem Thiele Verlag ist für mich eine der schönsten, die ich kenne. Es sind Bücher, die man im Regal quer stellt, weil das Cover jeweils  so schön ist, dass man es stets vor Augen haben möchte. Es sind Bücher, die man immer und immer wieder in die Hand nimmt, darin blättert und jedes Mal etwas Neues entdeckt. Bücher, die uns auf schwindelnd schnelle Zeitreisen in die Welt der Kunst schicken. Und deren Texte uns lehren, genau und noch genauer hinzuschauen.

 

Nun habe ich ein weiteres unglaublich schönes, die Sinne berührendes Buch aus dieser Reihe seit Wochen bei mir: Frauen und Bäume. So viel sperriger als „Frauen und ihre Katzen“ oder  „Frauen und Rosen“, dachte ich. Schwieriger, so glaubte ich, weil hier Weibliches und Männliches zusammen kommt. Der Überbegriff  Baum: maskulin, rau, stark. Der Unterbegriff Weide, Linde, Ulme: weiblich, feingliedrig, differenziert. Beim Vertiefen in das Buch, in den wie immer  außerordentlich klugen, wissensreichen Text von Dörthe Binkert, verstand ich jedoch schnell die besondere Faszination der Kombination Frau und Baum. Denn gerade die verschiedenen mythischen, märchenhaften, geheimnisvollen, symbolischen Bedeutungen des Baumes waren reicher schöpferischer Quell der Künstler durch die Zeiten hinweg. Es gelingt der Autorin perfekt, die Stärke der Bäume in Verbindung zu setzen mit den besonderen Stärken der Frauen, mit Eva im Paradies, mit den Nymphen und Feen, mit sich in Bäume verwandelnde Frauen, mit Frauen, die sich mehr und mehr in das Grün, in die Natur, in träumerische Zeiten verlieren. Aber auch die Frucht tragenden Bäume bergen eine den Frauen verwandte Symbolik in sich. Der Baum als Schutz und Geborgenheit gebend, als Tröster, als verschwiegener Freund, als Bewahrer besonderer Verbindungen durch eingeritzte Initialen – schier unerschöpfliche Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung werden in diesem Buch offenbar. Jedes der vielen gezeigten Bilder spricht eine andere Sprache, lässt uns eine andere Facette des Themas schauen, ruft eine andere Stimmung hervor. Nicht zu vergessen die Deutung C.G. Jungs, den Baum als Mutter- bzw. Wiedergeburtssymbol zu sehen. Und wer sich mit Peter Wohlleben beschäftigt, weiß auch, dass Bäume miteinander kommunizieren, ein unsichtbares Netzwerk bilden. All dies und noch viel mehr erlebe ich in diesem Buch, schauend und lesend. Immer wieder.

 

Doch genug geschrieben: Blättern Sie selbst in diesem Buch, tauchen Sie ein, entdecken Sie, genießen Sie…

 

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Andree Metzler

Der Unfall

 

Acabus Verlag (digitale Ausgabe) 

 

 

 

Ein Lektorat hätte dem Buch gut getan

  

 

Dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe, spricht für einen flüssigen, durchaus spannenden Erzählstil. Aber…

 

So wird der Inhalt von Verlagsseite beschrieben: Meli van Bergen ist eine erfolgreiche Immobilienmaklerin. Sie führt ein Leben auf der Überholspur, bis ein Unfall sie jäh ausbremst: Querschnittslähmung. Rollstuhl. Depression. In der Reha lernt sie den fröhlichen Therapeuten Tom kennen, der ihr zeigt, dass das Leben noch immer lebenswert ist. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen in ein einsames Haus am See. In der freien Natur, ohne Telefon und Internet, lebt Meli wieder auf. Doch unmerklich holt die Vergangenheit sie wieder ein. Die perfekte Idylle bekommt Risse und Meli muss plötzlich um ihr Leben kämpfen …“

 

Das Buch ist weitgehend im Präsens geschrieben, ausgenommen Erinnerungen. Das macht das Geschehen intensiver, auch die detailreichen Beschreibungen tragen zur Lebendigkeit des Miterlebens bei. Besonders eindringlich fand ich z. B. Melis Traumsequenz auf der Intensivstation. Und schön wie Aquarellzeichnungen wirken die Naturbeschreibungen. All das gefiel mir sehr gut, auch dass es dem Autor gelingt, beim Leser ein unheimliches Gefühl aufziehen zu lassen, das sich zunehmend verstärkt. Aber – jetzt kommt das große Aber. Die positiven Eindrücke sind nicht konstant. Der Schreibstil wirkt in manchen Passagen geradezu ungelenk, gewollt, die Handlung sowohl vorhersehbar als auch letztlich unglaubwürdig, zu sehr konstruiert und in eigentlich wichtigen Sequenzen nicht ausgearbeitet. So bleibt dem Leser zum Beispiel letztlich verborgen, auf welche Weise es Tom gelungen ist, Meli von einer autarken, starken Persönlichkeit zu einem ängstlichen, abhängigen Mäuschen zu verwandeln. Es fehlt an psychologisch nachvollziehbaren Mechanismen, die dies verständlich gemacht hätten. Überhaupt wirken die Protagonisten meist puppenhaft, konstruiert, unecht. Die „eingestreuten“ Träume verwirren den Leser. Die detailliert beschriebene sexuelle Szene ist unnötig, dient in keiner Weise der Handlung. Gab es kein Lektorat? Und gab es keinen Korrektor, dem die Rechtschreibfehler aufgefallen wären (wie z. B. Spint statt richtig Spind)?  Fazit: Unterhaltsam zu lesen, aber verbesserungsfähig.

 

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Hank Green

Ein wirklich erstaunliches Ding

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft, bold

·         ISBN-13: 978-3423790406

·         Originaltitel: An absolutely remarkable thing

 

Keine Ahnung, wozu dieses Buch gut sein soll

 

Tja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Dass ich nicht weiß, wozu man es lesen sollte? Dass ich es nach anfänglichen ernsthaften Versuchen des Lesens nur mehr quergelesen habe? Dass ich es schließlich ratlos weggelegt habe?

 

Der Einfachheit nutze ich als Einführung den Klappentext: „Ein paar Klicks, ein kurzer Film, eine spontane nächtliche Aktion – und Aprils Leben steht auf dem Kopf. Eigentlich hatte sie nur eine mysteriöse, aber beeindruckende Roboter-Skulptur gefilmt und ins Netz gestellt und ihr aus Spaß den Namen CARL gegeben – nichts Besonderes eigentlich, doch als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie berühmt. Überall auf der Welt sind Carls aufgetaucht, niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, wofür sie gut sind. April wird zur Carl-Expertin, die Medien stürzen sich auf sie, ihre Videos verbreiten sich millionenfach. Doch im Zentrum der weltweiten Hysterie erntet sie nicht nur Likes...“

 

Kurzweilig ist es geschrieben, das muss man sagen. Leicht lesbar ist es auch. Nicht schön ist die Sprache, oftmals eher ordinär oder primitiv, immer eher Umgangssprache. Das mag ich nicht. Und unverständliche Wörter, die vielleicht manche Jugendliche kennen oder Nerds, mag ich auch nicht. Vielleicht könnte man das Buch auch streckenweise als  witzig und schräg bezeichnen, mag sein. Aber letztlich bleibt die ratlose Frage übrig: Wozu soll man es lesen? Dass es möglich ist, das fiktive Leben in der Social-Media-Welt als (Pseudo-)Realität zu erleben? Dass es möglich ist, finanziellen und persönlichen Wert aus der Zahl der Likes und Followers zu ziehen. Wissen wir. Ja, und? Also: Warum überhaupt dieses Buch? Ich habe absolut keine Ahnung.

 

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Wladimir Kaminer

Die Kreuzfahrer

 

 

·         Audio CD

·         Verlag: Random House Audio

·         ISBN-13: 978-3837142822

 

Langweilig

  

Was für ein großartiges Thema für Kaminer, so dachte ich. Kreuzfahrten zu allen Sehenswürdigkeiten der Welt, während derer es in der Hauptsache um Essen und Trinken geht und um das Bemühen, den Kreuzfahrern keinen Moment, ja keine Sekunde der Langeweile zuzumuten. Das war doch genau die Szenerie, in der Kaminer zu Höchstform auflaufen könnte, dachte ich. Und so erwartete ich Pointen und freundlich-entlarvende Szenenschilderungen in der gewohnten Kaminer-Weise.

 

Was ich jedoch erhielt, war genau die Langeweile, die es doch eigentlich zu vermeiden galt, nicht nur bei den Kreuzfahrern, sondern auch bei Lesern bzw. Hörern. Sicher, Kaminer nimmt sich auch hier selbst auf den Arm. Hin und wieder spürt man seinen verhaltenen, leicht bissigen Humor, aber alles in allem ödete mich die Hörbuch-Fassung an. Zumal mir die vorsätzlich kultiviert-russische, etwas grobschlächtig wirkende Aussprache von Wladimir Kaminer zunehmend auf die Nerven ging. Da habe ich ihn schon viel scharfzüngiger und unterhaltsamer erlebt.

 

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Anna Simons

Verborgen

 

 

·         Taschenbuch: 432 Seiten

·         Verlag: Penguin Verlag

·         ISBN-13: 978-3328102892

 

 

Intensiv-spannend

 

Den ersten Fall für die Gefängnisärztin Eva Korell habe ich sehr gerne gelesen. Das Buch war leicht lesbar, dabei durchweg spannend und macht mir durchaus Neugier auf die weiteren Bücher, verfasst von Anna Schneider alias Anna Martens alias Anna Simons.

 

Eva beginnt in einer neuen Stadt einen neuen Job, um die bösen Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie startet als Gefängnisärztin in einer Münchner Haftanstalt ihr neues Leben, doch noch bevor sie ihren ersten Arbeitstag mit all den neuen, teils beunruhigenden Erfahrungen antritt, wird sie in eine merkwürdige Geschichte hineingezogen. Die Frau eines Inhaftierten bittet sie flehentlich um Hilfe, was Eva ablehnt, um nicht in Konflikt zwischen Beruf und Privat zu geraten. Doch am nächsten Tag ist genau diese Frau verschwunden. Eva macht sich große Vorwürfe und versucht, auf eigene Faust die seltsame Geschichte aufzuklären, wobei sie, ohne es zu ahnen, selbst in allergrößte Gefahr gerät.

 

Die Geschichte ist insgesamt sehr gut ausgearbeitet und wird kurzweilig und schlüssig erzählt. Sie hält von Anfang bis Ende einen konstanten Spannungsbogen aufrecht, der sich zum Schluss hin nochmals intensiviert. Die Protagonisten wirken authentisch und realistisch, insbesondere Eva stellt sich in ihrer unbeirrbar ehrlichen Haltung als sehr sympathisch dar. Die Autorin kennt sich überraschend gut aus in der Welt der Gefängnisse, in der Welt der Borderline-Erkrankten, in der Welt der unterdrückten und männlicher Gewalt ausgesetzten Frauen und beschreibt all dies bildhaft und für den Leser intensiv nachvollziehbar. Mitunter wurde mir das viele Gedankenkreisen einzelner Protagonisten zu lang, zu ausufernd, insbesondere bei Eva. Auch wird der Ehrenkodex, dem Eva unterliegt etwas zu oft breitgetreten. Hier wäre die eine oder andere Straffung des Textes dem Buch dienlich gewesen. Insgesamt handelt es sich jedoch um einen Krimi, den ich gerne und zügig gelesen habe und der, ohne blutrünstig zu werden, dennoch intensiv-spannend geschrieben ist.

 

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Barbara van den Speulhof, Stephan Pricken

Der Grolltroll

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 32 Seiten

·         Verlag: Coppenrath

·         ISBN-13: 978-3649628934

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 36 Monate - 6 Jahre

 

 

Erste Hilfe für Zornbinkerl

 

Wer kleinere Kinder hat oder hatte, kennt sie zur Genüge: Diese finsteren Momente, in denen das Kind aus scheinbar nichtigem Anlass in einen Strudel von ohnmächtiger Wut und Verzweiflung gerät, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Und der betreuende Erwachsene hat gleichermaßen mit wachsender Hilflosigkeit und zunehmendem Ärger zu kämpfen.  Wie gut, dass der Coppenrath-Verlag dieses großartige Erste-Hilfe-Buch für Zornbinkerl (bayerisch) herausgab, das man im Übrigen auch manchem Erwachsenen schenken möchte…

 

Allein schon der Titel dieses großformatigen Bilderbuches ist Programm: Der Grolltroll – eine geniale Wortschöpfung, dessen Aussprache mit drohend-rollendem r allein schon der Inbegriff von Zorn ist (und übrigens bei unerwartetem Gebrauch urplötzlich zu entspannendem Gelächter führen kann.) Jedenfalls ist der Grolltroll ein armer Kerl, denn alle und alles hat sich gegen ihn verschworen, und nie, niemals, ist er an irgendetwas selbst schuld. Und wenn er dann so ganz unschuldig von  Wut überrollt wird und die Rauchwölkchen über seinem Kopf wabern, dann ist er allein, alleiner kann man gar nicht sein…

 

Die wunderschönen, ausdrucksstarken Illustrationen von Stephan Pricken sind so lebendig, so farbenfroh, so aussagekräftig, so detailreich, dass man sie immer und immer wieder anschauen mag. Und wenn Stimmungsgewitter aufziehen wollen, egal ob bei Kleinen oder Großen, dann empfiehlt sich als Sofortmaßnahme, sich schnell zusammen zu setzen und die Welt von Grolltroll anzuschauen. Bei diesen fröhlichen, liebevollen Bildern werden Zorn und schlechte Laune ganz schnell vergessen, bei Groß und Klein. Gerne leiste ich der Weisung des Grolltrolls Folge, die ich zu Anfang des Buches fand: „Sei bloß lieb zu diesem Buch!“ Gar keine Frage!

 

 

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Pierre Lemaitre

Die Farben des Feuers

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 479 Seiten

·         Verlag: Klett-Cotta

·         ISBN-13: 978-3608963380

 

 

Fordert volle Aufmerksamkeit

 

Ein Buch, das mich einerseits faszinierte, mich fesselte, aber auch streckenweise langweilte. Ein Buch, das es mir einerseits schwer machte, es zu mögen, andererseits hinreißende Szenen enthielt. Ein Buch, das viel Zeit und die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert.

 

Zentrum allen Geschehens ist Madeleine, Tochter und Alleinerbin des berühmten französischen Bankiers Marcel Péricourt. Am Tag der Beerdigung von Marcel Péricourt stürzt Madeleines Sohn Paul aus dem 2. Stock. Er überlebt, bleibt aber gelähmt. Madeleine liebt ihren Sohn abgöttisch und unternimmt alles Erdenkliche, um ihm sein Schicksal zu erleichtern. Doch sie ist von Neidern umgeben. Im Jahr 1927, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, bestimmen Habgier,  Börsenskandale und politische Wirrnisse die Geschehnisse. Und so gelingt es tatsächlich diesen Neidern, das Bankimperium zu Fall zu bringen und damit Madeleine und ihren Sohn in die Armut zu stürzen.. Doch Madeleine zieht für ihren Sohn auf einen raffinierten Rachefeldzug.

 

Die Erzählweise des Autors ist streckenweise nicht ganz einfach zu lesen. Lange Sätze schildern oft ganze Welten, meist innere Welten, in einer überaus gepflegten Sprache, in die man sich einlesen muss. Kleine eingestreute Bosheiten, ein fein-entblößender Humor würzen das Geschehen. Viele Namen tauchen auf, die teils verwirren. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass ich immer wieder neu nach dem roten Faden angeln musste. Durch die Fülle der Namen, der Liebschaften, der Intrigen und der wirtschaftlich-politischen Exkurse ging mir dieser rote Faden oftmals verloren, tauchte dann unerwartet plötzlich wieder auf, intensiv und beeindruckend. Die Protagonisten blieben mir leider irgendwie fern. Sie agieren wie in einem Historienfilm, kostümiert, etwas blutleer, in übergestülpten Rollen. Lebendig-fesselnde Schilderungen wechseln ab mit mich etwas ermüdenden trocken-politischen Ausführungen.

Als Fazit ausgedrückt wirkte das Buch auf mich wie ein großer, mit viel Aufwand und akribischer Recherche ausgearbeiteter historischer Film, in dem es eine Fülle von außerordentlich malerischen Szenen mit geistreichen Dialogen zu bewundern gilt, der aber letztlich keine Emotionen hervorruft und den Leser in einer distanzierten bewundernden Achtungshaltung zurücklässt.

 

 

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Das Lexikon der Geistesblitze

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851794328

 

 

 

Mehr Bescheidenheit wäre angebracht

 

Dieses Lexikon hat mich über Wochen beschäftigt. Es ist ja nicht „einfach so“ zu lesen. Es kommt mit dem Anspruch daher, mir mehr Schlagfertigkeit zu ermöglichen, mich auf dem Parkett des Small Talk fit zu machen. Frech will es sein, dieses Lexikon, und geistreich, eine Alternative zu herkömmlichen langweiligen Zitatenwälzern. Es kommt also sozusagen als Kraftprotz daher, als muskelspielender Angeber. Es verspricht Großes in der Verlagsankündigung…

 

Und weil ich auch großen Sprüchemachern eine Chance geben möchte, nahm ich das Buch immer und immer wieder in die Hand, blätterte herum, las hier, las dort, lächelte ab und zu, dachte ein paar Minuten nach, gähnte hin und wieder, legte es wieder zur Seite, holte es später wieder hervor. So ging es über Wochen. Und was soll ich sagen: Ich bin nicht schlagfertiger geworden. Ich bin nach wie vor untauglich für Small talk. Weder Lachsalven noch Aha-Erlebnisse rissen mich aus meinem Gleichmut, mit dem ich wochenlang in kleinen Etappen durch das Buch gewandert bin.

 

Schön aufgemacht ist es zweifelsfrei, dieses Lexikon. Der dunkelrote Leinenrücken, die ansprechende Typographie, das glatt-edle Papier, die im Buch immer wieder auftauchenden im alten Stil  gezeichneten „Handreichungen“ – all das ist liebevoll und ansprechend komponiert. Warum sich dennoch die Komposition nicht zu einer Sinfonie zusammenfügt, höchstens vielleicht gerade mal zu einer kleinen Etüde, einer Fingerübung also, das mag an der Auswahl der Zitate liegen. Sie sind alphabetisch nach Schlagwörtern sortiert. Von „Abend“ über „Fortschritt“ und „Miststück“ bis „Zweifel“ sammeln sich Aussprüche, die teils abgedroschen und trivial sind, teils überraschend, mitunter vertraut-humorvoll, mal mit Augenzwinkern zitiert, mal geistreich. All das durchaus, aber eines sind sie garantiert nicht, nämlich das, was der Verlag behauptet: „… an Witz nicht zu überbieten“. Ein bisschen mehr Bescheidenheit würde dem Buch gut tun.

 

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Mein großes Räuber Hotzenplotz Rätselbuch

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 128 Seiten

·         Verlag: Thienemann Verlag

·         ISBN-13: 978-3522185042

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 - 8 Jahre

 

Viele Stunden fröhliche Unterhaltung

 

Die Räuberfans haben es schon längst mitbekommen: Räuber Hotzenplotz ist seit Monaten wieder aktiv, taucht mal hier mal dort auf. In Buchhandlungen, auf Stadtfesten, in Bibliotheken liebt er es, kleine und große Leute zu erschrecken und genießt sichtlich, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. In der Mitmachausstellung in Stuttgart ist er noch bis zum 23. Juni 2019 die Hauptattraktion. (www.junges-schloss.de)

 

Und so wundert es nicht, dass der Thienemann Verlag Räuber Hotzenplotz zu Ehren ein wunderbares, großes Rätselbuch auf den Markt gebracht hat – so liebevoll und ideenreich ausgestaltet, dass es seinesgleichen sucht. Da gibt es für jeden kleinen Hotzenplotz-Fan die passenden Rätsel. Das Buch enthält eine Fülle von Aufgaben, spaßig, originell, zum Überlegen, zum genauen Hinschauen, zum Malen, zum Fantasieren, über 100 Räuberrätsel in unterschiedlichen Schwierigkeiten. Das herrlich illustrierte Buch, das übrigens zu einem erstaunlich günstigen Preis angeboten wird, garantiert viele Stunden fröhliche Beschäftigung und macht damit Kinder und Eltern gleichermaßen froh.

 

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Andreas Gruber

Rachewinter

 

 

·         Taschenbuch: 592 Seiten

·         Verlag: Goldmann Verlag

·         ISBN-13: 978-3442486557

 

 

Gekonnt geschriebener Pageturner

 

Das vorliegende Buch war mein erstes von Andreas Gruber – und es war ganz sicher nicht mein letztes! 580 Seiten, die mich fesselten, die mich zwar an manchen Stellen aufregten oder ärgerten, aber niemals langweilten, ganz im Gegenteil

 

Allein schon der Prolog hat es in sich: Zwei Dachdecker beobachten im Penthouse  gegenüber Sexspiele, anschließend einen Mord und filmen schockiert das Geschehen. In verschiedenen Städten kommen mehrere vermögende Geschäftsleute auf unerklärliche Weise zu Tode. Eine geheimnisvolle Frau im roten Kleid taucht auf und verschwindet wieder. Die Anwältin Evelyn Meyers soll eine Verteidigung übernehmen, was sich zunehmend zur Farce entwickelt. Und Kommissar Walter Pulaski bleibt hartnäckig daran, die Einzelteile der angeblichen Unglücksfälle oder Selbstmorde zu sammeln, weil er Mord wittert. Obwohl er von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen wird, verbeißt er sich in die Fälle und gerät zusammen mit Evelyn schließlich in allerhöchste Gefahr.

 

Trotz Unkenntnis der Vorgänger-Bücher hatte ich keinerlei Mühe, mit den Protagonisten Kommissar Walter Pulaski und der Anwältin Evelyn Meyers schnell vertraut zu werden. Auch die verschiedenen Handlungsstränge führten mich nicht in Verwirrung, sondern verbreiteten vielmehr bereits von Anfang an eine unterschwellige Spannung. Die permanent wach gehaltene Neugier treibt zum Weiterlesen, zum Einsammeln der vielen Puzzle-Teile und zum unermüdlichen Rätseln. Mir gefällt der Schreibstil des Autors sehr gut. Er erzählt lebendig und fesselnd. Manchmal wird seine Fähigkeit, intensive Kopfbilder zu erzeugen, kaum erträglich durch allzu viel spritzendes Blut. Durch permanenten Szenenwechsel bleibt der Spannungsbogen durchweg erhalten. Im letzten Viertel des Buches wächst die Spannung nochmals von Seite zu Seite ins Unerträgliche, bis man schließlich atemlos und erschöpft zum Ende gelangt.

 

Das Thema Transgender bzw. Geschlechtsumwandlung, das mehr oder weniger pseudowissenschaftlich beleuchtet wird, und die Grausamkeit einzelner Szenen kann man kontrovers diskutieren. Was ich jedoch mehr als unpassend, unglaubwürdig und indiskutabel finde, ist die Einbeziehung von zwei halbwüchsigen Mädchen in die Ermittlungen, zwar erst heimlich, dann aber unter Absegnung von Walter Pulaski. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Dennoch bleibt mein positives Gesamturteil: Ein in der Summe überaus spannender Pageturner, gekonnt geschrieben, durchdacht und stimmig konstruiert.

 

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Otfried Preußler

Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 64 Seiten

·         Verlag: Thienemann Verlag

·         ISBN-13: 978-3522185103

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 - 8 Jahre

 

Liebenswert, aber eher ein Vorlesebuch für Kleinere

Das vorliegende Buch wird angekündigt als eine „neue Geschichte vom Hotzenplotz“. Natürlich ein wirksamer Werbegag, dem man nicht durch falsche Erwartungen auf den Leim gehen sollte.

 

Der geniale Kinderbuch-Autor ist 2013 gestorben. Da kann eine „neue Geschichte“ nur auf im Nachlass gefundenen Entwürfen beruhen. Und so ist „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ auch ein schmales Büchlein, das ursprünglich von Otfried Preußler als Puppenspiel geschrieben worden war und von Susanne Preußler-Bitsch zu einer Vorlese- und Erstlesegeschichte ergänzt wurde.

 

Seppel, Kasperl, Wachtmeister Dimpfelmoser und der Räuber Hotzenplotz passen in der Tat perfekt in ein Puppenspiel. Man sieht sie direkt vor sich auf einer Puppenbühne, klassische Figuren in einer Geschichte, in der Gut und Böse klar getrennt sind und das Böse durch kluge Rafinesse ausgetrickst wird. Einfach gestrickt, liebenswert, vergnüglich.

 

Besonders hervorzuheben sind die durchweg farbigen, wunderschönen, lebendigen Illustrationen von Thorsten Saleina, die das schlichte Büchlein auf beste Weise bereichern. Ich würde aus meiner Sicht die Geschichte als Vorlesebüchlein einsetzen und deshalb das empfohlene Alter auf 4-6 Jahre herabsetzen.

 

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Angelika Felenda

Herbststurm

 

 

·         Broschiert: 437 Seiten

·         Verlag: Suhrkamp Verlag

·         ISBN-13: 978-3518469231

 

 

 

Nicht Fisch und nicht Fleisch

 

 

Dies war mein erstes Buch von Angelika Felenda. Zweifellos zeichnet sich das Buch aus durch einen gekonnt-routinierten Schreibstil, dennoch habe ich zweimal mit längeren Pausen das Lesen unterbrochen und erst nach einer Weile neu gestartet. Etwas, was mir nur ganz selten passiert. Und was ich mir nicht wirklich erklären kann, denn eigentlich ist das Buch flüssig zu lesen.

 

Der Kriminalroman spielt in den Kreisen russischer Exil-Monarchisten, die sich nach der Oktoberrevolution in München niedergelassen haben. Diese Zeit der galoppierenden Inflation und der stets drohenden Gefahr von Anschlägen bietet eine nicht einschätzbare und durchaus gefährliche Kulisse für die Ermittlungen des Kommissar Reitmeyer in zwei Mordfällen. Seinem jungen Assistenten Rattler, eigentlich klug und kriminalistisch sehr geschickt, wird von einer schönen Deutschbaltin der Kopf verdreht. Dazu ist zeitgleich Reitmeyers bester Freund, der Rechtsanwalt Leitner, im Auftrag einer russischen Emigrantin auf der Suche nach deren verschwundener Tochter Anja Alexandrowa. Was haben die beiden Morde mit dem Verschwinden der Russin zu tun? Und welche Rolle spielt die verführerische Deutschbaltin? Die Ermittlungen führen immer tiefer in verschiedene Milieus, in die der Armen und der ganz Reichen, die der Spelunken, der Bars, die der aufflammenden rechtsorientierten Gruppierungen und in die der Musikkonzerte für Privilegierte. Eine Auflösung bietet der Kriminalroman erst zum spektakulären Schluss.

 

Die Autorin fängt das Lebensgefühl dieser Zeit sehr gut ein. Sie zeichnet anschaulich und lebendig, wie die Inflation das tägliche Leben der Menschen zusehends beeinträchtigt, wie aufkeimende Fremdenfeindlichkeit und rechte Gesinnung Fuß fassen. Dennoch konnte mich das Buch nicht packen. Die Protagonisten blieben für mich bis zum Schluss blass und distanziert-fremd. Die Handlung mäandert zwischen Politik und Krimi etwas unentschlossen hin und her und geht daher weder im politischen Zeitbild noch im Krimigeschehen noch in der Psychologie der Protagonisten wirklich in die Tiefe. Manche Handlungsstränge verlaufen im Nichts. Über viele, viele Seiten hinweg fehlt jegliche Spannung. Die Vermischung von Kriminalroman und geschichtlichem Roman ist meiner Meinung nach nicht geglückt, da keines der beiden Genres optimal bedient wird: die Kriminalgeschichte wird zu langatmig dargestellt, sie wird von den geschichtlichen Aspekten fast verschluckt. Und die historisch-politische Romangestaltung bleibt letztlich zu oberflächlich, wird durch das Krimigeschehen gewissermaßen als Kulisse missbraucht. Ein Buch, das gewissermaßen nicht Fisch und nicht Fleisch ist.

 

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Takis Würger

Stella

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

·         Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         ISBN-13: 978-3446259935

 

 

Sensibel und brutal gleichermaßen

 

 

Als ich Takis Würger bei einer Lesung seines ersten Buches Der Club beobachten konnte, erschien er mir seltsam zwiegespalten. Einerseits unerfahren, unsicher, fast ein wenig linkisch, auf der anderen Seite auf eine vornehm-sichere und privilegierte Weise von sich überzeugt. Und ebenso zwiegespalten erscheint mir das vorliegende Buch: sowohl leise-vorsichtig, scheu, als auch von einer inhaltlichen und sprachlichen Wucht, wie sie kaum zu ertragen ist.

 

Der Klappentext lässt uns nur Fakten wissen: „Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt.“ Was im Klappentext jedoch fehlt, ist für mich ein entscheidender Teil der Geschichte. Denn Friedrich war nicht immer so still gewesen. Seine Vorgeschichte, wie und warum es zu seiner entstellenden Gesichtsverletzung kam, wie er dadurch die Liebe seiner Mutter und noch viel mehr verlor, das ist aus meiner Sicht die Grundlage des Buches, denn es steht Friedrich im Mittelpunkt, nicht Stella. Es wird mit den Augen Friedrichs das Geschehen, sowohl das politische als auch das individuelle, beobachtet, und für den Leser wird nachvollziehbar, weshalb Friedrich eher passiv und leidend geschehen lässt, was geschieht. Seine bedürftige, obsessive Liebe zu Stella verschließt ihm die Augen vor den Wahrheiten um ihn herum.

 

Die Erzählweise ist besonders. Schlichte Wörter, schlichte Sätze, und dabei eine so dichte Atmosphäre schaffend und so treffgenau, wie es manch einem Autor mit vielen Wörtern und langen Sätzen nicht gelingt. „Berlin ist ein Ort, an dem sogar Friseure sagen, was sie denken.“ An anderen Stellen knallen dem Leser die kurzen Sätze nur so um die Ohren, dass man sich ducken möchte vor den Bildern, die angeschossen kommen. Ein Buch, sensibel und brutal gleichermaßen, Fakten und Fiktion genial vermischend. Ein großes Buch.

 

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Un-Su Kim

Die Plotter

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958902329

 

 

Verspricht viel, ohne es zu halten

 

 

Das Gute zuerst: Die Buchgestaltung ist ein absoluter Blickfang! Auf dem Cover sieht man eine weiße Pompondahlie auf schwarzem Grund, ein Bild, das Reinheit suggeriert. Jedoch diese Reinheit wird zerstört, indem das gesamte Buch einschließlich Cover und Seitenschnitt dicht übersät ist mit leuchtend roten Blutspritzern. Perfekter gestalterischer Einstieg also für einen Thriller. 

 

Für den Inhalt bemühe ich ausnahmsweise den Klappentext: Raeseng ist Killer von Beruf, seit ihn Old Raccoon als Kind bei sich aufnahm und ausbildete. Aufgewachsen an einem geheimen Rückzugsort in Seoul, einer Bibliothek voller alter Bücher, gehört er zur Killer-Elite Koreas. Denn Old Raccoon ist ein Plotter. Als Kopf der Organisation »Library of Dogs« hat er seit Jahrzehnten alle politisch gewollten Exekutionen in Korea geplant. Doch als die Macht der Diktatur schwindet, gerät auch der Einfluss der Plotter ins Wanken – und eine neue Generation beginnt, ihr eigenes tödliches Netzwerk aufzuziehen. Als Raeseng vom Plan der Plotter bei der Ausführung eines Auftrags abweicht, geraten die Dinge außer Kontrolle – und Raeseng rückt selbst an die erste Stelle der Todesliste …

 

Die Leseprobe, der Einstieg ins Buch, hatte mich fasziniert. Die Schreibweise wirkte auf mich ruhig und intensiv und dadurch sehr, sehr eindringlich. Allein schon die Walgeschichte, die in der Leseprobe erzählt wird, lässt den Leser nicht mehr los. Tja, das war es aber dann auch. Je weiter ich las, desto mehr verlor ich das Interesse. Ich empfand das Buch zunehmend als langweilig, schleppend – und am Ende fragte ich mich, was das ganze Buch eigentlich soll. Auch der Schreibstil, der mich zu Beginn des Buches so fasziniert hatte, verlor im weiteren Verlauf zunehmend an Intensität, wirkte teilweise fast holprig. Mag sein, dass ich aufgrund meiner mangelnden Kenntnis, Südkorea betreffend, den Sinn des Buches nicht verstehe. Vielleicht liest jemand mit entsprechendem politischen Hintergrundwissen das Buch mit mehr Gewinn. Wie auch immer -  als Thriller würde ich das Buch nicht bezeichnen. Damit weckt man, wie ich glaube, völlig falsche Erwartungen.