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Alessandro Piperno

Wo die Geschichte endet

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 304 Seiten

·         Verlag: Piper

·         ISBN-13: 978-3492058681

·         #WodieGeschichteendet

 

Ein feiner, ein großer Roman

 

Das Cover setzt den Titel des Buches auf besondere Weise bildhaft um: Das Ende eines Mahls, verstreute Brösel, halbleere Gläser, die weißen Mäuse tanzen auf dem Tisch… Wie soll ich nur dieses besondere Buch beschreiben?

 

Mit dem Inhalt mache ich es mir leicht und greife auf den Verlagstext zurück: „Vor sechzehn Jahren musste Matteo aus Rom fliehen, nun kehrt er zurück. Gekonnt pariert er alle Angriffe seiner Ehefrauen – Nummer vier verlangt seine sofortige Rückreise in die USA, Nummer zwei hat noch immer nicht die Scheidung eingereicht –, während seine Kinder die ganze Härte des bürgerlichen Lebens trifft: Martina findet nach einem Kuss nicht in ihre Ehe zurück, und Giorgio hat alle Hände voll zu tun, seit die feine Gesellschaft Roms in seinem Restaurant ein und aus geht. Als ein Unglück sie alle ins Bodenlose stürzt, verkehrt sich die Posse in eine handfeste Tragödie.“

 

Aber ist der Inhalt tatsächlich das Wichtigste an diesem Buch? Die Menschen, die man kennenlernen darf, sind wichtig, das ja, aber nicht unbedingt in ihren Interaktionen, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sie uns vorgestellt werden. Da ist zum Beispiel Federica Zevi, von der es heißt, sie sei „wie ein Jaguar aus dritter Hand, den die Vorbesitzer regelmäßig haben warten lassen“. Wichtiger als der Inhalt ist mir an diesem Buch demnach eindeutig der Schreibstil. Was für eine wunderbar sorgsame Sprache, samtweich in ihren Wortwendungen und dabei pfeil-genau treffend. Ich habe das Buch „sorgsam“ gelesen, langsam, manche Wendung sogar laut und mehrmals, weil sie sich so schön anhören, so zart und warm, wie sich das Fell von Perserkatzen anfühlt, doch mit darunter lauernden Krallen. Was für eine Schreibekunst: Genau in dem Moment, an dem man sich der Weichheit samtiger Worte hingeben möchte, trifft man auf die untergemixte feine, kleine Prise Humor, gewachsen aus messerscharfer Beobachtung und bildgenauer Beschreibung. Manchmal hatte ich das Gefühl, in einem Roman aus dem 19. Jahrhundert gelandet zu sein, so nach innen gekehrt und gefühlvoll wird erzählt. Dann aber wird mit einer einzigen Redewendung die Romantik spröde zerstört. Die Menschen sind allesamt getragen von ihrer Sehnsucht, Wunsch und Möglichkeit deckungsgleich zu bringen, und sie werden in ihrer individuellen Unausweichlichkeit gleichermaßen klar-präzise und zärtlich beschrieben. Was folgerichtig und konsequent berichtet wird, zerfällt – fast unmerklich – immer mehr und mehr in seine Einzelteile, bis die individuelle und die gemeinsame Geschichte der Protagonisten in einer dramatischen Wendung zerbricht,  wobei Matteo, dieser Gesetzlose, dieser Exzentriker, dieser Blender, auch im Zerfall das Epizentrum ist und bleibt. Wie heißt es im Buch so schlicht: „Eine Geschichte endet, wenn einer der beiden nicht mehr mitmacht.“ So einfach, so schwer…

 

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Charlotte Link

Die Suche

 

 

·         Audible Hörbuch

·         Spieldauer: 18 Stunden und 41 Minuten

·         Version: Ungekürzte Ausgabe

·         Verlag: Random House Audio, Deutschland

·         #DieSuche

 

Ein absoluter Hörgenuss!

 

Die Bücher von Charlotte Link sind für mich seit Jahren eine Garantie auf spannende, gut geschriebene Unterhaltung. Hörbücher dagegen sind seit jeher schwierig für mich, da mich beim Hören oftmals die Konzentration verlässt. Insofern ließ ich mich mit sehr gemischten Gefühlen auf die vor mir liegenden 14 ½ Stunden Hörbuch ein. Und was soll ich sagen: Die Schreibekunst der Autorin ging mit der Lesekunst der Schauspielerin Claudia Michelsen eine so ideale Verbindung ein, dass mich die Spannung und Konzentration von Anfang bis Ende nie verließen.

 

Der Inhalt wird vom Verlag so vorgestellt:  „In den Hochmooren Nordenglands wird die Leiche der ein Jahr zuvor verschwundenen 14-jährigen Saskia Morris gefunden. Kurze Zeit später wird ein weiteres junges Mädchen vermisst, die ebenfalls 14-jährige Amelie Goldsby. Die Polizei in Scarborough ist alarmiert. Treibt ein Serientäter sein Unwesen? In den Medien ist schnell vom Hochmoor-Killer die Rede, was den Druck auf Detective Chief Inspector Caleb Hale erhöht. Auch Detective Sergeant Kate Linville von Scotland Yard ist in der Gegend, um ihr ehemaliges Elternhaus zu verkaufen. Durch Zufall macht sie die Bekanntschaft von Amelies völlig verzweifelter Familie und wird zur unfreiwilligen Ermittlerin in einem Drama, das weder Anfang noch Ende zu haben scheint. Und dann fehlt erneut von einem Mädchen jede Spur...“

 

Das Buch lebt besonders von der detaillierten psychologisch stimmigen Ausgestaltung der Protagonisten, allen voran Kate Linville, Beamtin des Scotland Yard, aber natürlich auch von dem äußerst geschickt komponierten Plot und den atmosphärisch und farbig gezeichneten Landschaften und Stimmungen. Die fesselnde, undurchsichtige Geschichte nimmt so manche überraschende Wendung, und man bleibt sehr, sehr lange völlig im Unklaren. Claudia Michelsen liest klar, einfühlsam und stets so, als sei sie immer wieder selbst überrascht vom Geschehen. Für mich ein rundum empfehlenswertes Hörvergnügen!

 

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Dolores Redondo

Alles was ich dir geben will

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 608 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442757657

 

600 Seiten Lesegenuss pur

 

Über dieses Buch kann ich nur schwärmen. Was für ein wunderbarer und kluger Roman! 600 Seiten prall voll, und jede einzelne Seite ein Lesegenuss!

 

Der Verlag kündigt das Buch so an: „Als der Schriftsteller Manuel Ortigosa erfährt, dass sein Mann Álvaro bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, eilt er sofort nach Galicien. Dort ist das Unglück passiert. Dort ist die Polizei auffallend schnell dabei, die Akte zu schließen. Dort stellt sich heraus, dass Álvaro ihn seit Jahren getäuscht und ein Doppelleben geführt hat. Doch was suchte Álvaro in jener Nacht auf einer einsamen Landstraße? Zusammen mit einem eigensinnigen Polizisten der Guardía Civil und Álvaros Beichtvater stellt Manuel Nachforschungen an. Eine Suche, die ihn in uralte Klöster und vornehme Herrenhäuser führt. In eine Welt voller eigenwilliger Traditionen – und in die Abgründe einer Familie, für die Ansehen wichtiger ist als das Leben der eigenen Nachkommen.“

 

Dieser Roman ist so Vieles:  ein großer Familienroman, eine einfühlsame Charakterstudie, er ist ein spannender Kriminalroman und er ist auch eine Hommage an Galicien und seine besonderen Bewohner. Er ist so vielfältig, wie Menschen und deren Gefühle im Guten wie im Schlechten nur sein können, und er ergreift den Leser mit Haut und Haaren. Bewundernswert, wie die Autorin es schafft, all die feinen Gesten der Interaktion und Kommunikation zu schildern, die weit über das tatsächlich Gesagte hinausgehen. Jede einzelne Sequenz, jede einzelne Szene ist detailreich-liebevoll und feinfühlig auserzählt, und der Leser sieht, hört, riecht und schmeckt alles Geschilderte, als sei er unmittelbar dabei. Selbst das geradezu opernhaft theatralisch anmutende Ende passt irgendwie in den Rahmen der großen Spannbreite zwischen Adel und Personal, zwischen Standesdünkel und Einfachheit. 

 

Rundum: „Alles was ich dir geben will“ ist ein Roman, wie er schöner nicht sein könnte: farbig, gefühlvoll, spannend, lebendig, klug, packend, malerisch – und niemals langweilig. Unbedingt lesen!

 

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Raffaella Romagnolo

Bella Ciao

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 528 Seiten

·         Verlag: Diogenes

·         ISBN-13: 978-3257070620

 

Man muss sich einlesen

 

 

Das wunderschöne, ausdrucksstarke Cover in bester Diogenes-Tradition zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Marguerite Kelsey“ von Meredith Frampton, einem Maler, der zwischen 1920  und 1940 als Porträtist wirkte. Leider setzte eine zunehmende Sehschwäche seiner präzisen Malerei ein frühes Ende. Marguerite Kelsey war ein zur damaligen Zeit bekanntes Künstlermodell, das insbesondere deswegen sehr beliebt war, weil es Haltung und Pose außergewöhnlich lang halten konnte. Gibt es eine Beziehung zwischen Cover und Roman? Der Inhalt wird vom Verlag einfach erzählt: „Giulia Masca kommt als gemachte Frau zurück in das Städtchen ihrer Kindheit, wo sie noch eine Rechnung offen hat. Vor fast fünfzig Jahren wurde sie hier von ihrer besten Freundin Anita und ihrem Verlobten hintergangen, weshalb Giulia die Flucht ergriff und sich in New York eine neue Existenz aufbaute. Nach einem halben Jahrhundert will sie Anita wieder treffen – wie werden sie sich gegenübertreten?“

 

Man erlebt im Buch die Zeit zwischen 1900 und 1946 (die wohl einzige Verbindung zum Cover-Bildausschnitt). Der Schwerpunkt des Buches liegt in den Schilderungen Italiens in einer Zeit der bittersten Armut und Ausbeutung. Hunger, Kriegsgemetzel, Partisanenkämpfe gegen Mussolinis‘ wachsender Faschismus, Tote und Verletzte bilden das Szenario. Weniger ausführlich dagegen erleben wir zeitgleich in den USA die Ausgrenzung italienischer Zuwanderer, ihren steten Kampf gegen Vorurteile und um Anerkennung.

 

Mit dem Buch habe ich mich teilweise schwer getan, denn es hat mich nicht wirklich gefangen genommen. Zu spröde war mir mitunter der Text, durch die Fülle an Namen und Begriffen zusätzlich lese-erschwerend. Man muss sich sehr konzentrieren, da die Autorin häufig springt zwischen den Handlungssträngen und Zeiten. Die Protagonisten werden kaum durch wörtliche Rede lebendig, der Leser erlebt sie mehrheitlich nur durch ihre Gedanken und Taten, wenngleich durchaus psychologisch nachvollziehbar. Was mir ausnehmend gut gefiel am Schreibstil der Autorin, waren ihre eindringlich-bildhaften Schilderungen sowohl von schrecklichen als auch von schönen Seiten des Lebens. Wunderbar zum Beispiel die Beschreibung der Hündin Nuxe mit einer „Schnauze mit weichen Falten, die aussieht wie ein Walnusskern, in dessen Mitte der feuchte Knopf der Nase versinkt wie der Steppstich in der Matratze…“ Und genau das bleibt mir als Urteil nach der durchaus nicht leichten Lektüre: Anspruchsvolle, teils anstrengende Lektüre, mit wunderbaren Passagen der Wortmalerei vom Feinsten. So detailliert wie die Arbeiten des Malers Meredith Frampton.

 

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Ralf Nestmeyer

Franken

 

 

·         Taschenbuch: 514 Seiten

·         Verlag: Müller, Michael, 8. Auflage 2019

·         ISBN-13: 978-3-95654-576-4

 

Eine unglaubliche Fülle an Informationen, übersichtlich gegliedert

 

 

Da liegt sie vor mir, die aktualisierte 8. Neuauflage des Reiseführers FRANKEN aus dem Michael Müller Verlag. Die sommerhimmelblau gehaltene Gestaltung des Covers mit dem stimmungsvollen Foto des Schloss Greifenstein und ganz besonders die Regenbogenfarben des Buchrückens fallen im Buchhandlungsregal deutlich auf.

 

Vorweg: Der Reiseführer ist nicht geeignet für Reise-Schnellkonsumenten, für Fast-Sightseeing, für oberflächliches Sehenswürdigkeiten-Sammeln. Der vorliegende Reiseführer fordert Zeit! So wie die Region Franken, will man sie wirklich entdecken, Zeit fordert. Der Verlagshinweis lässt erahnen, was uns alles erwartet: „Nicht nur romantische Gemüter geraten angesichts der zahllosen Burgen, Schlösser, Kirchen und historischen Stadtkerne ins Schwärmen. Und nicht nur eingefleischte Naturliebhaber sind begeistert von den dichten Wäldern im Spessart, den wildromantischen Tälern in der Fränkischen und Hersbrucker Schweiz, den herben Kuppen der Rhön oder der lieblichen Mainlandschaft. Ralf Nestmeyers Buch zur Region zwischen Spessart, Fichtelgebirge und Altmühl widmet sich einer der faszinierendsten Kultur- und Naturlandschaften Deutschlands. Breiten Raum nehmen die praktischen Informationen ein: Übernachten, Essen und Trinken (inkl. Biergärten und Weinstuben), Einkaufen und Verkehrsverbindungen. Und nicht zu vergessen eine Fülle von Wandervorschlägen. Ein Reiseführer nicht nur für auswärtige Besucher, sondern auch für Einheimische, die mehr über ihre Heimat erfahren wollen.“

 

Erst das ausführliche Studium dieses Reiseführers mit seiner geradezu unglaublichen Fülle an Informationen lässt mich erahnen, wie viel Entdeckenswertes ich als gebürtige Fränkin in den ca. 40 Lebensjahren, die ich in Franken lebte, versäumt habe kennen zu lernen! Und was ich unbedingt jetzt im Alter, sozusagen unter Führung von Ralf Nestmeyer, nachholen möchte. Ich bewundere den Autor, dem die sehr schwierige Gratwanderung zwischen möglichst umfassender Information zu den zahlreichen Interessensgebieten der Reisenden und dennoch übersichtlicher Darstellung gelungen ist. Sachlich-klar geschrieben, strukturiert, dennoch lebendig formulierend, mitunter auch einmal eine leise Kritik unterbringend, sehr persönlich eben. Das ist sein ganz eigener Stil, der seine Reiseführer so unverwechselbar macht. Rundum empfehlenswert!

 

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Kevin Brooks

Deathland Dogs

 

 

·         Seiten: 537

·         ISBN: 3423762365

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

·         Alter: ab 14

 

Sammlung langatmiger postapokalyptischer Grausamkeiten

 

Kälte, Hass, Grausamkeiten, Brutalität und keine Zeichensetzung – so sieht also ein Jugendbuch aus? Ich wüsste gerne, wie Vierzehnjährige urteilen, falls sie die 540 Seiten Finsternis und Langeweile überhaupt durchhalten.

 

Worum es geht: „Jeet ist ein sogenanntes »Dogchild«: Aufgewachsen bei den Deathland Dogs, lebt er seit einigen Jahren wieder unter den Menschen. Doch immer noch sind die Deathland Dogs für ihn seine eigentliche Familie, ihre Instinkte schlummern weiterhin in ihm. Als es zum Kampf zwischen seinen Leuten und dem benachbarten Clan der Dau kommt, soll Jeet sich mittels seiner als »Dogchild« erworbenen Fähigkeiten in die Siedlung der Dau einschleusen. Sein Auftrag: Material für den bevorstehenden Kampf sicherzustellen. Dadurch gerät er unversehens ins Zentrum des Konflikts und ist sich seines Lebens nicht mehr sicher. Doch für eine Flucht ist es bereits zu spät…“

 

Ja, es handelt sich um eine Dystopie, und zwar eine von der brutalsten Sorte. Die Geschichte spielt nach unserer Zeit, lange nach unserer Zeit. Die Welt, wie wir sie kennen, ist zerstört. Es gibt nur noch wenige Menschen, die sich im Überlebenskampf und auf der Suche nach Nahrung auf das Brutalste bekriegen. Und deren einziges Ziel erfolgreicher Kampf ist. Da mit der Zivilisation der Menschen auch jegliche Bildung verloren ging, können nur noch ganz wenige lesen und schreiben. Um dies „abzubilden“, wird im Buch auf jegliche Kommasetzung verzichtet. Naja, da kommt mir natürlich sofort der Gedanke, wer überhaupt noch heutzutage korrekte Zeichensetzung beherrscht… Abgesehen vom Inhalt bringen die etwas langatmige Erzählweise und die sehr detaillierten, jegliche Spannung vernichtenden Darstellungen keinerlei Lesespaß. Nein, diese Sammlung  sinnfreier postapokalyptischer Überlebenskämpfe ohne Zeichensetzung ist kein Jugendbuch. Aber es ist auch kein Erwachsenenbuch. Es ist meiner Meinung ein Buch, das das Lesen nicht wert ist.

 

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Pascal Engman

Der Patriot

 

 

·         Broschiert: 470 Seiten

·         Verlag: Tropen

·         ISBN-13: 978-3608503654

 

Grausam, erschreckend und seelenlos

 

Ein Buch ohne einen Funken Hoffnung, deprimierend, grausam, erschreckend, dabei irgendwie merkwürdig. Ja, in der Tat, merk-würdig. Merkwürdig in seiner Mischung aus brutalsten Thriller-Anteilen und den Versuchen des Autors, die äußerst aktuellen Themen des rechtslastigen Populismus, des Terrorismus und der zunehmenden Radikalisierung in seinen Ursprüngen und Auswirkungen nachvollziehbar darzustellen, gefällig verpackt in teils ausufernden Nebenstories. Dies ist ihm sehr uneinheitlich gelungen, wie ich finde.

 

Worum geht es? „In Stockholms Zeitungsredaktionen regiert die Angst. Drohungen gehören zum Alltag, populistische Meinungsmacher verschärfen die aufgeheizte Stimmung noch. Als eine junge Journalistin, die strikt für Meinungsfreiheit eingetreten ist, kaltblütig ermordet wird, werden die schlimmsten Befürchtungen plötzlich real. Nur Madeleine Winther, eine junge aufstrebende Nachrichtenredakteurin, bleibt davon merkwürdig unberührt und plant stattdessen ihre nächsten Schritte auf der Karriereleiter. Doch auch sie muss sich der Realität stellen, denn es bleibt nicht bei diesem einen Opfer. Der Täter, Carl Cederhielm, will Rache nehmen an allen, die dazu beitragen, dass seine Heimat Tag für Tag von Flüchtlingen überschwemmt wird. Sein Ziel sind die Medien, und gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten eröffnet er die Jagd auf Journalisten. Es scheint, dass niemand die schwedischen Terroristen aufhalten kann. Doch dann taucht ein neuer Akteur auf der Bildfläche auf, der zum Äußersten entschlossen ist.“

Der Autor versteht es über die Maßen gut, Thriller-Spannung aufzubauen. Besonders packend  gelingen ihm die Schilderungen der extrem grausam-brutalen Szenen. Kurze Kapitel mit regelmäßig eingesetzten Cliffhangern tun ihr übriges. Wem es um spannende Thriller-Lesemomente geht, wird mit diesem Buch perfekt bedient. Jedoch schwächelt das Buch in einem wichtigen Bereich der Schreibekunst, nämlich in der Darstellung der Protagonisten. Der Autor ist nicht in der Lage, Menschen aus ihrem Inneren heraus und psychologisch nachvollziehbar zu schildern. Er beschreibt im Grunde nur ihr Handeln, nicht ihr Fühlen. Nicht einmal körperlicher Schmerz wird für den Leser nachfühlbar geschildert, geschweige denn seelisches Leid. Es fehlt an Emotionen, die den Leser wirklich ins Buch hineinziehen würden. Die Menschen bleiben blutleer, die Handlung nüchtern-sachlich. Nicht immer sind die Handlungsstränge logisch aufgebaut und bis zu Ende erzählt. Zu viele Teile der Geschichte verlaufen im Unbedeutenden. So gibt es allerlei Abschnitte, die sich sperrig, fast zäh, lesen lassen. Falsch verstandener Patriotismus, Fremdenfeindlichkeit, Radikalisierung – der Autor will uns sicher diese aktuellen Themen, die jeden von uns angehen, in seinem Buch erschreckend nah bringen, scheitert aber meiner Meinung nach an seiner nüchtern-seelenlosen Schreibe.

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Nicola Förg

Wütende Wölfe

 

 

·         Broschiert: 352 Seiten

·         Verlag: Pendo

·         ISBN-13: 978-3866124202

 

Routiniert geschriebener Krimi mit Mehrgewinn

 

Eben erst hatte ich mich mühsam durch einen Möchtegern-Lokalkolorit-Krimi gequält, einen der schlichtesten Sorte. Deshalb schlug ich sehr vorsichtig, fast misstrauisch, die ersten Seiten des vorliegenden Buches auf, begann zu lesen… und schwups, sah ich erst nach 80 Seiten wieder hoch! Bislang hatte ich von Nicola Förg noch kein Buch gelesen. Vermutlich hätte ich mich sonst sehr viel vertrauensvoller auf das Buch eingelassen. Nun aber machte ich Bekanntschaft mit einer Autorin, die es sehr gut versteht, ihr Engagement für Tier- und Umweltschutz in eine durchaus spannende Krimihandlung zu verpacken.

 

Kommissarin Irmi Mangold hat sich ein Sabbatical genehmigt und sich nach langen Überlegungen zum Job einer Almhirtin entschlossen. Sie soll mit mehreren Mitstreitern 25 Milchkühe hüten und Käse herstellen, und zwar auf einer sogenannten Projektalm, bei der junge Wissenschaftler einige Forschungsfragen bearbeiten wollen. So wollten sie studieren, wie sich Kühe verhalten, die bisher nur reine Stallhaltung kannten, und sie wollten untersuchen, ob und wie sich das Beilassen von Hörnern auf die Milchqualität auswirkt. Doch Irmi Mangold bleibt wenig Zeit, sich um die Kühe oder gar um sich selbst zu kümmern. Denn in kurzer Zeitenfolge geschehen einige merkwürdige Ereignisse bis hin zu einem Toten. Und so bleibt Irmi nichts anderes übrig, als mit ihrer gesamten Berufserfahrung doch wieder als Ermittlerin tätig zu werden.

 

Nicola Förg schreibt sehr routiniert. Atmosphärisch schöne Naturschilderungen, lebendige und psychologisch nachvollziehbare Protagonisten, dazu ein verträgliches Maß an Spannung – das alles kombiniert sie perfekt. Was mir persönlich jedoch am allerbesten an dem Buch gefällt, ist der Wissensgewinn. Ich kann mich nicht erinnern, je in einem Krimi so viel dazugelernt zu haben wie hier, über Wölfe, über Kühe, über Almwirtschaft und vieles mehr.  Normale Krimis bringen mal mehr, mal weniger spannende Unterhaltung. Wenn gelesen, dann vorbei. Aber Nicola Förg bereichert durch ihr engagiertes Wissen die reine Krimi-Unterhaltung immens. „Wütende Wölfe“ ist also ein Krimi mit Mehrgewinn. Perfekt!

 

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Catherine Shepherd

Sündenkammer

 

 

·         Taschenbuch: 344 Seiten

·         Verlag: Kafel Verlag

·         ISBN-13: 978-3944676227

 

Fesselndes Lesevergnügen

  

Zwei Zeitstränge, 500 Jahre auseinander, und doch irgendwie auf mystische Weise verbunden. Ein neuer Zons-Thriller, fesselnd wie gewohnt bei dieser Autorin. Auch dieses Mal bin ich atemlos durch das Buch durchgerauscht, habe mich gegruselt, erschreckt, gewundert, geekelt, habe gerätselt, war verwirrt und wurde immer planloser – und am Ende restlos überrascht.

 

Ich zitiere den Klappentext, weil er den Inhalt perfekt darstellt: „Gegenwart: Kommissar Oliver Bergmann wird am frühen Morgen zu einem Tatort mitten im Wald gerufen. Noch bevor er das Opfer sieht, kann er riechen, was passiert ist. Trotzdem erstarrt er beim Anblick des völlig verkohlten Körpers auf einem Scheiterhaufen. Die junge Frau wurde bei lebendigem Leib verbrannt. Die Presse spricht bald von einem Hexenfall, denn die Spurensicherung stößt auf ein rotes Haar. Doch dann erhält Oliver ein Paket mit einer geheimnisvollen Nachricht vom Täter und ahnt, dass viel mehr dahintersteckt. Er hat es mit einem Serienkiller zu tun, der die Welt von der Sünde reinwaschen will.
Zons 1500: Der Novize Balthasar liest nachts heimlich in einem verbotenen Buch aus der Klosterbibliothek. Währenddessen scheint sich der Geist des verstorbenen Totengräbers aus seinem Grab zu erheben und auf dem Kirchhof umherzuirren. Als am nächsten Morgen ein toter Knabe vor den Toren der Stadt liegt, weiß Stadtsoldat Bastian Mühlenberg nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Er verfolgt die Spuren des Mörders bis ins Franziskanerkloster, aber die Mönche schweigen sich aus. Dann wird ein weiterer Knabe ermordet, und Bastian entdeckt eine geheime Kammer sowie ein Buch, das ihn zum Täter führt. Doch er hat keine Idee, wie er das Böse au
fhalten soll.“

 

Es ist bewundernswert, wie Catherine Shepherd es mit jedem neuen Buch in unveränderter Bestform  schafft, den Leser zu packen, ihn mit allen Sinnen in die Geschichte hineinzuziehen und ihn mit gemeinen Cliffhangern zu quälen. Man eilt von Kapitel zu Kapitel und tappt in alle von der Autorin ausgelegten Fallen, bis man am Ende durch ein fulminantes Ende restlos überrascht wird. Die Protagonisten sind wie immer absolut stimmig dargestellt, die erzählte Geschichte ist nachvollziehbar. Rundum: Auch dieser neue Titel von Catherine Shepherd lässt den Leser alles um sich herum vergessen – ein Lesevergnügen!

 

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Volker Dützer

Das Ambrosia-Experiment

 

 

·         Format: Kindle Ausgabe

·         Dateigröße: 2390 KB

·         Seitenzahl der Print-Ausgabe: 356 Seiten

·         E-Book

 

Perfekt durchkomponierter Thriller

 

Er hat es also wieder getan! Mein Lieblings-Autor legt mit dem vorliegenden Titel ein weiteres Buch aus seiner Feder vor, das alles hat, was zu einer überaus spannenden fiktiven Geschichte gehört und dessen dystopische Elemente so nah an der möglichen Realität sind, dass es den Leser auf besondere Weise erschauern lässt.

 

Der Klappentext erzählt nicht zu viel und nicht zu wenig: „Auf der einen Seite: ein Mord in Koblenz. Eine Schönheitsklinik in den Alpen. Und eine Gruppe sehr reicher, sehr mächtiger Männer, die bereit ist, andere sterben zu lassen, um selbst am Leben zu bleiben. Auf der anderen Seite: die junge Laborantin Jule Rahn und der zwangsversetzte Kommissar Lucas Prinz. Beide fest entschlossen herauszufinden, was sich hinter den Machenschaften dieser Männer verbirgt. Gemeinsam kommen die beiden einem Verbrechen auf die Spur, dessen Ausmaß sie fassungslos macht. Und dessen Drahtzieher haben nicht vor, die beiden am Leben zu lassen ...“

 

Mehr muss man über den Inhalt auch nicht berichten. Viel wichtiger ist mir, ein weiteres Mal die Fähigkeit des Autors zu bewundern, einen perfekt durchkomponierten Roman geschrieben zu haben, dessen Spannungsbogen von Anfang bis Ende gehalten bzw. gegen Ende noch gesteigert wird. Mit Jule Rahn lernen wir eine verhuschte, unscheinbare Frau kennen, die sich aufgrund eines Kindheitstraumas mit scheinbar Sicherheit gebenden Zwangshandlungen durch ihren Alltag hangelt. Der Leser entwickelt dank der einfühlsamen Schilderungen des Autors viel Sympathie und Mitgefühl für Jule, insbesondere als sie im Laufe der Handlung von einem entsetzlichen Geschehen ins nächste katapultiert wird, dabei aber auch eine erstaunliche innere Entwicklung erfährt. Kommissar Lucas Prinz dagegen ist so eine Art Schimanski-Verschnitt, auch er im Leben mehrfach gescheitert, ein Nestbeschmutzer mit Schrottkarre. Dennoch gewinnt auch er zunehmend die Sympathie des Lesers, denn seine Handlungen werden letztlich von einer inneren moralischen Instanz bestimmt, die dem Leser Achtung abringt. Insgesamt überaus packend umgesetzt wird das Thema der Sehnsucht des Menschen nach ewiger Jugend, das nur noch übertroffen wird von der Gier nach Geld und Macht.

 

Fazit: Ein rundum gelungener, spannender-packender und perfekt durchkomponierter Thriller rund um ein zwar fiktives, aber dennoch brisantes Thema.

 

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Leo Aldan

Das Feuer der Erde

 

 

·         Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: VA - Verlag Aretz

·         ISBN-13: 978-3944824840

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

 

Unermesslich spannender Reißer mit ernstem Kern

  

Das ist mir schon länger nicht passiert, nämlich ein Buch nahezu nonstop gelesen zu haben. Von Seite zu Seite stieg mein Puls – an Lesepause war gar nicht zu denken!

 

Den Inhalt gibt der Klappentext recht gut wieder: „Rund um die antarktische Platte registrieren Seismographen merkwürdige Schwingungen. Erdbeben erschüttern Neuseeland und Chile. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes kündigt sich an. Doch niemand, weder Wirtschaftsbosse noch Politiker, will Georginas Warnungen glauben. Mit einem Mal sieht sich die junge Wissenschaftlerin inmitten eines weltweiten Komplotts aus Machtgier und Manipulation. Jayden Turkov, ein skrupelloser Industrieboss, der den Energiesektor ganzer Kontinente beherrscht, setzt alle Hebel in Bewegung, um sie auszuschalten. Viel Zeit bleibt Georgina nicht, um die Umweltkatastrophe und damit den Tod von Millionen Menschen zu verhindern. Sie trifft eine folgenschwere Entscheidung …“

 

Das Buch kam mir vor wie einer der gut gemachten, immer nach gleichem Muster gestrickten amerikanischen Katastrophen-Filme, in denen ein Einzelschicksal gegen Urgewalten oder außer Kontrolle geratene Züge oder nicht mehr steuerbare Flugzeuge kämpft. Da wird dem Leser eine Protagonistin als sehr sympathisch und klug so sehr nahe gebracht, dass man mit ihr schmerzlich hofft und bangt. Und dann gibt es eine sich anbahnende, stetig näherrückende Katastrophe, der sich diese mutige Protagonistin als Einzige entgegenstellt. Und so finden sich allerlei Klischees in diesem Buch, wie zum Beispiel die fähige Sekretärin, die „hässlich wie ein Sumoringer“ ist, während die unfähigeren Damen eine Augenweide sind. Aber es gibt auch wunderschöne Beschreibungen, wie zum Beispiel sich aufbauende Wolken, die „wie eine Armee verärgerter Dschinns, die aus ihrer Flasche entweichen,“ aussehen. Auf jeden Fall ist das Buch gekonnt geschrieben, packend und unermesslich spannend, was durch das Stilmittel der knackig kurzen Kapitel noch intensiviert wird. Mit seinem unheilvollen Szenario in einer sehr nahen fiktiven Zukunft möchte es all denen, die nach wie vor glauben, wir könnten wie eh und je so weitermachen wie bisher, vor Augen führen, wie extrem gefährdet unsere Welt, wie wir sie kennen, ist.

Ein über die Maßen reißerisches Buch, ja, aber genau darin liegt seine Chance, auch die chronisch Uninteressierten zu erreichen.

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Niklas Natt och Dag

1793

 

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Piper Paperback

·         ISBN-13: 978-3492061315

  

Gewalt, Ekel und Abscheu im Übermaß

 

Das Cover verheißt ein besonderes Buch. Und das ist es in der Tat, ein besonderes Buch. Es gibt Bücher, die liebt man. Und es gibt Bücher, die bewundert man, weil sie „besonders“ sind, aber man liebt sie nicht. So erging es mir mit der vorliegenden Geschichte. Ich war tief beeindruckt von der immensen Kraft, die in den Zeilen steckt, von der gewaltigen Ausdrucksstärke des Autors, die so intensiv war, dass ich mich dabei ertappte, wie ich szenenweise nur noch durch den Mund atmete, um nicht dem beschriebenen Gestank ausgesetzt zu sein.

 

Der Klappentext ist relativ sparsam: „Stockholm im Jahr 1793: Ein verstümmeltes Bündel treibt in der schlammigen Stadtkloake. Es sind die Überreste eines Menschen, fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Der Ruf nach Gerechtigkeit spornt zwei Ermittler an, diesen grausamen Fund aufzuklären: den Juristen Cecil Winge, genialer als Sherlock Holmes und bei der Stockholmer Polizei für »besondere Verbrechen« zuständig, und Jean Michael Cardell, einen traumatisierten Veteranen mit einem Holzarm. Schon bald finden sie heraus, dass das Opfer mit chirurgischer Präzision gefoltert wurde, doch das ist nur einer von vielen Abgründen, die auf sie warten …“

 

Cecil, der unheilbar an Tuberkulose erkrankte geniale Ermittler, und sein traumatisierter einarmiger Mitstreiter Jean Michael scheinen in diesem Roman die einzig Guten zu sein in einer Welt, die nur Abschaum beherbergt, in der Brutalität, Ausbeutung und Bestechung die geltende Währung darstellen und in deren Abgründen man nichts als stinkende Exkremente zu finden scheint. Der Kriminalfall, der nicht sonderlich spannend ist, tritt in den Hintergrund, denn die schier grenzenlose Brutalität, die Gewalt in all ihren Erscheinungsformen nimmt den größten, beeindruckend abstoßenden Raum ein, doch außer grenzenlosem Ekel bleibt beim Leser nicht viel in Erinnerung. Ich hätte mir mehr differenzierte Atmosphäre gewünscht, denn auch diese brutale Zeit hatte sicher mehr zu bieten als nur bestialisch stinkende Abgründe in den Straßen und in den Köpfen. Beim Lesen fühlte ich mich, als sei ich in unterirdischen, gefährlich dunklen Katakomben unterwegs, deren abzweigende Gänge immer wieder neue Geschichten der Brutalität eröffneten, sodass ich Mühe hatte, mich darin nicht hoffnungslos zu verirren. Und letztlich war ich erleichtert, als das Buch beendet war und ich wieder frische Luft atmen konnte…

 

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Yvonne Schwegler, July Sjöberg

Eiskalt weggewischt

 

 

·         Taschenbuch: 284 Seiten

·         Verlag: Pfefferkorn-Verlag

·         ISBN-13: 978-3944160276

 

 

Ein recht schlichtes Lesevergnügen

 

Meine Leseerwartungen an ein Buch, dessen Untertitel „Ein Putzfrauen-Krimi“ lautet, waren auf heitere Spannung ausgerichtet. Denn die Verlagsankündigung klingt verlockend: „Da prallen Welten aufeinander: Theres Fugger, Reinigungskraft in der Polizeidirektion Heidelberg, genoss bislang ein sehr entspanntes Dasein. Doch dann wird ihr eine neue Kollegin zur Seite gestellt – Frau Schäufele, eine Schwäbin mit manischem Putzzwang und mehr als pingelig! Da gerät plötzlich deren Tochter unter Mordverdacht. Sie soll in den dunklen Gängen des Heidelberger Schlosses ihren Kunstprofessor getötet haben. Nun müssen sich die beiden unterschiedlichen Putzkräfte zusammenraufen und beginnen, auf eigene Faust zu ermitteln. Beherzt begeben sie sich in Gefahr, um den Ruf von Frau Schäufeles Tochter reinzuwaschen …“

 

Doch meine Erwartungen wurden leider, leider schnell enttäuscht. Theres und Frau Schäufele sind Figuren wie aus dem Kölner Karneval. Gleich steigen sie in die Bütt und schwingen Feudel und dumme Sprüche, denkt man. Und doch wollen sie eigentlich als Protagonisten in einem Krimi ernst genommen werden. Und genau in dieser gletscherspaltentiefen Diskrepanz liegt meines Erachtens das Problem dieses Büchleins. Durch die teilweise geradezu grotesken Überzeichnungen, durch die Bedienung aller nur denkbaren Klischees und Oberflächlichkeiten sackt die Geschichte so tief, dass die leidlich spannende Krimi-Handlung gar nicht zum Zuge kommt. Beim Lesen schweiften meine Gedanken immer wieder ab: Warum so viele beim Lesen auf die Nerven gehende schwäbische Original-Laute aus dem Mund von Frau Schäufele, ihrer Tochter und dem Beinahe-Schwiegersohn und warum redet stattdessen eine kurpfälzische Putzfrau astreines Hochdeutsch? Was soll uns das sagen? Warum haben alle Protagonisten, egal ob mit oder ohne Putzlappen, allesamt so ganz und gar nichts Sympathisches an sich (außer die beiden Hunde Bonny und Clyde, die einzig „Echten“ in diesem Buch)? Und wo bleibt der vom Verlag versprochene Humor? Wer hat beim Korrigieren der sprachlichen Unsauberkeiten versagt? Das ging mir durch den Kopf, während ich mich beim Lesen langweilte. Erst gegen Ende nimmt die Geschichte glücklicherweise etwas Fahrt auf, alles löst sich letztlich in Wohlgefallen auf. Spätestens jetzt ist dem Leser klar: Dies war der Auftakt zu einer Krimi-Reihe. Oweh! Wer leichte Kost mag und wen Klischee-Ansammlungen und schwäbischer Dialekt erheitern, dem mag das Buch gefallen. Mir leider gar nicht.

 

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Seni Glaister

Mr. Doubler und die Kunst der Kartoffel

 

 

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672580

·         Originaltitel: Doubler

 

Dieses Buch ist ein Schatzkästlein

 

Allem voran: Dieses Buch ist keines, das man auf die Schnelle konsumieren sollte. Dieses Buch benötigt Zeit. Und es benötigt Leser, die ihm diese Zeit geben, nachdenkend, sich erfreuend, sich offenen Herzens hingebend…

 

Mr. Doubler ist Kartoffelbauer, ein Kartoffelbauer von altem Schrot und Korn, ein besessener Kartoffelbauer sogar, der akribische Forschungen betreibt. An der Welt um ihn herum ist er nicht interessiert. Er liebt die Abgeschiedenheit seiner Farm und verlässt sie nie. Lediglich Mrs. Millwood, die Haushälterin, hat seit vielen Jahren Zugang zum Haushalt und zum schrulligen Mr. Doubler selbst, was ihre ritualisierten mittäglichen Gespräche zeigen. Als Mrs. Millwood ernsthaft erkrankt und nicht mehr kommen kann, ändert sich so allerlei…

 

Dieses Buch ist eine Goldgrube! Es kommt recht unscheinbar daher, und die erzählte Geschichte ist im Grunde auch unspektakulär. Und doch birgt es gerade in seiner Schlichtheit die tiefsten Weisheiten, so ganz nebenbei, zwischen heiteren Sequenzen versteckt. Es sind weise Botschaften, über die man immer wieder nachdenken kann und die den Leser, wenn er es zulässt, unmittelbar selbst betreffen. Denn es geht um die großen Grundfragen des Lebens, die außerordentlich hübsch verpackt, in diesem Schatzkästlein ruhen und ihren Reichtum denen zeigen, die offenen Herzens in das Buch eintauchen. Es ist ein Buch zum langsamen Lesen, zum Genusslesen, zum Mehrfachlesen. Ein Buch, dessen Sorgsamkeit der Sprache, dessen Sorgsamkeit der Gedanken gefangen nimmt und dessen geistreicher Humor die nötige Leichtigkeit gibt, damit man bereit ist, in die teils sehr bewegenden Tiefen der Themen einzusteigen, nachdenkend, vielleicht mit anderen diskutierend. Dieser jahrzehntelang auf sich selbst zurückgeworfene, nachdenkliche  Mr. Doubler fasst auf ganz überraschende Weise Mut, seine Rolle im Leben aktiv zu spielen. Was für ein wunderbares, reiches Buch, gewissermaßen große Philosophie in Taschenformat.  „Das Gute im Inneren ist wertlos, wenn es nicht geteilt wird.“

 

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Marie Golien

Cainstorm Island – Der Gejagte

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 336 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423762427

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre

 

Finsteres Szenario

 

Dieses Buch lässt mich unschlüssig zurück. Gekonnt geschrieben, das ja. Aber will ich wirklich mit diesen Kopfbildern einer entsetzlichen Welt, grausam, gnadenlos, chancenlos, gefährlich meine raren Lesestunden verbringen?

 

Die Handlung wird vom Verlag sehr umfassend dargestellt: Emilios Welt ist geteilt. Auf der einen Seite das reiche Asaria. Auf der anderen Seite Cainstorm Island, überbevölkert, arm und von Gewalt zerfressen. Dort kämpft der 17-Jährige, umgeben von brutalen Gangs, gegen die Schulden seiner Familie. Eines Tages spricht ihn ein Mitarbeiter von Eyevision an und bietet Emilio einen Deal. Emilio willigt ein, sich einen Chip in den Kopf implantieren zu lassen. Dieser Chip ist an seinen Sehnerv angeschlossen und überträgt jeden Tag eine halbe Stunde lang, was Emilio sieht. Seine Videos, waghalsige Kletter- und Trainsurf-Aktionen, kommen an, die Zuschauerzahlen steigen langsam. Bis sein Leben eine unvorhergesehene Wendung nimmt: Emilio gerät in das Gebiet einer Gang und tötet einen der Anführer in Notwehr. Live und auf Sendung. Das Video verbreitet sich rasend schnell und Emilio wird zum Gejagten. Und zwar nicht nur von der Gang, sondern auch von Eyevision, die sehr eigene Pläne mit Emilio haben.

 

Dramatisch ist das Buch und atemlos-spannend ist sein Beginn. Aber je weiter das Geschehen fortschreitet, umso mehr flacht es meinem Gefühl nach ab. Denn die Autorin packt zuviel auf einmal in das Buch und lässt den Leser letztlich doch mit dem offenen Ende im Leeren stehen. Die deutliche Absicht, Serien-Junkies auf diese Weise anzufixen, ist offenkundig und somit ärgerlich. Die Handlung lässt nichts aus, was man sich an finstersten Szenarien mit bitterer Armut, Dreck und Gestank, an temporeichen Verfolgungsjagden, an Gemeinheiten und Hinterhältigkeiten, an Katastrophen, an unvorhersehbaren Wendungen denken kann. Soziale Konflikte müssen genauso herhalten wie beängstigende Zukunftstechnologien. Ein argloser Protagonist ist all dieser Dramatik naiv ausgeliefert. Und dazu wird noch eine Schippe Freundschaft und Liebe darübergestreut. Zuviel, zuviel, zuviel von allem!

 

 

 

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Meike Dannenberg

Gefährdet

 

 

·         Taschenbuch: 416 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442715640

 

 

Gekonnt geschriebenes Lesevergnügen

 

Ein Kriminalroman, der mich von Beginn an gepackt hat und mich bis zur letzten Seite nicht mehr losließ.

 

Nora Klerner wird als Spezialistin des BKA für Verbrechen an Minderjährigen nach Hamburg beordert. Beide Kinder des arrogant-unzugänglichen Reeders und Lokalpolitikers Justus Stein sind unauffindbar verschwunden. Seltsam jedoch, dass es keine Lösegeldforderungen gibt. Seltsam auch, dass Nora in der Familie Stein nicht, wie erwartet, auf Tränen und Verzweiflung stößt, sondern auf eine kalte Fassade des Schweigens und Misstrauens. Gleichzeitig wirft der gewaltsame Tod eines russischen Ex-Zuhälters verwirrende weitere Fragen auf. Gibt es eine Verbindung zum Entführungsfall?

 

Leicht lesbar ist dieses Buch, allein schon aufgrund der relativ kurzen Kapitel, die häufig wechseln zwischen verschiedenen Örtlichkeiten und Perspektiven, zwischen Rückblicken und kontinuierlicher Erzählweise. In spannend und abwechslungsreich zu lesenden Sequenzen entwirft die Autorin sehr beunruhigend-erschreckende Einblicke in die Welt der Reichen wie auch in die Welt der Zuhälterei und des Drogenhandels, Welten, die die Protagonisten jeglicher Menschlichkeit beraubt hat. Aber auch Nora selbst trägt schwer an einem frühen Trauma, dessen Andeutungen bzw. Noras Reflexionen darüber mir zugegebenermaßen manchmal etwas zuviel wurden. Was mir besonders gut gefiel, sind jedoch die wunderbar detailreichen Beschreibungen auf der einen Seite, die feine psychologische Beobachtungsgabe auf der anderen Seite, und dies alles in einem klaren, pointierten, präzisen Schreibstil, ohne unnötige Ausschweifungen. Die Protagonisten werden weitgehend wertfrei, psychologisch stimmig dargestellt und eignen sich damit zur freien Projektionsfläche des Lesers. Genau das halte ich für eine große Schreibekunst! Die Spannung wird über das ganze Buch hinweg aufrecht erhalten und steigert sich gegen Ende ganz erheblich. Alle angefangenen Fäden verweben sich letztlich in einem stimmigen Muster.

 

Fazit: Ein durchdachter, logisch aufgebauter, in klarer Sprache geschriebener und durchweg spannender Krimi mit vielen sehr bildhaften Szenen. Besser könnte ein Krimi gar nicht sein.

 

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Andrea Martin

Die Monsterprüfung

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

·         Verlag: cbj

·         ISBN-13: 978-3570176139

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 10 Jahren

 

Zwei Freunde wie Monsterspucke und Hortensiensaft

 

 Ein wunderbares Kinderbuch über Freundschaft, über Mut und über die Kraft der Fantasie.

 

Armer Robin!  Ohne zu klagen lebt er bei Rufus, diesem gefühllosen, hartherzigen und geizigen Mann, der ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgenommen hatte. Ohne zu klagen nimmt er es hin, dass ihn einige Klassenkameraden schlimm quälen und ihm ständig böse Streiche spielen, ihm sogar seine Schultasche im Wald verstecken, die Schultasche, in dem sein mühsam erarbeitetes Referat steckt. Als der verzweifelte Robin die Schultasche schon verloren glaubt, setzt er, ohne es zu ahnen, einen Hilferuf in die magische Welt ab. Denn Oaksend, das Örtchen, in dem Robin lebt, ist ein magischer Ort, in dessen Nähe es eine Verbindung zwischen der Menschenwelt und der Welt der Monster gibt. Und tatsächlich, in der Nacht taucht wie aus dem Nichts Melvin auf, ein echtes, blaubepelztes Monster, ein angehendes Schutzmonster, dessen Aufgabe es ist, seinen Schützling, nämlich Robin, vor jeglichem Unheil zu bewahren. Doch Melvin ist nicht das einzige Monster, und nicht alle haben gute Absichten…

 

Dieses Kinderbuch ist eine sehr gelungene Mischung von allem, was Kinder gerne lesen: Abenteuer, Spannung, Alltagsprobleme, Humor. Aus all diesen Zutaten ist ein richtig gutes Kinderbuch entstanden. Es wird flott, lebendig und spaßig erzählt. Die phantasievollen Abenteuer sorgen für Spannung. Und Melvin, dieses blaufusselige Schutzmonster, ist einfach zum Liebhaben. Dass mit einem echten, verlässlichen Freund an der Seite das Leben nicht nur schöner ist, sondern gemeinsam auch alles viel leichter wird, zeigen uns Robin und Melvin auf liebenswerte Weise. Ein paar Illustrationen mehr hätte ich mir gewünscht, das würde für etwas Auflockerung sorgen und würde den Kindern, die nicht so gerne lesen, den Zugang zu der Geschichte sehr erleichtern. Dennoch bleibt das Fazit: Ein rundum gelungenes Kinderbuch, schön ausgestattet,  zum Selberlesen ab 10, zum Vorlesen ab 8.

 

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Andrea Stift-Laube

Schiff oder Schornstein

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

·         Verlag: Kremayr & Scheriau

·         ISBN-13: 978-3218011549

 

Ein Buch wie eine gespaltene Persönlichkeit

 

  

Soeben habe ich das Buch beendet und frage mich nun ratlos, wie ich meine Rezension formulieren soll. Denn das Buch verwirrt mich über die Maßen. Vielleicht sollte ich schreiben, dass mich das Buch von Anfang an in die Irre gelockt, mich vorsätzlich getäuscht hat. Mit seinem Titel zum Beispiel. Mit dem ich gar nichts anfangen konnte. Oder mit dem Cover, mit dem tiefschwarzen Umriss einer Katze mit leuchtend gelben Augen. Ein Katzenbuch, hatte ich zunächst gedacht, ein humorvolles vielleicht. Auf jeden Fall ein sympathisches Buch – so hatte ich gedacht. Und jetzt ist das Buch beendet, und ich bin voller Zorn, Ekel, Abscheu, Entsetzen. Und gleichzeitig lache ich über all die skurrilen Einfälle, über die leichtfüßig geschriebenen Episoden, über witzige und liebevolle Detail-Beobachtungen.

 

Worum geht es? Der Verlag formuliert es so: „Franziska ist verschwunden. Das ist sie schon öfter. Dann sagt man, sie ist wohl wieder irgendwo Tiere befreien, im Wald, am Nordpol, irgendwo auf einem Schiff. Aber dieses Mal kommt sie nicht mehr zurück. Sie ist spurlos verschwunden und niemand weiß, was passiert ist. Ihre Schwester Ila begibt sich auf die Suche, wühlt in ihrer beider Vergangenheit und trifft den Umweltaktivisten Konstantin, der unglücklich in Franzi verliebt ist. Ila und Konstantin werden Freunde und bewältigen ihre Trauer in einem schrägen Kunstprojekt, das ein Statement gegen Massentierhaltung und Fleischkonsum sein soll: einem Online-Versand für Katzenfleisch…“

 

Das Buch kommt mir vor wie eine gespaltene Persönlichkeit: So wie das Buch aus zwei Perspektiven geschrieben ist, nämlich aus der von Ila, der Schwester, und Konstantin, dem stumm Liebenden, so werden genauso gespalten einerseits einfache, teils idyllische Kindheitserinnerungen und tier- und naturliebende Erinnerungen erzählt, andererseits brutalste, schier unerträgliche Details von Tiermisshandlungen, Vogeltötungen, Kükenmuser. Eben hat sich der Leser lächelnd und entspannt zurückgelehnt, schon jagt einem die scharfzüngige Autorin hinterrücks ein Messer mitten ins Herz.

 

Und ebenso gespalten bleibt mein Urteil: Gekonnt geschriebene Passagen, zu Herzen gehend, psychologisch feinfühlig, wechseln mit extremen Hässlichkeiten sowohl sprachlich („heißer Scheiß“) als auch inhaltlich (Fliegen mit der Lupe verbrennen). Ob mit solch einer uneinheitlichen wirren Mischung wirklich mehr Umweltbewusstsein zu wecken ist? Aber vielleicht wollte die Autorin etwas ganz anderes? Ich weiß es nicht. Ich bleibe verwirrt.

 

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Matthias Morgenroth

I can see U

 

 

·         Taschenbuch: 304 Seiten

·         Verlag: Coppenrath

·         ISBN-13: 978-3649631903

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre

 

Eine Fiktion, die vielleicht bald keine mehr ist

 

 

Ein Jugendbuch, dessen Fiktion so nah an der Realität ist, dass es gleichermaßen packt,  erschreckt und warnt. Ein Jugendbuch, das auch Erwachsene unbedingt lesen sollten!

 

Da kommt ein neuer Mitschüler in die Klasse, so wie man ihn sich wünscht. Ben sieht gut aus, weiß immens viel, ist immer freundlich, lächelt stets, und Marie erliegt ihm mit Haut und Haaren.  Denn er hat scheinbar die gleichen Wünsche wie Marie, denkt wie Marie, und Marie fühlt sich von Ben ernst genommen. Wir erleben, wie die digitale Welt die Jugendlichen fest im Griff hat. So werden z. B. Menüs gekocht, nur um sie zu fotografieren und ins Netz zu stellen. Der digitale Assistent im Haus spricht manchmal mehr mit als gewollt. Der Vater entwickelt selbstfahrende Autos. Bei Ebay werden Abonnenten gekauft, um mehr Likes zu erhalten. Die Familie hat einen Smartshopping-Dienst abonniert, bei dem ein Algorithmus auswählt, was man geliefert bekommt. Dennoch glauben alle, alles im Griff zu haben, bis plötzlich erschreckende Fake-Bilder im Klassenchat kursieren, bestgehütete Geheimnisse sich wie Lauffeuer verbreiten, ein bisher sehr gewissenhafter Lehrer gerät unter einen schlimmen Verdacht gerät…

 

Das Buch ist lebendig, jugendlich-frisch, humorvoll und sehr, sehr spannend geschrieben. Die Geschichte ist so erschreckend, weil sie näher an der Realität ist, wie wir glauben wollen. Ich möchte das Buch wegen der Wichtigkeit des Grundthemas als Klassenlektüre empfehlen, wobei meiner Meinung nach das vom Verlag empfohlene Lesealter durchaus etwas herabgesetzt werden dürfte. Das offene Ende der Geschichte ist ein genialer Einfall des Autors, denn genau damit unterstreicht er sein warnendes Anliegen, nicht allzu leichtfertig im Umgang mit den digitalen Medien zu sein. Denn die Geister, die wir rufen, sind nicht mehr löschbar…

 

Romy Hausmann

Liebes Kind

 

 

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423262293

 

Ein genial durchkomponierter Thriller

 

Ein Thriller der besonderen Art! So viel Spannung, so viel direkte und indirekte Grausamkeit, so viel Überraschendes! Dieses Buch lässt dem Leser keinen Moment der Erholung. Man jagt durch die Seiten und liegt mit all seinen Gedanken und Vermutungen regelmäßig falsch.

 

Ausnahmsweise erscheint es mir geradezu unmöglich, irgendetwas über die Handlung zu erzählen, ohne Wesentliches zu verraten. Der Klappentext schafft das jedoch ganz gut: Eine fensterlose Hütte im Wald. Lenas Leben und das ihrer zwei Kinder folgt strengen Regeln: Mahlzeiten, Toilettengänge, Lernzeiten werden minutiös eingehalten. Sauerstoff bekommen sie über einen »Zirkulationsapparat«. Der Vater versorgt seine Familie mit Lebensmitteln, er beschützt sie vor den Gefahren der Welt da draußen, er kümmert sich darum, dass seine Kinder immer eine Mutter haben. Doch eines Tages gelingt ihnen die Flucht – und nun geht der Albtraum erst richtig los. Denn vieles deutet darauf hin, dass der Entführer sich zurückholen will, was ihm gehört.“

 

Das Buch ist ein genial durchkomponierter Thriller, und zwar ist er komponiert wie ein Gesang, wie ein Kanon, in den immer mehr Stimmen einfallen, immer mehr Sichtweisen, Meinungen, Deutungen, bis er zu einem perfekten Musikstück herangereift ist, zu einer Sinfonie des Entsetzlichen, Unvorstellbaren und der Leser mittendrin. Dass die Protagonisten wechselnd selbst erzählen, vom Geschehen ebenso wie von ihren Empfindungen, lässt emotionale Nähe entstehen. Ein sehr geschickter Dreh der Autorin, denn gerade durch die berührenden Schilderungen wird der Leser noch viel stärker in die Handlung hineingezogen, kann sich des Grauens kaum mehr erwehren. Unbedingte Leseempfehlung!

 

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Dr. med. Anne Fleck

Ran an das Fett

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 432 Seiten

·         Verlag: Wunderlich;

·         ISBN-13: 978-3805200417

 

Geschickt vermarktet, locker lesbar, aber letztlich nur heiße Luft

 

Also wieder ein Buch zum Thema Ernährung, das in seinem Untertitel „Heilen mit dem Gesundmacher Fett“ auch noch Heilung verspricht. Das provoziert, denn wir alle haben irgendwie irgendwo gelernt, dass wir Fett reduzieren oder gar vermeiden sollten, dass Fett böse ist, dass es uns dick und krank macht. Und genau diese Provokation soll das Buch verkaufen helfen. Der Verlag zieht alle Register, um das Buch an den Mann bzw. an die Frau zu bekommen. Lesen Sie selbst den Ankündigungstext auf dem Buchrücken: „Ein weit verbreiteter Irrtum lautet: Wer gesund und schlank sein will, sollte sich fettiges Essen verkneifen. Unter dem Fettarm-Dogma hat sich die größte Übergewichtsepidemie aller Zeiten entwickelt und die weltweite Explosion chronischer Krankheiten verursacht. Dr. Anne Fleck, Deutschlands renommierte Präventiv- und Ernährungsmedizinerin, Pionierin auf dem Gebiet der Ganzheitsmedizin, läuft Sturm gegen veraltetes Wissen und liefert eine leidenschaftliche, wissenschaftlich fundierte Lösung, mit der Sie Ihre Gesundheit revolutionieren können. Denn Fett, clever eingesetzt, besitzt das geheime Potenzial, chronischen Krankheiten – u.a. Herz-Kreislauf-Krankheit, Übergewicht, Depression, Alzheimer und Krebs – vorzubeugen, sie zu lindern und sogar zu heilen. Dr. Anne Fleck erklärt, wie der Fettschwindel in unsere Köpfe kam und wie wir selbst ganz einfach mit gesundem Fett unseren Körper stärken und heilen können.“

 

 Die Autorin ist also „Pionierin der Ganzheitsmedizin“ (gab es wirklich niemanden vor ihr?). Und was ist überhaupt Ganzheitsmedizin? „Richtung der Medizin, die den erkrankten Menschen in seiner körperlichen und psychischen Gesamtverfassung zu erfassen und zu behandeln sucht… Also gehört doch noch ein wenig mehr dazu als das Thema Fett, nicht wahr?  Es wird eine wissenschaftlich fundierte Lösung versprochen, mit der der Leser seine Gesundheit revolutionieren kann. Wie kann man Gesundheit „revolutionieren“? Was ist das? Revolutionieren = umgestalten, verändern. Wie kann ich Gesundheit umgestalten bzw. verändern? Und warum sollte ich das tun? Ach ja, und das geheime Potenzial, das Fett besitzt, kann sogar Alzheimer und Krebs lindern oder gar heilen. Ja, das „geheime“(!) Potenzial – gut, dass Anne Fleck dieses Geheimnis kennt und uns offenbart. Wenn solche Aussagen auftauchen, sollte man als Leser sehr, sehr vorsichtig sein. Misstrauisch bin ich ganz grundsätzlich gegenüber medizinischen Autoren, die durchs Fernsehen tingeln, um sich selbst zu promoten und die sich berufen fühlen, Laien ihre Sicht der Welt zu erklären, dabei tatsächlich nicht vor Heilsversprechungen zurückschrecken. Und dieses Buch funktioniert wie so viele „Ratgeber“, indem es ein Feindbild ausmacht und dann im Umkehrschluss die eigenen Thesen als die einzig wahren und wirklichen Erkenntnisse entwickelt.

 

Um es kurz zu machen: Das Buch ist zugegebenermaßen sehr lesefreundlich und locker geschrieben. Es enthält auch eine Fülle von richtig wiedergegebenen Informationen und Geschichten aus der Medizinhistorie. Dennoch sind nicht alle Folgerungen bzw. „Lösungen“, die Anne Fleck ableitet, zwingend korrekt, vor allen Dingen von ihr nirgends „wissenschaftlich belegt“, wie der Verlag behauptet. Verwunderlich ist insbesondere, dass ich im Buch nichts finden konnte, was auf den aktuellen Ernährungsbericht der DGE hinweist. Der ist zwar nicht so unterhaltsam zu lesen, aber er offenbart doch, dass wir, was das Fett-Essverhalten angeht, gar nicht so schlecht dastehen. Das Buch ist also, insbesondere was seine Panikmache betrifft, absolut unnötig.

 

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Dörthe Binkert

Frauen und Bäume

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 160 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851794120

 

Wieder eine faszinierend-kluge Bilderreise

 

Diese Buchreihe aus dem Thiele Verlag ist für mich eine der schönsten, die ich kenne. Es sind Bücher, die man im Regal quer stellt, weil das Cover jeweils  so schön ist, dass man es stets vor Augen haben möchte. Es sind Bücher, die man immer und immer wieder in die Hand nimmt, darin blättert und jedes Mal etwas Neues entdeckt. Bücher, die uns auf schwindelnd schnelle Zeitreisen in die Welt der Kunst schicken. Und deren Texte uns lehren, genau und noch genauer hinzuschauen.

 

Nun habe ich ein weiteres unglaublich schönes, die Sinne berührendes Buch aus dieser Reihe seit Wochen bei mir: Frauen und Bäume. So viel sperriger als „Frauen und ihre Katzen“ oder  „Frauen und Rosen“, dachte ich. Schwieriger, so glaubte ich, weil hier Weibliches und Männliches zusammen kommt. Der Überbegriff  Baum: maskulin, rau, stark. Der Unterbegriff Weide, Linde, Ulme: weiblich, feingliedrig, differenziert. Beim Vertiefen in das Buch, in den wie immer  außerordentlich klugen, wissensreichen Text von Dörthe Binkert, verstand ich jedoch schnell die besondere Faszination der Kombination Frau und Baum. Denn gerade die verschiedenen mythischen, märchenhaften, geheimnisvollen, symbolischen Bedeutungen des Baumes waren reicher schöpferischer Quell der Künstler durch die Zeiten hinweg. Es gelingt der Autorin perfekt, die Stärke der Bäume in Verbindung zu setzen mit den besonderen Stärken der Frauen, mit Eva im Paradies, mit den Nymphen und Feen, mit sich in Bäume verwandelnde Frauen, mit Frauen, die sich mehr und mehr in das Grün, in die Natur, in träumerische Zeiten verlieren. Aber auch die Frucht tragenden Bäume bergen eine den Frauen verwandte Symbolik in sich. Der Baum als Schutz und Geborgenheit gebend, als Tröster, als verschwiegener Freund, als Bewahrer besonderer Verbindungen durch eingeritzte Initialen – schier unerschöpfliche Möglichkeiten der künstlerischen Gestaltung werden in diesem Buch offenbar. Jedes der vielen gezeigten Bilder spricht eine andere Sprache, lässt uns eine andere Facette des Themas schauen, ruft eine andere Stimmung hervor. Nicht zu vergessen die Deutung C.G. Jungs, den Baum als Mutter- bzw. Wiedergeburtssymbol zu sehen. Und wer sich mit Peter Wohlleben beschäftigt, weiß auch, dass Bäume miteinander kommunizieren, ein unsichtbares Netzwerk bilden. All dies und noch viel mehr erlebe ich in diesem Buch, schauend und lesend. Immer wieder.

 

Doch genug geschrieben: Blättern Sie selbst in diesem Buch, tauchen Sie ein, entdecken Sie, genießen Sie…

 

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Andree Metzler

Der Unfall

 

Acabus Verlag (digitale Ausgabe) 

 

 

 

Ein Lektorat hätte dem Buch gut getan

  

 

Dass ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen habe, spricht für einen flüssigen, durchaus spannenden Erzählstil. Aber…

 

So wird der Inhalt von Verlagsseite beschrieben: Meli van Bergen ist eine erfolgreiche Immobilienmaklerin. Sie führt ein Leben auf der Überholspur, bis ein Unfall sie jäh ausbremst: Querschnittslähmung. Rollstuhl. Depression. In der Reha lernt sie den fröhlichen Therapeuten Tom kennen, der ihr zeigt, dass das Leben noch immer lebenswert ist. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen in ein einsames Haus am See. In der freien Natur, ohne Telefon und Internet, lebt Meli wieder auf. Doch unmerklich holt die Vergangenheit sie wieder ein. Die perfekte Idylle bekommt Risse und Meli muss plötzlich um ihr Leben kämpfen …“

 

Das Buch ist weitgehend im Präsens geschrieben, ausgenommen Erinnerungen. Das macht das Geschehen intensiver, auch die detailreichen Beschreibungen tragen zur Lebendigkeit des Miterlebens bei. Besonders eindringlich fand ich z. B. Melis Traumsequenz auf der Intensivstation. Und schön wie Aquarellzeichnungen wirken die Naturbeschreibungen. All das gefiel mir sehr gut, auch dass es dem Autor gelingt, beim Leser ein unheimliches Gefühl aufziehen zu lassen, das sich zunehmend verstärkt. Aber – jetzt kommt das große Aber. Die positiven Eindrücke sind nicht konstant. Der Schreibstil wirkt in manchen Passagen geradezu ungelenk, gewollt, die Handlung sowohl vorhersehbar als auch letztlich unglaubwürdig, zu sehr konstruiert und in eigentlich wichtigen Sequenzen nicht ausgearbeitet. So bleibt dem Leser zum Beispiel letztlich verborgen, auf welche Weise es Tom gelungen ist, Meli von einer autarken, starken Persönlichkeit zu einem ängstlichen, abhängigen Mäuschen zu verwandeln. Es fehlt an psychologisch nachvollziehbaren Mechanismen, die dies verständlich gemacht hätten. Überhaupt wirken die Protagonisten meist puppenhaft, konstruiert, unecht. Die „eingestreuten“ Träume verwirren den Leser. Die detailliert beschriebene sexuelle Szene ist unnötig, dient in keiner Weise der Handlung. Gab es kein Lektorat? Und gab es keinen Korrektor, dem die Rechtschreibfehler aufgefallen wären (wie z. B. Spint statt richtig Spind)?  Fazit: Unterhaltsam zu lesen, aber verbesserungsfähig.

 

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Hank Green

Ein wirklich erstaunliches Ding

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 448 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft, bold

·         ISBN-13: 978-3423790406

·         Originaltitel: An absolutely remarkable thing

 

Keine Ahnung, wozu dieses Buch gut sein soll

 

Tja, was soll ich zu diesem Buch sagen? Dass ich nicht weiß, wozu man es lesen sollte? Dass ich es nach anfänglichen ernsthaften Versuchen des Lesens nur mehr quergelesen habe? Dass ich es schließlich ratlos weggelegt habe?

 

Der Einfachheit nutze ich als Einführung den Klappentext: „Ein paar Klicks, ein kurzer Film, eine spontane nächtliche Aktion – und Aprils Leben steht auf dem Kopf. Eigentlich hatte sie nur eine mysteriöse, aber beeindruckende Roboter-Skulptur gefilmt und ins Netz gestellt und ihr aus Spaß den Namen CARL gegeben – nichts Besonderes eigentlich, doch als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie berühmt. Überall auf der Welt sind Carls aufgetaucht, niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, wofür sie gut sind. April wird zur Carl-Expertin, die Medien stürzen sich auf sie, ihre Videos verbreiten sich millionenfach. Doch im Zentrum der weltweiten Hysterie erntet sie nicht nur Likes...“

 

Kurzweilig ist es geschrieben, das muss man sagen. Leicht lesbar ist es auch. Nicht schön ist die Sprache, oftmals eher ordinär oder primitiv, immer eher Umgangssprache. Das mag ich nicht. Und unverständliche Wörter, die vielleicht manche Jugendliche kennen oder Nerds, mag ich auch nicht. Vielleicht könnte man das Buch auch streckenweise als  witzig und schräg bezeichnen, mag sein. Aber letztlich bleibt die ratlose Frage übrig: Wozu soll man es lesen? Dass es möglich ist, das fiktive Leben in der Social-Media-Welt als (Pseudo-)Realität zu erleben? Dass es möglich ist, finanziellen und persönlichen Wert aus der Zahl der Likes und Followers zu ziehen. Wissen wir. Ja, und? Also: Warum überhaupt dieses Buch? Ich habe absolut keine Ahnung.

 

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Wladimir Kaminer

Die Kreuzfahrer

 

 

·         Audio CD

·         Verlag: Random House Audio

·         ISBN-13: 978-3837142822

 

Langweilig

  

Was für ein großartiges Thema für Kaminer, so dachte ich. Kreuzfahrten zu allen Sehenswürdigkeiten der Welt, während derer es in der Hauptsache um Essen und Trinken geht und um das Bemühen, den Kreuzfahrern keinen Moment, ja keine Sekunde der Langeweile zuzumuten. Das war doch genau die Szenerie, in der Kaminer zu Höchstform auflaufen könnte, dachte ich. Und so erwartete ich Pointen und freundlich-entlarvende Szenenschilderungen in der gewohnten Kaminer-Weise.

 

Was ich jedoch erhielt, war genau die Langeweile, die es doch eigentlich zu vermeiden galt, nicht nur bei den Kreuzfahrern, sondern auch bei Lesern bzw. Hörern. Sicher, Kaminer nimmt sich auch hier selbst auf den Arm. Hin und wieder spürt man seinen verhaltenen, leicht bissigen Humor, aber alles in allem ödete mich die Hörbuch-Fassung an. Zumal mir die vorsätzlich kultiviert-russische, etwas grobschlächtig wirkende Aussprache von Wladimir Kaminer zunehmend auf die Nerven ging. Da habe ich ihn schon viel scharfzüngiger und unterhaltsamer erlebt.

 

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Anna Simons

Verborgen

 

 

·         Taschenbuch: 432 Seiten

·         Verlag: Penguin Verlag

·         ISBN-13: 978-3328102892

 

 

Intensiv-spannend

 

Den ersten Fall für die Gefängnisärztin Eva Korell habe ich sehr gerne gelesen. Das Buch war leicht lesbar, dabei durchweg spannend und macht mir durchaus Neugier auf die weiteren Bücher, verfasst von Anna Schneider alias Anna Martens alias Anna Simons.

 

Eva beginnt in einer neuen Stadt einen neuen Job, um die bösen Schatten ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie startet als Gefängnisärztin in einer Münchner Haftanstalt ihr neues Leben, doch noch bevor sie ihren ersten Arbeitstag mit all den neuen, teils beunruhigenden Erfahrungen antritt, wird sie in eine merkwürdige Geschichte hineingezogen. Die Frau eines Inhaftierten bittet sie flehentlich um Hilfe, was Eva ablehnt, um nicht in Konflikt zwischen Beruf und Privat zu geraten. Doch am nächsten Tag ist genau diese Frau verschwunden. Eva macht sich große Vorwürfe und versucht, auf eigene Faust die seltsame Geschichte aufzuklären, wobei sie, ohne es zu ahnen, selbst in allergrößte Gefahr gerät.

 

Die Geschichte ist insgesamt sehr gut ausgearbeitet und wird kurzweilig und schlüssig erzählt. Sie hält von Anfang bis Ende einen konstanten Spannungsbogen aufrecht, der sich zum Schluss hin nochmals intensiviert. Die Protagonisten wirken authentisch und realistisch, insbesondere Eva stellt sich in ihrer unbeirrbar ehrlichen Haltung als sehr sympathisch dar. Die Autorin kennt sich überraschend gut aus in der Welt der Gefängnisse, in der Welt der Borderline-Erkrankten, in der Welt der unterdrückten und männlicher Gewalt ausgesetzten Frauen und beschreibt all dies bildhaft und für den Leser intensiv nachvollziehbar. Mitunter wurde mir das viele Gedankenkreisen einzelner Protagonisten zu lang, zu ausufernd, insbesondere bei Eva. Auch wird der Ehrenkodex, dem Eva unterliegt etwas zu oft breitgetreten. Hier wäre die eine oder andere Straffung des Textes dem Buch dienlich gewesen. Insgesamt handelt es sich jedoch um einen Krimi, den ich gerne und zügig gelesen habe und der, ohne blutrünstig zu werden, dennoch intensiv-spannend geschrieben ist.

 

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Barbara van den Speulhof, Stephan Pricken

Der Grolltroll

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 32 Seiten

·         Verlag: Coppenrath

·         ISBN-13: 978-3649628934

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 36 Monate - 6 Jahre

 

 

Erste Hilfe für Zornbinkerl

 

Wer kleinere Kinder hat oder hatte, kennt sie zur Genüge: Diese finsteren Momente, in denen das Kind aus scheinbar nichtigem Anlass in einen Strudel von ohnmächtiger Wut und Verzweiflung gerät, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Und der betreuende Erwachsene hat gleichermaßen mit wachsender Hilflosigkeit und zunehmendem Ärger zu kämpfen.  Wie gut, dass der Coppenrath-Verlag dieses großartige Erste-Hilfe-Buch für Zornbinkerl (bayerisch) herausgab, das man im Übrigen auch manchem Erwachsenen schenken möchte…

 

Allein schon der Titel dieses großformatigen Bilderbuches ist Programm: Der Grolltroll – eine geniale Wortschöpfung, dessen Aussprache mit drohend-rollendem r allein schon der Inbegriff von Zorn ist (und übrigens bei unerwartetem Gebrauch urplötzlich zu entspannendem Gelächter führen kann.) Jedenfalls ist der Grolltroll ein armer Kerl, denn alle und alles hat sich gegen ihn verschworen, und nie, niemals, ist er an irgendetwas selbst schuld. Und wenn er dann so ganz unschuldig von  Wut überrollt wird und die Rauchwölkchen über seinem Kopf wabern, dann ist er allein, alleiner kann man gar nicht sein…

 

Die wunderschönen, ausdrucksstarken Illustrationen von Stephan Pricken sind so lebendig, so farbenfroh, so aussagekräftig, so detailreich, dass man sie immer und immer wieder anschauen mag. Und wenn Stimmungsgewitter aufziehen wollen, egal ob bei Kleinen oder Großen, dann empfiehlt sich als Sofortmaßnahme, sich schnell zusammen zu setzen und die Welt von Grolltroll anzuschauen. Bei diesen fröhlichen, liebevollen Bildern werden Zorn und schlechte Laune ganz schnell vergessen, bei Groß und Klein. Gerne leiste ich der Weisung des Grolltrolls Folge, die ich zu Anfang des Buches fand: „Sei bloß lieb zu diesem Buch!“ Gar keine Frage!

 

 

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Pierre Lemaitre

Die Farben des Feuers

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 479 Seiten

·         Verlag: Klett-Cotta

·         ISBN-13: 978-3608963380

 

 

Fordert volle Aufmerksamkeit

 

Ein Buch, das mich einerseits faszinierte, mich fesselte, aber auch streckenweise langweilte. Ein Buch, das es mir einerseits schwer machte, es zu mögen, andererseits hinreißende Szenen enthielt. Ein Buch, das viel Zeit und die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert.

 

Zentrum allen Geschehens ist Madeleine, Tochter und Alleinerbin des berühmten französischen Bankiers Marcel Péricourt. Am Tag der Beerdigung von Marcel Péricourt stürzt Madeleines Sohn Paul aus dem 2. Stock. Er überlebt, bleibt aber gelähmt. Madeleine liebt ihren Sohn abgöttisch und unternimmt alles Erdenkliche, um ihm sein Schicksal zu erleichtern. Doch sie ist von Neidern umgeben. Im Jahr 1927, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, bestimmen Habgier,  Börsenskandale und politische Wirrnisse die Geschehnisse. Und so gelingt es tatsächlich diesen Neidern, das Bankimperium zu Fall zu bringen und damit Madeleine und ihren Sohn in die Armut zu stürzen.. Doch Madeleine zieht für ihren Sohn auf einen raffinierten Rachefeldzug.

 

Die Erzählweise des Autors ist streckenweise nicht ganz einfach zu lesen. Lange Sätze schildern oft ganze Welten, meist innere Welten, in einer überaus gepflegten Sprache, in die man sich einlesen muss. Kleine eingestreute Bosheiten, ein fein-entblößender Humor würzen das Geschehen. Viele Namen tauchen auf, die teils verwirren. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass ich immer wieder neu nach dem roten Faden angeln musste. Durch die Fülle der Namen, der Liebschaften, der Intrigen und der wirtschaftlich-politischen Exkurse ging mir dieser rote Faden oftmals verloren, tauchte dann unerwartet plötzlich wieder auf, intensiv und beeindruckend. Die Protagonisten blieben mir leider irgendwie fern. Sie agieren wie in einem Historienfilm, kostümiert, etwas blutleer, in übergestülpten Rollen. Lebendig-fesselnde Schilderungen wechseln ab mit mich etwas ermüdenden trocken-politischen Ausführungen.

Als Fazit ausgedrückt wirkte das Buch auf mich wie ein großer, mit viel Aufwand und akribischer Recherche ausgearbeiteter historischer Film, in dem es eine Fülle von außerordentlich malerischen Szenen mit geistreichen Dialogen zu bewundern gilt, der aber letztlich keine Emotionen hervorruft und den Leser in einer distanzierten bewundernden Achtungshaltung zurücklässt.

 

 

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Das Lexikon der Geistesblitze

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag

·         ISBN-13: 978-3851794328

 

 

 

Mehr Bescheidenheit wäre angebracht

 

Dieses Lexikon hat mich über Wochen beschäftigt. Es ist ja nicht „einfach so“ zu lesen. Es kommt mit dem Anspruch daher, mir mehr Schlagfertigkeit zu ermöglichen, mich auf dem Parkett des Small Talk fit zu machen. Frech will es sein, dieses Lexikon, und geistreich, eine Alternative zu herkömmlichen langweiligen Zitatenwälzern. Es kommt also sozusagen als Kraftprotz daher, als muskelspielender Angeber. Es verspricht Großes in der Verlagsankündigung…

 

Und weil ich auch großen Sprüchemachern eine Chance geben möchte, nahm ich das Buch immer und immer wieder in die Hand, blätterte herum, las hier, las dort, lächelte ab und zu, dachte ein paar Minuten nach, gähnte hin und wieder, legte es wieder zur Seite, holte es später wieder hervor. So ging es über Wochen. Und was soll ich sagen: Ich bin nicht schlagfertiger geworden. Ich bin nach wie vor untauglich für Small talk. Weder Lachsalven noch Aha-Erlebnisse rissen mich aus meinem Gleichmut, mit dem ich wochenlang in kleinen Etappen durch das Buch gewandert bin.

 

Schön aufgemacht ist es zweifelsfrei, dieses Lexikon. Der dunkelrote Leinenrücken, die ansprechende Typographie, das glatt-edle Papier, die im Buch immer wieder auftauchenden im alten Stil  gezeichneten „Handreichungen“ – all das ist liebevoll und ansprechend komponiert. Warum sich dennoch die Komposition nicht zu einer Sinfonie zusammenfügt, höchstens vielleicht gerade mal zu einer kleinen Etüde, einer Fingerübung also, das mag an der Auswahl der Zitate liegen. Sie sind alphabetisch nach Schlagwörtern sortiert. Von „Abend“ über „Fortschritt“ und „Miststück“ bis „Zweifel“ sammeln sich Aussprüche, die teils abgedroschen und trivial sind, teils überraschend, mitunter vertraut-humorvoll, mal mit Augenzwinkern zitiert, mal geistreich. All das durchaus, aber eines sind sie garantiert nicht, nämlich das, was der Verlag behauptet: „… an Witz nicht zu überbieten“. Ein bisschen mehr Bescheidenheit würde dem Buch gut tun.

 

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Mein großes Räuber Hotzenplotz Rätselbuch

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 128 Seiten

·         Verlag: Thienemann Verlag

·         ISBN-13: 978-3522185042

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 - 8 Jahre

 

Viele Stunden fröhliche Unterhaltung

 

Die Räuberfans haben es schon längst mitbekommen: Räuber Hotzenplotz ist seit Monaten wieder aktiv, taucht mal hier mal dort auf. In Buchhandlungen, auf Stadtfesten, in Bibliotheken liebt er es, kleine und große Leute zu erschrecken und genießt sichtlich, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. In der Mitmachausstellung in Stuttgart ist er noch bis zum 23. Juni 2019 die Hauptattraktion. (www.junges-schloss.de)

 

Und so wundert es nicht, dass der Thienemann Verlag Räuber Hotzenplotz zu Ehren ein wunderbares, großes Rätselbuch auf den Markt gebracht hat – so liebevoll und ideenreich ausgestaltet, dass es seinesgleichen sucht. Da gibt es für jeden kleinen Hotzenplotz-Fan die passenden Rätsel. Das Buch enthält eine Fülle von Aufgaben, spaßig, originell, zum Überlegen, zum genauen Hinschauen, zum Malen, zum Fantasieren, über 100 Räuberrätsel in unterschiedlichen Schwierigkeiten. Das herrlich illustrierte Buch, das übrigens zu einem erstaunlich günstigen Preis angeboten wird, garantiert viele Stunden fröhliche Beschäftigung und macht damit Kinder und Eltern gleichermaßen froh.

 

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Andreas Gruber

Rachewinter

 

 

·         Taschenbuch: 592 Seiten

·         Verlag: Goldmann Verlag

·         ISBN-13: 978-3442486557

 

 

Gekonnt geschriebener Pageturner

 

Das vorliegende Buch war mein erstes von Andreas Gruber – und es war ganz sicher nicht mein letztes! 580 Seiten, die mich fesselten, die mich zwar an manchen Stellen aufregten oder ärgerten, aber niemals langweilten, ganz im Gegenteil

 

Allein schon der Prolog hat es in sich: Zwei Dachdecker beobachten im Penthouse  gegenüber Sexspiele, anschließend einen Mord und filmen schockiert das Geschehen. In verschiedenen Städten kommen mehrere vermögende Geschäftsleute auf unerklärliche Weise zu Tode. Eine geheimnisvolle Frau im roten Kleid taucht auf und verschwindet wieder. Die Anwältin Evelyn Meyers soll eine Verteidigung übernehmen, was sich zunehmend zur Farce entwickelt. Und Kommissar Walter Pulaski bleibt hartnäckig daran, die Einzelteile der angeblichen Unglücksfälle oder Selbstmorde zu sammeln, weil er Mord wittert. Obwohl er von seinem Vorgesetzten zurückgepfiffen wird, verbeißt er sich in die Fälle und gerät zusammen mit Evelyn schließlich in allerhöchste Gefahr.

 

Trotz Unkenntnis der Vorgänger-Bücher hatte ich keinerlei Mühe, mit den Protagonisten Kommissar Walter Pulaski und der Anwältin Evelyn Meyers schnell vertraut zu werden. Auch die verschiedenen Handlungsstränge führten mich nicht in Verwirrung, sondern verbreiteten vielmehr bereits von Anfang an eine unterschwellige Spannung. Die permanent wach gehaltene Neugier treibt zum Weiterlesen, zum Einsammeln der vielen Puzzle-Teile und zum unermüdlichen Rätseln. Mir gefällt der Schreibstil des Autors sehr gut. Er erzählt lebendig und fesselnd. Manchmal wird seine Fähigkeit, intensive Kopfbilder zu erzeugen, kaum erträglich durch allzu viel spritzendes Blut. Durch permanenten Szenenwechsel bleibt der Spannungsbogen durchweg erhalten. Im letzten Viertel des Buches wächst die Spannung nochmals von Seite zu Seite ins Unerträgliche, bis man schließlich atemlos und erschöpft zum Ende gelangt.

 

Das Thema Transgender bzw. Geschlechtsumwandlung, das mehr oder weniger pseudowissenschaftlich beleuchtet wird, und die Grausamkeit einzelner Szenen kann man kontrovers diskutieren. Was ich jedoch mehr als unpassend, unglaubwürdig und indiskutabel finde, ist die Einbeziehung von zwei halbwüchsigen Mädchen in die Ermittlungen, zwar erst heimlich, dann aber unter Absegnung von Walter Pulaski. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Dennoch bleibt mein positives Gesamturteil: Ein in der Summe überaus spannender Pageturner, gekonnt geschrieben, durchdacht und stimmig konstruiert.

 

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Otfried Preußler

Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 64 Seiten

·         Verlag: Thienemann Verlag

·         ISBN-13: 978-3522185103

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 - 8 Jahre

 

Liebenswert, aber eher ein Vorlesebuch für Kleinere

Das vorliegende Buch wird angekündigt als eine „neue Geschichte vom Hotzenplotz“. Natürlich ein wirksamer Werbegag, dem man nicht durch falsche Erwartungen auf den Leim gehen sollte.

 

Der geniale Kinderbuch-Autor ist 2013 gestorben. Da kann eine „neue Geschichte“ nur auf im Nachlass gefundenen Entwürfen beruhen. Und so ist „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ auch ein schmales Büchlein, das ursprünglich von Otfried Preußler als Puppenspiel geschrieben worden war und von Susanne Preußler-Bitsch zu einer Vorlese- und Erstlesegeschichte ergänzt wurde.

 

Seppel, Kasperl, Wachtmeister Dimpfelmoser und der Räuber Hotzenplotz passen in der Tat perfekt in ein Puppenspiel. Man sieht sie direkt vor sich auf einer Puppenbühne, klassische Figuren in einer Geschichte, in der Gut und Böse klar getrennt sind und das Böse durch kluge Rafinesse ausgetrickst wird. Einfach gestrickt, liebenswert, vergnüglich.

 

Besonders hervorzuheben sind die durchweg farbigen, wunderschönen, lebendigen Illustrationen von Thorsten Saleina, die das schlichte Büchlein auf beste Weise bereichern. Ich würde aus meiner Sicht die Geschichte als Vorlesebüchlein einsetzen und deshalb das empfohlene Alter auf 4-6 Jahre herabsetzen.

 

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Angelika Felenda

Herbststurm

 

 

·         Broschiert: 437 Seiten

·         Verlag: Suhrkamp Verlag

·         ISBN-13: 978-3518469231

 

 

 

Nicht Fisch und nicht Fleisch

 

 

Dies war mein erstes Buch von Angelika Felenda. Zweifellos zeichnet sich das Buch aus durch einen gekonnt-routinierten Schreibstil, dennoch habe ich zweimal mit längeren Pausen das Lesen unterbrochen und erst nach einer Weile neu gestartet. Etwas, was mir nur ganz selten passiert. Und was ich mir nicht wirklich erklären kann, denn eigentlich ist das Buch flüssig zu lesen.

 

Der Kriminalroman spielt in den Kreisen russischer Exil-Monarchisten, die sich nach der Oktoberrevolution in München niedergelassen haben. Diese Zeit der galoppierenden Inflation und der stets drohenden Gefahr von Anschlägen bietet eine nicht einschätzbare und durchaus gefährliche Kulisse für die Ermittlungen des Kommissar Reitmeyer in zwei Mordfällen. Seinem jungen Assistenten Rattler, eigentlich klug und kriminalistisch sehr geschickt, wird von einer schönen Deutschbaltin der Kopf verdreht. Dazu ist zeitgleich Reitmeyers bester Freund, der Rechtsanwalt Leitner, im Auftrag einer russischen Emigrantin auf der Suche nach deren verschwundener Tochter Anja Alexandrowa. Was haben die beiden Morde mit dem Verschwinden der Russin zu tun? Und welche Rolle spielt die verführerische Deutschbaltin? Die Ermittlungen führen immer tiefer in verschiedene Milieus, in die der Armen und der ganz Reichen, die der Spelunken, der Bars, die der aufflammenden rechtsorientierten Gruppierungen und in die der Musikkonzerte für Privilegierte. Eine Auflösung bietet der Kriminalroman erst zum spektakulären Schluss.

 

Die Autorin fängt das Lebensgefühl dieser Zeit sehr gut ein. Sie zeichnet anschaulich und lebendig, wie die Inflation das tägliche Leben der Menschen zusehends beeinträchtigt, wie aufkeimende Fremdenfeindlichkeit und rechte Gesinnung Fuß fassen. Dennoch konnte mich das Buch nicht packen. Die Protagonisten blieben für mich bis zum Schluss blass und distanziert-fremd. Die Handlung mäandert zwischen Politik und Krimi etwas unentschlossen hin und her und geht daher weder im politischen Zeitbild noch im Krimigeschehen noch in der Psychologie der Protagonisten wirklich in die Tiefe. Manche Handlungsstränge verlaufen im Nichts. Über viele, viele Seiten hinweg fehlt jegliche Spannung. Die Vermischung von Kriminalroman und geschichtlichem Roman ist meiner Meinung nach nicht geglückt, da keines der beiden Genres optimal bedient wird: die Kriminalgeschichte wird zu langatmig dargestellt, sie wird von den geschichtlichen Aspekten fast verschluckt. Und die historisch-politische Romangestaltung bleibt letztlich zu oberflächlich, wird durch das Krimigeschehen gewissermaßen als Kulisse missbraucht. Ein Buch, das gewissermaßen nicht Fisch und nicht Fleisch ist.

 

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Takis Würger

Stella

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

·         Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

·         ISBN-13: 978-3446259935

 

 

Sensibel und brutal gleichermaßen

 

 

Als ich Takis Würger bei einer Lesung seines ersten Buches Der Club beobachten konnte, erschien er mir seltsam zwiegespalten. Einerseits unerfahren, unsicher, fast ein wenig linkisch, auf der anderen Seite auf eine vornehm-sichere und privilegierte Weise von sich überzeugt. Und ebenso zwiegespalten erscheint mir das vorliegende Buch: sowohl leise-vorsichtig, scheu, als auch von einer inhaltlichen und sprachlichen Wucht, wie sie kaum zu ertragen ist.

 

Der Klappentext lässt uns nur Fakten wissen: „Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt.“ Was im Klappentext jedoch fehlt, ist für mich ein entscheidender Teil der Geschichte. Denn Friedrich war nicht immer so still gewesen. Seine Vorgeschichte, wie und warum es zu seiner entstellenden Gesichtsverletzung kam, wie er dadurch die Liebe seiner Mutter und noch viel mehr verlor, das ist aus meiner Sicht die Grundlage des Buches, denn es steht Friedrich im Mittelpunkt, nicht Stella. Es wird mit den Augen Friedrichs das Geschehen, sowohl das politische als auch das individuelle, beobachtet, und für den Leser wird nachvollziehbar, weshalb Friedrich eher passiv und leidend geschehen lässt, was geschieht. Seine bedürftige, obsessive Liebe zu Stella verschließt ihm die Augen vor den Wahrheiten um ihn herum.

 

Die Erzählweise ist besonders. Schlichte Wörter, schlichte Sätze, und dabei eine so dichte Atmosphäre schaffend und so treffgenau, wie es manch einem Autor mit vielen Wörtern und langen Sätzen nicht gelingt. „Berlin ist ein Ort, an dem sogar Friseure sagen, was sie denken.“ An anderen Stellen knallen dem Leser die kurzen Sätze nur so um die Ohren, dass man sich ducken möchte vor den Bildern, die angeschossen kommen. Ein Buch, sensibel und brutal gleichermaßen, Fakten und Fiktion genial vermischend. Ein großes Buch.

 

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Un-Su Kim

Die Plotter

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958902329

 

 

Verspricht viel, ohne es zu halten

 

 

Das Gute zuerst: Die Buchgestaltung ist ein absoluter Blickfang! Auf dem Cover sieht man eine weiße Pompondahlie auf schwarzem Grund, ein Bild, das Reinheit suggeriert. Jedoch diese Reinheit wird zerstört, indem das gesamte Buch einschließlich Cover und Seitenschnitt dicht übersät ist mit leuchtend roten Blutspritzern. Perfekter gestalterischer Einstieg also für einen Thriller. 

 

Für den Inhalt bemühe ich ausnahmsweise den Klappentext: Raeseng ist Killer von Beruf, seit ihn Old Raccoon als Kind bei sich aufnahm und ausbildete. Aufgewachsen an einem geheimen Rückzugsort in Seoul, einer Bibliothek voller alter Bücher, gehört er zur Killer-Elite Koreas. Denn Old Raccoon ist ein Plotter. Als Kopf der Organisation »Library of Dogs« hat er seit Jahrzehnten alle politisch gewollten Exekutionen in Korea geplant. Doch als die Macht der Diktatur schwindet, gerät auch der Einfluss der Plotter ins Wanken – und eine neue Generation beginnt, ihr eigenes tödliches Netzwerk aufzuziehen. Als Raeseng vom Plan der Plotter bei der Ausführung eines Auftrags abweicht, geraten die Dinge außer Kontrolle – und Raeseng rückt selbst an die erste Stelle der Todesliste …

 

Die Leseprobe, der Einstieg ins Buch, hatte mich fasziniert. Die Schreibweise wirkte auf mich ruhig und intensiv und dadurch sehr, sehr eindringlich. Allein schon die Walgeschichte, die in der Leseprobe erzählt wird, lässt den Leser nicht mehr los. Tja, das war es aber dann auch. Je weiter ich las, desto mehr verlor ich das Interesse. Ich empfand das Buch zunehmend als langweilig, schleppend – und am Ende fragte ich mich, was das ganze Buch eigentlich soll. Auch der Schreibstil, der mich zu Beginn des Buches so fasziniert hatte, verlor im weiteren Verlauf zunehmend an Intensität, wirkte teilweise fast holprig. Mag sein, dass ich aufgrund meiner mangelnden Kenntnis, Südkorea betreffend, den Sinn des Buches nicht verstehe. Vielleicht liest jemand mit entsprechendem politischen Hintergrundwissen das Buch mit mehr Gewinn. Wie auch immer -  als Thriller würde ich das Buch nicht bezeichnen. Damit weckt man, wie ich glaube, völlig falsche Erwartungen.