Renate Bergmann

Das kann man doch noch essen

 

Hörbuch, gekürzte Ausgabe

         Spieldauer: 2 Stunden und 12 Minuten

         Verlag: Der Audio Verlag

 

Kittelschürzen-Humor

 

Dank der großartigen Carmen-Maja Antoni, die liest, als säße sie selbst in der Kittelschürze am Küchentisch, habe ich das Hörbuch mit Vergnügen gehört.

 

Die Verlagsinformation sagt alles: „Die Hausfrau heutzutage ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Da werden nur noch Tiefkühlpizzen aufgewärmt und wie man Fenster richtig putzt, das weiß keine. … "Ein Stich Butter muss immer ran ans Gemüse, sonst kann der Körper die Fittamine gar nicht verarbeiten." Renate Bergmann weiß zu vielem etwas zu sagen und vor allem: alles besser. Ihre Weisheiten, Ideen, Ratschläge und Rezepte sind auf diesem amüsanten Hörbuch versammelt.“

 

Ich kam mir vor, als säße ich bei Oma in der Wohnküche und bekäme erzählt, was jemanden bewegt, der „getrennt von seinen Zähnen schläft“, aber dennoch hausfraulich und mitmenschlich gesehen echten Biss hat. Mit tiefster Entrüstung vorgetragen erfahre ich von schlampigen Nachbarn, die nicht einmal mehr die Teppichfransen kämmen. Und ich bekomme leckere Kuchenrezepte verraten, die ich sofort mitschreiben möchte. Es könnte gut sein, dass ich demnächst mal die Gardinen mit Backpulver einweiche, wer weiß…

Hörbuch

Deutschland-Reise

  

·         Audio CD: 8 CD's

·         Verlag: Audiobuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3958620438

 

 

Mit den Ohren reisen

 

 

Für diese Deutschland-Reise sollte man sich viel Zeit nehmen. 586 Minuten reine Hörzeit sind es insgesamt, aber ein reines Abhören der CDs der Reihe nach, ein reines Konsumieren  war mir nicht möglich.  Ich hörte sie, wie bei echten Wanderungen, in Etappen, manchmal mit Begeisterung ausschreitend, mal müden Schritts, immer aber neugierig. 

Diese besondere Sammlung an literarischen Reiseberichten wandert durch 400 Jahre Schriftstellertum ebenso wie durch zahllose Gegenden Deutschlands – wunderbar dargeboten durch perfekt ausgewählte Sprecher. Und in sehr ansprechender Verpackung samt informativem Booklet angeboten. 

Es gab viel zu schmunzeln, als ich mit Mark Twain eine nur wenig anstrengende Neckarwanderung unternahm. Mit Bierbaum genoss ich das Unterwegs-Sein im Automobil und lernte seine Begeisterung für technische Details zu teilen. Mit Michel de Montaigne konnte ich hervorragend speisen! Mit Heinrich Heine konnte ich mit seinen strammen Fußmärschen und seinem beißenden Spott kaum mithalten. Mit Goethe war ich nicht so gerne unterwegs, er war mir recht langweilig als Reisebegleitung ebenso wie der briefschreibenden Georg Forster, und mit der dozierenden Germaine de Stael zu reisen, empfand ich als regelrecht ärgerlich. In der Gesamtheit jedoch ergab sich für mich ein vielfältiger Blick auf Deutschland, auf die Deutschen, auf ihre Besonderheiten (bis hin zur Kehrwoche) und auf die Schönheit deutscher Landschaften, die die Jahrhunderte überdauern – in dichterischer Sprache und von großartigen Sprechern wiedergegeben.

 

Rafik Schami

 

Ich wollte nur Geschichten erzählen

 

 ·         Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

 ·         Verlag: Hirnkost

 

·         ISBN-13: 978-3945398654

 

  

Ein Kleinod

 

Dieses Büchlein ist ein Kleinod. Es enthält nicht das, womit man Rafik Schami normalerweise verbindet, nämlich überbordende Erzählfreude, sondern es ist ein sehr persönliches Buch, mit leisen Tönen, mit viel Traurigkeit, mitunter auch mit Bitterkeit, dann wieder entlarvend-fröhlich, immer aber bewegend. 

Rafik Schami erzählt in kurzen Sequenzen, in komprimierter, oft pointierter Form von seiner Heimat Syrien, von Kultur, Politik und von deren Zusammenhängen. Er ist erschreckt über die Unwissenheit der Deutschen über Syrien und  Assad und sieht es als seine Aufgabe, durch seine Geschichten „Fenster zu anderen Kulturen“ zu öffnen. Er berichtet über sein Leben im Exil, über sein detailliertes  Studium der deutschen Sprache und  Phonetik und wie Zivilisation das Lachen verlernen lässt. Ein ganz wunderbarer Abschnitt im Buch sind die Beiträge zum Thema Schreiben und Lesen, insbesondere  die 25 Ratschläge für junge Autoren.  Man möchte diese Ratschläge auch so manchem älteren Autor gerne in die Hand drücken! Am besten ist Rafik Schami, wenn er in Humor verpackt die Dummheit der Menschen entlarvt. Dass ihm, gerade was den deutschen Literaturbetrieb betrifft, dieser Humor zeitweilig abhanden kommt und leises Entsetzen einen Teil seiner Beiträge diktiert, ist mehr als verständlich.

Ja, das Büchlein ist ein Kleinod. Zum öfter Lesen. Zum Nachdenken. Zum Lernen. Und zum Wertschätzen all der unzähligen Mosaiksteine, aus denen sich das Gemälde des Lebens zusammensetzt. 

Christina Herr

Erzähl ich von früher…

 

·         Gebundene Ausgabe: 206 Seiten

·         Verlag: Neukirchener Verlag

·         ISBN-13: 978-3761564875

 

 

  

Leider hinter den Erwartungen zurückgeblieben

 

Das Anliegen der Autorin ist, wie sie selbst im Vorwort schreibt, die eigenen Erinnerungen „aufzuwecken“. Das Buch soll ermutigen, von diesen Erinnerungen zu erzählen, wem auch immer, und damit ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

 

Die einzelnen Kapitel sind zeitlich und thematisch eingeteilt, wie z. B. Kindheit und Jugend, Leben in der Familie, Kriegsjahre usw. Innerhalb dieser Kapitel finden sich einige sehr schön und passend ausgewählte Geschichten, erzählt von Astrid Lindgren zum Beispiel oder Erich Kästner. Der Rest des Buches ist angefüllt mit privaten Erinnerungsfetzen und persönlichen kurzen Geschichtchen.

 

Was gut ist an diesem Buch und was ganz im Sinne der Autorin funktioniert: Es werden beim Lesen eigene Erinnerungen wach, einzelne Bilder tauchen auf und man beginnt tatsächlich davon zu erzählen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man mit diesem Buch überall dort, wo ältere Menschen zusammenkommen, interessante und lebendige Gesprächsrunden anstoßen kann, das Buch also quasi einzusetzen als Arbeitsmaterial für Menschen, die sich mit Senioren beschäftigen.

 Lesend hat mich das Buch allerdings sehr enttäuscht. Es kommen nur wenige Erinnernde zu Wort, die Beiträge sind sprachlich dürftig, wirken meist farblos nüchtern bis hölzern. Die Geschichten bleiben aufgrund der knappen und trockenen Schilderungen für den Leser nicht wirklich greifbar. Man atmet geradezu auf, wenn man auf einen Beitrag stößt, der gekonnt geschrieben ist – um dann festzustellen, dass hier Astrid Lindgren erzählt… Es hätte dem Buch gut getan, wenn die Autorin mehr Mühe darauf verwendet hätte, zum einen viel mehr und unterschiedliche Menschen zu befragen, mehr Erinnerungen zu sammeln, denn erst die Vielfalt bringt das Leben in seiner gesamten Bandbreite näher, und diese Erinnerungen dann vor allem sprachlich so zu überarbeiten, dass sie den Leser emotional erreichen. 

Elfriede Hammerl

Alte Geschichten

Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

Verlag: Kremayr & Scheriau

ISBN-13: 978-3218011068

 

 

Grandios

 

 

 

Das Buch klappe ich nach der letzten gelesenen Geschichte zu. Ratlos. Deprimiert. Wütend. Weil das Buch großartig geschrieben ist. Und so entsetzlich.

 

Die Erzählungen berichten von Frauen und Männern, die „gegen“ sind. Gegen die anderen, gegen den anderen, gegen die Vergangenheit, gegen sich selbst. Und entweder sie haben resigniert oder sie hassen oder sie sind erkaltet bis ins Herz. Apropos Herz: Das kommt nicht vor. Niemand ist herzlich. Herzerwärmende Gesten gibt es nicht. Es sind beschädigte, herzbeschädigte Menschen, von denen berichtet wird, herzlos berichtet wird.

 

Dass die Autorin gewohnt ist, Kolumnen zu schreiben, d. h. Themen pointiert zu Papier zu bringen, spürt man in dieser vorliegenden Sammlung von Erzählungen. Da ist kein Satz zuviel, ja da ist kein Wort zuviel. Und das Grauen blinzelt auf jeder Seite zwischen den Sätzen hindurch, das Grauen, das sich Menschen selbst oder dem Partner verordnen, sozusagen als Medikament gegen Einsicht, gegen Reflexion, gegen Hoffnung, gegen alles am besten. Die Autorin schaut mit dem Mikroskop hin und zählt die tiefen Seelenfalten, die unverheilten Seelenwunden. Und sie lässt kein gutes Haar an den Menschen, von denen sie berichtet. Es gibt in diesem Buch an keiner Stelle einen Schimmer von echter Erlösung oder zumindest tragfähiger Hoffnung. Das messerscharfe Seziermesser der Autorin setzt nahezu in jeder Geschichte einen endgültigen Schnitt. Es gibt kein Davonkommen. Grandios.

 

Eva-Maria Silber

Kirsten Wilczek

Vor.Sicht Ab.Gründe

Taschenbuch: 168 Seiten

Verlag: chiliverlag

ISBN-13: 978-3943292626

 

 

 

Böse Phantasien

 

 

 

Ein kleines Büchlein, das es in sich hat. Viele Tote und Tode hat es in sich. Gewollt oder ungewollt herbeigeführte Tode. Überraschende Tode. Und Tote, die sich für ihren Tod rächen. Viel Tod eben.

 

 

 

Die 18 Stories sind ideal, um sie „zwischendurch“ zu lesen. Eher nicht sitzend auf einer Friedhofsbank. Auch nicht im Wartezimmer eines Arztes. Besser Sie sitzen zu einer Tasse Kaffee am sicheren Küchentisch. Vielleicht sogar abends im Bett, wenn Sie mutig sind und schlechte Träume nicht fürchten. Denn die Stories sind ganz schön stark, meistens spannend und auf jeden Fall gemein, hundsgemein.

  

Die Schreibweise der beiden Autorinnen unterscheidet sich erheblich. Mir persönlich gefallen die Geschichten von Eva-Maria Silber besser. Sie brauchen keine maniriert wirkenden Sätze, keine Fachbegriffe, keine schlecht verständlichen mundartlichen Dialoge, keine komplizierten Handlungskonstrukte. Eva-Maria Silber beschreibt schlicht, nüchtern, sachlich, fein – und dadurch richtig, richtig böse.

 

Yves Rechsteiner

Und dann fängt die Vergangenheit an

Taschenbuch: 160 Seiten

Verlag: Waldgut Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3037401118

 

 

Großartige Kabinettstückchen des Lebens

 

Dieses Buch, erschienen 2016, war für mich eine große Überraschung.

 

Der Name des Schweizer Autors war mir unbekannt, der Verlag ebenso. Insofern hatte ich meine Erwartungen nicht besonders hoch geschraubt. Aber bereits nach wenigen Seiten war mir klar: Diese Erzählungen sind gut, nein, sie sind großartig.

 

Das Buch in seiner griffigen Haptik und einem Cover, das für mich den vielfarbigen Zeitenfluss symbolisiert, machte es mir bereits mit seinem Äußeren leicht, es zu mögen.

 

Eine Sammlung relativ kurzer Erzählungen enthält das Buch, häppchenweise zu lesen, für eine Kaffeepause vielleicht. So dachte ich. Aber dann, als ich zu lesen begann, wurde der Kaffee kalt und die Pausenzeit weit überschritten.

 

Denn jede Geschichte für sich ist eine ganze Welt, ein ganzes Leben. Es wird so leicht erzählt, was so unendlich schwer ist. Verlassen und Verlassen-Werden. Anziehung und Abstoßung, Verlust und Gewinn. Oder Schweigen, so viel Schweigen, im Netz des Unsagbaren verfangen. Extremes bierseliges Dahindämmern, harte Verzweiflung, Versagen des Menschlichen. Und gleich darauf der fein-sensible Blick mitten in das Innere des Menschen. Und all die vielen Abschiede, auch diese leichtfüßig erzählt und schwer im Raum hängenbleibend. So viel Einsamkeit. So viel Traurigkeit. Von einem erzählt, der gaukelnd durch die Welt reist.

 

„Ich zerbeiße mich in der Zeit“ steht da, aber auch „Immer ein- und ausatmen. Der Rest wird schon werden.“ Das sagt alles, über den Autor und über das Buch.

 

Marja Jalo

Lebenserfahrungen einer Frau und Ärztin

Gebundene Ausgabe: 50 Seiten

Verlag: Schweizer Literaturgesellschaft

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3038830078

 

 

 

Warum ist dieses Buch entstanden?

 

Wenn jemand sich entscheidet, seine persönlichen, privaten Notizen zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und sie in die Welt zu entlassen, dann muss es dafür einen Grund geben. Vielleicht einen der Eitelkeit oder einen der Selbstüberschätzung oder einen des Helfenwollens. Wie auch immer: In dem Moment, in dem das eigene Werk die private Schublade verlässt, muss es sich an vielerlei Kriterien messen lassen. Handelt es sich um Literatur? Zu welcher Literaturgattung ist das Werk zu zählen? Ist die Sprache gleichermaßen individuell als auch dem Thema und der Gattung angemessen? Stimmen die primitivsten Grundlagen von Grammatik und Rechtschreibung? Und welche Zielgruppe soll erreicht werden?

 

Ausgehend vom Buchtitel erwartet man ein vielseitiges Werk, eine autobiographische Erzählung dessen, was gewesen war, wie man geworden ist und welche Erkenntnisse man aus dem bisher gelebten Leben gezogen hat. Vielleicht wäre ein „kleinerer“ Titel, wie z. B. „Gedanken einer …“ diesem kleinen Buch eher gerecht geworden, hätte passendere Erwartungshaltungen hervorgerufen.

 

Die wenigen Seiten enthalten Quintessenzen, Gedanken, Erfahrungen, Erlebnisse, in bunter Folge und in leider sehr uneinheitlichem, mitunter nicht nachvollziehbarem Sprachstil. Teils sind es bewegende Einblicke, teils nüchtern-sachliche, den Leser distanzierende Sätze, teils durchaus literarisch zu nennende kurze Momentaufnahmen. Alles wirr gemischt. Die Frage muss erlaubt sein: Sind derart willkürlich zusammengestellte Sequenzen tatsächlich „Lebenserfahrungen“ zu nennen? Weil ich der Autorin gerecht werden wollte, insbesondere ihrer Intention, anderen Menschen etwas zu „geben“, las ich die Texte mehrfach, in zeitlichem Abstand. Und immer wieder erlebte ich das Gleiche: Den unbedingten Wunsch, die Autorin hätte doch aus den intuitiv hingeschriebenen Zeilen etwas geschaffen, d. h. sich für eine Stilform entschieden und entsprechende sprachliche Arbeit hineingesteckt. Tagebuchnotizen vielleicht (hier hätte die Ich-Bezogenheit seinen richtigen Platz). Oder Lyrik (hier wäre die Reduktion auf das Bildhafte, Symbolische angebracht). Oder Geschichten erzählen (Geschehnisse in logischer Folge verständlich darstellen). Zumindest ein Lektorat wäre dem Büchlein zu wünschen gewesen, wenn es denn unbedingt ein Buch hat werden müssen. So hätten wenigstens die Rechtschreibfehler, die falschen Satzbezüge und grammatikalischen Unrichtigkeiten ausgemerzt werden können zum einen, ein guter Lektor hätte aber auch die richtige literarische Form anregen können. So wie das Büchlein vorliegt, handelt es sich letztlich nur um ein paar private Notizen, die sicherlich der Schreibenden geholfen haben, die aber besser in der privaten Schublade hätten verbleiben sollen.

 

Michaela Abresch

Kalt ruht die Nacht

Taschenbuch: 264 Seiten

Verlag: Acabus Verlag

ISBN-13: 978-3862825387

 

 

 

 

 

Unterhaltsam, mehr nicht

 

 

 

Eine „Kriminalgeschichte“ ist per definitionem eine Geschichte, bei der ein Verbrechen und seine Aufklärung im Mittelpunkt stehen. „Historisch“ bedeutet wiederum per definitionem,  einer bestimmten Geschichtsepoche angehörend (und darüber informierend). Die im Buch gesammelten Geschichten erfüllen die mit dem Untertitel „Historische Kriminalgeschichten aus dem Westerwald“ geweckten Erwartungen nur sehr eingeschränkt.

 

Auch wenn die Autorin sich bemüht, anhand des Anhangs nachzuweisen, wie fleißig sie z. B. in Dorfchroniken recherchiert hat, so fehlen doch in vielen Geschichten konkrete westerwaldtypische Gegebenheiten und Verhaltensweisen der damals dort lebenden Menschen. Viele der in den Geschichten geschilderten Örtlichkeiten, der Landschaften, der Bäche, Wälder und Ruinen könnten auch in grauer Vorzeit irgendwo anders gelegen haben. Es genügt meines Erachtens für eine historische „Westerwälder“ Geschichte nicht,  z. B. einen Töpfer als unbedeutende Randfigur auftreten zu lassen, dessen Namen als historisch belegt im Anhang zu rechtfertigen, ohne dass wir auch nur irgendetwas in der Geschichte selbst von dem Töpferhandwerk zu der Zeit und speziell in dieser Gegend erfahren.

 

Genauso verhält es sich mit dem Begriff „Kriminalgeschichten“. Es gibt zwar Tote, das ja, aber nicht immer handelt es sich um einen Mord, geschweige denn, dass Geschehnisse und Täter konsequent verfolgt und zur Aufklärung gebracht werden. Oftmals handelt es sich um geradezu schicksalhafte Verstrickungen oder um tragische Gegebenheiten, um das im Menschen immanente Böse. Aber immer weiß der Leser Bescheid, muss nicht selbst „ermitteln“, schaut einfach nur zu,  lässt sich mehr oder weniger gut unterhalten und ist nach der Lektüre nicht klüger als zuvor.

 

Nimmt man den hohen Anspruch, den die Autorin durch ihren Untertitel an sich selbst gestellt hat und damit scheitert, einmal zur Seite, dann muss man ihr zugute rechnen, dass sie recht plastisch und bildhaft erzählen kann. Insofern sind ihre Geschichten unterhaltsam und kurzweilig zu lesen. Allerdings bräuchte es noch so manche sprachliche Überarbeitung. Nur wenige Beispiele seien hier angeführt: „scheinbar“ und „anscheinend“ sollten nicht verwechselt werden, „liege“ und „läge“ ebenso. „Das Knacken der Walderde“ meint doch wohl eher das Knacken von Unterholz, Erde habe ich noch nie knacken hören. Unfreiwillige Komik müsste ausgemerzt werden „…. schlugen seine Beine eine Richtung ein…“. Die Aufzählung ließe sich leider noch beliebig fortsetzen.

 

Es ist der Autorin zu wünschen, dass sie mit einem gehörigen Maß Selbstkritik ihr zweifellos vorhandenes Schreibtalent weiter ausbaut. Wer gerne einigermaßen spannende Geschichten aus alter Zeit lesen mag, ist mit diesem Buch aber durchaus gut bedient.

 

Janina Huber

Abgründe

Taschenbuch: 324 Seiten

Verlag: Books on Demand

ISBN-13: 978-3848252930

 

 

 

Grenzüberschreitungen

 

Es handelt sich im vorliegenden Buch um eine Sammlung von 20 sehr unterschiedlichen Kurzgeschichten. Die Autorin hat ihrem Buch den Titel „Abgründe“ gegeben, mit dem Untertitel „20 abgrundtiefe Kurzgeschichten“. Aus dem Titel entnehme ich, dass die Autorin damit die Tiefe der Geschichten vermitteln will, sie denkt also sozusagen vertikal. Warum auch immer – ich habe, sobald ich zu lesen begonnen hatte, eher horizontal gedacht. Mir drängte sich das Wort „Grenzüberschreitungen“ auf. Vielleicht in diesem Sinne Nähe statt Tiefe, dachte ich, insofern uns unmittelbar betreffend, keine Distanz möglich. Die Sammlung an kleinen, feinen Kurzgeschichten spielt mit Situationen des Lebens, die eine Entscheidung fordern oder gefordert haben und die oftmals rechtzeitig zu treffen versäumt wurde. Oder es werden Geschehnisse geschildert, in die man geradezu schicksalhaft hineingeworfen wird ohne eigenes Zutun und ohne Chance des Entkommens. Oder die Erzählungen muten uns die Grenzerfahrungen des hemmungslos Bösen zu.

Die Grenze zwischen dem realen Leben in all seinen Schattierungen und dem Absturz, dem Abgrund, dem Bösen, dem Grauen ist in diesen Geschichten nur hauchdünn. Eine Winzigkeit genügt, um die Grenze durchlässig zu machen oder gar ganz aufzuheben. Schöne äußere Bilder kippen unvermittelt um in finstere Gewalt oder unbedingte Ausweglosigkeit. Die Autorin lullt uns ein mit wunderschönen Naturbildern, mit behütetem Alltagsleben, mit kerzenerleuchteten Ballsälen. Und während wir noch wohlig lesend die Seite umblättern, öffnet sie unvermittelt den Blick auf Bilder des blanken Horrors und spielt so auf perfekte Weise mit unseren geheimsten Ängsten, dass wir erschauern.

 

Für diese kleinen, feinen, gekonnt geschriebenen Kabinettstückchen, die uns die Brüchigkeit unserer heilen Welt erahnen lassen, möchte ich meine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.