Clara Maria Bagus

Der Duft des Lebens

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 352 Seiten

·         Verlag: Ullstein Leben

·         ISBN-13: 978-3963660016

 

 

 

 

 

Poesie der Weisheit

 

 

 

Es gibt Bücher zur Unterhaltung, zum Ängstigen, zur Wissensvermittlung, zum Ärgern – und es gibt ganz, ganz selten ein Buch wie dieses hier: Märchen, Weisheit, Poesie, Literatur, unausschöpflich, zum immer wieder Lesen, zum Schwelgen in schönen Worten, in tiefen Sätzen, in poetisch formulierten Feinheiten. „Der Duft des Lebens“ ist ein Buch, so unglaublich schön, so unglaublich tief, dass ich es nicht einfach nur lesen konnte im Sinne von Konsumieren. Ich gönnte mir dieses Buch in ganz kleinen Teilen, wie wenn man etwas besonders Gutes zu essen auf dem Teller hat und es ganz klein schneidet, damit man es länger genießen kann.

  

Die Geschichte spielt in irgendeiner Vergangenheit, vielleicht auch in einer nahen Gegenwart oder in einer zeitlosen Zeit, wer weiß das schon bei Märchen. Sie geschehen einfach immer wieder und wieder, in der Hoffnung, dass sie verstanden werden.

 

Aviv, dessen Mutter Helene bei seiner Geburt gestorben war, wurde von der Hebamme Selma liebevoll aufgezogen. Aviv wird Glasbläser und erhält von Kaminski, einem Arzt mit schwarzer Seele, den Auftrag, 50 Glasfläschchen zu fertigen. Diese sollen einem perfiden Plan des Arztes dienlich sein, nämlich die gute Essenz von menschlichen Seelen einzufangen, damit er letztlich sich selbst einverleiben könne, was seiner eigenen Seele fehlt.

  

Das Buch zu lesen, erfordert es, ganz leise zu werden in unserem lauten Leben, und abzurücken von all dem ewigen Geplapper der Welt um uns herum. Und erst wenn es uns gelingt, ganz still in uns selbst zu werden, erst dann, so glaube ich, können wir all die Klänge, Farben und Düfte der Worte dieser Erzählung nachempfinden. Kein Wort im Buch steht zufällig da, keines ist zuviel. Und ich hatte das Gefühl, über den Zeilen zu schweben, ganz vorsichtig, um den Zauber nicht zu zerstören. Der Text ist wie ein Gedicht zu lesen, Zeile für Zeile, Bild für Bild, sorgsam, langsam, um die Schönheit der Sprache nicht zu zerstören.

 

Vielleicht ist das Buch eine Allegorie des Sich-Bemächtigens des eigenen Schicksals, oder vielleicht will es uns das Wissen um die Einzigartigkeit jedes Menschen vermitteln. Jeder mag seine eigene Botschaft im Buch finden. Auf jeden Fall bleibt mir:  „… weil jeder ein kleines bisschen Verantwortung in sich trägt, das, was ihm vom Leben geschenkt wird, in die Welt zu tragen und zu einem Geschenk an alle zu machen.“ (S. 343)

 

Debbie Macomber

Der Sommer der Wünsche

 

 

·         Taschenbuch: 432 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956498176

·         Originaltitel: Summer on Blossom Street

 

 

Friede, Freude, Eierkuchen

 

Zwei Dinge verlockten mich, dieses Buch zu lesen: Zum einen, weil das Stricken neben dem Lesen meine zweite große Leidenschaft ist, und zum anderen, weil ich von der Autorin bislang noch nichts gelesen hatte und die Blossom-Street-Reihe gerne kennenlernen wollte.

  

In Lydias Wolladen „A Good Yarn“ wird ein neuer Strickkurs angeboten, und zwar unter dem Thema „Loslassen“. Und so finden sich 4 Frauen und 1 Mann mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen zusammen. Mehr muss man im Grunde zum Inhalt vorweg gar nicht wissen.

 

Debbie Macomber hat eine seltsame Erzählweise gewählt: Da ist die Ich-Erzählerin Lydia, die Besitzerin des Wollladens. Und da sind die anderen vier Protagonisten, über die in wechselnden Kapiteln berichtet wird, aber nicht aus Sicht der Ich-Erzählerin, sondern aus Blick der Autorin. Schon dadurch wirkt das Buch für mich konstruiert. So als habe die Autorin aus ihrem Notizen-Fundus einzelne Entwürfe hervorgeholt und mit Gewalt miteinander zwangsverknüpft, im Strickkurs und im erzählten Geschehen. Dieses Zusammenwerfen von irgendwann Geschriebenem führt leider auch zu Textwiederholungen und unlogischen Handlungsabläufen. Insgesamt wirkt die Sprache recht altbacken, wenig lebendig und das Romangeschehen insgesamt vorhersehbar. Stricken als roter Faden wird allzu gewollt-gewaltsam über die Kapitel gelegt. An keiner einzigen Stelle im Buch wird die Strick- oder Wollleidenschaft nachvollziehbar, spürbar, fühlbar geschildert, sondern das Stricken wird genauso konstruiert wie die Personen als vermeintlich verbindendes Thema ohne jegliche Bedeutung eingestreut. Und natürlich endet das Buch für alle in Friede, Freude, Eierkuchen.

  

Fazit: Das Buch ist nett zu lesen, wenn man den kritischen Verstand ausschaltet und sich auf leicht altmodische Weise unterhalten lassen möchte.

 

Joe Fischler

Veilchens Show

 

 

·         Taschenbuch: 328 Seiten

·         Verlag: Haymon Verlag

·         ISBN-13: 978-3709979075

 

 

Nicht der stärkste Titel aus der Veilchen-Reihe

 

In Band 5 der Reihe um die coole LKA-Ermittlerin Valerie (Veilchen) geht es dieses Mal um die Welt der Fernsehshows, speziell um die Kuppelshow „Bauerlorette“, in der fünf Bauern um die Gunst einer Frau und um 1 Million Euro Preisgeld kämpfen. Veilchen findet solche Shows abstoßend, aber als kurz nacheinander zwei der Kandidaten auf mysteriöse Weise ein tragisches Ende finden, wird sie ganz wider Willen in das alpine Fernsehspektakel hineingezogen.

 

Valerie ist schlau, aber auch sensibel und lässt sich nicht so leicht in die Irre führen. Und sie hat ihr zweites Ich, die böse Souffleuse, auch in Band 5 wieder auf der Schulter sitzen, mit Einflüsterungen, die wir alle so oder ähnlich auch bei uns kennen. Die Vorgeschichten nicht gelesen zu haben, mindert  übrigens zu keiner Zeit das Lesevergnügen. Valerie und ihrem Lieblingskollegen Stolwerk offenbart sich im Rahmen der Ermittlungen hinter den Kulissen der Show eine rundum verlogene, morbide Welt. Nichts von dem, was den Zuschauern vorgegaukelt wird, entspricht der Wahrheit. Hier findet Joe Fischer, wie üblich in seinen Büchern, einen kritischen Realbezug, geschickt in vergnügliche Szenen verpackt. Der Kampf um Zuschauer, um Quote, lässt die Fernsehmacher im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen.

 

Die Stärke des Buches ist wie auch in früheren Bänden eine spannende Handlung, die den Leser bis zum Schluss in die Irre führt, und starke Protagonisten, die in überzeichneter Darstellung dem Leser naherücken und im Buch für viele skurrile und komische Situationen sorgen. Joe Fischer erzählt in wohlig-österreichischem Wortwitz und mit spürbar eigenem Spaß eine völlig abstruse Geschichte, der man als Leser mit vielen Lachern folgt. Die Stärke der Erzählkunst von Joe Fischer ist allerdings in diesem Band 5 gleichzeitig auch die Schwäche: Joe Fischer schießt hier gelegentlich über das Ziel hinaus. Streckenweise verkommt die Geschichte zur Klamotte, der Witz verkommt zum Klamauk. Band 5 ist demnach nicht der stärkste Titel in der Veilchen-Reihe, aber dennoch habe ich auch dieses Buch sehr gern und oftmals laut lachend gelesen.

 

Martine McDonagh

Familie und andere Trostpreise

 

 

·         Broschüre: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671958

·         Originaltitel: Narcissism for Beginners

  

 

Leider kein Buch für mich

 

Mit diesem Buch habe ich mich schwergetan. Dennoch habe ich mich durch alle Seiten gequält, am Ende das Buch zugeschlagen und mich gefragt: Wozu sollte dieses Buch gelesen werden? Wem wäre es wohl zu empfehlen? Ich weiß keine Antwort.

  

Sunny erfährt mit 21, dass er Multimillionär ist (unwichtig). Sunny hat viele Marotten und Neurosen, insbesondere was Geräusche betrifft (skurril). Sunny macht sich auf die Reise, um mehr über seine aus der Erinnerung herausgefallene Familie zu erfahren (unglaubwürdig).

  

Tja, was gäbe es sonst noch über das Buch zu berichten? Sunny erzählt, was geschieht, in Briefform seiner Mutter, an die er sich nicht erinnern kann. Er erzählt locker vor sich hin, als säße die Mutter (oder der Leser) unmittelbar vor ihm. Er ist ein Film-Nerd und gewinnt seine „Lebenserfahrung“ aus Filmen, sie sind wie ein Gerüst, an dem er sich zur Einordnung seines Lebens entlanghangelt. Die Erzählweise des Buches umfasst zig Themen- und Szenenschleifen, die mal mehr, mal weniger witzig daherkommen. Als einzig ernst zu nehmende Botschaft bleibt mir im Gedächtnis, wie religiöse Verblendung als Mittel der Macht, als Möglichkeit, Menschen zu manipulieren, als gefährlich anzusehen ist. Skurril, schräg, komisch und ernst gleichermaßen ist der Erinnerungsweg von Sunny. Er wollte nichts anderes als seine Mutter finden, in der Hoffnung auf Akzeptanz. Und seine Reise endet so: „Liebe Mom, fick dich“.

  

Das Buch hat mich leider nicht erreicht, nicht überzeugt, nicht unterhalten, schon gar nicht zum Lachen gebracht. Und so bleiben meine anfangs gestellten Fragen leider unbeantwortet.

  

Mirjam Beile

Brot backen mit Emmer, Einkorn & Co. im Brotbackautomaten

 

 

·         Taschenbuch: 124 Seiten

·         Verlag: Verlag Eugen Ulmer

·         ISBN-13: 978-3800133871

 

 

 

Habe viel gelernt

 

 

Ehrlich gesagt: Ich wusste mit dem Begriff „Urgetreide“ nicht viel anzufangen. Dieses Buch hat mich jedoch sensibel gemacht für Geschmack und Wertigkeit ganz alter Getreidesorten. Erstaunt war ich, wie gut inzwischen sogar größere Lebensmittelläden mit Mehlen aus Urgetreide sortiert sind. Hier bewahrheitet sich wieder mal der Satz „Man sieht nur was man weiß“.

 

Überhaupt gibt das Buch recht viele Hintergrundinformationen, ist gut gegliedert und mit anregenden Fotos ergänzt. Wer noch keinen Backautomaten hat, bekommt in einem ausführlichen Kapitel alles an notwendigem Wissen, um das richtige Gerät zu finden.  Neben den sachlichen informativen Kapiteln waren mir persönlich jedoch die Rezepte am Wichtigsten. Das Buch enthält eine Fülle unterschiedlichster Rezeptvorschläge, gut und übersichtlich gegliedert, mit selbst angesetztem Sauerteig oder mit Hefe oder mit Brühstücken, stets aber mit Mehlen aus verschiedenen Urgetreiden. Ich habe mehrere Rezepte im Backautomaten nachgebacken. Alles hat perfekt geklappt und gut geschmeckt. Neu war mir, dass ich sogar Kuchen im Backautomaten backen kann. Hier steht mein „Selbstversuch“ noch aus…

 

Zwei Dinge haben mir jedoch im Buch gefehlt. Es sollten die Getreidesorten unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten unterschieden werden. Hierzu fehlen leider die Angaben komplett.

 

Und wer keinen Backautomaten hat und auf den Backofen angewiesen ist, bräuchte bei den Rezepten unbedingt Hitze- und Zeitenangaben. Auch die fehlen leider ganz.

 

Fazit: Ein Buch, das viele Hintergrundinformationen gibt und sehr ansprechende, gut nachzubackende Rezepte enthält, sich aber irgendwie nicht entscheiden kann, ob es seinen Schwerpunkt auf Backbackautomaten oder auf alte Getreidesorten legen soll. So fehlen leider auf der einen oder anderen Seite manche durchaus wichtige Angaben. Das ist schade und könnte noch ganz leicht ergänzt werden.

 

 

Gabriele Diechler

Lavendelträume

·         Taschenbuch: 410 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363507  

 

Besonders empfehlenswert

Die Kraft der Herzenswärme

Normalerweise lese ich Bücher gemäß des Rezensionsauftrages mit Offenheit, mit Neugier, aber auch mit einem gewissen Maß an fachlich-nüchterner Distanz, um mir ein sachlich fundiertes Urteil erlauben zu können. Das vorliegende Buch jedoch ermöglichte mir diesen Blickwinkel erst einmal nicht. Es bahnte sich auf ungeahnten direkten Wegen mitten hinein in mein emotionales Zentrum, und ich brauchte eine Weile Abstand, um für die Rezension zurück auf die Ebene der Sachlichkeit zu finden.

Den Inhalt möchte ich nur extrem verkürzt andeuten: Julia, die sich schuldig fühlt am Unfalltod ihrer Mutter und sich generell in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurecht findet, entdeckt im Nachlass der Mutter den Liebesbrief eines Parfümeurs aus der Provence. Um dem vermuteten Geheimnis ihrer Mutter auf die Spur zu kommen, reist sie nach Frankreich. Allerdings ist der Absender des Briefes zwischenzeitlich verstorben, Julia trifft stattdessen auf seinen Sohn Nicolas und lernt in der Folge viel, sehr viel über die wirklich wichtigen Themen des Lebens.

Was macht nun dieses Buch zu einem besonderen Buch? Es ist ohne Zweifel die faszinierend  starke emotionale Kraft, der sich der Leser nicht entziehen kann. Was bedeutet, dass das Buch gekonnt geschrieben ist. Leichte, eingängige, vielleicht sogar romantisch zu nennende, gut lesbare Geschichten zu schreiben, ohne ins Seichte oder Kitschige abzugleiten, ist große Schreibekunst. Gabriele Diechler erzählt lebendig, bildhaft und fesselnd, sie malt geradezu mit Wörtern. Mit allen Sinnen schildert sie feine und feinste Wahrnehmungen so intensiv, dass die erzählte Farbigkeit sofort im Kopfkino ihr reiches Leben entfaltet. Man schmeckt den Käse, man riecht das Parfüm, man schwelgt in der Schönheit der Landschaft, man fühlt den Wind, man wird Teil des Geschehens. Man sitzt mitten unter den Protagonisten, isst und trinkt mit ihnen, hört ihnen zu und verfällt, ohne es zu merken, geradezu rauschhaft dem Buch. Eine weitere Stärke des Buches sind die Schilderungen der Menschen. Die Autorin taucht tief in die Seelen der Protagonisten ein und legt ihre eigene Lebensklugheit den Romanfiguren in ganz unterschiedlicher Weise in den Mund. Sie zeichnet psychologisch stimmig und empathisch sympathische, individuelle Charaktere, in all ihren Stärken und Schwächen, aber stets mit wohlwollendem Blick.

Und diese positive Sicht der Autorin teilt sich unmittelbar dem Leser mit. Ihre im Buch so deutlich spürbare Herzenswärme lockt auch im Leser das Beste hervor. Ich wüsste nicht, was es Besseres über ein Buch zu sagen gäbe…

 Lars Schütz

 Der Alphabetmörder

 

 

 ·         Taschenbuch: 384 Seiten

 ·         Verlag: Ullstein Taschenbuch

 ·         ISBN-13: 978-3548289304

  

 

 

 

Ein spannendes Geflecht aus Wahnsinn und Schuld

 

 

Was für eine Geschichte: In einem Wildparkgehege wird eine entstellte, zertrampelte Leiche gefunden, mit einem tätowierten A auf der Brust. Kurz darauf werden weitere Tote entdeckt, stets mit tätowierten Buchstaben, ein B, ein C. Da die Ermittler völlig im Dunkeln tappen, werden die beiden Fallanalytiker Jan Grall und Rabea Wyler zur Unterstützung hinzugezogen – für Jan Grall eine besondere Herausforderung, da er deshalb von Mainz in seine frühere Heimat in den Westerwald zurückkehren muss und nicht nur mit dem rätselhaften Mörder, sondern auch mit den Rätseln seiner eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat, umso mehr, als der oder die Täter es offenbar tatsächlich auch auf ihn abgesehen haben…

  

Spannend ist dieser Thriller von Anfang bis Ende, gar keine Frage. Der Leser steckt sofort mitten in der erzählten Geschichte und erlebt aus verschiedenen Perspektiven das Geschehen. Geschickte Wendungen führen in die Irre oder auch nicht. Man bleibt als Leser stets in innerer Habacht-Stellung, damit nichts der eigenen Aufmerksamkeit entgeht. Unter diesem Spannungsaspekt also ist das Buch wirklich gut geschrieben. Dennoch hat es mich nicht restlos überzeugt. Einer meiner Kritikpunkte ist die Sprache, bei der ich mir mehr Sorgfalt gewünscht hätte. Weniger schlampig-umgangssprachliche Begriffe in beschreibenden, erzählenden Passagen zum Beispiel hätten dem Sprachstil insgesamt gut getan. Aber auch die Darstellung der einzelnen Protagonisten ist für mich nicht optimal gelungen. Das Täter-Psychogramm kommt viel zu kurz, um nachollziehbar zu sein. Auch andere Personen bleiben in ihrer Darstellung blass, wenig lebendig. Jan Grall mit seiner Hypersensibilität und seiner dadurch speziellen Wahrnehmung der Umwelt wäre eigentlich ein überaus interessanter Hauptakteur, dem man sehr viel mehr psychologische Aufmerksamkeit hätte zukommen lassen können. Ihn in Stresssituationen Cannabis rauchen zu lassen, reicht mir hierfür nicht.

 

Mein Urteil: Absolut spannend geschrieben, aber im Detail nicht ausgereift genug.

 

Katrin Lankers

Zurück auf gestern

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

·         Verlag: Coppenrath

·         ISBN-13: 978-3649623779

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre

 

Wunderbarer Jugendroman für Leser von 12 - 99

Claire und Lulu sind befreundet, und zwar so richtig dick, unzertrennlich, wie „Elmex und Aronal“. Und sie haben das Talent für unmögliche Situationen, für Fettnäpfchen aller Art, für blamable Ereignisse, kurz gesagt, für Katastrophen. Und das vor den Augen der beiden Jungen, in die sie heimlich verliebt sind. Schlimmer geht es nicht. Da entdecken die beiden, dass das Amulett, das Omili Claire zu ihrem 15. Geburtstag hinterlassen hat, eine besondere Fähigkeit besitzt: nämlich für ein paar Stunden die Zeit zurückzudrehen, um dadurch das Missgeschick wieder ausbügeln zu können. Erst sehr spät erkennen die beiden Freundinnen, welche Gefahren ihnen durch diesen Zeitumkehrer drohen…

 

Der Autorin ist mit diesem Buch, wie ich glaube, der perfekte Roman für Jugendliche ab 12 gelungen. Positiv hervorstechend ist für mich die lockere, humorvolle Schreibweise, die mit fröhlich-frechem Wortwitz und sehr alltagsnah vom Leben und Fühlen zweier 15-Jähriger erzählt (Claire berichtet in Ich-Form), ohne sich anzubiedern. Die Autorin nimmt Claire und Lulu ernst, kann ihre Wirrungen und Verwirrungen nachvollziehen. So wie sie auch alle anderen Personen im Buch wohlwollend ernst nimmt, auch wenn sie eher deren  komische Seiten hervorhebt. Claire ist sehr zurückhaltend, beobachtend, vorsichtig, Lulu dagegen temperamentvoll, fröhlich, spontan und für jeden Streich zu haben, damit sind sie ideale Identifikationsfiguren. Auf fesselnde Weise, mit herrlichem Humor, wie nebenbei und doch ganz ernsthaft wird über wichtige Themen wie Freundschaft, Ehrlichkeit, Verantwortung, Vertrauen geschrieben, und dass man Liebe nicht für Leistung, sondern als Geschenk bekommen sollte, aber auch wie es gelingen kann, aus allem das Beste zu machen – ganz ohne Zeitumkehrer.  Rundum ein gelungener Jugendroman für Leser von 12 – 99.

 

Thomas Montasser

Der Sommer der Pinguine

 

·         Gebundene Ausgabe: 143 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363460

 

 

 

  

Ganz große Schreibekunst

 

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein gemütliches Kaminzimmer, weiches Licht, dicker weich-flauschiger Teppich, darauf Sie im Schneidersitz, vor Ihnen in einem alten großen Ledersessel ein gut gekleideter, gepflegt wirkender älterer Herr mit weißen Haaren und Goldrandbrille. In wohlgesetzten Worten und gestenreich erzählt er Ihnen eine Geschichte, ein Märchen wie es scheint. Er macht Pausen, ändert das Erzähltempo je nach Geschehen, er blickt verwundert, wenn er Unglaubliches berichtet, schiebt sachliche Beschreibungen ein, wo er sie für erforderlich hält und an manchen besonderen Stellen blitzt der Schalk in seinen Augen auf. Immer aber sind seine Worte wohlgesetzt, die Sätze gar trefflich geraten… Genauso fühlte ich mich beim Lesen dieses wunderbaren kleinen, feinen Geschenkbandes, entrückt und verzaubert.

 

Die überaus liebenswerte Mrs. Annetta Robington vergisst beim Schmökern  in einer kleinen Buchhandlung in London Ort und Zeit – und macht eine unglaubliche Entdeckung: Der rücksichtsvolle Buchhändler ist ein Pinguin! Und nicht nur ihn, auch den Cellisten im Konzert, den Portier im Hotel, und noch so manch anderen sieht Mrs. Robington plötzlich mit anderen Augen und erkennt in ihnen ebenfalls Pinguine. In ihr reift ein raffinierter Plan, diese besondere Spezies von Lebewesen zu retten, und sie wächst über sich selbst hinaus.

 

Was für eine unglaublich schöne, bestechend „sorgfältige“, oder sollte ich sagen, „sorgsame“ Sprache. Allein schon für diesen überaus gepflegten Sprachstil liebe ich das Büchlein. Dazu kommt die feine Schilderung der sehr englischen Kulisse und der sehr englischen Denk- und Handlungsweise speziell von Mrs. Robington, die man jederzeit in einem der Filme rund um den Ermittler Barnaby wiederzufinden meint. Die liebenswert zauberhaften Zeichnungen von Isabel Pin passen perfekt zum Erzählstil. Dass uns Pinguine den Spiegel vorhalten, uns in unserer Beschränktheit entlarven und dies alles mit einem stillen Lächeln – das ist ganz große Schreibekunst.

 

Gin Phillips

Nachtwild

 

 

·         Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

·         ISBN-13: 978-3423261968

 

Originaltitel: Fierce Kingdom

 

 Ein leiser, ein feinsinniger Thriller

 

Nein, das ist kein Buch zum Thema Attentäter oder Amoklauf oder ein Beitrag zur Diskussion über Amerikas freiheitlichen Umgang mit Waffen. Ein Thriller ist dieses ungewöhnliche Buch jedoch ohne Zweifel, denn es erfüllt alle Kriterien, die ein Thriller per definitionem haben muss: Dauerhafte Spannung über das gesamte Buch hinweg und einen Helden, der sich gegen Gewalteinwirkung seines Gegenspielers behaupten muss. Jedoch glaube ich, dass es der Autorin um etwas ganz anderes ging…

 

Das Buch beschreibt vier Stunden im Leben von Joan und ihrem vierjährigen Sohn Lincoln. Sie verbringen einen schönen Tag im Zoo. Als sie sich gerade auf den Weg zum Ausgang machen, fallen plötzlich Schüsse. Joan sieht in der Ferne Tote auf dem Boden liegen und flüchtet sofort mit Lincoln in ein unbewohntes Tiergehege. Ihrer beider Überleben hängt nun davon ab, dass sie unsichtbar und unhörbar bleiben. Aber wie gelingt das mit einem wissbegierigen, lebhaften vierjährigen Jungen?

 

Der Autorin ist etwas Besonderes gelungen, wie ich finde. Denn der packende Thriller lebt nicht von vielen Aktionen, nicht von angehäuften Grausamkeiten, von in die Irre führenden Täterspuren, sondern ist angefüllt mit der facettenreichen Schilderung einer Mutterliebe, die über sich hinauswächst, mit der Darstellung der geradezu symbiotischen Verbindung zwischen Joan und Lincoln. Die überaus dichte, extrem detaillierte Schreibweise lässt uns tief eintauchen in das Psychogramm einer Über-Mutter, die ihrem fantasievollen Jungen alles mitgeben will, dessen sie fähig ist und die Löwenkräfte entwickelt, als es darum geht, ihren Sohn zu beschützen.

Ein leiser, ein feinsinniger Thriller ist der Autorin da gelungen. Mit Herzklopfenspannung liest man sich durch die Seiten und wagt kaum zu atmen, weil man zusammen mit Joan und Lincoln vier Stunden feststeckt in Beklemmung und Angst mit dem Wissen, dass Flüstern schon zu laut ist.

 

Andreas Winkelmann

Das Haus der Mädchen

 

 

·         Taschenbuch: 400 Seiten

·         Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3499275166

 

 

 

Grundsolider fesselnder Thriller

 

Eine Warnung vorab: Beginnen Sie dieses Buch erst dann zu lesen, wenn Sie genug zu essen im Haus haben und kein Besuch droht (oder stellen Sie die Klingel ab)! Denn einmal begonnen, können Sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

 

Für ein Praktikum in einem kleinen Verlag kommt Leni nach Hamburg. Leni ist eine introvertierte junge Frau mit vielen Unsicherheiten und Ängsten. Glücklicherweise findet sie im teuren Hamburg ein bezahlbares Zimmer in einer alten Villa am Kanal. Der unkomplizierten Zimmernachbarin und ihren freundschaftlichen Annäherungen kann sich Leni kaum entziehen, doch am nächsten Morgen ist diese neue Freundin spurlos verschwunden. Zeitgleich beobachtet der Obdachlose Freddy Förster, einst erfolgreicher Geschäftsmann, wie jemand einen Mann am Steuer seines Autos erschießt…

 

Dieser Thriller hat mir rundum ausnehmend gut gefallen. Von den ersten Seiten an wird eine große Spannung aufgebaut, die über das gesamte Buch hinweg gleichbleibend hoch ist, und so liest man und liest man und will nicht aufhören. Dunkle, Angst auslösende Szenen oder  durch das Geschehen ausgelöste Schrecksekunden intensivieren zusätzlich das Leseerleben. Der Autor schreibt fesselnd, flüssig und lebendig und verfällt glücklicherweise nicht dem derzeit so sehr in Mode gekommenen Stilmittel der szenisch zerhackten Erzählweise. Zwar gibt es Perspektivwechsel, aber für den Leser bleibt die Handlung stets folgerichtig nachvollziehbar.  Dabei wird man bei seinen Täter-Vermutungen mehrfach hinters Licht geführt bis zum völlig überraschenden Ende. Keine aufgeblasene, künstlich konstruierte, allzu komplizierte Geschichte, keine schrägen oder seelisch beschädigten Ermittler, sondern bedrohlich realistisch geschilderte Geschehnisse, ein geschicktes Spielen mit Ängsten, die wir alle kennen.

Rundum ein durchweg fesselnder und sehr gut lesbarer Thriller – die ideale Spannungslektüre für Mußestunden.

 

 

Uwe Wilhelm

Die 7 Kreise der Hölle

 

 

·         Taschenbuch: 448 Seiten

·         Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3734103452

 

 

 

Ein Thriller von schmerzhafter Härte

 

Der Inhalt lässt sich in Kürze zusammenfassen:  Vor den Augen der Staatsanwältin Helena Faber werden ihre beiden Töchter Katharina und Sophie entführt. Und es beginnt eine rasende Jagd von Saigon über Istanbul bis Berlin und jenseits aller legalen Wege, tief hinein in die zynische Welt des Kinderhandels mit mafiöser Struktur, in der fern jeglicher moralischer Bedenken Millionen verdient werden an Kindern, meistbietend verkauft an scheinbar normale Bürger, an harmlos erscheinende Nachbarn, an als Kunstliebhaber getarnte Pädophile.

Die Story musste nicht erfunden werden. Ganz aktuell zeigt sich in der gerichtlichen  Aufarbeitung des Staufener Missbrauchsfalles die Spitze eines gewaltigen Eisbergs der Widerwärtigkeiten, und Uwe Wilhelm macht eigentlich nichts anderes, als die abstoßendste Seite der Wirklichkeit komprimiert in ein Buch zu verpacken und uns mit Rasanz durch die verstörende Handlung zu jagen. Es ist spürbar, dass der Autor vom Film kommt. Er schreibt quasi in Bildsequenzen, jedoch ohne Bildbeschreibung. Sein Sprachstil wirkt atemlos, mitunter durch Einschub von Sätzen, die keine sind, ohne Verb, ohne Adjektiv. Spannend ja, abstoßend auch.  Aber trotz des rasanten Erzähltempos und der grausamen Details hat mich der Thriller nicht richtig gepackt. Vielleicht wegen seiner nüchtern-distanziert beschriebenen Protagonisten, die mich an keiner Stelle emotional erreichten. Oder weil mir die wütend-gehetzte Sprache nicht gefällt. Oder weil zu viele Gesichter zu Brei geschlagen werden. Ein Thriller von schmerzhafter Härte, nicht für jeden zu empfehlen.

 

Veronika Hug

Puschen im Quadrat

 

 

 Taschenbuch: 48 Seiten

 Verlag: Christophorus Verlag

  ISBN-13: 978-3841063946

  

 

Eine schöne Strickidee in ein kleines Büchlein verpackt

 

Welche passionierte Strickerin ist nicht stets auf der Suche nach ungewöhnlichen Strickideen, die leicht umzusetzen sind! Das vorliegende Büchlein verspricht mit seinem Untertitel „schnell und easy gestrickt“ genau dies. Veronika Hug ist Erfolgsautorin von zahlreichen Strick- und Häkelbüchern, sodass ich mich vertrauensvoll an die Umsetzung der Quadratpuschen machte.

 

Nun, was das reine Stricken der Puschen angeht, so sind sie tatsächlich sehr schnell und sehr einfach zu stricken. Maschen anschlagen, rechte Maschen stricken, Maschen abketten – mehr muss man nicht können. (Anfänger können am Ende des Buches anhand eines kleinen Grundkurses Stricken und Häkeln die benötigten Kenntnisse ganz schnell auffrischen.) Die eigentliche Schwierigkeit des Nacharbeitens liegt beim Zusammennähen. Veronika Hug hat dies zwar anhand von unterschiedlichen Farbquadraten so deutlich wie möglich im Buch versucht zu veranschaulichen, aber dennoch verliert man, je mehr Quadrate man zusammengenäht hat, leicht die Orientierung bzw. die Übersicht. Ich habe mir geholfen, indem ich die zu nähenden Seiten vor Beginn des Nähens markierte. Nach dem ersten Puschenpaar hat man das System verstanden und tut sich leichter – also nicht zu schnell aufgeben! Was meines Erachtens fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass man unbedingt sehr fest stricken muss oder besser noch, stets eine ganze Nadelstärke kleiner nehmen sollte als auf der Wollbanderole angegeben, ganz unabhängig davon, welche Wolle verwendet wird.  Zu locker gestrickte Quadrate ergeben formlose, instabile Puschen.

 

Das Büchlein bietet eine detaillierte Grundanleitung mit Größentabelle und ein paar wenige Variationsmöglichkeiten. Der eigenen Kreativität sind jedoch bei dieser originellen Strickidee keine Grenzen gesetzt!

 

Federica de Cesco

Der englische Liebhaber

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 360 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958900806

 

 

 

Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman

 

Aus dem Europa Verlag habe ich zuletzt den großartigen Roman „Ein Held in dunkler Zeit“ von Christian Hardinghaus gelesen, der mich sehr beschäftigte. Und nun vorliegender Roman im gleichen Verlag, von einer Autorin mit großem Namen – das weckte in mir höchste Erwartungen. Und ganz kurz gesagt: Der Roman „Der englische Liebhaber“ übertraf sogar noch meine höchsten Erwartungen, umso mehr, als man erfährt, dass es sich um die Ausgestaltung einer wahren Begebenheit handelt.

 

Der Roman bewegt sich in zwei Zeitebenen: Münster 1988 - Charlotte, 1947 geboren, Filmemacherin, findet im Nachlass ihrer verstorbenen Mutter Anna Tonbänder und Notizhefte. In diesen Aufzeichnungen wird die zweite Zeitebene lebendig, nämlich Münster 1946. Die Stadt ist zerstört, es ist Winter und Anna versucht, als Dolmetscherin bei den britischen Besatzern ihr Überleben zu sichern. Als ihr der englische Captain Jeremy begegnet, beginnt eine gefährlich-leidenschaftliche Beziehung, denn mit dem Feind lässt sich eine deutsche Frau nicht ein, sie wird zu einer „Britenschlampe“.  Anna wird schwanger, und Jeremy ist von einem Tag auf den anderen verschwunden, die Ämter verweigern jegliche Auskunft. Je mehr Charlotte in den Aufzeichnungen ihrer Mutter eintaucht in deren Leben und Lieben, desto lebendiger wird für den Leser die immense Kraft einer Liebe, die mehr aus Hoffen denn aus Leben bestand.

 

Jenseits der Erzählung des Geschehenen liegt noch eine dritte Ebene, und die verleiht dem Roman die eigentliche Tiefe. Es ist die Ebene der Reflektion, des Erkennens, der Information, auch der Ernüchterung. „Man hatte uns nicht zur Kritik erzogen.“ Wir erfahren viel über ein Kapitel deutscher Nachkriegszeit, einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wirklich frei waren von den Nachwirkungen der nationalsozialistischen Gedankenwäsche und in der die kollektive Schuld verdrängt werden musste, damit man weiterleben konnte.

 

Federica de Cesco schreibt hinreißend, mitreißend, lebendig, intensiv. Die von ihr beschriebenen Menschen verkörpern jeweils eine individuelle Ausprägung ihrer Zeit: Manfred steht für die Verleugnung des Ich zugunsten einer Ideologie. Jeremy bleibt trotz seiner glaubhaften Liebe zu Anna ambivalent, schillernd, eine Projektionsfläche für Anna’s Gedanken und Sehnsüchte. Anna wiederum ist hart mit sich und anderen, verschlossen, unerreichbar auch für ihre Tochter. Und Charlotte bleibt provokant, ohne echtes Einfühlungsvermögen, eine zutiefst beschädigte Seele, voller Bitterkeit.

 

„Im Alter geht man vom Leben weg“, schreibt Anna. Und dem Leser bricht das Herz.

 

Fazit: Ein vielschichtiger, ein wichtiger, ein grandios geschriebener Roman!

 

Michelle Cordier

Die Toten von Paris

·         Taschenbuch: 336 Seiten

·         Verlag: Bastei Lübbe

·         ISBN-13: 978-3404176847

 

 

Schade um die Lesezeit

 

Anmerkung vorneweg: Eigentlich mag ich es nicht, wenn in der Rezension der Klappentext zitiert wird. Aber in diesem Fall wähle ich gerne diesen einfacheren Weg zur Inhaltsübersicht, da mir das Buch  wenig gefallen hat und ich es mir damit gerne etwas leichter machen möchte:
„Paris 1944. Jean Ricolet ― ein junger Inspektor aus dem Süden Frankreichs ― wird nach der Befreiung nach Paris versetzt. Er soll der Form halber den Mord an einem Nazi untersuchen, der für die Verteilung der Raubkunst zuständig gewesen ist. Im Zuge seiner Ermittlungen sucht Ricolet die Kunststudentin Pauline Drucat auf, die für die Nazis als Expertin arbeiten musste, doch gleichzeitig eine Spionin der Résistance war. Gemeinsam beginnen sie und Ricolet der Spur des Mörders zu folgen. Und schnell erhärtet sich ihr Verdacht, dass von der Verteilung der Raubkunst nicht nur die deutschen Besatzer profitierten ...“

Eigentlich klingt der Plot interessant. Der geschichtliche Hintergrund – 1944, Paris ist befreit – verlockt. Am Ende des Buches frage ich mich allerdings vergeblich, was ich an Historischem erfahren habe, was ich gelernt haben könnte. Nichts. Und was habe ich über Paris, über die Franzosen gelernt? Nichts. Ein paar eingestreute französische Brocken, ein paar klischeehafte Beschreibungen. Nein, das genügt einfach nicht. Nächster Kritikpunkt sind die Protagonisten. Inspektor Ricolet, vom Lande, wird als eine Mischung aus trampelig-naiv und draufgängerisch-charmant dargestellt, dann wiederum kommandiert er seine Kollegen herum, die Kollegen erst ganz klischeehaft mit Vorbehalten ihm gegenüber, dann machen sie plötzlich alles, was er möchte, Pauline als verlogen-betrügerisch, sich selbst verkaufend (ach ja, Zeitbezug, da konnte man nicht anders, wenn man etwas erreichen wollte…), mitunter geradezu pubertär wirkend, aber auch wieder irgendwie anziehend, niemals aber wie eine mutige Frau in der Résistance. Also rundum sind die Protagonisten in ihren sehr gemischten Persönlichkeiten jenseits aller minimal-psychologischen Kenntnisse gezeichnet, dazu noch so blass-lebensleer beschrieben, dass man als Leser diesen Menschen sehr fern bleibt. Man liest als leidlich interessierter Zuschauer, ohne Emotionen, ohne Hoffen und Bangen, man liest einfach nur, damit man das Buch gelesen hat. Eine gewisse Spannung flackert hin und wieder auf, aber dieses Spannungsfeuer erstickt sich selbst immer wieder an seinen Unwahrscheinlichkeiten. Dass der Sprachstil sperrig ist, spröde, umständlich, rundet den Negativeindruck ab. Das Buch mischt wild alle Genres von Krimi bis Schmonzette, verbindet dieses Durcheinander in unpassendem Sprachstil und verpasst dem Ganzen sozusagen als Garnierung ein paar hübsche französische Wörter und ein Kriegsjahr, das sich in diesem Buch so harmlos wie Hustenbonbon darstellt. Schade um die Lesezeit!

 

Felicity Everett

Das Paar aus Haus Nr. 9

 

 

·         Taschenbuch: 368 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672122

·         Originaltitel: The People at Number 9

 

 

 

Langer Tanz um‘s Feuer

 

Viel geschieht eigentlich nicht in diesem Buch: Sara und Keith mit ihren beiden Kindern leben ein geordnetes, strukturiertes und durchaus glückliches Familien- und Berufsleben. Als die neuen Nachbarn, Gavin und Louise, im Nebenhaus einziehen, beobachtet sie Sara erst verstohlen, dann immer offenkundiger. Nach ersten vorsichtigen Kontaktaufnahmen werden Sara und Keith mehr und mehr in die unkonventionelle Welt der neuen Nachbarn hineingezogen. Da gibt es altersfleckige Bettwäsche, vor Schmutz klebende Fußböden, halb abgebeizte Türen, völlig vernachlässigte und unerzogene Kinder. Alles nimmt Sara, die perfekte Hausfrau, wahr, durchaus erst mit Schaudern, dann aber zunehmend mit einer unerklärlichen Faszination. Je mehr Zeit Sara und Keith mit ihren neuen Nachbarn verbringen, umso mehr löst sich ihr eigenes wohlgeordnetes Leben auf.

 

Ich habe das Buch gelesen, als sei ich selbst eine neugierige Nachbarin, stünde hinter einer imaginären Gardine und könnte es einfach nicht lassen, die beiden Ehepaare zu beobachten. Und ich war, wie Sara, gleichermaßen angezogen und abgestoßen von diesen so verschiedenen Lebensformen. Ich schaute fasziniert zu, wie Sara und Keith zunehmend sich selbst verloren, indem sie, wie sie selbst glaubten, mehr Weltoffenheit gewannen. Voyeuristisch schaute ich als Leserin diesen Menschen beim Leben zu und wartete gespannt auf das entscheidende Drama. Eine seltsame Spannung liegt über dem gesamten Buch, sehr eindringlich ist es geschrieben, mit großartiger Beobachtungsgabe in Szene gesetzt, mit schönen Wortbildern („… wie eine psychedelische Trappfamilie…“) farbig gemalt. Auch psychologisch stimmig werden die Menschen dargestellt, von sehnsüchtiger Unsicherheit bis zur exaltierten Selbstüberschätzung wird eine große Bandbreite menschliche Eigenschaften anhand von kleinen Szenenschnippseln bildlich nachvollziehbar  gemacht.  Für mich erscheint dieses gelungene Buch wie ein langer, sehr langer Tanz um das Feuer und der voyeuristische Leser wartet von Seite zu Seite darauf, wann sich wer wie schwer verbrennen wird.

 

Catherine Shepherd

Der Flüstermann

 

 

·         Taschenbuch: 334 Seiten

·         Verlag: Kafel Verlag

·         ISBN-13: 978-3944676203

 

 

Höchste Erwartungen in Perfektion erfüllt

 

Meine Erwartungen an jedes neue Buch von Catherine Shepherd sind hoch, höher, am höchsten. Und jedes Mal erfüllt Catherine Shepherd diese meine höchsten Erwartungen aufs Neue in Perfektion.  Allein schon für diese Verlässlichkeit in puncto Thrillerspannung pur schätze ich die Autorin sehr. Auch bei dem vorliegenden Buch geht es mir so: Ich beginne zu lesen und habe das Gefühl, vor Spannung den Atem anzuhalten, bis ich am Ende angelangt bin, nach Luft schnappend…

Um nicht zuviel vom Inhalt zu verraten, nutze ich dieses Mal den Klappentext zur Einstimmung: Ein grauenvolles Video taucht im Internet auf. Eine junge Frau wird vor den Augen aller Welt ermordet. Der Täter flüstert ihr vorher etwas ins Ohr, das Laura Kern zutiefst schockiert. Die Spezialermittlerin arbeitet auf Hochtouren, doch bereits nach kurzer Zeit wird ein neues Video veröffentlicht. Der Killer scheint seine Opfer wahllos von der Straße zu holen. Bevor er tötet, testet er sie. Laura jagt ein Monster, das ihr immer einen Schritt voraus ist. Erst viel zu spät entdeckt sie ein dunkles Geheimnis, das sie auf die Spur des Serienmörders bringt. Aber der hat das nächste Opfer längst in seiner Gewalt, und niemand vermag zu sagen, ob Laura ihn rechtzeitig stoppen kann.“

 

Die Meisterschaft von Catherine Shepherd liegt darin, durch schnelle Perspektiv- und Zeitenwechsel den Leser durchs Buch zu jagen. Perfekt gesetzte Cliffhanger hangeln ihre Fangarme nach dem Leser und halten ihn fest, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als weiter von Kapitel zu Kapitel zu eilen, in alle von der Autorin als verlockend angezeigten Fallen zu tappen, sich wieder aufzurappeln und weiter und weiter zu lesen bis zum Herzschlagfinale. Die Protagonisten sind wie immer absolut stimmig dargestellt, die erzählte Geschichte eines die Jahre überdauernden Racheverlangens ist nachvollziehbar. Alle Zutaten werden in gekonnter Weise zu einem atemberaubend spannenden Thriller gemixt. Aber seien Sie gewarnt: Beginnen Sie das Buch nur, wenn nichts und niemand auf Sie wartet, denn Sie werden, solange Sie lesen, Ihr Umfeld restlos vergessen!

 

Antje Wagner

Hyde

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 408 Seiten

·         Verlag: Beltz & Gelberg

·         ISBN-13: 978-3407754356

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 15 - 17 Jahre

 

 

Grandios erzählt

 

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an, nein, schon beim genaueren Betrachten des Covers, in seinen Bann gezogen und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen! Da ich den Inhalt nicht erzählen kann, ohne Wesentliches der Geschichte zu verraten, bemühe ich dieses Mal ausnahmsweise den Klappentext: „Seit sie denken kann, ist Hyde Katrinas Zuhause gewesen. Hier ist sie aufgewachsen, mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater. Jetzt ist Hyde verschwunden – und Katrina auf sich allein gestellt. Von dem, was geschehen ist, weiß sie nur noch Bruchstücke. Als sie beginnt, ein verfallenes Haus zu renovieren, mit dem sie sich auf seltsame Weise verbunden fühlt, führt sie dies auf die Spur eines ungeheuren Geheimnisses. Ist sie überhaupt diejenige, die sie glaubt zu sein?“

 

Das Buch ist meiner Meinung nach grandios geschrieben. Zwei Erzählstränge, Gegenwart und erinnerte Vergangenheit, werden aus Sicht von Katrina erzählt. Katrina ist eine seltsame Achtzehnjährige, Tischlerin auf der Walz, mit einer undeutlichen Aussprache und einem Tuch vor dem Gesicht. Die beiden Erzählstränge bewegen sich erst einmal in langsamen Schritten aufeinander zu, aber je mehr die Handlung voranschreitet, desto schneller finden die Sprünge von Jetzt zu Früher und zurück statt, wobei von Abschnitt zu Abschnitt immer neue Wendungen, neue Fragen, Rätsel und Ungewissheiten auftreten. Allein schon dieses Stilmittel schafft eine Steigerung der Spannung, die atemlos macht. Die Person Katrina, überhaupt alle Personen im Buch, werden außerordentlich lebendig beschrieben, man kommt Katrina im Laufe des Buches als Leser sehr nahe, was ebenfalls einen Teil der Spannung ausmacht. Und dann ist da für mich persönlich das wichtigste Element, der großartige Sprachstil, der teilweise fast expressionistisch mit Wörtern malt wie z. B. die Abendstimmung wie „Johannisbeersirup – ausgelaufen am Himmel“, und so die Geschehnisse, die durchaus auch etwas Mystisches haben, ganz und gar stimmig erzählt. Das Buch löst einen gewaltigen Sog aus, so dass man sich als Leser restlos im Geschehen verliert und die vielen angeschnittenen Themen und damit verbundenen Gefühle hautnah erlebt.

 

Fazit: Ein grandios erzähltes Buch, fesselnd, erschreckend, intensiv – und keinesfalls „nur“ ein Jugendbuch!

 

Julie Peters

Mein wunderbarer Buchladen am Inselweg

 

 

·         Broschiert: 320 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746634135

 

 

 

 

Unaufgeregt-sympathische Sommerlektüre

 

 

Noch ein letzter Auftrag für die Redaktion, dann Abflug in ein neues Leben in Boston, zusammen mit Freund Harald, zur Gründung einer eigenen Agentur! Frieke ist Journalistin, liebt ihr Smartphone und liebt es zu twittern. Und nun soll sie noch schnell vor Abreise auf die Insel Spiekeroog, um einen verschrobenen Ornithologen, Bengt Gerjets, zu interviewen. Dieser Vogelkundler lebt zurückgezogen und fern aller Bequemlichkeiten der modernen Zeit in einem Bauwagen und beobachtet Brandseeschwalbenkolonien. Oder hat ihr Chef, der auch ein guter Freund von Frieke ist, noch andere Gedanken, Frieke auf die Insel zu schicken? Denn ihr leibliche Vater, den Frieke nie gesehen hat, lebt auch auf Spiekeroog, schwer an Krebs erkrankt. Und dann gibt es noch die Inselbuchhandlung, deren Betreiber sich sehnlichst einen würdigen Nachfolger wünschen, damit sie selbst in einem Cottage in Irland ihren Lebensabend verbringen können.

 

Ja, richtig, das klingt nach Schmonzette. Und es klingt nach einer vorhersehbaren Geschichte. Und doch hat das Buch Qualitäten, die es von der befürchteten verkitschten Groschenheftchenromantik weit entfernt. Zum Beispiel hat es Humor. Da gibt es so manch eine schräge Situation, so manchen „wortreichen“ Ausspruch, der es auf den Punkt bringt. „Du bist Frieke“. „Und du bist Ole.“ Mehr nicht. So begegnen sich Frieke und ihr Vater erstmalig und gehen wieder ihrer Wege. Ostfriesisch knapp halt. Und dann ist da auch die unbedingte Liebe zur Literatur, zu Büchern. Ebba, die Betreiberin der Inselbuchhandlung, hat die Gabe, für jeden Menschen in seiner speziellen Situation genau das richtige Buch zu finden. Man ist als Leser überrascht, mit wieviel Literaturkenntnis solche Szenen geschrieben sind. Und dann ist da die Fähigkeit der Autorin, sehr bildhaft nachspürbar die besondere Ausstrahlung der Insel Spiekeroog in Worten zu malen, die Kraft der Natur geradezu fühlbar zu machen. In einem lebendig-frischen Erzählstil bringt uns die Autorin ihre Protagonisten näher, die alle besondere, eigenständige, psychologisch nachvollziehbare, aber vor allen Dingen sympathische Persönlichkeiten sind. Insgesamt gesehen eine anrührend-unterhaltsam und wohltuend unaufgeregt erzählte Geschichte, eine wohltuend sommerleichte Sommerlektüre.

 

Lediglich einige Rechtschreibfehler, insbesondere in der Großschreibung, stören den guten Gesamteindruck. Und jemand sollte der Autorin noch die alte, aber immer noch gültige Regel beibringen: „Wer brauchen ohne „zu“ gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen.“

 

Ebba D. Drolshagen

Zwei rechts zwei links

 

·        Gebundene Ausgabe: 251 Seiten

·         Verlag: Suhrkamp Verlag

·         ISBN-13: 978-3518468142

 

 https://www.suhrkamp.de/buecher/zwei_rechts_zwei_links-ebba_d_drolshagen_46814.html

 

 

Durch mehr Wissen zu mehr Wertschätzung

 

 Der Untertitel „Geschichten vom Stricken“ führt ein wenig in die Irre. Nein, es sind keine Geschichten, es ist vielmehr EINE Geschichte, DIE Geschichte des Strickens, diese allerdings  wunderbar leicht und locker und kurzweilig erzählt.  Entsprechend gut lesbar ist dieses Buch, unterhaltsam und humorvoll.

 

Mit einem sehr klugen Vorwort von Martina Behm wird man eingestimmt in die Welt des Strickens, der Stricker und Strickerinnen, in das Reich der Wolle vom 12. Jh.  bis heute. „Stricken schafft ungewöhnliche Verbindungen, setzt kreative Kräfte frei und macht auf diese Weise die Welt ein kleines bisschen besser.“ Wie wahr. Und schon wird man zu den Anfängen des Strickens geleitet, und weiter durch die Jahrhunderte hinweg, bis man in der Gegenwart und natürlich beim Internet landet. Wussten Sie, dass 1565 in England ein Gesetz erlassen wurde, nach dem jeder, der älter als 6 Jahre war, an Sonn- und Feiertagen eine Wollmütze zu tragen hatte, gefertigt von englischen Mützenmachern? Dass über viele Jahrzehnte hinweg das Stricken dem Broterwerb diente und selbst 3-und 4-Jährige schon mitstricken mussten? Oder dass Virginia Woolf eine leidenschaftliche Strickerin war? Erst nach dem 2. Weltkrieg mutierte das Stricken zum Hobby, die Modelle entwickelten sich weg vom Nützlichen, Wärmenden hin zum Besonderen mit Chic und Pfiff, zu einem Modemittel, mit dem die Strickerin sich selbst  ausdrücken möchte.

 

Dieses Buch ist ein lebendiges Geschichtsbuch, aber auch eine durchaus kritische Sozial- und Klassengeschichte. Und es hat noch sehr viel mehr in sich. Während man von Kapitel zu Kapitel liest, über Färben und Farben, über die schwindelerregende Mustervielfalt, landestypisch, historisch-traditionell, oder über Passform und Wertschätzung, Gesundheit und Designerinnen, spürt man über allem hinweg die große Liebe der Autorin zum Stricken und ihr Wissen darum, dass Stricken nicht nur Mützen und Schals produziert, sondern auch eine reiche Welt der Gefühle.

Fazit: Ein Buch, das bei jeder passionierten Strickerin ein besonderes Plätzchen finden sollte, weil es sowohl Wissen als auch Wertschätzung vermittelt.

Dumont Reise-Handbuch

FINNLAND

 

·         Taschenbuch: 368 Seiten

·         Verlag: DUMONT REISEVERLAG

·         ISBN-13: 978-3770177325

 

 

Oi maammee, Suomi, synnyinmaa

 

Als ich die Bekanntschaft einer sehr klugen Dame machte, die gebürtige Finnin ist, erwachte meine Neugier für dieses Land. Nach Lektüre des Dumont Reise-Handbuchs Finnland verstehe ich diese Bekannte und all ihre Erzählungen und Kindheitserinnerungen sehr viel besser.

 

Das Dumont Reise-Handbuch hat mir sehr, sehr viel Wissenswertes über das „Land der tausend Seen“ in übersichtlich-komprimierter Form vermittelt. In dem umfangreichen Führer gibt es alles zu finden: Die Geschichte des Landes: 6 Jahrhunderte war Finnland unter schwedischer Herrschaft, dann gehörte es zum Großfürstentum des zaristischen Russlands und wurde erst 1917 eigenständig. Oder dass der Ausdruck „Land der tausend Seen“ arg untertrieben ist, denn allein rund ums Festland gibt es 98.000 Inselchen, dazu 81.530 Inseln in der zu Finnland gehörenden Ostsee. Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft, Essen und Trinken – nichts bleibt unbeachtet. Erst nach diesem umfangreichen allgemeinen Teil durchwandert der Reiseführer Region für Region durch Finnland bis hoch nach Lappland, berichtet von Sehenswertem, von Besonderem und gibt die jeweils hilfreichen Touristen-Tipps dazu. Eine beigefügte Finnland-Karte im Maßstab 1:850.000 unterstützt die geistige Reise durch dieses wunderbare Land.

 

Ich hatte leider nur die Ausgabe von 2012 in Händen. Inzwischen gibt es eine neue aktualisierte Ausgabe. Ein sehr empfehlenswerter Reiseführer

 

Claus Steinrötter, Antje Vogel

Auf der Suche nach der verlorenen Socke

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 24 Seiten

·         Verlag: Coppenrath

·         ISBN-13: 978-3649618584

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 36 Monate - 6 Jahre

 

 

Ringelfröhlich und herzallerliebst

 

Was für ein unglaublich zauberhaft-liebevolles Buch! Ich finde kaum die richtigen Worte, um meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen.

Vorweg: Ich liebe Wolle, ich liebe Stricken und ich liebe handgestrickte Socken. Und so hüpft das Buch, das mit einer leibhaftigen Socke am Band bestückt ist, schon gleich mitten in mein wollstricksüchtiges Herz hinein. Und ich liebe bunte Bücher mit bunten Bildern und bunten Geschichten. Und so ist das Buch sofort auch in mein buchverrücktes Herz geschlüpft.

 

In wortgeschickten Reimen schickt uns die Socke, die immer wieder verschwindet oder stibitzt wird, zu verschiedenen fantasievollen Örtlichkeiten wie auf den Vogelkäferwurmwimmelbaum oder ins Unterwasserteichgetümmel, bis nach den vielen Socken-Abenteuern eine Sockenzwangknallparty alle fröhlich zusammen feiern lässt. Die Reime sind im Inhalt so herzlich-sanft, humorvoll und im Rhythmus so musikalisch-einprägend, dass man sie gerne laut lesen mag  und Kinder wie Erwachsene sie sofort lieben und immer wieder hören wollen. Wer kennt nicht aus seinem eigenen Leben das Rätsel der verschwundenen Socke. Dieses Buch für Kleine und Große offenbart das geheime Leben der Socken!

Der Text ist sozusagen das eine gelungene Standbein bzw. die eine perfekt gestrickte Standsocke des Buches. Das zweite sind die unfassbar schönen, phantasiereichen, bis ins kleinste Detail gezeichneten wunderbaren Illustrationen von Antje Vogel. Frösche segeln auf Störchen, Marienkäfer hängen frisch gewaschen auf der Leine, das Kamel ist gut bekleidet, und alle, alle, alle tragen Socken, uni oder ringelbunt, getupft oder ringelfröhlich. So oft man das Buch auch in die Hand nimmt: Immer wieder entdeckt man Neues, ein weiteres witziges Detail. Und wen wundert es da, dass die Lehrtafel in der Häschensockenstrickschule die, wie die Strickerin weiß, genau die korrekten Maschen und Maße angibt.

Fazit: Für mich das warmherzigste und phantasievollste Geschenkbuch für jedes Alter, das ich seit langem in Händen hielt.

 

René Wadas

Hausbesuch vom Pflanzenarzt

 

 

·         Taschenbuch: 256 Seiten

·         Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3499633546

 

 

 

 

 

Pflanzen kommunizieren untereinander und mit uns

Der Untertitel „Tipps und Tricks für Garten und Balkon“ suggeriert einen gärtnerischen Ratgeber, ein Nachschlagewerk vielleicht sogar, versehen mit Register und einer übersichtlichen Gliederung. Wer das erwartet, wird bitter enttäuscht. Schade, dass der Verlag auf diese Weise völlig falsche Erwartungen weckt.

 

Das Buch ist eher eine Art Plauderei über den Gartenzaun hinweg. Leicht und locker und amüsant erzählt der Autor von seinen diversen pflanzenärztlichen „Notfalleinsätzen“, und während er beim Erzählen vom Hundertsten ins Tausendste kommt, liest man so ganz nebenbei den einen oder anderen Ratschlag, wobei es weniger um das Bekämpfen als um das Stärken der Pflanzen geht. Oder noch eher um das Verstehen der Pflanzen, die uns deutlich zeigen, was ihnen gefällt und was nicht. Wadas gibt uns die Ermutigung, unseren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu trauen, sein Buch macht Lust auf Grün, ganz ohne Stress. Und er schult unsere gärtnerische Wahrnehmungsfähigkeit auf sehr intensive Weise, einfach nur durch sein Erzählen. Da sehe ich gerne darüber hinweg, dass der Autor nicht frei von Eitelkeiten ist und bei Schilderung der Kundenkontakte auch so manches Klischee bemüht oder dass seine Plaudereien nicht immer wissenschaftlich korrektes Denken wiedergeben. Seine uneingeschränkte Liebe gilt der Natur, und das lässt er uns in seinem Buch auf unterhaltsame Weise spüren.

 

James Grippando

Zwischen Wahrheit und Lüge

 

 

·         Broschüre: 432 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959672139

 

 

 

 

Ein nicht endendes Vexierspiel

 

Was für ein Albtraum! Isabelle Bornelli und Ehemann Keith, reicher Bankenmanager, fliegen von ihrem Wohnort Hongkong nach Miami zusammen mit ihrer fünfjährigen tauben Tochter Melany, der in Miami  von durch eine Operation im Ohr geholfen werden soll. Jack Swyteck, Strafverteidiger und alter Freund von Keith, erwartet die Familie am Flughafen. Er muss miterleben, wie Isabelle unmittelbar nach Ankunft noch im Flughafengebäude verhaftet und in Handschellen abgeführt wird. Anklage Mord! Jack übernimmt den Fall und wird damit hineingezogen in ein nicht endendes Vexierspiel zwischen Wahrheit und Lüge.

 

Der Einstieg in das Buch ist sehr spannend und emotional eindringlich geschrieben. Das gesamte Buch ist flott zu lesen. Insbesondere die reichlich angewandte Methode der  wörtlichen Rede macht die dargestellten Charaktere lebendig und lässt den Leser unmittelbar am Geschehen teilhaben. Der eigentliche Spannungsbogen des Buches entsteht aus der Tatsache heraus, dass man bis zum Ende, das in relativ unspektakulärer Weise  Aufklärung bringt, nicht wirklich weiß, ob Isabelle schuldig ist oder nicht. Jedes Gespräch, jeder neue Zeuge, jede neue Verteidigungsstrategie bringt zwar ein weiteres Mosaiksteinchen des damaligen Geschehens an den Tag, aber der Leser bleibt dennoch weiter im Ungewissen. Und genau diese Tatsache, zwar brillant beschrieben, brachte für mich jedoch mit sich, dass ich das nicht enden wollende Justiz- und Gerichtsgeplänkel streckenweise satt hatte. Mir fehlte außerdem, abgesehen vom Buchanfang, der emotionale Draht zu den Akteuren, sodass ich oft nur wie ein unbeteiligter Zuschauer weiterlas. Der Autor, selbst ehemals Strafverteidiger, jongliert sich mit dem amerikanischen Justizsystem, mit der Frage Opfer oder Täter, gekonnt durch die Buchseiten, mir jedoch mitunter allzu nüchtern und streckenweise ermüdend.

 

Leider sehr störend sind die vielen Fehler im Buch. Häufig wird die Großschreibung von Sie, Ihr oder Ihnen nicht beachtet. Oder „erschrocken“ und „erschreckt“ wird verwechselt. Und was ist das für ein Wort: „hemdsfrei“?

 

Fazit: Ein gekonnt und routiniert geschriebener Justizthriller, sehr amerikanisch, flott zu lesen, mit einem mäßig-gleichbleibenden Spannungsbogen, der die Frage offen lässt, wie genau Schuld zu definieren wäre.

 

Anja Toonen

Tierhocker Häkeln Teil 1 + 2

 

·         Gebundene Ausgabe 

·         ISBN-13: 978-9492602077 + ISBN-13:978-9492602060

 

 

Tierisch gut

  

Von Anja Toonen gibt es mehrere ganz zauberhafte Anleitungsbücher, leider sind nicht alle aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt. Doch glücklicherweise wurde die geniale Idee, Tierhocker zu häkeln, in 2 Teilen ins Deutsche übertragen.

 

Nehmen Sie einen preisgünstigen hölzernen Kinderhocker, zücken Sie Ihre Häkelnadel, und mit ein wenig Zeitaufwand erwecken Sie allerlei tierische Sitzgenossen zum Leben wie z. B. Kuh, Marienkäfer, Rentier, Löwe, Elefant, Zebra und viele andere.

 

Nach einer allgemeinen Aufzählung der benötigten Materialien, einer Beschreibung, wie Sie dem Hocker eine weiche Sitzfläche verpassen, folgen die Grundanleitungen für das Behäkeln der Sitzfläche, dem Häkeln von Beinen, Kopf, Hals etc. Erst dann geht es über zur exakten Anleitung für das jeweilige Tier, auch hier sehr detailliert und präzise beschrieben. Viele Detailfotos veranschaulichen den jeweiligen Häkelschritt und tragen wesentlich zum Verständnis der Anleitungen bei.

 

Fazit: Wer eine gewisse Häkelroutine mitbringt, dem gelingen die Hockertiere anhand der sorgfältig erarbeiteten Anleitungen ganz ohne Probleme. Ich selbst habe zuerst den Elch gehäkelt, der Elefant ist derzeit in Arbeit. Ich kann also aus eigener Erfahrung allen Häkelfans das Buch Teil 1 und 2 uneingeschränkt empfehlen.

 

Amy Meyerson

Ein Himmel voller Bücher

 

 

·         Broschiert: 448 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671620

·         Originaltitel: The Bookshop of Yesterdays

 

 

 

Ein guter Plot, leider totgeschwätzt

 

Große Erwartungen hatte ich an das Buch. Nicht nur, weil es so lange auf sich warten ließ, sondern weil sowohl der Buchtitel als auch der Klappentext eine spannende Handlung rund um einen Buchladen versprachen: „Eine bunte Postkarte aus Malibu, eine alte Ausgabe von Shakespeares Der Sturm und der kleine, kurz vor dem Bankrott stehende Buchladen Prospero Books in Los Angeles. Die junge Lehrerin Miranda Brooks staunt nicht schlecht über das einzigartige Vermächtnis ihres Onkels Billy. Schon immer hat er ihr Rätsel aufgegeben. Warum hat er ihrer Familie den Rücken gekehrt? Warum spricht ihre Mutter nie über ihn? Miranda folgt der Spur der Botschaften, die er für sie versteckt hat – und die sie nicht nur in die Welt der Bücher führt, sondern ihr Leben von Grund auf ändert.“  Ein Plot also mit großem Potenzial, aber…

 

Für Miranda, die Ich-Erzählerin, wird die Erbschaft eine Reise in die Vergangenheit, vielleicht auch ein Stück weit zu sich selbst. Sie wird posthum von ihrem Onkel Billy auf sehr verschlungenen Rätselwegen durch ein familiäres Lügengespinst geleitet, wobei der Leser relativ früh im Buch erahnt, wohin die Reise gehen wird und genau deswegen sich spätestens ab der Hälfte des Buches entsetzlich langweilt! Der Einstieg ins Buch ist spannend, geradezu fesselnd geschrieben, aber je weiter man liest, umso mehr wird man von zunehmender Lesemüdigkeit erfasst. Denn alles Wesentliche ist bereits nach 100 Seiten ausgereizt. Was mich persönlich besonders ärgerte, war die schier endlos währende Tatenlosigkeit angesichts des prekären Zustands der Buchhandlung. Es wird ungezählte Male bejammert, dass die Buchhandlung nur noch ein paar Wochen überleben kann, aber dennoch steht der „Geschäftsführer“ Malcolm hinter dem Tresen und liest. Oder es fließt Alkohol in großen Mengen. Aber von Analysieren, Anpacken oder gar Arbeiten hält keiner etwas. Was den Schreibstil an sich betrifft, gibt es durchaus viele Stellen, die in sehr schöner Sprache Schilderungen beinhalten, die alle Sinne des Lesers ansprechen. Aber diese eindrücklichen Stellen werden dann wieder sehr schnell totgeschwätzt mit vielen unnützen Details. Mitunter drängt sich der Gedanke auf, die Autorin benötigte lediglich eine Plattform, auf der sie ihr Literaturwissen ausbreiten konnte. Wie schade!

 

Tessa van Riet-Ernst

Woolytoons Kuscheldecken

 

 

·         Taschenbuch

·         Verlag: Scheepjes

·         Sprache: Deutsch

·         ISBN-13: 978-9491840265

 

 Zauberhafte Schnuffeltücher zum Häkeln

 

Wann immer die niederländische Wollfirma Scheepjes ein Anleitungsbuch in deutscher Übersetzung herausbringt, bin ich eine der ersten, die es haben muss! Immer sind es besondere und sehr liebenswerte Häkelvorschläge, die nachzuarbeiten viel Freude machen.

 

Im vorliegenden Buch hat Tessa von Riet-Ernst die ja schon hinlänglich bekannte Idee des Schnuffeltuchs noch weiter ausgearbeitet und eine Kombination von Kuscheltier und Kuscheldecke geschaffen. So hat das Kuscheltier lange Schlenkerarme zum Umarmen oder zum Hinterherziehen und gleichzeitig gibt die Schmusedecke Behaglichkeit und Schutz. Nicht nur Kinder werden diese Tier-Schuffeltücher lieben. Auch Demenzkranke mögen solche weichen Tier-Tücher sehr!

 

Das Buch enthält 11 verschiedene Anleitungen, das ist mehr als ausreichend. Einhorn, Affe, Ente, Drache, Schaf, Maus, Bär, Kaninchen, Elefant, Schweinchen, Pinguin – da ist mit Sicherheit ein Lieblingstier dabei. Mir gefällt ausnehmend gut, dass die Tiere alle eine freundliche, liebe Ausstrahlung haben. Die Anleitungen sind außerordentlich detailliert und genau Schritt für Schritt beschrieben, vorneweg mit einem Häkelgrundkurs beginnend, folgend ein paar grundsätzliche hilfreiche Tipps und daran anschließend die präzise Anleitung der jeweiligen Decke incl. Materialbedarf, Häkelschrift und beschreibender Arbeitsanweisung und ergänzt durch Detailfotos zur Veranschaulichung.

 

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass alle Schnuffeltücher problemlos nachzuarbeiten sind – dank der perfekten und genauen Anleitungen auch von nicht so routinierten Häkelfreunden leicht zu bewältigen. Rundum empfehlenswert!

 

Evelyn Kühne

Dünenzauber

 

·         Taschenbuch: 320 Seiten

·         Verlag: Forever

·         ISBN-13: 978-3958189706

 

 

 

 

 

Sommerleichte Lektüre

Eingestellt war ich auf eine vorhersehbare  und seichte Geschichte. Aber dann hat mich die Autorin doch überrascht, denn ich habe das Buch sehr gerne gelesen und kann es als angenehme Urlaubs- oder Sommerlektüre empfehlen, auch wenn die Handlung hauptsächlich usseliges Novemberwetter aufweist.

 

Die Verlagsankündigung verrät nur einen Teil der Geschichte: Klara fällt aus allen Wolken, als ihre Freundin Jessi ihr eröffnet, dass sie heiraten möchte und zwar schon in drei Wochen. Doch beste Freundinnen sind füreinander da, also packt Klara kurzerhand ihre Sachen und fährt zusammen mit Jessi nach Prerow an die Ostsee, wo die Hochzeit stattfinden soll. Die Hochzeitsplanung gestaltet sich jedoch mehr als schwierig, vor allem als Jessi Klara ein Geheimnis anvertraut, was deren Welt ins Wanken bringt. Und dann ist da auch noch ein mysteriöser Fremder, der Klara immer wieder über den Weg läuft und ihr Herz höherschlagen lässt. Wird die Hochzeit trotz aller Widrigkeiten stattfinden? Und wer ist der Mann, zu dem sich Klara auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt?

 Das Anliegen der  Autorin ist, den Leser zu berühren und ihn aus dem Alltag zu entführen. Dies ist ihr mit dem vorliegenden Buch perfekt gelungen.  Evelyn Kühne erzählt sehr lebendig und anschaulich, wie die zwei Freundinnen, die unterschiedlicher gar nicht sein könnten, mit den reichlich auftretenden Problemen umgehen. Die Charaktere sind glaubhaft und nachvollziehbar ausgearbeitet, und an Spannung fehlt es auch nicht. Eine Prise Humor und die eindrücklichen Landschaftsschilderungen geben der Handlung das rechte Maß an „Würze“. Das Buch ist eine wunderbare Hommage an die Freundschaft und vor allen Dingen an den Ort Prerow an der Ostsee, letzteres so sehr, dass man gerne selbst die Gegend kennen lernen möchte – vielleicht nur nicht ausgerechnet im November…

 

Caroine Bernard

Die Muse von Wien

 

 

·         Broschiert: 496 Seiten

·         Verlag: Aufbau Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3746633923

 

  

 

Prächtiges Zeitgemälde ohne Tiefgang

Beginn 20. Jahrhundert. Alma Schindler, privilegiert aufwachsend in einer wohlhabenden Wiener Künstlerfamilie, erhält eine sehr umfasssende kulturelle Bildung, ist vielseitig interessiert und offen-neugierig für all die vielfältigen künstlerischen Entwicklungen in Wien. Sie liebt es, am Klavier zu improvisieren und zu komponieren. Jeder, der ihr begegnet, ist fasziniert von ihrer Schönheit und Intelligenz. Aus den Begegnungen mit Klimt, der sie malen möchte,  entsteht eine jugendlich-schwärmerische Liebe, die erst ein Ende findet, als Alma Gustav Mahler kennenlernt und seinem alles überragenden Genius verfällt. Als seine Ehefrau muss sie alle eigenen Wünsche hintanstellen, was sie viele Jahre auch gerne tut, denn Gustav liebt sie sehr und Alma weiß, dass sie mit einem der größten Musiker dieser Zeit verheiratet ist. Erst einige Jahre und Schicksalsschläge später findet Alma zurück zu sich selbst…

 

Es empfiehlt sich, das Buch ohne viele Unterbrechungen zu lesen. So taucht man völlig ein in die Welt des Jugendstil, der Wiener Bohème, der Wiener Secession. Das Buch beschreibt sehr farbenprächtig und eindringlich das schillernde künstlerische Leben in Wien, das einerseits mit Judenfeindlichkeit und an Konventionen gebunden kleinbürgerlich wirkt, andererseits aber auch neuen Kunstrichtungen ein Podium gewährt und bereit ist, seinen Künstlern frenetischen Beifall zu zollen. Die Schilderungen des Wien dieser Zeit, in der Kunst einen so großen Raum einnahm wie sonst nie, sind großartig gelungen. Man spürt in so manchen geschilderten Details die mühevoll-sorgsame Recherchearbeit, die dem Roman zugrunde liegt. Aber auch die der Fantasie der Autorin entsprungenen Details sind so gut eingearbeitet, dass sie durchaus als möglich angesehen werden können. Viele Künstlerbegegnungen werden sehr lebendig geschildert, Richard Strauß mit seiner dümmlichen, tratschsüchtigen Frau zum Beispiel. Überhaupt begegnet man vielen großen Namen, Caruso, Schaljapin, Sigmund Freud, Walter Gropius und viele andere finden im Buch mehr oder weniger ausführlich ihren Platz.

 

Mit der Darstellung Alma’s, ganz Kind ihrer Zeit, konnte ich mich allerdings nicht in allen Passagen anfreunden. Sie wird beschrieben einerseits als eine kluge, hochgebildete, vielseits verehrte und begehrte Frau, andererseits wirkt sie aus der Sicht der Autorin, was Beziehungen, Mutter-Sein oder Selbstwahrnehmung betrifft, oftmals fast kindlich-naiv und unreflektiert, für den Leser deutlich spürbar in etwas langatmigen Erzählteilen. Mein persönlich größter Kritikpunkt ist allerdings, dass an keiner Stelle im Buch die Musik von Gustav Mahler dem Leser wirklich nahe gebracht wird. Es wird von der Musik erzählt, das ja, von Sinfonien, von Kindertotenliedern, aber ich fand keine einzige Stelle im Buch, an der es der Autorin gelungen wäre, den Leser in die unglaublich intensive und tiefe Musik von Gustav Mahler eintauchen zu lassen. Denn nur so, wirklich nur so, wäre die Hingabe Alma’s an den Genius Gustav Mahler nachvollziehbar gewesen. Insofern bleibt das Buch für mich ein gut und farbenprächtig erzähltes geschichtliches Zeitgemälde ohne echten Tiefgang.

 

Claire Douglas

Missing

 

·         Broschiert: 448 Seiten

·         Verlag: Penguin Verlag

·         ISBN-13: 978-3328101697

·         Originaltitel: Local Girl Missing / The Pier

 

 

 

Wahre Freundschaft?

 

 

 

Eine innige Freundschaft verbindet Francesca und Sophie von klein auf. Sie sind unzertrennlich, haben keine Geheimnisse voreinander und verbringen all ihre Zeit zusammen, oft gemeinsam mit ihrer Clique am baufälligen Pier sitzend. Da verschwindet eines Nachts Sophie spurlos. Und bleibt verschwunden. Niemand weiß, ob sie noch lebt oder tot ist. 18 Jahre später kehrt Francesca, eine inzwischen beruflich sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück, und zwar auf  Bitten von Daniel, dem Bruder der verschwundenen Sophie. Es seien Leichenteile angespült worden, und Daniel brauche die Unterstützung von Francesca…

 

Die Autorin benutzt einen geschickten schriftstellerischen Dreh, um Damals und Heute zu verbinden. Sie lässt zum einen Francesca, genannt Frankie, erzählen, was in der Jetzt-Zeit geschieht, aber auch, welche Erinnerungen auftauchen, insbesondere über ihre Freundschaft zu Sophie, beunruhigende Wahrnehmungen, verstörende Feindseligkeiten alter Bekannter bis hin zu seltsamen Drohungen. Zum anderen berichtet Sophie tagebuchartig, 19 Jahre früher, über ihre Freunde und über Frankie, über ihre Freundschaft zu ihr. Durch die Darstellung aus zwei Perspektiven lernt der Leser Sophie und Frankie, deren gemeinsames und individuelles Erleben, ihr jeweiliges Umfeld, ihr Denken und Fühlen, sehr intensiv kennen. Auch wenn ich streckenweise die häufigen Perspektivenwechsel als etwas anstrengend zu lesen empfand, da ja beide Protagonistinnen in gleicher Weise Einfühlung fordern und man sozusagen mit seiner Einfühlung stets hin- und herspringen muss, so gewinnen doch genau durch diesen Sichtwechsel die geschilderten Personen sehr viel schärfere Konturen als bei einer einseitigen Erzählweise. Ich hatte beim Lesen ein ständig zunehmendes Gefühl der Spannung, da jedes Kapitel wie bei Hänsel und Gretel einen Brotkrumen mehr auf den jeweiligen Weg von Frankie und Sophie streut, bis Vergangenheit und Gegenwart an einem entsetzlichen Punkt zusammentreffen. Ein gut und spannend zu lesender Thriller, sehr zu empfehlen.

 

 

Gard Sveen

 

Der einsame Bote

 

 

 

 

 

·         Broschiert: 304 Seiten

 

·         Verlag: List Hardcover

 

·         ISBN-13: 978-3471351505

 

·         Originaltitel: Blod i dans

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Enttäuschend

 

Von Gard Sveen hatte ich bislang noch nichts gelesen. Insofern begann ich vorurteilsfrei mit diesem  Band 3 rund um den Ermittler Tommy Bergmann. Jetzt, am Ende des Buches, weiß ich ganz sicher, dass ich nichts mehr über Tommy Bergmann lesen möchte.

 

So wird das Buch von Verlagsseite beworben: Kommissar Tommy Bergmann hat sich an einem hoffnungslosen, längst zu den Akten gelegten Fall festgebissen. Seine Kollegen wenden sich von ihm ab und wenn er seine Ermittlungen nicht einstellt, droht ihm die Suspendierung. „Der einsame Bote“ beginnt bedrückend. Bis Tommy Bergmann Hinweise auf eine alte Sekte findet, die junge Mädchen opfert, um das Seelenheil von Mördern zu retten. Ist das die Spur, die er seit Monaten sucht? Kann er die totgesagte 13-jährige Amanda befreien und den Mörder fassen – und weitere Morde verhindern?

 

Das Buch hat mich von Anfang bis Ende völlig kalt und unberührt gelassen. An keiner einzigen Stelle hat es mich eingefangen, ich las es wie eine Pflichtlektüre, distanziert, ohne innere Beteiligung. Ich fühlte mich nie hineingezogen in die Geschichte. Ich sah sozusagen von außen zu, wie Tommy Bergmann wie ein Hund die Witterung aufnimmt und sich von nichts und niemandem mehr aufhalten lässt. Oder wie sich Susanne, Kollegin von Tommy, aus Sorge um ihr eigenes Kind schließlich auch auf Spurensuche begibt. Was ist an diesem Buch, dass man es mehr oder weniger interessiert wie einen mäßig interessanten Zeitungsartikel durchliest, den man nach Lektüre gleich wieder vergisst? Da ist zum einen meiner Meinung nach der fehlende Spannungsbogen. Zuviel wird in dunklen Ecken, hier und dort und dann auch noch in Litauen, herumgestochert. In verwirrender Schreibweise werden dem Leser nicht zusammenpassende Mosaiksteinchen vorgehalten. Aber Verwirrung zu schaffen, ohne den erkennbar roten Faden durchscheinen zu lassen, bringt keine Spannung, sondern Leserdistanz. Und wenn dann noch der Hauptakteur im Buch jemand ist, dem man sich weder mit Sympathie noch mit Mitleid, schon gar nicht mit Verständnis, lesend nähern möchte, ist die Leserdistanzierung perfekt. Nichts für mich, schade.

 

Terr Gerritsen

Sag niemals stirb

 

 

·         Broschüre: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671842

·         Originaltitel: Never say die

 

 

Dschungel-Thriller

 

1970: Der Pilot Wild Bill Maitland stürzt nach einer Explosion an Bord seines Transportflugzeugs über dem Dschungel von Vietnam ab. Seine Leiche wird nie gefunden. 20 Jahre später: Seine Tochter, Willy Jane Maitland, will einen letzten Wunsch ihrer krebskranken Mutter erfüllen und macht sich auf die Suche nach dem verschollenen Vater. Sie reist nach Vietnam und trifft dort auf Guy Barnard, einen ortskundigen Paläontologen, der ihr seine Hilfe anbietet. Doch die Suche entwickelt sich schnell zu einer lebensgefährlichen Mission…

 

Dass Tess Gerritsen schreiben kann, dass sie Meisterin darin ist, Spannung aufzubauen, weiß man zur Genüge. Insofern waren meine Erwartungen an dieses Buch hoch. Und in der Tat schafft es die Autorin, mich in die mir fremde Welt Vietnams tief eintauchen zu lassen, die besondere Atmosphäre so intensiv und lebendig zu beschreiben, dass ich mitunter das Gefühl hatte, Hitze, Regen, Moskitos auf meiner eigenen Haut zu spüren. Und sie lässt mich in packender Weise teilnehmen an einer immer gefährlicher und bedrohlicher werdenden Suche. Jeder neue Kontakt, jedes neue Gespräch wirft neue Fragen auf, und der Leser wird immer mehr in ein geschicktes Verwirrspiel hineingezogen. Wer Freund oder Feind ist, wer Wahrheit spricht oder lügt, ändert sich nahezu bei jedem Schritt, den Willy tiefer hinein in das Gespinst der Vergangenheit macht. Willy, die sich mutig, aber auch recht naiv auf die Suche gemacht hatte, wird zunehmend selbst zur Gejagten, und so steigert sich der Spannungsbogen kontinuierlich bis zum rasanten Ende.

Auch wenn mich streckenweise das allzu breit ausgewalzte Hin und Her, dieses wenig nachvollziehbare „Beziehungsgedöns“ zwischen Guy und Willy nervte, hat mich der Thriller, der im Original bereits 1992 erschien, insgesamt bestens unterhalten. Es mag nicht das beste Buch von Tess Gerritsen sein, aber lesenswert ist es dank des ungewöhnlichen Plots auf jeden Fall.

 

Anja Bogner

Bülent Rambichler und die fliegende Sau

 

 

·         Taschenbuch: 288 Seiten

·         Verlag: btb Verlag

·         ISBN-13: 978-3442716760

 

 

 

Ein türkisch-fränkischer Humor-Döner

 

Bülent Rambichler pflegt sich gerne und ausgiebig in seinem Wohnungs-Hamam, ist Hauptkommissar im Nürnberger Morddezernat und sträubt sich seit Jahren erfolgreich gegen jeglichen Außendienst. Als jedoch in seinem Heimatstädtchen Strunzheim die „Gelbwurst-Pflunzn“, die Fleischereifachverkäuferin Kerstin, gewaltsam zu Tode kommt, muss er doch seinen geliebten Schreibtisch verlassen und zusammen mit seiner yogabiegsamen veganen Assistentin Astrid Weber tief eintauchen in den fränkische Provinzmief.

Zwei Anmerkungen vorneweg: Im Buch ist „Allmächd“ mit t am Ende geschrieben, also Allmächt. Das könnte ein Franke gar nicht aussprechen, geschweige denn schreiben! Und da sich die Franken nicht als Bayern sehen, ist ein Wolpertinger als Titelbild nicht ganz so glücklich…

 

Anja Bogner hat meiner Meinung nach den perfekten Provinzkrimi geschrieben. Perfekt, weil die Geschichte als solche gute Krimiqualität hat und die Aufklärung durchaus überrascht. Perfekt, weil die fränkische Grobheit in der Sprache und im Humor, die fränkische Sturschädeligkeit wunderbar in Szene gesetzt wird.  Und perfekt, weil die Protagonisten in ihrer überzeichneten Darstellung, wie in einer Karikatur, Prototypen von Menschen sind, die man nicht nur in Franken findet: türkisch-stolze Eltern, träge Beamte, extrem neugierige Kleinstadtbewohner usw.

Schon viele Jahre lebe ich weit weg von meiner Heimatstadt Nürnberg, aber Anja Bogner hat es geschafft, mich mit ihrem Krimi nach nur wenigen Seiten mitten hinein in mein fränkisches Herz zu treffen. Da finde ich fränkische Mundartwörter, die fest zu meiner Kindheit gehörten und die ich schon vergessen hatte, wie z. B. der Hetscher (Schluckauf). Wenn Begriffe auftauchen, die zu tief in die fränkische Fremdsprache reichen, als dass ein Nicht-Franke sie verstehen könnte, gibt es entsprechende Übersetzungen als Anmerkungen, zusätzlich noch im Anhang ein Glossar „Fränkisch für den Hausgebrauch“. Anja Bogner trifft perfekt den derben Humor, hinter dem der Franke gerne sein großes Herz versteckt. Außerdem spielt die Autorin gekonnt mit Situationskomik, Krimispannung und Lokalkolorit, und der Leser merkt, dass sie selbst großen Spaß hat an diesem Spiel. Selten habe ich bei Lektüre eines Buches so oft so schallend gelacht wie bei diesem hier. 

Das Buch ist wie ein türkisch-fränkischer Döner, saugut!

 

Gianumberto Accinelli

Der Dominoeffekt oder die unsichtbaren Fäden der Natur

 

 

·         Verlag: FISCHER Sauerländer

·         ISBN-13: 978-3737354714

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 9 Jahren

 

 

 

 

Zum Staunen gut

 

Alles ist mit allem verbunden, und wenn in diese Verbundenheit von Menschenhand eingegriffen wird, kann das unabsehbare Folgen für das Ökosystem haben.

 

Accinelli erzählt auf locker-unterhaltsame Weise in 18 erstaunlichen, unglaublichen, aber wahren Geschichten von solchen Eingriffen in die Natur und deren Folgen. Da gibt es Ereignisse, die gut ausgingen, wenn z. B. Schmetterlinge Rettung bringen vor einer Kaktusplage. Oder Geschichten ohne Ende, wie z. B. der Kampf Mensch gegen Kaninchen. Andere Geschichten wiederum sind so seltsam, dass man sie kaum glauben mag, wie z. B. die Geschichte über das Froschhotel in Panama. Jede Geschichte für sich ist so interessant, so spannend, so ungewöhnlich, dass sie Lust macht, weiter zu recherchieren, noch mehr zu erfahren und so tiefer einzudringen in das große Strickmuster der Natur. So ganz nebenbei, im Plauderton berichtet, erfahren wir so viel Wissenswertes, Wunderbares, Erstaunliches aus der Welt der Pflanzen und Tiere, dass dieses Buch nicht nur Kindern vorbehalten bleiben sollte, sondern dass auch Erwachsene es mit ganz großem Gewinn lesen sollten. Denn es kann uns etwas zurückgeben, was wir oftmals verloren haben: die große Ehrfurcht vor der Weisheit der Natur.

 

Die wunderbaren Zeichnungen von Serena Viola, die von fotogenau bis abstrakt mäandern, verbinden die Geschichten mit dem Faden, der wie in der Natur alles mit allem verbindet. Ein großartiges Buch!

 

Renate Bergmann

Das kann man doch noch essen

 

 

Hörbuch, gekürzte Ausgabe

·         Spieldauer: 2 Stunden und 12 Minuten

·         Verlag: Der Audio Verlag

 

 

 

 

Kittelschürzen-Humor

 

Dank der großartigen Carmen-Maja Antoni, die liest, als säße sie selbst in der Kittelschürze am Küchentisch, habe ich das Hörbuch mit Vergnügen gehört.

Die Verlagsinformation sagt alles: „Die Hausfrau heutzutage ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Da werden nur noch Tiefkühlpizzen aufgewärmt und wie man Fenster richtig putzt, das weiß keine. … "Ein Stich Butter muss immer ran ans Gemüse, sonst kann der Körper die Fittamine gar nicht verarbeiten." Renate Bergmann weiß zu vielem etwas zu sagen und vor allem: alles besser. Ihre Weisheiten, Ideen, Ratschläge und Rezepte sind auf diesem amüsanten Hörbuch versammelt.“

 

Ich kam mir vor, als säße ich bei Oma in der Wohnküche und bekäme erzählt, was jemanden bewegt, der „getrennt von seinen Zähnen schläft“, aber dennoch hausfraulich und mitmenschlich gesehen echten Biss hat. Mit tiefster Entrüstung vorgetragen erfahre ich von schlampigen Nachbarn, die nicht einmal mehr die Teppichfransen kämmen. Und ich bekomme leckere Kuchenrezepte verraten, die ich sofort mitschreiben möchte. Es könnte gut sein, dass ich demnächst mal die Gardinen mit Backpulver einweiche, wer weiß…

 

Gina Mayer

Hotel der verzauberten Träume

 

·         Gebundene Ausgabe: 144 Seiten

·        Verlag: Ars Edition

·         ISBN-13: 978-3845825762

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 9 - 11 Jahre

 

  

 

Zaubermittel gegen Lesemuffel

 

Ups - ein kleiner Tippfehler bei der Navi-Eingabe – und schon landet die Familie in einem uralten, winzigen Hotel an der Ostsee, 400 km entfernt vom eigentlich gebuchten Luxushotel an der Nordsee. Statt 3D-Kino und Feuerspucken, statt Tauchkurs, Riesenwasserrutsche und anderen angebotenen Freizeitunternehmungen nur die Bekanntschaft mit Dackel Dornröschen und Gans Agathe, und kein WLAN! Was für eine Enttäuschung für Joelle und ihren Bruder. Doch sehr schnell wandelt sich die Enttäuschung in ein spannendes Abenteuer. Denn die Hotelbesitzerin Fräulein Apfel ist irgendwie seltsam, als hüte sie ein Geheimnis. Das uralte Telefon an der Rezeption klingelt, obwohl es gar nicht angeschlossen ist. Und der ausgestopfte Seeadler, der normalerweise im  Hoteleingang sitzt, fliegt um Mitternacht über den Strand. Die Kinder entdecken schließlich noch auf dem Dachboden einen Raum, in dem Hunderte von Traumfängern hängen…

 

Ein richtig schönes Kinderbuch ist der Autorin Gina Mayer hier gelungen. Eine zauberhafte Geschichte wird lebendig und humorvoll erzählt, mit sehr liebenswerten Protagonisten. Die märchenhaften Elemente vermischen sich im ausgewogenen Maß mit einer richtig spannenden, geheimnisvollen Abenteuergeschichte. Das Buch findet genau die richtige kindgerechte Mischung zwischen Realität und Fantasie und bringt durch die spannende Handlung auch ausgesprochene Lesemuffel ans Lesen.  Unbedingt hervorheben möchte ich die liebevoll ausgearbeiteten Illustrationen von Gloria Jasionowski, die die erzählte Geschichte in perfekter Weise ergänzen. Und dass noch eine Bastelanleitung für Traumfänger im Buch zu finden ist, halte ich für eine prima Idee zur Vertiefung der Geschichte.  Rundum also: absolut empfehlenswert!

 

Elisabeth Sandmann

Kluge Gedanken für Frauen, die Katzen lieben

 

 

·         Taschenbuch: 142 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363286

 

 

 

Schnurrende Diva

 

Geschenkbücher für Katzenliebhaber gibt es reichlich auf dem Markt. Hier eine Lücke zu finden, eine Nische für das Besondere, ist schwierig, aber dem Insel Verlag ist dies, wie ich meine, mit dem vorliegenden Büchlein hervorragend gelungen.

 

Allein schon die Gestaltung des Taschenbuchs ist besonders. Jede Seite, wirklich jede Seite, ist farblich oder im Layout unterschiedlich gestaltet. So gibt es fliederfarbene oder graue oder ockerfarbene Seiten, mit nostalgisch wirkendem feinem Muster versehen, wie englisches  Geschenkpapier wirkend. Auf diesen Seiten entdeckt man Sätze wie  „Die Idee der Ruhe findet sich in einer sitzenden Katze“. Zwischengesetzt finden wir Schwarz-Weiß-Fotos von ungewöhnlicher Art, denn sie sind allesamt einer früheren Zeit entnommen, unverkitscht, und doch oder gerade deshalb anrührend. So manches Foto scheint der Filmwelt entsprungen, als es noch wahre Diven gab. Die Diva Katze und die Diva Frau, in perfekter Filmpose auf dem Foto eingefangen. Passend dazu von Robert Anson Heinlein: „Frauen und Katzen tun, was ihnen gefällt. Männer und Hunde … sollten sich daran gewöhnen.“ Bei jedem Durchblättern entdeckt man neue Details, ein unbekanntes Zitat. Selbst altbekannte Aussprüche wie „Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse“ bekommen durch die Buchgestaltung ihr besonderes Comeback.

 

Rundum also ein liebevoll, etwas nostalgisch gestaltetes Büchlein, eine gelungene Hommage an das  kapriziöse Wesen Katze.  Und das ideale Geschenk für alle, die genau das zu schätzen wissen: klugen Eigensinn.

 

Sara Paborn

 

Beim Morden bitte langsam vorgehen

·         Gebundene Ausgabe: 272 Seiten

·         Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt

·         ISBN-13: 978-3421048028

·         Originaltitel: Blybröllop 

 

 

Bös, böser, Sara Paborn

 

Was für ein unglaublich intelligenter, lebenskluger und bitterböser Roman! Selten habe ich mich so gut unterhalten und gleichzeitig entlarvt gefühlt, habe die Fülle der eingestreuten  Bonmots der Autorin genossen und mir sehnlichst gewünscht, dass alle Heile-Welt-Täuscher anhand der Doppelbödigkeit dieses Romans zur Ehrlichkeit finden mögen. 

Ein Ausschnitt aus dem Klappentext erzählt den vordergründigen Inhalt: Nach 39 Ehejahren voller Sticheleien hat Irene endgültig genug von ihrem Mann. Als sie eines Tages in einer alten Schachtel Vorhang-Bleibänder findet, kommt ihr die beste Idee ihres Lebens: Aus der immer so netten Bibliothekarin wird eine gerissene Hobbychemikerin, die ihre bisher von Braten- und Kuchenduft erfüllte Küche in ein Labor verwandelt. Dort bereitet sie Bleizucker zu. Geduldig rührt sie ihrem Mann täglich ein Löffelchen in den Kaffee…

 

Wer die Bücher von Ingrid Noll mag, wird das vorliegende Buch lieben! Sara Paborn schreibt allerdings noch böser, noch pointierter, noch humorvoller, noch brillanter. Und nein, das Buch ist kein Krimi. Es gibt keine Tätersuche. Allenfalls gibt es die Suche nach dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und nein, das Buch ist kein Psychogramm verwirrter Seelen, die man mit Diagnosen versehen in Schubladen unterbringen kann. Allenfalls gibt es Erinnerungen an früher selbstverständliche Erziehung, als die Frau dem Mann noch untertan sein sollte. Das Buch ist eine geniale Parabel für die Unmöglichkeit gleichgewichtigen menschlichen Miteinanders. Nur vordergründig gesehen ist Horst das Ekel, das es zur Gewinnung der eigenen Freiheit zu vernichten gilt. Und nur vordergründig gesehen ist die langsam mordende und sich selbst damit befreiende Irene die Person, die unsere Sympathie erhält. Die maßlose Überzeichnung beider Personen fordert den Leser heraus, Stellung zu beziehen – böser Horst und gute Irene – und gar nicht zu merken, wie wir damit der Autorin auf den Leim gehen. Denn wir alle haben in langjährigen Beziehungen ein bisschen Horst und ein bisschen Irene in uns, wir alle erleiden Mikrotraumata  und setzen selbst welche. Dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, würde uns gut tun. Bevor wir Bleizucker anrühren…

 

Kallentoft und Luttemann

 

In den Fängen des Löwen

 

·         Taschenbuch: 384 Seiten

·         Verlag: Tropen

·         ISBN-13: 978-3608503722

·         Originaltitel: Leon

 

  

 

Eisigkalte Abgründe

 

Schon lange nicht mehr habe ich ein Buch so schnell gelesen! Ich bin durch die Seiten gejagt, nein, ich wurde durch die Seiten gejagt, das Autoren-Team hat mich durch die Seiten gejagt, dass mir Hören und Sehen verging.

 

Der Thriller ist düster, die depressive immerwährende Winterdunkelheit Stockholms packt den Leser, er fühlt sich der Kälte, dem Schneetreiben gnadenlos ausgeliefert, selbst im Kommissariat gibt es kein Aufwärmen. Und bei den Protagonisten schon gar nicht. Alle sind kaputte Typen, beschädigte Menschen, geradezu hoffnungslos von ihren persönlichen Vorgeschichten und ihrer Arbeit zerstört. Drogen, Drogenhandel, Kinderhandel, Kindsmissbrauch, zerstörte Seelen überall. Schwer auszuhalten all das, insbesondere der ewig zugedröhnte Zack ist zuviel des Guten. Nicht nur dadurch wird der Leser gequält, ebenso durch die quälend lange, quälend hoffnungslose Suche, die immer wieder in falsche Richtungen führt, sich in Nebenstraßen verliert, bis sie in unerträglicher Spannung zum rasanten actiongeladenen Countdown führt. Geschrieben ist der Thriller im Präsens, was die Geschichte atemlos macht und zusätzlich durch die ganz kurzen Kapitel die Spannung vermehrt. In eindringlicher, an manchen Stellen fast schon expressionistisch anmutender, ungeheuer intensiver Sprache wird erzählt. Und weil der Thriller so gekonnt geschrieben ist, rast man durch die Seiten, ist angewidert, entsetzt  – und kann doch nicht aufhören zu lesen. Absolut kein Buch für zarte Gemüter!

Der Klappentext fasst die Handlung so zusammen: „Der letzte Fall hat bei Zack Spuren hinterlassen. Wochenlang saß er am Krankenbett seines besten Freundes Abdula, bis dieser schließlich aus dem Koma erwachte. Doch zum Grübeln bleibt keine Zeit, denn sein Job verlangt erneut seine ganze Konzentration. Auf einem alten Fabrikgelände in Stockholm wurde die Leiche eines elfjährigen Jungen entdeckt. Festgebunden auf einem Schornstein in grausigen Höhen. Niemand kann sich erklären, wie das Kind dorthin gekommen ist, doch dann spüren Zack und seine Partnerin Deniz einen wichtigen Zeugen auf. Ein alter Mann hat beobachtet, wie Ismail aus dem Asylbewerberheim geflohen ist, in dem er untergebracht war. Die Spur führt zu einem Mann namens Lejonet, der Löwe, der unter falscher Identität in Schweden lebt. Deniz und Zack sind sich sicher, dass er an der Entführung mehrerer Kinder beteiligt ist, doch als sie bei seiner Wohnung ankommen, eröffnet jemand das Feuer auf die Polizisten. Die Jagd hat begonnen.“

 

Ralf Nestmeyer

Nürnberg, Fürth, Erlangen

 ·         Taschenbuch: 252 Seiten

·      Verlag: Müller, Michael; Auflage: 11

·         ISBN-13: 978-3956541278

 

 

Allmächd, is der goud!

 

Da liegt sie vor mir, die aktualisierte 11. Neuauflage des Städteführers Nürnberg, Fürth, Erlangen. Die farblich bunte Gestaltung des Covers und besonders die Regenbogenfarben des Buchrückens fallen im Buchhandlungsregal auf. Das Titelbild ist ziemlich abgedroschen, hat aber genau deswegen den Effekt, dass man den Reiseführer, noch ohne den Titel gelesen zu haben, bereits mit Nürnberg assoziiert.

Vorweg: Der Reiseführer ist nicht geeignet für Städte-Schnellkonsumenten, für Fast-Sightseeing, für oberflächliches Sehenswürdigkeiten-Sammeln. Zwar gibt es auch eine Übersicht der Sightseeing-Klassiker im Buch, aber wem das genügt, der ist mit einem leichtgewichtigen Faltblatt,  das man gratis bei der Touristen-Info bekommt, ausreichend gut bedient. Der vorliegende Reiseführer fordert Zeit! So wie die Stadt, will man sie wirklich entdecken, Zeit fordert. Nürnberg ist so unendlich viel mehr als Burg und Schöner Brunnen. Die Einteilung des Reiseführers, der uns auf  10 verschiedenen Touren durch die Stadt begleitet, begeistert mich. Denn bei diesen Touren, jeweils versehen mit einer Übersichtkarte, werden die Augen auf vielfältige Details gelenkt, auf Historisches ebenso wie auf Modernes, auf Typisches für diesen Stadtteil, auf Wissenswertes, Kulturelles, auf Öffnungszeiten und Eintrittspreise, dazu jeweils ergänzt durch eine Fülle von Hinweisen, wo man in diesem Stadtteil Hunger und Durst stillen kann.

Auch Fürth und Erlangen werden ausführlich beschrieben. Und es finden sich all die nützlichen Hinweise, die einem Touristen das Zurechtfinden in einer fremden Stadt erleichtern, ergänzt durch ein umfangreiches Register, das Straßennamen, Bauwerke, aber auch Stichworte wie Lebkuchen und Schäufele enthält.

Tagelang habe ich in diesem Reiseführer vor- und zurückgeblättert, habe mich festgelesen und bin, indem ich durch das Buch wanderte, ebenso durch meine ersten 40 Lebensjahre in Nürnberg gewandert, wiedererkennend, erinnernd und verblüfft von all dem Neuen, das zwischenzeitlich in Nürnberg entstanden ist.

Ralf Nestmeyer ist, wie ich meine, der perfekte Reiseführer gelungen: Sachlich-klar geschrieben, strukturiert, Geschichte und Gegenwart gleichermaßen würdigend, mitunter auch einmal eine leise Kritik unterbringend, immer aber spürbar seine Zuneigung zu dieser wunderbaren Stadt ausdrückend. Was sich auch in Einschüben wie zum Beispiel diesem hier zeigt, mitten unter „Kultur- und Nachtleben“ zu finden:

 „Allmächd!“: „Das Staunen der Welt, die irdischen Schrecken der Existenz und das Bedauern der Vergänglichkeit in ein Wort gepackt, dessen einzigartige Konnation durch eine weit durch die Zahlreihen hervorgestreckte Zunge und einen nach unten geschobenen Unterkiefer hervorgerufen wird“.

 

Emily Elgar

 

Schweige nun still

 

 

·         Taschenbuch: 448 Seiten

·         Verlag: Goldmann Verlag

·         ISBN-13: 978-3442486861

 

·         Originaltitel: If you knew her

 

  

Sehr gemächlich erzählt

 

Der Klappentext zog mich magisch an und ließ mich ein hohes Spannungspotential erwarten: Eine junge Frau wird in die Station für Koma-Patienten des St. Catherine Hospital eingeliefert, nachdem man sie bewusstlos in einem Straßengraben gefunden hat. Ein tragischer Unfall mit Fahrerflucht? Im Bett neben Cassie liegt Frank, der am Locked-in-Syndrom leidet: Er nimmt alles wahr, kann sich aber nicht mitteilen. Die Menschen um ihn herum verhalten sich so, als wäre Frank gar nicht da. Und so ist er es, der als einziger die Puzzleteile von Cassies Vergangenheit zusammensetzt und erkennt, dass sie noch immer in tödlicher Gefahr schwebt. Denn jemand aus ihrer nächsten Nähe würde alles tun, damit das Schweigen gewahrt bleibt, niemals ans Licht kommt, was wirklich geschehen ist …

 

Leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Obwohl der Plot alles hat, was zu einem Psychothriller gehört, kann sich durch die extrem gemächliche, ausschweifende, fast betuliche  Erzählweise keine Spannung aufbauen. Der eigentlich geschickte Schachzug, die Geschichte aus drei verschiedenen Sichtweisen zu erzählen, verliert im Verlauf der Seiten immer mehr an Reiz, umso mehr, als die dargestellten Personen nicht wirklich psychologisch nachvollziehbar denken und handeln. Streckenweise kamen mir die geschilderten Szenarien vor wie eine Mischung aus „Chicago Hope“ und „Barnaby“, was zwar durchaus seinen Reiz hat, aber doch weit weg ist von einem Psychothriller. Viele, viele Seiten lang geschieht im Grunde nichts, man liest und liest, fühlt sich mäßig unterhalten, macht sich so seine Gedanken und Vorstellungen, hat Vermutungen, aber bleibt weitgehend unberührt. Erst auf den letzten 50 Seiten passiert alles auf einmal. Das Geschehen explodiert quasi. Und schon ist das Buch zu Ende und man fühlt sich als Leser wie nach einem überraschenden Gewitter: erschreckt und froh, es hinter sich zu haben.

 

Volker Klüpfl, Michael Kobr

 

Kluftinger

·         Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

·         Verlag: Ullstein Hardcover

·         ISBN-13: 978-3550081798

 

 

Wie er wurde was er ist

 

 

 

Ein sehr geschickter Coup ist den Autoren da gelungen!

 

 In seinem Jubiläumsfall wird Kluftinger subtil bedroht und er ahnt, dass diese Bedrohung etwas mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Bruchstückweise kommt in Rückblenden die Erinnerung an ein Ereignis zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn zurück. Gleichzeitig wächst in der Gegenwart die Bedrohung, wird zur realen Gefahr, denn es wird immer deutlicher, dass es jemand auf Klufti persönlich abgesehen hat. Aber Kluftinger wäre nicht Kluftinger, wenn er nicht gleichermaßen mit dem Alltag zu kämpfen hätte. Denn wie transportiert man eine große Trommel in einem rosa Smart? Oder wie wird man fertig mit der Tatsache, dass der eigene Kosename Butzele plötzlich dem Enkelkind gehört?

 

Kluftinger in seiner gewohnt knorzigen Art und seine nicht minder eigenwilligen Kollegen erfreuen wie eh und je mit ihrem deftigen Umgangston. Die lockere Erzählweise, das perfekt getroffene Lokalkolorit und die Wichtigkeit von regelmäßiger Nahrungsaufnahme ist man bei dem Autorenteam schon gewohnt. Man schmunzelt sich sozusagen durch die Seiten und löst mit Kluftinger zusammen ganz locker nebenbei den aktuellen Fall. Aber dieses Mal gibt es noch eine weitere Dimension im Buch. Wir lernen Kluftinger näher kennen, wir erfahren, wie er zu dem wurde, was er ist. Die zahlreichen Rückblenden, verständnisfreudig in einer anderen Schrift gedruckt, erzählen uns viel Intimes über Kluftinger. Es wird berichtet über seine Jugend, über seine Berufskarriere, wie er seine spätere Frau Erika kennenlernt und erzählt auch von einem dunklen Geheimnis, das nun bis in die Gegenwart hinein seinen Schatten wirft. Durch diesen genialen schriftstellerischen Clou ist Kluftinger nicht länger nur eine durchaus gelungen gestaltete Kunstfigur, Mittelpunkt vieler komischer Szenen, sondern er wird vollständiger, echter, mehr Mensch, möchte man fast sagen. Und vor allen Dingen noch  liebenswerter.

 

Antonia Michaelis

Wind und der geheime Sommer

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 300 Seiten

·         Verlag: Oetinger

·         ISBN-13: 978-3789108693

 

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre

  

Zauber der Fantasie

 

Das großartigste Kinderbuch, das ich seit langem gelesen habe! Zum Immer-wieder-Lesen, für Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

  

John-Marlon ist 11 und viel allein. Seine Eltern sind geschieden, der Vater hat selten Zeit und die Mutter schuftet für den Lebensunterhalt. John-Marlon ist unsicher, ängstlich, trägt eine Brille und hat keinen Spaß am Fußball-Spielen. Nicht die besten Voraussetzungen also, um Freunde zu finden, um von anderen gemocht zu werden. An einem besonders traurigen Nachmittag entdeckt John-Marlon eine lose Latte in einem Bauzaun, schlüpft hindurch und entdeckt ein völlig verwahrlostes Grundstück. Er trifft auf ein seltsames Mädchen, das sich Wind nennt, und wenn Wind Geschichten erzählt, werden diese wahr. Es wandeln sich wild wachsende Sträucher zum Dschungel, Pfützen zum Meer, es gibt gefährliche Tiere, und einen Sommer lang erlebt John-Marlon die wunderbarsten Abenteuer. Doch eines Tages ist Wind verschwunden…

  

Die Autorin widmet ihr Buch den Kindern, die Müll im Rinnstein sammeln und Kunst daraus machen. Als ich diese Widmung las, war ich sofort wieder zurückversetzt in die Zeit, als meine Kinder klein waren und völlig selbstvergessen abtauchen konnten in ihre eigenen Fantasie-Geschichten, nur mit Dingen umgeben, die sie in der Natur vorfanden. Dank Waldorf-Pädagogik lernten sie in diesen Spielen ganz beiläufig das gelingende soziale Miteinander und ich erlebte über die Jahre, wie ihnen daraus eine innere Stärke erwuchs, die ihnen niemand mehr nehmen konnte. Genau so ergeht es John-Marlon im Buch. Der einsame, traurige Junge ohne Selbstvertrauen wächst hinter dem Bretterzaun in den von Wind ausgedachten Abenteuern über sich hinaus, er wird von Wind und den anderen Kindern, die sich ebenfalls in der Welt hinter dem Bauzaun einfinden, so akzeptiert, wie er ist und er erfährt, welche Fähigkeiten er tatsächlich besitzt.

 

Aber nicht nur der Inhalt, dieses gelungene Ineinanderverschränken von Fantasie und Wirklichkeit, macht dieses Buch so besonders. Es ist die Sprache, die mich verzaubert hat, diese wunderbar poetische Sprache in Verbindung mit feiner Beobachtung. So machen zum Beispiel im „pfotendurchhuschten Urwald“  Insekten vor dem Wegfliegen einen Knicks. Das Buch selbst ist wie eine lose Latte am Bretterzaun – zum Durchschlüpfen in die unbegrenzte Welt der Fantasie.

  

Sandra Aslund

Tödliche Provence

 

 

·         Taschenbuch: 296 Seiten

·         Verlag: Midnight

·         ISBN-13: 978-3958199217

 

  

 

 

Atmosphärisch schöner, gemütlicher Krimi

 

 Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Band rund um die Ermittlerin Hannah Richter. Da es nur wenige „Rückblicke“ gibt, lässt sich der Folgeband gut lesen, auch wenn man den ersten Band nicht kennen sollte.

 

Hannah Richter gönnt sich 4 Wochen Urlaub und fährt in die Provence, um im Häuschen ihrer Freundin Penelope entspannte Ferienwochen zu verbringen. Doch daraus wird nichts. Penelopes Nachbar, ein feiner älterer Herr, wird tot aufgefunden, sein Arbeitszimmer ist durchwühlt worden. Emma, eine ehemalige Kollegin von Hannah, bittet diese um Mithilfe. Und so wird offenkundig, dass der Tote vor seinem Tod noch Andeutungen gemacht hatte über ein dunkles Geheimnis aus seiner Vergangenheit… 

 

Ich habe dieses Buch gern gelesen. Nicht weil es spannend wäre. Die Handlung plätschert relativ gemütlich dahin, die Erzählweise ist gemächlich. Allenfalls im letzten Drittel zieht das Tempo ein wenig an, aber eben auch nur ein wenig. Ich habe das Buch gern gelesen aus zwei Gründen: Zum einen ist mir die Kommissarin Hannah sehr sympathisch. Ihre gewisse Zögerlichkeit, insbesondere was Beziehungen betrifft, kann ich gut nachempfinden, und ich finde es sehr angenehm, dass sie seelisch relativ stabil ist, nicht mit alten Traumata zu kämpfen hat, wie es derzeit in den Krimis Mode zu sein scheint. Der zweite Grund war für mich, dass die Autorin ganz wunderbar die Landschaft der Provence und die Mentalität der dort lebenden Menschen zu schildern versteht, und dass nicht zuletzt das leckere regionale Essen und Trinken in schwelgerischer Weise viel Platz im Buch einnimmt.  Ein umfangreiches Glossar der vielen französischen Begriffe und Redewendungen, ein angefügter Stammbaum der verzweigten Familie des Toten, eine Übersicht der im Buch erwähnten Musikstücke und ein Rezept für Badekugeln runden das Buch in perfekter Weise ab. 

Fazit: Ein sanfter, atmosphärisch schöner, unaufgeregter Krimi mit Urlaubsfeeling.

 

Hörbuch

 

Deutschland-Reise

 

·         Audio CD: 8 CD's

·         Verlag: Audiobuch Verlag

·         ISBN-13: 978-3958620438

 Mit den Ohren reisen

 

Für diese Deutschland-Reise sollte man sich viel Zeit nehmen. 586 Minuten reine Hörzeit sind es insgesamt, aber ein reines Abhören der CDs der Reihe nach, ein reines Konsumieren  war mir nicht möglich.  Ich hörte sie, wie bei echten Wanderungen, in Etappen, manchmal mit Begeisterung ausschreitend, mal müden Schritts, immer aber neugierig.

 

Diese besondere Sammlung an literarischen Reiseberichten wandert durch 400 Jahre Schriftstellertum ebenso wie durch zahllose Gegenden Deutschlands – wunderbar dargeboten durch perfekt ausgewählte Sprecher. Und in sehr ansprechender Verpackung samt informativem Booklet angeboten.

 

Es gab viel zu schmunzeln, als ich mit Mark Twain eine nur wenig anstrengende Neckarwanderung unternahm. Mit Bierbaum genoss ich das Unterwegs-Sein im Automobil und lernte seine Begeisterung für technische Details zu teilen. Mit Michel de Montaigne konnte ich hervorragend speisen! Mit Heinrich Heine konnte ich mit seinen strammen Fußmärschen und seinem beißenden Spott kaum mithalten. Mit Goethe war ich nicht so gerne unterwegs, er war mir recht langweilig als Reisebegleitung ebenso wie der briefschreibenden Georg Forster, und mit der dozierenden Germaine de Stael zu reisen, empfand ich als regelrecht ärgerlich. In der Gesamtheit jedoch ergab sich für mich ein vielfältiger Blick auf Deutschland, auf die Deutschen, auf ihre Besonderheiten (bis hin zur Kehrwoche) und auf die Schönheit deutscher Landschaften, die die Jahrhunderte überdauern – in dichterischer Sprache und von großartigen Sprechern wiedergegeben.

 

Herrad Schenk

 

Die Frau von gegenüber

 

·         Taschenbuch: 235 Seiten

·         Verlag: Insel Verlag

·         ISBN-13: 978-3458363118

  

 

Ein kleines, feines Kabinettstückchen Literatur

  

Von Herrad Schenk las ich „Das Haus, das Glück und der Tod“, als ich zeitgleich engagiert war im Renovieren eines ehemaligen Dreiseithofes in Niederbayern. Das Buch hatte mich emotional gepackt aus mehreren Gründen: Da waren ähnliche Erfahrungen im Umgang mit alter Bausubstanz, mit eigenwilligen Handwerkern und wohlmeinenden, interessierten Nachbarn, und da war das ins Nichts Stürzen, als alles geplante Glück ein plötzliches Ende findet. Umso mehr, als ich entdeckte, dass Herrad Schenk dies alles erlebte in dem Landstrich Deutschlands, in dem ich mein Alter verbringen wollte. Viele Jahre später lebe ich nun wenige Kilometer von Herrad Schenk entfernt und entdecke dieses Buch. Kein Zufall.

  

Viel geschieht nicht im Buch. Ein einsam lebender, verwitweter Wissenschaftler, der sich festhält an dem Projekt, ein fundamentales Standardwerk abzuschließen, schaut in die Fenster des Hauses gegenüber. Dort sieht er anderen beim Leben zu, insbesondere einer ebenfalls verwitweten, zur Trägheit neigenden Frau, die ihre Unabhängigkeit zu genießen scheint. Als eines Tages eine junge alleinerziehende, unangepasste Frau mit zwei Kindern in das Haus gegenüber einzieht, wird der Sommer von Tag zu Tag schwüler…

  

Herrad Schenk schreibt klar, ohne Schnörkel, leicht lesbar, aber an keiner Stelle oberflächlich. Sie erzählt in genialer Schlichtheit so intensiv, dass man als Leser das Gefühl hat, selbst in diese kleine, enge Welt hineingezogen zu werden. Die Einsamkeit fällt den Leser an wie ein Tier. Die Sonnentage legen eine innere Düsternis bloß, die erschreckt. Die Hitze verwirrt einerseits, lässt bisher sicher geglaubte Grenzen verschwimmen und offenbart andererseits in Klarheit so manche Lebenslüge. Die Autorin entwickelt auf kleinstem Raum große Themen. Fast beiläufig, wie ungewollt, kommt sie dem Leser nahe und stellt essentielle Fragen, denen man als älterer Mensch nicht länger ausweichen kann.

 

Alexandra Litwina

In einem alten Haus in Moskau

·         Gebundene Ausgabe: 60 Seiten

·         Verlag: Gerstenberg Verlag

·         ISBN-13: 978-3836959933

·         Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre

 

Ein Wimmelbuch über 100 Jahre russische Geschichte

Ich weiß gar nicht, wie und womit ich anfangen soll, dieses unglaubliche, zauberhafte, detailgenaue, liebevollst gezeichnete Buch zu beschreiben.

Ist es ein Kinderbuch? Vielleicht ja. Es zeigt sich in der äußeren großformatigen Gestaltung  eines Bilderbuches, einer Art Wimmelbuch. Wir schauen 1902 mitten hinein in eine Wohnung, in die Familie Muromzew gerade einzieht. Wir schauen und schauen und entdecken unzählige Kleinigkeiten. Am Rand gibt es Erklärungen, aber auch Fragen, Suchaufgaben. Und wir begleiten die Familie Muromzew weiter durch die Jahre, schauen weiter in ihre Wohnung, die sich wandelt, erleben neue Generationen – stets so erzählt, dass es größere Kinder gerne mit Entdeckerfreude lesen.

Ist es ein Erwachsenenbuch? Vielleicht ja. Der Wechsel der Zeiten, der Wechsel der Moden, der Wechsel der politischen Ereignisse wird in den Zeichnungen quasi im Zeitraffer in gezeichneter Form lebendig gemacht, augenfällig gemacht im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu gibt es kurze sachbuchgerechte Texte, die den politischen Wandel und seine  Wendungen jeweils erklären.

Es wird erzählt die Geschichte der Familie Muromzew, und zwar von 1902 bis 2002, also über mehrere Generationen hinweg. Dank des gezeichneten Familienstammbaums und einer ebenso gezeichneten Übersicht der Nachbarn, Freunde und Zeitgenossen (einschließlich der im Haushalt lebenden Hunde und Katzen) behält man stets die Übersicht. Und da man bis in die Toilette hinein die gesamte Familie beobachten darf, einerseits sehr intim-voyeuristisch,  andererseits politisch-distanziert, gewinnt man durch Schauen, Entdecken, Suchen und Spielen ein Maß an Ein-Sicht, wie es so manchem dicken Sachbuch nicht gelingen mag. Urteilsfrei ins Bild gesetzt spricht der Wandel der russischen Lebenswelt voller Charme und ohne Umwege zu uns, egal wie alt wir sind.

Völlig zurecht ist dieses ungewöhnliche, großartige Buch nominiert für den Deutschen Jugendbuchpreis. 

Rafik Schami

 

Ich wollte nur Geschichten erzählen

 

·         Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

·         Verlag: Hirnkost

·         ISBN-13: 978-3945398654

 

Ein Kleinod

 

Dieses Büchlein ist ein Kleinod. Es enthält nicht das, womit man Rafik Schami normalerweise verbindet, nämlich überbordende Erzählfreude, sondern es ist ein sehr persönliches Buch, mit leisen Tönen, mit viel Traurigkeit, mitunter auch mit Bitterkeit, dann wieder entlarvend-fröhlich, immer aber bewegend. 

Rafik Schami erzählt in kurzen Sequenzen, in komprimierter, oft pointierter Form von seiner Heimat Syrien, von Kultur, Politik und von deren Zusammenhängen. Er ist erschreckt über die Unwissenheit der Deutschen über Syrien und  Assad und sieht es als seine Aufgabe, durch seine Geschichten „Fenster zu anderen Kulturen“ zu öffnen. Er berichtet über sein Leben im Exil, über sein detailliertes  Studium der deutschen Sprache und  Phonetik und wie Zivilisation das Lachen verlernen lässt. Ein ganz wunderbarer Abschnitt im Buch sind die Beiträge zum Thema Schreiben und Lesen, insbesondere  die 25 Ratschläge für junge Autoren.  Man möchte diese Ratschläge auch so manchem älteren Autor gerne in die Hand drücken! Am besten ist Rafik Schami, wenn er in Humor verpackt die Dummheit der Menschen entlarvt. Dass ihm, gerade was den deutschen Literaturbetrieb betrifft, dieser Humor zeitweilig abhanden kommt und leises Entsetzen einen Teil seiner Beiträge diktiert, ist mehr als verständlich.

Ja, das Büchlein ist ein Kleinod. Zum öfter Lesen. Zum Nachdenken. Zum Lernen. Und zum Wertschätzen all der unzähligen Mosaiksteine, aus denen sich das Gemälde des Lebens zusammensetzt. 

Michael Nast

Egoland

 

·         Broschiert: 432 Seiten

·         Verlag: Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH

·         ISBN-13: 978-3841905963

 

 

 

… keine Zwiebelschale wert

 

Im Grunde sagt der Titel alles: Egoland – Egoismus – Egomanie. Der Autor kreist um sich selbst, um seine oberflächliche Welt, und verkauft das Ganze als Gesellschaftskritik. Kann man mit 30 vielleicht so machen und sich dabei genial gut fühlen. Aber ich als Leser muss das nicht haben.

Ich brauche keine Schilderung blutleerer Protagonisten, die ihre Lebenszeit – und über sie  lesend damit meine Lebenszeit - verplempern. Mich interessiert dieses oberflächliche Hin und Her, dieses narzisstische Selbstbespiegeln in seelenloser Leb- und Lieblosigkeit nicht. Mich stößt das abfällige Betrachten anderer ab. Ich kann mit den Filmzitaten nichts anfangen, denn ohne die Filme zu kennen, verfehlen die Zitate völlig ihre Wirkung. Die häufigen Perspektivewechsel sind behindernd im Lesefluss, sinnlos verwirrend. All die Verallgemeinerungen, Plattitüden, all diese unbedeutenden, detailverliebten Nichtigkeiten, all dieses endlose Herumschwadronieren um nichts, all diese austauschbaren Beziehungen, wobei deren höchste Form der Kontaktfähigkeit in dem gemeinsamen Vernichten von reichlich Alkohol besteht – die Summe all dessen hat bei mir nach anfänglichem guten Willen nur noch zu müdem Gähnen geführt.

 

Geradezu folgerichtig und passend zum belanglosen Inhalt erscheint mir die Gleichgültigkeit, ja geradezu Schlampigkeit von Autor, Verlag und Lektor gegenüber der Fülle an Grammatik- und Setzfehlern. 

Wie sagt Rafik Schami so schön: „Dein … gesellschaftliches Engagement ist nicht einmal eine Zwiebelschale wert, wenn du langweilst.“

Adelaide de Clermont-Tonnerre

 

Der Letzte von uns

 

·         Gebundene Ausgabe: 464 Seiten

·        Verlag: Rütten & Loening

·         ISBN-13: 978-3352009082

·         Originaltitel: Le Dernier des Notres

  

Zwei Themen, die nicht zueinander passen

 

Das Positive vornweg: Das Buch ist schnell zu lesen, es ist leicht zu lesen, die große Schrift macht es dem Leser leicht, die 450 Seiten zügig zu konsumieren.

Zwei Zeitstränge öffnen sich dem Leser: 1945, die Bombennacht von Dresden. Luisa bringt ihren Sohn Werner zur Welt und stirbt wenige Stunden danach. Die Schwester von Luisa und eine fremde Frau als Amme nehmen sich des Neugeborenen an. 1969 in Manhattan: Wern, jung, erfolgreich, bei den Frauen beliebt, trifft auf Rebecca, eine exaltierte Künstlerin. Er umwirbt sie nach allen Regeln der Kunst, sie bricht jedoch nach einem Zusammentreffen der Mutter von Rebecca mit Wern den Kontakt ab. In der Folge wird – immer wieder wechselnd zwischen den Handlungssträngen – sowohl über die weitere Geschichte von Werner während der Kriegszeit als auch über Wern und Rebecca  in den siebziger Jahren in Manhattan erzählt, bis sich zum guten Schluss die beiden Handlungsbögen dramatisch schließen.

 

Warum kann ich diesem Buch so wenig abgewinnen? Weil hier zwei Themen zusammengewürfelt werden, die sich gegenseitig stören, weil sie in der Kombination dem Ernsten die Tiefe nehmen und dem Leichten das Frohe zerstören. Weil Menschen geschildert werden, mit denen ich nichts anfangen kann, sie werden oberflächlich, wenig greifbar und wenig nachvollziehbar in ihrem Handeln geschildert. Weil mich das ewige Hin und Her zwischen Rebecca und Wern nach einer Weile nur noch nervt. Und weil ich wenige Tage zuvor einen Roman über den Zweiten Weltkrieg gelesen habe, der von so überragender Qualität war (Ein Held in dunkler Zeit), dass mir die Schwächen von „Der Letzte von uns“ leider ganz besonders deutlich wurden. 

Sabrina Grementieri

 

 

Eine Liebe in Apulien

·         Taschenbuch: 352 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956497971

 

Schön, einfach nur schön

 

In letzter Zeit hatten sich mehrere Bücher aus dem Mira-Verlag auf den Weg zu mir gemacht, und alle waren, wie auch das vorliegende Buch, so leicht lesbar, dass man wunderbar in die Geschichten eintauchen konnte. Romane wie dieser hier passen zu warmen  Sommerabenden, an denen man sich nicht mit belastenden, schwierigen Texten herumschlagen möchte, sondern sich zurücklehnen und einfach nur unterhalten lassen möchte. 

Viola, arbeitslose Innenarchitektin, frisch getrennt von ihrem untreuen Freund, muss nun auch noch den Tod ihrer geliebten Großmutter verkraften. Da erfährt sie, dass ihre weitsichtige Großmutter ihr das wunderschöne, aber sehr heruntergekommene Anwesen in Apulien vererbt hat,  verbunden allerdings mit einigen Auflagen. Viola hat Ideen, packt die Aufgabe tatkräftig an, bekommt Hilfe von Aris, einem gut aussehenden, aber sehr verschlossenen Handwerker  - aber dann geschehen unerklärliche Anschläge und Unglücksfälle, und Viola bekommt zu spüren, dass sie nicht bei allen in der Gegend willkommen ist. 

Natürlich ist die Geschichte vorhersehbar, natürlich werden reichlich Klischees bedient, aber dennoch hat das Buch im Gesamten eine so positive Ausstrahlung, dass man es nicht zur Seite legen möchte. Man spürt die Wärme des Südens, man riecht die Meerluft, man wird geradezu überschwemmt von den Farben der reich blühenden Pflanzenwelt.. Es gelingt der Autorin durch ihre intensiven Landschaftsschilderungen, im Leser ein Gefühl des Urlaubs, leicht und frei, zu wecken. Aber auch die Charaktere werden so dargestellt, dass man sich ihnen nahe fühlt, dass man gespannt teilhat an dem, was sie denken, fühlen und tun, was ihnen geschieht. Insgesamt ist das Buch ein wohltuendes Leseerlebnis, wunderbar geschrieben und die Leserseele wärmend. 

Patricia Holland Moritz

Mordzeitlose

 

 

·         Taschenbuch: 346 Seiten

·         Verlag: Gmeiner-Verlag

·         ISBN-13: 978-3839222362

 

 

Zuviel Lesezeit für zu wenig Inhalt

 

Was ist dieses Buch? Ein Kriminalroman steht auf dem Cover. Ist das Buch wirklich ein Krimi? Oder ist es ein Psychogramm einer verwirrten Seele? Oder eine Hommage an die Pflanzenwelt? Ein mit Zeitbezügen und Systemkritik überfrachteter Roman? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Autorin, die sich gut zu vermarkten weiß, viel wollte. Zuviel wollte vielleicht.

 

Margrit wächst als völlig isoliertes Kind hartherziger Eltern auf. Diese haben eine Gärtnerei, und schon früh zieht sich Margrit in die Welt der Pflanzen zurück, in ihr „Gewächshaus der Kindheit“, sie spricht mit den Pflanzen. Besondere Faszination übt die Herbstzeitlose mit ihrer todbringenden Giftigkeit auf sie aus. Das Buch begleitet Margrit  weiter durch ihr isoliertes Leben, über Studium, Promotion und Veröffentlichung zahlloser Fachartikel. Die Mutter stirbt früh unter ungeklärten Umständen. Der erste Freund Margrits verschwindet. Und ein Ermittler bleibt auch 40 Jahre später noch auf der Suche nach Zusammenhängen. 

Das Buch fordert geduldiges Lesen. Es passiert wenig, streckenweise gar nichts. Was die Krimi-Handlung betrifft, weiß man im Grunde von Anfang an, dass wir es mit einer Psychopathin in Strickjacke zu tun haben. Also ein Krimi ohne Spannung, ohne Wendungen und Drehungen – dem klassischen Krimileser demnach nicht zu empfehlen. Die Autorin überrascht im Sprachstil streckenweise mit Passagen großer fast lyrischer Schönheit, die aber sehr schnell wieder wechseln in langweilige Langsamkeit des Nicht-Geschehens. Dass aus dem isolierten, unterdrückten Kind Margrit eine Koryphäe wird, die durch die Welt reist und Vorträge in freier Form führt, ist psychopathologisch undenkbar und unglaubwürdig. Da hilft auch die oftmals fein ziselierte Erzählweise nicht. Schon gar nicht, wenn das Mischen von Zeitsträngen ohne erkennbaren Sinn das Lesen erschwert, vor, zurück, hin und her, was normalerweise bei Krimis und Thrillern als probates Mittel dient, die Spannung zu erhöhen, hier jedoch nur ärgerlich macht. Als unangenehm empfand ich auch, wie die Autorin  mit dem Einschub relativ unbekannter Musikstücke kokettiert und dabei völlig verkennt, dass eine möglicherweise beabsichtigte Wirkung, nämlich eine bestimmte Stimmung anhand der Musik zu vermitteln, ausbleibt, ausbleiben muss. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Ein streckenweise interessantes Buch mit gelegentlich gut geschriebenen Passagen, wobei jedoch insgesamt Langeweile und Unglaubwürdigkeit des Plots überwiegen. 

Christian Hardinghaus

Ein Held dunkler Zeit

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

·         Verlag: Europa Verlag

·         ISBN-13: 978-3958901193

 

 

Lesen Sie dieses Buch!

 

Als ich las, dass der Autor des vorliegenden Buches Historiker ist, machte sich in mir die Befürchtung breit, dass das Buch mühsam zu lesen sein würde, vielleicht trocken oder belehrend geschrieben. Dass ich jedoch tatsächlich einen mitreißenden, emotional aufwühlenden, spannend-lebendig geschriebenen Roman lesen durfte, war eine wunderbare Überraschung!

 

Es wird eine tatsächlich geschehene Geschichte in die Romanwelt versetzt, mit allen Zutaten versehen, die einen guten Roman ausmachen, und zusätzlich mit vorsichtiger Fantasie und gnadenloser, präzise recherchierter Zeitgeschichte unterlegt. Dass diese Kombination so genial gelungen ist, lässt für mich das Buch zu einem der herausragenden Leseerlebnisse werden.

Der Augenarzt Wilhelm Möckel erzählt selbst, wie er die Halbjüdin Annemarie kennen und lieben lernt und sich schließlich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht meldet, da er hofft, durch Erringen besonderer Verdienste zu ermöglichen, dass Annemarie als deutschblütig anerkannt wird und ihr und den Kindern Max und Martin somit alle bislang verweigerten Rechte zugestanden werden. In den geschilderten Kriegsjahren an der Front erweist sich Wilhelm als ein geradezu wagemutiger Mensch, der sich mit großem Können und unermüdlichem Einsatz um die Verletzten kümmert. Erzählt werden diese Jahre an der Front von Friedrich Tönnies, dem jungen Sanitätsgehilfen, der sich freiwillig als Bursche Wilhelm unterstellen lässt und zu seinem treuen Freund wird.

 

Das Buch hält für den Leser eine Achterbahn der Gefühle bereit. Wir sind angerührt von der Liebesgeschichte zwischen Annemarie und Wilhelm. Wir erschauern, wie zunehmende Judenfeindlichkeit langjährige Freundschaften zerreißt und Spitzeltum um sich greift. Wir sind gelähmt vor Entsetzen über das Menschenschlachten an der Front. Wir sind dankbar, wenn sich mitten im Kugelhagel etwas Menschlichkeit findet. Und weinen über den ertrinkenden Hund Norka. Christian Hardinghaus schreibt klar, schnörkellos, ohne jegliches Pathos, und genau damit packt er den Leser, zieht ihn ins Buch, ins Geschehen, in ein Stück Zeitgeschichte und lässt ihn bis zum Schluss und darüber hinaus nicht mehr los.

 

Viel gäbe es noch über das Buch zu erzählen. Aber ich kürze ab mit dem Satz, den ich nur ganz selten schreibe: Auch wenn Sie dieses Jahr nur ein einziges Buch lesen wollen - lesen Sie dieses Buch! 

Christina Herr

Erzähl ich von früher…

 

 

  ·         Gebundene Ausgabe: 206 Seiten

  ·         Verlag: Neukirchener Verlag

  ·         ISBN-13: 978-3761564875

 

 

 

Leider hinter den Erwartungen zurückgeblieben

 

Das Anliegen der Autorin ist, wie sie selbst im Vorwort schreibt, die eigenen Erinnerungen „aufzuwecken“. Das Buch soll ermutigen, von diesen Erinnerungen zu erzählen, wem auch immer, und damit ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen.

 

Die einzelnen Kapitel sind zeitlich und thematisch eingeteilt, wie z. B. Kindheit und Jugend, Leben in der Familie, Kriegsjahre usw. Innerhalb dieser Kapitel finden sich einige sehr schön und passend ausgewählte Geschichten, erzählt von Astrid Lindgren zum Beispiel oder Erich Kästner. Der Rest des Buches ist angefüllt mit privaten Erinnerungsfetzen und persönlichen kurzen Geschichtchen.

 Was gut ist an diesem Buch und was ganz im Sinne der Autorin funktioniert: Es werden beim Lesen eigene Erinnerungen wach, einzelne Bilder tauchen auf und man beginnt tatsächlich davon zu erzählen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man mit diesem Buch überall dort, wo ältere Menschen zusammenkommen, interessante und lebendige Gesprächsrunden anstoßen kann, das Buch also quasi einzusetzen als Arbeitsmaterial für Menschen, die sich mit Senioren beschäftigen.

 

Lesend hat mich das Buch allerdings sehr enttäuscht. Es kommen nur wenige Erinnernde zu Wort, die Beiträge sind sprachlich dürftig, wirken meist farblos nüchtern bis hölzern. Die Geschichten bleiben aufgrund der knappen und trockenen Schilderungen für den Leser nicht wirklich greifbar. Man atmet geradezu auf, wenn man auf einen Beitrag stößt, der gekonnt geschrieben ist – um dann festzustellen, dass hier Astrid Lindgren erzählt… Es hätte dem Buch gut getan, wenn die Autorin mehr Mühe darauf verwendet hätte, zum einen viel mehr und unterschiedliche Menschen zu befragen, mehr Erinnerungen zu sammeln, denn erst die Vielfalt bringt das Leben in seiner gesamten Bandbreite näher, und diese Erinnerungen dann vor allem sprachlich so zu überarbeiten, dass sie den Leser emotional erreichen. 

Catherine Shepherd

Knochenschrei

 

 

Taschenbuch: 348 Seiten

Verlag: Kafel Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3944676104

  

Wieder ein gekonnt-rasant geschriebener Thriller

 

 

 

Dies war mein drittes gelesenes Buch von Catherine Shepherd. Und was soll ich sagen – meine Bewunderung wächst und wächst. Die Autorin schafft es, bei jedem Buch ein extrem hohes  Spannungsniveau zu halten oder gar noch zu steigern. Sie schreibt so bildhaft intensiv, dass der Leser das Gefühl hat, die Handlung hautnah mitzuerleben, sich dem Grauen persönlich ausgesetzt zu fühlen…

 

Zwei Handlungsstränge in zwei Zeitzonen: Da ist Zons in der Jetzt-Zeit. Beim Abriss einer Kellerwand wird ein Skelett entdeckt, wie es scheint eine Nonne aus dem Mittelalter. Schlimm genug. Doch Kommissar Oliver Bergmann entdeckt hinter einer weiteren Kellerwand eine weitere Frauenleiche, die vor noch nicht allzu kurzer Zeit lebendig eingemauert worden war.

 

Und da ist Zons im Jahr 1497. Mitten in der Nacht verschwindet die junge Nonne Brunhilde spurlos. Es wird vermutet, sie sei davongelaufen. Bald darauf wird eine Ordensschwester getötet. Das Kloster ist in heller Aufregung. Bastian Mühlenberg setzt alles daran, Brunhilde noch lebend zu finden und einen Serienmörder zu Fall zu bringen. Seine Suche führt ihn tief in ein Labyrinth von Kellergewölben unterhalb des Klosters.

 

In diesem Thriller spielt die Autorin gekonnt mit den verschiedenen Zeitsträngen, erhöht von Seite zu Seite das Tempo, überlässt den Leser erst seinen Vermutungen, um dann neue Verwirrung zu stiften und damit neue Vermutungen zu provozieren. Der geschickte Aufbau des gesamten Buches, in dem oftmals Cliffhanger zu Ende eines Kapitels die Spannung auf raffinierte Weise konstant hoch halten, lässt den Leser atemlos durch die Seiten jagen. Dazu kommt die besondere Fähigkeit von Catherine Shepherd, so quälend intensiv zu erzählen, dass man als Leser glaubt, den Geruch von frischem Mörtel zu riechen, die kriechende Kellerkälte auf der Haut zu spüren und schmerzhaft zu spüren, wie die eigenen Schleimhäute austrocknen zu Schmirgelpapier. Besser geht es nicht! 

Michelle Marly

Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe

 

Taschenbuch: 496 Seiten

       Verlag: Aufbau Taschenbuch

       ISBN-13: 978-3746633497

 

Sa ljubow! (Auf die Liebe!)

Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, blieben mir zwei Wünsche: Noch mehr über Coco Chanel zu erfahren und einen Flakon Chanel N° 5 zu besitzen.

Der eindrückliche Prolog lässt uns zurückschauen auf das Jahr 1897. Gabrielle, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, lebt in einem von Zisterzienserinnen streng geführten Waisenhaus in Frankreich. Der Vater hatte sie nach dem Tod der Mutter dort einfach abgegeben. Gabrielle ist neugierig, wissbegierig und voller Sehnsucht, Sehnsucht nach schönen Dingen, vor allen Dingen aber voller Sehnsucht nach Liebe.

Dann springen wir unmittelbar in das Jahr 1919. Coco Chanel besitzt bereits ein erfolgreiches Modeunternehmen. Durch ihr untrügliches Gespür für Eleganz und Stil und durch ihre unkonventionellen Ideen erlangt sie Berühmtheit. Als jedoch die Liebe ihres Lebens Boy Capel bei einem entsetzlichen Autounfall stirbt mit nur 38 Jahren, erlahmt jegliche Schaffenskraft. Coco verschließt sich vor der Welt und versinkt in Lethargie. Erst nach einer quälend langen Zeit der Trauer erinnert sie sich an den ursprünglich mit Boy zusammen entwickelten Plan, ein besonderes Parfüm zu entwickeln. Und genau diesen Plan beginnt sie akribisch zu verfolgen: Sie möchte einen ganz besonderen Duft, den Duft der Liebe, in Erinnerung an ihren Geliebten kreieren.

Das Buch beschreibt den nur kurzen Zeitraum von 1919 bis 1922. Und doch hat man das Gefühl, als sei das gesamte Lebensgefühl der Belle Epoque in das Buch eingefangen worden. Ein Lebensgefühl und eine Welt, Coco’s Welt, geprägt von zahlreichen Liebesaffären, von Begegnungen mit Ausnahmekünstlern wie Jean Cocteau, Igor Strawinsky, Pablo Picasso, und vor allen Dingen von intensiven Freundschaften  zu zahlreichen aus Russland emigrierten Angehörigen der Zarenfamilie wie zum Beispiel zum russischen Großfürsten Dimitri Pawlowitsch Romanow und seiner Schwester Marija Pawlowna Romanowa. Streckenweise brachte mich das Buch dem damaligen russischen Lebensgefühl sehr viel näher als dem französischen. Überhaupt besticht das Buch durch die mit viel Feingefühl und Sensibilität beschriebenen Schilderungen der menschlichen Begegnungen über Stand und Herkunft hinweg. Die aufwändige Recherche der Autorin führte zu der Gewissheit, dass es nur sehr wenige verlässliche Angaben zu Coco Chanel gibt. Umso höher ist die schriftstellerische Leistung von Michelle Marly zu bewerten, die einen solch dichten und intensiven Roman schuf, so nahe der historischen Wirklichkeit wie möglich, aber atmosphärisch gekonnt ausgeschmückt und damit mit Begeisterung zu lesen. Dass der Mensch Coco Chanel nach Lektüre des Romans immer noch in gewisser Weise ein Mysterium bleibt, ist nur vordergründig bedauerlich, denn indem das Buch mit der Entwicklung des Parfüms Chanel N° 5 der alles überdauernden Liebe ein geniales Denkmal setzt, verrät es ganz ohne Worte alles über das innerste Wesen von Coco Chanel.

 

Tanja Wekwerth

Das Leben ist ein Seidenkleid

 

 

·        Broschiert: 304 Seiten

·         Verlag: HarperCollins

·         ISBN-13: 978-3959671637

 

 

Zum Träumen schön

 

Maja, alleinlebend, verträumt und sensibel, ist Änderungsschneiderin und Verkäuferin in der Damenbekleidungs-Abteilung eines Kaufhauses. Ihre hartherzige, gefühllose Vorgesetzte macht ihr das Leben schwer. Maja sitzt nächtelang über ihren Modeskizzen und schneidert besondere Kleider, erweckt Stoffe sozusagen zum Leben und hat ein unträgliches Gefühl für das „richtige“ Kleidungsstück für den „richtigen“ Menschen. Der Kaufhausalltag mit all der hässlichen Massenware macht Maja immer unglücklicher, trotzdem fehlt ihr der Mut und auch das Geld, um sich selbständig zu machen. Um ihre Kasse aufzubessern, fährt Maja am Wochenende Mittagessen für Senioren aus, wobei sie auch diese Arbeit mit viel Herz ausführt. Bei einer dieser Fahrten lernt sie Leonhard kennen, einen sehr traurigen und klugen alten Herrn. Die beiden freunden sich an, Maja fühlt sich von Leo verstanden und gewinnt mehr und mehr Selbstvertrauen, bis das Schicksal brutal zuschlägt… 

Die Autorin schreibt gefühlvoll, oftmals geradezu poetisch, niemals larmoyant. Die Protagonisten sind so individuell besonders und liebenswert dargestellt, dass man sich als Leser in ihrer Gesellschaft wohlfühlt und voll Verständnis und Einfühlungsvermögen der Geschichte folgen mag. Der Roman ist wunderbar zu lesen, man taucht ein in die Welt der glücklichmachenden Kreativität, man meint fast die Sprache der Stoffe hören. Man erlebt aber auch in nachvollziehbarer Weise das Zaudern, die Unsicherheit, die Angst, die Maja so lange schon davon abhält, zu ihrer eigentlichen Bestimmung zu finden. Und man erlebt, wie erst im gelingenden sozialen Miteinander Träume Wirklichkeit werden können. Ein schönes, zu Herzen gehendes Buch, leicht, aber nicht seicht, und lange nachwirkend. 

Anna Achmatowa

Liebesgedichte

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 96 Seiten

·         Verlag: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag

·         Sprache: Deutsch

·         ISBN-13: 978-3150108451

 

 

Klein und fein

 

Der Name Anna Achmatowa mutet in seiner Sprachmelodie allein schon fast wie ein Gedicht an. Der Name zog mich an, und ich entdeckte ein ganz kleines Büchlein, eine Sammlung ihrer schönsten Liebesgedichte.

 

Anna Andrejewna Achmatowa lebte von 1889 bis 1966 und gilt als eine der bedeutendsten russischen Dichterinnen. Im Nachwort von Elisabeth Chéauret erfährt man in der sehr kurzen Darstellung etwas über das grausam harte Leben der Dichterin und ihre überragende Bedeutung „national und weltumfassend“, wie es Lew Kopelew in seiner Grabrede ausdrückte. Ich könnte mir vorstellen, dass eine romanhafte Biographie über Anna Achmatowa zu schreiben eine große, eine sehr große, aber lohnenswerte Aufgabe für einen Autor wäre, da das Leben sowohl literarisch als auch politisch gesehen werden müsste.

Die vorliegende kleine, feine Sammlung an Liebesgedichten berührte mich sehr. Ich kann nicht beurteilen, ob die Übersetzung von Kay Borowsky den russischen Originaltexten vollumfänglich gerecht wird. Aber mich spricht die knappe, reduzierte, klare Sprache sehr an, die in kürzester Form eine Welt von Gefühlen übermittelt. Sehr viel Traurigkeit liegt darin, selten ungetrübte Freude oder Hoffnung.

 

Kann man das Fehlen von Liebe kürzer und deutlicher sagen?

 

Schlimm war sein ruhiges Lächeln:

 

„Es zieht da, wo du stehst.“

  

Ein Büchlein, das man immer und immer wieder lesen kann…

Manuela Inusa

Der zauberhafte Trödelladen

 

 

 Taschenbuch: 336 Seiten

 Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag

  ISBN-13: 978-3734106255

 

Ein Buch wie ein Sahnebonbon

 

Seufzend beende ich die Lektüre – was für ein schönes zu Herzen gehendes Buch!

 

Die 24-jährige Ruby hat von ihrer verstorbenen Mutter einen kleinen Antiquitätenladen in der Valerie Lane Street übernommen. Trotz aller Liebe, die sie in diesen Laden hineinsteckt und trotz des intensiven Gefühls, der bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Vorgeschichte der Räume verpflichtet zu sein, bleibt Ruby finanziell erfolglos. Die anderen Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane unterstützen sie, wo es nur geht, aber es scheint doch der Zeitpunkt zu kommen, an dem Ruby sich ernsthaft überlegen muss, wie ihre Zukunft aussehen soll…

Es war für mich das erste Buch der Autorin, und es war für mich eine Entdeckung in einem Genre, das ich bisher eher selten gelesen habe. Nach wenigen Seiten bereits fühlte ich mich den Ladenbesitzerinnen in der Valerie Lane Street zugehörig und nahm Anteil an ihrem Klatsch und Tratsch oder arbeitete mit ihnen an ihren Ideen. Vor allen Dingen aber fühlte ich mich zwischen ihnen und ihrer Gabe zur bedingungslosen Freundschaft sehr wohl und aufgehoben. Ruby wuchs mir ebenso ans Herz wie ihr durch großen Schmerz seltsam gewordener Vater oder wie Gary, der Obdachlose mit den traurigen Augen.  Die Autorin schreibt so herzerwärmend, dass sich im Leser ein wohliges Gefühl ausbreitet. Natürlich gibt es die beschriebene heile Welt nicht. Aber manchmal tut es einfach nur gut, dieser mit leichter und gekonnter Hand erzählten romantischen, gefühlsbetonten Geschichte zu folgen und sich mit diesem Buch ein paar Stunden Leichtigkeit und Wärme zu gönnen, so wie man sich auch einmal der Süße eines Sahnebonbons hingibt. 

Agnes Prus

Halb zehn – das Frühstücksbuch

 

 

·         Gebundene Ausgabe: 240 Seiten

·         Verlag: Stiftung Warentest

·         ISBN-13: 978-3868514766

 

 

Das Frühstück zelebrieren…?

 

Das vorliegende Buch ist teuer. Es ist schwer. Es ist aufwändig gestaltet. Es enthält schöne, appetitanregende Fotos. Die rosa Farbe des Einbandes mutet mich seltsam an. Auch der Titel: halb zehn. Wer von uns frühstückt um halb zehn, außer vielleicht sonntags? Dennoch war ich voll froher Erwartung auf neue Frühstücksideen, auf neue Impulse für das eigene tägliche Gewohnheitsfrühstück.

Das Vorwort bereitet uns vor: Das Frühstück sollte zelebriert, geradezu gefeiert werden. So schön dieser fromme Wunsch auch ist. Seien wir doch ehrlich, wer von uns hat die Möglichkeit, aus seinem alltäglichen Frühstück eine Zeit des Wohlfühlens und Genießens zu machen? Und in der Tat will uns die Autorin dazu animieren, das tägliche Frühstück sehr bewusst  vorzubereiten, bei Brot und Brötchen mitunter schon Tage vorher. Und nein, ich habe keine Lust, in einem Frühstücksbuch zu lernen, wie man Sauerteig macht, ich möchte auch nicht Marmeladen einkochen. Bei Interesse würde ich mir ein Brotbackbuch und ein Marmeladen-Einkochbuch kaufen. Ich möchte in einem Frühstücks-Buch Frühstücksideen finden, alltagstauglich, leicht und schnell umsetzbar. Die Autorin schafft es jedoch, selbst aus einem „belegten Brot mit Ei“, einem wie sie es nennt „Retro-Sandwich bestechend durch Schlichtheit“, ein zeitaufwändigeres Rezept zu zaubern, zu dem es mehrere Zutaten braucht.

 

Wirklich schlimm empfinde ich persönlich jedoch, dass die meisten Rezepte nicht nur viel Arbeit machen, sondern auch Zutaten benötigen, die ich teils noch nie gehört habe, teils auch nirgends bekomme, da ich in einer Kleinstadt lebe. Was ist Pul Biber? Was ist Sriracha-Soße? Es wird uns nirgends erklärt. Eine Handvoll Babyspinat habe ich natürlich auch stets im Kühlschrank, ebenso wie schwarzen Sesamsamen oder Kokosblütenzucker. Dies nur eine kleine Auswahl, die Aufzählung ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Für mich ist das Buch sehr, sehr enttäuschend. Warum nennt es sich Frühstücksbuch statt Brunch-Buch? Warum wird nicht bereits im Titel darauf hingewiesen, dass es sich eher um internationale Gerichte handelt, die Zeit und Know-How erfordern? Warum gibt es keine Auflistung der teils fremd anmutenden Zutaten, vielleicht sogar mit Hinweis, was alternativ verwendet werden könnte? Ach ja, das besagte „Belegte Brot mit Ei“ schaffe ich übrigens sehr viel schneller ganz ohne dieses sehr merkwürdige rosa Kochbuch.

Tania Schlie

Der Duft von Rosmarin und Schokolade

 

 

·         Taschenbuch: 304 Seiten

·         Verlag: MIRA Taschenbuch

·         ISBN-13: 978-3956497810

 

 

Kein Buch für die Fastenzeit

 

Sind Sie gerade dabei abzunehmen? Oder haben Sie den festen Vorsatz, während der Fastenzeit auf so manchen Genuss verzichten zu wollen? Dann kaufen Sie dieses Buch,  verstecken es ganz hinten im Bücherregal und holen Sie es erst wieder hervor, wenn Sie offen sind für Genuss, für das Schwelgen in Spezialitäten, in Gewürzmischungen  und deren exotischen Gerüchen, in allerlei Schleckereien …

Maylis Klinger arbeitet zuverlässig und fleißig in dem alteingesessenen Feinkostgeschäft Radke. Eigentlich ist Maylis eine großartige Köchin mit viel Gespür für das wirklich Gute, aber nachdem ihr Mann sie von einem Tag auf den anderen verlassen hatte, lebt sie von Fastfood und kümmert sich nicht mehr um sich selbst. Da sie jedoch ihre recht unterschiedlichen Kunden großartig beraten kann und von diesen sehr geschätzt wird, möchte ihr Chef ihr das Geschäft eines Tages überschreiben. Doch Maylis ist sich unschlüssig, wohin ihr Weg sie führen soll…

 

Tania Schlie schreibt so intensiv bildhaft und mit allen Sinnen, dass man die teils skurrilen Kunden plastisch vor Augen hat. Man hat das Gefühl, selbst mitten im Laden zu stehen und an den lebendigen Gesprächen teilzunehmen, man glaubt, schnuppernd durch den Laden zu laufen, die unterschiedlichen Käsesorten zu kosten, von Marmeladenkreationen zu naschen und sich von Maylis‘ Rezeptvorschlägen inspirieren zu lassen. Die Autorin hat einen sinnlichen und rundum positiven Genuss- und Wohlfühl-Roman geschrieben, den zu lesen einfach nur guttut. Der Roman ist warmherzig, lichtbringend, vergnüglich und unterhaltsam. Mir kommt das Buch vor wie eine Aquarellzeichnung: zart, hingetuscht, ineinanderfließende Schattierungen, ohne jegliche Härte. Wunderbare leichte Unterhaltung.

Antje Herden

Wir Buddenbergs

 

 

·        Gebundene Ausgabe: 208 Seiten

 Verlag: FISCHER KJB

 ISBN-13: 978-3737341097

 Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 8 Jahren

 

  

Vom Schildweinbraten zur modrigen Else

 

Mia ist ein ganz besonderes Mädchen. Sie lebt in einer kunterbunten, etwas chaotischen, übersprudelnd lebendigen Familie, die aus Opipi, Mama und drei Geschwistern besteht. Mia ist besonders, denn erstens hat sie einen ganz eigenen Papa, den sie gelegentlich auf dem Friedhof besucht, und zweitens hat sie eine großartige Methode gefunden, den Trubel um sie herum zu „ordnen“, indem sie sehr ordentliche Landkarten in ein Skizzenbuch zeichnet, das sie ihren Lebensatlas nennt. (Meine persönliche Vorliebe gilt übrigens der Karte „Herkunft unserer Teller“…) Als eines Tages ein uralter Brief aus London ankommt, der ungefähr 140 Jahre unterwegs gewesen war, beginnt eine spannende Suche nach einem Geheimversteck in der alten Villa.

 

Mia und ihre Familie sind so liebenswert, so verrückt, so trubelig, dass man beim Lesen aus dem Schmunzeln nicht mehr herauskommt. Schon lange habe ich kein Kinderbuch mehr gelesen, das mir beim Lesen so viel Spaß bereitete. Der Ideenreichtum der Autorin scheint unbegrenzt. Sie mischt überaus geschickt Spannung und Spaß, auch ein klein wenig Ernst zu einer Geschichte, die uns viel erzählt über Individualität, Toleranz und liebevolle Familienzusammengehörigkeit. Die detaillierten Zeichnungen von Florentine Prechtel unterstreichen die Geschichte auf perfekte Weise. 

Fazit: Ein Kinderbuch wie es sein soll: Spannung, Spaß und Ernst fröhlich-liebevoll erzählt.

Michael Gerwien

Gründerjahr

 

 

Taschenbuch: 343 Seiten

Verlag: Gmeiner-Verlag

ISBN-13: 978-3839222140

 

 

Perverse Mahlzeiten, leider etwas fade angerichtet

 

100 Jahre Bayern, 100 Jahre München, 100 Jahre entsetzliche, geradezu bestialische Mordfälle, 3 Generationen Ermittler. Einen großen Bogen schlägt der Autor in diesem Kriminalroman.

 

Im Jahr 1918 werden kurz hintereinander drei blauäugige, junge blonde Frauen ermordet aufgefunden, alle drei regelrecht „ausgeweidet“. Die Ermittlungen des Kriminaloberinspektor Karl Weinberger und seiner Kollegen verlaufen letztlich erfolglos, dem Täter gelingt die Flucht.

 

Im Jahr 1948 werden wieder blonde blauäugige Frauen ermordet, auf die gleiche Weise wie 1918 ihrer Innereien beraubt. Jetzt ermittelt der Enkel von Karl Weinberger, Oberinspektor Hans Weinberger, zusammen mit der amerikanischen Polizei in München.

 

Im Jahr 2017 macht sich Julia Weinberger, Enkelin von Hans Weinberger, daran, die Fälle von 1918 und 1948 für einen Zeitungsartikel aufzubereiten und gerät damit in höchste Lebensgefahr.

In zwischengeschobenen Episoden sehen wir mit den Augen des Täters die Welt, lernen seine verwirrten Gedanken kennen und seine ekelerregenden Handlungsweisen. Diese Episoden empfand ich als sehr intensiv abstoßend beschrieben.

 

Ansonsten wird die Geschichte folgerichtig erzählt, mit über die Seiten hinweg mäßiger Spannung. Zwar habe ich das Buch gerne gelesen, aber insgesamt habe ich das Gefühl und die Lebendigkeit im Schreibstil vermisst. Es wird berichtet, nüchtern, sachlich, und so bleiben die dargestellten Personen blutleer. Mir haben farbige, weniger nüchterne Schilderungen der Menschen, mit allen Sinnen wahrgenommene Beschreibungen von Örtlichkeiten und Ambiente  gefehlt. Der interessante Plot hätte meiner Meinung nach viel mehr ausgearbeitet werden müssen, auch die zeitgeschichtlichen Unterschiede hätten größere Aufmerksamkeit verdient. Kurzum: Ein gut zu lesendes Buch, dem jedoch das Herzblut des Autors fehlt. 

Olivia Kiernan

Zu nah

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 368 Seiten

Verlag: HarperCollins

ISBN: 978-3-95967-183-5

  

 

Erschauernd spannend

 

Dass sich hinter dem wenig aussagekräftigen Cover ein rundum gelungenes Autorendebut verbirgt, war für mich eine positive Überraschung.

Eleonor Costello, eine Wissenschaftlerin, wird erhängt in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Detective Frankie Sheehan von der Dubliner Polizei, selbst noch schwer unter den Folgen ihres letzten Falles körperlich und seelisch leidend, spürt intuitiv, dass sehr viel mehr hinter diesem vermeintlichen Selbstmord steckt. Kurz darauf wird eine zweite tote Frau gefunden, grausam zu Tode gefoltert. Und spätestens jetzt beginnt eine Tätersuche, die tief hinabführt in eine Welt des Quälens, in eine Spirale der Gewalt als Lustgewinn.

 

Olivia Kiernan schreibt im Präsens. Zudem hat sie Frankie Sheehan als Ich-Erzählerin gewählt. Allein schon diese Stilform macht das Geschehen hautnah erlebbar. Wir tauchen tief ein in das erlittene Trauma von Frankie, in die Panikattacken und in ihren Kampf, sich selbst immer wieder neu zu überwinden. Feinste Beobachtungen, detaillierte Nuancen des inneren Erlebens machen die Handlung zu einem atmosphärisch und psychologisch dichten Thriller. Dazu kommen noch Dialoge mit teils beißendem Humor und insgesamt der in der Bildwahl mitunter fast expressionistisch anmutende Schreibstil. Und ein Plot, in dem vergangenes und neues Grauen sich wie zwei Schlangen lautlos und unaufhaltsam aufeinander zubewegen. All dies ergibt einen großartigen Thriller, erschauernd spannend. 

Eva Völler

Tulpengold

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3431040845

 

 

 

Reiche Welt der Bilder

 

 

 

Amsterdam, 1636. Im Hause des Malers Rembrandt von Rijn zieht als neuer Maler-Lehrling Pieter ein. Pieter ist ein ungewöhnlicher Mensch, heutzutage würde man ihm wohl das Asperger-Syndrom bescheinigen. Er nimmt alles wortgenau, bedenkt seine Antworten sehr lange, hat wenig Zugang zu Gefühlen und besitzt nicht nur großer Mal-Talent, sondern auch eine tiefe Begeisterung für alles, was sich mit mathematischen Formeln berechnen lässt.

 

Es ist die Zeit der Tulpen-Mania. Die Preise für Tulpenzwiebeln steigen und steigen, auch Rembrandt lässt sich davon anstecken. Bereits am ersten Tag seiner Lehrzeit sieht Pieter, wie ein Tulpenhändler auf dem Markt zusammenbricht und stirbt. Bleiwasser-Vergiftung! Im Laufe der Geschichte sterben weitere Tulpenhändler, allesamt Kunden von Rembrandt. Insofern gerät Rembrandt sehr schnell unter Verdacht. Pieter jedoch stellt ganz andere Berechnungen an… 

 

Historische Romane sind normalerweise nicht das von mir bevorzugte Genre. Oftmals sind sie überfrachtet mit Wissensvermittlung, mit Darstellungen von recherchiertem Wissen, und die Lesefreude tritt dadurch in den Hintergrund.

 

Ganz anders bei Eva Völler! Sie schreibt unglaublich bildhaft und fesselnd. Man spürt ihre gründlichen und intensiven Nachforschungen und Vorbereitungen, aber nicht anhand von theoretischem Beiwerk, sondern all ihr Wissen fließt ein in eine Bilderwelt, die sie gekonnt vor uns Lesern ausbreitet. Ich sah fasziniert Rembrandt über die Schulter, wie er besessen malte. Ich stand mit Pieter in der Kneipe und sah den biertrinkenden und diskutierenden Tulpenhändlern zu. Ich sah mit dem klaren und wohlwollenden Blick der Autorin einen Ausschnitt der Welt im 17. Jahrhundert, die Welt der Kunst, aber auch der Gefahren, der Habgier, der Eifersucht und immer wieder die Welt der Farben, des künstlerischen Arbeitens, oftmals nur um überleben zu können. Ich lernte Menschen aus dieser Zeit kennen, sympathische und unsympathische, wunderbar fein beschrieben in ihrem individuellen So-Sein. Der Leser wird dank der Autorin schnell vertraut mit ihnen, leidet mit ihnen, bewundert sie, hofft mit ihnen. Und so verführt uns Eva Völler, ohne dass wir es merken, in diesen besonderen Zeitabschnitt in Amsterdam, sodass wir uns beinahe als zugehörig empfinden und völlig das oftmals so als dröge belastete Wort „historisch“ vergessen. Dass auch gleichzeitig die Aufklärung mehrerer Morde zusätzlich Spannung in das Buch bringt, ist für mich ein dankbar angenommenes  Beiwerk.

  

Fazit: Ein spannend zu lesender, farbig-lebendig geschriebener Roman, der mir einen intensiven und plastischen Einblick in einen mir bislang fernen Zeitabschnitt und in die damalige Welt der Kunstschaffenden gewährte. 

Petra Hartlieb

Wenn es Frühling wird in Wien

Gebundene Ausgabe: 176 Seiten

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

ISBN-13: 978-3832198480

 

 

Klein und sehr fein

 

 

Wien, 1912. Im Haushalt von Arthur Schnitzler lebt Marie als Kindermädchen. Marie stammt aus einfachsten Verhältnissen, hat wenig Bildung, aber sie ist neugierig und hat vor allen Dingen, so jung sie auch ist, Herzensbildung. Die ihr anvertrauten beiden Kinder von Arthur und Olga Schnitzler betreut sie sehr liebevoll. Durch Zufall begegnet sie Oskar, einem mittellosen Buchhändler, und durch ihn lernt sie die Welt der Bücher, des Lesens, der Buchhandlungen kennen. Das zarte Pflänzchen der Zuneigung wächst…

 

Wir dürfen in diesem zauberhaften Buch durch das Schlüsselloch schauen in die Zeit der Belle Èpoque in Wien, in den durchaus herrschaftlich geführten Haushalt von Arthur Schnitzler und seiner Familie. Und wir schauen auch auf das klaglose Leben der Dienstboten. Ich war hingerissen von der Fähigkeit des Staunens bei Marie, von dem arbeitsamen, aber gerechten Miteinander im Hause Schnitzler. Ich erlebte mit ihnen intensiv  all ihre kleinen und großen Erlebnisse, ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre Unsicherheiten und Glücksgefühle. Und ebenso hingerissen war ich von den Schilderungen der Welt der Wiener Buchhandlungen in jener Zeit und der Liebe zu Büchern, von der Verführung zum Lesen.

 

Petra Hartlieb schreibt unaufgeregt und fein beobachtend. Und noch viel wichtiger: sie schreibt mit dem Herzen. Der Leser entwickelt ganz konkrete innere Bilder beim Lesen, und das liegt nicht nur an der bildhaften Erzählweise, sondern auch an der sorgfältigen Recherche-Arbeit der Autorin, die ganz unauffällig in den Text hineinfließt, ihn aber so authentisch macht.

Fazit: Ein liebevoll gezeichnetes kleines und sehr feines Zeitbild, das hoffentlich eine Fortsetzung erfährt.

 

Shannon Crowley

Blackwood Castle

Taschenbuch: 300 Seiten

Verlag: edition oberkassel

ISBN-13: 978-3958131309

  

 

Ein rundum spannendes Lesevergnügen

 

Andrew Collins ist ein ehemals gefragter Anwalt, inzwischen jedoch hoch verschuldet aufgrund der Heirat mit Heather, einer oberflächlichen unsympathischen Person, die nichts als Ansprüche mit in die Ehe gebracht hat. Andrew braucht dringend Geld. Da entdeckt er zufällig  in einem Kellerverlies unterhalb einer einsam gelegenen Burgruine eine junge Frau, die dort gefangen gehalten wird. Er wittert die Chance auf Lösegeldforderung und damit auf Lösung all seiner Probleme. Doch da wird er hinterrücks angegriffen und im Kampf erschießt er unfreiwillig den Angreifer. Ab diesem Zeitpunkt hat Andrew keine ruhige Minute mehr…

 

Auch wenn das Schriftbild des Buches nicht gerade augenfreundlich ist, habe ich es doch sehr zügig und sehr gerne gelesen. Die kurzen Kapitel, teils mit Cliffhangern versehen, verleiten zum steten Weiterlesen. Der Thriller ist gekonnt geschrieben, die Spannung wird von Anfang bis Ende gleichbleibend hoch gehalten und die Protagonisten werden lebendig und authentisch dargestellt. Ungewöhnlich, aber sehr fesselnd, empfand ich, dass der Leser tatsächlich besondere Sympathie, aber auch Mitleid, entwickelt für die Hauptperson. Andrew fährt sein Leben von Seite zu Seite mehr an die Wand. Er ist schwach, verschiebt das Nachdenken über sein Handeln stets auf später, macht andere für das eigene Versagen verantwortlich, übertritt ohne besondere Gewissenskonflikte rechtliche Grenzen und manövriert sich so systematisch in den Abgrund – und doch mochte ich ihn und hoffte bis zum Schluss auf eine glückliche Wendung. Raffiniert geschrieben!

 

Alexander Oetker

Chateau Mort

Broschiert: 336 Seiten

Verlag: HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

ISBN-13: 978-3455000764

 

 

Sinnenfreuden

 

 

Heiß ist es in der Aquitaine. Und der berühmte jährliche Marathonlauf, bei dem sich die Läufer in fantasievolle Kostüme werfen, findet trotz der Hitze statt. Kommissar Luc Verlaine begleitet die Läufer auf dem Motorrad, um auf die Sicherheit der Teilnehmer und der Zuschauer zu achten. Da brechen mehrere Läufer während des Laufs zeitgleich zusammen und einer von ihnen stirbt auf völlig unerklärliche Weise. Bald rückt Richard, ein alter Freund von Luc Verlaine und Winzer mit erheblichen Geldproblemen, in den Focus der Ermittler. Doch Luc Verlaine glaubt nicht an dessen Schuld und macht sich eigenständig auf Mördersuche.

  

Der Plot ist raffiniert gestrickt und schickt den Leser immer wieder in die Irre, ins Ungewisse. Die Geschichte bleibt bis zum Schluss, bis zur endgültigen Aufklärung immer spannend, immer fesselnd. Es gibt keine Längen, keine hölzernen Konstruktionen, keine Unglaubwürdigkeiten. Die handelnden Personen sind sehr lebendig und lebensnah geschildert, wie überhaupt der gesamte Erzählstil lebendig und lebensnah ist. Dass viel Hintergrundwissen und Recherche-Arbeit im Text steckt, merkt man nur ganz indirekt, weil man nach Lektüre des Buches zum Beispiel mit einem völlig veränderten Bewusstsein eine Flasche französischen Rotwein in die Hand nimmt.

 

Was das Buch für mich jedoch zu einer Besonderheit in der riesigen Krimi-Landschaft macht: Es ist mit allen Sinnen geschrieben. Der Leser sieht, schmeckt, riecht und fühlt. Da wird nicht nur erzählt. Da wird geschwelgt, in der Schönheit der Landschaft zum Beispiel. Da gibt es zahllose Genussvarianten, ob beim Essen, ob beim Trinken. Der Leser wird, ob er will oder nicht, in die atmosphärisch dicht beschriebenen Freuden des Genießens hineingezogen. Man sitzt mitten unter den sich unterhaltenden Personen auf Sonnenterrassen, genießt exzellente Fischgerichte und leichten, kühlen Weißwein dazu oder man wandert durch die Weinberge und spürt den Geschmacksexplosionen von prall reifen Trauben nach. Und so geht es in diesem großartig geschriebenen Krimi um Geld, um Suche nach Anerkennung, aber auch um die Kunst des Genießens. Darauf ein Glas „Chateau La Tour de By 2011“! 

Alexander Bálly

Tod im Hopfengarten

Taschenbuch: 256 Seiten

Verlag: Emons Verlag

ISBN-13: 978-3740800345

 

Nackerd oder bemalt

 

 

 

Normalerweise liest man einen Krimi, indem man die Protagonisten kennenlernt, es einen oder mehrere Leichen gibt, und dann das Ermittlerteam, mehr oder weniger sympathisch, seine Arbeit beginnt. Der Leser denkt mit, denkt sich sein Teil und behält am Ende recht oder auch nicht. Das alles war bei „Tod im Hopfengarten“ ebenso, und doch ganz anders.

 

Zwei Geschehnisse beschäftigen die Münchener Polizei: eine Serie von Kunstdiebstählen und eine zufällig aufgefundene bereits skelettierte Leiche. In Wolnzach, einem Marktflecken im idyllischen Landstrich der Holledau gelegen, gibt es zwar viele Mutmaßungen, aber man spricht nicht mit Fremden, schon gar nicht mit evangelischen Fremden. Da ist es gut, dass der Ludwig Wimmer, Metzgermeister im Ruhestand und Hobbydetektiv, auf seine ganz eigene Weise den Leuten beim „Brauchtümeln“ zuschaut…

 

Die wild ausgekippten Puzzle-Teile des Krimi-Geschehens waren jedes für sich gesehen bereits so urkomisch, so bayerisch sturschädelig oder schwäbisch sparsam, so hinterkünftig, dass es mir streckenweise gar nicht mehr wichtig war, ein stimmiges Gesamtbild zu erstellen. Ich verlor mich in der Technik eines zerlegten uralten Fleischwolfs oder im Sortieren von Heiligen, nackerd oder bemalt. Ich folgte den Irrwegen eines plattgefahrenen Heilands und ging auch sonst dem Autor immer wieder auf den Leim. Ich grantelte auf bayerisch und forschte auf schwäbisch, dabei kicherte ich mich durch die Seiten. Und am Ende war das zusammengepuzzelte Bild doch ein sehr stimmiges Ganzes geworden, ohne dass ich etwas anstrengen musste außer meine Lachmuskeln.

 

Ich ziehe meinen Hut vor diesem Autor, der es versteht, fundiertes Wissen, kritisches Denken, scharf-liebevolle Beobachtungsgabe und blühende Fantasie zu einem Buch zusammenzu“binden“, das zu lesen vordergründig einen Heidenspaß bereitet und hintergründig der Bigotterie, der weit verbreiteten Welt der Vorurteile und rechtsgerichtetem Denken den Spiegel vorhält.

 

Elfriede Hammerl

Alte Geschichten

Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

Verlag: Kremayr & Scheriau

ISBN-13: 978-3218011068

 

 

Grandios

 

 

 

 

Das Buch klappe ich nach der letzten gelesenen Geschichte zu. Ratlos. Deprimiert. Wütend. Weil das Buch großartig geschrieben ist. Und so entsetzlich.

 

Die Erzählungen berichten von Frauen und Männern, die „gegen“ sind. Gegen die anderen, gegen den anderen, gegen die Vergangenheit, gegen sich selbst. Und entweder sie haben resigniert oder sie hassen oder sie sind erkaltet bis ins Herz. Apropos Herz: Das kommt nicht vor. Niemand ist herzlich. Herzerwärmende Gesten gibt es nicht. Es sind beschädigte, herzbeschädigte Menschen, von denen berichtet wird, herzlos berichtet wird.

  

Dass die Autorin gewohnt ist, Kolumnen zu schreiben, d. h. Themen pointiert zu Papier zu bringen, spürt man in dieser vorliegenden Sammlung von Erzählungen. Da ist kein Satz zuviel, ja da ist kein Wort zuviel. Und das Grauen blinzelt auf jeder Seite zwischen den Sätzen hindurch, das Grauen, das sich Menschen selbst oder dem Partner verordnen, sozusagen als Medikament gegen Einsicht, gegen Reflexion, gegen Hoffnung, gegen alles am besten. Die Autorin schaut mit dem Mikroskop hin und zählt die tiefen Seelenfalten, die unverheilten Seelenwunden. Und sie lässt kein gutes Haar an den Menschen, von denen sie berichtet. Es gibt in diesem Buch an keiner Stelle einen Schimmer von echter Erlösung oder zumindest tragfähiger Hoffnung. Das messerscharfe Seziermesser der Autorin setzt nahezu in jeder Geschichte einen endgültigen Schnitt. Es gibt kein Davonkommen. Grandios.

 

Wladimir Kaminer

Liebesgrüße aus Deutschland

Taschenbuch: 288 Seiten

Verlag: Goldmann Verlag

ISBN-13: 978-3442473656

 

 

Russisch Brot mit Herz

  

 

Gerne schauen wir Deutschen mit Neugier, Bewunderung, oftmals auch mit Kopfschütteln nach Russland, nach dem historischen wie auch dem modernen Russland. Nicht erst seit Dr. Schiwago üben russische Geschichten eine merkwürdige Faszination aus. Wir kuscheln uns lesend in teuere Pelze und trotzen gerne der sibirischen Kälte und allzu oft auch der russischen Realität. 

Wie ist es nun, wenn ein in Moskau geborener Autor, der seit 1990 in Deutschland lebt, auf uns Deutsche schaut?

 

 „Wenn ein Russe von den Deutschen spricht, dann sagt er, ihnen fehle das Herz. … alles tun sie ohne Herz, aus bloßem Interesse.“

 

Herz ist es, Herz zeichnet ihn aus, wenn Kaminer uns zuschaut, wie wir Deutschen jährlich Millionen für Klarsichthüllen ausgeben, um unseren Staat ordentlich in Aktenordnern zu verwalten. Er hält uns auf sehr witzige Weise den Spiegel vor. Er, dessen Kater Fjodor Dostojewski heißt, erzählt uns von der deutschen Erfindung von Russisch Brot und stellt den gewagten Vergleich an zur großen Bedeutung von Brot in Russland, ohne das es keine Oktoberrevolution gegeben hätte.

 

Man liest und lacht und liest und schmunzelt, und ganz nebenbei lernt man mehr über die russische Seele, als es jedes schlaue Sachbuch vermitteln könnte. Dass beispielsweise das Unterrichtsfach Sport in Russland „physische Kultur“ heißt – das sagt doch alles, nicht wahr? 

Wolfgang Büscher

Berlin – Moskau, Eine Reise zu Fuß

Taschenbuch: 240 Seiten

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3499236778

 

 

Nu dawai!

 

 

 

Der Journalist Wolfgang Büscher machte sich zu Fuß auf eine ganz und gar unglaubliche Reise, beginnend an einem heißen Sommerabend in Berlin. Er geht gen Osten, über Polen weiter nach Weissrussland und schließlich bis Moskau. Das wichtigste Utensil: eine winzige Schere zum Schneiden von Pflasterstreifen…

  

Das Buch ist kein Reiseführer. Und es ist doch einer, aber einer fast ohne nachschlagbare Fakten, sondern einer, der prall gefüllt ist mit skurrilen Erlebnissen, mit merkwürdigen Begegnungen, mit unglaublichen Geschichten, und immer wieder dazwischen manchmal fast beiläufig eingestreute geschichtliche oder politische Rückblicke, Meinungen, Verwunderungen. Mit einer fein nuancierten Beobachtungsgabe und schier endloser Neugier ausgestattet, erlebt der Autor sehr viel Verwunderliches, Überraschendes. Wir schauen mit ihm zusammen die Mini-Ausschnitte seines persönlichen Erlebens an und bekommen so, ganz ohne Lexikon-Wissen bemühen zu müssen, ein Gefühl für russisches Leben in jeglicher Ausprägung. Und Büscher erzählt uns davon in einer ausgesprochen schönen, stellenweise fast lyrisch anmutenden bildhaften Sprache. Ein wunderbar zu lesendes Buch, lebendig, intensiv. Erleben Sie es selbst: Nu dawai!

 

Thomas Baum

Tödliche Fälschung

Taschenbuch: 312 Seiten

Verlag: Haymon Verlag

ISBN-13: 978-3709978887

 

 

Krimi auf österreichisch

 

Zwei Erzählstränge, zwei rätselhafte Fälle und ein Ermittlerteam der besonderen Art: Daraus ist dieses Buch gestrickt, und zwar in einem speziellen österreichischen Strickmuster, das mich zu Beginn etwas befremdete, mir aber schlussendlich sehr gefiel.

Kommissar Worschädl besucht mit seiner holden Gattin Karoline ein Cellokonzert, das nicht stattfindet, weil der Bratschist hinter der Bühne tot aufgefunden wird. Und es wird bei einer Joggingrunde mit ihrem Blindenhund ein blindes junges Mädchen entführt. Dazu kommt auch noch jede Menge Falschgeld. Worschädl und seine Kollegin Schinagl, die mit einer schwer pubertierenden Tochter geschlagen ist, ermitteln von Linz bis nach Italien, mitunter bis hin zur persönlichen Schmerzgrenze, bei der auch Bachblüten nicht mehr helfen können…

 

Wenn man sich erst einmal in den intelligenten, aber etwas sperrigen Sprachstil eingelesen hat, macht das Buch richtig Spaß. Denn abgesehen von den durchaus spannend aufbereiteten Geschehnissen besticht der Krimi durch seinen teils bissigen, teils liebevollen, immer und überall ganz leise durchblitzenden Humor. Auf eine Fortsetzung darf man hoffen. 

Monika Detering

Der Sommer des Raben

Seitenzahl der Print-Ausgabe: 200 Seiten

Verlag: edition oberkassel

ISBN: 978-395813-1170

 

 

 

Ein Buch wie Bitterschokolade

 

 

 

Es fällt mir schwer, diesem kleinen großen Roman gerecht zu werden.

 

Da gibt es eine klare Handlung: Felix stirbt durch einen unglücklichen Unfall und Siri, seine Lebensgefährtin, erlebt die dunkelste Zeit ihres Lebens. Sie flieht in ohnmächtiges Verharren, lässt andere bestimmen, gewährt dem inneren Stillstand und aufblitzenden Erinnerungsbildern sehr viel Raum. Schließlich nimmt sie, von Beruf Agentin für Puppenexponate, die von Felix begonnene Suche nach der Raben-Marionette Havran aus der weltberühmten tschechischen Werkstatt Spejbl & Hurvinek wieder auf, und mit dieser geradezu besessenen Suche beginnt sich auch ihr inneres Leben wieder in Bewegung zu setzen.

 

Mir war beim Lesen dieses Buches meistens kalt. Die beschriebene Trauer fiel mich an wie eine plötzliche Erkältung. Und Siri’s ergebenes Stillhalten ließ auch mich erlahmen. Die sehr detailgenau erzählte Welt der Marionetten war einerseits faszinierend, andererseits blieben die Puppen und Marionetten und Raben im gesamten Buch leblos. Ursprung und Besitz, ja – aber an keiner Stelle des Buches wurden sie zum Leben erweckt, nahm sich ein Puppenspieler ihrer an und hauchte ihnen Persönlichkeit ein. Und so fühlte ich mich auch beim Lesen: An den Fäden der Autorin hängend, ihrer erzählten Geschichte folgend, aber ohne eigenes Leben. Hingerissen von ihrem intensiven, feinsinnigen Schreibstil, in dem sich eine nüchterne, fast abgehackte Schreibweise mit Stellen von lyrischer Schönheit abwechselt. Übrig bleibt mir vom Buch der Geschmack von Bitterschokolade – süß und bitter gleichermaßen.

 

 Ralf H. Dorweiler

 Das Geheimnis des Glasbläsers

Taschenbuch: 576 Seiten

Verlag: Bastei Lübbe

ISBN-13: 978-3404176274

 

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren

 

 

 

Besser geht nicht

Anno Domini 1452 bekommt Kaiser Friedrich III. im Heiligen Römischen Reich als Geschenk anlässlich seiner Hochzeit Glas geschenkt, durchsichtig wie Wasser. So etwas Reines hatte er noch nie gesehen, denn bislang gab es nur grünliches Waldglas. Er entsendet Simon den Glasbläser nach Venedig, damit er ihm von dort die geheime Rezeptur des Kristallglases bringt.  Begleitet wird der etwas unbedachte Simon von Ulf, einem sanften Riesen mit schlichtem Gemüt, und der Eselin Lilly. Nach einer gefahrvollen Reise über die Alpen und nach Ankunft in Venedig warten eine Fülle weiterer gefährlicher Abenteuer auf Simon und Ulf. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen, eine Bordellbesitzerin erweist sich als ungewöhnlich hilfreich und ein wunderschönes Mädchen lässt Simon fast seine eigentliche Mission vergessen. Die Schlacht um Konstantinopel bringt die entscheidende Wende…

 

Historische Romane gibt es unzählige. Dick sind sie meistens. Mal mehr mal weniger gut recherchiert sind sie. Mal mehr mal weniger gut lesbar sind sie. Sie werden geliebt, weil man als Leser abtauchen kann in eine Zeit, die es wirklich gab, die aber für den Leser so fern ist wie eine fremde Galaxie. Noch nie jedoch habe ich bisher je einen historischen Roman gelesen, der mich so atemlos machte, der mich fiebernd Seite um Seite verschlingen ließ, der mich aufs Intensivste um die Protagonisten zittern ließ, der mich ins Schlachtgetümmel schickte, dass mir Hören und Sehen verging und mich schließlich völlig erschöpft das Buch schließen ließ in der Gewissheit, dass der Kampf um Geld und Macht ein sinnloser ist.

Ich bin hingerissen von der Faszination dieses Buches, vom kraftvollen Schreibstil des Autors, der mich mit allen Sinnen das Geschehen miterleben ließ, als sei ich dabei. Ich bin begeistert von der farbenprächtigen fulminanten Geschichte:  Märchen, Abenteuer, Historie perfekt miteinander verwoben. Großartig, wie es dem Autor gelungen ist, sorgfältigste Recherche-Arbeit so direkt in die Handlung einfließen zu lassen, dass das Buch nicht eine einzige Zeile der besserwisserischen Langeweile enthält. Für mich ist dieser historische Roman der spannendste und lebendigste, den ich je gelesen habe. 

Silvia Stolzenburg

Das dunkle Netz

Taschenbuch: 277 Seiten

Verlag: Gmeiner-Verlag

ISBN-13: 978-3839222805

  

 

Leichte, spannende Kost

 

 

Als bekennender Gmeiner-Verlag-Fan gehe ich auf jedes Buch aus diesem Verlag mit gespannter positiver Erwartung zu. So auch in diesem Fall.

 

Die Handlung ist gemäß Klappentext schnell erzählt: Mark Becker, Feldjäger, findet auf seine Mailbox die Nachricht eines ehemaligen Kameraden mit der dringenden Bitte um ein Treffen, da er Beweise für ihn habe. Als Mark ein paar Stunden später zu ihm fährt, ist der Mann jedoch spurlos verschwunden. Ein paar Tage später wird eine verkohlte Leiche im Wald aufgefunden. Lisa Schäfer von der Kriminalpolizei beginnt ihre Ermittlungen.

 

Dank der kurzen Kapitel und der authentisch wirkenden, lebendigen Dialoge liest sich das Buch sehr schnell. Es ist Seite um Seite spannend, mitunter etwas klischeehaft in den Darstellungen von Situationen und Personen. Der Plot weist nicht gerade die allergrößte Raffinesse auf, aber dennoch löst er allerlei Rätselraten aus. Was absolut stört, sind die vielen Abkürzungen. Zwar gibt es am Ende ein Abkürzungsverzeichnis, das jedoch nur einen geringeren Teil der tatsächlich vorkommenden Abkürzungen enthält.

 

Fazit: Ein durchaus spannend geschriebenes Buch für Lese-Stunden, in denen leicht lesbare Kost ohne besondere Tiefe angebracht ist. 

Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende

Gebundene Ausgabe: 303 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608981230

 

 

Reise ohne Ankunft

 

  

1942 torpediert ein deutsches U-Boot das britische Passagierschiff, auf dem sich der 27-jährige Ulrich Alexander Boschwitz befindet. Boschwitz wird dabei getötet. Am Körper trägt er sein zuletzt verfasstes Manuskript. Der Herausgeber Peter Graf beschreibt in seinem bewegenden Nachwort, wie das unbearbeitete Typoskript „Der Reisende“ als eines der frühesten literarischen Dokumente der deutschen Gräuelzeit zu ihm fand, ein Manuskript, in dem der junge Boschwitz in nur 4-wöchiger Niederschrift Teile seiner eigenen Familiengeschichte eingearbeitet hatte als Versuch, gegen die Ohnmacht anzuschreiben.

 

Hilflos  muss der jüdische Kaufmann Otto Silbermann zusehen, wie sein bisher durchaus behagliches Leben innerhalb von Minuten aus den Angeln gehoben wird. Die Novemberprogrome zwingen ihn, von jetzt auf gleich aus seiner Wohnung, aus seinem gewohnten Leben zu fliehen und nicht nur seine arische Frau, sondern auch alle Insignien des Wohlstands zurückzulassen. Ein letztes Geschäft mit seinem windigen Geschäftspartner, einem Spieler, bringt ihm eine Aktentasche voll Geld. Doch wo soll er nun hin, mit seiner Aktentasche? Bleiben, egal wo, ist für Silbermann nicht mehr möglich. Unterwegs muss er sein, immer unterwegs. Und so fährt er in Zügen kreuz und quer durch Deutschland, seine Pläne immer wieder verwerfend und die Reiserichtung wieder und wieder ändernd. Seine von uneingestandener Angst getriebene Ruhelosigkeit führt zu absurden Handlungen. Phantasien, Kindheitserinnerungen, Mutmaßungen durchsetzen sein Denken. Es ist ein Herumdenken an Unwesentlichem, das seine ratlosen Zögerlichkeiten unterstreicht.  Er begegnet Menschen aller Ausprägung in diesen Zügen, er beobachtet sie, führt merkwürdige Gespräche, bildet sich eigenwillige Urteile und hat doch letztlich nur eines im Sinn: sich selbst und seine Flucht nach nirgendwo.

  

Unfassbar, dass der Autor zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Buches erst 23 Jahre alt war. Das Buch ist ein reifes, ein eindringliches Zeitdokument. In größter Intensität wird anhand der nicht endenden Reise des Otto Silbermann ein Karussell der Ausweglosigkeit geschildert, ein Zustand von Ratlosigkeit, ja Fassungslosigkeit, von Misstrauen und  angstvoller Planlosigkeit, von uneingestandenem Entsetzen. Die Eindringlichkeit, in der der Autor schlicht-beobachtend, geradezu nüchtern erzählt, lässt den Leser bis ins Tiefste erschauern und so eine Ahnung bekommen von einer Zeit, in der das immanent Böse im Menschen offen zutage trat.

 

Katja Reider

Das Ravioli-Chaos

Gebundene Ausgabe: 128 Seiten

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

ISBN-13: 978-3499217944

 

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 8 Jahren

 

 

Spannend-fröhlich erzählt

 

 

 

Lenni und sein Freund Walze wollen unbedingt Karriere beim BKA machen und schreiben einen Bewerbungsbrief. Schließlich haben sie bereits einige Erfahrungen vorzuweisen, z. B. als Personenschützer für Nela, die Schwester von Lenni, die in einer Soap mitspielt und sich deshalb als Star fühlt. Doch dann passiert es: Lenni hütet für kurze Zeit den Kiosk und sieht sich plötzlich einem Strumpfmaskentäter gegenüber, der Geld fordert. Ein einstürzender Turm von Ravioli-Dosen schlägt den Dieb in die Flucht und Lenni wird als Held gefeiert, aber…

 

Das Buch hat mich restlos begeistert.

 

Es ist fröhlich und geistreich erzählt, mit viel Wortwitz versehen und vor allen Dingen durchgängig spannend zu lesen. Auch ernst zu nehmende Themen fehlen nicht, wie z. B. Beschimpfungen über Social Media. Wie gut, dass bei Lenni letztlich die Erkenntnis siegt, dass Berühmt-Sein gar nicht so toll ist und dass es viel wichtiger ist, ehrlich zu sein. Und gute Freunde zu haben natürlich.

 

Fazit: Ein rundum empfehlenswertes, lustiges und spannendes Buch für das zweite Lesealter.

 

Anja Kiel

Lara und die freche Elfe tanzen Ballett

Gebundene Ausgabe: 48 Seiten

Verlag: Ravensburger Buchverlag

ISBN-13: 978-3473365333

 

Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 6 Jahren

 

 

Zauberhaft

 

 

 

Der Leserabe für die 1. Lesestufe aus dem Ravensburger Verlag ist perfekt gestaltet, um Erstleser für die Welt der Bücher „einzufangen“. Einfache, kurze Textabschnitte, eine extra große Schrift, im Anhang dann noch Rätsel und Sticker zum Einkleben – das alles ist geeignet, das Lesen-Lernen spielerisch zu versüßen.

In dieser Reihe ist der vorliegende Titel  „Lara und die freche Elfe tanzen Ballett“ ein besonders gut gelungenes Buch  vorrangig für Mädchen. Lara ist eine kleine Ballett-Tänzerin und übt auf dem Dachboden vor dem verstaubten Spiegel. Fritzi, die kleine Elfe, kommt dazu und die beiden bringen mit viel Spaß den Dachboden ganz schön durcheinander…

 

Anja Kiel erzählt kindgerecht in einfachen Sätzen. Besonders gut gefällt mir persönlich, wie die Autorin mit kleinen Mehrdeutigkeiten Wortspielereien betreibt und damit noch einmal mehr die Fröhlichkeit des gesamten Buches unterstreicht. Die liebevollen Zeichnungen von Elke Broska, auf denen viele Details zu entdecken sind, werten auf gekonnte Weise die kleine Geschichte auf.  Von den farbenfrohen Illustrationen geht eine kindliche Unbeschwertheit aus, ganz und gar passend zum erzählten Text.  Ein zauberhaft schönes, rundum gelungenes Buch!

 

Sabine Ludwig

Serafinas Geheimnis

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: Dressler

ISBN-13: 978-3791500652

Vom Hersteller empfohlenes Alter: 9 - 11 Jahre

 

 

Schräge lustige Geschichte

 

 

Die Hexe Serafina und ihr Kater Luzifer, dessen Hobby es ist, gefangene Mäuse zu trocknen, zu pressen und in ein Sammelalbum zu kleben, erhalten einen Hilferuf von ihrem Urgroßonkel Alfred. Sie sollen eilig nach Wurzbach kommen, weil etwas in der dortigen Suppenwürzwürfelfabrik ganz und gar nicht in Ordnung ist. Eilig verlassen die beiden den Zauberwald und sehen sich ganz schnell mit einer Reihe von Problemen konfrontiert…

  

Die wunderbaren fröhlichen, kindgerecht gezeichneten Illustrationen und die relativ große Schrift suggerieren, rein vom Äußeren her betrachtet, dass es sich bei Serafinas Geheimnis um ein Kinderbuch handelt, geeignet zum Vorlesen vielleicht ab 6, zum Selberlesen ab 8. Bislang konnte ich das Buch noch nicht zusammen mit Kindern lesen, aber aus Erwachsenensicht müssen die Kinder mindestens 10 oder 11 sein, um die Geschichte und seine Zusammenhänge wirklich verstehen zu können. Es gibt zwar herrliche Wortspiele und viele witzige Details, die auch jüngeren Lesern Spaß machen dürften, aber der teils etwas hintergründige Humor, der auch vor ernsteren Themen nicht Halt macht, wäre für Kleinere sehr erklärungsbedürftig! Auch das der Geschichte zugrunde liegende Thema von natürlichen Lebensmitteln in Konkurrenz zu künstlichen Tütensuppen und all den damit verbundenen schwierigeren Wörtern dürfte nur für ältere Kinder gut lesbar sein. Insofern passt für mich die äußere Gestaltung und der zu lesende Inhalt nicht wirklich zusammen. Als Erwachsene jedoch hat mich die schräge Geschichte in seiner humorigen und phantasievollen Erzählweise restlos überzeugt.

 

Marc Raabe

Schlüssel 17

Broschiert: 512 Seiten

Verlag: Ullstein Taschenbuch

ISBN-13: 978-3548289137

 

Packender Reihenauftakt

 

Der Domorganist Winkler betritt den Berliner Dom und findet die Pfarrerin hoch in der Kuppel aufgehängt wie ein Engel, den Körper böse entstellt, um den Hals einen Schlüssel mit der Nr. 17 eingraviert. Der LKA-Ermittler Tom Babylon vertieft sich in den Fall mehr als ihm guttut, denn vor 20 Jahren Jahren verschwand seine kleine Schwester Viola, die genau solch einen Schlüssel mit der Zahl 17 bei sich hatte. Tom ist nicht begeistert, dass er die Psychologin Sita Johanns an die Seite bekommt, die seine gewohnten Alleingänge immer wieder zu unterbinden weiß. Mögliche Spuren führen in die Psychiatrie, aber auch zurück in die ehemalige DDR bzw. zur Stasi…

 

 Erzählt wird in zwei Handlungssträngen, in Vergangenheit (1998) und Gegenwart (2017). Diese beiden Zeitebenen verweben sich, je weiter man liest, immer mehr, sie verknoten sich geradezu, verschaffen dem Leser keine Klarheit, im Gegenteil, sie führen zu mehr und mehr Verwirrung. Bis zum temporeichen Ende geht man dem Autor in seinem raffinierten Plot auf den Leim bei der Frage, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Tom Babylon ist ein sympathischer Ermittler mit schmerzhafter Vergangenheit, idealer Gegenpart zu Dr. Sita Johanns, der Psychologin ebenfalls mit schmerzhafter Vergangenheit. Man spürt, dass die beiden Personen noch viel Erzählpotential in sich tragen…

 

Das Buch ist durchgängig spannend, geradezu packend erzählt, in einem knackigen Sprachstil, dadurch flott zu lesen. Personen und Geschehnisse sind lebendig und nachvollziehbar geschildert, die Handlung äußerst geschickt konstruiert und durch die zwei Zeitebenen doppelt fesselnd. Glücklicherweise lässt das Ende dieses Buches auf ein Wiederlesen mit Tom und Sita hoffen.

 

Eva Stachniak

Die Schwester des Tänzers

Taschenbuch: 570 Seiten

Verlag: Insel Verlag

ISBN-13: 978-3458363101

Originaltitel: The Chosen Maid 

 

Ein historischer Roman in Perfektion

 

 

 

Wenig Ahnung hatte ich von klassischem Ballett. Ich wusste auch nicht viel über die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland, schon gar nicht über das Leben der Künstler dort zu dieser Zeit. Nach Lektüre des Romans glaube ich, ein klein wenig mehr zu verstehen von Ballett und freiem Tanz, aber auch vom ballettverrückten Russland in seinem politischen Hin- und Hergeworfen-Sein Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Buch regte mich zu weiteren Nachforschungen an, insbesondere die vorhandenen Filmsequenzen des Nijinski-Balletts, die filmischen Dokumente von Waslaw und Bronislawa Nijinky, zeigten mir, wie perfekt es Eva Stachniak gelungen ist, das Ringen um künstlerischen Ausdruck im Roman erfahrbar zu machen.

 

Für die Wiedergabe des Buchinhalts benötigt man eigentlich mehrere Seiten, ich versuche es mit einem einzigen Satz: Während der Überfahrt nach Amerika im Jahr 1939 hält die international renommierte Ballerina und Choreographin Bronislawa Nijinsky Rückschau auf ihr bisheriges sehr bewegtes Leben.

 

Wir erleben die Kindheit und Jugend der Bronislawa Nijinsky im Schoß ihrer ballettverrückten Familie,  ihren mühevollen künstlerischen Werdegang, lange im Schatten ihres berühmten und exzentrischen Bruders Waslaw stehend. Wir erfahren vom  hohen künstlerischen Anspruch, vom Ringen um die „richtigen“ Bewegungen, vom  Wandel vom klassisch strengen Ballett hin zum freien Ausdruckstanz. Wir erleben die politisch wechselvollen Zeiten von 1900 bis 1939, nicht nur in Russland, und die teils verheerenden Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen. Wir reisen von Petersburg ausgehend durch die Welt, wir begegnen großen Künstlern der Zeit und erleben hautnah das verzweifelte Kämpfen um ein gelingendes Leben trotz vieler schwerer Schicksalsschläge. Bronislawa Nijinsky lernen wir kennen als schicksalsergeben, liebevoll und bescheiden einerseits, als begnadete Künstlerin mit großen Visionen, stark und eigenwillig andererseits.

 

Eva Stachniak hat als Grundlage für diesen Roman die Early Memories der Tänzerin und eine Fülle an biographischem Material, archiviert in der Kongressbibliothek, Washington, herangezogen. Entstanden ist ein Roman, wie er intensiver, farbiger und bewegender gar nicht sein könnte. Zwar bleibt die Ich-Erzählerin Bronislawa als Mensch nicht wirklich greifbar, nur selten schimmern ihre eigenen Gefühle durch. Aber genau dadurch erleben wir quasi durch ihre Augen unverfälscht ihre Sicht auf die Welt, ihr reiches, gefeiertes, aber auch tragisches, entbehrungsreiches Leben in einer höchst wechselvollen Zeitgeschichte, hinreißend erzählt. Ein historischer Roman in einer großartigen Mischung aus historischer Wahrheit und schriftstellerischer Fantasie.

 

Sarah Dunant

Die letzte Borgia

Broschiert: 522 Seiten

Verlag: Insel Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3458363194

 

 

Originaltitel: In the Name of the Family

 

    

 

Ein Buch wie eine Gemäldegalerie

  

Ich fühlte mich beim Lesen des Buches wie die Besucherin eines Museums mit historischen Gemälden, mit geschönten oder entlarvenden Konterfeis sich bedeutend fühlender Persönlichkeiten. Ich sah die Gemälde an und ging weiter – und nichts davon berührte mich. Zwar bewunderte ich die Kunst des Malers, aber von den Personen erfuhr ich nur Äußerlichkeiten. Ich erfuhr vom modischen Schnitt geschlitzter Ärmeln vielleicht etwas oder ich sah feinste lederne Handschuhe für feingliedrige Hände vor mir. Doch die Menschen, ihre innersten Beweggründe, ihre Sehnsüchte und Träume, ihre wahren Gefühle blieben mir lesend verborgen.

  

Erzählt wird uns vom schillernden Leben der Lucrezia Borgia, der unehelichen Tochter des Papst Alexander. Auch wenn der Fokus auf Lucrezia liegt, so holt doch Sarah Dunant erzählend weit aus, um die Komplexität der Familienverbandelungen der Borgias einigermaßen transparent zu machen. Macht und Habgier, Intrigen, Gerüchte, Mord und Orgien, aber auch Schönheit und Liebe – nichts wird ausgespart in diesem farbigen mittelalterlichen Bilderbogen. Lebendig geschrieben, fesselnd erzählt. Aber mich nicht wirklich berührend.

 

Nickolas Butler

Die Herzen der Männer

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten

Verlag: Klett-Cotta

ISBN-13: 978-3608983135

 

 

Literarische Herzsuche

 

 

 

„Die Herzen der Männer“ – ja, sie sind zu finden in diesem Buch. Man bahnt sich 480 Seiten lang schier endlos scheinende Wege durch einen Urwald von Gewalt, von Abwehr und gnadenloser Härte. Und während man sich innerlich bereits abgewendet hat, entrüstet oder angeekelt ist, blitzt es plötzlich hervor, so ein Männerherz, so weich, so verletzlich, dass es den Leser im Tiefsten berührt.

 

Zentrum des Geschehens, der Rote Faden im Buch,  ist ein Pfadfinder-Lager in Wisconsin. Im Jahr 1962 lernen wir Nelson kennen, einen traurig-einsamen Jungen, dessen Intelligenz und Perfektionsdrang seine gesamte Umwelt auf Abstand hält oder sie herausfordert zu Quälereien sondersgleichen. „Ich muss klüger sein als die.“ Mit diesem Ansporn rückt er noch weiter weg von den anderen. Er ist auf eine ganz altmodische Weise ganz und gar rechtschaffen. Alle Prügel seines Vaters konnten daran nichts ändern. Jonathan ist der einzige Jugendliche, der auf versteckte und doch tröstliche Weise zu Nelson hält.

 

1996, gute 30 Jahre später leitet Nelson, der im Vietnamkrieg im Einsatz gewesen war, das Pfadfinder-Lager. Jonathan’s Sohn Trevor nimmt daran teil. Im Verlauf dieses Lageraufenthaltes lernt Trevor seinen Vater von einer Seite kennen, die seine heile Familienwelt-Vorstellung brutal zerstört.

 

2019 befinden wir uns wieder im gleichen Pfadfinder-Lager, in dem der alte Nelson inzwischen dauerhaft lebt. Dieses Mal lernen wir Thomas kennen, den Sohn von Trevor. Die moderne Zeit lässt das Pfadfinder-Leben fast lächerlich wirken. Das Ende dieses Sommer-Camps ist symbolhaft…

 

Die unglaublich intensive Sprache des Autors fängt den Leser ein und lässt ihn nicht mehr los. Sie trägt den Leser zum Beispiel durch die grenzenlose Einsamkeit eines Nelson, ohne Chance des Entkommens. Oder durch in Rückblicken angerissene Szenen vom  Krieg, von erlittenen Grausamkeiten, die von den Vätern unreflektiert hart an die Söhne weitergegeben werden. Man möchte sich abwenden, will nichts mehr lesen vom schicksalhaften Gefangensein in liebloser Strenge. Man hat genug von den verzweifelten und letztlich vergeblichen Bemühungen, ein wenig Glück zu erhaschen. Aber die Sprache lässt dieses Abwenden nicht zu. Mitten im  Berichten abscheuungswürdigen Geschehens gibt es plötzlich Naturschilderungen von atemberaubender Schönheit oder eingestreute kleine Momentaufnahmen aufblitzenden liebenden Verstehens, winzige Augenblicke nur. Aber dennoch sind es Blicke mitten ins Herz, in das Herz von Männern, in vom Leben beschädigte, verletzte Seelen.

 

 

Quirin Wimmer

Moskau light

Gebundene Ausgabe: 136 Seiten

Verlag: Edition artCo

ISBN-13: 978-3936069020

 

 

Vergnüglich, wenn auch veraltet  

 

 

Der Autor, ein Osteuropa-Kenner, hielt sich einen Sommer lang in Moskau auf und berichtet im vorliegenden Büchlein auf eine sehr humorvolle und fein beobachtende Weise von seinen persönlichen Erlebnissen. Im Klappentext heißt es treffend: „Mit seinen Geschichten vermittelt er dem Leser Einblicke in Alltäglichkeiten sowie Bizarres aus einer Stadt im Aufbruch. Seine Beobachtungen haben nicht den Anspruch, in die Tiefe der russischen Seele zu dringen. Er ist fasziniert von der Authentizität des spontan Erlebten. Moskau light eben.“

 

In der Tat habe ich mit großem Vergnügen das Büchlein gelesen. Ich lernte die gigantische Stadt durch die Augen des Autors kennen, war mit ihm unterwegs ohne schweren geschichtlichen Ballast, aber mit großer Entdeckerfreude des Alltäglichen. Allerdings habe ich während des Lesens auch viel nachgeschlagen. Allein schon das imposante Gebäude des Moskauer Konservatoriums, in dem so viele große und ganz große Komponisten und Künstler lernten und lehrten, beeindruckte mich zutiefst, während der Autor lieber in einem ganz in der Nähe gelegenen Café saß, die vielen jungen Menschen beobachtete und den aus den geöffneten Fenstern herausdringenden unterschiedlichsten Instrumentenklängen lauschte.       

 

Aktuell leben 12,4 Mio. Menschen in Moskau, zum Zeitpunkt der Niederschrift des Buches (ca. 2005) waren es noch 9 Mio. Und genau da haben wir den Punkt, der mich unbefriedigt zurückließ, weil das Buch inzwischen in vielen Punkten veraltet ist. Je weiter ich las, desto dringender wurden meine Fragen: Und wie ist es heute? Was hat sich in welcher Weise geändert oder auch nicht? Sind die Taxis immer noch so verschlissen und im Innenraum liebevoll von Hand tapeziert? Gibt es noch die wodkafröhlichen Bootsausflüge auf der Moskwa mit den in die Jahre gekommenen Highspeed-Raketas? Sollte man nach wie vor das kyrillische Alphabet beherrschen, wenn man sich nicht in dieser Riesenstadt verirren wollte? Gibt es noch die Sesselliftbahn mitten in Moskau? Und wandern nach wie vor Russen, als Lenin verkleidet, über den Roten Platz, um sich für ein paar Rubel von Touristen fotografieren zu lassen?

 

Also mit anderen Worten – das leider veraltete Buch hat mich sehr, sehr neugierig gemacht auf diese beeindruckende Stadt. Insofern hat es mir eine Tür geöffnet – was will man mehr.

 

 

Zenta Maurina

 

Porträts russischer Schriftsteller

 

 

Leider vergriffen

 

 

 

„Wer den russischen Menschen begreifen will, wird ohne die Kenntnis dieses Buches nicht mehr auskommen können.“ (aus dem Klappentext)

 

Zenta Maurina (1897 – 1978) war eine überragende Kennerin der russischen Literatur. In Riga geboren wuchs sie zweisprachig auf und konnte die russischen Dichter in Originalsprache lesen. Sie promovierte als erste Frau summa cum laude an der Universität Riga in der Philosophisch-philologischen Fakultät, trotz der erschwerenden Tatsache, seit dem 5. Lebensjahr nach Erkrankung an Kinderlähmung lebenslang an den Rollstuhl gefesselt zu sein. Ich lernte ihre Bücher bereits im Alter von 15 Jahren kennen, durfte ihr auch mehrfach persönlich begegnen. Für mich persönlich sind ihre Bücher allesamt unausschöpfbare Quellen von Wissen einerseits und tiefer Menschlichkeit andererseits. Leider sind nahezu alle ihre Werke vergriffen. Umso mehr hüte ich den Schatz der in meinem Besitz befindlichen 24 Titel, die mich seit mehr als 50 Jahren durch viele Umzüge und Ortswechsel hinweg stets verlässlich begleiteten.

 

Der vorliegende Band, eine Sammlung von Porträts sehr persönlich ausgewählter russischer Literaten, ist in seinen politischen und zeitgeschichtlichen Anspielungen aus seiner Entstehungszeit (das Buch erschien 1968) heraus zu verstehen. Dennoch enthalten die Abhandlungen so viel Grundsätzliches, Zeitloses, von tiefstem Verständnis für die in Literatur gefasste russische Seele, dass die Lektüre für alle, die mit ernsthaftem Interesse in das Thema eintauchen wollen, von großem Wert sein dürfte.

 

Begonnen wird mit Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711 – 1765), dem „Begründer der russischen Literatur“, wie Zenta Maurina ihn nennt. Sehr viel ausführlicher befasst sie sich im Anschluss daran mit Anton Tschechow (1860 – 1904), wendet sich dann Anna Andrejewna Achmatowa (1889 – 1966) zu, die sie die „Sappho des 20. Jahrhunderts“ nennt, um mit Andrej Sinjawskij (1925 – 1997), Alexander Solschenizyn (1918 – 2008) und Valerij Tarsis (1906 – 1983) zu enden. Jedes Porträt für sich öffnet eine umfassende Weltsicht weiter und tiefer, als ich sie je sonst gelesen habe und jeglichen üblichen biographischen Rahmen sprengt. Jede Seite regt an, weiter zu forschen, mehr zu entdecken. Jedes Zitat, jeder erwähnte Zeitgenosse der vorgestellten Persönlichkeiten führt den Leser auf neue Wege, zu neuen Sichtweisen sowohl auf die russische Literatur als auch auf den Menschen jenseits aller Ländergrenzen.

 

Eva-Maria Silber

Kirsten Wilczek

Vor.Sicht Ab.Gründe

Taschenbuch: 168 Seiten

Verlag: chiliverlag

ISBN-13: 978-3943292626

 

 

Böse Phantasien

 

 

 

Ein kleines Büchlein, das es in sich hat. Viele Tote und Tode hat es in sich. Gewollt oder ungewollt herbeigeführte Tode. Überraschende Tode. Und Tote, die sich für ihren Tod rächen. Viel Tod eben.

 

 

Die 18 Stories sind ideal, um sie „zwischendurch“ zu lesen. Eher nicht sitzend auf einer Friedhofsbank. Auch nicht im Wartezimmer eines Arztes. Besser Sie sitzen zu einer Tasse Kaffee am sicheren Küchentisch. Vielleicht sogar abends im Bett, wenn Sie mutig sind und schlechte Träume nicht fürchten. Denn die Stories sind ganz schön stark, meistens spannend und auf jeden Fall gemein, hundsgemein.

  

Die Schreibweise der beiden Autorinnen unterscheidet sich erheblich. Mir persönlich gefallen die Geschichten von Eva-Maria Silber besser. Sie brauchen keine maniriert wirkenden Sätze, keine Fachbegriffe, keine schlecht verständlichen mundartlichen Dialoge, keine komplizierten Handlungskonstrukte. Eva-Maria Silber beschreibt schlicht, nüchtern, sachlich, fein – und dadurch richtig, richtig böse.

 

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